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Die Wie
aus dem Unerklärlichen die
Phänomene des Glaubens und der Religionen wurden. |
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Vorwort zur folgenden Geschichte
Diese
Geschichte ist bewusst im Stil eines eher minderwertigen Romans
geschrieben, da hier alle Faktoren wie Gewalt, Geheimnisse, Mystik, Mord und Tod, krankhaftes bzw. abergläubisches Denken,
sowie irrationaler Glaube, Fanatismus, aufeinandertreffen. Dies
sind aber genau jene Stoffe aus denen vor langer Zeit Aberglaube, sowie
jenes nicht immer zutreffende esoterische Denken, entstanden ist oder
als solches ausgelegt wurde. Nicht
immer war der Mensch so weitgehend aufgeklärt und die Welt so
wissenschaftlich überschaubar wie in unserer heutigen Zeit. Dennoch müssen
wir, selbst in dem heutigen Zeitalter beobachten, dass einige
Denkprozesse sich noch immer auf dem gleichen Niveau befinden. Um
dieses zu verdeutlichen, begeben wir uns in unserer Geschichte in eine
Zeit, weit vor der heutigen zurück. Eine Zeit in der es noch keine
Elektrizität gab, die Straßen des Nachts noch dunkel und oftmals beängstigend
waren. Die Wälder zählten zu den eher unheimlichen Orten. In den Häusern
und Wohnstätten wurde das Licht noch mit Kerzen oder bereits mit Gas
erzeugt. Zur Unterhaltung erzählten sich die Menschen noch Geschichten,
wobei jeder der bessere Geschichtenerzähler sein wollte, was oftmals
die Phantasie beflügelte. So war auch der Erfindungsreichtum jener Erzählungen
dementsprechend unterschiedlich. Eine Zeit in der die Menschen den
Glauben noch sehr ernst nahmen und die Kirche noch absoluten Respekt und
Anerkennung genoss. Der Glaube an das Gute sowie das Böse, an Gott,
Teufel und Dämonen hatte noch einen sehr hohen Stellenwert, was deren
Bedeutung betraf. Der Mensch war noch von Wundern überzeugt, was
letztlich die Auffassungen der esoterischen Bereiche, wie zum Beispiel
der Alchemie und Mystik stark prägte. Es war eine Zeit für die uns
heute jegliches Verständnis, in vielerlei Hinsicht, abhanden gekommen
ist. Obwohl sich die Zeit in ihrem Verlauf verändert hat, sind
bestimmte Merkmale jedoch noch bis heute erhalten geblieben. Mit
diesem Wissen wird es vielleicht einigen von uns leichter fallen, die Menschen in ihrem
Zeitalter zu verstehen. Viele
Gedankenmuster welche sich damals im Laufe jener Zeitgeschichte
entwickelt haben sind auch heute, selbst in unserer modernen Zeit, noch
von sehr aktuellem Wert. Zwar
belächelt man jene Dinge offiziell als nicht glaubwürdig, aber es gibt
wohl kaum eine Person welche sich nicht überzeugen ließe, wenn die
momentanen Umstände dies
begünstigen. Dies
soll jedoch nicht bedeuten, dass es nicht übergeordnete Dinge gibt
welche sich bis heute unserem Bewusstseinszustand entziehen. Es mag
zwischen Himmel und Erde mehr existieren als wir uns je vorstellen können.
Worum es aber letztlich geht ist die Tatsache, jene wirklich real
existierenden übersinnlichen Ereignisse von der Art des Aberglaubens zu
trennen, welche der Unwissenheit der damaligen Gesellschaft entsprungen
und somit zu den Absurditäten zuzuordnen sind. Der
Mensch ist mit Sicherheit nicht das Maß aller Dinge und es gibt nichts
was es nicht gibt. Was jedoch wichtig erscheint ist die Möglichkeit
jenes Wissen zu besitzen um den realen Sinn vom Unsinn zu trennen, da
ein unberechtigter Aberglaube mehr Unheil anrichten kann als Sie sich
jemals vorstellen könnten. Aus
diesem Grund habe ich jenen mehr oder weniger minderwertigen Roman
geschrieben, um einmal den schmalen Grat zwischen Glauben, Realität und
Aberglaube aufzuzeigen. In
wie weit sich ein jeder von Ihnen mit diesen Denkprozessen
identifiziert, bleibt Ihnen allein überlassen. Ich
kann nur hoffen, dass dieser kleine Roman als Beispiel Ihr Denken anregt
und Sie somit Ihren Weg zur möglichen Wahrheit finden. Georg
Goetiaris
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Die Geheimnisse um die Magie und deren Mysterien Wie aus dem
Unerklärlichen die Phänomene
des Glaubens und der Religionen wurden. Die alltäglich
realen Möglichkeiten des grundlegenden Ursprungs der
mystischen sowie religiösen Denkweisen. Hintergründe
von Mythen und Aberglauben ©
Von Georg Goetiaris Januar 2011 Dieses
Buch ist, ohne jede Ausnahme, geistiges Eigentum des Autors Georg Goetiaris. Die
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Datenträger aller Art oder
Veröffentlichungen, gleich ob unter dem Namen des Autors oder anderen
Namen ist strengstens verboten. Die
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zu privaten noch geschäftlichen Zwecken, erfordert
die schriftliche Zustimmung oder Genehmigung des Autors bzw.
Herausgebers. Verstöße bzw. Zuwiderhandlungen werden in allen Fällen gesetzlich angezeigt und geahndet. Deutschland Brandenburg
– Mahlow Januar 2011 __________________________________________________________
Vorwort
Dieses
Werk soll nicht etwa die Behauptung aufstellen, dass es nichts Übernatürliches
bzw. Übersinnliches in seiner Existenz gibt. Es soll nur eine von
sicherlich vielen Möglichkeiten in Betracht ziehen, wie es zu
einem Denken an derartige Phänomene gekommen sein könnte. Als
grundelementare Basis gehen wir von der Tatsache aus, dass es für
angenommene mystische Vorgänge weder Beweise dafür noch dagegen gibt.
Wissenschaftlich betrachtet stehen wir also, was den eindeutigen
Nachweis betrifft, hilflos auf vollkommen neutralen Boden, zumindest was
den umstrittenen Glauben hierfür betrifft. Sicherlich
gibt es unbestritten Vorgänge oder Ereignisse, die wir selbst mit
unseren kühnsten Mutmaßungen nicht annähernd erklären könnten.
Diese Tatsache ist jedoch kein Beweis für ein Vorhanden sein von
bestimmten anormalen Phänomenen.
Es könnte ebenso unsere Unwissenheit der Grund hierfür sein, dass wir
einfach noch nicht bereit sind verschiedene Zusammenhänge der
Naturgesetzmäßigkeiten zu verstehen. Wiederum
stehen wir dem Beispiel der früheren Menschheit und ihrem eingeschränkten
Wissen über die Natur und deren Vorgänge sowie jene anerzogene
Religionshörigkeit des eigenen Glaubens gegenüber, so dass wir heute
vieles als ein erklärbares Missverständnis einordnen könnten, was vor
einigen hundert Jahre noch nicht der Fall gewesen wäre. Es
mag auch mit absoluter Sicherheit den Tatsachen entsprechen, dass wir
noch lange nicht, auch nur annähernd, auf dem Höhepunkt unseres
Wissenstandes um die Naturgesetzmäßigkeiten und ihren Geheimnissen
sind. Erst
im 19. Bis 20. Jahrhundert hat sich der Schleier um die Mysterien der
Naturwissenschaften langsam aber doch erheblich gelüftet. In Anbetracht
der noch unbekannten vielfältigen Geheimnisse könnten wir mit Recht
annehmen, dass wir uns noch immer ganz am Anfang des Verstehens
befinden. Dieses
Buch soll jedoch nicht etwa einen Aufschluss über die Wissenschaften
der Zukunft geben, es soll vielmehr vermitteln wie es in den vergangenen
Jahrhunderten zu den Missverständnissen, aus der Unwissenheit des
Menschen heraus, kommen konnte. Vielleicht
bringt uns die Einsicht um jene besagten Missverständnisse in unserem
Verständnis einen kleinen Schritt weiter auf unseren noch unendlichen
Weg zur Erkenntnis. Um
diese Missverständnisse im rechten Licht betrachten zu können, werden
wir den Versuch unternehmen uns, anhand dieser Geschichte, in jene
Situationen und Denkweisen der Menschen zur damaligen Zeit zu versetzen.
Georg Goetiaris
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Eine
mystische Reiseerfahrung 1.
Kapitel Ein
unerwünschter Reiseaufenthalt
Man
kann nicht gerade behaupten, dass diese Fahrt in der doch eher engen und
kalten Kutsche angenehm erschien. Zudem herrschte ein mehr oder weniger
eisiges Schweigen unter den Passagieren. Diese bestanden aus einem jungen,
schlanken Mann der so um die dreißig Jahre alt gewesen sein mag. Hinzu kamen
zwei Frauen von denen die eine etwas rundlich erschien und die andere ein
Gesichtsausdruck besaß als hätte sie ständig Magenbeschwerden. Beide der
Damen mögen so etwa gleichen Alters gewesen sein, doch wichen ihre Charaktere
erheblich voneinander ab. Direkt am Fenster, in Fahrtrichtung, saß ein älterer
Mann der bestimmt doppelt so viel Gewicht auf die Waage brachte, als er hätte
besitzen sollen. Dennoch hatte er nicht nur ein eher lustiges Gesicht sondern
machte auch ansonsten einen geselligen Eindruck. Die Tatsache, dass er
aufgrund seines Leibesumfanges den meisten Platz einnahm machte ihn, für die
anderen Fahrgäste, nicht gerade sympathisch. Es
war im Oktober und die Insassen der Kutsche hatten sich dicke Decken um ihre
Beine geschlungen um der Kälte zu trotzen. Nur jener rundliche Mann
verzichtete auf seine Decke da er ohnehin sehr zum Schwitzen neigte. Auch
konnte man seinen schweren Atem deutlich vernehmen. Die Reise schien ihn
sichtlich gesundheitlich mitzunehmen. Langsam
neigte sich der Tag seinem Ende zu und es wurde zunehmend dunkel. Dennoch war
man noch ein gutes Stück von der nächsten Poststation entfernt. Der Kutscher
trieb die Pferde an so gut er konnte. Da es aber zuvor geregnet hatte und die
Straße, welche durch einen Wald führte, aufgeweicht und sehr schlammig war,
kam das Gefährt nur mühselig und daher langsam voran. Als
die Sonne ganz hinter dem Horizont entschwunden war und die Dunkelheit der
Nacht hereinbrach, kam auch der Nebel auf. In der Kutsche war es unangenehmer
und auch kälter geworden. Hinzu kam die Feuchtigkeit des Nebels, welcher den
gesamten Wald in dünne. unheimliche weiße Schleier hüllte. Es
mag so um die neunte Stunde des Abends gewesen sein,
als der ohnehin bereits bestehende Unmut der Reisenden größer wurde.
Kälte, Hunger, Müdigkeit und steife sowie schmerzende Körperglieder trugen
ihr nötiges dazu bei. Hinzu kam die Tatsache, dass der Kutscher seine
Reisenden kurz zuvor darüber informiert hatte, dass unter diesen Umständen
die Fahrt noch bis gegen Mitternacht andauern könnte. Dies setze aber voraus,
dass nicht noch etwas unerwartetes, was keiner hoffen wollte, eintreten würde.
Kurz,
es gehörte nicht viel Phantasie dazu sich die allgemeine Stimmung unter den
Reisenden vorstellen. Die Laune befand sich auf dem völligen Nullpunkt. Die
beiden Frauen waren gereizt und verärgert was sie auch nicht sonderlich zu
verbergen versuchten. Der junge Mann machte eher einen mehr oder weniger
ausgeglichenen Eindruck als wolle er sagen, dass sich die Dinge ohnehin nicht
ändern ließen. Was dagegen den älteren und rundlichen Mann betraf, so
schien diesen nichts aus der Ruhe zu bringen. „Das
Einzige was bei einem solchen kalten Wetter hilft, ist der Schluck eines guten
Tropfens“, bemerkte der ältere und dickliche Mann. Darauf zog er aus seinem
Gehrock eine silberne Flasche deren Inhalt, nachdem er diese geöffnet hatte,
sehr stark nach hochprozentigen Alkohol roch. Er nahm einen Schluck daraus
worauf er sofort zu husten begann. Dann reichte er die Flasche mit einer Geste
des Anbietens jenem jungen Mann, welche ihm gegenüber saß. Lächelnd lehnte
dieser ab und ließ seinen Blick zu den beiden Frauen gleiten. Diese hatten
die Augen geschlossen. Es schien fast so, als wollten sie nur den Eindruck des
Schlafens erwecken. Wahrscheinlich wollten sie nicht gestört werden und
einfach nur ihre Ruhe haben. „Die
Damen auch einen kleinen Schluck für die innere Wärme?“ Der
Mann hatte seinen Hustenanfall überstanden und seine Stimme wiedergefunden.
Die eine der beiden Frauen schüttelte ablehnend ihren Kopf ohne dabei ihre
Augen zu öffnen, während die Andere nichts dergleichen tat. Der
Mann zuckte daraufhin mit den Schultern und nahm noch einmal einen kräftigen
Schluck, verschloss dann die Flasche wieder und steckte diese zurück in
seinen Gehrock. Der
Kutscher trieb die vier Pferde weiter an, obwohl diese bereits vor Schweiß
dampften. Auch er schien sichtlich bemüht zu sein das Ziel so zeitig wie nur
möglich zu erreichen. Dies war aber nicht nur der Grund um ins Trocknende und
Warme zu kommen. Es war eine allgemein
bekannte Tatsache, dass diese Wälder kein beleibter Aufenthaltsort für die
Nacht waren. Auch
der Zustand sowohl das Erscheinungsbild der Kutsche erschienen nicht gerade
vertrauenswürdig was zurzeit die Situation auch nicht gerade positiv
beeinflusste. Es war so gut wie unmöglich das Gefährt auf sein Alter zu schätzen.
In jedem Fall konnte keiner behaupten, dass sie stets gepflegt und gewartet
wurde. Der
Innenraum bestand aus einer dunklen Holztäfelung, welche bestimmt auch schon
einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Die Sitzbänke ließen den Platz für
vier Personen zu, wobei dies schon großzügig
beschrieben war. Die Vorhänge an den Fenstern schienen einmal, von der Farbe
her, beige gewesen zu sein. Mit den vielen Jahren, und solange hingen diese
bestimmt schon dort ohne jemals gereinigt geworden zu sein, hatten Pfeifen-
und Zigarrenrauch die einstige Farbe doch erheblich beeinträchtigt. Auch
Wetter, Feuchtigkeit und die Sonne hatten ihren Beitrag dazu beigesteuert, so
dass das Tuch nicht mehr den stabilsten Eindruck machten. Um es genau auf den
Punkt zu bringen, keiner traute sich wirklich jenes Tuch zu berühren,
geschweige zuzuziehen. So blieben diese Vorhänge also offen und durch die
undichten Fenster drang das mystisch anmutende Licht der Nacht. Eine
gespenstische Atmosphäre beherrschte das Innere der Kutsche, was sich auch
auf die Reisenden übertrug. Die
Polster der Sitzbänke waren mit rotem Plüsch bezogen, was man allerdings nur
mit sehr viel Phantasie als solchen deuten konnte. Hier und da hatten Löcher
in dem abgewetzten Stoff ihren Platz eingenommen. Zum Teil beruhten diese auf
die Unvorsichtigkeit der Raucher und des Weiteren waren sie einfach
altersbedingt. So
strahlte der Innenraum der Kutsche einen nicht gerade angenehmen Eindruck aus.
Man könnte ihn fast mit beklemmend, ja fast als unheimlich bezeichnen. Wer
also seelisch labil und ängstlich war, hätte in diesem Gefährt auf die
seltsamsten Phantasien kommen können. Die Zeit hier drinnen schien
nicht der wirklichen Zeit zu entsprechen. Es
war jetzt völlig dunkel geworden. Eine Innenbeleuchtung gab es nicht. Nur die
zwei Laternen, welche sich auf der linken und rechten Seite vom Kutschbock
befanden, lieferten ein spärliches Licht auf den Weg wenn man diesen so
nennen konnte. Schaute man aus dem Fenster so erschien die Landschaft im Licht
der zwei Laternen wie der direkte Weg zur Hölle. Die Schatten der Bäume,
worauf das Licht fahl fiel, ließen die Dinge seltsam dämonisch und dabei täuschend
echt erscheinen. So
holperte die Kutsche mehr als sie fuhr ihrem Ziel mühselig und beschwerlich
entgegen. Das
Schweigen im Inneren der Kutsche war unerträglich geworden. Nur der ältere
der Männer nahm hin und wieder einen kleinen Schluck aus seiner silbernen
Flasche. Gegen
die Kälte wie er sagte. Dennoch konnte man zunehmend bemerken, dass der
Alkohol des Flascheninhaltes, seine Wirkung deutlich erkennen ließ. So
wurde er zumindest mit der Zeit zuerst ein wenig gesprächig, was jedoch mit
der Zeit zunahm. Eine Unterhaltung zwischen den zwei männlichen Passagieren
entwickelte sich langsam wobei man nicht mit Gewissheit sagen konnte, ob diese
Unterhaltung eher einseitig war und nur auf die Höflichkeit des jungen Mannes
beruhte und erst somit ermöglicht wurde. „Ja,
dass wärmt wirklich durch, ist ein sehr starkes Getränk“, bemerkte er als
er sich wieder gefangen hatte. „Guter
alter Überseerum der es wahrlich in sich hat. Er erweckt Tote zum Leben“,
erwiderte der Andere. So
dauerte es auch nicht lange und der hochprozentige Rum ließ auch bei dem jüngeren
Mann seine Wirkung erkennen. Die
beiden Damen schwiegen jedoch noch immer. Hin und wieder öffneten sie einmal
kurz ihre Augen als wollten sie erkunden wo sie waren, was natürlich unmöglich
war und daher eher absurd erschien. Die
Zeit verging sehr langsam. Indem die beiden Männer immer (mit jedem Schluck)
entspannter erschienen, wurden die beiden Frauen sichtlich bedrückter und
sogar ängstlich, obwohl sie dies niemals zugegeben hätten. Es
mag zwischen der 10. und 11. nächtlichen Stunde gewesen sein, als zuerst ein
lautes Krachen die Fahrgäste im Inneren der Kutsche erschreckte. Fasst im
gleichen Augenblick neigte sich das gesamte Gefährt mit einem Ruck nach
rechts. Damit gelangte die Kutsche in eine Seitenlage, dass man ein Umkippen
befürchten musste. Nach
einem kurzen Augenblick der Ruhe entstand ein fürchterliches Durcheinander
und ein Geschrei, an welchem die beiden Damen den größten Anteil hatten. Die
Pferde hatten sich zum Glück nicht verletzt. Die ungewollte Unterbrechung
jener beschwerlichen Reise schien den Tieren mehr als recht zu sein, da sie
seit Stunden keine Pause eingelegt hatten. Nachdem
die Fahrgäste mühselig die Kutsche verlassen hatten und gemeinsam mit dem
Kutscher den Schaden begutachteten musste man feststellen, dass die Achse der
Hinterräder gebrochen war. Zum Glück jedoch waren die Räder und auch sonst
der Rest der Kutsche nicht weiter groß beschädigt. Der
gesamte Anteil der Aufregung sowie der Hysterie ging von den beiden Frauen
aus. Hatten diese zuvor überhaupt nicht gesprochen, so schienen sie dieses
Versäumnis jetzt doppelt und dreifach nachzuholen. Die
beiden Männer hingegen verhielten sich gelassen. Ob dies am Alkohol lag oder
auf jene Tatsache beruhte, dass man die Dinge ohnehin nicht ändern könne,
mag dahingestellt sein. Zumindest
nahmen beide Männer noch einen kräftigen Schluck von dem Rum. Auch dem
Kutscher wurde das Getränk zur Beruhigung angeboten, was dieser auch nicht
ausschlug. Darauf,
während die Frauen noch laut über ihre missliche Lage diskutierten, begann
man sich eine Übersicht über den Schaden zu verschaffen. Nachdem
man den Schaden in Augenschein genommen und begutachtet hatte war es langsam
kurz vor Mitternacht. In gewisser Weise ergab die Situation ein gespenstisches
Bild. Die Kutsche fast auf der Seite liegend. Nur noch die zwei Laternen am
Kutscherbock spendete auf der schlammigen Straße, tief im Wald, ein wenig
Licht. Der Kutscher hatte die Pferde ausgespannt und an einem Baum
festgebunden, sowie mit Decken behangen, damit sie nicht noch erkrankten. Die
Bäume warfen die eigenartigsten Schatten und man musste sich sehr anstrengen,
weiter als ca. zwanzig Meter weit zu sehen. Hinzu kam der Nebel, der in
vereinzelten Schwaden auftrat und nicht gerade die gesamte Angelegenheit jener
Misslage vertrauenswürdiger machte. Die Luft war kalt und sehr feucht. Auch
die Kälte beeinflusste die Leute mehr als nur negativ. So standen die Fahrgäste
und ihr Kutscher frierend und ängstlich in jener abenteuerlichen Situation,
jeder Zeit damit rechnend, dass etwas unvorhergesehenes sowohl unheimliches
hinter den Bäumen auftauchen könnte, hilflos im Wald. Die
beiden Frauen hatten sich, nach einiger Zeit, beruhigt und sich mit der
allgemeinen Situation abgefunden. So standen der Kutscher und seine Fahrgäste
zusammen und diskutierten, wie es wohl nun weitergehen sollte. „Heute
werden wir wohl keine Hilfe mehr bekommen und die Achse können wir nicht
selbst reparieren“, bemerkte der Kutscher. „Bis zur nächsten Poststation
sind es noch gut 30 bis 40 Kilometer. Somit wäre auch der Versuch jene
Station zu Fuß zu erreichen von jeglicher Diskussion ausgeschlossen. Auch wäre
ich beim besten Willen nicht bereit um diese Zeit und jener Dunkelheit,
gemeinsam mit Ihnen, durch diese Gegend zu wandern. Auch glaube ich, dass kein
Mensch, egal um welchen Preis, um diese Zeit hier herauskommen würde. Wir können
hier nur bis zum Morgen warten und das Beste aus der ganzen Sache machen.
Morgen sehen wir dann weiter. Ich glaube, wenn wir diese Nacht nicht in der
Poststation eintreffen, wird man uns ohnehin morgen suchen“. „Wir
könnten versuchen die Kutsche, so gut es geht aufzurichten damit wir darin
einen Unterschlupf haben und notfalls auch darin im Sitzen schlafen können.
Wenn wir ein wenig zusammenrücken hätten wir alle Platz darin und es wäre
zudem auch noch gut gegen die Kälte“, sagte der jüngere Mann. Allerdings
hatte er damit nicht gerade die Vorstellung der beiden Frauen getroffen. Die
Bemerkung der beiden beschränkte sich auf den einzigen Satz, dass dies wohl
unzumutbar sei und keinesfalls in Frage kommen würde. „Wenn
sie dann unbedingt hier draußen in dieser unfreundlichen Wildnis unter freiem
Himmel schlafen möchten, ich werde ihnen keinen Stein in den Weg legen“,
bemerkte nun der ältere Mann. Dabei klang seine Stimme etwas belustigend, da
seine Zunge sehr schwer geworden zu sein schien was wohl an dem guten Rum lag.
„Ich
schlage vor, wir sehen erst einmal was wir an Kerzen und Decken haben. Dann
glaube ich könnte ein Feuer nicht schaden. Es wird uns wärmen und zudem die
wilden Tiere abhalten, von denen es hier in dieser Gegend bestimmt mehr als
genug gibt“, sagte der Kutscher. Genau
in diesem Augenblick begann ein Wolf in einiger Entfernung zu Jaulen. Sofort rückten
die beiden Frauen etwas näher an die Männer heran und die Frage um den
Schlafplatz hatte augenblicklich seine Bedeutung verloren. Mit
einigen kleinen Stämmen umgestürzter Bäume richtete man die Kutsche wieder
auf. Es schien einfacher als erwartet. Dann bekam jeder eine bestimmte Aufgabe
zugeteilt. Die
Frauen sollten sich um die Decken sowie Schlafplätze kümmern. Zudem bekam
jeder eine Kerze zugeteilt. Zwei tragbare Laternen, welche als Reserve im
Notgepäck verstaut waren, wurden ausgeteilt. Sie sollten diejenigen erhalten,
die für die Wache eingeteilt waren. Auch die Zeiten hierfür wurden genau
festgelegt. Obwohl
eine alte aber gut erhaltene Flinte und eine Handfeuerwaffe, sowie zwei Messer
und eine Axt vorhanden waren, bewaffnete sich noch ein jeder mit einem sehr
stabilen Holzknüppel. Dann
wurde im Licht der Laternen Holz gesammelt und kurz darauf, auf einer kleinen
Lichtung nahe der Kutsche, ein kleines aber gemütliches Feuer entfacht. Sogar
etwas zum Essen hatte man als Notreserve zur Hand, und so konnte man sogar
ein, wenn auch nur dürftiges Mal, zur Nacht einnehmen. Während
unsere Reisegesellschaft um das Feuer saß, sich daran wärmte und ein wenig aß,
kam man sich auch im Gespräch näher. Es war so wie es schon immer war, die
Not schweißt die Betroffenen zusammen und so mansche Vorurteile verlieren,
zumindest für den Augenblick, ihre Bedeutung. Als
wollten sich die Leute gegenseitig Mut machen, wurde auch im Gespräch so
manches ins Lächerliche gezogen und hier und da sogar ein Witz gemacht. Die
Stimmung konnte man also keinesfalls als schlecht oder misslich bezeichnen.
Als zum Abschluss noch einmal ein kleiner Schlaftrunk vom guten Rum gereicht
wurde, nahmen sogar die Frauen einen kleinen Schluck davon. Erstaunlicher
Weise verzogen beide keine Gesichtsmiene. In
der Tiefe seines Herzens war in diesem Moment jeder dieser kleinen
Gesellschaft zufrieden, aber auch voller Angst vor dem Unbekannten. Dennoch
beschloss man den Versuch zu unternehmen, ein wenig zu schlafen. Der
Kutscher erklärte sich freiwillig bereit die erste Wache zu übernehmen. Er
setze sich an das Feuer, warf noch ein paar Holzstücke in die Glut und legte
das Gewehr griffbereit in seine Nähe. Während
dieser Zeit kletterte die kleine Reisegesellschaft in die Kutsche und
versuchte es sich so gemütlich wie nur möglich zu machen. Dann wurde es
langsam still. Der
Kutscher saß am Feuer und schaute gedankenverloren in die Flammen. Nur das
knistern des Feuers war zu hören. Einmal hörte er noch den Wolf in weiter
Entfernung und fast zur gleichen Zeit vernahm er den Schrei einer Eule. Dabei
gingen ihm vielerlei Gedanken in seinem Kopf herum. Er war ein sehr abergläubiger
Mann, der in allem einen tieferen Hintergrund sah. Sein Leben war geprägt von
den alten Mythen und Sagen. So war es nicht verwunderlich, dass er mit
verschiedenen Gefühlen in die Zukunft blickte. In
diesem Augenblick begann es leicht zu regnen. Es war nicht weiter von
Bedeutung und der Kutscher zog sich seinen Mantel über den Kopf. Keiner
der Passagiere konnte später sagen warum er mit einem Schlag wach wurde,
Tatsache war aber, dass alle gleichzeitig hochschreckten. Etwas hatte den
Schlaf der kleinen Reisegruppe unterbrochen, aber was? Es war ca. 3:00 Uhr in
der Früh. Als
man aus den Fenstern der Kutsche schaute, sah alles nach wie vor gespenstig
aus. Man konnte zwar das Feuer sehen, welches langsam vor sich her brannte,
aber vom Kutscher war nichts zu sehen. Im Licht des Feuers sahen die Schatten
der Bäume noch unheimlicher aus. Es gab in diesem Augenblick wohl keinen, der
jetzt nicht gern in einem warmen Bett eines gemütlichen Zimmers gelegen hätte.
Jeder machte sich seine Gedanken welche in erster Linie aus Angst bestanden,
aber keiner wagte diese auszusprechen. Man
konnte jedoch deutlich die Angst in den Augen der kleinen Gesellschaft
erkennen. Es war die Stille, die so unerträglich erschien. Der
jüngere der beiden Männer war es, der zuerst seine Sprache wiederfand.
„Was ist eigentlich geschehen? Hat jemand etwas gehört? Ich kann nicht
sagen von was ich aufgewacht bin, aber vielleicht hat jemand von ihnen eine
Erklärung hierfür. Es kann doch nicht sein, dass wir alle zur gleichen Zeit
hochschrecken und niemand weiß warum“. Alle
sahen einander an, aber außer das eine oder andere Zucken mit den Schultern
gab es hierzu keine weitere Stellungnahme. „Wo
ist eigentlich unser Kutscher“? bemerkte nun der ältere Mann „ Das Feuer
brennt, als hätte er gerade etwas nachgelegt, aber ich kann ihn nirgends
entdecken“, erhob nun auch die etwas rundliche Frau das Wort. „Vielleicht
hat er auch etwas vernommen und schaut nach was es gewesen sein könnte“,
sagte die andere Frau. Dabei hatte sich ihr Gesicht von dem säuerlichen
Ausdruck in einen ängstlichen verwandelt. Bei genauerer Betrachtung war es
eigentlich eine sehr hübsche Frau. Wer weiß warum sie so verbittert war.
Schließlich wusste keiner etwas über den anderen. Weder wohin die Reisenden
wollten, noch woher sie kamen oder waren und schon überhauptnicht den Grund
ihrer Reise. Noch
während man über den Verbleib des Kutschers Gedanken machte, kehrte dieser
zwischen den Bäumen, die Flinte unter seinem Arm, aus dem Wald zurück. Er
ging geradewegs auf die Kutsche und deren Insassen zu. Diese
verließen umgehend das Gefährt und stellten sich zu dem Kutscher. Man zog es
vor, am Feuer Platz einzunehmen, da es dort wenigsten warm war. „Was
ist geschehen?“ Die Frage kam fast gleichzeitig aus aller Munde. „Ich
saß am Feuer bei meiner Wache, als ich ganz plötzlich ein Geräusch hörte,
wie ich es in meinem ganzen Leben noch nicht gehört habe“, erwiderte der
Kutscher. „Es war grauenhaft. Nicht Mensch nicht Tier, aber voller Schmerz.
Mir schaudert es jetzt noch wenn ich nur daran denke. Haben sie vielleicht
freundlicher Weise noch einen Schluck von dem Rum?“ Er wandte sich
mit dieser Frage an den älteren Mann, der sofort ohne zu zögern, ihm seine
Flasche reichte. „Ich
glaube wir können jetzt alle einen kleinen Schluck gebrauchen“, sagte er
dabei und bekam von keinem einen Einspruch. Nachdem
jeder seine Zuteilung vom Rum mehr oder weniger genossen hatte, erhob als
erster der junge Mann seine Stimme zu der Frage, die im Augenblick wohl jeden
der Anwesenden auf der Zunge brannte. „Was
ist aus dem Geräusch geworden, konnten Sie erkennen was es war?“ Das
Gesicht des Kutschers verdunkelte sich schlagartig. „Es hielt nicht einmal
eine Minute an, war auch nicht wirklich laut, ging aber durch Mark und
Bein“, sagte der Kutscher. „Bei Gott so etwas habe ich in meinem ganzen
Leben noch nie gehört“, fuhr er fort. "Ich bin darauf sofort
aufgesprungen und habe versucht, in der Richtung aus der jenes Geräusch kam,
zu suchen“. Man konnte deutlich seine Aufregung erkennen. Sein Atem ging
noch immer sehr schnell und man konnte nur ahnen, wie schnell erst sein Herz
rasen musste. Dennoch bemühte er sich sehr seine Nerven in den Griff zu
bekommen, um die anderen nicht unnötig zu verängstigen. „Ich
konnte jedoch in dieser Dunkelheit nichts Genaueres erkennen. Nach meiner
Meinung sah ich zuerst drei Schatten in einiger Entfernung davonlaufen. Sie
liefen hintereinander und hatten die Größe von einem kleinen jungen Pferd,
nur sehr viel massiger. Sie liefen auf allen Vieren. Kann jedoch nicht sagen
ob sie auch nur vor dem Geräusch geflüchtet sind. Alles war schwarz, konnte
beim besten Willen nichts Genaues ausmachen. Sowie es etwas hell wird, werde
ich mit einem der beiden Männer jene Stelle absuchen, ob sich eventuell
Spuren finden lassen, die das Rätsel aufklären könnten. Der andere Mann
soll bei den beiden Frauen bleiben, um diese notfalls beschützen zu können.
Jetzt würde die Suche keinen Sinn machen, wäre auch zu gefährlich, da wir
nicht wissen mit was wir es hier zu tun haben“. Damit
schloss der Kutscher seine Rede. Auch hatte er sich etwas beruhigt, was
wahrscheinlich an der Tatsache lag, dass er sich mit seiner Erklärung etwas
Luft verschaffen konnte und nun zufrieden bei den anderen war. „In
einer knappen Stunde dürfte die Dämmerung anbrechen“, bemerkte der ältere
Mann. „Ich glaube nicht, dass ich nochmals einschlafen könnte. Ich schlage
daher vor, dass ich die weitere Wache übernehme und mich dann zusammen mit
dem Kutscher auf die Suche mache. Der junge Herr kann dann hier bei der
Kutsche auf unsere Damen aufpassen“. Der
Vorschlag wurde angenommen. Die
beiden Frauen kehrten zurück in die Kutsche mit dem Vorhaben noch ein wenig
zu schlafen, während die drei Männer gemeinsam am Feuer die Wache
fortsetzten, was für die Damen ein Segen war, da sie sich auf diese Weise ein
wenig ausstrecken konnten. In dieser doch den Umständen entsprechend
angenehmer Lage waren die Frauen auch sofort eingeschlafen. Der
kurze Rest dieser Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle. Zum Schlafen kam
jedoch keiner der Männer mehr. Jeder wartete sehnsüchtig auf den Augenblick
der Dämmerung, in der Hoffnung eine Erklärung zu finden welche die Situation
entschärfen würde. Schließlich war man noch gute zwei Stunden von der nächsten
Poststation entfernt, was bedeutete, dass man sich noch tief im Wald befand.
Jeder wünschte sich in diesem Augenblick nichts mehr als ein warmes Essen,
ein weiches Bett und das in Sicherheit. Die
Zeit verging unerwartet schnell. Die Männer sprachen nur wenig miteinander.
Jeder hatte wohl seine eigenen Gedanken und Ängste zu verarbeiten. So kam
dann auch sehr bald die ersehnte Dämmerung. Der
Kutscher und der ältere Mann machten sich sofort auf den Weg als dieser nur
ein klein wenig sichtbar erschien. Der jüngere der beiden männlichen
Passagiere blieb, wie zuvor besprochen am Feuer sitzen um auf die Beiden
Damen, welche noch in der Kutsche tief schliefen, aufzupassen. Noch für einen
kurzen Augenblick konnten seine Augen die beiden, sich entfernenden Männer
beobachten bis diese im grau der Morgendämmerung verschwanden.
Wie lange er danach noch in seinen Gedanken versunken blieb hätte er
sicherlich nicht sagen können, dafür war er zu sehr in seinen Sorgen
vertieft gewesen. Plötzlich
wurde er, durch das Rufen einer der Frauen aus seinen Grübeleien
herausgerissen. Die beiden Frauen waren aufgewacht und aus dem Morgengrauen
hatte sich ein sonniger Morgen entwickelt. Dieser Anblick des beginnenden
Tages war wie Balsam auf die Seele aller Beteiligten. Es war als wenn alles
nur ein unschöner Traum gewesen war. Nur die Tatsache, dass der ältere Mann
mit dem
Kutscher nicht anwesend war, beförderte die kleine Gruppe der Reisenden
wieder in die Realität. Es
war etwa halb acht Uhr. Nun hatte auch die andere Frau die Kutsche verlassen
und beide gingen zu dem jungen Mann am Feuer hinüber. Man konnte ihnen
ansehen, dass diese Nacht nicht gerade einen bequemen und erholsamen Schlaft
den beiden beschert hatte. Ihre Beine schienen noch immer steif zu sein, von
den anderen Gliedmaßen ganz zu schweigen. „Ist
alles wunschgemäß verlaufen?“ fragte eine Frau dem am Feuer sitzenden
Mann. „Das
kann ich noch nicht sagen“, erwiderte dieser als er sich zu den Damen
umdrehte. „Sie sind noch nicht zurück“, fuhr er fort. „Langsam könnten
sie jedoch wieder erscheinen, ich mache mir schon so langsam Sorgen“. „Wann
sind die Beiden denn aufgebrochen? „Mischte sich nun auch die andere der
beiden Frauen in das Gespräch ein. „Es
mag wohl so um die vierte Stunde gewesen sein“, bekam sie zur Antwort. „Über
vier Stunden“, bemerke die beleibte und man sah, dass sie sichtlich besorgt
war. Ihre Stirn hatte sich in tiefe Falten gelegt. „Wollen
die Damen etwas essen oder trinken“, fragte der junge Herr und stand dabei
vom Feuer auf. „Ich
würde jetzt keinen Bissen herunterbekommen, solange ich nicht weiß was
geschehen ist“, erwiderte eine der Frauen und die die andere schloss sich
deren Meinung mit einer Geste an. „Etwas
Warmes zum trinken wäre jetzt nicht schlecht“, sagte sie und atmete dabei
schwer durch. „Ich
könnte uns einen Kaffee am Feuer machen“, schlug der junge Mann vor und
traf damit die Erwartungen der beiden Frauen genau. Er begab sich zur Kutsche
und holte aus dem Gepäck das Nötige um den Vorschlag in die Tat umzusetzen. Er
wollte sich gerade zu den beiden, am Feuer sitzenden Damen begeben, als er plötzlich
inne hielt und ihm das Geschirr samt Zutaten aus den Händen entglitt und mit
lautem Getöse zu Boden fiel. Wie versteinert stand er da, sein Gesicht war
leichenblass als hätte er einen Geist gesehen. Die
beiden Frauen hatten sich erschrocken von dem lauten Geräusch des
herabfallenden Geschirrs zu ihm umgedreht und starrten genau in das aschgraue
Gesicht des Mannes. Dann folgten sie ängstlich mit ihren Augen seiner
Blickrichtung. In
einer Entfernung von etwa dreihundert Metern sahen sie zwei Männer völlig
erschöpft und lahmend daherkommen. Sie schienen sichtlich am Ende ihrer Kräfte
zu sein. Sofort
sprangen die beiden Frauen auf um gemeinsam mit dem jungen Mann den zwei Männern
entgegenzueilen. Es waren der Kutscher und der ältere Mann. Gemeinsam stützten
sie die beiden und brachten sie zum Feuer. Sie waren in einem fürchterlichen
Zustand. Ihre Kleidung war voller Schutz und sogar hier und da mit Blut
beschmiert. Obwohl sie ganz außen Atem waren und mit ihren verschmutzten und
teilweise zerrissenen Kleidern einen sehr mitgenommenen Eindruck machten,
schien keiner der beiden verletzt zu sein. Als
man die Feuerstelle gemeinsam erreicht hatte, brachen die beiden förmlich
zusammen. Eine
Zeitlang saß die kleine Gruppe aus fünf Personen schweigend am Feuer. Keiner
traute sich etwas zu fragen. Nicht etwa aus Rücksicht auf die zwei erschöpften
Männer, nein, man hatte eher Angst vor der Antwort die im Grunde doch jeder
erwartete. Nach
einer Weile öffnete der Kutscher mit einiger Mühe seinen Mund um zu reden, während
der ältere dicke seine silberne Flasche hervorzog und diese öffnete. Leider
musste er erkennen, dass diese lehr war. „Der
Kutscher begann zu sprechen, was ihm aber nicht gerade leicht zu fallen
schien. Wir
sind dem Teufel persönlich begegnet, dem Teufel und seinen zwei Gehilfen. Bei
Jesus und Maria, solange ich lebe habe ich so etwas noch nicht gesehen oder
erlebt. Ich will nicht mehr Jakob heißen wenn ich hierbei übertreibe.“ Die
kleine Reisegesellschaft klebte förmlich an seinen Lippen. Die Spannung der
Zurückgebliebenen hatte in diesem Augenblick die Angst besiegt. „Erzählen
Sie doch endlich was geschehen ist“ rief die rundliche Frau ihm zu. Ihre
Wangen waren rot vor Aufregung und ihr ganzer Körper schien zu beben. Es
war einfach schrecklich. Schrecklich, ich kann es nicht fassen. Der
Leibhaftige, ich kann jetzt noch seinen dampfenden Atem sehen. Einfach
schrecklich. Dass es so etwas gibt.“ Der kleine rundliche Mann
konnte nur stammeln, es gelang ihm vor Erregung nicht einen zuzuhängenden
Satz wiederzugeben. Was
aber in Gottes Namen war geschehen? Die
vorgesehene Erklärung blieb aber aus, da in diesem Moment ein Mann zu Ross
durch den Wald kam. Er hielt genau auf die Reisegruppe an der Feuerstelle zu. Als
er diese erreicht hatte sprang er von seinem Pferd, ging auf die Anwesenden zu
und begrüßte diese mit den Worten: „Hier sind Sie also. Ich wurde von der
Poststation benachrichtigt um Sie zu suchen, da Sie gestern Abend nicht
angekommen sind, man macht sich Sorgen. Verzeihung mein Name ist übrigens
Friedrich. Ich habe hier ganz in der Nähe einen kleinen Bauernhof. Aber was
ist mit Ihnen? Sie sehen aus als wäre Ihnen der Teufel in Person erschienen.
Nun ja die Nacht in dieser Wildnis zu verbringen ist wahrlich kein schönes
Erlebnis.“ Friedrich
war einer jener Menschen die einen Satz ohne Punkt und Komma und ohne einmal
Luft zu holen aussprechen konnte. Sein Redefluss war einmalig. „In
dieser Nacht scheinen viele Kreaturen zu verschwinden. Mein treuer Hund hat
sich seit gestern Abend auch nicht mehr blicken lassen wobei er noch nie des
Nachts fortgeblieben ist“. Noch eine Weile erzählte er weiter und die
Anwesenden hatten von Zeit zu Zeit das bedrückende Gefühl er könnte an
seinen eigenen Worten ersticken. Ruhig
und verständlich erhob der Kutscher, welcher in der Zwischenzeit seine
Lebensgeister widergefunden und sich von dem Schreck erholt hatte, das Wort. „Mein
Name ist Tobias, ich bin der Kutscher. Wir waren Wetterbedingt in Verzug
geraten hofften aber gegen Mitternacht die Poststation noch zu erreichen. Dann
geschah das Missgeschick und unsere Hinterachse brach auf diesem aufgeweichten
Weg. So beschlossen wir den Rest der Nacht hier zu warten bis Hilfe von der
Poststation kommt“. Die
Anderen waren verwundert warum er nicht von jenen Ereignissen der Nacht
berichtete. Aber keiner der kleinen Reisegruppe unternahm den Versuch das
Gespräch auf jene nächtlichen Gegebenheiten zu lenken. Jeder war sich darüber
im Klaren, dass Tobias der Kutscher schon seine Gründe hierfür haben wird. Nach
einer kurzen Begutachtung des Schadens an der Kutsche bemerkte der Bauer
Friedrich: „Ich werde umgehend zur Poststation reiten und berichten damit
man Ihnen eine Ersatzkutsche schickt. Diese hier wird man dann später abholen
und wahrscheinlich reparieren“. Gesagt
getan, Friedrich zog die Zügel seines Pferdes straff und begab sich im Galopp
zur Poststation. Während er los ritt hörte man ihn zu sich selbst sagen:
„Wo sich dieser Hund wohl herumtreibt? Bis gespannt was diesen Köter
geritten hat“. Dann
verschwand er auf der durchweichten Straße in Richtung Poststation. Noch
für einen kurzen Augenblick schaute ihn unsere kleine Reisegesellschaft nach.
Wie lange es wohl dauern würde bis eine neue Kutsche von der Poststation
kommt? Eine Frage welche wohl in diesem Moment jeden der Beteiligten beschäftigt
haben mag. Man wollte einfach aus dieser eher unwirklichen Welt weg. Zurück
in die Zivilisation. Ein Bad, ein gutes, warmes Essen mit einem Glas Wein dazu
und darauf ein wenig Schlaf in einem richtigen Bett, was für eine
segensreiche Aussicht. Für
einen Augenblick waren die Berichte von Tobias vergessen. Keiner fragte danach
was geschehen war. Wahrscheinlich wollte zurzeit kein Mensch darüber reden
und zudem sah in den Sonnenstrahlen des Morgens die Welt wieder heil und in
Ordnung aus. Allen
Beteiligten kam der ganze Hergang mit einem Mal wie ein schlechter Traum vor
von dem man gerade erwacht war. Wie dem auch sei, zumindest wurden die Umstände
der letzten Nacht vorerst nicht weiter erwähnt. Die
Zeit verging relativ schnell da ein Jeder damit beschäftigt war sein Reisegepäck
zusammenzupacken um es in die Ersatzkutsche umladen zu können. Aber dennoch
war eine gewisse Schwermut und Bedrückung unter den Reisenden nicht zu übersehen.
Die
ungeklärten Fragen schienen den Betroffenen doch noch einiges Unbehagen zu
bereiten und der eine oder andere hatte wohl auch sicher mit einer gewissen
Angst zu kämpfen. Ob
sich der Vorfall wohl jemals aufklären wird? Diese Frage stellte sich mit großer
Sicherheit jeder der Fahrgäste. So
mögen etwa vier Stunden vergangen sein und es war bereits kurz vor der
Mittagszeit, als von der Straße her ein Hufgetrommel und der Lärm einer
Kutsche zu vernehmen war. In
einiger Entfernung war eine Kutsche mit vier Pferden im Gespann zu erkennen.
Sie näherte sich schnell. Auf dem Kutschbock sah’s ein großer hagerer Mann
dessen Alter sich beim besten Willen nicht bestimmen ließ. Sein Gesicht war
vom Wetter und der Sonne von brauner Farbe und voller Falten gezeichnet. Seine
Augen waren dunkel und man konnte nicht unbedingt behaupten, dass er einen
sympathischen Eindruck machte. Doch jener erste Eindruck schien zu täuschen.
Bei unserer kleinen Gruppe angekommen stieg er von seinem Kutschbock herunter
und begrüßte jeden der Anwesenden einzeln und mit einer sehr freundlichen
und liebevollen Ausstrahlung. „Na,
da haben Sie ja eine sehr unangenehme Nacht durchmachen müssen“, bemerkte
er mit einem bedauernden Unterton. "Nun steigen Sie erst einmal in die
Kutsche und machen es sich bequem, um Ihr Gepäck und den Rest kümmere ich
mich und in ca. zwei Stunden, wenn überhaupt, ist der ganze Spuk vorbei. Übrigens,
mein Name ist Friedhold, ich arbeite in der Poststation, und dass bereits seit
über zwanzig Jahre“. Wenn
er gewusst hätte, wie richtig er mit dem Begriff "Spuk" gelegen
hat, so hätte er jenes Tema bestimmt nicht erwähnt. Die
kleine Reisegruppe bestieg die Kutsche und nach nicht einmal acht Minuten war
alles erledigt und zur Abreise bereit. Mit einem kurzen Ruck setzte sich das
neue Gefährt in Bewegung. Diese
Kutsche war bei Weitem um ein Vieles bequemer als das alte Gefährt. Die
Reisenden hatten genügend Platz um es sich wirklich bequem zu machen. Zudem
war alles sehr sauber und unglaublich gemütlich. Mit dieser Kutsche, da waren
sich alle Fahrgäste einig, hätte man diese Reise gleich noch einmal
angetreten. So waren auch die Erlebnisse der letzten Nacht nur noch eine
unangenehme Erinnerung. Die
kleine Reisegruppe holperte ihr Ziel des Zwischenstopps, der Poststation,
entgegen. Nach
einer kurzen Weile begann sich ein, erstaunlicher Weise, sehr lockeres Gespräch
unter den vier Reisenden zu entwickel. „Jetzt
wo alles sich zum Guten gewendet hat, bin ich sehr zufrieden“, bemerkte der
jüngere Mann. Im Übrigen, da wir uns noch nicht vorgestellt haben, mein Name
ist Christopher. Ich glaube, anlässlich der erlebten Gegebenheiten sollten
wir uns nicht mehr so fremd sein. Ich bin Student des Altertums sowie dessen
Geschichte und begebe mich auf diese Reise um meinen Horizont zu erweitern.
Hierzu muss ich gestehen, dass mir die Erlebnisse der letzten Nacht, aus
wissenschaftlicher Sicht betrachtet, sehr beeindruckt haben. Auch spiele ich
natürlich mit dem Gedanken die gesamten Hintergründe jener Begebenheit
aufzuklären. Ich befinde mich auf der Reise zu einer neuen Universität und würde
gern dort eine Abhandlung über das Erlebte verwenden. Daher hoffe ich, dass
wir noch einmal gemeinsam darüber reden können bevor sich unsere Wege
trennen. Zudem muss ich bekennen, dass es für mich keine Zufälle gibt
sondern nur eine Bestimmung im Sinne der Naturgesetzmäßigkeit. So, nun
kennen Sie meine Kurzgeschichte. Es
war der kleine ältere und etwas rundliche Mann, der sich als nächster zu
Wort meldete. Wenn
wir schon einmal dabei sind, mein Name ist Heinrich. Ich betätige mich in dem
Bereich als Kaufmann. Ich kann behaupten, dass ich bereits die Hälfte meines
Lebens auf Reisen verbracht habe. An dieser Stelle möchte ich jedoch betonen,
dass mir derartiges noch niemals auf meinen Reisen wiederfahren ist. Ich
glaube nicht an Zufälle, womit ich mich unserem Herrn Christopher und seiner
Meinung anschließen möchte. Auch ich bin der fest der Meinung, dass uns
dieses Ereignis in gewisser Weise zusammengeschweißt hat, so dass wir
vielleicht in Zukunft die allgemeinen Förmlichkeiten ablegen sollten. Ich
muss gestehen, dass mich die Vorgänge letzter Nacht nicht in Ruhe gelassen
haben obwohl ich nicht darüber gesprochen habe. Zudem bin ich der Überzeugung,
dass es einen jeden von Ihnen ähnlich geht. Daher möchte ich Sie bitten,
dass wir alles, was diesen Vorfall betrifft, ohne Scheu und Hemmungen
gegenseitig austauschen. Ich bin der Meinung, dass alle Beteiligten noch immer
unter dem Einfluss der Geschehnisse leiden. Wir müssen eine Erklärung dafür
finden, dass sind wir uns selber schuldig“. „Mein
Name ist Karla. Ich befinde mich auf dieser Reise um meine nicht so angenehme
Vergangenheit zu bewältigen. Um was es hierbei genau geht möchte ich zu
diesem Zeitpunkt nicht unbedingt erörtern, da wir uns noch immer ziemlich
fremd sein dürften ich hoffe, dass Sie dafür Verständnis haben“. Ihr
Gesichtsausdruck verriet, dass sie nichtmehr voreingenommen war und dass alle
vorhergehenden überheblichen Eindrücke verschwunden waren. Um es kurz zu
sagen, sie war bereit sich zu offenbaren doch fehlte ihr der Mut in diesem
Augenblich. Fest jedoch steht, dass sie in jeglicher Weise mit den anderen
Reisenden einer Meinung war. Nun,
zu guter Letzt ergriff die jüngere Frau das Wort. Es war eine sehr hübsche
Frau. Allein ihr Lächeln hatte etwas anziehenden sowie betörendes. Sie war
schlang und in ihren Kleidern betonte sie jeden Quadratzentimeters ihres, man
könnte sagen, perfekten Körpers. Es versteht sich wohl von selbst, dass
jeder der Männer diese Frau um jeden Preis hätten beschützen wollen. Ihre
Stimme war leise und hatte daher obendrein etwas sehr erotisches. Mit
all diesen Vorzügen hätte sie alle Beteiligten ohne Schwierigkeiten um den
Finger wickeln können. Darüber waren sich auch alle Mitglieder unserer
kleinen Reisegruppe einig. „Mein
Name ist Desiree und ich befinde mich auf dieser Reise um mein gewohntes
Umfeld zu entfliehen damit ich endlich einmal mein eigenes Leben bestimmen und
somit allein nach meinen Bedürfnissen aufbauen kann. Ich bin es einfach leid,
dass sich alle anderen um mein Wohlergehen sorgen und mich somit nach ihren Maßstäben
in eine Weste zwingen wollen, welche mir überhaupt nicht passt. Ich glaube
alt genug zu sein um das Recht auf eigene Endscheidungen und auch Fehler zu
haben“. Alle
Anwesenden waren sich in diesem Moment durchaus und unwiderruflich im Klaren,
dass sie vom Schicksal zusammengeschweißt waren und sich gegenseitig
vertrauen konnten und auch sollten. Damit
änderten sich die Formalitäten. Nach
einer relativ kurzen Zeit erreichte die Reisegruppe die Poststation. Obwohl
keiner der Beteiligten etwas sagte, war die Erleichterung unbestritten. Obwohl
ein Jeder mit angrenzender Sicherheit einen sehr großen Hunger hatte, zogen
es alle vor zuerst ein Bad zu nehmen und sich darüber hinaus etwas frisch zu
machen. Die
Zimmer waren zwar klein, dafür aber umso gemütlicher. Beim Anblick der
Zimmer und des Bades erschien die vergangene Nacht als ein Albtraum, welcher
in diesem Augenblick sein Ende fand. Zu jenem Zeitpunkt konnte jedoch noch
keiner der betroffenen Personen wissen, dass genau hiermit die Geschichte erst
ihren Lauf begann. Eine Geschichte, die noch viele Rätsel aufgeben sollte und
das gegenseitige Vertrauen erproben würde. Noch über Generationen hinweg
sollten diese Ereignisse ihre Wirkungen zeigen und jegliche Ruhe in der
Angelegenheit unmöglich erscheinen lassen.
Nach
ca. einer halben Stunde fanden sich alle Beteiligten im Speiseraum der
Poststation ein. Sie kamen fast gleichzeitig, so als hätten sie dies zuvor
abgesprochen. Der
Tisch an dem sie Platz nahmen befand sich direkt am Fenster. So konnte jeder
hinausschauen und erstmalig erkennen, was er zuvor bei seiner Ankunft, bedingt
durch die Wettereinflüsse nicht wahrnehmen konnten. Die
Landschaft, welche sich ihnen bot war nicht nur schön, man konnte diese ohne
Übertreibung als paradiesisch bezeichnen. Im Tageslicht und bei der
Sonneneinstrahlung des blauen, wolkenlosen Himmels, waren alle nächtlichen
Ereignisse wie fortgeweht. Alles erschien in diesem Moment wie ein böser
Traum, von dem man gerade erwacht war. So
dauerte es auch nicht lange und man begann sich zu unterhalten. Man lachte und
scherzte. Jede anfängliche Ruhe oder Distanz, so wie diese noch auf der Reise
herrschte, war mit einem Schlag jener Sympathie der Gemeinsamkeit gewichen. Es
war, als kenne man sich schon seit Beginn seines Lebens. Noch
während des Essens kam der Wirt jener Gaststätte und Poststation auf die
kleine Reisegruppe zu. Es
war ein Mann, welcher einen sehr stabilen Eindruck machte. Er war sehr groß.
Sein Gesicht war vor Narben nur so übersät. An seinen Füßen trug er ein
Paar sehr bequemer Socken. Mit einer Stimme, welche sehr tief und dunkel
erschien sprach er zu unserer Reisegesellschaft: „Wir
müssen warten, bis sich die Kutsche Ihres Unglücks hier einfindet. Der Rest
ist dann nur noch reine Routine. Wir werde die Reparatur so schnell wie nur Möglich
abgeschlossen haben und ich schätze, dass Sie gegen Nachmittag oder Abend
Ihre Reise fortsetzen können. Ich muss sie jedoch leider warnen. In unseren Wäldern
geschehen seit einiger Zeit sehr merkwürdige Dinge. Wäre ich an Ihrer
Stelle, so würde ich hier zunächst übernachten und am Morgen weiterfahren.
Damit sind Sie in jedem Falle auf der sicheren Seite. Man behauptet und ich
glaube sogar daran, dass der Teufel seine unruhigen Seelen herumgehen lässt.
Es mag sich sehr merkwürdig anhören, aber die Dinge welche geschehen sind
ebenso unheimlich wie merkwürdig.
Es steht Ihnen natürlich frei zu glauben was immer Sie wollen, ich würde jedoch dem
Gerede nicht allzu viel Verachtung entgegenbringen, denn wie heißt es so schön:
"Volksmund tut Wahrheit kund". Dabei lächelte der Wirt und nahm die
Bestellung auf. Darauf verließ er die kleine Gruppe um sich seinen anderen Gästen
zu widmen. Im
anschließenden Gespräch war man sich einstimmig über diesen Vorschlag im
Klaren und berührte diesen auch ohne auch nur einen Einspruch. Der
Tag verging recht schnell und so suchte man sehr Zeitig sein Zimmer uns das
Bett auf. Die
Kutsche wurde man in der Zwischenzeit wieder Repariert Der Schaden erwies sich
jedoch größer als man anfangs dachte, da das Material doch gewaltige
Verschleißerscheinungen aufwies. Obwohl
die Betten genauso anheimelnd und gemütlich wie die Zimmer waren, verlief
diese Nacht für alle Beteiligten sehr unruhig. Die Ereignisse hatten sich
bereits tief in deren Unterbewusstsein manifestiert. So fielen die Träume der
kleinen Gesellschaft auch dementsprechend beunruhigend aus. Als
der nächste Morgen graute und sich die kleine Reisegruppe zur Abreise bzw.
Weiterreise fertig machen wollte geschah etwas unerwartetes, was die
Betroffenen sofort wieder an alle Ereignisse erinnerte und somit in jene
negativen Geschehnisse zurückbeförderte. Das
Gepäck war bereits umgeladen und verstaut. Unsere vier Passagiere hatten
ihren Platz in der Kutsche eingenommen und Tobias der Kutscher hatte bereits
seinen Platz auf dem Kutschbock eingenommen. Nichts stand somit der
Weiterfahrt im Wege. Dann
kam das Unerwartete. Der Inhaber der Poststation kam über den Hof gelaufen
und begab sich direkt auf unseren Kutscher Tobias zu. Dabei fuchtelte er wie
wild mit seinen Armen um die Abfahrt der Kutsche zu verhindern. Als
er die Kutsche erreicht hatte, wandte er sich an den Kutscher. Sein Atem ging
heftig und er schien sichtlich besorgt und aufgeregt. Mit belegter Stimme
sagte er zu dem Kutscher: „Mein
Herr, soeben erreichte mich eine Nachricht welche mir doch große Sorgen
bereitet. Es heißt, dass im Wald sehr seltsame Dinge vorgehen. Es ereigneten
sich in der letzten Nacht zu sehr mysteriöser Dinge. Sie müssten eigentlich
etwas davon bemerkt haben, da sich die Geschehnisse auf Ihrer Strecke ereignet
haben“. „Wir
hatten durchaus ein sehr merkwürdiges Erlebnis als unsere Achse gebrochen war
und wir bis zu Ihrem Eintreffen dort verweilen mussten“, bemerkte Tobias der
Kutscher. "Jetzt
wo ich genauer darüber nachdenke, glaube ich, dass der Achsbruch in einem
engen Zusammenhang mit den Geschehnissen stehen könnte, da alles mehr oder
weniger zum gleichen Zeitpunkt geschah. Was ist geschehen, welche
Informationen haben Sie“? Fuhr er fort. „Nun,
im Grunde nichts genaues, nur so viel, dass etwas Unheimliches im Wald sein
Unwesen treibt. Heute Morgen hat man die Leiche eines kleinen Mädchens, um
genauer zu sein, die Tochter des Bauern Friedrich gefunden. Es ist der Herr,
welcher Euch zu Hilfe kam. Seine kleine Tochter, Gott sei ihrer armen Seele gnädig,
soll übel zugerichtet gewesen sein. So als hätte sie ein sehr großes wildes
Tier angefallen. Das Fleisch sowie ihre Kleidung hingen ihr in Fetzen vom
Leib. Aber ein Tier, welches so kraftvoll und mächtig ist haben wir in
unserer Gegend nicht. Selbst ein Bär, der hier nicht vorkommt, wäre dazu
nicht im Stande gewesen. Keiner weiß bisher was geschehen ist. Noch am
Vormittag sollen Herren der Aufsicht hierherkommen und das Rätsel lösen. Die
Bevölkerung ist bereits der Meinung, der Teufel treibt wieder einmal sein
Unwesen. Wenn Sie mich fragen, ich würde an Ihrer Stelle noch nicht
weiterfahren. Diese Entscheidung müssen Sie jedoch mit Ihren Fahrgästen abklären“.
In
diesem Augenblick war der Kutscher sofort wieder in die letzten Erlebnisse zurückversetzt.
Es war so als wenn es gerade eben erst geschehen wäre. Wie ein Dämon stand
die Angst und der Schrecken urplötzlich vor seinen geistigen Augen. Er konnte
sogar jene Gänsehaut spüren, die er zu diesem Zeitpunkt hatte. Alles war mit
einem Schlag wieder vollkommen real. Lag es nicht ohnehin in seiner Natur,
jener Aberglaube sowie die Empfängnisbereitschaft für das Übersinnliche. Er
lebte nun einmal in jener Welt des Feinstofflichen, wie auch viele weitere
Menschen aus dieser ländlichen Gegend. Für
einen kurzen Moment verharrte er regungslos und in seine Gedanken versunken
auf dem Kutschbock. Dann stieg er nachdenklich von seiner Kutsche herab.
Langsam trat er, noch immer in seinen Gedanken vergraben, an seine Kutsche und
deren Insassen heran. Er öffnete die Tür des Gefährts und wandte sich ohne
lange Vorrede direkt an seine Passagiere. Tobias erklärte ihnen was er soeben von der Poststation erfahren hatte und bekundete damit
gleichzeitig, dass er unter diesen Umständen nicht bereit wäre zurzeit
weiterzufahren. „Ich
würde es für das Vernünftigste halten, wenn wir uns jetzt in die Gaststube
begeben um unsere Situation nüchtern zu betrachten und darüber hinaus einen
einheitlichen Plan schmieden wie wir weiter vorgehen wollen“. Seine
Stimme war ruhig, klang aber sehr ernst und bedenklich. Es gab keinen Hinweis
an seinen Entscheidungen zu zweifeln oder diesen sogar zu widersprechen. Sein
Entschluss stand definitiv fest. So
wurden die Pferde wieder ausgespannt und unsere kleine Reisegesellschaft
zusammen mit ihrem Kutscher betrat wenig später den gemütlichen Gastraum der
Poststation. Gemeinsam
nahmen sie an dem Tisch, direkt am Fenster Platz. Es war schon eine recht
unwirkliche Situation. Im Kopf die schrecklichen Erinnerungen der vergangenen
Nacht und vor Augen das wundervolle Bild, welches sich im Anblick durch das
Fenster darbot. Der Himmel war blau und die Sonne schien. Alles erweckte den
Eindruck als wenn niemals etwas geschehen wäre. "Ja", sagte Tobias
der Kutscher, "so ist das im Leben. Nichts ist eben so wie es
scheint". Lange
saßen alle Beteiligten schweigend am Tisch. Es schien fast so, als wollte
keiner den Anfang zu diesem Gespräch machen. Im Grunde existierten eine wahre
Fülle an Fragen, aber keine wirkliche Antwort darauf. Mann war einfach nur
ratlos und fühlte sich dazu vollkommen überfordert um nicht zu sagen, ohnmächtig.
Nicht einer hätte sagen können, wie es nun weitergehen soll. Man fühlte
sich wie in einer Falle. Schlagartig, von einem Augenblick auf den anderen,
hatte selbst das gemütliche Gasthaus seinen einladenden Reiz verloren. Nach
einer ganzen Weile brach endlich das Schweigen. Es war der Kutscher Tobias der
das Gespräch eröffnete und somit das eisige Schweigen damit endlich
beendete. „Ich
glaube wir sollten uns vielleicht noch einmal an unsere letzten doch sehr
mysteriösen Ereignisse erinnern. Ich weiß genau wie unangenehm dies für
jeden von uns ist. Letztlich kann ich mich noch allzu gut an den Anblick
erinnern, der sich unserem Herrn Heinrich und mir bot. Da wir nicht wissen um
was es sich hierbei handelt, sollten wir uns von der harmonischen Schönheit
dieser friedlichen Poststation täuschen lassen. Ich persönlich bin für
meine ungewöhnliche Meinung bekannt. Nicht jeder der hiesigen Bevölkerung
gibt es zu, aber die Meisten teilen diese Anschauung zumindest zum Teil. Da
draußen im Wald ist etwas, was wir uns bisher nicht erklären können, und
glauben Sie mir, dieses Etwas ist mehr als nur gefährlich, es ist zudem
grausam und scheint das Böse in Person darzustellen. Solange wir nicht wissen
um was es sich hierbei handelt und was dort draußen vor sich geht, glaube
ich, sind wir hier am sichersten aufgehoben. Ich kann nur für mich sprechen
und ich weiß auch nicht, welchen Zweck Ihre Reise erfüllt und wie eilig Sie
es haben, aber ich für meinen Teil werde mich keine hundert Meter weit von
dieser Poststation entfernen. Solange nicht, bis jene Ereignisse geklärt
sind“. Als
der Kutscher seine Rede beendet hatte erweckte er den Eindruck als hätte er
sich in seine Worte hineingesteigert. Er schien sichtlich außer Atem und sehr
aufgeregt zu sein. „Ich
schließe mich der Meinung von Tobias an“. Erhob nun Herr Heinrich, der
kleine, ältere Mann, der Tobias in den Morgenstunden begleitet hatte. „Wir
konnten in dem fahlen Licht zwar nicht viel erkennen, aber was wir gesehen und
gehört haben lässt mir noch jetzt das Blut in den Adern gerinnen“. Fast
demonstrativ rückte er mit seinem Stuhl an den von Tobias dem Kutscher heran,
als wolle er damit seine Solidarität zum Kutscher noch einmal deutlich
unterstreichen. „Ich
war zwar am Feuer zurückgeblieben und habe aus diesem Grund nichts von dem
allen mitbekommen, dennoch möchte ich mich der Meinung der Allgemeinheit
zuwenden. Ich habe es zudem nicht eilig, da diese Reise eher eine Studienreise
für mich ist. Es wartet also keiner auf mich“. „Wenn
wir nicht einmal wissen um was es sich hierbei handelt, wie können wir dann
darauf schließen, dass es sich um etwas Böses oder gefährliches handelt“,
stellte Frau Karla zu bedenken. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass
wir an diesem Tag sehr überlastet waren, hinzu kommt noch die Müdigkeit.
Keiner von uns könnte behaupten, dass dies eine angenehme Reise gewesen war.
„Wenn man also mich fragen sollte, so wäre ich für eine Weiterfahrt, schon
allein der Tatsache wegen, hier aus dieser Gegend endlich herauszukommen“. In
ihren Augen konnte man erkennen, dass dies nicht nur Gerede war sondern diese
Karla es vollkommen ernst meinte. Sie warf ihren Kopf ein wenig dominierend
nach hinten in den Nacken und trat einen Schritt zurück. Zu
guter Letzt ergriff nun auch Desiree das Wort. „Dies
ist meine erste Reise und ich habe keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet. Es
stimmt schon, dass ich erwartet werde und so schnell wie nur irgend möglich
mein Ziel erreichen will, aber das ist mir die ganze Sache nun auch nicht
wert. Ganz gleich wie sich die Mehrheit entscheidet, ich werde mich der
Allgemeinheit beugen und somit der Überzahl in ihrer Meinung anschließen“.
In
diesem Augenblick erweckte sie bei jedem den Eindruck als wäre sie von ihrer
Courage selbst erschrocken. Ihre Wangen waren leicht gerötet und sie wirkte
jetzt eher schüchtern und verunsichert wie ein kleines Kind, welches gerade
über sich selbst hinausgewachsen war. Damit
war der Endschluss gefallen. Nur Karla war mit dem Beschluss nicht zufrieden.
In ihren Augen überspante man den Bogen total. Wenn sie gekonnt hätte, so wäre
sie ganz bestimmt mit einer anderen Kutsche weitergefahren, obwohl sie es
bestimmt nicht eilig gehabt hatte. Mürrisch und uneinsichtig beugte sie sich
aber ihrem Schicksal und blieb mit den anderen auf der Poststation. Man
begab sich zum Tresen des Gästeraums um die Zimmer für die Nacht zu Buchen. Die
Zimmer selbst waren genauso gemütlich und bezaubernd wie alles andere dieser
Poststation. Sie lagen nebeneinander auf einem langen Gang im ersten
Stockwerk. Jedes der drei Stockwerke hatte 6 Zimmer wovon sich jeweils drei
gegenüber lagen. Die
zwei Damen belegten jeweils ein Zimmer. Gegenüber belegten auch Christopher
und Heinrich, die beiden männlichen Fahrgäste je ein Zimmer. Gleich
am Anfang des Ganges direkt an der Treppe gelegen bezog der Kutscher Tobias
sein Gemach. Alle
Zimmer unterschieden sich nicht wesentlich voneinander. Sie waren von einer
schönen Schlichtheit, dass man sich einfach wohlfühlen musste. Am
Ende des Ganges befand sich das letzte Zimmer in diesem ersten Stockwerk.
Keiner der Reisegesellschaft konnte jedoch sagen, ob dieses Zimmer belegt war.
So entschloss man sich ganz einfach den Vermieter und Inhaber der Poststation
danach zu fragen. Auch wäre es interessant zu wissen, wer sonst noch hier
wohnte. Es
war so gegen Mittag als sich unsere kleine Gesellschaft wieder im Gastraum
einfand. Man hatte seine Sachen ausgepackt und sich so gut wie nur möglich für
eine relative kurze Zeit in seinem Zimmer eingerichtet. Schließlich hatte man
nicht vor, über einen längeren Zeitraum diese Räume in Anspruch zu nehmen.
Jeder der Betroffenen ging davon aus, dass der Aufenthalt so kurz wie nur möglich
sein sollte. Der
eine von den beiden war ein großer, schlanker Mann so um die vierzig Jahre.
Er schien auch der Vorgesetzte des anderen zu sein, was man schon an seine
Redeführung erkennen konnte. Der andere der beiden war jünger. Sein Alter
mag so um die dreißig Jahre betragen haben. Auch er war von stattlicher Größe
und besaß einen gut durchtrainierten Körper. Beide Männer strahlten ein
starkes Charisma aus. Es bestand kein Zweifel, es handelte sich um Personen
denen man ohne jede Frage sehr viel Respekt zollte. Als
die beiden Herren unsere kleine Reisegruppe entdeckten, kamen sie sofort auf
diese zu. „Mein
Name ist Doran, Inspektor Doran, und das ist mein Assistent, Kommissar
Mikesch. Wir sind von der Ermittlungsbehörde des Amtes für öffentliche
Ordnung“. Seine
Stimme war durchdringend und sogar ein klein wenig einschüchternd. Der
Inspektor gab dem Kutscher seine Hand und der Kommissar nickte zur Begrüßung
und hielt sich dabei im Hintergrund. „Ich
würde Sie gern über Ihre Erlebnisse befragen, da ich glaube, dass diese in
einem engen Zusammenhang mit unseren Ermittlungen stehen. Wenn Sie also einen
kleinen Moment Zeit dafür hätten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Also, wenn
es Ihnen im Augenblick recht ist, so könnten wir an einem der Tische Platz
nehmen und die Fragen, welche ich habe, besprechen. Der Kommissar, Herr
Mikesch wird dabei, mit Ihrem Einverständnis vorausgesetzt, Protokoll führen.
Es ist nichts persönliches, ich hoffe nur einige wichtige Informationen zu
bekommen, damit
ich einen Anhaltspunkt habe, auf dem sich meine weiteren Ermittlungen aufbauen
kann“. Mit
dieser Ansage machte er eine einladende Geste und zeigt mit seiner Hand auf
einen der Tische. Es
war genau jener Tisch am Fenster, den die Reisegruppe schon vorher stets
benutzt hatte. Ob dies nun ein Zufall war oder einen speziellen Hintergrund
hatte mag hier erst einmal dahingestellt sein. Noch
während dieser Vorstellung, reichte der Inspektor allen Angehörigen der
Reisegruppe die Hand und wiederholte dabei seinen Namen sowie seinen
Dienstgrad. Der Kommissar bleib dabei auch weiterhin im Hintergrund und nickte
nur jedes Mal zum Vorgang der fast rituellen Vorstellung des Inspektors. Da
es von keinem der Beteiligten ein Einspruch zu Vernehmen war, begab man sich
an jenen besagten Tisch. „Bitte
tun Sie sich keinen Zwang an. Wenn Sie im Begriff waren etwas zum Frühstück
zu sich zu nehmen, dann bestellen Sie einfach. Dies hier soll eine rein
lockere Befragung sein. Ich erhoffe mir nur einige Hinweise, welche man
vielleicht übersehen hat und daher glaube ich können wir uns auch ganz
zwanglos unterhalten“. Keiner
der Beteiligten hatte das Bedürfnis zu Essen. Dafür lag allen das Erlebte
noch zu deutlich im Magen. So bestellte sich man nur Kaffee und Tee. Es
folgte ein Augenblick des absoluten Schweigens. Da die weiteren Tische im
Gastraum noch nicht belegt waren herrschte eine fast unheimliche Stille. Diese
wurde nach einer Weile, keine hätte sagen können wie viel Zeit vergangen
war, vom Inspektor, Herrn Doran, spontan unterbrochen. Diesmal sprach er
jedoch mit einer eher leisen und einfühlsamen Stimme, welche das Vertrauen
aller Beteiligten erweckte. „Es
wäre mir mehr als nur eine große Hilfe, wenn Sie versuchen könnten, sich
der Ereignisse jener besagten Nacht noch einmal genau zu erinnern. Bitte
bedenken Sie, dass auch der kleinste und bedeutungsloseste Hinweis uns eine
große Hilfe sein könnte. Wir tappen, um ehrlich zu sein, im Augenblick noch
vollkommen im Dunkeln und stehen somit ganz am Anfang unserer Ermittlungen mit
absolut leeren Händen dar. Meine gesamte Hoffnung ruht also auf Ihre Aussagen
und der Tatsache, dass diese mir einen gewissen Aufschluss der Thematik
bescheren“. Es
war der kleinere und etwas rundliche Mann der Reisegesellschaft, Herr
Heinrich, der als erster das Wort ergriff. Dabei war er sehr nervös, was zur
Folge hatte, dass er in einen wahren und sehr schnellen Redefluss verfiel, dem
keiner der Anwesenden so richtig folgen konnte. „Wir
sind da draußen gewesen, wollten nach dem Rechten schauen, die Geräusche und
all das. Wir konnten im fahlen Licht der Morgendämmerung kaum etwas erkennen.
Blut und etwas Undefinierbares. Es war grausam, einfach schrecklich. Und dann
überall diese Hufspuren. Nicht von einem Tier, nein, sie stammten vom
Leibhaftigen persönlich. Ich habe selbst gesehen, wie er sich mit seinen
Gehilfen der Hölle davon machte. Ich konnte ihn riechen, die Luft roch nach
Schwefel und ich habe ihn wirklich gesehen. Und dann der aufgewühlte Boden,
jene Stelle aus dem er seiner Hölle entstiegen ist. Ich weiß was ich gesehen
habe und ich kann mit reinem Gewissen behaupten, dass ich nicht verrückt bin.
Diese Bilder, ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen, Gott stehe mir
bei“. Fügte er noch hinzu und man konnte auch ohne jede Menschenkenntnis
deutlich erkennen, dass dieser Mann völlig mit seinen Nerven am Ende war. Der
Inspektor nickte nur und forderte mit sanfter Stimme den kleinen Mann auf,
sich doch zu beruhigen. Darauf
ergriff Tobias der Kutscher, welcher zusammen mit Heinrich den besagten Ort
aufgesucht hatte, das Wort. „Ich
war es, der mit dem Herrn Heinrich dort war. Ich verrichte meine Arbeit als
Kutscher nun schon mehrere Jahrzehnte hier auf dieser Poststation und habe
bereits für den Vater des jetzigen
Wirtes als Stalljunge gearbeitet, aber was ich dort zu sehen bekam ist mir in
meinem gesamten Leben noch nicht vorgekommen. Glauben Sie mir, ich habe in all
den Jahren schon viel gesehen und erlebt, aber so etwas - nein, dass übersteigt
alles was ich bislang kenne. Ich bin ein gläubiger Mensch und halte mich fest
an die Worte unserer Bibel, aber dass ich einmal dem Leibhaftigen begegnen
werde hätte ich nie zu glauben gewagt. Ich kann mich nur den Schilderungen
meines Begleiters anschließen. Ich habe den Teufel persönlich gesehen und
auch gerochen. Ich habe die Stelle gesehen, aus der dieser seiner Unterwelt,
der Hölle, entstiegen ist. Ich habe gesehen, wie er, gemeinsam mit seinen
dunklen Gehilfen davonlief. Ich war wie gelähmt und nicht in der Lage auch
nur die geringste Kleinigkeit zu unternehmen. Noch nie in meinem gesamten
Leben habe ich mich so hilflos, ängstlich und von allen Göttern verlassen gefühlt. Ich wünschte
ich hätte dieses Erlebnis niemals gehabt. Ich werde wohl
den Rest meines Lebens mit dieser Erinnerung leben müssen, Gott stehe meiner
sündigen Seele bei“. Mit
diesen Worten beendete Tobias der Kutscher seinen Bericht. Sein Gesicht hatte
eine aschgraue Farbe angenommen und es bestand kein Zweifel daran, dass er
noch immer unter den Folgen des erlebten Schocks litt. Seine Aussage war somit
nicht im Geringsten anzuzweifeln, gleich ob diese nun wirklich der Wahrheit
entsprach oder seiner Phantasie. Für ihn zumindest war diese vollkommen real.
Die
anderen Reisenden, die welche zurückgeblieben waren, konnten keine brauchbare
Aussage machen. Sie konnten nur von dem berichten was sie erlebten, als die
beiden Männer von ihrer Erkundung zurückkamen. Selbst das Geräusch welches
sie in dieser Nacht aufgeschreckt hatte konnten sie nicht beschreiben, da sie
es ja nicht wirklich gehört hatten und die Beschreibung desselben nur vom
Kutscher und seiner Beschreibung her kannten. Mikesch
der Kommissar und Gehilfe des Inspektors hatte alles gründlich
aufgeschrieben. Der Inspektor bedankte sich bei all den Beteiligten freundlich
für ihre Mithilfe, obwohl im durchaus bewusst war, dass er mit diesen
Aussagen nicht das Geringste anfangen konnte. Der einzige brauchbare Hinweis
hierzu mag die Zeitangabe des möglichen Geschehens gewesen sein. „Sie
werden Verzeihen“, sagte er, als sich die kleine Gruppe der Reisenden
entfernen wollte. „Eine einzige Frage hätte ich da noch“, diesmal klang
seine Stimme wieder sehr durchdringend, als wolle er mit aller Macht den
Kutscher, an den er sich dabei wandte, in jenen Augenblick des Geschehens zurückversetzen.
„Denken Sie bitte noch einmal genau nach, auch wenn es für Sie sehr
schmerzlich ist, haben Sie etwas gesehen? Haben Sie ein totes Kind gesehen und
im Augenblick des Schreckens vielleicht nur nicht registrieren können? Bitte,
es ist von außerordentlicher Wichtigkeit“! Tobias
überlegte einen Augenblick, man sah ihm an, dass es ihm sehr schwer viel.
Nach einer Weile zuckte er mit den Achseln und verneinte die Frage. Doran
der Inspektor drehte sich um und wollte bereits gehen, als er den Ruf von
Tobias wahrnahm. „Es
gibt doch noch etwas was mir jetzt bewusst wird“, sagte er. „Bisher konnte
ich mich nur an das viele Blut erinnern, als ich von Panik ergriffen
davonlief. Jetzt aber wo Sie fragen wird es mir wieder klar. Es gab da etwas,
ich hatte es zuerst für einen Kadaver gehalten, aber wenn ich es mir noch
einmal recht überlege, es hätte durchaus ein menschliches Wesen gewesen sein
können. Ich kann es jedoch nicht mit Sicherheit behaupten, dazu war es zu
sehr entstellt, es war fürchterlich zugerichtet. Ich glaube mich jedoch daran
erinnern zu können, dass da auch noch einige Stofffetzen gelegen haben,
welche durchaus zu menschlichen Kleidungsstücken gehört haben könnten. Der
Anblick jedoch war so schrecklich und der allgemeine Zustand dieser, ich möchte
fast sagen, Masse, denn mehr war davon nicht übrig, ließ keinen Aufschluss
zu. Zudem war mein einziges Bestreben in jenem Augenblick nur die Flucht von
diesem schrecklichen sowie unheimlichen Ort“. Damit
schloss Tobias seinen Bericht. „Ich
danke Ihnen, Sie haben uns in dieser Hinsicht sehr geholfen“, sagte der
Inspektor und verließ daraufhin mit seinem Begleiter den Gastraum der
Poststation. Zurück
blieb unsere kleine Reisegesellschaft. Durch das Fenster schien die Sonne
direkt auf den Tisch dieser Gruppe. Es war im Allgemeinen ein sehr friedliches
Bild was sich in diesem Augenblick bot, doch jeder wusste, dass dies nur eine
Täuschung war. Alle
an diesem Tisch waren ausnahmelos von Angst sowie einer gewissen, unerklärlichen
Unruhe erfüllt. „Nun
meldete sich erstmalig Christopher, der junge Mann dieser besagten
Reisegesellschaft zu Wort. Ich
kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziger von uns Hunger hat,
dennoch glaube ich, sollten wir versuchen eine Kleinigkeit zu Essen. Wir können
es gut gebrauchen und sollten unserem Körper zumindest etwas anbieten. Wer
weiß, was noch geschieht und wir die nächste Möglichkeit zum Essen
bekommen. Zudem könnten wir die Zeit nutzen, uns ein wenig näher
kennenzulernen, was auch etwas Ablenkung in diese angespannte Situation
bringen würde und Essen sowie Ablenkung ist im Augenblick das wichtigste was
wir brauchen, da, so glaube ich, keiner von uns mehr klar denken kann“. Damit
hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Zwar
etwas zögerlich, aber dennoch mit langsam wachsenden Bedürfnissen, ließen
sich die Leute der Reisegesellschaft das Frühstück, obwohl es schon Mittag
war, bringen. Mit den ersten
Bissen des
Essens, welche man herunterwürgte, kam auch die Form des gesunden Hungers zurück
und so blieb am Ende auch nichts vom Essen übrig. Nun
sah die Welt auch wieder ein gutes Stück heiler aus. Es kehrte auch der
Lebensmut wieder deutlich in die Gesichter aller Betroffenen zurück. Noch
lange saß man am Tisch und redete über sich selbst sowie Gott und die liebe
Welt. Für eine Zeitlang schien alles wie in gewisser Weise vergessen zu sein.
Nichts erinnerte an die letzten Geschehnisse. Es schien fast so, als wenn eine
heile Welt an diesem Tisch existent war. Bis durch eine Aufforderung alle
wieder aus ihrem Dornröschenschlaf herausgerissen wurden. Es
mögen etwa zwei bis drei Stunden vergangen sein. Keiner hatte die Zeit
bemerkt und es wurde sogar hin und wieder am Tisch gelacht, als der Inspektor,
diesmal allein, den Gastraum betrat. Er wendete sich umgehend an jene
Reisegruppe am Tisch und sprach den Kutscher Tobias direkt ohne Umschweife an.
„Da
Sie für Ihre Reisegruppe die Verantwortung tragen, wende ich mich mit meiner
Bitte direkt an Sie“. Seine Stimme klang bestimmend aber dennoch freundlich.
Jedoch ließ sie deutlich erkennen, dass er keinen Widerspruch geduldet hätte.
„Mein
Mitarbeiter, Kommissar Mikesch und ich würden gern den Tatort besichtigen,
bevor das Wetter und andere Gegebenheiten alle noch vorhandenen Spuren
unkenntlich machen. Gleich der Erlebnisse welche Sie erfahren haben, existiert
noch immer die Tatsache, dass hier ein Mord geschehen ist. Und dabei handelt
es sich um eine sehr außergewöhnlich grausame Vorgehensweise an einem
kleinen Mädchen. Ob diese Tat mit Ihren Erlebnissen im Zusammenhang steht
kann ich zur Stunde noch nicht beurteilen. Ich würde Sie daher gern bitten
mich, zusammen mit Ihrem Begleiter, Herrn Heinrich, an den Tatort zu
begleiten. Um ganz ehrlich zu sein, dies ist keine Bitte sondern eine
verbindliche Aufforderung“. Dies
war der Augenblick als alle sich am Tisch befindenden Personen wieder in die
Realität zurückgeschleudert wurden. Für
etwa zwei bis drei Stunden hatte die kleine Reisegesellschaft die düsteren
Ereignisse fast vergessen. Sie konnten Lachen und über so gut wie alles an
diesem Tisch reden, wenn man die Erlebnisse der letzten Nacht nicht mit in
Betracht zieht. Sogar der Hunger war zurückgekehrt und man hatte ausgiebig
gespeist. Nicht zuletzt war es vielleicht auch der gute Wein zum Essen, der
das Gemüht der kleinen Gruppe wieder angeregt hatte. War
man gerade im Begriff sich gegenseitig zu erklären und den Grund seiner Reise
den anderen mitzuteilen, so hatte der Inspektor mit seinem Erscheinen sowie
seiner Forderung jene gemütlich anmutende Runde in ihre Einzelteile zerlegt
und jeden dabei zurück in die graue und grausame Wirklichkeit befördert. Es
leuchtet wohl einem jeden ein, dass die Betroffenen nicht gerade eine
besondere Sympathie für den Inspektor hegten. Keiner war daran interessiert
an den Ort des Geschehens noch einmal zurückzukehren, aber sie hatten wohl
unter diesen Umständen keine andere Wahl. Da
es bereits schon später Nachmittag geworden war hatte man nicht vor noch mehr
Zeit zu verlieren und beschloss daher sich umgehend auf den Weg zu machen. Für
die Fahrt dorthin wurde Friedhold, jener Kutscher welcher unsere
Reisegesellschaft nach dem kleinen Unfall abgeholt und zur Poststation
gefahren hatte, ausgewählt. Es
wurde wahrlich keine Zeit verloren. Die Kutsche fuhr vor und Doran der
Inspektor bestieg gemeinsam mit seinem Mitarbeiter, dem Kommissar Mikesch als
erster die Kutsche, gefolgt von Tobias dem anderen Kutscher und Heinrich dem
älteren kleinen Mann der Reisegruppe. Die
zwei Frauen, Karla und Desiree sowie der jüngere Mann Christopher blieben im
Gasthaus der Poststation zurück. Sie hatten ohnehin nicht wirklich etwas
Brauchbares der Geschehnisse mitbekommen. Als
die Kutsche, auf dessen Kutschbock Friedhold der 2. Kutscher befand, gerade
seine Pferde antreiben wollte, hörte er das Rufen eines Mannes. „Bitte,
bitte nehmen Sie mich mit, es war doch meine Tochter der man das Leben
genommen hatte. Ich will dabei sein, wenn man herausfindet wer diese
schreckliche Tat begangen hat. Ich möchte ihm in seine teuflischen Augen
blicken und er soll meinen ganzen Hass spüren. Er soll wissen, dass ich ihn
auch töten werde wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme, und ich werde diese
bekommen. Er wird um Gnade winseln denn sein Tot wird an Grausamkeit den
meiner
geliebten Tochter um ein Vieles übertreffen. Bitte nehmen Sie mich mit, meine
Tochter war doch alles was ich hatte“. „Fahren
Sie doch endlich“, forderte Doran den Kutscher auf. „Wir können diesen
Mann hierbei nicht gebrauchen“. Es
war wahrlich ein mehr als nur trauriger Anblick der sich den Zurückbleibenden
bot. Die Kutsche zog an und fuhr fort. Friedrich der Bauer der so sehr seine
Bitte geäußert hatte lief noch ein Stück hinter der Kutsche her. Dabei
liefen ihm die Tränen über sein Gesicht. Sein Weinen klang eher nach einem
klagenden Trauergesang der jeden Menschen durch Mark und Bein drang. Unsere
drei zurückgebliebenen Reisenden betraten wieder die kleine gemütliche
Gaststube, obwohl im Augenblick jene Gemütlichkeit weder spürbar war noch
irgendjemanden interessierte. Man
setze sich schweigend an einen Tisch. Keinem war in diesem Moment nach Reden
zumute. Christopher,
der junge Mann war der Erste, der seine Sprache wiederfand. „Eine
wahrlich sehr aufregende wie auch interessante Reise“, beteuerte er, wobei
er den kläglichen Versuch unternahm ein Lächeln auf seine Lippen zu zaubern,
was ihm allerdings nicht so recht gelang. Fast
schon entsetzt sahen ihn Karla und Desiree an. „Wie
können Sie so etwas sagen“? Die Stimme von Karla war scharf und strafend. „Wir
wollen uns jetzt nicht auch noch streiten. Herr Christopher hat es sicherlich
nicht so gemeint“, mischte sich jetzt auch Desiree in das Gespräch ein. „Zudem
wissen wir noch gar nicht was wirklich geschehen ist. Das mit dem kleinen Mädchen
ist tragisch, aber wenn wir uns hier gegenseitig Vorwürfe machen ändern wir
auch nichts an dieser Tatsache. Wir können im Augenblick nichts weiter tun
als zu warten“, sagte Desiree. Die
Zeit verging sehr langsam. Es hatte den Anschein, als wäre sie
stehengeblieben. Minuten wurden zu Stunden. Langsam
senkte sich die Sonne dem Horizont zu und die Nacht kündigte sich an. Noch
immer warteten die drei Personen der Reisegruppe. Es wurde während der
gesamten Zeit nur sehr wenig gesprochen. Erst
als es bereits eine halbe Stunde dunkel war, hörte man die Kutsche, wie sie
sich näherte. Zwei Minuten später hielt sie direkt vor dem Gasthof. Während
die Fahrgäste ausstiegen, sprang Friedhold der Kutscher von seinem Bock und
begann damit die Pferde auszuspannen. Tobias,
Heinrich, der Inspektor und der Kommissar betraten den Gastraum. Der
Kutscher Tobias und Heinrich erschienen sehr mitgenommen. Ihre Gesichter waren
fahl und blass. Es
war nicht schwer zu erkennen, dass die zwei noch einmal mit der jüngsten
Vergangenheit konfrontiert worden sind, was bestimmt nicht leicht für die
beiden war. Der
Inspektor sowie sein Gehilfe, der Kommissar folgten ihnen. Zusammen gingen sie
unverzüglich auf den Tisch zu, an denen unsere drei Zurückgebliebenen saßen.
„Sie
gestatten“, fragte der Inspektor und setzte sich ohne eine Antwort
abzuwarten. Als die gesamte Gesellschaft am Tisch Platz genommen hatte, begann
der Inspektor mit seinem Bericht. „Herr
Tobias zeigte mir die Stelle an der er, zusammen mit Herrn Heinrich, seine fürchterliche
Entdeckung machte. Eine Leiche war selbstverständlich nicht mehr vorhanden,
dafür gab es aber eine Vielfalt von Hinweisen und Spuren. Da waren erst
einmal die Blutspuren welche den ganzen Boden bedeckten. Ich muss dazu erwähnen,
dass die Kindesleiche bereits von den örtlichen Behörden abgeholt wurde. Was
allerdings sehr merkwürdig erschien war die Tatsache, dass wir nicht weit von
dieser Stelle etwas gefunden haben von dem wir noch nicht wissen wie wir
diesen Fund deuten sollen. Es handelt sich hierbei um eine tote Katze. Auch
diese Katze war in einem fürchterlichen Zustand. Man brauchte schon sehr viel
Phantasie um dieses Wesen als Katze zu identifizieren. Ich habe das Tier
mitgenommen um es dem Bauern Friedrich zu zeigen, vielleicht kennt er ja
dieses Tier. Des Weiteren war der gesamte Waldboden völlig aufgewühlt und
wir fanden eine große Anzahl an Haaren unterschiedlichster Art. Der aufgewühlte
und völlig durchnässte Waldboden ließ keine genauen Spuren erkennen, nur so
viel, dass sich meines achtens etwas dort aufgehalten haben muss, was
Hufspuren hinterlassen hat. Ich kann nicht sagen wovon diese Hufspuren
stammen, nur so viel, dass sie nicht von einem Pferd sind“. Damit
schloss der Inspektor seinen Redefluss. Der Kommissar sagte dafür kein Wort.
Er war ohnehin ein sehr schweigsamer Mann, der dafür stets nachdenklich
wirkte. „Ich
habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Blut auf einmal gesehen“,
meldete sich nun Tobias zu Wort. „Mein Gott, wer ist zu einer solchen Tat fähig?
Was muss das für ein Wesen sein“. Darauf senkte er seinen
Kopf, den er in seine auf dem Tisch abgestützten Armen legte. „Ich
weiß überhaupt nicht mehr was ich denken soll. Es kommt mir alles wie ein böser
Traum vor und ich möchte nur noch aufwachen“, bemerkte Heinrich und
zitterte noch am gesamten Körper. Der
Inspektor und sein Kommissar erhoben sich vom Tisch, nickten noch einmal der
Reisegruppe und deren Kutscher zu und verließen darauf den Gastraum. An der Tür
drehte sich der Inspektor noch einmal kurz um und bemerkte: „Ich möchte Sie
im Übrigen bitten, sich noch solange hier aufzuhalten, bis sich die
Ereignisse aufgeklärt haben. Ich möchte mich für diese Unannehmlichkeiten
entschuldigen, aber Sie sind nun einmal die einzigen und wichtigsten Zeugen
die wir haben. Ich kann nur auf Ihr Verständnis hoffen“. Darauf
wendete sich der Inspektor wieder dem Ausgang zu und verschwand aus der
Gaststube. Die
vier Reisenden sowie der Kutscher schauten sich nur an. Keiner war in diesem
Augenblick fähig, auch nur ein Wort zu diesem Thema zu sagen. Es bestand
zwischen den Betroffenen ein Gefühl der Ohnmacht, welches sich aus den
Aspekten von Handlungsunfähigkeit und mangeldem Wissen zusammensetzte. Es war
eine unerträgliche Situation der Hilflosigkeit. Die Tatsache des
Bewusstseins, nicht im geringsten handeln zu können war keine gute
Ausgangssituation für die Reisegesellschaft. „Wie
ich die Sache einschätze, sitzen wir hier bis aufs Nächste fest“, warf
Tobias, nach einer Weile als erster in den Raum. Es schien als hätte er
bisher als einziger die Situation erkannt. „Ich weiß zwar nicht aus welchem
Grund Sie sich auf dieser Reise befinden und wohin Sie wollen, geschweige
welchen Zweck diese Fahrt für Sie erfüllen soll, ich jedoch bin Kutscher und
muss mir mein Geld damit verdienen, dass ich ständig von A nach B fahre. Ich
kann mir somit keinen Ausfall und damit keine Zeitausfälle leisten“. Seine
Worte klangen ziemlich verbittert und es bedarf keiner besonderen
Menschenkenntnis um zu erkennen, dass er sich große Sorgen um seine Existenz
machte. Als
hätten die Anderen der Reisegruppe ein schlechtes Gewissen, was die Zeit und
Unabhängigkeit betraf, hörten sie dem Kutscher nur schweigend zu ohne sich
dazu zu äußern. Eher schaute man verschämt nach unten. „Wer
weiß, vielleicht ist morgen der ganze Spuk schon vorbei und die Angelegenheit
hat sich aufgeklärt“, erwiderte nach einer kurzen Pause Christopher jener
junge Mann der Reisegruppe. „Ich schlage vor, wir nehmen noch ein Nachtmahl
zu uns und begeben uns dann zu Bett, der Tag heute war anstrengend genug“. Gesagt
getan, so machten es sich fünf Leute, die einander nicht kannten die jedoch
vieles verband, am Tisch bequem und bestellten sich etwas zum Essen sowie zum
Trinken. Eigentlich
bemerkte ein jeder erst jetzt, dass er einen ungewöhnlich großen Hunger
hatte. Dies war insofern auch nicht weiter verwunderlich, da man den ganzen
Tag nichts rechtes zu sich genommen hatte. Man
entschloss sich für Brot, Käse und ein wenig Bauernwurst. Dazu bestellten
sie sich gemeinsam eine guten Krug Wein. Jeder war der Meinung sich diesen
Wein redlich verdient zu haben. Wenige
Minuten später saß man gemeinsam beim Essen und genoss den guten Tropfen. Es
dauerte auch nicht lange und ein zweiter Krug von dem Wein wurde bestellt. Mit
jedem Becher von diesem edlen Tropfen schienen sich die grauen Schleier welche
den Tag überschattet hatten, mehr und mehr zu verziehen, und nach ca. einer
Stunde war jegliche schlechte Laune verschwunden. Der Wein sorgte sogar dafür,
dass die kleine Gruppe am Tisch zunehmend redseliger wurde. „Wir
sollte die ganze Sache wie ein Abenteuer betrachten“, sagte Desiree, eine
der beiden Frauen. Im gleichen Augenblick bekam sie jedoch einen hochroten
Kopf, hatte sie doch bemerkt, dass ihre Aussage etwas unangebracht schien.
Schließlich war ein Kind auf grausame Art und Weise ermordet worden und alle
Beteiligten hatten recht unangenehme Erfahrungen machen müssen. Zu guter
Letzt wurde sogar die Existenz des Kutschers gefährdet, obwohl er doch jener
war, der sich am meisten engagiert hatte. „Was
ist nur aus dieser Welt geworden“? bemerkte Karla. Es schien als wollte sie
von der peinlichen Bemerkung jener Desiree ablenken. „Als gäbe es nicht
schon genug schlimmes auf dieser Welt. Und dann noch hier, an einem Ort der so
friedlich erscheint. Was wohl Friedrich, der Vater des kleinen Kindes jetzt
macht. Ich wünschte man könnte ihm helfen“. Heinrich
bestellte noch eine weiteren Krug vom Wein und keiner der Anwesenden legte
dagegen Widerspruch ein. Dann wandte er sich an Desiree und fragte: „Was
führt Sie eigentlich auf diese abenteuerliche Reise“? Dabei lächelte er
ein wenig verschmitzt, da er auf den Versprecher von vorhin anspielte. Sofort
schoss das Blut wieder in das Gesicht der jungen Frau. „Ich habe ein Angebot
an einem Theater, sie müssen wissen, ich möchte Schauspielerin werden.
Bislang habe ich nur kleine Rollen in den Dorftheatern gespielt. Ich glaube,
dass dieses Angebot meine große Chance sein könnte“. „Und
was hat Sie zu dieser Reise bewogen“? Heinrich wandte sich mit seiner Frage
dem jungen Herrn Christopher zu. Dieser
setzte seinen Becher ab aus welchem er gerade getrunken hatte. „Ich bin von
Beruf aus Buchautor und schreibe Reiseberichte, studiere aber hauptsächlich
Geschichte und Altertum", erwiderte er. „Na
dann haben Sie ja jetzt eine richtig große Geschichte“, warf Karla in die
Runde. „Eine spannendere Geschichte werden Sie wohl so schnell nicht wieder
bekommen“. Ihre Stimme klang etwas verhöhnend, woran aber der Wein schuld
war. „Und
Sie Heinrich, was machen Sie so“? Tobias der Kutscher schaute bei seiner
Frage dem älteren Herrn direkt in die Augen. Er schien verzweifelt und zornig
zugleich, was auch zu verstehen war. Jeder schien ein gutes Auskommen zu
haben, nur er musste um sein tägliches Brot sehr schwer arbeiten und nun
schien sein ohnehin schon schmales Einkommen auch noch gefährdet. „Ich
bin ein Mensch der früher, in jungen Jahren, einmal als erfolgreicher
Kaufmann sesshaft gewesen ist. Dann habe ich meine Frau und damit alles was
mir je etwas bedeutet hat verloren. Seither bin ich, um meinen Lebensunterhalt
zu bestreiten, als Handelsreisender unterwegs. Sie wissen schon, dass sind
jene Leute, welche sich mit relativ wenig Erfolg aber viel Einfallsreichtum
durchs Leben schlagen und dabei niemals zur Ruhe kommen. Aber was soll ich
schon noch tun? Ein Zuhause, in dem Sinne, besitze ich nicht mehr. Ich bin
allein auf dieser Welt und versuche meine Zeit herum zu bekommen, bis meine
Stunde endlich geschlagen hat. Bis dahin muss ich jedoch für mein Leben
arbeiten. In meinem Alter ist man als Arbeitskraft aber nicht mehr so gefragt
wie die jungen Leute. So habe ich mich halt für diesen Weg entschieden. Ja,
dass ist meine Geschichte, mein Leben wenn man so will. Ich habe es mir auch
einmal anders vorgestellt, aber es sollte wohl anders kommen, nun muss ich
diesen Weg einfach nur noch zu Ende bringen, dann ist das Werk vollbracht“.
Dabei schaute er den Kutscher ein wenig traurig an. „Entschuldigung,
es war nicht so gemeint, bitte nehmen Sie es nicht persönlich. Ich bin mit
meinen Nerven einfach am Ende. Ich habe heute zu viel gesehen und auch erlebt,
und dann noch der Herr Inspektor und sein stummer Kommissar, die beiden
platzen förmlich vor Selbstbewunderung. Ich will einfach nur zurück auf
meinen Kutschbock und diesen düsteren Ort weit hinter mich lassen. Hier werde
ich das Gefühl nicht los an den Pforten der Hölle zu stehen um jeden
Augenblick dem Leibhaftigen direkt gegenüberzutreten". „Wenn
ich an die Spuren im Wald denke und mich an die Schatten erinnere welche wir
gesehen haben, dann schaudert es mich jetzt noch. Auch ich könnte mir einen
schöneren Ort als diesen zurzeit vorstellen“, lies Heinrich durchblicken. „Ich
glaube es geht uns allen nicht anders“, sagte Frau Karla. „Wir haben in
den letzten vierundzwanzig Stunden mehr als genug erlebt. Ich schlage vor,
dass wir noch unsere Becher leeren und dann zu Bett gehen, es ist ohnehin
schon gleich wieder Mitternacht“. Keiner
der Anwesenden hatte etwas gegen diesen doch sehr vernünftigen Vorschlag
einzuwenden. Auch der Wirt und Inhaber der Poststation schien über den
Vorschlag sehr erfreut zu sein. Auch er war müde und sehnte sich nach diesem
Tag nur noch nach seinem Bett. Dazu kam noch die Tatsache, dass er derjenige
war, der morgenfrüh als erster, lang vor den anderen aufstehen musste. So
dauerte es auch nicht mehr lange und nach etwa einer weiteren Stunde war in
der Poststation jegliches Licht erloschen und Schweigen legte sich über das
Gehöft. |
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2. Kapitel Eine unruhige Nacht mit Folgen
Ruhig und friedlich lag das Haus der
Poststation im Licht des Mondes. Alles war still. Nur aus einem Fenster
hörte man ein Schnarchen. Dies kam von unserem Kutscher Tobias. Ein
sehr fahles sowie schwaches Licht war aus einem kleinen Fenster an der Rückseite
des Hauses zu erkennen. Dies war der Teil, indem das Dienstpersonal
untergebracht war. Hier hatten der Inspektor und sein Kommissar ihr
Quartier bezogen. Es schien als könne der Inspektor keinen Schlaf in
dieser Nacht finden. Immer wieder gingen ihm die Bilder des Tages durch
den Kopf. Er blickte auf eine Dienstzeit von mehr als fünfundzwanzig
Jahre zurück, aber einen solch grausamen Leichenfund war ihm in seiner
gesamten Laufbahn nicht untergekommen. Es war nicht einfach diese Bilder
nüchtern und neutral zu betrachten. Im Grunde war der Inspektor ein
warmherziger Mann. Seine vorgegebene Härte war eher ein Schutzwall für
ihn. Immerhin, was keiner wissen konnte, hatte er selbst vor zwölf
Jahren seine Frau und seine kleine Tochter im Alter von zwei Jahre, bei
einem Unfall, der nie geklärt wurde, verloren. Ein Verlust, den er bis
zum heutigen Tag nie überwunden hat. Und nun diese Geschichte, das
kleine Mädchen hätte genauso gut seine eigene Tochter sein können. Wie
es wohl in diesem Augenblick dem Bauern Friedrich erging, dachte er.
Dieser war schließlich der Vater des kleinen Mädchens welches auf so
grausame Weise zu Tode gekommen war. Auch der Bauer hatte erst vor einem
Jahr seine geliebte Frau, nach zehn Jahren Ehe durch eine Krankheit
verloren. Es gibt Menschen die einfach vom Pech verfolgt sind, dachte
der Inspektor indem er seine Augen schloss und den Versuch unternahm in
den Schlaf zu gelangen. Ein
Zimmer weiter schlief der Kommissar bereits seit einiger Zeit. Er war
nicht so betroffen von den Ereignissen, für ihn war es einfach nur ein
Job, sein Job. In seinen Händen hielt er noch das Notizbuch indem er
noch zuvor seine Eintragungen gemacht hatte und wahrscheinlich darüber
eingeschlafen war. Nach ungefähr fünf weiteren Minuten lag nun endlich
das gesamte Haus im Dunkel der Nacht. Zu dieser Zeit war es etwa zwei
Uhr. Fast
gleichzeitig wurden der Kutscher wie auch der Inspektor von etwas
aufgeweckt. Keiner der beiden hätte sagen können wovon sie aufgewacht
sind. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um ein
undefinierbares Geräusch. Es war, als würde man jemanden um das Haus
laufen hören, wobei es sich jedoch nicht um die Schritte eines Menschen
handeln konnte, darin waren sich die beiden Männer einig. Auch konnte
keiner etwas durch sein Fenster erkennen. Im Glauben, es könne sich um
einen Traum gehandelt haben, legte sich der Inspektor wieder zu
Bett und versuchten erneut einzuschlafen, was ihm auch nach kurzer Zeit
gelang. Tobias hingegen war fast automatisch wieder mit den Mythen beschäftigt,
wie er diese nun einmal, bereits als Kind, kennengelernt hatte. Dieser
Aberglaube hatte sich seit jeher in seinem Gedächtnis tief eingegraben.
Selbst wenn er gewollt hätte, es wäre ihm kaum gelungen, jenes alt
eingeprägte Muster abzulegen. Für Tobias stand nun einmal unumstößlich
fest, dass es sich hierbei um eine höhere, dunkle Macht handelt, welche
ihr Unwesen treibt. Er glaubte auch aus diesem Grund, dass die Geräusche
ums Haus daher kommen würden. Es gibt jedoch keinen Anlass dafür,
diesen Mann für sein Verhalten sowie seine Einstellungen zu beurteilen.
Im alltäglichen Leben war er ein sehr zuverlässiger und herzensguter
Mensch. Dennoch
konnte man sagen, dass diese Nacht für jeden der Beteiligten mehr oder
weniger unruhig und von schlechten Träumen begleitet verlief. Endlich
dämmerte der Morgen. Es deutete alles daraufhin, dass dies ein sehr schöner
Tag werden würde, zumindest was das Wetter betraf. Langsam kämpfte
sich die Sonne durch den aufsteigenden Nebel, bis sie endlich diesen völlig
besiegt hatte. Auf den Wiesen und Sträuchern am Wegrand der Straße lag
noch der letzte Tau des Morgennebels. Es war ein wunderbarer Anblick, da
bereits auch die Blätter der Bäume und Sträucher sich in den
buntesten Farben verfärbten. Ein unübertroffenes Schauspiel der Natur.
Leider hatte keiner zurzeit die richtige Einstellung um jene Pracht zu würdigen.
Mit den ersten Sonnenstrahlen
kamen aber auch die Lebensgeister unser Reisenden sowie anderwärtig
Beteiligten wieder. War der gestrige Tag auch grau und voller
Unannehmlichkeiten gewesen, so schienen diese nur noch die Erinnerung
der Betroffenen zu bewegen, was jedoch nicht auf den Bauern Friedrich
zutraf. Dieser wäre am liebsten überhaupt nicht mehr wach geworden. Für
ihn hatte das Leben jeden Sinn verloren. Langsam wurden auch die Letzten
der Anwesenden geweckt, da man deutlich das laute Geräusch der
ankommenden Kutsche vernehmen konnte. Das Leben geht eben weiter. So
blieb es auch nicht aus, dass neue Reisende ankamen und andere dafür
ihre Fahrt fortsetzten. Auf einer solchen Poststation war eben ein Ort
des ständigen Kommens und Gehens. So
langsam füllte sich auch die Gaststube der Poststation mit jenen, die
diese Nacht hier übernachtet hatten. In kurzer Zeit waren die wenigen
Tische belegt. Eine junge Frau, die hier zu arbeiten schien, kam um die
Bestellungen zum Frühstück aufzunehmen. Mit Sicherheit war sie um
diese doch sehr stressige Arbeit nicht zu beneiden, doch der Mensch lebt
nicht vom Brot allein. Unsere
kleine Reisegruppe hatte wieder den gleichen Tisch wie am Vortag
besetzt. Es fehlte nur Tobias der Kutscher. Auch von Doran, dem
Inspektor und sein Gehilfe war noch nichts zu sehen. Sollten sie
verschlafen haben? Eine Vorstellung, an die keiner der Anwesenden
wirklich glauben konnte. Waren es doch gerade diese Herren, welche den
Begriff "Pünktlichkeit" sehr ernst nahmen. Dennoch hatten
alle anderen das Gefühl sich keine Sorgen machen zu müssen. „Wer
weiß was denen dazwischen gekommen ist, sie werden bestimmt bald
auftauchen“, sagte Karla, eine der beiden Frauen überzeugend. Die
Anderen der Gruppe schlossen sich ihrer Meinung an. „Ich weiß zwar
nicht wie Sie geschlafen haben, aber für mich war diese Nacht
grausam“. Bemerkte Desiree. „Zum einen der unruhige Schlaf, immer
wieder wurde ich wach und wünschte zu Hause in meinem Bett zu liegen,
doch die Wahrheit war stets endtäuschend, und dann diese verrückten Träume.
Ich hatte zeitweilig sogar Angst vor den Träumen oder wieder
einzuschlafen. Ich hoffe, wir müssen nicht noch eine solche Nacht hier
verbringen“. Man
konnte ihr die Anstrengungen der vergangenen Nacht deutlich ansehen.
Ihre Augen hatten dunkle Ränder und auch ihr Körper bebte vor innerer
Unruhe. Auch den Anderen schien es nach ihren Aussagen nicht viel anders
ergangen zu sein. Keiner erwähnte jedoch die nächtlichen Geräusche.
Es schien, als hätten wirklich nur der Inspektor sowie der Kutscher
diese vernommen. Es waren kaum mehr als fünfzehn Minuten verstrichen
als das bestellte Frühstück serviert wurde. Noch immer waren der
Kutscher und der Inspektor samt seinen Gehilfen, dem Kommissar nicht
erschienen. So begannen obwohl keiner so richtig Hunger hatte, Karla,
Heinrich, Christopher und Desiree mit ihrem Frühstück. Obwohl dieses
sehr schmackhaft aussah, machte es den Anschein, als müssten jene
besagten Personen sich jeden einzelnen Bissen herunter quälen.
Dementsprechend verlief das Essen auch sehr langsam. Dann
plötzlich, nach einiger Zeit, öffnete sich die Tür zur Gaststube.
Hereintraten der Inspektor mit seinem Gehilfen und Tobias der Kutscher.
Sie steuerten unbeirrt auf den
Tisch der kleinen Reisegruppe zu und setzten sich erst einmal. Mit dem
Eindruck eines mehr oder weniger schlechten Gewissens der Verspäteten,
nahmen die Herrschaften mit den Worten: „Ich
wünsche Ihnen einen guten Morgen, sowie einen guten Appetit. Bitte
entschuldigen Sie unsere Verspätung, aber es haben sich neue Ereignisse
ergeben, die erst einmal überprüft werden mussten“. Tobias
der Kutscher hatte bisher noch kein Wort gesagt, was er jetzt jedoch
nachholte. „In der Nacht, so eher gegen Morgen bin ich von etwas
erwacht. Es muss sich um ein Geräusch gehandelt haben, welches ich
jedoch nicht einordnen konnte. Ich berichtete dem Inspektor davon und
dieser erklärte mir, dass es ihm genau so ergangen war. Wir konnten
also eine Einbildung oder einen Traum ausschließen. Heute Morgen haben
wir uns deshalb auf Spurensuche um das Haus und dessen Nähe begeben. Wo
Geräusche sind, befinden sich in der Regel auch Spuren des
Verursachers. Obwohl der Inspektor und ich unterschiedlicher Meinungen
sind, waren wir uns jedoch darüber im Klaren, dem Geräusch auf die
Spur zu kommen. „Und“,
Karla schien mit einem Ruck hellwach zu sein, „spannen Sie uns doch
nicht so auf die Folter. Haben Sie Ihre Spuren gefunden, und wenn ja, um
was für Spuren handelte es sich dabei“? Der
Inspektor machte einen sehr ruhigen Eindruck auf die Anwesenden. „Ich
bitte Sie, wir wollen doch nicht die Nerven verlieren. Eines nach dem
Anderen. Ja, was der Kutscher, Herr Tobias berichtet hat stimmt. Heute
Morgen, so gegen drei oder vier Uhr hat er mich in meinem Zimmer
aufgesucht um mir von seinen Erlebnissen zu berichten. Ich war bereits
wach, da ich das Gleiche erlebt hatte. Nach einem kurzen Gespräch
einigten wir uns jedoch darauf bis zum Morgen zu warten und im Licht
nach etwaigen Hinweisen oder Spuren zu suchen“.
„Und, haben Sie etwas gefunden“? Wieder war es Karla, die
ihre Unruhe nicht unterdrücken konnte. Aber auch den Anderen, die
bislang ruhig geblieben waren, konnten ihre Aufregung nun nicht mehr
verheimlichen. Der Inspektor und der Kutscher sahen sich einander an, so
als wollten sie klären, wer nun über die Ereignisse berichten sollte.
Dann, nach einem kurzen Augenblick begann der Inspektor zu berichten.
„Also“, begann er, „wir hatten beide etwas in den Morgenstunden
vernommen. Herr Tobias kam zu mir und berichtete von seinen Erlebnissen,
welche sich genau mit meinen deckten. Nachdem wir uns besprochen hatten,
einigten wir uns darauf, gleich in den frühen Morgenstunden zu erkunden
was sich ereignet hatte. In der Dunkelheit hätten wir ohnehin nichts
ausrichten können. Zudem kam noch die Tatsache hinzu, dass wir nicht
wussten nach was wir überhaupt suchen sollten“. Der Inspektor machte eine Pause,
welche Tobias nutzte um das Gespräch weiterzuführen. „Ich kann nicht
sagen dass es sich bei der Wahrnehmung um ein Geräusch handelte oder ob
etwas anderes mich aus meinem Schlaf aufgeschreckt hat“. Das Gesicht
des Kutschers war sehr ernst. „Ich will nicht behaupten Angst gehabt
zu haben, aber in Anbetracht der gesamten letzten Ereignisse, welche uns
hier noch immer festhalten, war es doch unheimlich oder eher bedrückend.
Es war, als würde irgendjemand oder irgendetwas um das Haus schleichen.
Dabei könnte ich nicht einmal sagen, ob es sich hierbei um einen
Menschen oder etwas anderes gehandelt haben könnte. Mein Gott, ich muss
noch immer an die Schatten denken, welche Heinrich und ich am Tatort
gesehen haben. Diese hatten überhaupt nichts menschliches, eher etwas
teuflisches. Damit beendete er seinen Bericht“. Die Anderen saßen wie
gebannt am Tisch und lasen buchstäblich jedes Wort von den Lippen des
Kutschers und des Inspektors. Obwohl man keine Steigerung der Spannung
erwartet hätte, kam es noch dramatischer.
Der
Inspektor, der für einen Augenblick selbst nur dem Bericht des
Kutschers zugehört hatte, nickte nur zustimmend und ergriff wieder das
Wort. „Es ist genauso wie es der Herr Tobias gesagt hat. Wir waren
auch nicht erfolgslos bei unserer Spurensuche gewesen. Genau wie am
Tatort fanden wir auch, um das gesamte Haus herum aufgewühltes
Erdreich. Auch ein paar Hufabdrücke konnten wir finden. Es handelte
sich dabei jedoch nicht um Pferdehufe wie bereits am Tatort, sondern
eher um Rehspuren, nur dass diese sehr viel größer und schwerer waren.
Um ganz ehrlich zu sein, ich kenne kein Tier, dass so große Spuren in
dieser Form hinterlässt. Diesbezüglich bin ich mit meinem Latein am
Ende. Ich habe aus diesem Grund den Förster aus dieser Gegend
benachrichtigt und ihn gebeten einmal vorbeizuschauen und sich diese
Spuren anzusehen, vielleicht kann er uns ja weiterhelfen. Zudem haben
wir aber am Zaun des Hauses noch einige wenige Haare gefunden. Es
handelt sich aber eher um schwarze Borsten, welche auch von ungewöhnlicher
Größe sind, mit Haare hatten diese Dinger nichts zu tun“. Der
Inspektor machte einen sehr hilflosen Eindruck. "Wenn wir keine
Erklärung finden, sitzen wir noch am Nimmerleinstag hier“, bemerkte
Desiree und sah sich schon in diesem Ort zur alten Frau werden. „Ich
habe Ihnen gleich gesagt, dass es sich um den Leibhaftigen persönlich
handelt“ erwiderte der Kutscher. „Er hat gesehen, dass wir ihn am
Tatort beobachtet haben und nun ist er hinter uns und unseren Seelen
her. Es wird der Morgen kommen, an dem man uns alle mit einem
Genickbruch vorfindet, dann haben Sie ihre Erklärung“. Tobias schien
außer sich vor Angst und Ärger. Auch
den Anderen war der Schreck in die Glieder gefahren. Hatten sie bisher
einfach nur gehofft heute weiterreisen zu können, so hatte sie jetzt
die Angst kalt erwischt. Selbst die gemütliche Gaststube wurde mit
einem Schlag zu einem unheimlichen und bedrohenden Ort. Vor dem Teufel
war man nirgends sicher, dass wusste jeder. Ihm konnte man nicht
entkommen. „Was sollen wir nur tun“? Flehte Desiree in die Menge und
brach gleichzeitig in Tränen aus. "Wäre ich doch nur zu Hause
geblieben, meine Mutter hatte gleich gesagt, dass mir diese Reise kein
Glück bringen würde, aber dass mich nun der Satan persönlich zu sich
holt hätte ich mir nie träumen lassen. Bitte lieber Gott, beschütze
mich und meine Seele, bitte, bitte hilf mir“. Die Tränen flossen ihr
nur so die Wangen hinunter und es war zu befürchten, dass sie einen
Weinkrampf bekommen würde. Es war der junge Christopher der die runde
mit einem unerwarteten Zwischenruf auf den Boden der Tatsachen zurückholte.
„Eine Runde Schnaps für uns alle“! rief er mit lauter und
energischer Stimme dem Gastwirt zu. „Ich muss Sie wohl daran erinnern,
dass wir alle erwachsene Menschen sind. Wie können erfahrende
erwachsene Menschen einen solchen Schwachsinn reden und damit junge
Frauen zu Tode erschrecken“? Mit
diesen Worten ergriff er sein Glas mit dem Schnaps, den der Wirt eben
gebracht hatte und trank es mit einem Zug hinunter. „So, jetzt geht es
mir schon wieder etwas besser“, sagte er und stellte das Glas ab. Die
Anderen folgten seinem Beispiel. Nur die beiden Frauen schüttelten sich
nach diesem kräftigen Getränk. Sogar der Inspektor und sein Gehilfe
der Kommissar hatten von dem Schnaps getrunken. „Der erweckt wirklich
Tote wieder zum Leben“, sagte der Kommissar Mikesch und bemerkte im
gleichen Augenblick, dass dieser Satz wieder einmal nicht gerade in jene
Situation passte. Jedoch versuchte er erst gar nicht sich zu verbessern,
um nicht noch alles zu verschlimmern. Auch Desiree hatte mit dem Weinen
aufgehört. Sie schluchzte zwar noch ein wenig, beruhigte sich aber
zunehmend. „Ich schlage vor, wir begutachten zuerst alle gemeinsam
jene Spuren um das Haus. Danach können wir uns in der Gaststube an
einen Tisch setzen, vielleicht etwas essen und dabei beraten, was wir
nun unternehmen wollen, wir können schließlich nicht noch tagelang
hier verweilen. Zudem müssen wir sowieso auf den Förster warten.
Vielleicht kann er sogar Licht in die ganze mysteriöse Sache bringen
und vielleicht gibt es sogar eine ganz einfache Erklärung für all
das“. Der junge Christopher sagte diese Worte mit einer Überzeugungskraft,
dass keiner auch nur den Versuch eines Widerspruches unternahm. "Ich
hätte gern noch eine Runde vom diesem edlen Tropfen", rief nun
Heinrich dem Wirt zu. Er hatte die wundersame Wirkung des Getränks
erkannt. Der Wirt reagierte umgehend und servierte seinen Gästen noch
eine weitere Runde des gebrannten Getränkes. Gegenseitig prostete sich
die kleine Gesellschaft zu und sogar die beiden Frauen hielten sich
diesmal nicht im Geringsten zurück. „Es ist immer nur der Erste der
Probleme macht, genauso wie im Leben“, sagte Karla und der Rest der
Gesellschaft konnte daraufhin das Lachen nicht unterdrücken. Es war das
erste Mal, dass diese kleine Runde gemeinsam Lachte. Für einen kurzen
Augenblick schien es als würde die Sonne direkt in den Raum scheinen
und das Herz eines jeden Anwesenden berühren. „Aller guten Dinge sind
drei“, sagte in diesem Augenblick Doran der Inspektor und bestellte
noch einmal eine Runde von dem wundersamen Schnaps. „Wer hätte das
Gedacht“, meinte Christopher, „unser Inspektor hat ja direkt
menschliche Züge“. Dabei lächelte er, während der Inspektor den
Anderen zuprostete. Kein
Augenblick hätte günstiger sein können um die befreiende Stimmung,
welche gerade aufzukommen schien, negativ zu beeinflussen. Genau in
diesem Moment flog mit einem lauten Knall die Tür zur Gaststube auf und
im Raum stand Friedrich der Bauer, der Vater des kleinen ermordeten Mädchens.
Sein Gesicht war blass. Auch konnte man nicht genau erkennen, ob es Tränen
waren oder Schweiß, was dieses blasse Gesicht so nass erschienen ließ.
Er war völlig außer Atem und sein gesamter Körper bebte. Noch während
er nach Luft rang rief er: „Es ist Susi, die Katze, Susi. Sie war die
Katze meiner kleinen Tochter. Mein Gott, wer tut so etwas, welches
Ungeheuer ist zu einer solch grausamen Tat fähig. Ist das nicht
Krank“? Seine Verzweiflung konnte einem das Herz brechen. Jeder der
Anwesenden stand einfach nur dar und wusste nicht wie er sich verhalten
sollte. Der Wirt brachte auch ohne Aufforderung dem Bauern einen großes
Glas von dem Brandwein. Er stellte es vor ihm auf den Tisch. Der Bauer
selbst saß zusammengebrochen auf einem Stuhl davor. „Hier, trinke er
erst einmal, dass beruhigt und lässt die Dinge in einem anderen Licht
erscheinen“, versuchte er den Bauern zu beruhigen. Mit einem Schlag
war die Eiseskälte der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit wieder in
den Gastraum eingekehrt. Keiner dachte in diesem Augenblick noch daran,
die Spuren um das Haus in Augenschein zu nehmen. Schweigend setzten sich
die Anwesenden nacheinander an den Tisch an dem Friedrich der Bauer
zusammengekauert saß. Diesmal
war es Mikesch der Kommissar, er hob einfach nur die Hand und der Wirt
wusste sofort was er meinte. Zwei Minuten später stand eine erneute
Runde von dem Brandwein auf dem Tisch. Ohne auch nur ein Wort zu
verlieren, nickten ihm die anderen zu, erhoben ihr Glas und tranken es
mit einem Zug aus. Dieser Vorgang wiederholte sich noch zweimal. Wer für
die Bestellungen zuständig war hatte man schon garnichtmehr
wahrgenommen. Langsam schlich sich, bedingt durch den Alkohol, eine
gewisse Gleichgültigkeit unter den Anwesenden ein, welche allerdings
auch zunehmend einen recht merkwürdigen Eindruck machten. Zu diesem
Zeitpunkt hätte diese Menschen wahrscheinlich nichts mehr überraschen
können. Selbst wenn der Teufel persönlich die Gaststube betreten hätte,
wäre keiner überrascht gewesen. Vielleicht hätte man ihn überhaupt
nicht wahrgenommen. Es
war aber nicht der Teufel der in diesem Moment die Gaststube betrat,
sondern der Förster. Er war zwar auf einiges vorbereitet, da er bereits
von den Geschehnissen gehört hatte, aber mit einem solch traurigen
Anblick, wie er sich ihm bot hatte er nicht gerechnet. „Ich wünschte
mir einen besseren Anblick dieser Gesellschaft“, sagte er indem er
seine Blicke in der Runde der Gäste schweifen ließ. „Ich hatte ja
schon so einiges erwartet, doch was ich hier vorfinde übersteigt selbst
meinen kühnsten Vorstellungen. Es scheint fast, als wären Sie alle
fern jeder Wirklichkeit und die Verzweiflung hat sich Ihren Emotionen
bemächtigt. Die Frage, was eigentlich vorgefallen ist kann ich wohl übergehen.
Es wird das Beste sein, Sie berichten mir von Anfang an, was eigentlich
vorgefallen ist und warum ich Sie in einem derart desolaten Zustand
antreffe“. Die Betroffenen, welche sich nun alle in der Gaststube
aufhielten, schauten diesen Mann verblüfft an. Er machte einen Eindruck
von unvorstellbarer Willensstärke und einem realistischen Denken auf
sie, dass allein seine Worte die Mut- und Hoffnungslosigkeit im gleichen
Augenblick schwinden ließen. Nur Friedrich der Bauer war unbeeindruckt.
Er war auch weiterhin vertieft in seinem Schmerz, was auch letztlich
verständlich und nicht anders zu erwarten schien. „Das
Bild, welches sich mir hier bietet, lässt in mir den Eindruck
aufkeimen, dass Sie, allesamt der Meinung sind, etwas sehr unheimlichen,
ja eher mysteriösem begegnet zu sein. Würde ich es nicht besser
wissen, so könnte ich glauben, es sei Ihnen der Leibhaftige nebst allen
Dämonen der Unterwelt begegnet. Es wird, so glaube ich, das Beste sein,
Sie berichten mir alle der Reihe nach, was Ihnen widerfahren ist“.
Wilhelm der Förster schaute alle der Anwesenden durchdringend an.
Dennoch hatte sein Blick das gewisse Etwas, was in den Menschen einen
Funken an Mut und Zuversicht weckte. Er war ein einfacher Mann, der
nicht lang um den heißen Brei redete, dabei aber ein gewisses Vertrauen
in den Menschen erweckte. Kurz, man konnte ohne Übertreibung sagen,
dass man sich an seiner Seite in gewisser Weise geborgen fühlte. Er
erschien den Anwesenden im Augenblick wie ein Licht- oder
Hoffnungsschimmer am Horizont. Wilhelm setzte sich zu der kleinen Gruppe
an den Tisch. Allein seine Größe sowie seine gesamte Erscheinung
brachte den Betroffenen etwas Hoffnung in Ihr Denken. Ohne dass auch nur
ein einziger ein Wort sagte war man sich einig. Wenn es jemanden gab,
der Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen konnte, dann war es
dieser Mann. Er schaute auf die leeren Gläser und bemerkte, „wie ich
unschwer sehen kann, haben Sie bereits ihren Kummer bekämpft oder es
zumindest versucht. Ich könnte auch einen Schluck von diesem Getränk
vertragen und würde Sie gern, soweit Sie noch möchten oder dazu noch
imstande sind, zu einer Runde einladen“. Keiner der Anwesenden
verneinte dieses Angebot, und so brachte der Wirt erneut eine Runde des
Brandweines. Der Förster blickte in die Runde, ergriff sein Glas und
sagte: „Auf das wir die Wahrheit herausfinden“. Dann leerte er sein
Glas mit einem Zug und die Betroffenen taten es ebenso. „Wer also möchte
mit der Geschichte, so wie sie sich zugetragen hat beginnen“? Der Förster
schaute bei seiner Frage in die Runde. Es war Tobias der Kutscher, der
sich als erster zu Wort meldete. Den Anderen war es nur recht, schließlich
hatte er die ganze Angelegenheit vom ersten Augenblick erlebt. So begann
er zu berichten. Hin und wieder kam von den Anwesenden ein ergänzender
Einwurf, welcher aber nicht wirklich von Bedeutung war. Wilhelm
der Förster hörte geduldig und aufmerksam zu ohne den Kutscher bei
seiner Ausführung der Geschehnisse auch nur ein einziges Mal zu
unterbrechen. Es war wirklich bewundernswert, wie ein Mann so geduldig
und gleichzeitig interessiert dem Bericht eines anderen folgen konnte.
Zumal er dabei nicht einmal den Eindruck erweckte, ungeduldig zu sein
oder auf das Ende der Ausführungen zu warten. Es war ein
bemerkenswerter Mann, der allein durch seine Anwesenheit eine
unbeschreibliche Ruhe und Zuversicht verbreitete. Nach
Tobias berichtete Heinrich, der kleine ältere Mann der Reisegruppe, der
mit Tobias zur Erkundung aufgebrochen war, von seinen Eindrücken. So
folgte einer dem anderen mit seinem Bericht und deren Interpretation.
Nur bei Friedrich dem Bauern, der am schwerstes betroffen war, erschien
eine genaue Auskunft so gut wie unmöglich. Noch immer schien er unter
dem Schock der Ereignisse zu stehen, was auch nicht verwunderlich war. Wilhelm
der Förster hörte geduldig allen Anwesenden zu. Hin und wieder legte
sich seine Stirn in kleine Falten, aber er unterbrach keinen der Leute
bei ihrem Bericht. Erst als alle mit ihrem Bericht am Ende waren, ließ
er einen Augenblick des Schweigens verstreichen. Man konnte förmlich
sehen, wie seine Gedanken arbeiteten. „Hmm“, gab er nach einer Weile
von sich. „Ich würde doch gern den Ort im Wald sowie den um das Haus
herum betrachten, um mir meine eigene Meinung zu bilden“, sagte er
darauf. „Da es noch eine Weile hell sein wird und wir in der kommenden
Nacht wieder mit Regen rechnen können, würde ich vorschlagen, dass wir
uns auf den Weg machen, um die Spuren zu sichern, solange diese noch
brauchbar sind“. Er sprach ruhig und bedenklich. „Es müssen ja
nicht alle mitkommen und Dabeisein, es reicht, wenn Tobias und Heinrich
mich begleiten würden. Sie waren ja auch die Einzigen, die zu allen
Zeiten Vorort waren“. In seiner Stimme lag ein Klang, der den Eindruck
erweckte, das es sich hierbei nicht um einen Vorschlag handelte sondern
eher um eine unwiderrufliche Anordnung. Daher gab es auch keinen
Wiederspruch. Der Förster wendete sich dem Gastwirt zu und bestellte
noch einmal eine Runde von dem Brandwein, sozusagen als Scheiderunde.
„Es kann nichts schaden“, bemerkte er, „manchmal ist es wie
Medizin, die uns wieder ins Gleichgewicht bringt. „Na dann prost“,
sagte er und leerte sein Glas wieder mit einem Zug. Nun
war es für die beiden Frauen aber genug geworden. Deutlich konnte man
erkennen, wie sie dieses letzte Glas herunterwürgten und ihr Gesicht
einen gewissen Ekel erkennen ließ auch die Zunge der beiden Frauen
waren zur Belustigung der anderen sehr schwer geworden. Es
war somit beschlossene Sache. Nachdem der letzte Brandwein ausgetrunken
war, erhoben sich der Förster, Heinrich und Tobias der Kutscher um sich
auf den Weg zu machen, solange die Lichtverhältnisse noch eine Vernünftige
Beschau der Ereignisstädten zuließ. Sie verabschiedeten sich von den
anderen und begaben sich auf den Weg. „Ich schlage vor, wir suchen
zuerst den Ort im Wald auf, an dem alles begonnen hat“, gab der Förster
zu verstehen. Da nichts dagegen sprach bestieg man die Kutsche und die
Fahrt dorthin begann. Die Fahr auf dem diesmal trockenen Boden war ein
wahrer Genuss. Nach etwa fünfundvierzig Minuten hatte man ohne jegliche
Zwischenfälle das Ziel erreicht. Tobias der Kutscher hielt die Kutsche
an und machte die Pferde fest. „Ab hier müssen wir noch ein
kleines Stück durch den Wald laufen, anders ist der Ort des Geschehens
leider nicht zu erreichen“, sagte der Kutscher zu seinen Begleitern.
Keiner hatte einen Einwand und so machten sich die Drei auf den Weg.
Dieser war jedoch noch recht mühselig, da er noch immer durchweicht war
und man nur schwerlich vorankam. Nach weiteren zwanzig mühseligen
Minuten hatte man das Ziel erreicht. Es war noch immer so, wie in der
Nacht als man es zum ersten Mal aufgesucht hatte. Nur sah bei Tageslicht
alles ein wenig normaler aus. Ohne auch nur eine Frage zu stellen und
dabei vielleicht wichtige Zeit zu verlieren, begann der Förster sofort
das Gebiet des Tatortes in Augenschein zu nehmen. Ruhig und bedacht
schritt er jeden Quadratmeter der besagten Stelle ab, wobei ihm
scheinbar nichts entging. Hin und wieder blieb er stehen, bückte sich
und begutachtete den Boden etwas genauer. Als er seine Begutachtung
abgeschlossen zu haben schien, sagte er: „So, nun können wir zurückfahren
und uns den Boden um das Gasthaus herum noch einmal genau betrachten“.
Die drei Männer bestiegen die Kutsche und Tobias trieb die Pferde an um
noch rechtzeitig, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Schließlich
war man daran interessiert diese mysteriöse Angelegenheit so schnell
wie nur irgend möglich aufzuklären, um nicht noch länger hier auf
diesem Gasthof der Poststation verweilen zu müssen. Die Männer kamen
noch rechtzeitig an und begannen sofort mit der Untersuchung der Spuren
um das Haus herum. Es dauerte auch nicht lang und Wilhelm der Förster
bemerkte, dass er genug gesehen habe.
So betrat man wieder den Gastraum der Poststation. Drinnen saßen Doran
der Inspektor, Mikesch der Kommissar, Christopher und der Gastwirt der
Poststation an einem Tisch. Die beiden Frauen hatten sich zurückgezogen
um ein wenig zu schlafen, woran der Brandwein bestimmt beteiligt war.
Die vier Männer am Tisch waren im Gespräch vertieft, so dass sie
zuerst die Ankunft der anderen Drei überhaupt nicht bemerkten. Umso
erschrockener drehten sie sich zu denen um, als sie von ihnen
angesprochen wurden: „Wir hatten während Ihrer Abwesenheit eine sehr
interessante wie auch aufschlussreiche Unterhaltung mit dem Gastwirt“,
Christopher schien den Versuch zu unternehmen seinen offensichtlichen
Schreck zu verbergen. „Der Wirt hat uns eine überaus interessante wie
auch unheimliche Geschichte erzählt, die vielleicht zur Aufklärung
beitragen könnte“. „Wir
waren auch nicht untätig“, erwiderte Tobias. „Wenn ich den Förster
Wilhelm und seine Bemerkungen richtig verstanden habe, sind wir dem Rätsel
dicht auf der Spur“. „Ich glaube, da haben Sie etwas falsch
verstanden“, bemerkte der Förster. „Ich habe lediglich gesagt, dass
ich, für das Erste genug gesehen habe. Dazu muss ich auch noch zugeben,
dass es einiges gibt, für was ich keine Erklärung habe“. Wilhelm
machte ein leicht verlegendes Gesicht, als wolle er sich entschuldigen,
dass er das Rätsel nicht sofort lösen konnte. „Was
konnten Sie denn nun wirklich in Erfahrung bringen“? Diese Frage
schien fast gleichzeitig aus allem Munde zu kommen. Der Förster setze
sich, gemeinsam mit seinen zwei Begleitern bequem am Tisch zu Recht,
holte einmal laut Luft und begann mit seinem Bericht: „Nun“, begann
er, „der aufgewühlte Boden sowie auch die Spuren und die Haare deuten
bei genauer Betrachtung auf Wildschweine hin. Es gibt hier jedoch einige
Unstimmigkeiten. Zum ersten deutet alles auf eine einzige Spur hin. Es
kann sich also nicht um eine ganze Rotte handeln, was sehr ungewöhnlich
ist. Zum Weiteren greifen Wildschweine keine Menschen an, wenn sie nicht
bedroht werden. Hinzu kommt die Frage, wie das kleine Mädchen, die
Tochter des Bauers, in der Nacht dorthin gekommen ist. Auch die
Tatsache, dass Wildschweine ihre Beute, insofern sie wirklich Beute
gemacht haben, verschleppen. Tatsache ist, dass Wildschweine im Boden
nach Nahrung wühlen. Und was hatte die Katze des Mädchens, ich hatte
Katzenspuren bemerkt, an diesem Platz zu suchen? Und, was ich sehr
seltsam finde, es waren überdies Hundespuren zu sehen. Spuren von einem
doch sehr großen Hund. Die Hundespuren weisen aber auf die Flucht des
Hundes hin. Wovon also ist der Hund geflüchtet? Wir haben also eine
Hundespur als Fluchtspur, eine Katzenspur, welche blutig ist und wir ja
wissen, dass diese Katze zerrissen wurde, Frage, von wem? Und wir haben,
und dies stellt sich als größte Frage dar, eine Spur, welche auf nur
ein Wildschwein hinweist. Zudem muss ich gestehen, dass, sollte es sich
wirklich um ein Wildschwein handeln, ich noch nie zuvor, in meiner
ganzen Dienstzeit, eine solche gewaltig große Spur gesehen habe. Um was
für ein riesiges Tier muss es sich hierbei handeln. Das Schwein müsste
einem Fabelwesen gleichen“. „Noch
eines sollte ich vielleicht erwähnen, die Spur des vermeidlichen
Schweines sowie die der Katze waren nicht um das Bauernhaus herum zu
sehen. Dafür aber deutlich die des Hundes, und hier nicht auf der
Flucht“. Noch einmal seufzte der Förster und meinte dann: „Ich
glaube wir sind nicht wirklich weiter gekommen, wir befinden uns
wahrscheinlich noch ganz am Anfang“.
Auf
dem Tisch hatte der Wirt endzwischen ein Wenig zum Essen aufgetischt und
auch dabei ein großes Bier für jeden sowie ein Glas von dem Brandwein
bereitgestellt. Als hätte man es riechen können, genau in diesem
Augenblick öffnete sich die Tür und die beiden Damen, Karla und
Desiree betraten die Gaststube. Am Gesichtsausdruck der sich am Tisch
befindlichen, erkannten sie sofort, dass die heutigen Ermittlungen nicht
unbedingt erfolgreich waren. So wurden auch die zwei letzten freien Plätze
am Tisch der Reisegruppe von den zwei Frauen besetzt. Beide blickten nur
in die Runde und sagten kein Wort. Offensichtlich hofften sie noch auf
ein Wunder, welches alles zum Guten wenden würde. Doch die Hoffnung
stirbt zuletzt. Mit einer kurzen Zusammenfassung von den heutigen
Geschehnissen wurden die Beiden aufgeklärt und auch ihnen sah man die
Endtäuschung an. Es war ungewöhnlich ruhig in der Gaststube geworden.
Der Förster erkundigte sich, ob er diese Nacht auch auf der Poststation
verbringen könne, was der Wirt selbstverständlich bejahte. Dann kehrte
wieder jene bedrückende Stille ein. Es
waren keine fünf Minuten vergangen, der Wirt wollte gerade noch einmal
seine Geschichte erzählen, als ein Geräusch die Stille zerriss. Ein
Geräusch welches der kleinen Reisegruppe nicht unbekannt war und allen
Anwesenden durch Mark und Bein drang. Man muss es gehört haben, da es
sonst unvorstellbar ist, das Heulen eines Wolfes welches die Stille der
Nacht durchdringt. Die Anwesenden schauten sich gegenseitig an und
Desiree begann sofort zu weinen. „Nicht schon wieder, was geschieht
nun? Stirbt noch jemand? Ich kann nicht mehr, ich will nur noch nach
Hause, ich hätte diese Reise niemals antreten sollen“. Desiree bebte
am ganzen Körper und ihre Hände waren nicht im Stande das Glas mit dem
Brandwein zu halten, den sie jetzt gern getrunken hätte. Für einen
Augenblick, der jedoch unendlich erschien, hätte man eine Nadel fallen
hören können. Dann, ohne dass ein Wort gefallen war aber dafür wie
auf Kommando ergriffen alle das Glas mit dem Brandwein und lehrten
dieses in einem einzigen Zug, um gleich darauf den Schnaps mit einem kräftigen
Schluck Bier herunter zu spülen. Der Erste, der seine Sprache
wiederfand war Doran der Inspektor. „Ich glaube, wir sollten alles
noch einmal ganz von Anfang an überdenken. Wir haben eine Vielfalt an
Fakten und ich glaube, dass sich hinter diesen die Wahrheit und somit
die richtige Erklärung verbirgt. Ich vermute sehr stark, dass wir
einfach nur einen banalen Denkfehler machen, da wir uns von unseren Gefühlen
und nicht von realen Beweisen leiten lassen“. „Da
ich heute die Wachsamkeit unserer Gedanken anzweifeln möchte, schließlich
haben wir heute genug erlebt und dürften alle sehr müde sein, schlage
ich vor, wir hören uns, während wir unser Abendmahl einnehmen, die
Geschichte des Gastwirtes an, ohne daraus eventuelle Schlüsse zu ziehen
und begeben uns dann zu Bett. Morgen können wir dann im ausgeruhten
Zustand unsere Vermutungen und Eindrücke miteinander vergleichen um
dann noch einmal zu beraten, was der Wahrheit uns somit der Aufklärung
am nächsten kommt“. „Ich werde noch heute Abend meine Notizen überarbeiten um mögliche Anhaltspunkte nicht zu übersehen“, Mikesch der Kommissar, der sonst so schweigsam war, trug damit auch seinen Beitrag zum Gespräch bei. „Es gibt noch etwas, dass mir auf der Seele brennt“, erhob plötzlich, Georg, der Wirt seine Stimme. „Ich weiß, Sie werden mich nicht ernst nehmen, aber ich würde mir es andersherum nicht verzeihen, wenn ich jetzt nichts sage und noch mehr passiert als schon ohnehin geschehen ist. „Wie Sie sicher bereits wissen stamme ich aus dieser Gegend. Ich bin hier aufgewachsen und groß geworden. Ich muss gestehen, ich hatte eine schöne Kindheit. „Ein bestimmtes Detail, als Grundlage unserer Familie, war die Tatsache, dass man über alles offen reden konnte und dies auch tat. Es war so etwas wie eine Familientradition. „Es wurde auch auf jede Frage geantwortet, ganz gleich um was es sich dabei handelte. Einen Ausspruch wie zum Beispiel, dafür bist Du noch zu jung, gab es einfach nicht. „Mein Vater war nicht das, was man einen strengen Vater nennen konnte. Er war sehr einfühlsam und verständnisvoll. Er war aber auch gerecht und sehr ehrlich, auch wenn diese Eigenschaften ihm so manches Mal sehr schmerzhaft erschienen. „Um es kurz zu machen, wir Kinder liebten unseren Vater, genau wie unsere Mutter, über alles. Wir sind, so kann ich mit Stolz behaupten, in einem wohl behüteten Elternhaus aufgewachsen. „Es gab somit rein Garnichts, worüber man mit meinem Vater nicht hätte reden können. Damit komme ich zu meiner Geschichte. Ich möchte diese so erzählen, wie ich sie von meinem Vater gesagt bekommen habe“. So begann langsam, nach und nach jeder der Anwesenden sein Essen einzunehmen, während der Gastwirt der Poststation es sich auf seinem Stuhl bequem machte, seinen Kopf bedenklich senkte, so dass sein Blick auf den Fußboden fiel als wäre er plötzlich sehr traurig. Er holte noch einmal tief Luft und begann dann, mit einer eher unheimlichen Stimmlage zu sprechen. |
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3.Kapitel Eine seltsame wie auch mysteriöse
Geschichte
„Es
ist schon sehr lange her als sich diese Geschichte ereignet haben soll.
Bereits mein Großvater hat sie meinem Vater und dieser wiederum mir erzählt.
Aber nicht nur unsere Familie ist mit dieser Geschichte vertraut, nein,
es kennt sie so gut wie jeder aus dieser Gegend“. Schlagartig, wie auf
Befehl, hatten alle die am Tisch saßen das Essen eingestellt. Alle
Augenpare waren auf Georg dem Wirt des Gasthauses gerichtet. Man konnte
mit Recht behaupten, dass sie förmlich an seinen Lippen klebten.
„Nun, es begab sich vor langer Zeit. Es muss sich etwa zum Anfang des
Fünfzenten Jahrhunderts ereignet haben, als diese Gegend mit einem sehr
kraftvollen Fluch belegt wurde“, berichtete er. „Es handelte sich,
wie sollte es auch anders sein, um eine unglückliche Liebe. Ein junger
Herr, der Sohn des Landgrafen, hatte sich in eine einfache Bäuerin aus
dieser Gegend verliebt. Über ein Jahr hielten sie ihre Liebe geheim. Es
gab keinen Zweifel daran, dass der Landgraf einer solchen Partnerschaft
niemals zugestimmt hätte. Allein schon der Standesunterschied machte
diese Angelegenheit unmöglich. Aber
dann begab es sich, dass die junge Bäuerin ein Kind von dem Sohn des
Landgrafen unter ihrem Herzen trug. Noch war nichts zusehen, aber die
Zeit verging und der Zeitpunkt, an dem man es nicht mehr hätte
verbergen können rückte immer näher. Der junge Graf liebte seine
Bauerstochter jedoch so sehr, dass er sie auf keinen Fall hätte
aufgeben wollen. So kam dann auch der Tag, an dem er seinen Vater
aufsuchte und diesem von seiner Liebe und deren zu erwartende Frucht
berichtete. Der Vater, jener Landgraf, war ein Mann, der weder Gnade
noch Mitgefühl kannte. Er war außer sich vor Zorn und befahl seinem
Sohn, das Mädchen niemals wiederzusehen. Zudem wollte er das Mädchen
nebst seiner Familie aus der Grafschaft entfernen lassen, so dass ein
weiteres Treffen seines Sohnes mit der jungen Bauerstochter unmöglich
wurde. Der Sohn hingegen aber weigerte sich von dem Mädchen abzulassen.
Lieber würde er auf seinen Titel und der Erbschaft verzichten. „Es gäbe
nichts was die Beiden trennen könne“, berichtete er seinem Vater.
Doch damit hatte er das Schicksal des Mädchens und dessen Eltern
besiegelt. Der gnadenlose Landgraf ließ daraufhin das Bauernmädchen
der Hexerei anklagen und noch bevor etwas von der Schwangerschaft zu
sehen war, wurde sie auf dem Schafott hingerichtet und zusammen mit
ihrem Vater nicht verbrannt, sondern man brach ihnen das Genick mit
einem Knebel. Die Bauersfrau und ihr jüngerer Sohn wurden begnadigt und
aus der Grafschaft verbannt. Kein Mensch hat jemals wieder etwas von
ihnen gehört. Während
der Vater und seine Tochter jedoch auf dem Schafott hingerichtet wurden,
stieß der alte Vater und Bauer einen Fluch gegen den Landgrafen sowie
allen Anwesenden, welche der Hinrichtung beiwohnten aus. Er rief in die
Menge hinein, wobei er tief in die Augen des Landgrafen sah: „Möge
jedes Jahr, um diese Zeit, ein Mädchen welches nicht so arm wie das
meine ist, vom Leibhaftigen geholt werden und auf ähnlich grausame Art
seinen Tod finden, wie meine Tochter und ich am heutigen Tag. Möge
diese daraufhin in der Hölle schmoren, auf dass ihre Eltern ihr folgen
werden und somit auch bis in alle Ewigkeit in der Hölle unter den
Qualen des Teufels schmachten müssen. So möge Gott der Allmächtige
mir diesen Wunsch erfüllen und sich mein Fluch erfüllen, solange bis
die Liebe eines gut gestellten Mannes einer älteren sowie armen Frau
ein besseres Leben ermöglicht. Herr
Gott, Du in Deiner Allgegenwärtigkeit bist mein Zeuge“. „Dann
geschah noch etwas sehr ungewöhnliches, ich möchte fast sagen, etwas
sehr merkwürdig, mysteriöses. Die Flammen, welche sich nun langsam,
vor der Strangulierung, ausbreiteten, verwandelten sich in ein grelles
Licht, was so hell war, dass die Leute, welche diesem Spektakel
beiwohnten, geblendet wurden und somit nichts mehr sehen konnten. Als
der Scheiterhaufen endlich heruntergebrannt war und die Flammen langsam
in ihrer Glut erloschen, war jenes grelle Licht auch verschwunden und es
waren keine Überreste der Verbrannten zu sehen oder zu finden. Nicht
ein Knochen, kein Zahn oder sonst etwas war zurückgeblieben. Man hätte
glauben, ja wenn nicht sogar schwören können, dass hier niemals ein
menschliches Wesen gebrannt hätte. Bis auf die Asche des verbrannten
Holzes war nichts auffindbar“. „Später
berichteten Handelsreisende immer wieder von einem Bauernpaar, welches
mit seiner Tochter, alle in weiß gekleidet, an der Grenze zur
Grafschaft gesehen wurden. Sie standen einfach nur dar und winkten den
reisenden zu, wobei die Tochter einen kleinen Jungen auf ihrem Arm
hielt. Seit dieser Zeit geschehen in dieser Grafschaft, vielleicht nicht
jedes Jahr, aber zumindest in gewissen Abständen, die merkwürdigsten
Dinge, immer zur gleichen Jahreszeit. Es handelt sich um genau diese
Zeit, da in diesen Tagen der Bauer und seine Tochter hingerichtet
wurden. Übrigens, jener besagte Bauernhof dieser Bauern ist der des
Bauern Friedrich, dessen Tochter umgekommen ist. Er soll in gewisser
Linie von dem Grafen abstammen und nur wegen seines Starsinnes enterbt
worden sein“. Für
eine ganze Weile schwiegen alle am Tisch. Sie hatten sogar das Essen
vergessen. Endlich brach einer die Stille und fragte: „Was ist
eigentlich aus dem jungen Herrn, dem Grafen geworden“? Es war Desiree
die jüngere Frau der Reisegruppe. Ihre Augen waren weit aufgerissen und
ihr Gesicht war von Ernst und Schrecken gezeichnet. „Der junge Herr
Graf sollte in die Stadt zum Studium gebracht werden, damit er auf
andere Gedanken kommt. Doch dazu kam es nicht. Am Tag, der für seine
Abreise vorgesehen war, fand man ihn auf den Gang, direkt vor der Tür
seines Vaters, er hatte sich an einem Haken in der Decke des Ganges
aufgehängt. Sein Vater soll danach noch strenger und uneinsichtiger
geworden sein. Der Begriff "Gnade" soll für ihn ein
Fremdwort gewesen sein, mit dem er nichts anzufangen wusste. Als er aber
drei Jahre später starb, soll er sieben Tage mit dem Tode gerungen
haben. Es muss ein grausamer Tod für ihn gewesen sein". Es wird berichtet, es soll immer wieder
gerufen haben: "Nehmt diese Bauernhure und ihren teuflischen Vater
von meinem Bett, sie lassen mich nicht in Frieden und ich kann ihr Lächeln
nicht mehr sehen“. Damit
schloss der Wirt seine Geschichte. „Ich
schwöre Ihnen bei Gott, seither gehen hier sehr seltsame Dinge vor.
Jeder aus dem Ort kennt die Geschichte, doch keiner will oder wird darüber
reden. In der Nacht, so um diese Jahreszeit kann man manchmal ein Geräusch
hören, welches sich wie das Heulen eines Wolfes. Man sagt es ist der
Klageschrei der zurückgebliebenen Mutter und Frau dieser unglücklichen
Familie“. Währen
die anderen verlegen und stumm am Tisch saßen, sagte der Inspektor mit
einer teils ernsten und anderwärtig erbosten Miene: „Humbug, ich
glaube nicht an solch Überirrdische Dinge. Ich verlasse mich auf das,
was ich sehe, auf Fakten, da diese immer zu den Aufklärungen der Fälle
führen“. |
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4.
Kapitel Ein
Versuch um der Wahrheit wegen
Auf
das Essen war wohl jeden der Anwesenden am Tisch, nach dieser
Geschichte, der Appetit gründlich vergangen. Mikesch der Kommissar und
Helfer des Inspektors schaute auf seine Taschenuhr. Sie zeigte ihm drei
Uhr nachmittags. Es war schon erstaunlich, wie schnell doch hier die
Zeit verging. Heinrich, der ältere Mann der Reisenden bemerkte diesen
Blick und kontrollierte seinerseits die Uhrzeit auf seiner Uhr. Beide
Zeiten waren identisch. „Ich
schlage vor, ein jeder von uns begibt sich auf sein Zimmer oder
unternimmt einen kleinen Spaziergang. Zumindest sollten wir etwas
ausruhen und auch unseren Kopf frei bekommen. Wir könnten dann in ca.
zwei Stunden noch einmal einen Erkundungsgang machen, wobei ich es begrüßen
würde, wenn wir diesmal alle beisammen wären. Schließlich sehen viele
Augenpaare mehr als nur zwei oder drei. Außerdem kann ich mir gut
vorstellen, dass nach all den Geschichten doch ein gewisses Unwohlsein
bei den Zurückgebliebenen aufkommen würde. So wären wir alle
beisammen, könnten einander aufpassen und hätten keine Angst. Zudem wäre
die Möglichkeit etwas zu übersehen wäre so gut wie ausgeschlossen. Es
könnte sich wirklich jeder seine eigene Meinung bilden, die wir am Ende
des Tages, nach unserem Erkundungsgang, hier am Tisch beim Abendmahl und
einem Krug Wein, gemeinsam auswerten könnten“. Es gab zu diesem, sehr
vernünftig erscheinenden Vorschlag, keine weiteren Einwände. Gesagt,
getan, die beiden Frauen verschwanden auf ihre Zimmer um sich nach all
den Anstrengungen noch ein wenig hinzulegen. Bei
den Männern verhielt sich die Situation völlig anders. Hier hatte man
keine Bedürfnisse, sich ins Bett zu legen oder auszuruhen. So setzten
sich die zurückgebliebenen Herrn, Tobias der Kutscher, Christopher der
junge Mann der Reisegruppe, Heinrich der ältere Mann und
Handelsreisende, Inspektor Doran, sein Gehilfe Kommissar Mikesch, Förster
Wilhelm und Georg der Wirt jener Gaststube der Poststation, zusammen.
Der große runde Tisch am Fenster war wie geeignet um den sieben Männern
Platz zu gewähren. Hätte man es nicht besser gewusst, so wäre der
Eindruck endstanden, dass es sich hierbei um eine gemütliche Männerrunde
drehte. Doch diesen Herren stand der Sinn nach allem anderen als ein gemütliches
Beisammensein. Man wollte doch nichts weiter als eine Erklärung finden,
um endlich die Angelegenheit abschließen zu können. Dieser
unbeabsichtigte Aufenthalt hier war inzwischen unerträglich für jeden
geworden. Georg
der Gastwirt holte sieben große Krüge frisches Bier. „So, die Runde
geht auf mich“, sagte er, während er die Getränke auf den massiven
Holztisch stellte. „Ich glaube das haben wir uns redlich verdient“.
Darauf setzte sich der Gastwirt zu den anderen an den Tisch. „Was
wissen wir eigentlich wirklich Genaues bisher in dieser
Angelegenheit“? fragte der Wirt und schaute dabei in die Runde. „Ich
habe über alles Notizen angelegt, sehr gründlich und genau nach Datum
und Zeitpunkt geordnet“, bemerkte Mikesch der Kommissar und schaute
dabei sehr wichtig und stolz drein. Doran der Inspektor und Tobias waren
eigentlich einer Meinung. „Wenn wir ehrlich sind, so müssen wir
zugeben, dass wir eigentlich nichts haben. Jedenfalls nichts was man
verwerten könnte um auch nur einen Schritt weiterzukommen. Wir haben
zwar sehr gründliche und ordentliche Notizen von unserem Kommissar
Mikesch, die uns aber auch nicht weiterhelfen, da sich darunter keine
brauchbare Spur befindet. Und wir haben eine uralte Geschichte, einen
Mythos über einen Fluch, von dem keiner weiß, ob er sich wirklich
ereignet hat oder es sich hierbei nur um einen Aberglauben handelt.
Selbst wenn sich diese Geschichte so ereignet haben sollte, so glaube
ich persönlich noch lange nicht, dass diese eine solche Auswirkung
haben könnte, wobei ich selbst behaupten möchte, dass derartige Vorgänge
überhaupt keine Auswirkung haben. Könnte ein Fluch etwas solch
Gewaltiges auslösen, und wären die Menschen imstande solche Flüche
auszusprechen, so würde es wahrscheinlich schon lange keine Menschheit
mehr geben“. Man
konnte direkt erkennen, wie sehr sich der Inspektor bei seiner Ausführung
aufgeregt hatte. Er, der schon so viel Leid und Unrecht gesehen hatte,
was stets einen realen Hintergrund besaß, sollte sich hier mit einem
Aberglauben beschäftigen. Nein, das konnte nicht sein. Tobias der
Kutscher war zwar mit dem Inspektor einer Meinung, was das Nichts
betraf, welches sie zur Zeit hatten, jedoch räumte er bei der
Geschichte mit dem Fluch ein, dass er schon vieles erlebt und gesehen
hatte, was sich mit dem normalen Menschenverstand nicht hätte erklären
lassen. „Ich würde meine Hände nicht für die Unglaubwürdigkeit
jener Geschichte in Feuer legen, dafür habe ich auf meinen vielen
Reisen zu viel merkwürdiges erlebt, und ich bin auch nicht mehr der Jüngste
dem der Grünspan noch hinter den Ohren klebt“. Georg
der Wirt und Wilhelm der Förster meldeten sich fast gleichzeitig zu
Wort. Dann aber führte der Wirt das Wort und Wilhelm der Förster
nickte hin und wieder bejahend. „Ich lebe schon solange ich denken
kann an diesem Ort. Und ich kann, so glaube ich, mit Fug und Recht
behaupten, dass es hier schon immer in gewisser Weise unheimlich war.
Noch vor einigen Jahren machten die Postkutschen einen großen Bogen um
unser Daheim sowie den Wald. Immer wieder geschahen sehr merkwürdige
Dinge, welche nie aufgeklärt wurden. Selbst die Polizei blieb, wenn sie
überhaupt kam, nur für kurze Zeit um das Notwendigste zu erledigen und
damit ihrer Pflicht Genüge zu tun. Dann aber reisten sie so schnell es
nur ging wieder ab. Erst in den letzten Jahren beruhigte sich alles hier
und wir glaubten, dass all der Spuk nun endlich ein Ende hat. Auch die
Postkutschen kamen und die Poststation erwachte zum Leben. Wir konnten
uns etwas aufbauen und waren voller Hoffnungen was die Zukunft betraf,
und dann das jetzt. Mein Gott, ich hoffe, dass sich alles auf ganz
normaler Weise aufklären wird, aber eine innere Stimme sagt mir, dass
das nicht so sein wird, die alten Dämonen sind zurück“. Er schwieg.
Man konnte ihm seine Verzweiflung ansehen. „Ich kann mich meinem
Vorredner und dessen Ausführung nur anschließen“, sagte der Förster
und begann dann auch zu schweigen. Christopher
der jüngere Mann der Reisegesellschaft und Heinrich der ältere Mann
hatten bisher nur zugehört und weiter noch kein Wort gesagt. Für sie
war es nicht ganz einfach. Sie mussten sich ihre eigene Meinung bilden
und waren in dieser Gegend vollkommen fremd. Auf der einen Seite hatten
sie den Vorteil vollkommen unbelastet und somit, von ihrer Meinung her
neutral zu sein. Doch standen sie somit auch zwischen den Fronten,
welche sich hier zu bilden begannen. Was wohl die beiden Damen hierzu
sagen würden, fragten sie sich. Frauen sind doch in der Regel sehr
realistisch. Doch die beiden weiblichen Reisenden waren auf ihre Zimmer
und schliefen bestimmt ruhig und friedlich. Während
der Wirt noch eine Runde von dem Gerstensaft für jeden am Tisch, auf
Kosten des Försters herbeiholte begann sich ein intensives Gespräch
unter den Beteiligten zu entwickeln. Jeder der Anwesenden kannte die
allgemeine Sachlage und jenen dürftigen Sachbericht auf den sich alle
weiteren Schritte stützen sollten was so gut wie unmöglich erschien.
Der Grund hierfür war recht einfach, man hatte ganz einfach nichts was
man hätte bewerten können. So redete man während die Sonne sich
erneut dem Horizont näherte um langsam den Abend anzukündigen. Keiner
bemerkte die heraufziehende Dunkelheit, und damit die heraneilende
Nacht. So
brach die Nacht und damit eine undurchdringbare Dunkelheit herein, als
sich die Männer am Tisch noch immer intensiv unterhielten. Es hatten
sich dabei zwei Lager der Meinungen gebildet. Zum einen waren hier die
Alteingesessenen wie der Förster Wilhelm, Tobias der Kutscher, Doran
der Inspektor, Mikesch der Kommissar und Gehilfe des Inspektors und
Georg der Gastwirt und Betreiber der Poststation. Auf der anderen Seite
stand die Reisegruppe welche sich aus Christopher, Heinrich und den
beiden Damen Karla und Desiree, die augenblicklich nicht anwesend waren,
zusammensetzte. Bis auf Doran und Mikesch, die von der hiesigen Polizei
waren und aus diesem Grunde ein rationales Denken in den Vordergrund
stellen mussten, was ihnen jedoch nicht ganz so leicht viel, schließlich
waren sie auch in dieser Gegend aufgewachsen, bemühten sich die beiden
eine neutrale Haltung in der Angelegenheit zu bewahren. Die anderen
"Ureinwohner" wurden in ihren Interpretationen der Sachlage
immer heftiger. Wahrscheinlich trug auch der Alkohol ein wenig hierzu
bei. So tendierte die allgemeine Meinung dieser Leute, unmerklich, immer
mehr in die Richtung der abergläubischen, unheimlichen Fassung was auch
nicht allzu verwunderlich erschien, da für eine reale Erklärung jeder
Hinweis fehlte. Auch gab es, bedingt durch das schlechte Wetter,
keinerlei Spuren welche man kriminalistisch hätte auswerten können. Übrig
blieb also nur der Mythos sowie jener Aberglaube. Wäre der Bauer
Friedrich auch noch anwesend gewesen, so hätte dieser jene Auffassung
zu einhundert Prozent unterstützt. Selbst Christopher und Heinrich
mussten sich stumm und insgeheim eingestehen, dass sie mehr und mehr an
diese abergläubische Variante glaubten. Mag sein, dass sie nur eine
rasche Lösung herbeiführen wollten, denn schließlich hatte keiner von
ihnen vor noch viel länger hier zu bleiben. So
wurde in der allgemeinen und sehr lebhaften Diskussion geredet was das
Zeug hielt, die Fakten gegeneinander abgewogen und in allen Richtungen
philosophiert. Nicht das man glauben könnte, es handelte sich hierbei
um ein Streitgespräch, nein es war lediglich ein Meinungsaustausch
welcher aus der Ohnmacht der verzweifelten Hoffnungslosigkeit entstanden
war und damit, zwischendurch auch einmal heftig werden konnte, ohne dass
dieses persönlich oder böse gemeint war. Letztlich fühlte sich jeder
der Betroffenen hier als ein Gefangener. Die Unterhaltung unter den Männern
war so intensiv, dass sie nicht einmal bemerkten, wie die beiden Frauen,
Karla und Desiree die Treppe hinunter in den Gastraum kamen. „Trinken
und Reden, so sind nun einmal die Männer“, bemerkte Karla etwas
ironisch. „Sind die Herren denn wenigstens zu einem brauchbaren
Endschluss gekommen oder tappen wir noch immer im Dunkel“? Karla sah
den Männern an, dass sie sich nur ihre Köpfe heiß redeten aber zu
keinem brauchbaren Ergebnis kommen würden. „Was
wäre eigentlich, wenn sich jeder von uns auf einem Blatt Papier
aufschreiben würde, was er von der ganzen Angelegenheit hält und
welche Vorschläge er zur Aufklärung dieser mysteriösen Angelegenheit
beizusteuern hätte. Zudem brauchte keiner seinen Namen aufschreiben, so
dass jenes Papier anonym ist und sich daher keiner wegen seiner
Meinungen oder Vorschläge vor den Anderen zu verantworten hat. Wer natürlich
zu seinem Wort stehen möchte kann dies ohne weiteres tun. Wir werden
dann miteinander die Vorschläge auswerten und versuchen einen
gemeinsamen Weg darin zu finden“. Desiree hatte diesen Vorschlag genau
im richtigen Augenblick gemacht, gerade als die Männer dabei waren sich
endgültig in einer Sackgasse festzufahren. „Ich weiß nicht wie Sie
darüber denken meine Herrn, aber ich halte diese Lösung für außerordentlich
vernünftig“, bemerkte der Inspektor und alle anderen gaben ihm Recht.
„Allerdings,
wenn ich mir die Herren hier am Tisch so betrachte, so glaube ich, dass
es wenig Sinn macht noch heute das Vorhaben in die Tat umzusetzen“,
erklärte Karla, die es gewohnt war stets das Schlusswort zu ergreifen. „Wir
sollten uns daher gleich morgen in der Früh hier am Tisch einfinden um
unsere Bögen, zwar gemeinsam aber dennoch geheim auszufüllen und
anschließend zu bewerten“, sagte der Inspektor, der sehr froh darüber
zu sein schien, endlich einen brauchbaren Vorschlag zu haben. „So,
dann wollen wir uns“, Heinrich hatte diesen Satz gerade begonnen, kam
aber nicht dazu diesen auch zu beenden, da Tobias ihm im gleichen Moment
in Wort viel um diesen zu beenden. „Nachdem
wir das geklärt haben, unserem Leiblichen Wohl zuwenden“, sagte
Tobias ergänzend und lächelte Heinrich von der Seite her verschmitzt
an. „Eine
sehr gute Idee“, bemerkte Mikesch der Kommissar, „ich weiß zwar
nicht wie es Ihnen geht, ich aber für meinen Teil habe einen mordsmäßigen
Hunger, ich könnte im Augenblick ein großes Schwein verspeisen“.
Alle befürworteten diesen Vorschlag und ließen sich von Georg dem
Gastwirt die Karte bringen, auf denen jene Speisen standen, welche für
diesen Abend vorgesehen waren. Lachend und plaudernd machte man sich
daran die Karte zu studieren und sich dabei recht zwanglos zu
unterhalten. Nur
einer machte einen etwas geistesabwesenden Eindruck und man hörte wie
er leise und bedacht langsam vor sich „< großes Schwein >“
hersagte. Es war der Inspektor, der dieses merkwürdige Verhalten plötzlich
aufwies. Er sah dabei aus, als hätte er eine Erscheinung gesehen. Im
gleichen Moment stand er auf, ohne den Anderen eine Erklärung dafür zu
unterbreiten, ergriff seine Jacke und noch indem er die Gaststube verließ,
zog er diese über. „Der
hat es aber eilig“, sagte lachend Christopher. „Vielleicht ist ihm
das letzte Bier nicht bekommen“. Ohne weiter darüber nachzudenken
setzte die Runde ihr gemütliches Beisammensein fort. Der
Inspektor war vor dem Gasthaus angekommen. Die Luft war rein und klar.
Der Himmel war nicht bedeckt, so dass die Sterne in all ihrer Pracht
funkelten und leuchteten. Wie von millionen von Diamanten übersät
erschien dieser und es war eine wahre Pracht hinauf zum Firmament zu
schauen. Der Inspektor sah jedoch nichts von dem. Seine Augen waren auf
den Boden um das Haus gerichtet, dort wo man zuvor die merkwürdige
Hufspur gesehen hatte. „Großes Schwein“, hörte man ihn immer
wieder sagen. „Ein großes Schwein, doch wo ist dabei der
Zusammenhang“? Ein Stück der noch vorhandenen Spur schritt der
Inspektor ab und dabei geschah es. Ein unheimliches Heulen zerriss die
Ruhe der sternenklaren Nacht. Es kann nicht weit vom Gasthaus entfernt
gewesen sein. Nach einem kurzen Moment verstummte es, um kurz danach
wieder aufzutreten. Dieser Vorgang wiederholte sich viermal, dann
herrschte endgültig Ruhe. Der
Inspektor stand wie angewurzelt dar. Nicht das er Angst gehabt hätte,
er stand da und überlegte. Wie bei einem Mosaik begannen sich die Teile
in seinem Kopf zusammenzufügen. Noch ergab sich kein Bild, aber es
schien als würde sich ein geheimnisvoller Nebel lichten. „Einzelgänger“,
hörte man ihn leise zu sich selbst sagen. „Sind wir nicht alle
Einzelgänger wenn wir mit unserem Gedankengut auf der Suche nach der
Wahrheit sind“? Murmelte er vor sich hin. „Können sich bestimmte
Zufälle wirklich so unglücklich aneinanderreihen, dass daraus eine
unglaubliche Geschichte entsteht“? fragte er sich. In
seinem Kopf drehten sich die Gedanken nur so. Er fühlte, dass er der Lösung
ganz nahe war und diese dennoch nicht erkennen konnte. Etwas, nur ein
kleines Detail schien noch zu fehlen damit alles lückenlos aneinander
passte. „Ich muss meinem Kopf etwas Ruhe gönnen und meine Gedanken
etwas Erholung zukommen lassen“, sagte er zu sich selbst und kehrte
zurück in die Gaststube. Als er die Räumlichkeiten wieder betrat,
murmelte er noch einmal leise vor sich hin: „großes Schwein, Einzelgänger,
Zufälle und Zusammentreffen, doch was fehlt“? Als
er wieder zu den anderen stieß, waren diese bereits mit ihrem Abendmahl
so gut wie fertig. Die Stimmung war sehr locker und man hätte glauben können,
dass es sich bei der Gesellschaft eher um einen vergnügten Ausflug
handelte. Keiner sprach über die vergangenen Geschehnisse. Es war so
als hätten diese nie stattgefunden.
Man lachte und war bester Dinge. Keiner der Runde am Tisch hatte
etwas von den Ereignissen vor der Tür mitbekommen. So hatte man auch
nicht jenes unheimliche Heulen, ganz in der Nähe wahrgenommen. Man
wollte an diesem Abend einfach nur für einen Augenblick jene
schrecklichen Dinge vergessen. Morgen war ja schließlich auch noch ein
Tag. Da der Inspektor die Situation nicht nur sofort erkannte sondern
auch volles Verständnis dafür hatte, behielt er seine Erlebnisse des
Abends auch für sich und nahm bei der kleinen Gruppe am Tisch Platz.
Sofort kam der Gastwirt und fragte den Inspektor, bezüglich des
Abendessens, nach seinen Wünschen. Doran schaute den Wirt an und meinte
darauf: „Es tut mir leid ihr gutes Essen ausschlagen zu müssen, aber
ich habe wirklich keinen Hunger, zumindest nicht im Augenblick.
Vielleicht wären Sie so freundlich und könnten mir ein wenig später,
falls ich doch noch Hunger verspüren sollte, ein ganz einfaches Brot
zur Nacht machen. Ich würde Ihnen dann aber noch vorher Bescheid
sagen“. Der
Wirt schmunzelte verständnisvoll und nickte einfach dem Inspektor zu. „Da
Sie schon einmal hier bei mir sind, können Sie mir vielleicht eine
Frage beantworten“. Georg
schaute den Inspektor Doran aufmerksam an und erwiderte: „wenn ich
kann, sehr gern“. Ohne
den Wirt wirklich anzuschauen, stellte Doran seine Frage mehr oder
weniger in den Raum. „Gibt
es hier in der Gegend seit einiger Zeit Wölfe“? „Jetzt
wo Sie es erwähnen“, sagte der Wirt bedenklich, „erinnere ich mich,
von einem Jäger vor längerer Zeit etwas darüber gehört zu haben.
Angeblich soll ein Wolfsrudel, nicht allzu groß, von Nordwest her in
unsere Wälder gelangt sein. Dann aber bereits kurze Zeit später redete
kein Mensch mehr davon. Damals wurden wohl ein paar Schafe gerissen, nur
daher habe ich überhaupt davon erfahren. Aber warum fragen Sie, Sie
sind doch selbst aus dieser Gegend“? „Ach, es war nur ein
Gedanke“, sagte Doran. Dann aber stellte er noch eine Frage. „Was
glauben Sie, könnte ein einzelner Wolf, ohne Rudel überleben“?
„Wenn er alt genug und erfahren ist schon“, bestätigte der Wirt.
„Es ist nicht selten, das ein altes Wolfmännchen zum Einzelgänger
wurde und noch viele Jahre ohne Rudel durch die Gegend zog. Er jagte
zwar nicht mehr in dem Sinne, ernährte sich aber noch immer ausreichend
von kranken oder schwachen Tieren. Oft verschmähen sie noch nicht
einmal bereits totes Fleisch“. Georg der Gastwirt schaute den
Inspektor fast ein wenig verwirrt an, dachte sich dann aber nichts
weiter bei den Fragen und ging hinüber zu den Anderen. „Nun
haben wir bereits zwei Einzelgänger“, murmelte der Inspektor
nachdenklich vor sich hin. „Wenn das kein Zufall ist. Nun fehlt uns
nur noch das Bindeglied. Langsam bekommt die Geschichte ein Bild vom
Geschehen“. Doran lächelte zufrieden und seine Falten auf der Stirn
schienen langsam zu verschwinden. Er gesellte sich wieder zu den
Anderen. „Na, ein wenig frische Luft geschnappt“? Fragte Heinrich
der ältere Reisende Mann. „Ich hoffe das Bier war nicht schuld daran.
Ich habe gerade eine Runde von dem köstlichen Gerstensaft bestellt.
Schließlich waren wir noch nie so gemütlich und relativ sorgefrei
beisammen“. „Nein, keine Sorge, ich musste nur meinen Kopf von all
den Gedanken etwas frei bekommen, aber nun fühle ich mich besser als
bisher“. Alle am Tisch hörten zwar die Worte von Doran, aber keiner
von ihnen ahnte nur im Geringsten, wie ernst der Inspektor es meinte. An
jenem Abend wurde noch so einiges getrunken und sehr viel gelacht. Man
erzählte sich untereinander die unglaublichsten Geschichten wovon so
mansche, bedingt durch das Bier doch hier und da, sehr übertrieben
erschien. Ja so mansche Geschichte schien sogar frei erfunden, aber das
interessierte in dieser Runde heute keinen mehr. Mit zunehmender Zeit
wurde die kleine Gesellschaft immer lustiger. Es schien fast so, als
wolle man die augenblickliche Sorglosigkeit ausgiebig feiern. Nur
der Inspektor Doran und sein Helfer, der Kommissar Mikesch hielten sich
etwas zurück. Es war Mikesch nicht entgangen, dass der Inspektor sich
anders verhielt als sonst. „Was ist los“, fragte der Kommissar den
Inspektor. „Sie sehen fast so aus als hätten Sie eine Erleuchtung
gehabt. Hat das etwas mit Ihrer vorherigen Flucht nach draußen zu
tun“? Doran überlegte einen kurzen Augenblick, dann sah er Mikesch an
und sagte in einem ruhigen aber bestimmenden Ton: „Ich möchte und
kann noch nicht darüber reden, aber wenn es soweit ist, so verspreche
ich Ihnen, werden Sie es als Erster erfahren. Aber ich habe eine Frage
an Sie“, wandte sich Doran noch einmal an Mikesch: „Kennen Sie sich
mit Katzen aus“? Mikesch schaute verwundert den Inspektor an. „Ja
aber nur ein wenig, was man halt so weiß“. „Sind Katzen Rudeltiere,
oder leben sie nur als eine Familie zusammen“? „Aus Ihren Fragen
soll noch einer schlau werden“, antwortete der Kommissar. „Weder das
Eine noch das Andere. Wir können auf einem Bauernhof zwar mehrere
Katzen beobachten, aber sie sind dennoch Einzelgänger. Jede Katze und
jeder Kater lebt sein eigenes Leben. Nur zur Paarungszeit kommen sie
kurz zusammen. Ist die Paarung aber vollzogen, so trennen sie sich
wieder umgehend. Sie respektieren sich zwar in der Regel, leben aber für
sich allein. Wäre vielleicht für mansch eine menschliche Beziehung
auch die beste Lösung“, sagte Mikesch noch dazu wobei er über seinen
eigenen Witz lachte. „Der dritte Einzelgänger“. Doran sein Lächeln
wurde noch intensiver, was Mikesch nun überhaupt nicht mehr verstehen
konnte. So schüttelte er nur den Kopf und begab sich zurück zu jener
lustigen Gesellschaft. Es
war bereits weit nach Mitternacht, als der Wirt den Vorschlag machte zu
Bett zu gehen und sich noch ein wenig Schlaf zu gönnen bevor der neue
Tag anbrach. Dagegen gab es nichts einzuwenden. Ohne jeden Einspruch
begaben sich die Leute der kleinen Gruppe zu Bett. Es sollte auch nicht
lange dauern und Ruhe trat in dem Gasthaus ein. Georg der Wirt räumte noch die Gaststube auf und Doran der Inspektor ging noch einen kleinen Augenblick vor die Tür um seinem Laster zu frönen. Er stopfte sich seine Pfeife und zündete sie sich genüsslich an. Während er den Rauch in den Abendhimmel hauchte, sagte er leise zu sich selbst: „Drei Einzelgänger, ein kleines Mädchen ohne Mutter was jetzt auch Tod ist und ein Bauer, der nun alles verloren hat. Wie viel mag ein Mensch wohl übersehen, was in Wirklichkeit zusammengehört. Auch wenn die Dinge oft so traurig sind, dass wir gern wegschauen würden, so müssen wir, der Wahrheit wegen, doch hinsehen“. Doran rauchte seine Pfeife in einer vollkommenen inneren Ruhe. Gedankenverloren schaute er dem ausgehauchten Rauch nach, wie sich dieser im Nachthimmel auflöste. "Nichts ist so wie es scheint", dachte er dabei. Der Rauch scheint sich in Nichts aufzulösen, in Wahrheit ist er aber noch vorhanden und wird es auch immer sein. Nur da er seine Struktur verändert hat und daher für unser Auge nicht mehr sichtbar erscheint, hat dies noch lange nichts zu bedeuten. Sind wir nicht alle ohnehin blind für die Wahrheit? Darauf löschte er die Pfeife und begab sich auch auf sein Zimmer. An diesem Abend sah er sehr zufrieden aus. In dieser Nacht schlief der Inspektor so ruhig wie schon lange nicht mehr. Er wusste, dass er die Antwort eigentlich schon kannte, sie nur noch nicht erkennen konnte, aber dies war nur noch eine Frage der Zeit. |
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5.
Kapitel
Ein
neuer Tag mit neuen Erkenntnissen
Die
ersten Sonnenstrahlen des beginnenden Tages konnten nichts an der
Tatsache ändern, dass sich die meisten der kleinen Gesellschaft des
Vortages nicht ganz beschwerdefrei fühlten. Dafür gab es jedoch eine
einfache Erklärung welche in den Feierlichkeiten jenes Abends zu suchen
waren. Allein der Inspektor sowie auch der Kommissar erwachten frisch
und ausgeruht.
Es
war so gegen acht Uhr morgens, Georg der Wirt hatte bereits den Frühstückstisch
gedeckt und es roch verführerisch nach Kaffee. Als erster betrat Doran
der Inspektor den Gastraum. „Einen schönen guten Morgen wünsche
ich“, nickte er dem Wirt zu. „Dies war wirklich einmal eine
erholsame Nacht“, erklärte er und lächelte dabei zufrieden. „Ich
werde heute Morgen nur eine Tasse Kaffee nehmen, da ich am Vormittag
noch einiges vorhabe“, gab er dem Gastwirt zu verstehen. Dann setzte
er sich an den Tisch und genoss seinen Kaffee. Er war dabei sehr in
seinen Gedanken versunken. Kurz nach dem Inspektor erschien der
Kommissar. Auch er sah erholt und frisch aus. Er setzte sich mit einer
kurzen Begrüßung zu Doran an den Tisch. Nach
und nach erschienen auch die anderen der Gruppe. Sie machten allerdings
nicht den entspannten und erholten Eindruck wie der Doran und Mikesch,
was auch verständlich erschien. Eine halbe Stunde später war die
gesamte Runde am Tisch versammelt. Doran der Inspektor hatte seinen
Kaffee bereits ausgetrunken und stand auf. „Ich möchte mich
bei Ihnen entschuldigen, da ich jetzt aufbrechen werde. Es gibt da noch
einiges was zu klären wäre. Ich hoffe Sie nehmen mir meinen so
kurzfristigen Aufbruch nicht übel, aber es dient wirklich nur unser
aller Wohl“. Damit verließ er die Gaststube. Die
Zurückbleibenden redeten über alles Mögliche, unter anderem auch über
das recht merkwürdige und geheimnisvolle Verhalten des Inspektors. Aber
mehr oder weniger war alles nur leeres Gerede. Man aß und trank von dem
reichlichen Frühstück. Die
Luft war erfrischend und beflügelte nicht nur die Schritte sondern auch
die Laune von Doran, als er sich auf den langen Fußweg zu dem Bauern
Friedrich machte. Der Himmel war blau, doch zeichneten sich bereits
einige kleine Wolken ab, die zum Nachmittag Regen vermuten ließen.
Doran war wie in eine andere Welt oder Zeit versetzt. So fiel ihm seine
Schulzeit wieder ein. Was hatte man doch nicht alles gelernt wovon man
dachte, dass man dies niemals wieder brauchen würde. Und jetzt, jetzt
kam ihm gerade eine solche Kleinigkeit zu Nutze. Hatte er nicht in dem
langweiligen Naturkundeunterricht erfahren, das es bei Rudeltieren dazu
kommen kann, dass ein männliches Tier welches zu alt geworden war und
nicht mehr seine Herde anführen konnte, sich absonderte und zum Einzelgänger
wurde. Diese Einzelgänger waren besonders gefährlich da sie in der
Regel sehr aggressiv waren. Hinzu kam noch die Tatsache, dass diese
Tiere nicht selten ungewöhnlich groß und von übermächtiger Stärke
waren. Dies war darauf zurückzuführen, dass sie ihr Leben ganz allein
bestreiten mussten. Sie mussten allein für ihre Nahrung sorgen und
waren auch ganz allein und einzig auf sich gestellt, mit den alltäglichen
Gefahren welche sie sonst im Rudel bewältigten. „Ja, Einzelgänger
sind schon etwas Besonderes. Aber wer kommt schon auf das
Naheliegenste“. Doran sprach mit sich selbst. „Es stellt auch keine
Seltenheit dar, dass Wölfe als Einzelgänger umherziehen. Auch sie
unterliegen dem gleichen Muster. Aber eine Katze? Da liegt es in der
Natur. Wie passt diese in das Chema“? Doran murmelte vor sich her, als
hätte er Angst, dass seine These sich nicht bestätigen könnte. „Und
dann der Vater der Kleinen. Traurig, er hat wirklich alles verloren was
man verlieren kann“, murmelte er weiter. „So betrachtet ist er auch
ein Einzelgänger geworden. Doch wie verhält sich ein Mensch als
Einzelgänger“? Doran überlegte lange, aber er kannte keinen von dem
er hätte behaupten können ein Einzelgänger zu sein, obwohl er doch
die merkwürdigsten Menschen kannte. So verging die Zeit und der
Inspektor hatte sich, ohne es zu bemerken, bis auf wenige Minuten dem
Bauernhof des Friedrich genähert. Es war ein schöner und ansehnlicher
Hof. Er lag auf einer kleinen Wiese, umgeben von Wäldern und Weiden.
Das Haus selbst war zwar alt, machte aber einen gut gepflegten Eindruck.
Erstaunlich was ein einzelner Mann so alles leisten kann wenn er vom
Schicksal dazu gezwungen wird, dachte sich der Inspektor, als er sich
dem Hof näherte. Friedrich
der Bauer musste Doran bereits gesehen haben, denn als dieser sich über
die Wiese dem Hof näher kam trat Friedrich vor die Tür seines Hauses.
„Was verschafft mir die Ehre, dass sich der Inspektor persönlich hier
heraus begibt“? Begrüßte ihn der Bauer und man konnte ihm ansehen,
dass er eine unglaublich schwere Zeit durchmachte. Aus seinem Gesicht
war jegliche Lebensfreude und jeder Lebensmut gewichen. Tiefe Falten
durchfurchten sein Gesicht und seine Augen blickten blass und trüb
Doran an. Es schien fast, als hätte er bereits alle Tränenflüssigkeit,
welche er jemals besaß geweint. Er erschien dem Inspektor wie eine
leere Hülle. Es war deutlich ersichtlich, dass er sich sehr bemühte
freundlich dem Inspektor zu begegnen, was allerdings nur auf eine
minderwertige Höflichkeitsfloskel hinauslief. „Kann ich Sie für
einen Augenblick stören und Ihnen einige Fragen stellen, die mir doch
sehr wichtig erscheinen“, fragte der Inspektor indem er auf den Bauern
zuschritt. „Aber selbstverständlich, wenn ich Ihnen damit helfen kann
gern“ erwiderte der Bauer und lies Doran ins Haus eintreten. Drinnen
war es ebenso gemütlich wie draußen. Das ganze Haus machte auf den
Inspektor einen sehr anheimelnden Eindruck. Er konnte nicht verstehen,
dass sich hier ein Fluch ereignet haben sollte, der darüber hinaus noch
immer seine Wirkung hat. Auf was die Menschen doch alles kommen, wenn
sie es nicht besser wissen, dachte er sich. Als dann folgte er der
Aufforderung des Bauern und setzte sich an den Tisch welcher sich im
Eingangsraum befand, der gleichzeitig als Küche genutzt wurde. Friedrich
kam mit einem Krug und zwei Becher einher. „Hier, es ist der beste Süßmost
den Sie je getrunken haben. Das Beste gegen einen beschwerlichen
Aufstieg“. Er goss die zwei Becher voll und beide tranken erst einmal
einen guten Schluck von dem erfrischenden Getränk. „Bei Gott, Sie
haben wahrlich nicht übertrieben“, bemerkte der Inspektor. „Ja,
warum ich Sie aufsuche, es ist nicht einfach zu erklären. Eigentlich
ist es nur eine Vermutung welche mir spontan eingefallen ist und mir
aber für eine Überzeugung noch einige Fragen im Kopf herumschwirren
deren Antwort ich nicht kenne aber mir zumindest einen kleinen Teil von
Ihnen erhoffe“. Der Inspektor holte erst einmal tief Luft, hatte er
doch diese Ansprache ohne Unterbrechung dargestellt. „Verstehen Sie
mich bitte nicht falsch, ich weiß was Ihnen widerfahren ist und ich
kann mir nicht einmal annähernd den Schmerz eines solchen Verlustes
vorstellen. Daher könnte ich es Ihnen auch nicht verübeln wenn Sie
mich, meiner Fragen wegen, hinauswerfen würden. Aber ich muss einfach
fragen, ich muss die Wahrheit herausbekommen und sei es nur um dass alle
ihre Ruhe finden. Bitte verstehen Sie, es ist nun einmal mein Job und
dieser bedeutet mir alles. Ich will einfach nur helfen und der
Gerechtigkeit Genüge tun“. Er selbst hatte es wieder nicht einmal
bemerkt, aber wieder hatte Doran ohne Unterbrechung, ohne Punkt und
Komma gesprochen. Nun musste sogar der Bauer, trotz seiner Trauer, ein
klein wenig lächeln. Es war als würde ein Sonnenstrahl über sein
Gesicht huschen. Leider verblaste der Sonnenstrahl auch sofort wieder.
„Kommen Sie einfach zur Sache und machen Sie es sich nicht unnötig
schwer Herr Inspektor, ich bin auf alles vorbereitet und noch mehr kann
man mir nicht wehtun“. Friedrich schaute Doran traurig aber auch verständnisvoll
an. „Haben Sie in dieser Gegend in letzter Zeit ein Wildschweinkeiler
als Einzelgänger bemerkt“, fragte Doran den Bauern und fuhr gleich
fort, ohne die Antwort abzuwarten. „Er müsste um gut die Hälfte grösser
sein als ein normaler Keiler“. Friedrich nickte zustimmend und
berichtete: „Ja, von einem solchen Urviech habe ich gehört. Ich
selbst habe ihn nicht zu Gesicht bekommen, aber unter den Jägern geht
das Gerücht um, dass ein solcher Keiler einen Jäger fast aufgebracht hätte.
Bisher hat man diese Geschichte jedoch eher für Jägerlatein gehalten,
aber jetzt wo Sie fragen, wenn es diesen Keiler wirklich geben sollte,
dann treibt er sich hier in unseren Wäldern herum und müsste sehr gefährlich
sein. Ich möchte ihm nicht begegnen. Vor bereits längerer Zeit gab es
hier eine Wildschweinrotte, die jedoch schon lange weitergezogen ist.
Vielleicht ist dieser Keiler von dieser Rotte übrig und als einziger
hier geblieben. Wenn das stimmt, dann muss es sich um ein mächtiges
Tier handeln“. Doran
seine Augen weiteten sich und begannen in gewisser Weise zu funkeln.
„Sie glauben nicht wie sehr ich über Ihren Bericht erfreut bin, er
stellt für mich so etwas wie einen Schlüssel von insgesamt vier Schlössern
dar. Vier Schlösser um jene Tür zu öffnen, hinter der sich die Lösung
des Geheimnisses verbirgt. Mit diesem einen Schlüssel sind wir bereits
ein kleines Stück der Wahrheit näher gekommen“. „Nun habe ich noch
eine Frage“, beteuerte der Inspektor. „Ich wage es gar nicht zu
hoffen, dass Sie mir diese auch beantworten können“. Doran machte
eine kurze Pause und trank einen Schluck von dem köstlichen Süßmost.
Sein Mund war vor Aufregung wie ausgetrocknet. „Sagen Sie, gibt es
hier vielleicht auch Wölfe“? Sein Gesicht machte fast einen ängstlichen
Eindruck, nicht vor den Wölfen sondern vor der Antwort. „Nein, Wölfe
gab es früher einmal in dieser Region, aber dann begannen sie die
Schafe zu reißen. Daraufhin hat man einige abgeschossen, die anderen
sind dann wohl von allein weitergezogen“, erklärte der Bauer dem
Inspektor. Man konnte deutlich eine gewisse Endtäuschung in den Augen
von Doran erblicken, aber dennoch fragte er: „Ich kann mich irren,
aber ich glaube letzte Nacht das Heulen eines Wolfes gehört zu
haben“. Friedrich
überlegte und auf seine Stirn traten schlagartig eine Vielfalt an
Falten auf. „Komisch
ich erinnere mich, in der Nacht des Unglücks glaubte ich auch etwas gehört
zu haben was man als Wolfsgeheule hätte deuten können. Es war nur sehr
weit entfernt und so glaubte ich, dass ich mich geirrt hatte. Ich würde
dies auch jetzt noch nicht beschwören können. Gesehen habe ich
jedenfalls keinen und ich kenne auch niemanden der einen bemerkt oder
gar zu Gesicht bekommen hätte“. Diese Aussage baute die Hoffnung des
Inspektors wieder ein wenig auf. Er glaubte nämlich nicht, dass er sich
geirrt hatte. Er wusste was er gehört hatte und das war eindeutig ein
Wolf. Er wollte jedoch nicht weiter mit dieser Frage den Bauern
Friedrich belästigen. „Ich
bin mir durchaus im Klaren, dass ich Ihnen mit der nächsten Frage sehr
wehtun werde. Umso mehr hoffe ich, dass Sie mir meine Dreistigkeit
verzeihen. Was bedeutete Ihrer Tochter die Katze“? Doran fragte so
vorsichtig wie er nur konnte. Er schaute den Bauern genau an und
beobachtete jede seiner Gesten. Der Bauer wurde wie mit einem Schlag
Leichenblass. Seine Augen wurden Feucht und es fiel ihm sehr schwer die
Kontrolle über seine Trauer zu bewahren. „Als meine Frau von uns
gegangen war und ich mit meiner kleinen Tochter plötzlich ganz allein
war, brach für mich eine Welt zusammen, das können Sie mir glauben. Es
ist erstaunlich an was sich der Mensch in seiner tiefen Trauer alles
klammert. Als meine Tochter begann Fragen zu stellen erzählte ich ihr
irgendwann, dass die Mama nicht wirklich gegangen ist und dass sie in
der Katze weiterlebte und mein kleines Mädchen immer beschützen wird.
Was sollte ich denn machen? Und ob sie es glauben oder nicht, nach einer
Weile habe sogar ich selbst diese Geschichte geglaubt. Sie hätten sehen
sollen, wie sehr die zwei miteinander verbunden waren. Man hätte
glauben können, dass die eine die andere versteht. Da wo meine kleine
war, da war auch die Katze. Seit Stunde an waren die beiden
unzertrennlich. Aber warum fragen Sie“? Der
Bauer schaute etwas erstaunt drein. Dann sagte er mit einem sehr
traurigen Unterton: „so war es ja auch bis zuletzt gewesen. Manchmal,
wenn ich am Abend nicht einschlafen kann, dann glaube ich meine kleine
Tochter und ihre Katze am Himmel, zwischen den Sternen zu sehen und
glaube meine Frau sagen zu hören: „Sei nicht traurig, wir werden
immer bei Dir sein, bis Du eines Tages bei uns bist und wir wieder ganz
vereint sind“. „Mein
Gott, warum quält er mich so? Warum darf ich noch nicht zu meiner Frau
und meiner kleinen Tochter mit ihrer Katze. Ich habe nur noch einen
Wusch, ich möchte so gern zu meiner Familie, sie war alles was ich je
hatte und für was es sich zu Leben gelohnt hat. Herr Gott, bitte erfüll
mir doch nur diesen einen Wunsch“. Es
zerriss dem Inspektor förmlich das Herz. Er hatte mit Sicherheit schon
viel gesehen und war auf diese Weise ein harter Hund geworden den nichts
so schnell beeindrucken konnte, aber hier waren alle Grenzen überschritten.
Einen solch gebrochenen Mann hatte er zuvor noch nicht zu sehen
bekommen. Fast wünschte er sich, Gott würde ihn hören und ihm seine
Bitte erfüllen, aber dann schämte er sich für jene Gedanken da er
glaubte, nicht das Recht zu solchem Denken zu haben. Doran
wusste jedoch, dass sich die Fragestunde hiermit erledigt hatte. Sicher,
er hätte noch einige Fragen an den Bauern gehabt, aber man muss auch
die Menschen und ihre Gefühle respektieren und dieser Mann war
eindeutig am Ende aller seiner Kräfte. So stand er vom Tisch auf, ging
auf den Mann zu und ohne darüber nachzudenken, umarmte er ihn ganz fest
und sagte leise zu ihm: „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass
Sie wieder glücklich mit Ihrer Familie vereint sind und niemand mehr
diesen Frieden stören kann, wenn Gott es für die rechte Zeit hält.
Sie sollten auf Ihren Glauben vertrauen. Wir verstehen noch nicht einmal
ein Quäntchen, aber es hat alles seinen Sinn und der Schmerz wird sich
zum Glück wenden wenn der Herr es für angebracht hält. Zudem bin ich
fest davon überzeugt, dass Ihre Familie bei Ihnen ist, heut und für
alle Ewigkeit“. Der Inspektor spürte wie die Tränen dem Mann über
die Wangen liefen. Er hielt ihn bei den Schultern und küsste ihn auf
die Stirn. „Sie sind ein außergewöhnlicher Mann, ich habe große
Hochachtung vor Ihnen“, dann drehte er sich um und sagte noch beim
gehen, „wir sehen uns noch“. Sehr
langsam ging er vom Bauernhof zurück. Er hatte plötzlich das Gefühl
als hätte er alle Zeit der Welt. Doran begann plötzlich über sein
eigenes Leben nachzudenken. Was war in diesem Leben wirklich so wichtig,
dass man all die schönen und wertvollen Dinge vergessen oder übersehen
konnte. War das Leben nicht selbst das größte Wunder? Und wir, die
jene Gnade haben an einem solchen Wunder teilzunehmen, bemerken es überhaupt
nicht und eilen unwichtigen, banalen Dingen hinterher. Für einen
kleinen Augenblick hätte er sich fast vorgenommen, sein Leben ab sofort
gründlich zu ändern. Doch der Realität kann man nicht entkommen, auch
nicht in so einer emotionalen Situation. Er selbst hatte in seinem Leben
viel verloren und es nicht immer gerade leicht gehabt, aber in
Anbetracht der Geschichte dieses Mannes war er ein glücklicher Mensch
und dafür war er in diesem Augenblick sehr dankbar. Sein Schritt wurde
ruhig und nachdenklich langsam. Er genoss förmlich den Weg zurück zur
Poststation. Es schien fast so als würde er befürchten, er könnte die
Schönheiten am Wegesrand, ja der gesamten Umgebung nicht sehen. Dann,
mit einem Mal, was immer auch diese Erkenntnis ausgelöst hatte, war er
wieder mit seinen Gedanken bei jenem mysteriösen Fall. Wie ein
Schleier, der von seinen Augen fiel, wurde ihm der Werdegang bewusst.
Zuerst blieb er stehen als könne er es selbst nicht glauben. Sollte es
wirklich so einfach sein? Doran setzte sich auf einen Baumstamm der am
Wegesrand lag und dachte nach während er sich seine Pfeife stopfte sie
anzündete und einen tiefen, genüsslichen Zug nahm. Während er den
Rauch in die Luft blies ging er die gesamte Geschichte noch einmal in
seinem Kopf durch. Es war als liefe ein Film vor seinen Augen ab. Warum
der Inspektor nicht schon früher darauf gekommen war ist einfach zu
erklären. Es handelte sich um eine Verknüpfung von sogenannten unglücklichen
Zufällen, welche allein und ohne Zusammenhang keine besondere Bedeutung
gehabt hätten. Chaostheorie, die einzelnen Dinge ergeben bei ihrer
Betrachtung keinen Sinn, aber mit der Zeit ordnen sie sich zu einem
zusammenhängenden Muster welches einen ganz bestimmten Sinn und Zweck
erfüllt. Genauso verlief es hier. Anhand
der Aussagen von den Beteiligten und den anfangs übersehenden Tatsachen
ging der Inspektor noch einmal zu jenem Zeitpunkt zurück, an dem sich
jene Ereignisse begaben und dann plötzlich überschlugen. Da war zuerst
der Unfall der Kutsche, welcher dafür sorgte, dass man nicht
weiterfahren konnte. Mach versuchte das Beste aus der Situation zu
machen, was den Beteiligten im Angesicht der schlechten Wetterlage auch
hervorragend gelang. Man wollte auf den nächsten Morgen warten und
plante, wie man den Rest der Nacht in dieser Situation verbringen würde.
Ein Teil der Reisenden sollten in der aufgerichteten Kutsche Schutz
suchen und ein wenig versuchen zu schlafen. Was die beiden Männer und
den Kutscher betraf, so wollten diese im Wechsel Wache halten. Dazu
wurde ein Feuer angezündet um sich zu wärmen und auch mögliche wilde
Tiere abzuhalten. Zudem hatte man auch Waffen, welche man auch bereit
war im Notfall einzusetzen. Alles war soweit vorzüglich geplant bis zu
dem Augenblick, indem alle von einem ungewöhnlichen Geräusch geweckt
wurden. Hinzu kam, dass der Kutscher zuerst verschwunden war, was sich
allerdings im Nachhinein aufklärte. In all dem Anfänglichen
Durcheinander erschien etwas sehr wichtiges als unwichtig und wurde
deshalb nicht von den Betroffenen so recht wahrgenommen. Es handelte
sich hierbei um das Heulen eines Wolfes. Zwar war dieses Heulen in einer
größeren Entfernung zu vernehmen, aber es war der erste Schlüssel zu
dem ganzen Geheimnis. Hinzu kamen jene drei Wesen die davonliefen. Auch
diese nehmen hierbei eine bedeutende Schlüsselrolle ein. Die Tatsache,
dass der Boden aufgewühlt war, abgesehen von dem Blut, zu dem wir noch
später kommen, waren dort bestimmte Spuren sichtbar, welche zwar,
bedingt durch den Regen nicht deutlich zu bestimmen waren, aber es sich
hierbei mit ziemlicher Sicherheit um die Abdrücke von Wildschweinen
handelte, obwohl behauptet wurde, es wären die Spuren des Leibhaftigen
gewesen. Gehen wir von einem Einzelgänger aus, so bleiben die zwei
anderen Wesen ein Rätsel. Dies kann zum Einen daran liegen, dass in
einer solchen Situation der Mensch oftmals zur Übertreibung neigt.
Genauso gut ist es aber auch möglich, dass sich dem Keiler als Einzelgänger
im Laufe der Zeit doch zwei Weibchen angeschlossen hatten. Wie dem auch
sei, hier war der zweite Schlüssel zu Geheimnis verborgen, der nur der
Aufregung und Phantasie wegen falsch gedeutet wurde und somit die
Wahrheit verfälschte. Damit
kommen wir zu dem tragischen Zwischenfall, welcher dem Bauern Friedrich
wiederfahren ist. Hierbei ist die Angelegenheit schon etwas
komplizierter. Um diese Ereignisse zu verstehen müssen wir uns die
gesamte Geschichte des Bauern noch einmal vor Augen führen. Da
war also eine glückliche Familie, die einen Bauernhof seit vielen
Generationen betrieb. Das Schicksal verschonte den Bauern jedoch nicht
mit seiner Härte. Es nahm ihm seine Frau. Nicht nur das er mit einem
Schlag allein mit seiner Tochter war und mit seiner Trauer allein fertig
werden musste, wurde dem Hof auch noch ein Fluch nachgesagt, was zur
Folge hatte, dass die Dorfgemeinschaft, zwar nicht direkt, aber indirekt
diesen Mann aus der Gemeinschaft ausschloss. In seiner Einsamkeit und
allein mit seiner Tochter versuchte er diese über den Verlust der
Mutter mit der Geschichte hinwegzutrösten, dass diese in der Katze der
kleinen Tochter weiterlebte und somit immer bei ihr war. Zumindest war
auf diese Weise die Tochter getröstet. Friedrich der Bauer musste mit
seinem Leid jedoch ganz allein fertig werden. Auf die Hilfe der Gemeinde
konnte er nicht hoffen, da er sich selbst auch, bedingt durch den
Schmerz und den Kummer sehr stark verändert hatte. Was konnten ihm auch
die Anderen bei seinem Leid helfen, sie konnten seine Frau nicht
ersetzen und von guten Ratschlägen hatte er genug. So wurde auch er zu
einem gewissen Einzelgänger und einer weiteren Schlüsselfigur ohne es
selbst zu ahnen. Alle
Teile des Mosaikes waren beieinander. Nur wie sie richtig in der
bestimmten Reihenfolge angeordnet werden sollten, war dem Inspektor noch
nicht so ganz klar. Aber dem allen zum Trotz, er wusste, dass er auf dem
rechten Weg war, er konnte die Erklärung fühlen. Mit diesem Gefühl
einer tiefen Befriedigung zog er noch einmal genüsslich an seiner
Pfeife. Dann stand er auf um seinen Heimweg fortzusetzen. Voller
Selbstvertrauen, die Pfeife im Mundwinkel und festen Schrittes eilte er
dem Gasthof entgegen. Das
Blau des Himmelshatte sich derweil hinter dunklen Wolken versteckt, die
nichts Gutes erwarten ließen. Auch war ein kühler Wind aufgekommen und
Nebel erhob sich vom Boden des Waldes. Doran beschleunigte seinen
Schritt noch ein wenig um noch vor dem drohenden Unwetter die
Poststation zu erreichen. Als
er sich unter den gegebenen Umständen den Wald etwas genauer
betrachtete, wurde ihm klar, dass jeglicher Aberglaube hier seine
Wurzeln finden würde. Für einen kurzen Moment hielt er an, stellte
sich unter einen Baum um seine Pfeife auszuklopfen. Genau in diesem
Augenblick, als wäre es ein Wink des Himmels, huschte eine kleine
Feldmaus, direkt vor seinen Füßen über den Weg. Kein anderer hätte
diesem Ereignis auch nur die geringste Bedeutung zugemessen. Doran, der
Inspektor war darin jedoch ganz anders. Noch während er der kleinen
Maus hinter herschaute, sagte er zu sich selbst: „Katzen fressen Mäuse.
Sie werden von ihnen gejagt und bei beiden handelt es sich in der Regel
um Nachtaktive Tiere“. Wieder
einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die
Katze der kleinen Bauerstochter hat sich auf ihre nächtliche Jagt
begeben. Aus einem unersichtlichen Grund muss das Mädchen erwacht sein
und konnte die Katze nicht vorfinden. Da es von der Tatsache der Aussage
des Vaters überzeugt davon war, dass ihre Mutter in jener Katze
weiterlebte, machte sie sich sorgen um das Tier. Als dieses selbst nach
einigen Rufen nicht kam, konnte sich das Mädchen nicht erklären, dass
in diesem Fall ihre Mutter sie so ganz allein gelassen hatte. So lag der
Verdacht nahe, dass etwas passiert sein könnte. Ein fataler Gedanke,
der sehr schwerwiegende Folgen haben sollte. Das Mädchen in ihrer Angst
suchte erst im ganzen Haus nach ihrer Katze. Als sie diese dort nicht
finden konnte, begab sie sich nach draußen. Auf ihrer Suche begab sie
sich immer tiefer in den Wald. Sie rief weiterhin nach ihrer Katze, als
sie plötzlich ein lautes Geschrei hörte, welches dem eines kleinen
Kindes glich. Sie war in diesem Augenblick steif vor Schreck. Der Schrei
wiederholte sich noch zwei oder dreimal. Dann wurde es wieder still. Als
das kleine Mädchen in jene Richtung rannte, aus der es dieses Schreien
vernommen hatte hörte sie noch das Heulen eines Wolfes. Es kam ganz aus
der Nähe. Obwohl die Furcht der Kleinen unermesslich groß war, trieben
sie die Sorgen um ihre Geliebte Katze, gleich Mutter, weiter an. Sie
lief tief in das Dickicht hinein und gelangte an jene Stelle, die später
der Kutscher aufgesucht hatte und den grausigen Fund entdeckte. Als sich
das Mädchen einem Buch im Unterholz näherte erwartete sie ein
grauenvoller Anblick. Ein mächtiges, fast übergroßes Wildschwein
hatte die Katze gestellt und schleuderte den bereits leblosen Körper
durch die Luft. Die Kleine war wie in Trance, sie konnte nicht glauben,
dass die Katze tot war und somit ihre Mutter sie erneut verlassen hatte.
Sie musste irgendetwas tun, und so begab sie sich laut schreiend auf
jenes Ungeheuer von Wildschwein zu. Diese schien in diesem Augenblick
ebenso erschrocken wie das Kind zu sein und folgte seinem
Fluchtinstinkt. Wieder heulte der Wolf. Diesmal um einiges näher. Es
war, als hätte er die ganze Zeit das Geschehen beobachtet und nur auf
seine Chance gewartet. Das Mädchen aber beachtete jenes drohende Heulen
nicht. Sie hatte nur noch Augen für ihre Katze. Langsam begab sie sich
auf das sehr übel zugerichtete Kadaver zu, nahm es in ihre kleinen Arme
um es Heimzutragen. In diesem Moment sah der Wolf, der sich in dieser
Zeit dicht herangeschlichen hatte, seine Gelegenheit. Mit einem Satz
stand er vor dem Mädchen. Diese stand starr wie hypnotisiert dar. Der
Geruch des Blutes der Katze machte den Wolf noch wilder. Er war ein
Einzelgänger und schon von beträchtlichem Alter. Sicherlich hatte er
bereits seit Tagen keine Nahrung mehr zu sich genommen und war so
ausgehungert, dass er jegliche Angst verloren hatte. Ihm ging es einzig
ums nackte überleben. Langsam, den Kopf zu Angriff gesenkt, näherte er
sich seiner Beute. Dann geschah alles sehr schnell. Mit einem letzten
Sprung war er bei dem Mädchen, was keinen Widerstand leistete. Es ist
sogar anzuzweifeln, dass es überhaupt von all dem etwas mitbekommen
hatte. Der Wolf biss mit einem einzigen Ansatz in die Kehle der Kleinen.
Wahrscheinlich trennte er dabei sogar ihr Genick durch. Sie muss sofort
tot gewesen sein. Gierig vor Hunger folgte er seinem Instinkt und begann
das Kind zu zerreißen. Dabei verschlang er einige Körperteile sehr
eilig. In diesem Augenblich muss er jedoch von Tobias dem Kutscher gestört
worden sein. Dieser konnte allerdings nichts in der Dunkelheit erkennen,
was unter Umständen sogar sein Glück war, da er aus diesem Grund
umkehrte. Der Wolf unternahm zwar noch den Versuch, seine Beute zu
verschleppen, kam aber aufgrund seiner geschwächten Lage nicht sehr
weit damit und musste diese zurücklassen. Als
am nächsten Morgen Tobias der Kutscher zusammen mit Heinrich dem älteren
Mann der Reisenden zurück an jenen Ort gingen von wo aus sie die merkwürdigen
Geräusche gehört hatten, fanden Sie nur die Spuren des Kampfes und
jene Rückstände die sich als die Katze herausstellten. Das Mädchen
des Bauern fand man erst später, dort wo der Wolf sie zurückgelassen
hatte. Es gab zwar noch keinerlei Beweise für diese Interpretation,
aber auf diese Weise ergab die ganze Geschichte einen durchaus möglichen
Sinn. Doran, ein Mann der sonst von Natur aus eher ruhig und bedacht war, verspürte eine große innere Unruhe. Wenn sich sein Verdacht bestätigen würde, könnte man den Fall abschließen. So legte er in seinem Tempo noch einen Schritt zu um so schnell wie nur möglich die Poststation und deren Gasthof zu erreichen. Es lag ihm sehr viel daran, den anderen von seinen Erkenntnissen zu berichten. Sie mussten einfach seiner Meinung sein, da die Angelegenheit und ihr Tatbestand eindeutig waren und eine andere Möglichkeit außer weiteren Verwirrungen keine klare Logik zu bieten hatte. |
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6. Kapitel Ein Bericht und verschiedene
Meinungen
Völlig
außer Atem erreichte der Inspektor den Gasthof. Es war ungefähr elf
Uhr Vormittags und in der Gaststube war man gerade dabei sein Frühstücksmal
zu Beenden. Alle sprachen durcheinander und es herrschte eine heftige
Diskussion, da die Geschehnisse noch immer das Thema Nummer eins waren.
Jeder der Anwesenden wollte seine Meinung zum Ausdruck bringen und somit
unbedingt zur Lösung mit beitragen. Doran
der Inspektor betrat die sonst so gemütliche Gaststube und schaute sich
suchend nach seinem Kommissar Mikesch um. Er entdeckte diesen in Mitten
der betroffenen Gruppe. Nachdem er sich so unauffällig wie nur möglich
bei Mikesch bemerkbar gemacht hatte, gab er diesem ein Zeichen, um ihn
vor die Tür zu bitten. Er wollte zuerst allein mit Mikesch über seine
Spekulationen sprechen, da er selbst nicht ganz von einer gewissen
Unsicherheit befreit war. Die beiden Männer sprachen sehr lange und
ausgiebig miteinander. Man versuchte wirklich keine Möglichkeit
auszulassen, welche der Aufklärung dienlich oder in deren Sinne
widersprüchlich sein könnte. Nach einer Weile jedoch waren der
Inspektor und sein Kommissar einer Meinung. Es konnte sich nur so, oder
mit einigen unwesentlichen Abweichungen, abgespielt haben. Alles deutete
auf einen derartigen Tathergang hin. So
betraten die beiden wieder die Gaststube. Alle Augenpaare der
Betroffenen waren einzig auf die beiden Männer gerichtet. Man hatte
bemerkt, dass der Inspektor zurückgekommen war und Mikesch, den
Kommissar zu sich herausgebeten hatte. Was hatten die beiden so
wichtiges zu besprechen? Hatten sie etwa die Lösung des Mysteriums
gefunden? Der Raum sprühte förmlich vor Spannung, und hätte das
leiseste Geräusch wahrnehmen können, da jeder vor Erwartung die Luft
anzuhalten schien. Wie auf ein Stichwort begannen dann plötzlich alle
mit einmal zu reden. Fragen über Fragen durchdrangen nun die Stille des
Raumes. Der Inspektor blieb dabei ganz ruhig. Er hob nur kurz die Hand
mit einer Geste, dass sich die Anwesenden doch etwas Gedulden möchten.
Dann setzte er sich gemeinsam mit Mikesch an den großen Tisch. Die
beiden Beamten bestellten sich zuerst ein frisches Bier. Als der Wirt
Georg ihnen dieses gebracht hatte, tranken beide, fast gleichzeitig,
einen kräftigen Zug davon. Man konnte ihnen ansehen, wie sehr es ihnen
mundete. „Nach einem so anstrengenden wie auch erfolgreichen Vormittag
gibt es nichts Besseres zur Erfrischung und Entspannung wie ein gut
gezapftes Bier“, bemerkte Doran. „Wie ich sehen kann, gibt es hier
sehr viele Menschen die auf eine Erklärung von mir warten. So will ich
Sie auch nicht weiter auf die Folter spannen und Ihnen meinen Bericht
unterbreiten“. Bei diesen Worten machte er einen sehr bedeutenden
Eindruck. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit sich und der Welt in
diesem Augenblick zufrieden war. Als
sich die Leute um den Inspektor herum versammelt hatten, stützte Doran
seine Unterarme auf den Tisch auf, lehnte sich etwas nach vorn und
begann zu erzählen: „Ich werde am besten ganz von Anfang an
beginnen“, bemerkte Doran. „Es war gestern Abend, als alle die hier
anwesend waren und für einen Augenblick ihren Sorgen entfliehen
konnten. Ich selbst hatte mich ein wenig zurückgezogen um mit meinen
Gedanken ins reine zu kommen, als mir, aus welchem Schlüsselerlebnis
heraus auch immer, eine, ich will es einfach mal Erleuchtung nennen, überkam.
Der Gedanke, oder die Gedankengänge ließen mich nicht mehr los. Sie
waren so einfach und dennoch genial. In diesem Augenblick wusste ich,
dass ich das gesamte Mosaik in meinen Händen hielt. Ich konnte nur noch
nicht sagen, wie es zusammengefügt werden musste. Aber auch hierfür
sollte es eine Erklärung geben. Als ich darauf am nächsten Morgen
aufstand, nahm ich mir vor einer Spur zu folgen, welche mich unter Umständen
zur Wahrheit führte. So trank ich zum Frühstück nur eine Tasse Kaffee
und machte mich, ohne eine weitere Erklärung, auf den Weg. In meinem
Kopf gab es vier Schlüssel welche die Tür zu dem Geheimnis
verschlossen hielten. Doch welcher Schlüssel passte zu welchem Schloss?
Es gab auch noch ein Zauberwort, welches allem zugrunde lag und auf
alles zutraf. Es war das Wort "Einsamkeit". Aus der Einsamkeit
heraus ist schon so mancher zum berühmten Einzelgänger geworden. Und
genau um diese Einzelgänger ging es“. Der
Inspektor machte eine kleine Pause und trank noch einen Schluck aus
seinem Krug mit dem Bier. Die Leute ringsherum hatten sich nun auch alle
an den Tisch gesetzt. Sie waren sehr ruhig geworden und klebten förmlich
an den Lippen des Inspektors und seinen Ausführungen. Nach einer Weile
fuhr er fort. „Ich begab mich also zu dem Bauern, der auf so tragische
Weise sein Kind verloren hatte. Irgendetwas sagte mir, dass hier alles
begonnen hatte. Unsere Reisenden, der Unfall der Kutsche sowie jene
anderen Unannehmlichkeiten stellten nur die Statistenrollen dar, die nur
beiläufig mit dem Fall konfrontiert wurden. Auch ohne jene Zwischenfälle
hätte das Schicksal in dieser Nacht seinen Lauf der Bestimmung
genommen. Ich hatte mich gut mit meinen Fragen Vorbereitet und war fest
davon überzeugt hier, beim Bauern Friedrich den Grundstein des Mosaikes
zu finden. Bereits auf den Weg dorthin machte ich mir ein Bild von der
Landschaft. Auch diese passte genau in jenes Chema, welches in meinem
Kopf keine Ruhe geben wollte. Auf diesem nicht ganz leichten Weg dorthin
hatte ich zumindest genug Zeit zum Nachdenken. Unterwegs glaubte ich
sogar das Heulen eines Wolfes zu hören. Dieses Heulen wurde mir bereits
zwei oder dreimal beschrieben, obwohl man mir stets versicherte, es gäbe
hier keine Wölfe mehr. Da sie einige Schafe gerissen hatten, erschoss
und vertrieb man sie aus diesem Gebiet. Und doch könnte ich schwören,
das Heulen eines Wolfes vernommen zu haben. Aber sei es wie es ist“. Doran
machte erneut eine kleine Pause um etwas Luft zu holen und noch einen
Schluck von dem Bier zu trinken. Es war still in der Gaststube und die
Anwesenden warteten ungeduldig, dass der Inspektor mit seinem Bericht
fortfuhr. Doran hingegen schien es zu gefallen, so im Mittelpunkt zu
stehen, ja er genoss es förmlich. Dann, nach einer kurzen Weile,
wischte er sich den Schaum vom Mund und begann weiterzureden. Dabei ließ
Doran der Inspektor nicht die kleinste Kleinigkeit aus. Beginnend bei
seinen Gedanken und Eingebungen bis hin zu den Vermutungen, welche sich
auch als durchaus möglich erwiesen haben, bis hin zu dem ausgiebigen
Gespräch mit dem Bauern Friedrich. Die
gesamte anwesende betroffene Gesellschaft lauschte gespannt seinen Ausführungen.
Selbst Mikesch der Kommissar und Gehilfe des Inspektors war mehr als nur
Erstaunt. In diesem Augenblich gab es für keinen der Beteiligten nur
die Spur eines Zweifels, dass es sich wirklich so ereignet haben könnte.
Es gab zwar keine Beweislage, aber die Zusammenfassung des Inspektors
war so lückenlos, dass man diese nicht widerlegen konnte. Selbst
Mikesch konnte sich dem Inspektor nur anschließen. Hieraus entstand
erst einmal eine mehr oder weniger größere Pause, was das Gespräch
betraf. Man konnte deutlich erkennen, dass ein jeder mit seinen Gedanken
und dessen eigene Interpretation beschäftigt war. Die Gesichter der
Anwesenden waren ausnahmelos in Gedanken versunken. Selbst Friedhold,
der zweite Kutscher sowie Georg, der Wirt des Gasthauses und der
Poststation waren bei dem Gespräch dabei. Keiner hätte sagen können,
wie viel Zeit verstrichen war, als sich der Erste bemerkbar machte. Es
war Georg der Wirt, der zuerst das Wort ergriff. „Bereits seit
Generationen wird diese Poststation von Angehörigen unserer Familie
betrieben. Seit dieser Zeit wird auch von dem Fluch berichtet. Ich möchte
ganz ehrlich sein, es stellt sich mir die Frage, wie sich eine solche
Geschichte solange halten kann, wenn sie nicht auf einen Funken Wahrheit
beruht“. Der
Wirt schaute unsicher und zweifelnd in die Runde, um dann fortzufahren.
Er konnte nicht ahnen, dass er mit dieser Bemerkung bereits ein neues
Feuer des Aberglaubens entfacht hatte. „Ich
gebe zu, die Geschichte des Herrn Inspektors erscheint sehr einleuchtend
und realistisch. Wir sollten aber auch bedenken, dass es zurzeit
keinerlei Beweise für deren Richtigkeit gibt. Sicherlich, es gibt auch
keine Beweise für den bestehenden Mythos, aber ist es nicht eine
Tatsache, dass es Dinge zwischen Himmel und Erden gibt, die wir niemals
verstehen werden? Ich muss ehrlich gestehen, ich wüsste nicht wie ich
mich entscheiden sollte, wenn man von mir eine Stellungnahme erwarten würde“.
Nun
meldete sich auch der zweite Kutscher zu Wort. „Ich
lebe zwar noch nicht solange hier, dass ich auf Generationen zurückgreifen
kann, so wie dies dem Gastwirt möglich ist, aber dennoch bin ich
vertraut mit den hier ansässigen Bräuchen und Glaubensrichtungen. Sie
müssen wissen, wir sind in dieser Gegend sehr gläubige Menschen“. Der
Inspektor ahnte, dass er es nicht leicht mit den Ansichten der hiesigen
Bevölkerung haben würde. Diese Menschen waren tief mit den Mythen
ihrer Vergangenheit und deren Kultur verwurzelt. „So
wie ich“, fuhr Friedhold fort, „ist auch Tobias der andere Kutscher
der festen Meinung, er habe den Leibhaftigen sogar gesehen und darüber
hinaus seine schrecklichen, drohenden Rufe gehört“. Er meinte damit
wahrscheinlich das Heulen des Wolfes. „Sie wollen doch nicht allen
Ernstes das Wort der Bibel in Frage stellen“? fragte Friedhold den
Inspektor. Der sah sich hilfesuchend nach seinem Kommissar um, der aber
nur stumm mit den Schultern zuckte. Doran
begriff, dass er es hier mit einer fast schon fanatischen Übermacht zu
tun hatte, die er weder überzeugen konnte, noch mit einem vernünftigen
Argument gegen diese Sturheit auch nur eine Chance der Überzeugung
hatte. „Meine Herren“, begann Doran das Gespräch in eine vernünftige
Bahn zu lenken, „es geht doch hier um vielmehr als um Kultur und
Tradition. Es ist hier einem von Euch ein unglaubliches Unheil
widerfahren und dieser arme Kerl ist am Ende mit all seinen Weisheiten,
so dass er sich am liebsten das Leben nehmen würde. Damit dieser Mann
mit der Zeit seinen Frieden, oder zumindest einen Teil davon,
widererlangen kann, betrachte ich es als unsere Pflicht, auf eine
rationelle sowie reale Weise die Wahrheit herauszufinden. Sicher es gibt
weder für die eine noch für die andere Theorie nicht die leisesten
Beweise, umso wichtiger erscheint es mir, dass wir, gerade jetzt in
dieser Situation zusammenhalten und all unser Wissen zusammentun“. Die
Worte des Inspektors hörten sich schon fast flehend an. Er ahnte
bereits, dass er hier ganz auf sich allein gestellt sein würde, was der
folgende Satz von Tobias noch deutlich unterstrich. „Ist
die Bibel in Ihren Augen etwa kein Beweis? Zweifeln Sie etwa die heilige
Schrift unseres Herrn an“? Tobias der Kutscher klang in diesem
Augenblick direkt Feindseelig und Doran begriff, dass es jetzt an der
Zeit war, die Situation zu entschärfen und nicht weiter auf diesem
Thema zu beharren, da sonst bestimmt zum Eklat kommen würde, welcher
das Lager mit Sicherheit in zwei Hälften aufsplittern würde. „Natürlich
stelle ich das Wort der Bibel in keiner Weise in Frage“. sagte er und
fuhr fort: „ich glaube ich sollte die ganze Sache noch einmal überdenken,
ich habe mich wohl zu sehr von meiner ersten Euphorie leiten lassen“.
Es war eindeutig, dass der Inspektor auf diese Weise Zeit gewinnen
wollte, denn die Gemeinschaft drohte jeden Augenblick
auseinanderzubrechen. Die Strategie von Doran ging auch wie erhofft auf.
Diplomatisch gelang ihm der Übergang zu den völlig alltäglichen
Dingen. So dauerte es auch nicht lange und man beschäftigte sich mit
dem wirklich guten Essen des Wirtes und so fast ein Jeder der kleinen
Gesellschaft glaubte etwas aus seinem Leben berichten zu müssen. So kam
man sich innerhalb kürzester Zeit nahe und die Auseinandersetzung zuvor
war im Nu vergessen. So
verging auch die Zeit an diesem Tag. Draußen hatte es angefangen zu
regnen und der Wind schien sich zu einem heftigen Sturm zu entwickeln.
Georg der Wirt begann das Haus gegen das herannahende Unwetter zu
sichern, wobei in seine Gäste hilfreich zu Hand gingen. Etwa fünfzehn
Minuten später traf sogar Wilhelm der Förster auf. Er wollte dem
Besitzer der Poststation mitteilen, dass ein heftiges Unwetter aufzieht
und er in keinem Fall, noch vielleicht ankommende Postkutschen
weiterfahren ließ. Als er sah, wie sich alle Anwesenden damit beschäftigten,
bei der Sicherung des Hauses zu helfen, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit,
sich auch dabei zu beteiligen. Der
Himmel verdunkelte sich zunehmend und auch der Regen sowie der Sturm
wurden immer stärker. Aus der Ferne hörte man bereits ein Donnern und
konnte schon das Wetterleuchten vom Weiten erkennen. Es war bereits später
Nachmittag, als das Unwetter hereinbrach. Schon lange hatte man in
dieser Gegend kein solches Gewitter mehr erlebt. Es blieb somit der
gesamten Gesellschaft nichts weiter übrig, als es sich in der Gaststube
gemütlich zu machen, was sich auf die Tatsache beschränkte, dass man
beisammen saß, etwas trank und, wie sollte es wohl anders sein, sich über
das Wetter und Geschichten aus früheren Zeiten unterhielt. So
schnell wie dieses Unwetter gekommen war, so schnell war es auch schon
wieder vorbei. Es mögen vielleicht im Ganzen ca. drei Stunden gedauert,
dann war jeglicher Spuk vorbei. Inzwischen war es jedoch dunkel geworden
und die Nacht war hereingebrochen, was jedoch keiner der Anwesenden so
richtig bemerkte. Es gab im Grunde kein Thema, welches man während der
Gespräche nicht berührte. Spannendes, informatives, unheimliches und
sehr fragwürdiges, alles war dabei. Das Meiste wurde natürlich von den
Einheimischen berichtet und jeder war mehr oder weniger auf seine
Geschichte, die er zu berichten hatte, stolz. Für
Doran, dem Inspektor waren die Ausführungen des Försters Wilhelm
unglaublich aufschlussreich. Doran machte daraus seine eigene
Geschichte, und wie das Schicksal es so wollte, passte diese fast genau
mit seinen Erkenntnissen und Vermutungen überein. Natürlich sagte er
nichts von seinen Erfahrungen und hielt sich eher ruhig im Hintergrund
zurück. Wenn der Inspektor bis jetzt vielleicht noch Zweifel gehabt hätte,
so war nun der Zeitpunkt gekommen, an der er von seiner Version
hundertprozentig überzeugt war. So viele Zufälle konnte es einfach
nicht geben. Jedoch vertrat er den Standpunkt, sich einmal am Tag den
Mund verbrannt zu haben, reiche voll und ganz. Die
Nacht, oder besser gesagt der Abend war sternenklar. Als sich der Förster
Wilhelm verabschiedete begab sich die gesamte Gesellschaft mit vor die
Gaststube um noch ein wenig von der frischen Luft nach dem Gewitter zu
atmen. Voller Bewunderung und fasziniert betrachtete man den Vollmond,
der an diesem Abend besonders hell schien. Da geschah es, mit dem keiner
gerechnet oder nur im Traum daran gedacht hätte. Allen kam es vor, als
würden sie sich in einem Traum befinden. Einem Traum aus dem man so
schnell wie nur möglich aufwachen würde. Sie glaubten ihren Ohren
nicht zu trauen. Ganz
deutlich und unmittelbar in der Nähe war es zu hören, das Heulen eines
Wolfes. Ja, es war unverkennbar ein Wolf, daran bestand nicht der
geringste Zweifel. Es war wie ein Schock, welcher jedem durch die
Glieder fuhr. Nur Doran der Inspektor schien als einziger nicht
sonderlich überrascht zu sein. Auch wenn er darin keinen Anlass zur
Freude sah, so bestätigte ihm dieses Heulen des Wolfes doch die
Richtigkeit seines Verdachtes. „Wenn mich meine Ohren nicht betrügen,
so habe ich gerade das Heulen eines Wolfes vernommen“, sagte der
Inspektor und begab sich wieder in die Gaststube. Die restlichen Leute,
bis auf den Förster Wilhelm, welcher sich auf den Heimweg begeben
hatte, folgten Doran in die Gaststube. Keiner von ihnen sagte auch nur
ein Wort. Im Haus angekommen, begab sich der Inspektor umgehend auf sein
Zimmer. Zum ersten wollte er noch einmal mit seinen Gedanken ins reine
kommen und zum zweiten hatte er keinerlei Interesse an eventuellen Gesprächen
mit den anderen Anwesenden. Der Rest der Gesellschaft nahm gemeinsam
wieder am großen Tisch der Gaststube Platz. Es sollte noch eine ganze
Weile dauern, bis das Schweigen der Gesellschaft zu Ende ging.
Friedhold, der zweite Kutscher, war es, der als erster die Stille
sprach. So als wolle er sich vor den Anderen rechtfertigen sagte er: „Es
kann ja sein, dass es sich bei dem Heulen um einen Wolf gehandelt hat,
aber wir alle wissen doch, dass der Teufel nicht selten in der Gestalt
von Tieren auftaucht. Für mich ist dies kein Beweis. Zudem kommt noch
die Tatsache, dass wir alle vom Fluch über dieses Haus des Bauern
Friedrich wissen. Es handelt sich hierbei doch um eine alte Geschichte
und so etwas saugt sich doch kein Mensch aus den Fingern. Wenn es sich
also hierbei um eine Finte handeln würde, wie konnte diese sich dann über
solange Zeit halten? Wäre eine solche Lüge nicht schon lange
aufgedeckt worden? Mich kann dieser Inspektor jedenfalls nicht mit
seiner so gepriesenen Logik beeinflussen. Ich weiß was ich weiß“. Die
Reaktion der restlichen Gesellschaft war hoch interessant. Einige
nickten zwar zustimmend, sagten aber kein Wort dazu. Die Anderen
versuchten sich überhauptnicht bemerkbar zu machen. Von ihnen hatte man
das Gefühl, als würden Sie am liebsten unsichtbar sein, oder sich in
ein Mauseloch verkriechen. Für einen kurzen Moment flammte noch eine
sinnlose, durcheinander verlaufende Plauderei über diese Thematik auf.
Da man aber keinen gemeinsamen Nenner finden konnte und es bereits schon
spät war, löste sich die Gesellschaft umgehend auf. Nach
etwa einer halben Stunde wurde es ruhig im Gasthaus. So Ruhig, dass es
schon fast unheimlich erschien. Und dann war es plötzlich wieder da.
Das Heulen des Wolfes. Es klang sehr nahe und dauerte eine ganze Weile
an. Der Vollmond, welcher dazu schien gab der ganzen Angelegenheit noch
etwas Gespenstisches. Es
war fast, als wolle er allen Beteiligten dieses mysteriösen Vorkommens
zu Verstehen geben, dass er nicht nur da war, kein Fabelwesen sondern
aus Fleisch und Blut, der gekommen war, um seine erschossene und
vertreibende Familie zu rächen. Keinem der anwesenden Leute war in dieser Nacht wohl. Keiner konnte so richtig schlafen oder schlief einen ruhigen und erholsamen Schlaf. Nur Doran der Inspektor ließ sich nicht beeindrucken, für ihn war es der klare Beweis, dass die Logik wieder einmal über den Aberglauben gesiegt hatte. In seinen Träumen hatte er den Fall bereits geklärt, doch bis dahin sollte es noch einige Hürden geben.
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7. Kapitel Die letzten Hürden und die Aufklärung
Es
war eine sehr unruhige Nacht für alle. Der Morgen jedoch belohnte dafür
mit strahlendem Sonnenschein. Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch.
Aber da war auch noch etwas anderes, etwas, was jeder förmlich riechen
konnte. Es lag etwas ganz besonderes in der Luft. Keiner konnte dieses
Gefühl erklären, aber es war dar. Es
war Mikesch der Kommissar, der das Gefühl auf den Punkt brachte.
Mikesch trat vors Haus, atmete tief durch, schaute zum blauen Himmel und
meinte dann: „Es ist, als würde die Wahrheit heute den Schleier der
Mysterien herunterreißen. Ich würde mich nicht sehr wundern, wenn wir
diesen Fall heute aufklären“. Dabei strahlte er förmlich über das
ganze Gesicht. Ein Lächeln oder Strahlen, was für ihn typisch war und
genau seiner Natur entsprach. „Ihre Zuversicht möchte ich haben“,
bemerkte der Inspektor. „Vielleicht haben Sie es ja noch nicht
bemerkt, aber wir befinden uns hier mitten in der tiefsten Provinz“.
Doran hörte sich bei diesen Worten schon fast verzweifelt an. „Da hat
man die Lösung wie auf einem Tablett, aber diese engstirnigen Menschen
hier sind so tief mit ihrem Aberglauben verwurzelt, dass man ihnen alle
Beweise schwarz auf weiß auf den Tisch legen könnte, und diese
Ignoranten würden als Gegenbeweis die Bibel danebenlegen. Dabei gibt es
einen Mann, der alles verloren hat, was man nur verlieren kann und ist
auf Grund des Verhaltens dieser Menschen völlig allein mit seinem
Schmerz. Die Leute hier meiden ihn, und warum? Weil ihnen ihr dummer
Aberglaube mehr bedeutet als ein wenig Menschlichkeit und Vernunft“.
Deutlich konnte man die Überraschung in Mikesch seine Augen sehen.
Solange er Doran den Inspektor kannte, und dass war eine lange Zeit,
hatte er diesen noch nie voller solch verzweifelter Wut gesehen. Doran
war ein Mensch, der sehr gewissenhaft war und auch nach diesem Prinzip
arbeitete. Dennoch ging er die Dinge im Leben eher locker und mit einer
gewissen Leichtigkeit an ohne dabei seine Gewissenhaftigkeit zu
verlieren. Doran war für Mikesch das Vorbild schlechthin. Dabei
verstand er den Inspektor oftmals überhauptnicht. Schon lange hatte er
aufgegeben, Doran den Inspektor durchschauen zu wollen. Dieses Vorhaben
gelang wohl keinem Menschen. Ja, der Inspektor war schon etwas
Besonderes. Stets machte oder dachte er genau das Gegenteil von dem was
man selbst glaubte, lag aber immer richtig damit. Er schien die legendäre
kriminalistische Spürnase zu haben. Eine Begabung die nur wenige
Menschen besitzen. Umso überraschter war Mikesch daher den Inspektor in
einer derartig unbekannten Verfassung zu erleben. Es gab Zeiten, an
denen der Kommissar sogar dachte, der Inspektor wäre gar nicht fähig,
überhaupt wütend zu sein. Umso schwerer viel ihm nun, für jenen
emotionalen Gefühlsausbruch, eine plausible Erklärung zu finden.
Letztlich konnte er nicht wissen, dass jenes Verhalten etwas mit der
Vergangenheit von Doran zu tun hatte. Aber so schnell wie dieser sich
aufgeregt hatte, so schnell war die ganze Angelegenheit auch schon
wieder Schnee von gestern. So war Doran, im nächsten Moment war er völlig
ruhig und entspannt. Ins
geheim hatte sich der Inspektor bereits vorgenommen, das Rätsel am
heutigen Tag zu lösen. Es fehlten ihm noch einige wenige Beweise, dann
würde er den Tathergang lückenlos aufdecken, ob mit oder ohne
Aberglauben. Das war er sich selbst schuldig, er, Inspektor Doran, seit
achtunddreißig Jahre erfolgreich im Dienste der Gerechtigkeit. Der
Morgen verlief ebenso wie die letzten Morgen- oder Vormittagsstunden.
Die Gäste wie auch der Wirt und die Kutscher setzten sich an den großen
Tisch in der Gaststube. Nur der Bauer Friedrich und der Förster Wilhelm
fehlten, was allerdings an den anderen Tagen auch nicht anders war. Von
der gespanten Stimmung zuvor war keine Spur mehr. Man trank Kaffee und
Tee. Dazu gab es Brot, Käse und Schinken. Man konnte sagen was man
wollte, aber die Verpflegung war ausgezeichnet. Es
mag so um die zehnte Stunde gewesen sein, als der Inspektor sich an
seinen Gehilfen, den Kommissar Mikesch wandte und ihn bat, ihn zu
begleiten, da er noch etwas Wichtiges zu erledigen hatte und Mikesch gut
dabei gebrauchen könnte. Dieser
stellte keine weiteren Fragen, und so standen die zwei Beamten auf,
entschuldigten sich bei der restlichen Gesellschaft und gingen auf ihre
Zimmer um sich für einen ausgiebigen Fußmarsch anzukleiden. Dann
verließen sie den Gasthof. „Wohin
gehen wir eigentlich“, fragte Mikesch den Inspektor. „Wir haben
einen Fußweg von etwa eine gute Stunde vor uns“, erwiderte dieser.
„Ich möchte gern in das naheliegende kleine Dorf mit Ihnen gehen“,
Doran schmunzelte ein wenig. Es war ihm durchaus bekannt, wie der
Kommissar weite Fußmärsche verabscheute. „Darf ich fragen, was Sie
dort vorhaben“, fragte Mikesch. „Ich möchte eine Werkstadt
aufsuchen, eine Werkstadt für Gipsarbeiten“, sagte Doran. „Für
Gipsarbeiten“? Mikesch wollte noch weiterfragen, brach dieses Vorhaben
aber sofort wieder ab, da er wusste, dass der Inspektor, wenn er nicht
weiter reden wollte, dies auch nicht tat. So unternahm der Kommissar
erst gar nicht den Versuch weiterhin jenes Geheimnis zu lüften. Schweigend
gingen die beiden forschen Schrittes ihren Weg, dem Dorf entgegen. Es
war einfach erstaunlich, in welch guter Verfassung der Inspektor trotz
seines Alters war. Mikesch der Kommissar, der wesentlich jünger war,
hatte bereits nach einer halben Stunde seine Probleme, schritt mit Doran
zu halten. Aber da jeder Weg irgendwo endet, kamen auch die zwei Beamten
an ihr Ziel. Nach gut einer Stunde hatten sie das kleine Dorf erreicht.
„Ich weiß nicht wie Sie darüber denken, aber ich für meinen Teil würde
mich gern zuerst in die Wirtschaft dort drüben setzen und ein kühles
Helles trinken, ich lade Sie gern dazu ein“, bemerkte Mikesch, in der
Hoffnung Doran würde dem Vorschlag zustimmen. „Eine wirklich
hervorragende Idee“, erwiderte der Inspektor. Mikesch erschien die
gute Laune des Inspektors langsam unheimlich. Was er wohl im Schilde führte?
Doran war kein Mensch, der etwas ohne Grund machte. So
betraten die beiden die Wirtschaft und setzten sich an einem Tisch
direkt am Fenster. Endlich platzgenommen, kam auch sogleich der Wirt des
Gasthauses um den Tisch, an dem die beiden Männer sich gesetzt hatten,
abzuwischen und fast so nebenbei zu fragen, „was darf ich den
Herrschaften bringen? Ich kann Ihnen unser Essen wärmstens empfehlen,
es ist stets frisch und vorzüglich“. „Nein
danke“, antwortete Doran dem Wirt, „wir belieben nur etwas zum
trinken da der Durst uns furchtbar quält“. Bei der Vorstellung wie
wohl die Küche aussehen mag, nachdem er den Gastraum sowie den Wirt
gesehen hatte, ließ ihn erschauern. „Sei Er so gut und bringe er uns
zwei große Krüge von seinem besten Bier, welches er zwei erfolgreichen
und glücklichen Mannsbildern anzubieten hat, aber beeile Er sich bevor
seine Gäste verdurstet sind“. Dabei lachte Doran und dieses Lachen
klang sehr vielversprechend. Mikesch
der Kommissar sah den Inspektor an und meinte dann etwas bedenklich:
„ich möchte Sie nicht beleidigen, aber ich muss gestehen, dass ich
Sie selten so in Geberlaune gesehen habe. Zudem machen Sie auf mich
einen sehr zuversichtlichen Eindruck. Welchen Grund diese Tatsache hat,
brauche ich wohl nicht zu fragen, da Sie es mir zum jetzigen Zeitpunkt
ohnehin noch nicht sagen würden, aber hat dies etwas mit unserem
heutigen Ausflug zu tun“? „Seien Sie doch nicht so ungeduldig lieber
Mikesch, Sie werden es als Erster erfahren, soviel verspreche ich
Ihnen“. Wieder lachte der Inspektor, als würde er sich an der
Ungeduld seines Partners freuen. Es
dauerte nicht lange und der Wirt brachte den beiden Männern, Doran und
Mikesch, die gewünschten zwei großen Krüge Bier. Die Beiden prosteten
sich kurz zu und tranken einen sehr großen Schluck von dem sowohl kühlen
wie auch köstlichen Getränk. Danach lehnten sich beide zurück,
streckten ihre Beine unter dem Tisch aus und atmeten erst einmal tief
durch. Mikesch, der Kommissar tat einen tiefen Seufzer und bemerkte:
„es gibt doch nichts Besseres wie ein kühles Gerstengetränk nach
einem so anstrengenden Marsch“. Doran
schloss sich seiner Meinung ohne Einwände an. „Jetzt wo wir hier
alleine sitzen, könnten Sie mir doch wenigstens sagen, warum wir diesen
Fußmarsch gemacht haben“? Fragte Mikesch den Inspektor. „Sie geben
wohl nie Ruhe“, meinte Doran lachend. Ich bin mit Ihnen
hierhergekommen um etwas abzuholen, was uns bei unserer Beweislage den
Abschluss bringen soll. Warten Sie ab, Sie werden schon sehen“,
bemerkte Doran und nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Steinkrug.
Noch
eine gewisse Zeit verbachten die beiden Männer in der Wirtschaft.
Nachdem sie ihre müden Glieder ausgeruht und ihr Bier ausgetrunken
hatten, zahlte man die Rechnung und verließ die Wirtschaft. Sie
gingen über den Marktplatz und bogen darauf in eine kleine Gasse ein.
„Handwerksgasse“, stand auf einem Schild, welches an einer Hauswand
befestigt war. Es
war eine sehr schmale Straße, in der sich in jedem Haus ein
Handwerksbetrieb befand. Hier konnte man so gut wie alles finden. Vom
Schneider über den Gerber bis hin zum Schmied. Vor einem kleinen Haus
hielt Doran inne. Auf einem Zunftschild, welches sich über der
Eingangstür befand, stand zu lesen: „Gips und Stuckarbeiten“. Doran
öffnete die Tür und sofort ertönte das helle klingen einer Glocke,
die sich über der Eingangstür befand. Mikesch folgte ihm. Die
Werkstube, welche die beiden betraten strotze nur so von Staub, was auch
nicht weiter verwunderlich war. In der kleinen Werkstatt waren viele
verschiedene Musterstücke ausgestellt. Alles deutete darauf hin, dass
der Mann hier sein Handwerk sehr gut verstand. Es dauerte einen Moment
bis ein älterer, rundlicher Mann die Werkstube betrat. Er trug eine
Lederschürze über seine weiße Bekleidung. „Einen
wunderschönen guten Tag wünsche ich den Herrschaften“, sagte er mit
einer sehr hellen, freundlichen Stimme. Dabei blickte er genauso
freundlich drein. Mein Name ist Göbel, Meister Göbel.
Womit kann ich den Herren dienlich sein“? Fragte er Doran und
seinen Kommissar. „Doran
räusperte sich, ich habe vielleicht eine etwas außergewöhnliche Bitte
an Sie“, gab er zu verstehen. „Ich habe hier einen Knochen. Um genau
zu sein, einen Knochen von einer Katze. Wie Sie vielleicht unschwer
erkennen können, wurde dieses Tier von einem anderen Tier getötet. Ich
möchte Sie nun bitten, mir von den Biss Spuren auf diesem Knochen einen
genauen Abdruck anzufertigen und wenn möglich, mir auch zu bestätigen,
von welchem Tier diese Spuren stammen könnten“. „Das
dürfte nicht schwer sein“, erwiderte Meister Göbel“, wenn Sie möchten,
so kann ich Ihnen diese Dinge heute noch fertigmachen. Sie müssten sich
jedoch so zwei bis drei Stunden gedulden, da ich wegen der Zuordnung des
Tieres den hiesigen Förster befragen muss. Ich allein möchte hierzu
keine Bestätigung aussprechen, da meine Kenntnis nun einmal auf einem
anderen Gebiet liegen“. „Das
nenne ich ein Wort“, erwiderte der Inspektor, bedankte sich und verließ
mit Mikesch die Werkstatt. Mikesch sah den Inspektor mit großen Augen
an. „Was zum Henker haben Sie vor“, fragte er. „Nun,
ich werde noch heute diesem dummen Aberglaube ein Ende machen und damit
verschiedenen Personen ihren wohlverdienten Frieden wiedergeben. Es muss
doch noch etwas Gerechtigkeit auf dieser Welt existieren“. Für
kurze Zeit schien Doran noch einmal sehr erzürnt zu sein, was sich aber
fast im gleichen Augenblick wieder legte. „So mein lieber Mikesch, ich
weiß zwar nicht wie es Ihnen jetzt geht, aber ich für mein Teil habe
einen Mordshunger“. Der Inspektor schien in Anbetracht der gut
verlaufenden Umstände sehr guter Laune zu sein. „Da wir nun genügend
Zeit haben“, sagte Doran zu Mikesch, „schlage ich vor, wir suchen
uns hier im Ort ein gutes und sauberes Wirtshaus und nehmen eine tüchtige
Mahlzeit zu uns. Ich glaube, die haben wir uns redlich verdient“.
Kommissar Mikesch hatte schon befürchtet, dass der Inspektor diese
Frage nie stellen würde. Er bejahte mit einem Nicken und die beiden Männer
begaben sich auf die Suche nach einer ansprechenden Gaststätte. Bei
genauer Betrachtung war es ein sehr schöner Ort. Mag er auch nicht groß
sein, so gab es hier doch alles was der Mensch brauchte. So dauerte es
auch nicht allzu lange und die zwei fanden ein wunderschönes, verträumtes
Gasthaus. „Zum guten Gastmahl“ konnte man über der Tür auf einem
Schild lesen. Doran und Mikesch waren sich einig und kehrten ein. Die
Gaststube versprach sehr viel. Sie war gemütlich und sehr sauber. Aus
der Küche duftete es verführerisch nach den besten Speisen. Den beiden
Männern lief förmlich das Wasser im Munde zusammen. Ein
großer, kräftiger Mann, der sich als der Wirt dieses Gasthauses
erwies, trat zu den beiden an den Tisch, an dem sie Platz genommen
hatten. „Was darf ich den Herren bringen“, fragte er freundlich.
„Ich kann Ihnen unser heutiges Tagesmenü wirklich empfehlen. Es ich
bestimmt wohlschmeckend und sehr reichlich, dafür verbürge ich mich
persönlich, es sei denn, sie mögen keine gegarte Schweinshaxe mit Rüben
und Grünkohl“. Der Wirt lachte die beiden Männer an, da er sich
seiner Sache mehr als sicher war. „Ich verlasse mich ganz auf Sie und
Ihre Empfehlung, wenn das Essen hier so gut ist wie alles andere, so
bringe Er uns zweimal von Seiner vorzüglichen Empfehlung und dazu ein
kräftiges, dunkles Bier“. Doran
war begeistert. Zwar hätte er im Augenblick, bei seinem Hunger auch
einen Ochsen essen können, aber der ganze Tag, so wie er sich zu
entwickeln schien, machte ihn einfach glücklich und zufrieden. Er
hoffte nur, dass dies auch so bleiben und ihm damit sein Glück treu
sein würde. Wenn alles so lief, wie er es sich erhoffte, könnte er
noch heute, spätestens aber Morgen den Fall zu den Akten legen. Der
Wirt hatte nicht zu viel versprochen. Das Essen hätte nicht besser sein
können. Man aß und trank und unterhielt sich über alles Mögliche,
aber die Zeit wollte nicht vergehen. Es war bereits Nachmittag. Der Wirt
hatte sich, als es nicht mehr so viel zu tun gab, zu den zwei Beamten
gesellt um noch ein Bier mit ihnen gemeinsam zu trinken. Bei der
Unterhaltung stellte sich heraus, dass der Wirt das Gespräch von Doran
und Mikesch mitbekommen hatte. Auch er konnte bereits berichten, dass
diese Geschichte bereits bis hierher in diese Ortschaft vorgedrungen
war. Auch hier zerrissen sich die Leute das Maul über jenen Vorfall und
das Lager splittete sich in zwei Hälften. „Ich
für meinen Teil, kann nur sehr schwer glauben, dass es noch immer
Menschen gibt, welche sich einem solchen Aberglauben unterwerfen, und
das in unserer heutigen Zeit. Man sollte doch annehmen, dass die
Menschen heutzutage aufgeklärter sind und keine Zeit mehr für einen
solchen Unsinn haben. Aber Schuld daran ist die Kirche und unser Herr
Pfarrer, jeden Sonntag hat er nichts weiter zu tun, als von Sünden, Höchstem
Gericht sowie von Tod und Teufel und verlorenen Seelen zu predigen, da müssen
ja die armen Leute alles Mögliche glauben. Dabei möchte ich nicht
wissen, was der Hochwürden selbst so alles verzapft. Er ist nämlich
auch kein Kind von Traurigkeit. Er sollte lieber aufpassen, dass ihn
nicht selbst der Teufel holt“. Der
Wirt war ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck. Obwohl man sich noch
gern weiter unterhalten hätte, war es nun doch Zeit geworden die in
Auftrag gegebenen Objekte abzuholen. „Es ist wirklich schade, dass es
nicht mehr Menschen gibt wie Sie, bleiben Sie so wie Sie sind“, sagte
Doran zu dem Wirt, schüttelte ihn seine Hand und die beiden Männer
verabschiedeten sich von diesem symphytischen Mann und verließen das
Wirtshaus. „Ein
Mann der ins Leben passt“, sagte Doran und Mikesch konnte ihm nur
zustimmen. Der
Inspektor und der Kommissar begaben sich wieder in die Gasse zu dem
Handwerker, welcher ihnen die Abdrücke anfertigen sollte. Als sie
gemeinsam die Werkstatt betraten ertönte wieder der helle Ton der
kleinen Glocke über der Tür. Kurz darauf erschien auch sofort Meister
Göbel. „Es ist alles fertig, so wie Sie es gewünscht hatten“,
sagte er zu Doran. „Auch
der hiesige Förster kam vorbei um den Knochen und dessen Spuren zu
begutachten. Er ist sich felsenfest sicher, dass es sich hierbei um die
Abdrücke eines Wildschweinkeilers handelt. Es muss sich aber dabei um
ein altes und überaus mächtiges Tier handeln, zumindest was die Größe
anbelangt. Er meinte, dass so etwas in der Regel nur bei Einzelgängern
zu beobachten ist. Allerdings hat er eingeräumt, dass er ein solches
Tier, von dieser Größe, noch nicht in unserer Gegend beobachtet oder
gesichtet hat. Ich für meinen Teil möchte diesem Ungeheuer nicht
begegnen, da solche Tiere fast immer sehr aggressiv sind. Die arme
Katze, aber wahrscheinlich hat sie so gut wie nichts gemerkt, es muss
alles sehr schnell gegangen sein. Aber sagen Sie, wenn ich mir die Frage
erlauben darf, sind Sie die zwei Herren, welche in dem Fall in der
naheliegenden Ortschaft ermitteln“? Doran
schloss seine Augen ruhig und nickte dabei bejahend. Mikesch hingegen
hielt sich vollkommen zurück. Er hätte ohnehin nicht gewusst was man
von ihm wissen wollte. „Das
arme Kind“, bedauerte Göbel, „und erst der Vater. Manchmal frage
ich mich, was sich unser Herrgott bei solchen Ereignissen denkt, da es
in den meisten Fällen immer die Verkehrten trifft. Ist das Mädchen
auch von dem Keiler getötet worden“? „Nein“,
antwortete Doran dem Handwerksmeister. Ich persönlich bin der Meinung,
dass es ein Wolf war, welcher hier noch mit involviert war. Ich bin mir
sogar sicher, das Heulen des Wolfes mehrmals gehört zu haben. Dennoch
scheint es Menschen zu geben, die selbst dann nicht glauben, wenn sie es
selbst wahrnehmen. Ich glaube, sie wollen nur das glauben, was sie für
sich als richtig betrachten“. Die Stimme von dem Inspektor hörte sich
für einen Moment sehr verbittert an. „Das
finde ich allerdings doch recht merkwürdig“, sagte der Meister Göbel.
„Ich selbst habe auch seit einiger Zeit einen Wolf in unserer Gegend
heulen hören. Selbst einige Einwohner des Ortes haben von Wolfsspuren
berichtet. Seit ungefähr zwei bis drei Monaten soll er hier sein
Unwesen treiben. Einer behauptete sogar, jenes Tier gesehen zu haben,
was ich selbst allerdings anzweifle. Aber ich würde mich nicht wundern,
wenn es sich bei dem Wolf auch um einen Einzelgänger handeln würde.
Das Wolfsrudel, was hier einst mal ansässig war, hat mach
erschossen und den Rest verjagt. Der Grund
hierfür waren die Angriffe auf
Schafsherden und noch weitere Verluste“. Mit jener Erklärung schloss
der Meister seinen Bericht, der dem Inspektor ein weiterer wichtiger
Hinweis war. Doran
betrachtete noch einmal genau die Abdrücke, welche Meister Göbel
wirklich meisterhaft angefertigt hatte. Er musste feststellen, dass der
Weg hierher und auch die Auslagen sich ohne jeden Zweifel gelohnt
hatten. Meister Göbel schien sein Handwerk in vollendeter Perfektion zu
verstehen. Doran war froh diesen Mann ausfindig gemacht zu haben. Die Zeit war
mit einem mal schneller vergangen als man es wahrgenommen hatte. So
machten sich der Inspektor und sein Kommissar auf den Rückweg zur
Poststation. Sie
sprachen so gut wie gar nicht miteinander. Jeder war mit seinen eigenen
Gedanken, Vermutungen und Erwartungen beschäftigt. Der Weg zurück
erschien den beiden schneller und leichter als der Hinweg, was ihnen
sehr recht war, hatten sie doch vielerlei Dinge heute erledigt. Zudem
waren sie mehr als nur gespannt, wie wohl die Gesellschaft in der
Poststation auf diese Beweise reagieren würde. Es
war bereits dunkel geworden, als Doran und Mikesch das Gasthaus
erreichten. In der Gaststube war man gerade mit dem Abendessen beschäftigt.
Ein gewisser Unmut machte sich so langsam breit. Schließlich wollte
jeder nun endlich an sein Ziel kommen oder seinen gewohnten Tätigkeiten
wieder Nachgehen. Die Ungewissheit machte jeden der Betroffenen zu
schaffen. Der
Inspektor und sein Gehilfe, der Kommissar betraten den Raum und grüßten
freundlich die Anwesenden. Alle Augen waren auf die beiden gerichtet.
Was hatten die zwei wohl so wichtiges gemacht? Würde sich nun endlich
das Geheimnis lösen? Viele Fragen konnte man in ihren Augen erkennen.
„Der Kommissar und ich hatten heute einen beschwerlichen, aber auch
erfolgreichen Tag gehabt. Wir würden zuerst auch gern etwas essen und
dabei ausruhen um Ihnen dann den Sachverhalt zu erklären“, sagte
Doran mit einer Stimme der man nicht hätte widersprechen können.
„Vielleicht könnte jemand von Ihnen so freundlich sein und in der
Zeit, nach Friedrich dem Bauern, den zwei Kutschern und auch Wilhelm den
Förster schicken. Ich glaube, dass sie mein Bericht auch sehr
interessieren würde. Zumindest aber für den Bauern Friedrich dürfte
der wirkliche Tatbestand von enormer Bedeutung sein“. Damit
setzten sich Doran und Mikesch an den Tisch und der Wirt eilte auch
sofort herbei. Er tischte den beiden Brot, Schinken und Käse auf. Dazu
gab es ein großes Glas vom Süßmost. Die beiden Männer bedankten sich
und begannen damit, ihr Abendbrot zu verspeisen. Es entging ihnen
allerdings nicht, wie alle anderen sie immer wieder erwartungsvoll
anschauten. Aber Doran und Mikesch ließen sich davon nicht aus der Ruhe
bringen. Georg, der Wirt trat an den Tisch zu den beiden heran und
berichtete, „ich habe soeben nach den Leuten geschickt, die Sie hier
sehen wollten. Sie werden bestimmt umgehend eintreffen“. Dabei
verneigte er sich besonders freundlich, so dass man hätte glauben können,
er habe ein schlechtes Gewissen. Nachdem Doran und sein Kommissar zu
Abend gegessen hatten, setzten sie sich zu den anderen Anwesenden mit an
den Tisch. Bis auf den Bauern und den Förster, waren alle erschienen.
Man versicherte jedoch, dass die letzten zwei auch gleich eintreffen würden.
Der
Inspektor trug die ganze Zeit einen seltsamen Beutel mit sich herum, was
keinen der Beteiligten entgangen war. Was sich wohl darin befindet? Als
erstes bestellte der Inspektor, auf seine Kosten, einen Krug Bier für
die Männer und einen Becher Wein für die Damen am Tisch. „Es gibt
zwar nicht wirklich etwas zu feiern, dazu ist diese Angelegenheit zu
traurig, aber ich glaube wir können auf die Auflösung des Falles anstoßen,
was zumindest für jeden ein Ende der Ungewissheit bedeuten dürfte“,
sagte Doran und erhob seinen Krug etwas voreilig, da genau in diesem
Augenblick der Bauer und der Förster gemeinsam die Gaststube betraten.
Er stellte darauf seinen Krug wieder ab und bestellte bei dem Wirt noch
zwei weitere Krüge mit Bier, welche dieser auch sofort brachte. Noch
einmal erklärte Doran den zwei dazugekommenen, was er gerade jenen
anderen gesagt hatte. Nun hatte er die Spannung wirklich auf die Spitze
des Höhepunktes getrieben. Alle Anwesenden, es waren nun alle
versammelt, klebten förmlich an seinen Lippen. Mikesch,
der den Inspektor gut kannte, konnte direkt sehen, wie Doran diese
Situation genoss. Der Augenblick des Triumpfes, seines Triumpfes, und
keiner konnte ihm diesen nehmen. Er räusperte sich, „meine Damen und
Herren“, dabei erhob er seinen Krug, „auf den Sieg der
Gerechtigkeit“, prostete er den anderen zu und trank einen kräftigen
Schluck. Nachdem man dieses Ritual auch vollzogen hatte, begann der
Inspektor mit seinem Bericht und Mikesch achtete peinlich genau darauf,
dass er auch nicht die kleinste Kleinigkeit vergaß oder ausließ. Der
Inspektor holte sehr weit mit seiner Geschichte aus. Um genau zu sein,
er ging zurück bis zu den Anfängen der Ereignisse. Detail genau erzählte
er die gesamten Vorgänge und ließ dabei nicht einmal jene Gespräche
aus, die er mit den Beteiligten geführt hatte. Jedes Für und Wieder
kam noch einmal zur Sprache, was dem einen oder anderen nicht unbedingt
immer angenehm erschien. Die einzelnen Gefühle der Betroffenen sollten
jedoch nicht weiter von Bedeutung sein, was allein zählte war die
Tatsache der Aufklärung. Obwohl der Inspektor der einzige war, der mehr
oder weniger sprach und die anderen nur seinen Worten zuhörten, verging
die Zeit schneller als man dachte und es wurde später und später, was
jedoch keiner wirklich bemerkte. Noch
immer hatte Doran den Inhalt seines Beutels nicht preisgegeben. Als er
dann zum heutigen Tag und seinen Ausflug gemeinsam mit Mikesch kam,
hielt er inne und meinte: „ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich
habe meinerseits vom Reden einen sehr trockenen Mund und würde auch
gern eine kurze Pause einlegen. Ich bin mir durchaus darüber im Klaren,
wie spät es ist und dass Sie alle endlich zum Ende kommen wollen, aber
dennoch bitte ich Sie um Ihr Verständnis, mir diese Bitte zu gewähren.
Ich verspreche auch mich zu bemühen so schnell als nur möglich zum
Abschluss zu kommen“. Ohne die Antwort eines anderen abzuwarten sagte
der Wirt spontan: „Diese Runde geht aufs Haus“. Darauf verschwand er
um gleich darauf wieder mit den Getränken zu erscheinen. Doran bedankte
sich wie auch alle weiteren Beteiligten. Nachdem
man etwas getrunken und ein wenig Luft geholt hatte, begann der
Inspektor mit seiner Geschichte fortzufahren. „Zuerst war es nur ein
Gedanke, der mir aber zunehmend keine Ruhe ließ. Ich brauchte eine Bestätigung
um all meine Theorien zu untermauern. Am Tatort hatte ich mir, am Tag
des Geschehens, einen kleinen Knochen von der Katze, oder besser gesagt
von dem was noch von ihr übrig war, mitgenommen. Ich wusste zu der Zeit
noch nicht warum aber ich hatte das Gefühl, er könnte noch von
Bedeutung sein. Dieser Verdacht hat sich heute auch zu hundert Prozent
bestätigt. So begab ich mich heute, gleich nach dem Frühstück,
zusammen mit dem Herrn Kommissar zum Nachtbarort von dem ich wusste,
dass es dort viele Handwerksbetriebe gibt. Dort fand ich dann auch was
ich suchte und sogar noch viel mehr als ich mir erhofft hatte. Es
befindet sich in diesem Ort auch eine Gips- und Stuckwerkstatt, welche
von einem Meister Göbel, welcher im Übrigen hervorragend ist,
betrieben wird. Diesen Meister bat ich mir einen Gipsabdruck von den
Kampfspuren auf dem Katzenknochen zu machen, damit ich nachforschen
konnte, um welches Tier es sich hierbei gehandelt hatte. Ich bin zwar
ein gläubiger Mensch, aber das ein Teufel in diesem Wald aufgrund eines
angeblichen Fluches sein Unwesen treibt, erschien mir doch sehr weit
hergeholt. Ich hatte Glück, ich hatte nicht nur recht, ich brauchte
noch nicht einmal mehr weiter forschen, da der gute Meister Göbel den
dortigen Förster kennt und sich mit ihm beraten hat. Das Ergebnis war
eindeutig und unwiderlegbar“. Nach
einer kurzen Pause zum Verschnaufen, berichtete nun der Inspektor von
all den Dingen, welche er und sein Kommissar in Erfahrung gebracht
hatten. Von dem riesigen Wildschweinkeiler, dem Wolf der doch existent
war und von dem man definitiv wusste. Auch vergaß er nicht zu erwähnen,
dass die Spuren auf dem Katzenknochen von jenem Wildschweinkeiler
stammten. Darauf holte er aus seinem Beutel den Knochen wie auch den
dazugehörigen Gipsabdruck und legte beides zusammen auf den Tisch. Da
kein Mensch etwas vor Erstaunen sagte, fuhr Doran fort und recherchierte
die gesamte Geschichte, so wie er diese schon einmal geschildert hatte.
Alles passte genau zusammen. Die gesamte Geschichte sowie der Tatbestand
und deren Beweise schienen wasserdicht zu sein. „Meine
verehrten Damen und Herren, die Untersuchung des Leichnams jenes kleinen
Mädchens wird auch noch die letzten Beweise erbringen und zeigen, dass
die Biss spuren bei dem Mädchen von dem besagten Wolf herrühren. Ich für
meinen Teil werde die Angelegenheit damit abschließen und hoffen, dass
auch unser Bauer Friedrich, den es ja wohl am schlimmsten getroffen hat,
nun auch mit der Gewissheit um den Geschehnissen im Laufe der Zeit
seinen Frieden findet. Den hier Ansässigen gebe ich den guten Rat, dass
man, statt sich hinter Aberglaube und Mythen zu verstecken, dem gefährlichen
Wildschweinkeiler sowie auch dem Wolf den Gar ausmachen sollte und dies
so schnell wie nur möglich, bevor nach mehr geschieht. Solange diese
zwei Bestiegen da draußen frei herumlaufen, wird keiner von Ihnen oder
Ihren Kindern sicher sein. Somit schließe ich diesen Fall als aufgeklärt
ab, was bedeutet, dass ab sofort jeder von Ihnen wieder seiner Wege und
damit seinem Ziel entgegen gehen kann“. Wenn
es vorher schon still war, so war es jetzt noch stiller geworden. Bauer
Friedrich war der erste, der seine Sprache wiederfand. Er schaute dem
Inspektor tief in die Augen, man konnte sehen wie sehr er mit seinen Tränen
zu kämpfen hatte, und sagte in einem traurigen aber aufrichtigen Ton:
„Herr Inspektor, ob Sie es glauben oder nicht, aber ich danke Ihnen
und Ihrem Kommissar aus der Tiefe meines Herzens. Alles was geschehen
ist war schrecklich und ich werde es wohl mein Leben lang niemals überwinden,
aber Sie haben mir mehr geholfen als Sie sich jemals vorstellen können.
Durch Ihren Verdienst hat der Tod meiner geliebten Tochter einen
gewissen Sinn erhalten. Hat er doch bewiesen, dass es keinen Fluch auf
diesem Haus gibt. Mögen wir Gottes Wege und Entscheidungen vielleicht
niemals verstehen, so wissen wir doch, dass alles seinen Sinn hat und
mit diesem Wissen sollten wir auch begreifen, dass wir nicht allein
sind. Ich weiß jetzt, dass meine Frau und auch meine Tochter immer bei
mir, an meiner Seite sind. Ich kann sie vielleicht nicht sehen und auch
nicht hören, aber sie sehen und hören mich, und dieses Wissen ist mehr
als ich jemals erwartet hätte. Irgendwann werde ich wieder mit ihnen
vereint sein und bis es soweit ist möchte ich so leben, dass sie stolz
auf mich sein können. Ich liebe sie und ich bin mir sicher, dass sie
auch mich lieben. Mag mein Leben in Zukunft auch voller Trauer sein,
aber ich habe meinen Frieden gefunden. Ich werde stark sein und mich auf
den Tag freuen, an dem ich wieder mit meiner Familie vereint bin,
vereint in einer vielleicht besseren Welt“. Dann drückte er dem
Inspektor Doran ganz fest seine Hand, es war eher wie eine Verbrüderung.
„Möge Gott Sie und Ihren Gehilfen auf all Ihren Wegen beschützen,
Sie sind wahrlich ein guter Mensch. Sie haben mir etwas zurückgegeben,
was man mit keinem Geld der Welt erwerben kann, Sie gaben mir meinen
Glauben zurück“. Dabei liefen ihm dann trotz aller Mühe die Tränen
über das Gesicht, aber er schämte sich nicht ihretwegen. Keiner
wusste in diesem Augenblick was er sagen sollte oder ob es überhaupt
angebracht war auch nur ein Wort zu verlieren. So hörte man nur ein
gewisses Raunen und die Anwesenden begaben sich, eher gestikulierend auf
ihre Zimmer. Als sollte es die Ironie des Schicksals sein, hörte jeder
der Betroffenen in dieser Nacht aus seinem sicheren Bett heraus das
laute und deutliche Heulen eines einzelnen Wolfes. Der Mond tauchte
dabei die Landschaft in ein seltsames silbernes Licht, zum einen ein
unheimliches Licht und zum anderen ein Licht der Sicherheit, welches die
Dunkelheit verdrängt. So
hat eben alles seine zwei Seiten, dachte Doran. Es war das Letzte was er
dachte, dann schlief er tief und noch immer ergriffen ein. |
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8. Kapitel Der Weisheit letzter Schluss,
oder die Natur des Menschen
Am
nächsten Morgen herrschte lebhaftes Treiben auf dem Hof der
Poststation. Die Kutsche war zwischenzeitlich repariert, die Pferde
ausgeruht und frisch. Tobias der Kutscher war bester Laune, endlich
konnte er wieder auf seinem Kutschbock sitzen und über das Land fahren,
von A nach B und umgekehrt, so wie er es liebte. Während einige Helfer
der Poststation damit beschäftigt waren das Gepäck der vier reisenden
zu verstauen, verabschiedete man sich gegenseitig. Eigentlich nichts
besonderes, bis auf die Tatsache, dass auch Friedrich der Bauer und
Wilhelm der Förster erschienen waren. Jeder drückte jedem die Hand
oder umarmte sich. Nur dem Inspektor Doran drückte jeder der
Anwesenden, sogar die Frauen, seine Hand etwas fester als den anderen.
Jeder dieser Hände schien ein besonderes Danke ausdrücken zu wollen.
Mikesch sah aus einiger Entfernung dem Inspektor zu und glaubte zu
sehen, was er in all den Jahren noch nie bei Doran beobachtet hatte, der
Inspektor war sichtlich gerührt. Doran war also doch ein Mensch, ja er
musste sogar ein herz haben, denn was Mikesch da sah wahren wahre Gefühle,
Gefühle die sehr tief gingen. „Alles
hätte ich geglaubt, aber dass ich so etwas noch einmal in meinem Leben
zu sehen bekomme wäre mir nie in den Sinn gekommen“, sagte er leise
zu sich selbst. Wie
das Leben doch so spielt. Es dauerte nicht einmal zwei Stunden und auf
der Poststation ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Kutschen kamen
und fuhren weiter. Pferde wurden gewechselt und die Passagiere nutzten
die Zeit um etwas zu essen oder zu trinken. Post wurde gebracht und zum
Weitertransport abgeholt. Für jeden der kam oder ging war alles normal.
Keiner ahnte nur im Geringsten, was sich hier noch kurz zuvor an Tragik
abgespielt hatte. Zwischendurch
stellte einer der ankommenden Fahrgäste sogar die Frage, ob es hier Wölfe
gibt, da er glaubte einen gehört zu haben. *********************** Doch
wer da glaubt, der Mensch lernt aus seinen Fehlern, der irrt gewaltig.
Wie sagt man so schön? „Mann soll den Tag nicht vor dem Abend
loben“. Auch
wer der Annahme ist, dass unsere Geschichte hier endet, liegt damit sehr
falsch. Würde unsere Geschichte hier wirklich enden, so wäre sie nicht
mehr als ein billiger und zweitklassiger Roman. Es war jedoch unsere
Absicht das menschliche Denken und somit die tiefen Wurzeln des
Aberglaubens sichtbar zu machen. So
also geht unsere Geschichte weiter. |
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9. Kapitel
Die
Zeit vergeht, der Glaube bleibt
Wie bereits erwähnt, ist unsere Geschichte um die Hartnäckigkeit des
Aberglaubens noch nicht zu Ende. Würde man es genau nehmen, so würde
dieses Beispiel niemals enden dürfen. Da wir aber weder die Zeit noch
die Möglichkeit hierzu haben und uns darüber hinaus vorstellen können,
wie sich jener Reisebericht bis in die heutigen Tage fortgepflanzt hat,
wollen wir uns auf nur einen einzigen Zeitsprung beschränken.
Friedrich
der Bauer lebt schon seit vielen Jahren nicht mehr. Er hatte den Schmerz
seiner Verluste nie überwunden und eines Tages, die Leute behaupten es
war sein gebrochenes Herz, legte er sich am Abend ins Bett, schlief ein
und wachte am nächsten Morgen nicht mehr auf. Es war ein sehr
gnadenvolles, friedliches Gehen. Vielleicht ist er in seinen Träumen
seiner Familie begegnet und Gott ließ ihm ihnen folgen, so dass sie nun
wieder vereint sind. In einer, wie er immer sagte, besseren Welt. Was
auch immer geschehen sein mag, wir wollen ihm wünschen, dass sich seine
Wünsche erfüllt haben. Der
Hof des Bauern ist seither nicht mehr bewohnt. Vielleicht scheute man
die viele Arbeit auf einen solchen Hof, vielleicht hat diese Tatsache
aber doch noch etwas mit dem abergläubischen Denken, er sei mit einem
Fluch belegt, zu tun. Wie immer dem auch sei, zumindest ist er nicht
mehr bewohnt und verrottet seit ungefähr einem halben Jahrhundert. Friedhold,
der zweite Kutscher der Poststation, ging vor langer Zeit in die Stadt.
Seitdem hat man nie mehr etwas von ihm gehört. Der
Förster Wilhelm ging in den Ruhestand und ein neuer Förster kam und
darauf folgte wieder ein weiterer Waldhüter. So ist nun einmal das
Leben. Die
Stuck- und Gipserwerkstatt, sowie auch der Meister Göbel, aus dem
Nachbarort existieren ebenfalls schon lang nicht mehr. Genauere
Berichte, aus welchen Gründen es zu diesen Umständen geführt hat,
sind nicht weiter bekannt. Diese Tatsache ist jedoch für unsere
Geschichte nicht weiter relevant. Was
unsere zwei Polizeibeamte, Doran und Mikesch, betrifft, so ist Mikesch
schon vor geraumer Zeit befördert worden und in die Großstadt
gegangen. Allerdings dürfte er nun, altersbedingt, schon lang nicht
mehr arbeiten. Was genau aus ihm geworden ist wissen allein die Sterne. Inspektor
Doran hingegen hat zurzeit das stolze Alter von achtundachtzig Jahren
erreicht und erfreut sich noch immer bester Gesundheit. Nach
dem Fall unserer Geschichte wurde er befördert, arbeitete noch eine
Zeit in dieser Gegend und setzte sich dann zur Ruhe. Er hat ein kleines
Häuschen erworben und da er allein ist, schreibt er seine
Lebensgeschichte nieder. Zudem widmet er sich dem Angeln und einmal die
Woche, immer am Wochenende, kehrt er in die Gastwirtschaft ein um, wie
er sagt, einen Krug von dem köstlichen Gerstensaft zu sich zu nehmen.
Dabei erzählt er gern die Geschichten aus seinem Leben, und die Gäste
hören ihm ebenso gern wie interessiert zu. So bleibt es auch oftmals
nicht bei nur einem Krug Gerstensaft. Alles
in Allem ist er aber, wie er selbst von sich behauptet, ein glücklicher
und vom Schicksal her, reich beschenkter Mann. „Wenn es nach mir gehen
würde, so möchte ich mindestens einhundert Jahre alt werden, da das
Leben nicht nur schön sondern auch sehr interessant und spannend ist“,
so zumindest seine eigenen Worte. Was
die Poststation betrifft, so besteht diese noch immer. Nur
Georg der Wirt ist bereits Urgroßvater, aber noch immer rüstig. Er
hilft noch hier und da wo er kann. Zurzeit leitet sein Sohn „Gerold“
die Poststation sowie das Gasthaus gemeinsam mit seiner Frau „Sieglinde“.
Es ist jedoch anzunehmen, dass sein Sohn „Karl“, später einmal das
Familienerbe weiterführen wird. Tobias,
der damalige erste Kutscher ist noch immer auf der Poststation. Auch
arbeitet er noch hier, trotz seines hohen Alters. Allerdings beschränkt
sich diese Arbeit auf die Unterweisung der jetzigen Kutscher, welche in
der Regel drei sind, die jedoch immer einmal wieder wechseln. Tobias
sitzt so oft es ihm möglich ist in der Gaststube und berichtet von den
vielen Geschichten, welche er in seinem Leben erlebt hat und dies sind
nicht gerade wenig. Was
aber unsere eigentliche Geschichte von damals anbelangt, so hat man von
den Passagieren, Karla der rundlichen Frau, Desiree der schlanken Frau,
Heinrich dem älteren Mann und Christopher dem jüngeren Mann, nie mehr
etwas gehört oder vernommen. Es waren halt nur Reisende, von denen man
nicht einmal wusste wohin sie wollten. Aber
so ist es mit der Zeit. Das Leben schreibt allein seine Geschichten.
Doch oftmals, wenn man nicht damit rechnet, sorgt jenes Leben dafür,
dass die Zeit den einen oder anderen noch einmal einholt. So sollte es
auch in unserer Geschichte sein.
Doch
wie das Leben so spielt. Ein einziger Satz, ein kurzes Gespräch und
alles verändert sich schlagartig. Nichts von dem was gerade noch war
ist mehr beständig. Es unterliegt eben alles der ständigen
Veränderung.
So sollte es auch an diesem Tag sein. Eine unscheinbare
Unterhaltung, ein unerwarteter Zufall und ganz langsam, ohne es wirklich
gleich zu bemerken, begann die Zeit sich rückwärtig zu bewegen. Das
Rad der Zeit drehte sich um ungefähr fünfzig Jahre rückwärts, und
dies nicht ohne Folgen und Konsequenzen. Es
war noch Vormittag und keiner auf dieser Station ahnte auch nur
annähernd was dieser Tag mit sich bringt. Mit einem ziemlichem Getöse
rumpelte eine Kutsche über die unebenen Wegsteine des Hofes der
Poststation. Bevor der Kutscher sich um die Pferde kümmerte, hielt er
zuerst direkt vor dem Eingang zur Gaststube des Wirtshauses, um dort
seine Reisenden abzuladen, damit sich diese ein wenig frisch nach der
beschwerlichen Reise machen konnten. Auch die meisten der Reisenden
hätten bestimmt nichts gegen ein ordentliches Essen einzuwenden,
schließlich war man schon viele Stunden unterwegs. Insgesamt entstiegen
der Kutsche fünf Reisende. Vier Männer unterschiedlichen Alters und
eine Dame mittleren Alters. Tobias,
der Kutschervormann, der zu diesem Zeitpunkt gerade an einem Tisch in
der Gaststube, direkt am Fenster saß, sah dem Treiben zu. Dabei
schwelgte er in alten Erinnerungen aus seiner noch aktiven Zeit, als er
noch selbst vorn, hoch auf dem Kutschbock saß und das Land in alle
Himmelsrichtungen durchquerte. Verträumt
sah er den aussteigenden Fahrgästen zu. Doch ganz plötzlich wurde er
aus seinen Träumen herausgerissen. Ein fast halbes Jahrhundert ist eine
lange Zeit, in der sich viel verändert. Auch die Menschen werden älter
und verändern sich somit. Dennoch gab es etwas, dass ihn genauer
Hinschauen ließ. Nachdem
die Dame ausgestiegen war, folgten ihr die Männer. Daran war nichts
besonderes, wenn da nicht der dritte Mann aussteigen würde, welcher
Tobias seine gesamte Aufmerksamkeit weckte. Dieser Mann war nicht mehr
der Jüngste, aber sein Alter war trotzdem schwer zu schätzen. Er mag
so zwischen Anfang sechzig und Ende sechzig Jahre alt gewesen sein. Es
war plötzlich, als würde Tobias in eine völlig andere Zeit und somit
in eine längst vergangene Welt eintauchen. „Woher
kenne ich dieses Gesicht“? sagte Tobias zu sich selbst.
Eigentlich wusste er an wen er dabei dachte, aber er wagte nicht zu
glauben, dass es sich bei seinem Verdacht wirklich um jene Person
handeln könnte. Hoffnung, dunkle Erinnerungen, Freude und Angst, Angst
vor den Dämonen der Vergangenheit, alles drehte sich in seinem Kopf und
für einen Augenblick war er nicht fähig, auch nur einen klaren
Gedanken zu finden. Dann aber gab er sich einen Ruck und stand von
seinem Tisch auf. Er ging zielstrebig auf die Tür der Gaststube zu um
diese zu verlassen. Auf dem Hof angekommen, schritt Tobias ohne Umwege
auf diesen Mann zu. Geraden Weges trat er vor den Mann, schaute diesem
genau in die Augen, als wolle er sich noch einmal vergewissern und sagte
dann in fragendem Ton: „Herr Christopher“? „Ja so ist mein Name,
aber mit wem habe ich die Ehre“? antwortete dieser. „Tobias,
ich bin Tobias, Sie erinnern sich nicht mehr? Vor einigen Jahrzenten war
ich Ihr Kutscher. Wir hatten einen Achsbruch, hier in der Nähe im Wald.
Wir mussten die Nacht dort im Wald verbringen. Es war zu der Zeit, als
die Sache mit dem kleinen Mädchen geschehen ist, die vom Bauern
Friedrich. Erinnern Sie sich wirklich nicht mehr“? „Aber
ja, jetzt dämmert es mir, mein Gott, ich hatte diesen Teil der
damaligen Ereignisse völlig verdrängt. Es ist nicht zu fassen, dass
wir uns noch einmal, nach all den Jahren über den Weg laufen. Ich hoffe
es ist kein schlechtes Omen. Bei der Mutter Maria, was sind wir alt
geworden. Kommt mir die Angelegenheit jetzt auch so vor, als wäre sie
erst gestern geschehen, so sprechen unsere Gesichter doch eine andere
Sprache“. Tobias nickte zustimmend und dabei wurden seine müden Augen
etwas feucht. „Wissen
Sie was", sagte Christopher, "ich habe hier einen längeren
Stopp und werde erst morgen weiterfahren. Was halten Sie davon, wenn ich
Sie zum Essen einlade und wir anschließend, bei einen Krug Bier die
Vergangenheit noch einmal aufleben lassen, nicht dass uns jene
Vergangenheit noch einmal einholt, ich bin nämlich sehr misstrauisch
geworden, wenn es um Aberglaube oder Zufälle geht. Zudem würde ich
fürchterlich gern erfahren, wie es Ihnen in den vielen Jahren ergangen
ist“. Tobias nickte wiederum zustimmend und diesmal strahlten seine
sonst müden Augen glücklich. „Ja, dies ist ein wundervoller
Vorschlag. Sie können gar nicht ahnen welch große Freude Sie mir damit
machen. Wenn man alt wird und nur noch, so wie die Pferde, sein
Gnadenbrot bekommt, ist man froh noch einmal in eine Zeit
zurückzukehren in der man etwas bedeutet hat“. Der alte Kutscher
drehte sich um und begab sich zurück zur Gaststube. Sein Gang war
plötzlich leicht und beschwingt und fast hätte man glauben können,
dass er jeden Moment einen Luftsprung macht. So betrat er auch die
Gaststube des Wirtshauses. Hinter dem Ausschank befand sich gerade der
alte Georg, jener einstige Wirt dieser Poststation. Er schaute Tobias an
und fragte dann, eher etwas lustig: „Na, einer hübschen Frau begegnet
oder ein Verjüngungelixier genommen“? „Viel besser“, antwortete
Tobias. „Ich bin der Vergangenheit gerade eben begegnet. Der liebe
Gott hat mich noch einmal in die Zeit meiner besten Jahre
zurückversetzt“. Georg
schüttelte nur seinen Kopf und dachte dabei, dass es sich hier um die
Auswirkung von zu viel Alkohol handelte. „So ein Narr“, sagte er zu
sich selbst. „In die besten Jahre zurückversetzt, auf welche
Einfälle die Leute doch kommen, wenn sie etwas getrunken haben“. Tobias
konnte es kaum erwarten. Er setzte sich an den kleinen Tisch am Fenster,
bestellte sich noch etwas zu trinken und begann zu warten, zu warten auf
Christopher, jener Mann der seine Vergangenheit doch zu einem gewissen
Teil beeinflusst hatte. Die Zeit verging schleichend. Minuten wurden zu
Stunden. In dem Augenblick als der Inhalt seines Kruges sich zu leeren
schien, betrat Christopher die Gaststube. Er winkte dem Kutscher erfreut
zu und begab sich an seinen Tisch. Dort nahm er Platz und erkundigte
sich bei Tobias, ob das Essen noch immer so gut wie damals ist. „Ich
glaube fast es ist sogar ein wenig besser geworden“, erwiderte der
Kutscher hinter vorgehaltener Hand. Darauf
winkte Christopher Georg zu sich, da er noch immer am Ausschank befand.
Dieser eilte umgehend herbei und fragte: „was darf ich dem Herrn
bringen“? Tobias lächelte dabei. „Bringe er uns zweimal von Ihrem
besten Essen und dazu drei Krüge von Ihrem Bier, ich setze dabei
voraus, dass Sie sich, wenn es Ihre Zeit erlaubt, zu uns setzen. Ich
glaube wir haben vieles zu besprechen“. „Ich nehme Ihr großzügiges
Angebot gern Dankend an“, erwiderte Georg und begab sich an seine
Arbeit um den Auftrag auszuführen. Während
sich Tobias und Christopher unterhielten, indem Sie auf ihr Essen
warteten, wurden sie von Georg genau beobachtet. Er wusste genau, dass
er diesen Mann schon einmal gesehen hatte, aber wo? Niemals wäre er auf
den Einfall gekommen, soweit in der Zeit zurückzugehen. Das
Essen war zwar noch nicht fertig, aber die drei Bierkrüge waren
gefüllt. So brachte Georg zuerst die Krüge mit den Getränken an den
Tisch. Er reagierte auf die Geste des angeblich Fremden und setzte sich
zu den zwei Männern an den Tisch. Darauf erhob man die Krüge, prostete
sich zu und trank eine kräftigen Schluck. „Nun,
haben Sie sich bereits erinnern können, woher Sie mich vielleicht
kennen“? Fragte er ein wenig spitzzüngig. „Falls nicht, dann denken
Sie einmal viel weiter zurück in der Zeit in der Sie meine Identität
suchen“. Christopher schaute Georg dabei tief in die Augen. „Ich
gebe Ihnen gerne eine Hinweis, Wölfe, Wildschweine und der Tod eines
kleinen Mädchens“, sagte er ruhig um den alten Georg nicht unbedingt
zu erschrecken. „Das
darf dich nicht wahr sein. Ich wusste genau ich habe Sie schon einmal
gesehen, aber dass dies vor so langer Zeit war hätte ich nicht zu
träumen gewagt. Natürlich, Sie sind Christopher, jener noch sehr junge
Herr unter den Passagieren, damals als jenes Unglück geschah. Ich kann
mich noch sehr gut daran erinnern, nur wenn ich ehrlich bin, so denke
ich nicht allzu gern daran zurück“. Das Gesicht erhielt mit einem
Schlag die gleiche Verjüngungskur wie die bei dem Kutscher Tobias. Eigentlich
kam das Essen, in Anbetracht der Umstände viel zu früh. So genoss man
erst jenes vorzügliche Mal, bevor die alten Zeiten hervorgeholt und auf
den Tisch gelegt wurden. Was
das Essen betraf, so hatte Tobias nicht zu viel verspochen. Gesättigt
und zufrieden saß man am Tisch und jeder wartete, dass irgendjemand den
Anfang machte, seine Geschichte zu erzählen. Es
war Georg, der den Anfang mit einer Frage machte. „Sind Sie nur auf
der Durchfahrt oder gedenken Sie hier zu übernachten? Falls ja, so
bekommen Sie von mir das beste Zimmer welches wir haben“. „Ich
werde hier übernachten“, sagte Christopher, „und so viel mir
bekannt ist, werden noch zwei weitere Herrn aus der Kutsche hierbleiben,
bis sie ihren Anschluss bekommen“. Noch
einmal ließ man die gesamte Vergangenheit im Gespräch aufleben. Es ist
doch schon merkwürdig, wie sich die Ansichten im Nachhinein
verschieben. So erschien das Gespräch der drei Männer kein Ende nehmen
zu wollen. Die drei waren ganz für sich allein. Um die Wirtschaft und
den Betreib der Poststation kümmerte sich die Familie von Georg. Auch
sie hatten von dem unerwarteten Treffen mitbekommen. Die
Schwiegertochter wie auch der Sohn von Georg waren froh, dass er einmal
etwas Ablenkung fand. Er war, seit seine Frau verstorben war, schon
lange nicht mehr der Alte. Mit derweilen hatte jeder am Tisch drei
Krüge getrunken. Es war Tobias, der urplötzlich sagte: „Wer jetzt
noch fehlt ist der Inspektor Doran. Was mag wohl aus ihm geworden sein,
ob er, nach all der langen Zeit überhaupt noch lebt“? „Diese Frage
kann ich Ihnen beantworten“, gab Christopher zu verstehen. „Ich habe
erst kürzlich mit ihm brieflich verkehrt. Von den Jahren her mag er
zwar sehr alt sein, aber ansonsten ist er mehr als gut beieinander. Er
lebst zurückgezogen und hat sich ein kleines Haus zugelegt. Dort frönt
er seinem Hobby dem Angeln und ist seit einigen Jahren dabei seine
Lebensgeschichte niederzuschreiben. Die ist im Übrigen auch der Grund
warum wir schriftlich miteinander verkehren“, erwiderte Christopher. „Einige
Jahre nach dem damaligen Vorfall hatte ich beschlossen die Geschichte in
Form eines Romans aufzuschreiben. Nach der Fertigstellung wurde der
Roman angenommen und sogar veröffentlicht. Seither befinde ich mich auf
Reisen und bin stets auf der Suche nach Material zu neuen Büchern. Ich
glaube, im Schreiben habe ich meine Bestimmung gefunden“. Christopher
machte eine kurze Pause. „Doran hatte immer ein sehr ausgeprägtes
reales Denken. Sein Realismus war beneidenswert. Da ich zurzeit an einem
Buch arbeite, welches doch eher sehr mystischer Natur ist, bin ich auf
dem Weg zu ihm, um ihn nach seine Meinung zu fragen und unter Umständen
einige Erfahrungen auszutauschen“. „Wie,
Sie befinden sich auf dem direkten Weg zu dem ehemaligen Inspektor“?
Tobias schien mit einem Mal um zwanzig Jahre jünger geworden zu sein.
„Na, dass nenne ich aber wirklich ein Zufall. Und wieder kreuzen sich
hier die roten Fäden. Wo lebt Doran jetzt eigentlich“? „Ungefähr
siebzig Kilometer südlich von hier“, beantwortete Christopher die
Frage von Tobias. „Wir haben oft über diese Poststation und Ihre
Personen kommuniziert. Ich glaube zu wissen, dass in der
Lebensgeschichte von Doran dieser Ort und die hier geschehenden
Ereignisse einen großen und besonderen Teil einnehmen“. „Wenn
dem so ist, dann bestellen Sie bitte dem Herrn Inspektor im Ruhestand
einen besonders herzlichen Gruß von uns“, bat Georg Christopher. „Schade
kann man die Zeiten nicht zurückdrehen, ich finde wir waren damals ein
wirklich gutes Team“, sagte er noch dazu. Tobias war sehr aufgeregt
und fragte Christopher gerade drauflos: „Worum geht es in Ihrer
geheimnisvollen Geschichte eigentlich“? „Ob
Sie es glauben oder nicht, aber wieder einmal ist es Ihre Gegend. Nicht
genau hier, aber noch nicht einmal eine halbe Tagesreise, nördlich von
hier, hat man in den letzten eineinhalb Jahren fünf Frauenleichen in
den Wäldern gefunden. Alle hatten eines gemeinsam, alles wurde das
Genick gebrochen und der Kopf nach hinten gedreht. Viele meinen nun,
dass der Teufel hier sein Unwesen treibt, da dies ja sein Profil ist.
Und wieder einmal stehen sich Aberglaube und Realismus gegenüber. Man
hat vor ca. einem viertel Jahr einen Mann verhaftet, von dem man glaubt,
dass er ein Diener des Wahrhaftigen ist, welcher in seinem Auftrag
handelt. Dabei ist dieser arme Kerl nur geistig verwirrt und weiß gar
nicht was ihm angelastet wird. Er sitzt in einem Nachbarort von hier in
Gewahrsam“. Erzürnt
sprang Tobias auf. „Ich
habe es gewusst, ich habe es gleich gesagt, ich weiß was ich gesehen
habe, aber die Herren wissen mit ihrer Logik ja alles besser. Und ich
sage es jetzt noch einmal, ich habe damals den Teufel persönlich
gesehen und er wird immer an den Ort zurückkehren, an dem er schon
einmal zu Gange war. Da kann kommen was will, ich sage man sollte das
leer stehende Bauernhaus niederbrennen, mit samt seinem Fluch. Nur so
werden wir Satan, den Leibhaftigen von hier für immer vertreiben und
endlich wieder Ruhe in unserer Gegend haben“. „Nun
beruhigen Sie sich doch wieder, Georg war sichtlich bemüht“, Tobias
zurück in seine alte Fassung zu bringen. Ob es nun jene drei Krüge
Bier waren sei dahingestellt, Tatsache jedoch war, dass Tobias selbst
bei der fünffachen Menge nicht aggressiv reagierte. Georg kannte diesen
Mann fast nicht wieder. Christopher
beobachte die Sache aus einer ganz anderen Perspektive. Ihm war im Laufe
der Zeit durchaus bewusst geworden, was jener Aberglaube hierzulande
anrichten konnte. Er hat schon so manchen braven Bürger ins Verderben
gestürzt. „Wenn ich dazu etwas sagen dürfte“, machte er sich
bemerkbar. „Als erstes wäre es schön und um ein vieles einfacher,
wenn wir uns mit unseren Vornahmen anreden würden und jenes unnötiges
„Sie“ weglassen könnten, Ihr Einverständnis vorausgesetzt.
Schließlich kennen wir uns schon so lange, auch wenn wir uns nur über
einen kurzen Zeitraum gesehen haben. Aber es ist nicht die Zeit welche
Menschen miteinander verbindet, sondern es sind die Ereignisse, und so
wie es im Augenblick gerade aussieht, haben uns diese wieder einmal
zusammengeführt“. Der
ehemalige Wirt Georg und auch der ehemalige Kutscher Tobias waren zum
ersten Mal in dieser Hinsicht einer Meinung. Beide bekundeten ihr
Einverständnis mit einem freundlichen Nicken. Georg stand auf und begab
sich zum Ausschank der Gaststube. Dabei machte er einen sehr
nachdenklichen Eindruck. Christopher und Tobias unterhielten sich in
dieser Zeit sehr angeregt über das Thema Aberglaube, wobei es
hauptsächlich darum ging, wo dieser vertretbar war und an welcher
Stelle er einfach nur noch gefährlich werden konnte, gefährlich für
das Wohl eines jeden Menschen. Es war keine streithafte Unterhaltung,
sie war ganz im Gegenteil sehr aufschlussreich. Im Grunde waren beide
der gleichen Meinung, sie waren nur unter ganz anderen Umständen sowie
Einflüssen aufgewachsen. Nach
einer Weile kam Georg zurück. In seiner Hand hielt er noch drei
Bierkrüge. „Diese Runde geht auf mich. Sie hat zwei Gründe. Zum
ersten, sie soll unsere Verbrüderung besiegeln“. Er lachte etwas
seltsam und man prostete zum „Du“ an. „Der zweite Grund zu dem ich
jetzt komme erscheint mir als Vorschlag etwas dreist, aber ich möchte
diesen doch äußern. Letztlich bestimmt Ihr ob es möglich ist oder
nicht“. Er machte eine kleine Pause, nahm einen Schluck aus seinem
Krug, als wolle er sich Mut machen und begann dann, anfangs etwas
verhalten, zu reden. „Du
Christopher willst zu Doran, um Dich mit ihm zu beraten. Doran lebt in
einem Haus ungefähr siebzig Kilometer von hier. Diese abscheulichen
Taten wurden an einem Ort entdeckt, der ungefähr genausoweit in
entgegengesetzter Richtung von hier liegt. Nun, unsere Station scheint
fast genau in der Mitte der beiden Ziele zu liegen. Zudem könnte ich
mir gut vorstellen, dass Doran einiges Interesse daran hat, jenen Ort zu
besichtigen. Wie wäre es, wenn wir Doran eine Nachricht zukommen lassen
um ihn zu bitten hierher zu uns zu kommen. Solange bist Du, Christopher,
selbstverständlich mein Gast. Auch Doran würden wir hier
selbstverständlich als unseren Gast einquartieren. Wir könnten auf
diese Weise gemeinsam mit all unseren Erfahrungen an diesem Fall
arbeiten. Es kann doch kein Zufall sein,
dass wir uns hier, nach so langer Zeit und ausgerechnet unter diesen
Umständen widergetroffen haben“. Zuerst
ging eine fast unheimliche Ruhe in der Runde herum. Keiner der
Anwesenden machte den Anschein das erste Wort zu ergreifen. Alle
schauten sich nur gegenseitig an. Dann, wie auf Kommando brachen alle
gleichzeitig in ein Gelächter aus. „Das ist zwar die ausgefallenste
Idee von der ich je gehört habe, aber warum eigentlich nicht, wir
wären die vier Musketiere auf dem Weg zur Gerechtigkeit“, platzte
Tobias, von einem Lachanfall begleitet hervor. Bis spät in die Nacht
hinein diskutierten die drei Männer miteinander. Es war ein eher
lockeres Gespräch und es wurde viel gelacht. Dennoch nahm die Idee von
Georg mehr und mehr Form an, und bevor man sich versah war ein Plan
geschmiedet, den alle beteiligten für gut befanden. Es
mag bereits die elfte Stunde gewesen sein, die Gaststube war, bis auf
die drei Männer, vollkommen leer. „Ich glaube wir sollten den
heutigen Abend beenden und zu Bett gehen, morgen ist schließlich auch
noch ein Tag und wir haben uns viel vorgenommen“, bemerkte Christopher
als er sich so umschaute und die leere Wirtsstube sah. Gesagt, getan.
Die kleine Truppe der Verschworenen ging nach oben wo sich noch immer
die Zimmer befanden und jeder suchte sein gemach auf. Dann wurde es
dunkel und ruhig im gesamten Haus. Die
Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle. Alle schliefen tief und fest,
woran letztlich auch das Bier beigetragen haben mag. Alle bis auf einen.
Es
war Tobias, der sich im Schlaf, von den schlimmsten Träumen geplagt,
herumwarf. Er träumte von Teufelswesen, kleinen Mädchen und toten
Frauen. Im Traum erschien es ihm so, als wäre er bei allen Missetaten
dabei gewesen. Die Antwort auf all das Geschehen konnte er, wie hinter
einem Nebel erahnen und doch nicht erkennen oder gar deuten.
Mein
lieber Inspektor Doran,
Sie werden sich sicherlich über diese Zeilen wundern, aber wie
durch eine Vorhersehung hat uns das Schicksal hier auf jener Poststation
von damals, zusammengeführt. Uns heißt genau gesagt, Tobias der alte
und ehemalige Kutscher, welcher noch immer für mich tätig ist. Ich,
Georg, der einstige Besitzer dieser Poststation und Gasthaus lebe auch
noch hier. Mein Sohn hat allerdings die Station sowie das Wirtshaus
übernommen. Umso
überraschter waren wir, als wir gestern Christopher, als Reisenden hier
erblicken mussten. Zuerst wollten wir gar nicht glauben, dass er es
wirklich ist. So kamen wir ins Gespräch, uns er berichtete uns, dass er
noch immer, nach all den vielen Jahren, mit Ihnen brieflich in
Verbindung steht. Des Weiteren stellte sich heraus, dass er sich auf
direktem Wege zu Ihnen befindet, um über einen Fall zu beratschlagen,
der sich hier ganz in der Nähe ereignet hat. Auch erzählte er uns,
dass er seit einigen Jahren zum Schriftsteller von Romanen geworden ist.
Es ist uns auch bekannt, dass Sie nicht weit von hier ein kleines Haus
erworben haben, wo Sie Ihre Lebensgeschichte niederschreiben, was uns
sehr erfreut hat. Nachdem
wir gestern bis spät in die Nacht zusammengesessen haben und unsere
Erinnerungen austauschten, kam und der Gedanke, dass Sie möglicherweise
selbst gern hierher zu uns kommen würden und wir gemeinsam, so wie in
alten Tagen, uns dem Fall widmen. Sie sind selbstverständlich von mir
auf das Herzlichste eingeladen. Es
wäre einfach wunderbar, wenn wir auf diese Weise noch einmal die
Vergangenheit aufleben lassen könnten. Immerhin sind wir in unseren
Herzen und im Kopf noch immer jung geblieben. Wir
schicken Ihnen diesen Brief per Eildepesche in der Hoffnung, Sie
könnten sich mit unserem Vorschlag einverstanden erklären. Bitte
antworten Sie uns so schnell wie es nur möglich ist, da wir alle sehr
ungeduldig auf Ihre Entscheidung sind. So
verbleiben wir in Erwartung Ihre
alten drei Freunde Der
Morgen unterschied sich, für die gewöhnlichen Fahrgäste sowie den
Betreib auf der Poststation, nicht von den anderen. Nur jene
eingeschworene Gruppe der drei Herren nahm diesen Morgen in einer
anderen Weise war. Alle drei fühlten sich um eine vieles jüngere und
voller Dynamik. Genauso wie der Frühlingsmorgen, welcher die Natur zu
neuem Leben erweckte. Alles, das ganze Leben schien auf einmal wieder
einen richtigen Sinn zu haben. Es war die in Aussichtstehende Aufgabe,
welche unsere Abenteurer beflügelte. Wie wohl Doran, der ehemalige
Inspektor auf den Brief und dessen Inhalt reagieren würde? Spannung lag
in der Luft. Eine schier unerträgliche Spannung. Aber es half alles
nichts, man konnte jetzt nur abwarten. Gegen
neun Uhr wurde das Frühstück eingenommen. Tobias, Georg und
Christopher saßen an dem gleichen Tisch wie am Vorabend. Die Sonne
schien warm durch das Fenster und man genoss den wunderbaren Ausblick,
ebenso wie man das lebhafte Treiben auf dem Hof der Station beobachtete.
„Da
Du ja nun doch länger zu bleiben scheinst, schlage ich vor, wir
Frühstücken zu Ende und ich zeige Dir dann Dein Zimmer. In der kleinen
Übernachtungskammer ist das nichts. Danach können wir ja schon einmal
über den Fall reden, was man eben bisher weiß“, bemerkte Georg zu
Christopher. Dieser war mit dem Vorschlag sofort einverstanden. „Und
am Nachmittag könnten wir drei ja vielleicht einen Spaziergang zu dem
alten und verfallenen Bauerngehöft machen. Es wohnt schon lange keiner
mehr dort, aber unter Umständen finden wir sogar den einen oder anderen
Hinweis dort“, schlug nun Tobias vor und seine Augen leuchteten dabei.
„Kein
schlechter Vorschlag“, bemerkte Christopher. „Im Augenblick können
wir ohnehin nichts weiter machen als uns die Zeit zu vertreiben und
abzuwarten“. In
aller Ruhe nahm man das reichliche Frühstück zu sich. Die Unterhaltung
während dessen hatte nur wenig mit der Thematik des Vorhabens zutun.
Vielleicht weil man befürchtete, dass sich Doran dagegen entscheiden
könnte und somit alles scheitern würde. So redete man über alles
Mögliche. Über all die Veränderungen in den letzten Jahrzenten, was
es in der heutigen Zeit alles für Neuerungen gab und wie lange es wohl
noch mit der Poststation dauern würde, bis sich diese auch durch eine
Neuerung ersetzten ließ. Die Zeit verging nur sehr schleichend. Es gab
wohl kein Thema welches nicht angesprochen wurde. Der Betrieb der
Poststation verlief unbehelligt von diesem Geschehen, reibungslos wie
immer. Kutschen kamen und Kutschen fuhren wieder ab. In allen
Himmelsrichtungen herrschte rege Bewegung. Noch konnte keiner, nicht
einmal in seinen kühnsten Träumen ahnen, was dieser heutige Tag noch
alles an Überraschungen mit sich bringen würde. So
war es kurz vor der allgemeinen Mittagszeit, was so gegen ein Uhr war,
als eine Kutsche auf den Hof der Station ankam. Nur zwei Fahrgäste
verließen die Kutsche. Es handelte sich hierbei um eine Frau
fortgeschrittenen Alters und einen verhältnismäßig jüngeren Mann.
Was den Mann anbelangte, so war dieser durchschnittlich gekleidet. Er
reiste auffälliger Weise mit wenig Gepäck. Dazu machte er den Eindruck
sich vor etwas verstecken zu müssen. Jede Frage der sich begegnenden
Fahrgäste, so wie es üblich war: „Haben wir uns schon einmal
gesehen, oder „kann es sein, dass wir uns kennen“ und letztlich: „Sind
Sie schon des Öfteren in dieser Gegend gewesen“, beantwortete er
stets mit einer gewissen unerklärlichen Aggression. Ansonsten war er
eher eine unscheinbare Erscheinung. Es hatte fast den Anschein, als
wollte er nicht unbedingt auffallen, am liebsten unsichtbar sein. Alles
in allem ein recht merkwürdiger Mann. Vom Alter her war er nur sehr
schwer zu schätzen. So zwischen vierundzwanzig und siebenundzwanzig
Jahre hätte man meinen können. Als er darauf angesprochen wurde, ob er
noch am gleichen Tag weiterreisen oder über die Nacht hier bleiben
würde, antwortete er mit kurzen Worten: „Ich werde hierbleiben. Mein
Reiseziel steht noch nicht endgültig fest. Ich kann daher nicht mit
Sicherheit sagen, wann ich meine Reise fortsetze“. Darauf wandte er
sich von den restlichen Leuten ab und betrat die Gaststube. Er schaute
sich kurz um und nahm dann an einem kleinen, einzelnen Tisch in der
Nähe des Ofens Platz. Da es nicht im Geringsten kalt war, lag der
Verdacht nahe, er hätte diesen Platz nur gewählt, da er der einzige
war, der abseits und vollkommen allein stand. Vielleicht wollte er auch
nur seine Ruhe haben, aber dennoch auffallend merkwürdig. Die
Frau, die mit jenem Mann zusammen ankam, war fortgeschrittenen Alters.
Es war eine hübsche, schlanke Frau. Sie war auffallend gut gekleidet
und hatte eine besondere Ausstrahlung. Christopher
und auch Tobias beobachteten die Frau von ihrem Tisch aus durch das
Fenster. Deutlich konnte man erkennen, dass die beiden Männer
Überlegten. Dann, wie aus einem Munde sagten die beiden Herrn fast
gleichzeitig: „Irgendwoher kenne ich diese Frau. Ich bin mir sicher,
ihr schon einmal begegnet zu sein, aber wo“? Dann schauten sich die
beiden Männer plötzlich an als hätten sie gerade eben ein Gespenst
gesehen. Ihre Augen waren weit aufgerissen und man sah ihnen deutlich
die Überraschung an. „Aber natürlich, ich kann es nicht fassen, aber
sie ist es ganz sicher, wie hieß sie doch gleich“? Christopher war
außer sich. Er hatte sie erkannt. Es war die Frau, die damals zusammen
mit ihm der etwas rundlichen Dame und dem älteren Herrn in der Kutsche
mit dem Achsbruch saß. „Desiree, Desiree heißt sie, rief Tobias, der
sie ebenfalls widererkannte. Mein Gott, dass kann doch nun wirklich
nichts mehr mit Zufällen zu tun haben“. Tobias war außer sich vor
Aufregung. „Was in drei Teufelsnamen macht diese Frau ausgerechnet
jetzt hier an diesem Ort“, fragte er die anderen beiden am Tisch. Die
Drei sprangen von ihrem Tisch auf und eilten hinaus auf den Hof der
Poststation, über das holprige Pflaster direkt zu der Frau, welche
gerade gemächlichen Schrittes sich dem Gasthaus nähern wollte. Bei ihr
angelangt und vor
Aufregung noch ganz außer Atem, war es Christopher, der sie ansprach:
„Sie werden verzeihen, aber ich, das heißt, wir sind uns sicher Sie
zu kennen“. Dabei zeigte er auf Tobias und Georg. „Sie werden sich
vielleicht nicht mehr an uns erinnern, aber wir sind uns hier auf dieser
Poststation, vor vielen Jahren schon einmal begegnet“. Er
legte eine Pause ein um ihre Reaktion abzuwarten. Die
Frau lächelte und sagte: „Wie könnte ich diese Tage in meinem Leben
wohl jemals vergessen? Natürlich kenne ich Sie, und es freut mich umso
mehr Sie bei bester Gesundheit vorzufinden. Wie geht es Ihnen? Bitte
lassen Sie mich raten“. Desiree betrachtete einen nach den anderen.
„Sie dürften Christopher sein, der Fahrgast, welcher damals mit uns
die Unglückskutsche mit uns teilte. Sie hingegen müssten Tobias der
Kutscher von damals sein, und Sie sind dann Georg, der diese Poststation
leitete. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen“. Lachend
betrachtete sie alle drei Männer nacheinander. „Ich
hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit der Tatsache Sie heute hier
anzutreffen“, sagte Sie. „Sagen Sie Herr Georg, arbeiten Sie noch
immer als Leiter dieser Station“? „Nein“, erwiderte dieser, „darum
kümmert sich schon lange mein Sohn und seine Frau. Später wird dann
vielleicht einmal unser Enkel den Betrieb übernehmen, aber wer weiß
schon, was bis dahin geschieht“. „Dann gehe ich einmal davon aus,
dass der Herr Tobias auch nicht mehr auf dem Kutschbock sitzt sondern
sich eher um die Kutscher kümmert, damit diese ihre Arbeit auch richtig
verrichten, schließlich will man ja keinen Achsbruch riskieren“, bei
diesen Worten lachte sie ein wenig verschmitzt Herrn Tobias an. Tobias verstand
den Spaß und grinste zurück, „so ist es. Es ist erstaunlich welch
ein Gedächtnis und was für eine Kombinationsgabe Sie haben, gnädige
Frau“. Nun
wandte sich jene Desiree Christopher zu. „Was
ich jedoch nicht deuten kann ist Ihre Anwesenheit hier. Ich kann mir nur
schwerlich vorstellen, dass Sie hier sesshaft geworden sind, und dass
wir hier zufällig zusammentreffen will ich auch nicht so recht glauben“.
Sie schaute Christopher erwartungsvoll an. „Dies ist eine lange
Geschichte, die so unglaubwürdig wie unmöglich erscheint“, mischte
sich nun Georg in das Gespräch. „Ich schlage vor, da es ohnehin
gerade Mittagszeit ist, begleiten Sie uns an unseren Tisch und wir
erzählen Ihnen beim Essen die ganze merkwürdige Geschichte, oder
müssen Sie in den nächsten Minuten schon weiter“? „Nein“,
erwiderte Desiree. „Ich fühle mich geehrt und nehme Ihr Angebot gern
an, da Sie meine Neugier jetzt geweckt haben“. So betraten die vier
die Gaststube und begaben sich an den Tisch, an dem sie zuvor zu dritt
gesessen hatten. Das Essen wurde gebracht. Die Männer tranken einen
Krug Bier und Desiree nahm ein Glas von dem Süßmost. Während die
kleine Gesellschaft speiste erzählten die Männer abwechselnd jene
Geschichte die sich hier in den letzten zwei Tagen ereignet hat. Dabei
legte ein Jeder großen Wert darauf, dass auch nicht die kleinste
Kleinigkeit ausgelassen wurde, so das Desiree am Ende des Berichtes
peinlich genau über alles informiert war. Man kann sich lebhaft an Hand
des vorangegangenes Gespräches vorstellen, dass Desiree ihren Mund vor
lauter Staunen nicht mehr zu bekam. „Würde ich an Zufälle glauben,
so würde mich spätestens jetzt mein Glaube verlassen“, sagte Desiree
hierauf. „Ich hoffe nur, dass Doran, der ehemalige Inspektor diesem
Abenteuer zustimmt und auch mit von der Partie ist“, sagte sie noch
schnell hinterher. „Darf
ich fragen, wann Sie gedenken weiterzureisen“? Fragte Tobias. „Nun,
eigentlich hatte ich in drei Stunden Anschluss, aber in Anbetracht der
Tatsachen würde ich zumindest gern die Entscheidung von Doran abwarten,
schließlich kommen wir nie mehr so jung zusammen. Wenn es Ihnen also
nichts ausmacht und noch ein kleines Zimmer für mich frei wäre, so
würde ich mich gern hier einquartieren“. „Aber haben Sie den nicht
etwas wichtiges vor“, gab Georg zu bedenken. „Papperlapapp, was kann
wohl wichtiger sein als gute Freunde“, sagte Desiree und es klang mehr
nach einem Befehl als eine Erklärung.
Es
war ein Tag wie geschaffen für diesen Erkundungsausflug. Der Hof den
man aufsuchen wollte war etwa dreißig Minuten von der Poststation
entfernt. Die Luft war lau und die Sonne schien in ihrer ganzen
Schönheit. Der Himmel strahlte in einem tiefen blau dazu. Ohne eine
Pause einzulegen erreichte die Gruppe das Ziel. Der
Bauernhof von dem verstorbenen Friedrich lag vor ihnen. Er befand sich
wirklich in einem fürchterlichen Zustand. Gut konnte man erkennen, das
hier seit mindestens zwanzig Jahre nichts mehr gemacht wurde. Das Holz
des Hauses war morsch und ein großer Teil der Steinmauern waren bereits
von langer Zeit eingestürzt. Unkraut und Gräser hatten den Hof für
sich erobert. Die einzigen Tiere, welche hier noch lebten, waren wilde
Tiere, die sich in dem Gebälk ihre Nester oder Wohnstädten
eingerichtet hatten. Wald und Wiesen hatten das Refugium des Bauernhofes
zurückerobert. In gewisser Weise sah es unheimlich aus. Auf der anderen
Seite sah man, wie doch alles vergänglich war. Hier lebte einst eine
glückliche Familie. Nie hätte diese ihr Schicksal auch nur geahnt. Das
Einzige was hier nicht ersichtlich war, war ein Fluch. Wenn man dieses
friedliche Stückchen Erde sah, so konnte man sich nur sehr schwer
vorstellen, dass ein Fluch einen solch folgeschweren Schaden anrichten
kann. Eigentlich
hatten alle vier, die hier anwesend waren, fast die gleichen
Gedankengänge. In einem Gedanken glichen sich jedoch alle. Es war die
grundlegende Frage, was ist eigentlich ein Fluch? Desiree musste daran
denken, dass dieser Begriff bei uns Menschen schon fast Gang und Gebe
war. Wie oft sprachen wir dieses Wort wohl aus, ohne weiter ernsthaft
darüber nachzudenken. Es schien jedoch, als gäbe es diesen Begriff und
seine Angst davor nur bei dem Menschen. Soviel sie auch darüber
nachdachte, sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Tier sich vor
einem Fluch fürchten würde. Kann es überhaupt solche Denkvorgänge
vollziehen, obwohl die Angst doch eher ein Reflex der Natur ist, dachte
sie plötzlich. Dies hingegen würde aber bedeuten, dass es in der Natur
überhaupt nicht so etwas wie einen Fluch gibt. Es geht hier also um
eine rein religiöse Darstellung, welche obendrein nicht einmal mit der
Natur einstimmig ist. Desiree drehte sich alles in ihrem Kopf. Sie
setzte sich auf einen Stein und versuchte, indem sie die wunderschöne
Landschaft bewunderte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Christopher,
Georg und Tobias waren derweil in eine lebhafte Unterhaltung vertieft,
bei der es darum ging, ob es Unglück bringen würde, wenn man das
Grundstück oder gar den Rest des Hauses betreten tät. Die Meinungen
hierzu waren recht unterschiedlich, um genau zu sein, jeder der drei
Männer hatte seine eigene Ansicht hierüber. „Redet doch nicht solch
ein Schwachsinn daher“, meldete sich Desiree auf einem Mal zu Wort.
„Was sollte das wohl für ein Fluch sein“? „Glaubt Ihr allen
Ernstes, dass das böse Wort über Generationen hinweg Menschen oder
Familien ins Unglück stürzen könnte? Wenn dem wirklich so wäre, dann
dürfte es so gut wie keine Menschen mehr auf Erden geben. Ich kann mir
beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Lebewesen der Erde eine
solche Macht ausüben könnte. Ergo, es gibt keinen Fluch, sondern nur
altes abergläubisches Geschwätz von Leuten, die es nicht besser wissen“.
Darauf drehte sich die Frau, in Richtung Haus, zw. Hof um und ging
direkten Schrittes darauf zu. „Was wartet Ihr Männer? Sie werden doch
nicht wirklich Angst oder Bedenken haben“? Ihre Worte klangen
eindeutig nach einer Herausforderung. „Schließlich sind wir
hierhergekommen um unter Umständen etwas zu finden, einen Hinweis oder
Ähnliches. Was genau wir suchen kann ich selbst nicht sagen, aber
zumindest waren wir uns bei diesem Vorhaben einig“. Dies hörte sich
nichtmehr nach einer Diskussion an sondern nach einem Befehl. Die
drei Männer folgten ihr, obwohl sie dabei nicht unbedingt glücklich
oder sicher fühlten. Langsam näherte sich die kleine Gruppe dem Hof.
Aus der Nähe betrachtet sah dieser noch schlimmer aus als zuvor vom
Weiten. Das Unkraut stand ungefähr Kniehoch und der gesamte Hof des
Bauernhauses war damit übersät. Selbst Bäume, wie Birken hatten hier
bereits gewurzelt und eine beträchtliche Höhe erreicht, wobei diese an
den unmöglichsten Orten standen. Die Gräser und Wildpflanzen, welche
bereits im Frühjahr blühten, zeigten sich in der ganzen Fülle ihrer
Vielfalt. Nur ein paar Meter von unseren vier Abenteurern entfernt stand
das eigentliche Bauernhaus. Links und rechts davon erstreckten sich die
ehemaligen Ställe und Scheunen. Das gesamte Gehöft war in der Form
eines Hufeisens, also einem „U“ angeordnet. Die
Dächer der Gebäude waren teilweise abgedeckt oder eingebrochen. Die
Fenster des eigentlichen Bauernhauses waren zum größten Teil entzwei.
Die Eingangstür, zu der eine kleine Treppe von drei Stufen führte,
bestand aus Holz welches marode und teilweise gebrochen war. Auch hing
diese Tür nur noch an einem Scharnier, so dass sie zur Hälfte offen
stand. Die Gruppe verlangsamte ihren Schritt umso näher sie dem Haus
kamen. Man sah in diesem Augenblick nicht die Natur und ihre Wunder,
sondern nur das Haus, und dieses sah unheimlich aus. An dem Gebäude
angekommen begann man die drei Stufen der Treppe heraufzusteigen. Selbst
Desiree tat dieses sehr langsam, so dass man sich fragen konnte, ob sie
nicht doch Bedenken bekommen hätte. Dann
standen alle vor jener Tür. Es war Christopher, welcher versuchte die
Tür aufzustoßen. Dieses Unternehmen erwies sich als schwerer als er
anfangs dachte. Jahreszeiten und Wetter hatten ihre Spuren hinterlassen.
So öffnete sich die Eingangstür nur sehr schwer und unter dem lauten
Geräusch eines Gemisches aus Knarren und Quietschen. Im Eingangszimmer
konnte man im dämmerigen Licht, einen Raum erkennen, der mehr oder
weniger vorwiegend aus Staub, Schmutz und Spinnengeweben bestand. Hier
und da waren noch einige Möbel, welche jedoch im gleichen Zustand wie
das gesamte Haus waren, zurückgeblieben. „Was ist eigentlich aus dem
Bauern Friedrich geworden“, fragte Christopher die Anderen. „Keiner
weiß es wirklich genau. Alle haben da nur ihre Spekulationen. Die Einen
behaupten, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, andere wiederum sagen
er sei fortgegangen und habe sich das Leben genommen. Es gibt sogar
einige wenige, die behaupten zu wissen, dass der Teufel persönlich in
geholt hat, ebenso wie angeblich seine kleine Tochter. Es soll irgendwie
mit dem Fluch zusammenhängen“, antwortete Tobias. „So langsam kann
ich das Wort Fluch nicht mehr hören“, sagten Desiree und Christopher
wie aus einem Munde. „Was hat das mit dem Fluch eigentlich auf sich,
kennt jemand die Geschichte“, fragte Desiree und machte dabei ein sehr
skeptisches Gesicht. „Den
Ursprung weiß im Grunde keiner so richtig genau“, sagte Georg. Sie
wissen ja selbst wie so etwas ist, „im Laufe der Zeit erfindet jeder
seine eigene Teilversion dazu und die Wahrheit verschleiert sich immer
mehr, bis am Ende keiner mehr weiß wie es wohl wirklich am Anfang
gewesen ist“. „Darüber musst Du mir unbedingt noch mehr erzählen“,
sagte Christopher zu Georg. Die kleine Gruppe der vier Abenteurer
begannen zuerst das Bauernhaus und dann die Nebengebäude zu
untersuchen. Sie stöberten in allen Ecken, so dass sie am Ende ebenso
schmutzig wie die Gebäude selber waren. Es gab jedoch nichts zu finden,
zumindest nichts was von einer bestimmten Bedeutung gewesen sein
könnte. Am Ende sahen die Vier aus, als würden sie in einem Bergwerk
arbeiten und gerade zu Tage kommen. Eine gewisse Endtäuschung ließ
sich bei allen nicht ganz unterdrücken. Selbst Desiree hätte sich in
diesem Augenblick gewünscht, dass es diesen Fluch wirklich geben würde
und man hier einen Hinweis auf diesen gefunden hätte. „Genau
betrachtet, ist außer einer wahrhaft schmutzigen Endtäuschung nichts
weiter bei unserer Expedition herausgekommen“, bemerkte Tobias und die
Anderen gaben ihm in dieser Hinsicht vollkommen recht. Die
Zeit war vergangen und jeder verspürte ein wenig Hunger und Durst. So
setzte man sich im Erdgeschoss des Bauernhauses auf eine sich bietende
Sitzgelegenheit und es wurde der mitgebrachte Proviant ausgepackt. Es
handelte sich dabei nicht unbedingt um viel oder besondere
Spezialitäten, es war nur etwas um die notwendigsten Bedürfnisse zu
stillen. Essen konnte man ja wieder auf der Poststation. Zudem kam noch
jene Tatsache, dass keiner der vier unbedingt übermäßig viel auf dem
Ausflug hierher mit sich tragen wollte. Inmitten der schmutzigen
Umgebung begann man also seinen Hunger sowie Durst zu stillen. „Alles
reine Natur“, sagte Tobias. „Wenn Ihr wüsstet unter welchen
Voraussetzungen ich schon überall essen und schlafen musste, in der
Zeit, als ich noch auf dem Kutschbock gesessen habe, würden sich Euch
die Nackenhaare sträuben“. „Das kann ich mir gut vorstellen“,
erwiderte die Frau und sah dabei Tobias fast ein wenig bewundernd an.
Die Unterhaltung während des Essens drehte sich überwiegend um all die
unerklärlichen Dinge, die in unserer Welt vorkommen und von denen man
nicht weiß, ob diese glaubhaft sind oder nicht. So verging die Zeit,
und als man das eher dürftige Mahl verzehrt hatte war es Georg, der
folgenden Vorschlag machte: „Ich würde vorschlagen, dass wir uns noch
einmal auf dem Hof und in allen Räumen umsehen, damit wir auch wirklich
nichts übersehen haben. Dann sollten wir uns auf den Rückweg begeben.
Ich würde gern noch vor Einbruch der Dämmerung auf der Poststation
eintreffen. Die Population mancher wilden Tiere, wie zum Beispiel das
Schwarzwild, welches in der Dämmerung aktiv wird, hat in der letzten
Zeit stark zugenommen und ich möchte, offen gestanden nicht gerade mit
einem solchen Tier zusammenstoßen“. Alle Anwesenden erklärten sich
einstimmig mit diesem Vorschlag einverstanden. So
machte man also noch einmal an eine weitere gründliche Untersuchung des
Gehöftes. Dazu teilte man sich diesmal in zwei Gruppen zu je zwei
Personen auf. Georg und Tobias bildeten das erste Paar, Desiree und
Christopher das zweite Paar. Dabei sollten Desiree und Christopher den
Hof, also alles was außerhalb der Gebäude war, untersuchen, während
Georg und Tobias die Häuser noch einmal gründlich in Augenschein
nahmen. Er
verging einige Zeit und die kleine Gruppe hatte bereits jene Hoffnung,
doch noch auf einen Hinweis zu stoßen, so gut wie aufgegeben. So wollte
man gerade abbrechen, als Christopher plötzlich rief. Der Ruf kam aus
der Richtung, wo die ehemaligen Stallungen am hinteren Teil des
Wohnhauses anschlossen, also von der Rückfront des Wohnhauses. Sofort
eilten Georg und Tobias dorthin. Sie fanden Desiree und Christopher,
kaum sichtbar da Gräser und Unkraut in Brusthöhe standen, inmitten des
gesamten Gestrüpps dicht an der Hauswand stehend. Vor den Füssen von
Christopher lag ein großer Steinhaufen von Natursteinen. Es machte den
Anschein, als wären diese Steine in damaliger Zeit vom Acker ab
gesammelt worden, damit der Pflug keinen Schaden nehmen konnte. Hier, an
dieser Stelle hatte Friedrich der Bauer sie wahrscheinlich abgelegt um
diese dann später zu verarbeiten. Der besagte Steinhaufen war, bedingt
durch die verstrichene Zeit, teilweise mit Erde und im Gesamten mit
Kräutern, Wildblumen und Gräser bedeckt. „Ein
Steinhaufen“, meinte Tobias und seine Stimme klang dabei etwas
spöttisch. „Und was soll daran nun so besonderes sein“? Tobias
fragte doch etwas vorsichtig, da er sich nicht vorstellen konnte, dass
Christopher allein wegen diesem Haufen solch ein Aufheben gemacht
hätte. „Komm doch bitte einmal etwas näher heran, fällt Dir nichts
auf“, fragte der Mann Tobias. Tobias sowie auch Georg traten näher an
die besagte Stelle heran und betrachteten jenen Steinhaufen genauer. Mit
einem Mal wurde deutlich was Christopher gemeint hatte. Unter dem
Steinhaufen, begraben von Erde, Pflanzen und Schutz war der kleine Teil
einer hölzernen Falltür, welche in den Boden zu führen schien,
sichtbar. „Wo diese wohl hinführt und welche Bedeutung sie einmal
hatte“? bemerkte Desiree. Die
Männer machten sich dabei und versuchten die besagte Falltür von den
Steinen zu befreien, was sich allerdings als ein sehr schweres
Unternehmen herausstellte. „Ich glaube nicht, dass wir jenes Vorhaben
heute noch umsetzen können. Daher schlage ich vor, wir kommen gleich
morgenfrüh wieder und bringen etwas Werkzeug mit. Dann sollte es
möglich sein, den Eingang freizulegen. Für heute, so glaube ich,
sollten wir so langsam aber sicher den Heimweg antreten“, gab Georg zu
bedenken. Hierauf gab es keinen Einspruch. So packte man seine Sachen
zusammen und verließ den Bauernhof. Nachdem
man einige hundert Meter gegangen war, blieb die Gruppe noch einmal
stehen und schaute sich schweigend um. Keiner von ihnen sprach dabei
kein Wort, aber jeder machte sich seine Gedanken. Gedanken welche sich
nicht unbedingt alle miteinander glichen. Darauf
legte man einen Schritt zu und begab sich auf direktem Weg in Richtung
Poststation.
„Aber
ich bitte Sie“, sagte Doran. „Bevor wir uns jedoch mit der
eigentlichen Thematik beschäftigen würde ich gern wissen, wie es ihnen
in den letzten Jahrzenten ergangen ist. Schließlich ist, seit unserer
einzigen und letzten Begegnung viel Zeit in Land gegangen“. Es sollte
ein sehr gemütlicher Nachmittag werden. Über so gut wie alles, was in
dieser Zeit einem Jeden widerfahren ist. Ein Gerede löste das andere
ab. Jeder hatte mehr oder weniger zu berichten und alle der
Zusammensitzenden übertrafen sich darin gegenseitig. Man sprach über
alte Zeiten und was wohl aus all denen geworden ist, von denen man
nichts mehr gehört hatte. Auch erinnerte man sich an die Verstorbenen
und gedachte ihrer. Die Zeit verging bei all den Gesprächen wie im
Fluge. Als das Abendbrot gedeckt wurde, kam die Zeit wieder ins Spiel.
Wie unbemerkt sie doch in einer solchen Unterredung vergehen kann, ohne
dass man dies bemerkt. Das Abendbrot war ein wahrer Genuss. Man speiste
und trank wie in alten Zeiten. Es war Georg, der als erster das Wort
ergriff, auf welches wohl bereits jeder der Gruppe bereits die ganze
Zeit gewartet hatte. Georg schaute den ehemaligen Inspektor Doran an und
fragte ihn geradezu: „Herr Doran, wir haben Ihnen geschrieben und
einen Vorschlag unterbreitet. Es läge einem jeden von uns sehr viel
daran, wenn wir Sie für unser Vorhaben gewinnen könnten. Sagen Sie uns
bitte die Wahrheit, aber bitte Ihre wirkliche Meinung, denn ich glaube
es hält hier am Tisch keiner mehr länger die Spannung aus“. Doran
musste mit einem Mal sehr laut Lachen. „Was glauben Sie wohl, warum
ich so schnell wie nur möglich gekommen bin“, fragte er nicht nur
Georg. Seine Frage richtete sich an alle Beteiligten. „Selbstverständlich
bin ich mit von der Partie. Ich werde mir doch nicht auf meine alten
Tage eines der größten Abenteuer entgehen lassen. Wenn ich nur daran
denke, wie damals alles
angefangen hatte. Nein, wenn wir uns auch nur dieses eine Mal begegnet
sind, so verbindet uns doch eine ganze Menge an Erinnerungen die ich nie
vergessen habe und an denen ich gern zurückdenke“. Doran schaute bei
seiner Ansprache jeden Einzelnen an und sagte dann zum Schluss: „Ich
bin dabei, von Anfang bis zum bitteren Ende“. Obwohl
es kein lautes Jubelgeschrei gab und auch kein übermäßiges Bedanken,
war der Raum von einem Gefühl des vollkommenen Glücks förmlich
erfüllt. Man konnte es direkt spüren und jeder wusste im Stillen was
gemeint war. Dann kam was kommen musste. Jeder der Anwesenden, der
dieser kleinen Gruppe angehörte, erzählte noch einmal aus seinem
Leben. Zumindest was die wichtigsten Stationen betraf, was er jetzt
machte und wie er so zurzeit mit seinem Leben zurechtkommt. Sicher wurde
auch das eine wie das andere doppelt erwähnt, was jedoch der
allgemeinen Spannung und der guten Laune keinen Abbruch tat. Es
mag schon spät geworden sein, da sich von den anderen Gästen keiner
mehr in der Gaststube befand, als die Gruppe der nun fünf Eingeweihten,
zum eigentlichen Thema kamen. Hierbei wurde auch erwähnt, dass
Christopher sich aus diesem Grund auf den Weg zu Doran befand um deren
Erfahrung in Anspruch zu nehmen. „Ich bin über diese Vorfälle
informiert und habe Christopher meine Hilfe diesbezüglich zugesagt“,
antwortete Doran. „Dies ist jedoch eine nicht nur sehr merkwürdige
sondern auch hässliche Geschichte, welche sich nicht in ein oder zwei Sätzen
erzählen lässt“, fuhr er fort. „Da es schon spät ist, schlage ich
vor, wir lassen diesen Abend noch so schön wie er bisher war ausklingen
und widmen uns morgen, gleich in der Früh, dem eigentlichen Delikt“. Doran
schaute die Anderen an und wartete auf deren Zustimmung. Keiner der
Anwesenden hatte etwas dagegen einzuwenden. So bestellte man noch einen
letzten kleinen Abschlusstrunk, genoss diesen und ging dann zu Bett. „Was
ich noch sagen wollte“, erwiderte Doran, als er die Treppe mit den
Anderen hinaufging, „ich habe alle Zeit, die mit der Herrgott noch zur
Verfügung stellt“. Dann
betrat jeder sein Zimmer und es wurde ruhig im Haus. |
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10.
Kapitel Der Unterschied zwischen Realität und Mythos
Die
Nacht verlief erstaunlicher Weise für alle sehr ruhig und erholsam.
Keiner hatte, allen Erwartungen entgegen, schlechte Träume. Vielleicht
lag es daran, dass man sich in gewisser Weise wieder vereint und in
Sicherheit wiegte. Zumindest erwachten die fünf am nächsten Morgen völlig
ausgeruht und erholt. Nachdem jeder seine Morgentoilette beendet hatte,
betraten sie nacheinander die Gaststube, wo Georg bereits mit einem kräftigen
Frühstück auf sie wartete. Als
sie alle, so nacheinander an dem Tisch, direkt an dem Fenster zum
Kutschenhof, platznahmen, bemerkte Desiree: „Es mag komisch
erscheinen, aber ich habe das seltsame Gefühl, als wenn dieser Tisch
etwas Besonderes für uns darstellt, so als wäre er ein Teil unseres
Lebens“. „Ist er das nicht auch in gewisser Weise? Ich selbst sehe
ihn schon wie mein Eigentum an, aber ein Eigentum auf eine gewisse
Weise, so als würde es einem dennoch nicht gehören“, erwiderte
Christopher hierauf. „Sagen wir einfach mal, er ist, von der Zeit her
nur ein kleiner, von der Bedeutung her jedoch ein großer Teil unseres
Lebens“, erwiderte Tobias zum Erstaunen aller, dass aus seinem Munde
ein solch tiefsinniger Satz herauskam. Doran
wünschte einen guten Morgen und äußerte sich nicht weiter zu diesem
Thema. Er hatte sich im Laufe der Jahre noch immer nicht geändert. Er
war kein Mann vieler Worte. Er schwieg und beobachtete. Dies waren die
Eigenschaften, welche er hervorragend beherrschte. So dauerte es nicht
lange und alle hatten am Tisch ihren Platz eingenommen. Sie genossen das
Frühstück und kamen daher kaum dazu, ein Gespräch miteinander zu führen.
Auf diese Weise verging etwa eine gute halbe Stunde. Als man mit dem
Essen fertig und der Tisch abgeräumt war, verbrachte man noch einen
kurzen Augenblick in Schweigen, was mehr der Verdauung diente als dem
Nachdenken. Wieder war es Doran der die Stille brach und somit den
Anfang zum Gespräch machte. „Es geht um eine recht bizarre wie auch hässliche
Geschichte, welche die Polizei in Atem hält und mit Rätseln förmlich
überhäuft“, begann er. „Aber lassen Sie mich ganz von vorn
beginnen. Es fing vor ungefähr eineinhalb Jahren an. Ein Förster, ich
weiß leider seinen Namen nicht, der wie üblich seinen Rundgang durch
sein Revier machte, entdeckte rein zufällig unter einem Stapel
Bruchholz einen leblosen Körper, der sich bei näherer Betrachtung als
die Leiche einer jüngeren Frau herausstellte. Darauf verständigte der
Förster die hiesige Polizei, welche auch sofort alle nur denkbaren
Untersuchungen sowie Nachforschungen einleitete, jedoch ohne jeden
Erfolg. So weit so gut, leider hat jede Untersuchung immer in einer
Sachgasse geendet. Nicht einmal die Identität der jungen Frau konnte
bis zum heutigen Tag festgestellt werden. Es scheint fast so, als hätte
jene Frau niemals existiert. Aber eigentlich fängt hier das ganze
Mysterium erst an. Die Ermittlungen waren noch nicht einmal eingestellt,
als ein Wanderer, nicht weit vom ersten Tatort, eine weitere
Frauenleiche entdeckte. Vom Alter her schienen sie sich kaum großartig
zu unterscheiden. Auch der Typ war ähnlich. Und nun halten Sie sich
fest, auch diese Frau schien nie existiert zu haben. Alle weiteren
Ermittlungen verliefen, genau wie bei der ersten Leiche, im Sand. Es
sollte jedoch noch besser kommen. Bei genaueren Untersuchungen der
beiden Leichname stellte sich heraus, dass diese zu fast dem gleichen
Zeitpunkt ums Leben gekommen sein dürften. Zudem lagen die Fundstellen
nur ca. zwei Kilometer auseinander. Weiter stellte man fest, dass keine
der beiden Frauen geschändet wurde. Ein Sexualdelikt scheidet also
hierbei aus“. „Verzeihen
Sie, wenn ich Ihnen ins Wort falle, aber auf welche Weise wurden die
beiden Frauen getötet“? Christopher unterbrach Doran nur sehr ungern.
„Genau
hier wird es mehr als merkwürdig. Bei beiden Frauen wurde das Genick
gebrochen und der Kopf nach hinten gedreht, so wie es in der Mythologie
bei einem Satansritual geschildert wird. Hinzu kommt noch die Tatsache,
dass beiden Frauen auf der Stirn ein sogenanntes Pentagramm eingeritzt
wurde. Man geht davon aus, dass es sich hierbei um ein und den gleichen
Täter sowie einen Ritualmord handelt“. Tobias,
in seiner zügellosen Art, wollte gerade etwas sagen, überlegte es sich
dann aber und hielt seinen Mund. Sein Gesicht sprach allerdings eine
eindeutige Sprache. Desiree
hingegen wurde leichenblass und brachte nur die Worte heraus: „Das ist
ja fürchterlich, wer ist denn zu so etwas fähig“? Alle
anderen der Gesellschaft schwiegen. Man hätte glauben können, es habe
ihnen die Sprache verschlagen. „Und
wie ging es weiter? War nicht von insgesamt fünf Leichenfunden die
Rede? Was genau geschah weiter“, fragte nun Georg, dem alles wie ein böser
Traum vorkam. Doran
übernahm wieder die Wortführung und fuhr in seinem Bericht fort:
„Die hiesige Polizei wie auch die Kreisbehörden, welche man auch
eingeschaltet hatte, tappten weiter im Dunkeln. Es gab keine Hinweise
auf eine eventuelle Spur. Erschwerend kam noch hinzu, dass die beiden
Frauen nicht bekannt waren und in all der Zeit gab es auch keinen
Hinweis auf eine Existenz dieser Frauen. So verstrich über ein halbes
Jahr, bis man den Fall von Seiten der Polizei einstellte. Keiner glaubte
mehr an irgendeinen Erfolg bei weiteren Ermittlungen“. Alles
schwieg. Jeder wartete darauf, dass der ehemalige Inspektor mit seinem
Bericht jeden Augenblick weiter fort fuhr. Diese Annahme sollte auch
kein Irrtum sein. Nach einer kurzen Pause erhob Doran wieder seine
Stimme und fuhr in seinem Bericht fort. „Es mag im Spätsommer des
vergangenen Jahres gewesen sein, der genaue Zeitpunkt ist mir leider
nicht bekannt, soweit reichen meine heutigen Verbindungen nicht mehr,
als der stark verwesende Geruch die Aufmerksamkeit eines Hundes, von
einem Spaziergänger, erweckte. Wieder war es der gleiche Wald, wieder
nur einige hundert Meter entfernt, wieder war es ein diesmal jedoch großer
Holzstapel, der den Tatort bedeckte. Und, wieder war es die Leiche einer
Frau, die man darunter, allerdings in einiger Tiefe in der Erde zuvor
vergraben, fand. Auch bei dieser Frau glichen alle Merkmale denen der
anderen zwei Opfer. Anhand der Verwesung stellte sich heraus, dass diese
Frau schon länger tot sein und hier liegen musste. Sie war auf der
gleichen Weise ums Leben gekommen. Aber, bei allen Bemühungen die man
anstellte, auch sie kannte niemand und man konnte keine Existenz
nachweisen. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. Die Behörden wussten,
dass sie nun reagieren mussten. Vor der Öffentlichkeit wurde alles
streng Geheim gehalten, aber man legte umgehend eine große Suchaktion
in diesem Wald sowie der näheren Umgebung an. Und, man wurde fündig.
Innerhalb von nur drei Tagen fand man zwei weitere Frauenleichen, welche
alle das gleiche Schicksal ereignet hatte. Einen einzigen Unterschied
gab es, die Frauen waren noch nicht lange tot. Ihr Mörder, und wir
gehen davon aus, dass es sich hierbei um ein und den gleichen handelt,
hatte die beiden Leichen gründlicher versteckt. Aber auch sie waren
vergraben und mit Holz bedeckt. Ansonsten waren alle weiteren Merkmale
gleich. Auch bei diesen zwei Opfern fehlte jede Spur einer Existenz. Es
ist, seit dem ersten Fund, etwa zwei Jahre her, aber bis heute hat man
die Ermittlungen nicht eingestellt, obwohl jede nur denkbare Spur ins
Nichts führte. So,
nun kennen Sie die gesamte Geschichte, so wie ich sie kenne“. Damit
schloss Doran seinen Bericht. Keiner der anwesenden Zuhörer sprach auch
nur ein Wort. Im Augenblick hätte man das Fallen einer Nadel hören können,
so still war es in der Gaststube geworden. Es war das laute Geräusch
einer ankommenden Kutsche, die alle wieder in die reale Gegenwart zurückholte.
„Was immer auch in dieser Welt geschehen mag, ich glaube nicht an
einen solchen Unsinn wie den Teufel“, bemerkte Desiree in ihrer
weiblichen Intuition als erste und brach damit auch das Schweigen
innerhalb der Gruppe. Jetzt
konnte auch Tobias nicht länger seinen Mund halten. „Ich
sage genau das Gleiche wie ich es damals gesagt habe, es ist jener
Fluch. Ich selbst habe zur Zeit unseres Geschehens den Leibhaftigen
gesehen, und was ich gesehen habe weiß ich genau, dass kann
mir kein Mensch ausreden. Es mag ja sein, dass sich vieles mit Logik
erklären lässt, aber ich behaupte, es gibt nun einmal Dinge zwischen
Himmel und Erde, von denen wir keine Ahnung haben und die sich mit aller
Logik und Vernunft dieser Welt nicht erklären lassen“. Jeder konnte
sehen wie aufgebracht Tobias war. Es erschien auch jedem verständlich,
dass er so glaubte. Was hatte er wohl alles in seiner langen Zeit als
Kutscher, der stets, bei Tag wie auch bei Nacht, unterwegs auf den
Landstraßen war, erlebt. Da mag es unzählige Eigenarten gegeben
haben. So war es kein Wunder,
dass
er mit jenen Mythen tief verwurzelt war. Das Entsetzen der Beteiligten
jener kleinen Gruppe war groß und dies konnte man auch eindeutig sehen.
„Ich
weiß, dass die Meinungen hierüber sehr unterschiedlich und gespalten
sind, aber dennoch haben wir doch alle ein und das gleiche Ziel. Wir
sollten uns überlegen, wie es nun weitergehen soll. Georg sagte diesen
Satz mit einer Überzeugung, als würde er, wenn es notwendig ist,
allein weitermachen“. Er war entschlossen nicht aufzugeben. |
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11.
Kapitel Ein erster Schritt zur Erkenntnis
Obwohl
es noch Vormittag war, erschien es jedem, in Anbetracht der
schrecklichen Sachlage, erst einmal ein Glas von etwas Hochprozentigen
zu trinken. Nachdem
sich jeder der kleinen Gruppe der fünf Ermittler damit einverstanden
erklärt hatten, bestellte Desiree sich noch einen Süßmost und die Männer
ein kleines Bier dazu. Die
Seele und auch die Nerven der Gruppe brauchten jetzt dringend etwas zur
Beruhigung. Keiner von ihnen war im Augenblick im Stande auch nur einen
klaren Gedanken zu fassen. „Die
Angelegenheit von damals scheint geklärt“, bemerkte Georg. „Dennoch
mache ich mir da so meine Gedanken. Es fällt mir offen gestanden schwer
zu glauben, dass es sich hierbei um reine Zufälle handelt. Zumal alle
Geschehnisse hier in unserer Gegend stattgefunden haben, ob es da wohl
einen Zusammenhang geben könnte? Hinzu kommt jene recht merkwürdige
Tatsache, dass ausgerechnet jetzt, wo wieder etwas geschehen ist, das
Schicksal uns erneut zusammengeführt hat. Hinter all dem steckt meines
achtens ein Chema. Mag man mich für verrückt halten oder nicht, ich
bin durchaus in der Lage eins und eins zusammenzuzählen“. „Ich
kann Sie gut verstehen“, bemerkte nun Doran. „Aber
trotzdem sollten wir die Dinge Sachlich angehen. Reine Spekulation
bringt uns hier keinen wirklichen Schritt weiter. Was wir dringend
brauchen ist ein Plan. Einen Plan für unsere weiteren
Vorgehensweisen“. An
dieser Stelle musste jeder Doran recht geben. Bevor
man sich jedoch gemeinsam dabei machte einen solchen Plan vorzubereiten,
erzählten die vier der Gruppe noch dem ehemaligen Inspektor Doran von
dem gestrigen Tag und was sie erlebt und auch entdeckt hatten. Doran
hörte aufmerksam und sehr interessiert zu. „Ich
würde vorschlagen, unser Plan oder unsere Strategie hat auch noch Zeit
bis zum Abend. Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mich, nach Möglichkeit
so schnell wie nur möglich, an jene Stelle, von der Sie mir soeben
berichtet haben, führen könnten. Und nicht vergessen, diesmal sollten
wir uns ein wenig Werkzeug mitnehmen“. Wie
auf Kommando stand die kleine Gruppe, bejahend nickend, auf und jeder
begann sich für den Fußmarsch fertig zu machen. Dabei achteten alle
peinlich genau darauf, dass auch wirklich an alles gedacht wurde um
nichts zu vergessen. Es
dauerte keine halbe Stunde und alle waren abmarschbereit. Gut gerüstet
und ausgestattet begab man sich zu dem Ort, an dem früher einmal der
Bauernhof von Friedrich stand. Das
Wetter spielte gnädig mit und die kleine Gruppe kam zügig voran. Nur
Georg verspürte, dass er doch älter geworden war als er es zugeben
wollte. Es
war an diesem Vormittag noch nicht allzu warm, und so machte der leichte
Aufstieg keinerlei Probleme. Diesmal
achtete keiner auf die Schönheit der Natur, alle hatten nur den einen
Gedanken, was sich wohl unter dieser Falltür, welche mit den
Ackersteinen bedeckt war, verbarg. Es
dauerte diesmal weniger als eine halbe Stunde und man konnte den Hof,
oder besser gesagt was noch davon übrig war, des Bauern Friedrich
sehen. „Stopp“,
sagte Doran auf einmal und blieb stehen, was ihm alle anderen gleich
taten. „Ich
möchte in dieser Entfernung einmal mit Ihnen zusammen um den Hof herum
gehen, wobei jeder von Ihnen darauf achten sollte, ob ihm etwas ungewöhnlich
vorkommt. Es ist dabei gleich, ob er selbst es für wichtig erachtet.
Jede Kleinigkeit könnte für uns von großer Bedeutung sein. Dabei möchte
ich auch, dass wir alle dicht beieinander bleiben und uns nicht zu weit
voneinander entfernen“. Ohne
auch nur einen Einspruch folgte die Gruppe den Anweisungen von Doran und
man begann in einem großen Bogen um den Bauernhof herumzugehen. Dabei
achtete man auf jede noch so unbedeutende Kleinigkeit. Das
Ergebnis war ernüchternd. Es gab, außer was man in einem Wald zu
finden erwartet, nicht die geringste Kleinigkeit zu entdecken. So stand
man wieder, nach ca. zwanzig Minuten, am Ausgangspunkt. Doran
lächelte ein wenig und meinte nur verlegen: „Offen gestanden habe ich
gehofft, dass wir nichts weiter finden“. Obwohl
keiner der Anderen diese Art von Logik verstand, aber Doran ja schließlich
der Fachmann auf diesem Gebiet war, folgten ihm nun alle zum Gehöft des
ehemaligen Bauern. Dort
angekommen begutachtete Doran zuerst auch den gesamten Hof mit all
seinen Haupt- und Nebengebäuden. Erst als er sich sichtlich zufrieden
zeigte, begab man sich an jene Stelle an welcher man gestern jene Falltür
unter dem Steinhaufen entdeckte. Alles war unberührt wie am Vortag. Dann
folgte, von Doran, eine merkwürdige Frage, mit der keiner der
Anwesenden gerechnet hätte. „Sagen
Sie, sind Sie sich absolut sicher, dass hier seit gestern nichts verändert
wurde? Lassen Sie sich Zeit und schauen Sie lieber zweimal hin, ich möchte,
dass Sie nichts übersehen“. Die
Leute der Gruppe folgten der Anweisung, konnten aber nichts entdecken. „Wir
werden jetzt eine kleine Pause zum Verschnaufen einlegen um uns dann an
die Arbeit zu machen. Es wird nicht leicht werden, und wer sich bei
einem, möglicherweise unangenehmen Fund ekelt oder erschreckt möchte
sich bitte abwenden und, ohne sich zu genieren der Natur freien Lauf
lassen. Es kann sein, dass wir absolut nichts finden, aber mein Instinkt
sagt mir, es wird anders kommen. Also machen Sie sich auf alles gefasst
und wenn Sie etwas finden oder entdecken sollten, so fassen Sie bitte
nichts an sondern stellen umgehend Ihre Arbeit ein“. Doran
klang das erste Mal sehr ernst, fast ungewöhnlich genau und ernst wie
sie ihn noch nie zuvor erlebt hatten. Die
Verschnaufpause hatte etwas Bedrückendes in der allgemeinen Stimmung.
Man trank zwar etwas aber zum Essen brachte keiner auch nur einen Bissen
herunter. Auch wurde während der ganzen Zeit kein Wort gesprochen.
Jeder hatte nur die Hinweise von Doran in seinem Kopf. Nachdem
die Pause beendet war, packte jeder seine Utensilien wieder schweigend
ein und stand auf. Langsam
begab man sich zu der Rückseite des Bauernhauses an der man die Falltür
unter dem Steinberg entdeckt hatte. Es gab nicht einen, der in diesem
Augenblick kein merkwürdiges und ungutes Gefühl in seinem Bauch verspürte.
Die Stimmung war bis aufs höchste angespannt. Als
man die Stelle endlich erreicht hatte, gab es so manchen dem sogar vor
Aufregung schlecht wurde. Keiner jedoch ließ sich etwas anmerken.
Die
Zeit schien nur recht langsam zu vergehen und immer wieder legte legten
die Beteiligten kleine Pausen ein um ein wenig zu trinken oder nur
einfach auszuruhen. So
ging es langsam voran. Doch irgendwann war der Punkt erreicht, an dem
das Schlimmste geschafft war und die schwerste Arbeit somit hinter ihnen
lag. Erschöpf
aber doch unendlich zufrieden betrachtete die kleine Gesellschaft ihr
geschaffenes Werk. Unter den jetzigen Voraussetzungen erschien jener
Steinhügel gar nicht mehr so groß wie zum Anfang, als noch alles
bewachsen war. Dem
allen zum Trotz war jedoch einige Zeit vergangen. Es war so etwa um die
dritte Stunde des Nachmittags. Obwohl der ganzen Anstrengungen verspürte
keiner Hunger. Man stellte aber dennoch die Überlegung an, jetzt die
Arbeit abzubrechen um sie am nächsten Tag zum Ende zubringen. Es war
schließlich noch der Heimweg der vor ihnen lag und so gut wie jeder
freute sich auf ein Bad und ein richtiges Mal an einem gemütlichen
Tisch in einer freundlichen Umgebung. So
gut wie jeder, aber nicht jeder. Es war Doran, ein Mann welcher sonst
stets ganz genau und mit viel Geduld vorging. Ausgerechnet
dieser Mann, jener ehemalige Inspektor Doran zeigte sich in diesem
Moment von einer ganz anderen und unerwarteten Seite. Er war es, der die
Anderen mit einem Mal Antrieb, als wäre der Teufel persönlich hinter
ihm und sein Vorhaben her. „Ich
möchte nicht ausverschämt erscheinen. Auch die Arbeit, die Sie alle
hier und heute geleistet haben ist mehr als lobenswert und mehr als man
erwarten kann. Auch
wenn Sie mich jetzt nicht verstehen und ich Ihnen auch noch nicht mein
Verhalten erklären kann, so möchte ich Sie doch bitten mir zu
vertrauen und hierzubleiben um die Arbeit zu beenden. Ich kann Ihnen
leider nur so viel dazu sagen, dass ich unser gesamtes Unternehmen bis
aufs Äußerste gefährdet sehe, wenn wir es nicht heute, jetzt und hier
zu Ende bringen“. Doran
sprach in einem seltsamen Ton. Fast bettelte er die Anderen an, fast
flehte er und anderseits sprach er mit einer Überzeugung welche man nur
mit dem Begriff „beeindruckend“ bezeichnen konnte. „Verehrter
Herr Doran, wir alle vertrauen Ihnen bedingungslos. Sie sind und werden
uns niemals eine Erklärung schuldig sein. Es ist eine Selbstverständlichkeit
für einen jeden von uns, Ihren Wünschen Folge zu leisten“. Tobias
sprach in diesem Augenblick für die Gefühle eines Jeden der mit an
dieser Sache beteiligt war. Ohne vorher auch nur einen Einzigen zu
fragen, traf er genau die Worte und Gedanken, die in diesem Moment jedes
Mitglied dieser kleinen Gruppe hatte. Man
konnte spüren, wie es Doran schwerviel in diesem Augenblick zu
sprechen. Er hatte einen sehr großen Kloß im Hals. Deshalb brachte er
auch nur diesen einen Satz heraus: „Meine
lieben Freunde, und wenn ich dies so sage, dann meine ich es auch
genauso, Sie können sich nicht vorstellen wie gerührt ich bin. Ich
kann mit Bestimmtheit behaupten, dass mir in all meinen vielen
Dienstjahren und auch sonst in meinem Leben, noch nie so viel Loyalität
entgegengebracht wurde. Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen dafür
danken“. „Ist
doch unter Freunden nicht der Rede wert“, grinste Tobias ein wenig
ironisch aber auch teils verlegen. Ohne
jede Verzögerung begann man umgehend mit der Arbeit und räumte die
Steine aus dem Weg. Es war leichter als gedacht. Sie warfen die Steine
einfach zur Rückseite des gesamten Steinhügels und in nicht einmal
eine knappe dreiviertel Stunde war die ganze Arbeit erledigt. Vor
ihnen lag eine massive hölzerne Falltür, mit einem Riegel versehen,
die sehr stabil aber auch sehr war. Jeder betrachtete diese Tür, welche
eben auf dem Boden lag, mit seinen eigenen gemischten Gefühlen. „Für
was diese Tür wohl einmal gedient hat und wohin sie wohl führen
mag“, fragte Desiree. „Was wir wohl darunter finden werden, ich habe
jetzt schon ein komisches Gefühl um nicht Angst zu sagen“. „Eine
solche Tür führte früher oftmals in einen Keller der hier auf dem
Land in den Sommermonaten zur Kühlung für Lebensmittel und Weinen
gedient hat. Im Winter diente er wiederum dazu verschiedenen Dingen vor
Frost und Nässe Schutz zu bieten. Was sich jetzt allerdings darunter
befindet möchte ich vielleicht gar nicht wissen, erwiderte Georg“,
der sich in solchen Dingen gut auskannte. Alle
sahen sich an, nickten und begannen mit dem Versuch die Tür zu öffnen.
Dieser
Versuch erwies sich als schwieriger als man vermutet hätte. Allein der
Riegel stellte ein unüberwindliches Hindernis dar. Man versuchte ihn
mit einem Brecheisen und mit einem Hammer zu bewegen, aber nichts
geschah. „Einen
Augenblick“, sagte plötzlich Doran. Er holte einen Pinsel aus seiner
Tasche und befreite damit den Riegel und den Teil darum vom restlichen
Schmutz, welcher durch das Gestein und die Pflanzen noch verblieben war.
Als er endlich alles gesäubert hatte betrachtete er sich den Riegel
genauer. „So
etwas Ähnliches habe ich mir bereits gedacht“, sagte er plötzlich
zur allgemeinen Verwunderung der Anderen. „Dieser
Riegel lässt sich nicht mehr öffnen. Er ist bereits vor langer Zeit,
mit sehr viel Gewalt gestaucht, um nicht zu sagen, krumm geschlagen
worden. Diese Tür wurde vor vielen Jahren auf diese Weise versiegelt.
Zeit, Schmutz und Rost haben das Übrige getan“. „Und
was sollen wir jetzt tun“? Fragte Christopher. „Wir
werden versuchen die Tür aufzuschlagen, obwohl ich nicht glaube, dass
uns dieses Vorhaben gelingen wird. Diese Tür scheint mir doch sehr
stabil. Ich schlage daher vor, wir versuchen und zuerst an den
Scharnieren, welche die Tür sich nach oben öffnen ließen“, schlug
Doran vor. Da
es keinen besseren Vorschlag gab, begann man sich an den Scharnieren zu
schaffen zu machen. Zuerst versuchte man diese durch draufschlagen ein
klein wenig zu lösen, was auch nach viel Anstrengung und viel Körpereinsatz
gelang. Dann
schob man das Brecheisen zwischen das Scharnier und dem Holz der Tür.
Ein Aushebeln war jedoch unmöglich, aber als man versuchte das
Brecheisen wie einen Meißel einzusetzen um damit unter Zuhilfenahme des
Hammers die Schrauben des Scharniers zu durchtrennen glückte der
Versuch. Zwar war es eine solch mühselige Arbeit, dass sich die Männer
ständig abwechseln mussten, aber es gelang. Langsam kam man voran und
somit dem Ende der Aktion immer Näher. Die
Männer wurden förmlich von ihrem eigenen Erfolg angetrieben und
arbeiteten zum Schluss wie besessen. Dann endlich war es geschafft. Auch
das letzte Scharnier hatte dem gewaltsamen Einsatz der Männer
nachgegeben. Für
einen Augenblick mussten sich alle erst einmal ausruhen. Über
eine Stunde hatten sie für diese Aktion gebraucht, aber es hatte sich
gelohnt. Die
Zeit des Ausruhens wurde von der Neugier verkürzt. Die schwere Arbeit
war getan. Nun stellte sich die Frage, was sie erwarten würde und
damit, ob sich der ganze Aufwand wirklich gelohnt hatte. Während
sich die Gruppe ausruhte, betrachtete sie die Falltür mit allen möglichen
Gefühlen. Viele Gedanken der unterschiedlichsten Art gingen ihr durch
den Kopf. Ein Jeder der Anwesenden dachte zur einen Seite das Eine und
doch wieder so unterschiedliche Dinge, wie sie hätten unterschiedlicher
nicht sein können. Über
eine Tatsache waren sich die Beteiligten jedoch alle klar. Es musste
sich hierbei um eine sehr, sehr alte Tür handeln. Das
Holz und auch die Beschläge waren merkwürdiger Weise noch sehr
gepflegt. Man konnte davon ausgehen, dass diese Tür, in den letzten
hunderten von Jahren regelmäßig gewartet wurde. Leider machte diese
Erfahrung die ganze Sache nur noch mysteriöser. Keiner
der Beteiligten was versessen darauf, dass was sich unter jener Tür
befand, wirklich zu ergründen. Aber
wie sagt man so schön? „Die Neugier besiegt schließlich jede
Angst“. Langsam
stand einer nach dem Anderen auf. Keiner traute sich wirklich, den
ersten Schritt auf die Tür drauf zuzugehen. Die Situation weckte den
Eindruck, dass jeder dem Anderen gern den Vortritt lassen würde. Keiner
wollte jedoch seine Angst vor dem Unerwarteten zugeben. So ging man
gemeinsam ans Werk. Ungewöhnlich
langsam näherte man sich der Falltür. Diese ließ sich doch schwerer
als erwartet öffnen, aber mit Hölzern, welche man als Hebel einsetzte
gelang das Vorhaben dann schließlich doch. Knarrend und quietschend öffnete
sich die Tür langsam nach oben und gab eine Treppe, welche nach unten führte,
frei. Die
Stufen waren in Stein gehauen und in einem ungewöhnlich gutem Zustand.
Acht Stufen zählte die Treppe nach unten, wo sich ein rechteckiger Raum
befand, der ungefähr vier mal sechs Meter im Ausmaß maß. Seine Höhe
betrug ca. zwei Meter und fünfzig Zentimeter. Obwohl
der Raum keine Fenster besitzen konnte, war er doch hell, da seine Wände
wie auch die Decke weiß gestrichen waren. Der
Raum glich eher einer Gruft, welche sehr sauber und gepflegt erschien. In
der Mitte der Gruft standen, auf zwei Sockel, zwei Särge. Sie waren aus
Holz und ebenfalls weiß. Es handelte sich um einen Kindersarg und einen
Erwachsenensarg. Beide
Särge waren mit viel Aufwand gefertigt worden. Filigrane Ornamente schmückten
die Seiten und den Deckel der Särge. Man konnte deutlich erkennen, dass
sich hier Jemand sehr viel Mühe gegeben hatte. Anhand
der Verschlüsse jener Sargdecken, konnte man auf ein Alter, so um das
sechzehnte Jahrhundert
schließen. Am
Kopfende der jeweiligen Särge lag auf dem Deckel je einen Rosenkranz
und in der Mitte ein Kruzifix. „Eine
interessante Frage stelle ich mir nun aber doch“, wendete nun Doran
ein. Wenn
der Eingang zu dieser Gruft so massiv verschlossen war, wie gelang dann
die Pflege jenes Gewölbes“? Doran
legte seine Stirn in Falten und meinte dann: „Allein die Reinigung des
Wandaltars sowie der Särge mit ihren vielen Schnitzereien, dürfte
einmal monatlich mindestens fällig sein. Zudem kommt die sichtliche
Tatsache, dass der Raum im Laufe der Zeit mehrfach neu geweißt
wurde“. „Für
eine ältere Familiengruft befinden sich jedoch zu wenig Verstorbene
hier unten“, bemerkte Christopher. „Nein, ich glaube dieser Raum ist
ausschließlich für diese Zwei geschaffen worden“. „Aber
auf welchem Grund“? Stellte sich Tobias die Frage. „Zudem
würde ich nur zu gern wissen wer sich in diesen Särgen befindet. Es
stellt sich mir hier ernsthaft die Frage, ob diese Gruft nicht im
Zusammenhang mit jenem alten Mythos steht, der von dem Landgrafen sowie
diesen Fluch handelt“. Tobias
war wieder in seinem Element des Aberglaubens, indem ihn keiner bremsen
konnte. „Mag
ja alles gut und schön sein“, erwiderte Doran, „dass erklärt aber
noch nicht die Tatsache, wie man eine Gruft so Pflegen und instandhalten
kann, wenn diese so fest verschlossen oder versiegelt ist“? „Die
Antwort liegt in diesen zwei Särgen, die wir allerdings nicht so
einfach ohne Genehmigung öffnen dürfen. Im Grunde dürften wir nicht
einmal diese Gruft, ohne Genehmigung betreten“. bemerkte Georg in
diesem Augenblick. „Nun
wollen wir nicht päpstlicher sein als der Papst“, meinte Doran. „Dennoch
habe ich das unbestimmte Gefühl, dass diese Gruft noch nicht allzu
lange so fest verschlossen ist“. Doran sein Gesicht erschien sehr
nachdenklich. „Ich
glaube, dass vor einer gewissen, nicht allzu langen Zeit, bereits schon
einmal jemand hier gewesen ist. Dieser Jemand dürfte auch für den
gewaltvollen Verschluss der Gruft verantwortlich sein. Lasen Sie uns
noch einmal die Spuren des Riegels bzw. vom Schloss, genauer in
Augenschein nehmen“. Noch
einmal betrachteten alle gemeinsam die so sorgsam und liebevoll
angelegte Gruft. Bis auf einige Kleinigkeiten der besagten Pflege,
welche auf die Zeit der absoluten Verschließung zurückzuführen war,
hatte zuvor noch keiner der Anwesenden eine solche vorbildliche
Grabstelle gesehen. Wer auch immer diesen Grabesraum geschaffen hatte,
es muss ihm sehr viel an die beiden Toten gelegen haben. Diese Sorgfalt
und Mühe war letztlich nur mit einem Wort zu erklären, „Liebe“.
Eine Liebe noch weit über den Tod hinaus. Die
kleine Gruppe stieg langsam und nachdenklich die Stufen der Gruft empor.
„Halt“,
sagte Christopher mit einem Mal. „Jetzt
wo wir schon hier sind, jetzt wo wir schon ohnehin gegen das Gesetz, in
gewisser Weise verstoßen haben, sollten wir nicht umkehren. Was
ist mit den Särgen? Wir haben doch extra Werkzeug mitgenommen, um der
Wahrheit auf die Spur zu kommen? Was ist nun damit? Sind wir nicht hier
um das Mysterium zu klären? Also, was hindert uns daran umzudrehen, die
Särge vorsichtig zu öffnen und zu sehen, was für ein Geheimnis sich
darin verbirgt. Wir können nicht wissen was uns erwartet und inwieweit
es uns hilft, aber bevor wir nichts von alldem unternommen haben, werden
wir auch weiterhin mit leeren Händen dastehen und uns nur mit
Spekulationen beschäftigen. Spekulationen, für die es nie Beweise
geben wird und wir daher niemals den wirklichen Tatbestand in Erfahrung
bringen werden. Außerdem, da draußen läuft ein Irrer herum, der
bereits fünf Frauen, auf grausame Weise
getötet hat. Wer weiß, wie viel es wirklich bisher sind und wie viele
in der Zukunft noch hinzukommen könnten? Eines scheint aber sicher, von
allein hört dieser Irre nicht auf. Wir sind es somit schon den fünf
ermordeten Frauen schuldig, Licht ins Dunkel zu bringen“. Christopher
schaute jeden einzelnen an und meinte dann: „Es ist Eure
Entscheidung“. Zunächst
sahen sich die Anderen ein wenig verlegen an. Es
war wieder einmal Tobias, der ohne weiter nachzudenken die Worte von
sich gab: „Na gut“, sich darauf spontan auf der Treppe umdrehte und
zurück in die Gruft ging, ohne dabei auf eine Antwort oder Reaktion der
Anderen zu warten. Christopher
folgte ihm als erster. Auch Doran überlegte nicht mehr, sondern tat den
Beiden gleich. Es
ist nun einmal das Gesetz der Masse, dass die Anderen, noch übrig
gebliebenen, dem Beispiel der Anderen folgten. So betrat man wieder
gemeinsam die Gruft. Es war schon eine merkwürdige Stimmung. Jeder war
zum Einen gespannt was ihn erwartete, und Anderen hoffte man sich nicht,
bei dem Vorhaben zu versündigen. Schließlich störte man ja mit dieser
Arbeit die Totenruhe der beiden Verstorbenen. Jedoch war es letztlich für
ein gutes Werk gedacht. Was also sollte geschehen?
Die
Schrauben ließen sich erstaunlicher Weise sehr leicht lösen, anders
zumindest, als man es von Jahrhundertalte Schrauben erwartet hätte. Etwas
schwer und quietschend drehte sich Schraube für Schraube lose. „Es
muss schon vor uns einmal jemand die Schrauben gelöst haben, und dass
kann nicht allzu lange her gewesen sein. Man kann noch deutlich die
Spuren erkennen“, meinte Doran und schaute dabei nachdenklich in die
Runde. Als
man die Schrauben entfernt hatte konnte der Deckel geöffnet werden, was
für jeden der Anwesenden eine gewaltige Gewissensfrage darstellte. Aber
es war nicht nur das Gewissen, es war auch eine gewisse Angst oder
Aufregung vor dem was man erwartete. Die
vier Männer, Desiree wollte man jene Aktion nicht zumuten, nahmen
jeweils an einer Ecke des Sarges ihren Platz ein. Auf dem Kommando bzw.
auf drei sollte der Sargdeckel angehoben und zur Seite gelegt werden. Doran
übernahm das Zählen. „Eins,
zwei und drei“, zählte er und die Männer hoben den Deckel an, der
sich als schwerer erwies als ursprünglich angenommen. Man legte ihn zur
Seite, so wie geplant, ab und holte erst einmal tief Luft. Keiner traute
sich in diesem Moment wirklich in den offenen Sarg zu blicken. Aber
dann kam der Augenblick der Wahrheit. Alle gemeinsam traten an den, nun
offenen Sarg und schauten hinein. Zuerst
war es eher schwierig, dass zuzuordnen und somit zu erkennen, was man
sah. Im Sarg lagen die Knochen eines kleinen Kindes. Auffällig
hierbei war aber die Tatsache, dass sich das Kind bei seiner Lage in
einer sogenannten Fötushaltung befand. Anders
als erwartet gab es weder einen üblen Geruch noch sonstige grausige
Beilagen. Nur am Kopfende des Sarges innere befand sich ein silbernes
Kreuz und ein Schreiben, welches jedoch nichtmehr lesbar war. Eines
jedoch war unübersehbar. Das Kind, welches sich in diesem Sarg befand
war sehr stark entstellt. Entstellt nicht etwa durch eine
Fremdeinwirkung, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, nein, dieses Kind war
vor der Geburt her völlig entstellt. Sämtliche
Extremitäten, die oberen wie auch die unteren waren im Gesamten
deformiert. Der Torso war stark gebogen wie auch verkürzt, so als wäre
er gestaucht worden. Selbst das Becken wies Anomalitäten auf, welche
eine Geschlechtsbestimmung fast unmöglich machten. Kurz, auch wenn es
sich sehr makaber anhört, dieses Kind, welches sich als Junge
herausstellte, war ein vollkommender Krüppel und selbst mit fremder
Hilfe nur sehr bedingt lebensfähig, was allerdings eher anzuzweifeln
war. Ein etwaiges Alter war nicht zu bestimmen, allerdings konnte man
mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich nur um
wenige Stunden oder einige Tage gehandelt haben könnte. Am
Wahrscheinlichsten jedoch erschien eine Totgeburt. Alle
Beteiligten sahen voller Trauer und Mitleid in diesen Sarg. Für eine
Weile herrschte völlige Ruhe in dem Raum. Ein Jeder dachte an die Vergänglichkeit
und stellte sich die Fragen über Notwendigkeit und Sinn, aber keiner
sprach auch nur ein Wort. Es
war Desiree, welche diesmal die Stille unterbrach. „Im
anderen Sarg wird wahrscheinlich der Leichnam der Mutter dieses Kindes
liegen“, sagte sie mit betrübter Stimme. „Davon
bin ich sogar fest überzeugt“, meinte Doran zu der Bemerkung. „Es
gibt viele Auffälligkeiten die hier nicht stimmen, lassen Sie uns noch
den anderen Sarg öffnen um sicher zu sein und diese dann wieder
verschließen“. Doran
war sehr ernst geworden. „Danach
wollen wir diese Gruft verlassen und sie auch wieder so gut es geht
verschließen und uns auf den Heimweg machen. Wir können alles Weitere
im Gasthaus besprechen. Bitte glauben Sie mir, ich habe da so meine Gründe“.
So
machte man sich daran den zweiten Sarg zu öffnen. Dieses Unterfangen
erwies sich sogar noch etwas leichter als das Erste. Wie
vermutet fand man hierin den Leichnam einer Frau. Auch bei ihr waren nur
noch die Knochen vorhanden. Sie waren so angeordnet wie man es bei einem
christlichen Leichnam vermutet. Das Skelett war in einem hervorragenden
Zustand. Es muss sich hierbei einmal um eine wunderschöne Frau
gehandelt haben. Dies ließ sich beim ersten hinschauen bereits
eindeutig erkennen. Auch an ihrem Kopfende befand sich ein silbernes
Kreuz, jedoch ohne Schriftstück. Was
jedoch sofort, zumindest Doran, auffiel war die Tatsache, dass sich
keine Kleidungsstücke oder zumindest deren Reste bei ihr befanden. Es
schien fast so, als hätte man die Tote nackt beerdigt, was jedoch unmöglich
erschien. Über
ihre gefalteten Hände lang ein Rosenkranz. Alles schien mit sehr viel
Liebe hergerichtet zu sein. Kurz
darauf verschloss man auch diesen Sarg wieder ordnungsgemäß. Nun
ging man jene acht Stufen das letzte Mal hinauf und verließ die Gruft.
Die Falltür rekonstruierte man so gut es nur ging wieder in ihrer herkömmlichen
Lage. Dabei achtete man sehr sorgfältig darauf, dass nichts sichtbar
erschien. Zuletzt
kam der schwerste Teil. Schmutz und Geröll wurden notdürftig wieder
auf die Falltür gebracht. Es sollte den Anschein erwecken, als hätte
sich hier jemand zu schaffen gemacht, aber nicht weit gekommen und
daraufhin aufgegeben. Somit
war diese Mission erledigt und die kleine Gruppe machte sich auf den
lang erwarteten Heimweg, zurück zum Gasthaus der Poststation. Der
Rückweg war sehr schweigsam. Alle waren zudem körperlich völlig
ausgelaugt. Man hatte nur noch das Bedürfnis zu Baden um danach etwas
zu trinken und anschließend eine Kleinigkeit zu Essen. Über irgendetwas zu reden, danach war im Moment keinem der Betroffenen zumute. |
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12. Kapitel Der Schleier hebt sich
Der
Weg zurück gestaltete sich wie in einem unwirklichen Traum. Es wurde
zwar nicht gesprochen, aber dafür verging die Zeit wie im Flug. Kaum
hatte man den Rückweg angetreten, so war man auch schon wieder bei der
Poststation angelangt.
Die
dort Anwesenden betrachteten jene kleine, doch recht seltsam aussehende
Gruppe, bestehend aus Schmutz und Erschöpfung, eher skeptisch. Es
konnte ja auch keiner von denen wissen oder ahnen, um was es sich
hierbei handelte. So
begab sich zunächst jeder auf sein Zimmer um zuerst ein Bad zu nehmen
und sich von Schmutz und Schweiß zu befreien. Nach
ca. einer halben Stunde sah die Welt schon wieder anders aus. Zwar noch
ein wenig müde und erschöpft, aber doch guten Mutes und voller
Mitteilungsbedürfnisse versammelte man sich in der Gaststube des
Wirtshauses, an dem schon so angestammten Tisch. Als
nach einer Weile alles serviert war, wünschte man sich einen guten
Appetit und begann erst einmal seine Bedürfnisse zu befriedigen. Essen
und Trinken waren wie immer hervorragend und es mundete so sehr, dass
man kaum zum Sprechen kam. Auf diese Art und Weise verging einige Zeit.
Wieder
war es Doran, der das Gespräch eröffnete. „Ich
glaube, die Wahrheit des Mysteriums steht direkt vor uns und keiner kann
sie sehen“, sagte er mit einem Mal. „Ich
kann sie fühlen, sie spüren, sie erscheint mir greifbar nahe und doch
habe ich das Gefühl mit leeren Händen da zustehen. Ich werde einfach
das Gefühl nicht los, dass wir etwas übersehen haben. Es mag sich
hierbei um eine Kleinigkeit handeln, welche ein jeder von uns vielleicht
für unbedeutend gehalten hat, womit er allerdings falschlag. Wir
alle haben es mit unseren eigenen Augen gesehen aber nicht um dessen
Bedeutung registriert. Die Gruft mag dabei der Schlüssel sein. Sie würde
sogar jene Absurdität eines Fluches erklären“.
„Gehen
wir doch noch einmal die letzten Geschehnisse gedanklich durch“,
schlug Georg vor. „Wenn
es sein muss, gehen wir die gesamte Geschichte, beginnend bei ihrem
Ursprung, durch. Ich scheue mich auch nicht davor, die Ereignisse der
Geschichte, seit unserem kennenlernen zu rekonstruieren. Vielleicht
finden wir nicht nur die Lösung, sondern auch die Verbindung zu den,
bisher fünf Morden“.
„Wie
zum Henker kommst Du auf den Begriff „bisher“,
erwartest Du etwa noch mehr als diese fünf toten Frauen in unserer
Gegend? Tobias
sein Gemüht ging wieder einmal mit ihm durch. Es war einfach
erstaunlich, wie ein Mann wie Tobias eine solche Ruhe seinen Pferden
gegenüber haben konnte, bei den Menschen sich aber genau gegenteilig
verhielt. „Sollten
wir vielleicht unabhängig voneinander unsere Beobachtungen und
Verdachtsmomente aufschreiben um diese danach miteinander zu
vergleichen“? Machte zum Erstaunen aller, Desiree den Vorschlag. „Es
könnte doch sein, dass der Eine mehr gesehen hat als der Andere, oder
jeder auf ganz verschiedene Dinge geachtet hat, welche miteinander
betrachtet durchaus einen realistischen Sinn ergeben“, ergänzte sie
noch schnell ihr gesagtes. „Ein
durchaus einleuchtender wie auch vernünftiger Vorschlag“, sagte
Christopher und lächelte dabei Desiree an. „Beginnen
wir also mit dem was wir wissen“, sagte er und begann dann auch sofort
mit der Aufzählung. „Vor
vielen Jahren, um es etwas verständlicher zu benennen, vor ca. drei
Generationen, trafen wir, und einige andere, unter recht unseligen und
merkwürdigen Umständen durch einen Unfall auf unserer Kutschfahrt
zusammen“. „Stopp“,
rief Doran. „Jeder
sollte unabhängig voneinander seine eigenen Erinnerungen der Geschichte
aufschreiben, damit wir im Nachhinein alle miteinander vergleichen können
und anhand der Abweichungen vielleicht feststellen werden, um was es
hierbei wirklich geht und was wir am Ende übersehen haben“. „Genau“,
meinte Desiree. „Mein
Vorschlag hierzu wäre, gleich nach dem Abendessen geht ein Jeder von
uns heute einmal zeitig ins Bett um dort, ganz für sich allein zu überlegen
und seine Erinnerungen und Erkenntnisse aufzuschreiben. Wenn dies getätigt
ist, werden wir zusammen auswerten und besprechen, was wir übersehen
haben, was unwichtig oder wichtig erscheint und wie wir weiter vorgehen
wollen“. Mit
diesem Vorschlag war jeder einverstanden und man versuchte das Thema auf
etwas anderes zu lenken, um den Kopf wieder etwas frei zu bekommen.
Doch ganz gleich was man auch als
Gesprächsthema auszuwählen versuchte, immer wieder kam man auf die
akuten Geschehnisse zu sprechen. Immer
und immer wieder sprach man über die alltäglichsten sowie auch verrücktesten
Geschichten, als Desiree mit einmal das Wort an die Gruppe richtete:
„Keiner
von uns hat bisher jenen merkwürdigen Mann erwähnt, der bei der
Anreise mit eingetroffen war. Ich habe ihn bisher auch noch nicht wieder
zu Gesicht bekommen und gesprächig ist er auch nicht, ich glaube fast,
er hat etwas zu verbergen. Vielleicht sollten wir diesen Mann einmal
etwas genauer unter die Lupe nehmen“. Die
Anderen sahen sich verblüfft an, Desiree hatte recht, wer war dieser
recht merkwürdige Mann? Der
Volksmund sagt: „Wenn man vom Teufel spricht ist er nicht weit“. So
sollte es auch in diesem Fall sein. Kaum war der Mann erwähnt, ging plötzlich
die Tür zum Gastzimmer auf, und herein kam ein jemand, den man, seit
seiner Ankunft nicht zu Gesicht bekommen hatte. Es
war ein merkwürdiger Mensch, welcher sich nicht so einfach beschreiben
ließ. Der
Mann war jener, den man sofort und ohne jegliche Einschränkung als
„unheimlich“ bezeichnen würde. Seine
Augen waren kalt und blickten starr, als könnte er durch einen
hindurchschauen. Von seiner Statur her, wirkte er eher etwas klein und
seine Haltung, was den Körper betrifft, glich etwas des einen Krüppels.
Wie genau, konnte man nicht wirklich sagen, aber er war zumindest kein
angenehmer Zeitgenosse, welchem man alles zutrauen würde. Er
nahm an einem noch völlig leeren Tisch Platz, so als wolle er für sich
allein sein. Dabei achtete er darauf, dass kein anderer Gast in seiner Nähe
saß. Kurz
darauf kam eine der Bedienungen um die Bestellung des Herrn aufzunehmen.
Er nahm ein Glas Wein und ein kleines Menü. Bei
der Aufgabe seines Essens lächelte er ein wenig, was jedoch eher dem
Grinsen einer Fratze glich. Spontan
stand Christopher vom Tisch auf und begab sich an seinen. Er
grüßte freundlich und sprach mit ruhiger Stimme zu diesem Mann: „Sie
werden meine Aufdringlichkeit hoffentlich entschuldigen, mein Name ist
Christopher“. Der
Andere nickte und erwiderte das Gespräch. „Mein
Name ist Siegfried, Siegfried Lampert. Ich befinde mich zwar auf der
Durchreise, kann aber noch nicht mit Sicherheit sagen, wann ich
weiterfahren werde, da ich hier noch etwas zu erledigen habe und nicht
genau weiß, wie lange diese Angelegenheit andauern wird. Wenn ich meine
Mission beendet habe werde ich mich auf die Weiterreise machen“.
Zunächst
zögerte jener Siegfried mit seiner Antwort. Es ließ sich deutlich
erkennen, dass er überlegte und im Grunde die Einladung nicht annehmen
wollte. Dann
aber antwortete er recht zügig: „Selbstverständlich
nehme ich Ihre Einladung sehr gern an. Es ist mir eine Ehre“. So
stand er von seinem Tisch auf und begleitete Christopher zum
angestammten Platz der kleinen Gruppe. Dort angelangt stellte er sich,
zuerst bei der Dame „Desiree“ und anschließend bei den Herren vor.
Mein
Name ist Lampert, Siegfried Lampert“, bemerkte er. „Jener
Herr hier aus Ihrer Runde war so freundlich, mich an Ihren Tisch
einzuladen“. Dabei
verzog er keine Mine. Man fragte sich, ob es überhaupt möglich war,
eine mentale Reaktion an ihm zu entdecken. Es erweckte den Anschein, als
würde er nie etwas ohne Überlegung machen und von seiner
Vorgehensweise her sehr realistisch und geplant vorgehen. Ein Mann der
Nichts dem Zufall überlässt. Obwohl
die Anderen sich ihre Gedanken machten, ließen sie sich jedoch nichts
anmerken. Sie
waren genauso freundlich. Wenn dieser Siegfried dachte ein Spiel spielen
zu können, so wollte man um jeden Preis daran teilhaben und mit den
gleichen Regeln mitspielen. Die
Getränke wurden gebracht. Desiree und Siegfried Lampert bekamen ihren
Wein und die anderen Herren ihr Bier. Es
war Doran, der jetzt, nach der allgemeinen Vorstellung, sein Wort an
Herrn Lampert richtete. „Was
hat Sie in diese Gegend verschlagen? Sind Sie beruflich unterwegs? Was
machen Sie beruflich“? Fragte er in einem überraschenden Redefluss.
In
dem Gesicht von Siegfried Lampert rührte sich kein Gefühl. „Ja“,
sagte er etwas zynisch, so könnte man es nennen. Ich bin hier geschäftlich
unterwegs“.
Wenn
er jedoch gedacht hatte, Doran so einfach abspeisen zu können, so
sollte er sich gewaltig geirrt haben. Er konnte auch nicht wissen, wie
hartnäckig der ehemalige Inspektor sein konnte, wenn sein Interesse
geweckt war. „Sie
müssen einen außergewöhnlichen Beruf haben“, fragte Doran den Gast.
„Darf
man fragen was Sie so tun“? „Nun,
nennen wir es einmal so, ich bringe wieder eine gewisse Ordnung in die
Dinge, welche es erforderlich machen“. Diesmal
ließ sich sogar der Hauch eines Lächelns im Gesicht von Lampert ahnen. Man
erhob die Gläser um auf die neue Bekanntschaft anzustoßen, wobei
Siegfried erwähnte, dass diese Runde auf ihn ginge. Als
das Essen aufgegessen war und die Gläser geleert waren, bestellte Doran
eine weitere Runde an Getränke. Er gab zwar vor den Anderen an, dass
dies seine Revanche
war, beabsichtigte aber in Wirklichkeit, durch den Alkohol den
„Neuen“ zum Reden zu bringen. Umso
näher der Abend rückte umso gemütlicher wurde er. Es folgte noch eine
Runde von Tobias, eine von Christopher und sogar von Desiree. Man
redete über alles und nichts. Die Stimmung war locker wobei jedoch
auffiel, dass Siegfried Lampert mehr Fragen zu stellen versuchte als er
zu Beantworten bereit war. Als
es relativ spät geworden war und man sich entschlossen hatte zu Bett zu
gehen, war es eindeutig, dass es doch ein sehr interessanter Nachmittag
bzw. Abend geworden war. Eines
war jenem Herrn Lampert jedoch vorzüglich gelungen, noch immer wusste
keiner der Gruppe, welchen Beruf er ausübte oder was er hier in dieser
Gegend zu schaffen hatte. Diese
Sachlage bestand jedoch zu beiden Seiten. Es war ein reines,
gegenseitiges Abtasten der äußeren Schale, der allgemeinen Intelligenz
sowie der Glaubwürdigkeit. Im
Grunde wusste keiner etwas wirklich Relevantes über den Anderen. Die
Gruppe ahnte nicht einmal was Siegfried hier zu schaffen hatte und was
seine Absichten waren oder gar wer er war. Im Gegenzug war Herrn Lampert
ebenso wenig über Absichten, Wissen und Vorhaben der Gruppe informiert. Man
konnte nicht behaupten, dass einer jener kleinen Runde be- oder
angetrunken war, obwohl nicht gerade wenig Alkohol getrunken wurde.
Seinen Zweck jedenfalls hatte er nicht erfüllt. Siegfried war noch
genauso geheimnisvoll wie am Anfang. Die
Leute betraten ihre Zimmer, wuschen sich und gingen darauf zu Bett. Alle
konnten jedoch keinen sofortigen Schlaf finden. So drehte man sich von
der einen Seite auf die Andere. Die
Zeit verging, als es plötzlich an Inspektor Doran seine Tür klopfte.
Es muss so um die elfte Stunde gewesen sein. Doran war zunächst
verwundert, wer denn noch so spät die Nachtruhe störte, schließlich könnte
er ja bereits schlafen. Er
legte sein Buch zur Seite, welches er zum Einschlafen ließ, stand auf
und ging zur Tür. Es war Georg und Tobias, Desiree und Christopher, die
allesamt vor der Tür standen. „Sie
müssen schon entschuldigen“, sagte Georg, „aber als ich, genau wie
die Anderen mit den abgesprochenen Aufzeichnungen beschäftigt waren,
befiel uns fast der gleiche Gedanke, wie sich im Nachhinein
herausstellte. Desiree kam darauf zu mir, wir gingen zu Tobias und dann
gemeinsam zu Christopher. Alle kamen wir zu dem gleichen Entschluss oder
Einfall. Dies kann doch kein Zufall sein. Zuerst sprachen wir darüber
und wollten die Angelegenheit um jenes Wissen auf morgen verschieben,
doch dann entschlossen wir uns, Dich aufzusuchen um Dir Bericht zu
erstatten und Deine Meinung dazu zu hören“. Doran
bat die Anwesenden zu sich herein, deutete aber an, sie sollten leise
sein. Als
man eingetreten war und Platz genommen hatte, ergriff Georg das Wort: „Wir
haben einmal die Punkte, an denen die Frauenleichen gefunden wurden,
miteinander verbunden, und siehe da, als wir die Punkte mit Linien
verbanden kam das Muster eines Pentagramms zustande. Genauso ein
Pentagramm, wie es bei den Frauenleichen auf deren Stirn geritzt war.
Ein Pentagramm ist ein mystisches oder magisches Zeichen, von großer
Bedeutung, welches auch unter der Bezeichnung
„Drudenfuß“ bekannt
sein kann. Nun
glauben wir, dass, da hier ständig die Rede von einem Fluch ist, dass
es sich bei den Morden um Ritualmorde handelt. Hinzu
kommt noch die Geschichte mit dem Landgrafen auf den alle Spuren zurückführen.
Dieser Landgraf muss doch auch Nachkommen haben, welche vielleicht unter
einem ganz anderen Namen mitten unter uns leben. Hier
sind wir nun bei dem ehemaligen Bauern Friedrich. Er nimmt hierbei eine
zentrale Rolle ein. Erst der mysteriöse Tod seiner geliebten Frau und
dann der tragische Tod seiner kleinen Tochter. Alle Fäden beginnen
zusammenzulaufen. Da Friedrich auch tot ist und wir ihn nicht mehr
befragen können, müssen wir uns auf unsere Recherchen beschränken“.
Nun
übernahm Tobias das Reden: „Ich bin zwar nur ein einfacher Kutscher,
aber in den esoterischen Bereichen kenne ich mich gut aus. Ich
weiß zum Beispiel, dass das Hexagramm den Kosmos des Menschen
symbolisiert. Es gibt aber noch ein ähnliches Zeichen, welches das
gesamte Universum repräsentiert. Bei diesem Zeichen handelt es sich um
ein sogenanntes Hexagramm, auch Davidstern genannt. Nun,
um einen Fluch aufzuheben benötigt man ein großes Hexagramm indem
sechs Opfer dargebracht werden müssen. Fünf von ihnen sollen mit dem
Pentagramm gezeichnet sein. Das sechste Opfer hingegen dient als Schlüsselfigur.
Es wird als letztes ausgewählt und trägt dann das Hexagramm als
Zeichen. Es muss sich im Zentrum des großen Pentagramms befinden. Indem
dessen Blut auf alle fünf Punkte des Pentagramms verteilt werden
muss“.
Ich
bin der festen Meinung, dass alle Hinweise auf die Spur des alten
Landgrafen und dessen Geschichte zurückzuführen sind“. Alle
Anwesenden waren still geworden. Jeder machte nicht nur ein sehr
nachdenkliches Gesicht, sondern sich auch seine Gedanken in dieser
Sache. „Wenn
dem aber so sein sollte, erwiderte Doran, dann muss der Täter aus dem
Geschlecht des Landgrafen stammen. Aber was will er bezwecken und wo ist
hier das Motiv“? Doran
war sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Es mag das erste Mal in
seinem gesamten Leben gewesen sein, dass er sich vollkommen hilflos fühlte.
Wenn
dem wirklich so wäre, dann würde dies bedeuten, dass der oder die Täter
aus der einstigen Familie des Landgrafen stammen. Die Opfer wären dann
nach einem bestimmten Muster, aber dennoch willkürlich auserwählt. Was
aber noch zu bedenken wäre, und dass ist weitaus schlimmer, jenes
letzte Opfer läuft, ebenso wie sein Mörder, noch frei da draußen
herum, wobei das Opfer nicht einmal weiß, dass es eines darstellt. Der
Mörder hingegen wartet bereits auf seine Chance. Womöglich
ist er, oder sogar beide bereits schon unter uns. Bei Doran drehte sich
förmlich der Kopf. „Wer
zum Henker ist dieser kleine, abscheuliche junge Mann mit seiner
verhaltenden Art und seinem schmierigen Lächeln“? Murmelte Doran vor
sich her, aber noch immer laut genug, dass die Anderen es verstehen
konnten. „Warum
Taucht er hier in diesem Augenblick auf“? Sagte Doran plötzlich.
„Nein, die ganze Sache gefällt mir nicht“. „Liebe
Desiree, meine Guten Freunde, die Angelegenheit hat sich veränder. Wir
sollten jetzt sofort ins Bett gehen, um Morgen in aller Früh, so Zeitig
wie nur möglich unten in der Gaststube sein können. Dort werden wir, während
wir unsere Beobachtungen anstellen, gemeinsam jenen Plan entwerfen, den
wir eigentlich heute Abend einzeln anfertigen wollten“. Doran
komplimentierte die gesamte Gesellschaft mit einem einzigen Satz vor die
Tür. Nun
ging jeder endgültig zu Bett und es wurde noch einmal ruhig im Haus.
Diesmal sollte die Ruhe, mit einer Ausnahme, bis zum nächsten Morgen anhalten. Es
mag so gegen ca. vier Uhr in der Früh gewesen sein. Tobias, der
ehemalige Kutscher und jetzige Vormann auf der Poststation wurde von
einem Geräusch geweckt. Zunächst dachte er, geträumt zu haben und
wollte gerade weiterschlafen, als er das Geräusch erneut hörte.
Diesmal war es sicher, jemand lief draußen im Treppenhaus umher.
Deutlich konnte man das Knarren der alten Dielen des Hauses wahrnehmen. Tobias
stieg leise aus seinem Bett und suchte sich etwas zur eventuellen
Verteidigung. Beim Kamin wurde er fündig und endschied sich für den
Schürhaken. Mit diesem bewaffnet begab er sich leise zu seiner Zimmertür.
Ganz vorsichtig drehte er den Schlüssel im Schloss herum und öffnete,
sehr langsam und mit Bedacht, seine Zimmertür zum Gang. Zuerst blickte
er nach links, wo niemand zu sehen war. Dann, als er seinen Kopf nach
rechts wandte und den Gang hinunterschaute, sah er gerade noch, wie
jemand am Ende des Ganges um die Ecke bog. Leider konnte er nicht
erkennen, um wen es sich hierbei handelte. Er
beschloss demjenigen zu folgen. Sehr
vorsichtig, um ja keine unnötigen Geräusche zu verursachen, schlich er
den Gang entlang. Als er sich der besagten Ecke näherte, wurden seine
Schritte noch langsamer. Er glaubte zu hören, wie ein Mensch leise
atmete. Da sich dieses Geräusch nicht entfernte, blieb er vor der Ecke,
auf dem Gang stehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. So verging eine
kurze Zeit. Dann aber nahm er all seinen Mut zusammen und ging mit nur
einem Schritt, den Schürhaken zum Schlag erhoben, um die Biegung des
Ganges. Dabei
lief er direkt in eine dort stehende Person hinein. Der
Schreck muss für beide gleich groß und unerwartet gewesen sein. Da
keiner beim Zusammenstoß den anderen erkennen konnte, fiel es ihnen
schwer einen Aufschrei zu unterdrücken. Es
waren zwar nur Sekunden des Schreckens die vergingen, aber es kam beiden
wie Stunden vor. Einer hielt den Anderen an seiner Nachtbekleidung fest.
Dann schaute man sich in die Augen. Welch unerwartete Überraschung sich
in jener Situation doch ergab. Gegenüber standen sich Tobias und Doran.
Noch
vollkommen verschreckt fragte Tobias leise flüsternd den ehemaligen
Inspektor was er hier um diese Zeit suche. Doran
berichtete Tobias von dem nächtlichen Geräusch und dass auch er
herausfinden wollte, wer da wohl das Nachts auf dem Gang herumschleicht.
Dann sei er allerdings mit Tobias zusammengestoßen. Ohne
noch weitere unnötigen Worte und damit Zeit zu verlieren, begaben sich
die Zwei den Gang entlang auf die Treppe zu, welche hinunter in die
Gaststube führte. Nicht weit entfernt hörte man die vorsichtigen
Schritte, welche sich die Treppenstufen hinunter zu bewegen schienen.
Immer wieder blieb die ominöse Person stehen, als wollte sie sich davon
überzeugen, unerkannt zu bleiben. Als
Tobias und Doran den oberen Teil der Treppe, vom Gang her, erreicht
hatten und sich über das Geländer lehnten, sahen sie gerade noch wie
die Person in Richtung Küche verschwand. Die
Überraschung war nicht schlecht. Im Grunde hatte jedoch jeder bereits
damit gerechnet. Wer da so vorsichtig und leise verschwand, war kein
anderer als Herr Siegfried Lampert.
Doran
und Tobias sahen sich an. Am
liebsten wäre Tobias, so wie es seine Art war, sofort hinterher um
diesen ehrenwerten „Herrn Lampert“ zur Rede zu stellen. Doran jedoch
gab Tobias mit dem Kopf ein Zeichen, was zum Rückzug aufforderte. Tobias,
der genau wusste, dass Doran immer genau wusste was zu tun war, folgte
ihm ohne Widerspruch. So gingen beide leise zurück zum Zimmer von
Tobias. Beide
traten fast lautlos ein und erst als sie die Tür hinter sich
geschlossen und gesetzt hatten, begannen sie sich über den Vorfall zu
unterhalten. Zuerst
berichtete Tobias von seinen Erlebnissen.
„Ich
habe im Grunde das Gleiche erlebt“, bemerkte Doran darauf. „Was
mir hierbei jedoch Kopfschmerzen bereitet ist die Tatsache, dass unsere
Vermutungen zu eindeutig sind. Entweder ist der Täter unglaublich
leichtsinnig geworden oder aber sehr dumm. Die Sache erscheint mir zu
leicht. Mir gefällt jener Lampert ebenso wenig wie allen anderen, aber
eine innere Stimme, die ich nicht erklären kann, sagt mir, dass er es
nicht ist, den wir suchen. Ich hebe da so meine Gedanken und kann nur
hoffen, dass sich diese nicht bestätigen, da dies mehr als schrecklich
wäre“.
Mit
diesen Worten erhob sich Doran und sagte zu Tobias: „Lass
uns schlafen gehen, es wird nichts weiter geschehen, jedenfalls nicht in
dieser Nacht, da bin ich mir vollkommen sicher. Gott möge uns beschützen,
dass sich meine Vermutung nicht bestätigt“.
Doran
verließ das Zimmer von Tobias und begab sich auf sein eigenes. Bereits
schon im Bett, konnte er nicht abschalten. Noch lange dachte er darüber
nach, was wohl wäre, wenn sich sein Verdacht bestätigen würde, es wäre
nicht auszudenken. Irgendwann
jedoch schlief Doran ein und wurde erst von den Sonnenstrahlen geweckt,
welche ihm direkt ins Gesicht schienen. Da
es bereits neun Uhr war, machte er sich umgehend parat und begab sich in
die Gaststube. Zu seiner Erleichterung, er dachte schon zu spät zu
kommen, stellte er fest, dass noch nicht alle versammelt waren. Er
begrüßte jene, die bereits anwesend waren. Desiree, Georg und
Christopher saßen bereits am Tisch und Doran setzte sich dazu. Noch
wusste keiner der Anwesenden, was sich in der letzten Nacht, gegen
Morgen ereignet hatte. „Wir
hatten gedacht, wir essen gemeinsam und warten daher bis alle zusammen
sind“, bemerkte Desiree. Noch
etwa zehn Minuten verbrachte man damit die üblichen Gespräche zu führen.
Wie man so geschlafen hatte, was der gestrige Tag gebracht hatte und wie
man den heutigen gestallten sollte. Dann
öffnete sich die Tür zu der Gaststube und Tobias trat ein. Alle
am Tisch befindlichen schauten teils erschrocken, teils verwundert und
überrascht einander an. Tobias war nicht allein. In seiner Begleitung
befand sich jener mysteriöse wie suspekte Herr Siegfried Lampert. Die
Beiden steuerten gemeinsam geradewegs auf den Tisch der Gruppe zu. Dort
angelangt nahm Tobias ebenso wie dieser Lampert Platz. Siegfried
Lampert setzte sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu den
anderen, als wäre er von Anfang an dabei gewesen. Den restlichen
Personen der Gruppe verschlug jene Dreistigkeit derartig die Sprache,
dass für einen kurzen Augenblick völlige Ruhe herrschte. „Ich
wünsche allen einen wunderschönen guten Morgen und hoffe, dass alle
hier Anwesenden eine erholsame Nacht hatten“. Desiree war die Erste,
die ihre Fassung wiedergefunden hatte. Bei der Begrüßung setzte sie
ihr freundlichstes Lächeln auf, was ihr aber nicht ganz so gelang wie
sie es vorhatte. Auch den anderen am Tisch fiel dies sofort auf. Allein
Siegfried Lampert ließ sich nichts dergleichen anmerken und erwiderte,
in seiner besonderen freundlich Art diesen Gruß. Ab
diesem Augenblick war die allgemeine Stimmung am Tisch so angespannt und
explosiv, dass man sich allein an der Luft hätte entzünden können. Mit
den verschiedensten Gesprächen versuchte man die Stimmung stabil zu
halten. Dann
kam das Frühstück. Dies hatte zumindest jenen Vorteil, dass man während
des Essens nicht Reden brauchte. So
glaubte man zumindest. Doch plötzlich wurde das Schweigen je
unterbrochen. Noch dazu von jemanden, von dem man gerade diese Reaktion
niemals erwartet hätte. Lampert
hatte gerade seinen Bissen heruntergeschluckt, als er sein Glas in die
Hand nahm um diesen herunter zu spülen. Wie
selbstverständlich wandte er sich an Tobias und Doran, die
nebeneinander ihm genau gegenüber saßen und fragte zum Erstaunen der
Anderen:
„Warum erzählen Sie der hier
versammelten Gruppe eigentlich nicht was sich in den frühen
Morgenstunden hier im Haus ereignet hat“? Doran
blieb schlagartig der Mund offen stehen und Tobias wurde rot im Gesicht,
wobei man nicht unterscheiden konnte, ob diese Verfärbung auf Wut oder
Überraschung zurückzuführen war. „Sie
wissen schon wovon ich rede“. Lampert erschien völlig entspannt als
er diese Bombe platzen ließ. „Also,
wollen Sie oder soll ich vielleicht“? Lampert glich einer Katze die
mit einer Maus spielte, bevor sie diese verspeiste. „Ich
glaube es wird das Beste sein wenn ich den Anfang mache“, sagte er und
begann. „Als
erstes möchte ich mich zunächst einmal richtig vorstellen. Siegfried
Lampert ist wirklich mein richtiger Name. Ich bin aus einem besonderen
Grund hier. Um ehrlich zu sein, es war nicht meine freiwillige
Entscheidung, ich wurde hierher befohlen. Ich arbeite nämlich für eine
Sondereinheit der staatlichen Polizei“. Nun
machte er doch eine kleine Pause um das Vorhaben, einen Schluck zu
trinken, in die Tat umzusetzen. Alle Anderen taten es ihm gleich.
Eigentlich hätte jeder im Augenblick, trotz der frühen Morgenstunden,
einen kräftigen Schnaps vertragen können. Dann
fuhr Lampert fort. „Vor
über einem Jahr wurde uns der Fall der Frauenmorde übertragen. Man
steckte in einer Sackgasse. Bei den bisherigen Ermittlungen stellte sich
heraus, dass alle Fäden hier in dieser Gegend zusammenführen. Ich
begab mich also hierher, wo ich auf Sie getroffen bin. Bei näherem
recherchieren wurde mir bewusst, was Sie miteinander verbindet. Dies war
ein großer Durchbruch für mich, zumindest als ich die gesamten
Zusammenhänge von damals erfuhr. Umso mehr war ich erstaunt, als ich
Sie alle, bei meiner Anreise, wieder hier versammelt sah. Mir wurde
klar, dass wir auf der gleichen Fährte waren. Dies konnte kein Zufall
sein. So
heftete ich mich an Sie, ohne dass Sie mich bemerkten. Sie müssen mit
verzeihen, aber ich konnte mich Ihnen gegenüber nicht erklären, sonst
hätte ich das gesamte Projekt gefährdet. Ständig waren Sie mir einen
Schritt voraus, was Sie im Falle immer noch sind. Dann
aber kam meine Stunde. Ich stieß auf etwas, was die ganze Angelegenheit
und ihre Geheimnisse in einem anderen Licht erschienen ließ. Auf einmal
schien alles sehr einfach und klar. Um
mich aber genau zu vergewissern, musste ich noch etwas überprüfen. So
wartete ich nach unserem gemeinsamen Abendmahl bis alles im Haus ruhig
geworden war und ich davon ausgehen konnte, dass alles schlief und ich
somit ungestört war. So
gegen vier Uhr in der Früh glaubte ich es wagen zu können. Ich begab
mich also auf den Gang um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Leider
muss ich mich dabei doch etwas zu laut gewesen sein oder mich vielleicht
zu sicher gefühlt haben. Es kann auch gut sein, dass ich das Knarren
der alten Dielen unterschätzt hatte. Aber mag es sein wie es ist,
jedenfalls habe ich Herrn Doran und auch Herrn Tobias aus ihren Schlaf
aufgeweckt. Sie
folgten mir, ohne dass anfangs der Eine vom Anderen wusste. Sie glaubten
ich hätte es nicht bemerkt, aber das hatte ich wohl. Ich war jedoch
meinem Ziel so nahe und wollte um keinen Preis aufgeben. Als
sich die beiden Herren an der Gangabzweigung begegneten, war dass meine
Chance. Ich konnte für einen kurzen Augenblick einen Einblick in meine
vermuteten Beweise tun, um dann schnell wieder zu verschwinden. Ich
wusste aber, dass mich die zwei Herren erkannt hatten. Wäre
dies nicht geschehen, so hätte ich mich noch nicht erklärt und Sie im
Dunkeln gelassen. Ich
hebe zwar meine Beweise gesehen, aber das allein reicht nicht aus.
Dieser Zwischenfall hat dafür gesorgt, dass ich kein wirkliches
Beweismaterial an mich nehmen und somit sichern konnte“.
Damit
schloss Herr Siegfried Lampert seinen Bericht vor all den erstaunten
Beteiligten an diesem Tisch.
„Und
wer war es nun? Wie lautet die Lösung für das Geheimnis“? Tobias war
aufgeregt und sehr neugierig zugleich. „Ich
hoffe Sie werden mich verstehen und mein Verhalten auch gleichzeitig
entschuldigen, wenn ich Ihnen erkläre, dass ich zurzeit noch nichts
dergleichen preisgeben darf. Ich versichere Ihnen aber ich würde es
wirklich gern, jedoch die Lösung hängt davon ab, und es ist nicht nur
die Lösung sondern auch das Leben einer ganz bestimmten Person“. Bei
diesen Worten konnte man direkt bemerken, wie schwer es jenem Lampert
fiel, diese Leute zu endtäuschen. „Ich
möchte Sie dennoch, auch wenn dies im Moment ausverschämt erscheinen
mag, um etwas bitten. Wenn es ihn diesem Fall Erkenntnisse geben sollte,
von denen Sie der Meinung sind, dass man mir diese auch mitteilen könnte,
so tun Sie das bitte. Schließlich ziehen wir gemeinsam an einem Strang. Außerdem
werde ich Ihnen, zu gegebener Zeit, den genauen Grund meiner jetzigen
Verschwiegenheit mitteilen und ich bin mir ganz sicher, dass Sie mich
dann verstehen werden. Sie glauben gar nicht wie gern ich mit Ihnen
zusammenarbeiten würde, nur leider ist dies zurzeit nicht möglich. Ich
hoffe jetzt aber, dass ich Sie, allein durch meine Anwesenheit, nun
nicht mehr so massiv anwidere und sich somit Ihre Meinung über mich ein
wenig geändert haben könnte“.
Allen
am Tisch erschien diese Situation wie im Traum. Mit einem Mal hätte die
Gruppe sogar Mitleid mit diesem Mann haben können. Zumindest aber überdachten
sie die Tatsache, wie leicht man doch einen Menschen nach seiner äußeren
Erscheinung beurteilen konnte. Dies sollte ihnen eine Lehre sein. Die
gruppe am Tisch bestand nun mehr aus sechs Personen. Als da waren: Georg
der ehemalige Wirt des Gasthauses, Desiree, Christopher, Doran der
ehemalige Inspektor, Tobias der Vormann der Poststation und nun auch
Siegfried Lampert, der Polizist jener Sondereinheit der hiesigen
Staatspolizei. Im
Grunde konnte man Herrn Lampert nicht wirklich dazu zählen, da er
weiter auf eigene Faust ermittelte, sich aber mit den anderen insofern
einigte, sich gegenseitig auszutauschen, wenn die Informationen dies
zulassen würden. Nach
Essen war im Augenblick keinem mehr so richtig zumute. Die Aufregung mag
dazu beigetragen haben. Jedenfalls entstand ein angeregtes Gespräch,
welches einige Dinge an das Tageslicht brachten, die doch recht
erstaunlich waren. Es
stellte sich heraus, dass Lampert so gut wie alles bereits wusste, was
sich die Anderen mühselig erarbeitet hatten. Nur von der Gruft wusste
er noch nichts. Als man ihm davon berichtete, wurden seine Augen sofort
größer und er hörte sorgfältig zu. „Ich
glaube nicht, dass wir zurzeit diese Gruft noch einmal öffnen müssen,
Ihre Beschreibung ist so genau, wir können uns somit die ganze Arbeit
ersparen. Später vielleicht werden wir noch einmal darauf zurückkommen“.
Meinte er zu diesem Abschnitt des Themas. „Was
jedoch nicht nur interessant ist sondern mir auch von unglaublicher
Wichtigkeit erscheint, ist die Angelegenheit mit dem Pentagramm und dem
Hexagramm. Sollte sich unsere theoretische Spekulation als richtig
erweisen, so befindet sich noch eine Person in größter Lebensgefahr.
Bei dieser Person dürfte es sich auch um eine Frau als Opfer handeln,
da unser Täter stets auf gleicher Weise vorgegangen ist. Doch wer könnte
diese Frau sein“? Lampert
legte seine Stirn nachdenklich in tiefe Falten.
Doran
ergriff darauf das Wort und meinte: „Zuerst sollten wir in Erfahrung
bringen, ob jene Frauen etwas Gemeinsames haben was sie sozusagen für
den Täter miteinander verbindet. Vielleicht sucht er sich seine Opfer
auch wahllos aus. „Nein,
diese Frage kann ich Ihnen eindeutig beantworten. Der Täter, wer immer
es auch sein mag, sucht seine Opfer nach einembestimmten Profil aus“. Lampert
erstaunte die Anderen durch seine, nicht erwartete Erklärungsbereitschaft. „Alle
fünf Frauenleichen hatten einiges gemeinsam. So waren sie alle zwischen
zwanzig und achtundzwanzig Jahre alt. Wenn man es so betrachten wollte,
könnte man sagen, sie befanden sich allesamt in einem sehr gebärfreudigen
Alter. Obwohl, und das erscheint mir wiederum sehr wichtig, keine der
Frauen wurden weder vorher noch nach der Tat geschändet. Nicht einmal
in unmoralischer Art oder Weise wurden diese Frauen sozusagen genötigt.
Des
Weiteren waren alle Opfer blond, hellblond. Sogar die Länge der Haare
schien bei allen ähnlich zu sein. Es gab keine kurzen oder besonders
lange Haare. Die Frisur der jungen Damen waren schulterlang und jeweils
nur leicht gelockt, eher als wellig zu bezeichnen. Sogar
auf die Augenfarbe hatte der Täter sehr geachtet. Alle Frauen hatten
blaue Augen und waren, von ihrer Körpergröße nicht kleiner als 1,65
Meter und nie größer wie 1,75 Meter, wobei man hier nicht genau auf
den Zentimeter achten darf. Ferner
trugen die Ermordeten fast die gleiche Mode, was bedeutet, dass sie
insofern den gleichen Geschmack hatten. Dieser
Hinweis ist insofern interessant, da man von dem Geschmack der Mode auf
die Charakterzüge jener betroffenen Person schließen kann. Geht
man von dieser Theorie aus, so sind alle der Frauen eher schüchtern und
verträumt gewesen. In ihrem tiefsten Inneren aber waren sie sehr
anspruchsvoll mit manschen obszönen Gedanken und Wünschen. Dies wissen
wir von den Befragungen, im Laufe der Ermittlungen, der engsten
Freundinnen und Bekannten. Glauben
Sie mir, dieser Teil war nicht nur, auch für uns, sehr peinlich aber
auch aufschlussreich. Das
Pentagramm wurde den Frauen stets vor dem Totschlag beigefügt. Wir
gehen daher davon aus, dass dies eine schmerzhafte Bestrafung sein
sollte. Auch haben wir die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass sie
vorher auf ihre Opferrolle vorbereitet sowie auch davon in Kenntnis
gesetzt wurden. Eigenartig
ist hierbei die Tatsache, dass keine der Frauen einen Eindruck von Angst
aufwiesen, obwohl sie alle einen, bestimmt unangenehmen Tod ins Auge
blickten. Des
Weiteren waren keine der Opfer verheiratet, hatte aber alle eine feste
Beziehung. Auch die Lebenspartner jener Frauenopfer haben wir
selbstverständlich befragt, wobei jeder von ihnen bekundete, die
Anderen nicht zu kennen. Noch
zu erwähnen wäre vielleicht noch die Tatsache, dass alle aus einem gut
bürgerlichem Hause stammten. Es existierten also keine Gerüchte oder
unerwartete Vorkommnisse. Eben
gut bürgerlich. So,
nun wissen Sie das Meiste von dem was ich weiß. Mit mehr kann ich Ihnen
zurzeit leider nicht behilflich sein“. Siegfried
Lampert hatte die Anderen mit seinem unerwarteten Protokoll nicht nur
verblüfft sondern auch beeindruckt.
„Wir
sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet und ich garantiere ihnen, und
ich glaube, dass ich hiermit für alle spreche, Ihnen zu helfen wo wir
nur können. Das betrifft selbstverständlich auch die Informationen,
welche wir in Erfahrung bringen“, bemerkte Doran respektvoll. Lampert
lächelte und diesmal war es ein sehr freundliches und ehrliches Lächeln.
Er wurde den Anderen der Gruppe mehr und mehr sympathischer. „Ach,
da wäre noch eine Kleinigkeit die Sie vielleicht wissen sollten“,
meldete sich Lampert noch einmal zu Wort. „Der
Täter wird leitsinnig und schlampig, aber dies ist ja nicht selten. Bei
seinem letzten Opfer hat er einen gravierenden Fehler begangen. Eine
Kleinigkeit die schwere Folgen haben könnte“. „So“,
sagte nun Georg, „ich weiß zwar nicht wie es Ihnen allen geht, aber
ich für meinen Teil habe bei all dem Fachsimpeln nur wirklich zwei
Dinge verstanden. Zum
ersten, dass unser verehrter Herr Lampert ein sehr bemerkenswerter Mann
ist, was ich anfangs nicht geglaubt hätte. Und zum zweiten, dass ich,
gleich der Uhrzeit, jetzt einen Schnaps brauche. Ich möchte alle hier
am Tisch dazu einladen“.
Keiner
hatte in diesem Moment etwas dagegen einzuwenden, und so nahm man das
Angebot desehemaligen Wirtes gern an. Alle
nun sechs Beteiligten waren guter Dinge und sehr froh, dass sich nun
doch noch alles zum bisher Besten gewendet hatte. So prostete man sich
gegenseitig, auf ein gutes Gelingen sowie eine baldige Aufklärung zu.
Trotz
der allgemein guten sowie lockeren Stimmung kam in all dem Trubel noch
eine unerwartete Frage: „Was
aber hat das alles mit dem Vorfall vor einigen Jahrzenten hier bei uns
zu tun? Warum musste das kleine Mädchen einen so grausamen Tod sterben.
Ich kann das alles nicht verstehen, war die Familie des Bauern Friedrich
nicht bereits genug gestraft? Und dann noch der Bauer selbst. Was macht
das alles für einen Sinn? Wo finden wir hierbei Gottes Gnade? Ich würde
dies eher, so wie ich es damals bereits gesagt hatte, für ein Weg des
Teufels. Ich habe es vor langer Zeit gesagt und ich bin bis heute noch
der gleichen Meinung. Gott kenne ich nicht, aber Satan den Teufel kenne
ich und bin ihm sogar bereits begegnet“. Alle
schauten verblüfft auf den Mann, der diese Worte gerade jetzt sagte. Es
war Tobias. Tobias der zurzeit jener traurigen Ereignisse der Kutscher
der Unglückskutsche war, und der auch im Grunde als erster am Unglücksort
war. Tobias
der jahrelang, um es genau zu sagen, sein fast ganzes Leben lang, als
Kutscher auf der Poststation war und sich selbst jetzt noch als
Vorarbeiter der jungen Kutscher dort tätig ist. Zwar sitzt er nicht
mehr auf seinen geliebten Kutschbock, aber er hat noch immer seinen
Platz auf der Station bei seinen Kutschen und Pferden. Obwohl
er es gar nicht mehr nötig gehabt hätte, beharrte er immer strikt
darauf zu bleiben. Warum weiß bis heute noch kein Mensch. Es
wurde viel spekuliert und gemunkelt, aber nie gab es eine wirkliche Erklärung.
Er war wahrscheinlich ein sehr harter Mensch, hart gegen sich selbst. Allein
die Tatsache, dass jener Tobias noch heute, nach all den vielen Jahren,
die seit der Tragödie vergangen sind, diesen Vorfall noch immer nicht
vergessen konnte. Noch immer war es wie bei einer Verschwörung, ein
Albtraum, den man Nacht für Nacht träumt. Ein Etwas, was einen
Menschen innerlich langsam aber dafür gründlich zerfrisst. Aber
warum oder für wen quält sich dieser Mann so unendlich? Keiner würde
es ihm sagen, aber jedem konnte dieser Tobias nur leidtun. Was ist
diesem Mann im Leben wiederfahren, das er so geworden ist. So
betrachtet war es kein Wunder, dass Tobias sich so sehr dem Aberglauben
verschrieben hat. Das war so und das wird wahrscheinlich auch immer so
bleiben, bis er irgendwann seine Ruhe und damit seinen Frieden findet. Abgesehen von dieser unerwarteten Einlage des Tobias, hatte diese Angelegenheit keinen weiteren Einfluss auf die gute Stimmung der kleinen Gesellschaft. Aber Tobias sollte an diesem Tag nicht mehr so stimmungsvoll wie sonst. Nein, etwas beschäftigte ihn. Er wirkte sehr nachdenklich. Der
Vormittag verlief ohne weitere Zwischenfälle. Ganz im Gegenteil, die
gute Laune der Beteiligten stieg mit jedem Getränk und jeder
Diskussion, welche sich als fruchtbar in der Auswertung erwies. Es
gab aber noch jemanden, der aufmerksam geworden und von seinen
Beobachtungen nicht abzubringen war. Nur ließ er sich das nicht
anmerken. Lampert ließ seine Instinkte auf sich einwirken. |
|
13.
Kapitel Trugschluss
oder Unfassbar
Trotz
der vielen Diskussionsvarianten herrschte eine gewisse Kälte, welche
sich auf die Stimmung von zwei Beteiligten beschränkte. Die Anderen
merkten davon jedoch nichts. Man zog so gut wie jede nur denkbare Möglichkeit
in Erwägung. Auch
die Frage von Tobias, zumindest was das kleine Mädchen betraf, wurde
diskutiert. Auch
wenn diese Tat bereits sehr lange zurücklag, stellte sich die Frage,
war es ein Mord oder wirklich nur ein unglücklicher Unfall. Sollte
es sich hierbei jedoch um einen Mord handeln und dieser in direktem
Zusammenhang mit den fünf Frauenmorden stehen, stellte sich jene Frage,
ob dies der erste Mord gewesen sein könnte. Wenn ja, und es sich
wirklich um einen Ritualmord im Sinne eines Hexagramms handelte, wäre
das kleine Mädchen bereits, als erste, die Schlüsselperson gewesen.
Dann würde es bereits sechs Leichen geben. Womöglich musste das erste
Opfer sogar unbefleckt sein. Doch
was würde dann demnächst geschehen, was könnte man erwarten? Immer
führte eine Frage zu einer möglichen Antwort, die jedoch insofern
keine Hilfe war sondern stets nur weitere Fragen aufwarf. In
all dem Debattieren der Anwesenden bemerkte keiner, dass sich Tobias
sowie auch Lampert sehr zurückhielten. Hier
und da gab Lampert etwas zu bedenken oder stellte eine weitere Theorie
in Frage. Jedoch wurde er nicht mehr so deutlich in seiner Aussagekraft.
Tobias
hingegen schien sich zu ärgern. Über seine Auffassung des
Aberglaubens, welche keiner bereit war mit ihm zu teilen. So machte es
zumindest den Anschein, aber etwas schien ihn dennoch zu bedrücken. Aber
wie alles im Leben ging auch diese Situation schnell und ohne weitere
Erklärungen vorüber. Die
Zeit war für alle unbemerkt schnell vergangen. Man wollte sich gerade
auf seine Zimmer begeben, als Georg den Anderen gegenüber bemerkte,
dass es in einer guten halben Stunde bereits das Mittagessen gedeckt
werden würde. Das bedeutete im Klartext, es war etwa halb zwei Uhr. „Wie
schnell doch die Zeit vergehen kann, wenn man sich um Lösungen bemüht
und dabei unterschiedlicher Meinung ist“, sagte Christopher. „Das
ist wohl nur allzu war, zumindest wenn jeder der Diskussionsgesellschaft
der Annahme ist, dass einzig er Recht hat“, ließ Desiree etwas
zynisch verlauten. Man
entschloss sich, auf die Zimmer zu gehen um sich ein wenig frisch zu
machen. In ca. zwanzig Minuten wollten sich alle wieder hier treffen. Alle
verließen daraufhin die Gaststube, ausgenommen Georg, der seiner
Schwiegertochter zur Hand gehen wollte. Während
der Vorbereitung zum bevorstehenden Essen unterhielten sich Georg mit
seiner Schwiegertochter über die gesamten Geschehnisse, Vermutungen,
Erfolge und auch das ganze Gespräch von heute, sowie die einzelnen
Reaktionen der Beteiligten, welche nicht alle unbedingt einstimmig
waren. „Dieser
verrückte Tobias, der wird sich wohl nie mehr ändern. Stur wie ein
Maulesel und die Unfreundlichkeit in Person“, sagte der Sohn von
Georg, der eigentlich jetzige Wirt und Leiter der Poststation war und
gerade die Küche betrat. „Flucht
geistesabwesend vor sich hin, und als hätte er mich nicht gesehen,
rempelt er mich an und geht ohne ein Wort der Entschuldigung einfach
fluchend weiter. Ich glaube er wird nicht nur sehr alt sondern auch noch
senil. Wo das noch enden soll“? Die
Schwiegertochter von Georg konnte es sich daraufhin nicht verkneifen,
auch ihren Mann von all den Wunderlichkeiten zu berichten. Dieser
reagierte wie es von gestressten Männern nicht anders zu erwarten wäre.
Alles
nur dummes Gerede und Aberglaube. Man könnte meinen, die Herrschaften hätten
nichts weiter zu tun und sich vor lauter langer Weile sämtlichen
Verschwörungstheorien widmen“, sagte er völlig mit den Nerven am
Ende. Er hatte schließlich so einige Sorgen, sei es im Geschäft, noch
im gesundheitlichen Bereich. Seit einiger Zeit wurde er von immer
widerkehrenden Schwindelanfällen geplagt. Seiner Frau hatte er jedoch
nichts davon berichtet, um ihr keine unnötigen Sorgen zu machen.
Die zwanzig Minuten waren noch nicht einmal ganz vergangen, als sich die
kleine Gruppe, wie auf Kommando, wieder in der Gaststube einfand. Tobias
betrat zuerst den Raum. Er machte einen völlig ausgewechselten
Eindruck. Er war, wie gewohnt, etwas vorlaut und direkt. Danach
folgten Doran, Christopher, Desiree und Georg, der ohnehin schon dort in
der Küche war. Christopher
hielt ein Blatt Papier in seiner Hand. Es war zweimal gefaltet und
Christopher wusste selbst noch nicht was darin stand. Die
Gruppe nahm an ihrem gewohnten Tisch Platz und das Essen wurde umgehend
gebracht. „Wo
Lampert nur bleibt“ sagte Doran und runzelte dabei seine Stirn. „Ich
schlage vor, wir beginnen schon einmal mit den Essen bevor es noch kalt
wird“. Obwohl
keiner der Anwesenden so richtig Hunger hatte und die Mahlzeit wie immer
reichhaltig war, konnte keiner dem guten Geruch sowie der schmackhaften
Zubereitung widerstehen. So begann man zu speisen und wie gewöhnlich
kam der Appetit beim Essen. Die
Zeit verging und nach und nach hatten auch alle Anwesenden ihr Mahl
beendet. Wer jedoch noch immer am Tisch fehlte war Lampert. Nach
einer weiteren Weile des Wartens meldete sich Christopher zu Wort. „Ich
habe hier ein Schreiben, welches man mir vorhin unter meiner Tür
durchgeschoben hatte, als ich mich wahrscheinlich im Badezimmer
aufgehalten hatte. Ich weiß selbst noch nicht was darin steht, da ich
warten wollte bis alle anwesend sind. Da Lampert aber nicht erscheint,
werde ich es jetzt den Anderen vorlesen“.
Meine
lieben Freunde,
ich
hoffe, dass Sie mir diese Anrede gestatten. Zu meinem Bedauern kann ich
am heutigen Mittagsmal nicht teilnehmen, da ich noch etwas Wichtiges zu
erledigen habe. Gern
würde ich mir diesen Weg ersparen, aber was sein muss, muss sein. Es
ist mir heute klar geworden, wie sich alles zusammengesetzt haben könnte.
Ich
würde mir ganz bestimmt von ganzem Herzen wünschen, dass sich mein
Verdacht nicht bestätigt. Wenn doch, so ist noch lange nicht alles
ausgestanden. Aber
ich bin nun einmal dazu verpflichtet, jeder nur erdenklichen Spur
nachzugehen, dies ist nun einmal meine Aufgabe, ob es mir gefällt oder
nicht, spielt hierbei keine Rolle, ich diene nur den Gesetz und damit
der Gerechtigkeit, egal ob es sich hierbei um einen Freund oder nicht
handelt. Ich
entschuldige mich daher für mein Fehlen und hoffe, dass ich zum Abend
bereits die Sache erklären kann. Doch nach meiner Meinung hat der Täter
einen gewaltigen Fehler gemacht, wie ich Ihnen heute bereits schon
berichtet habe. Aber, noch heute wird jene Person einen weiteren großen
Fehler begehen, welcher hoffentlich sein letzter sein dürfte. Bitte
halten Sie für mich die Stellung, solange ich nicht da bin und achten
Sie gut auf sich, denn ich glaube, dass Sie sich alle in Gefahr
befinden, ohne sich wahrscheinlich davon zu wissen. Denken
Sie immer daran, der Täter kennt Sie, aber Sie kennen den Täter nicht.
Diesen Vorteil wird er nutzen, bitte glauben Sie mir.
„Das
finde ich nun aber merkwürdig, seit wann wird ein Hauptkommissar zu
einer Spezialeinheit mit diesem relativ einfachen Dienstgrad beordert?
Diese Gruppen bestehen fast ausschließlich aus mindestens hochwertigen
Inspektoren und noch höher, von einem Hauptkommissar in einer
Spezialeinheit habe ich noch nie gehört. Sollte sich so viel seit
meinem Ausscheiden geändert haben? Na es wird schon seine Richtigkeit
haben. Wollen mal schauen, was er uns am Abend zu berichten hat“. Die
Anderen am Tisch schauten sich nur an, bis Tobias fragte: „Warum
hat er uns nicht schon vor zwanzig Minuten von seinem Vorhaben
unterrichtet, da muss er es doch bereits gewusst haben. Dann wäre mein
Essen wenigstens nicht so abgekühlt“. Das
war nun wieder der alte Tobias so wie man ihn kannte. Immer hatte er
einen sarkastischen Zusatz bei seinen Bemerkungen. Es
dauerte einen Augenblick, bis das Gespräch unter den Anwesenden wieder
so richtig in Gang kam. Als dies jedoch geschehen war, ging es mit den
verschiedensten Vorschlägen recht zügig voran. An Vorschlägen sollte
es somit nicht mangeln. Doran
machte nicht nur den ersten sondern auch den besten Vorschlag. „Bis
zum Abend ist noch eine Menge an Zeit, um so viel wie möglich zu
erreichen, sollten wir uns in unseren Arbeitsbereichen aufteilen und
unterschiedlich in zwei Gruppen arbeiten“, sagte er zu den Anderen. Da
dieser Vorschlag von allen angenommen wurde, begann man jene zwei
Gruppen, personell einzuteilen. Desiree
sollte gemeinsam mit Tobias und Georg einiges in Erfahrung bringen.
Doran wollte sich zusammen mit Christopher zusammentun, um in eine
bestimmte Richtung seine Ermittlungen durchzuführen. Dabei legte Doran,
merkwürdiger Weise sehr großen Wert darauf, gerade mit Christopher
zusammenzuarbeiten. Warum behielt er allerdings für sich. Dann
ging es daran, die Aufgaben zuzuteilen. Doran
wollte sich zuerst mit den hiesigen Behörden unterhalten, um einiges in
Erfahrung zu bringen. Es schien ihm ausgerechnet an dieser Angelegenheit
sehr viel zu liegen. Zudem hatte er noch immer gute Kontakte zur
Polizei. Auch wollte er unbedingt, dass Christopher bei den Gesprächen
dabei war. Danach wollte Doran noch einige Besorgungen unternehmen,
wobei Christopher in dieser Zeit sich einen bestimmten Ort anschauen
sollte, den er jedoch noch nicht verraten wollte. Desiree,
Tobias und Georg sollten noch eventuell erreichbare Angehörige oder
Freunde der Frauenleichen in Erfahrung bringen, um diese unter Umständen
noch befragen zu können. Zudem sollte Desiree noch etwas über die
Familienchronik in Erfahrung bringen. Dabei ging es ihm hauptsächlich
um die Zeit, als die Angelegenheit mit dem angeblichen Fluch geschehen
ist. Wobei alles, was immer es auch sein mag, unbedingt von größter
Wichtigkeit wäre. Zum
Schluss gab Doran der anderen Gruppe noch einige Ratschläge über
Quellen, über die sie an die gesuchten Daten herankommen könnten. Als
da wären die Kirchen und deren alte Kirchenbücher, und des Weiteren
das Bürgeramt, die auch eine Buchführung haben dürften, über jene
Leute, welche einmal hier in dieser Gegend gelebt haben. Es
war so etwa drei Uhr geworden, bis alle weiteren Vorgehensweisen abgeklärt
waren. Somit
tranken die Betroffenen noch einen Kaffee um sich kurz darauf auf den
Weg zu machen. Zuerst
suchte die Gruppe von Desiree alle Kirchen in der nahen Umgebung auf,
was sich allerdings, bis auf eine Einzige, als Fehlanzeige
herausstellte. Bei
dem einzigen Treffer war den drei Ermittlern das Glück hold.
Ausgerechnet bei dieser Kirche, standen in den alten Kirchenbüchern die
gesamte Geschichte des Bauern Friedrich und seine Vorfahren. Hier wurde
man fündig. Die gesamte Chronik war in diesen Büchern akribisch genau
aufgezeichnet, was man wirklich als Glücksfall bezeichnen konnte. In
den anderen Angelegenheiten fand man außer Daten, welche einzig
Zeitpunkte und Todesursachen hervorbrachten, nichts weiter. Ganz
anders verhielt sich die Sachlage bei dem ehemaligen Inspektor Doran.
Ihm schien das Glück in allen Richtungen treu zu sein. Vielleicht war
es aber auch nur seine, ihm eigene Intuition, die in allen Richtungen
dafür sorgte, dass all seine Vermutungen, auch jene die er bislang noch
geheim gehalten hatte, so wie er es erhofft hatte aufgingen. Die
Überraschungen waren dementsprechend groß. Auf
der örtlichen Polizeibehörde stellte sich heraus, dass ein
Hauptkommissar namens Lampert nicht gab und auch niemals gegeben hat,
daran bestand kein Zweifel. „Als
hätte ich es geahnt“, meinte Doran nur und machte dabei nicht den
Ansatz einer Überraschung. Was
Doran allerdings mehr als nur verwunderte, war die Tatsache, dass man
eine Person unter dem Namen „Christopher“ nicht finden konnte. Man
versprach Doran allerdings, dass man noch Ortsübergreifende Auskünfte
einholen wollte. Es
war ein Glück, dass jener Christopher, bei dieser Offenbarung nicht mit
anwesend war, da er etwas anderwärtiges in diesem Augenblick zu
erledigen hatte. Zur
Sicherheit hinterließ Doran der Behörde eine genaue Beschreibung von
Christopher zum Vergleich da. Schließlich wollte er keinen Fehler
machen und ganz auf Nummer Sicher gehen. Nach
kurzer Zeit hatte jeder der Beiden Männer seine Angelegenheiten
geregelt und man traf sich auf dem Platz vor dem Amtsgebäude. Jeder,
Doran wie auch Christopher, waren bester Laune und erschienen vollkommen
entspannt. „Konnten
Du alles erledigen was Du Dir vorgenommen hattest“? fragte Doran
Christopher. „Ja,
ich kann durchaus behaupten, dass ich mehr als zufrieden bin“, bejahte
Christopher die Frage. „Und
was hast Du in Erfahrung bringen können“? richtete Christopher seine
Frage an Doran. „Auch
bin sehr zufrieden. Ich habe mehr erfahren als ich mir erhofft hatte.
Ich glaube wir nähern uns dem Ende des gesamten Mysteriums. Wir
brauchen unser Wissen nur noch in der richtigen Reihenfolge
zusammensetzen“, erwiderte Doran Christopher gegenüber. Beide,
Doran wie Christopher traten somit den Heimweg an. Was Christopher zu
erledigen hatte wusste Doran nicht, und umgekehrt verhielt es sich
genauso. Der einzige Unterschied zwischen den beiden war der, dass Doran
einen sehr zufriedenen Eindruck machte und Christopher dagegen eher eine
doch sehr angespannte Stimmung vermittelte, was sich nicht mit seiner
Aussage auch nur annähernd deckte. Es
war so gegen sechs Uhr, als die beiden Gruppen ihren Heimweg, zurück
zum Gasthaus, antraten. Der
Rückweg zur Poststation dauerte eigenartigerweise für alle Beteiligten
länger als man hätte annehmen können. So
kamen, einer nach dem Anderen, erst kurz vor sieben Uhr an. Voller
Erwartung Lampert schon anzutreffen betraten sie gemeinsam die
Gaststube. Zur allgemeinen Endtäuschung der Gruppe war Lampert jedoch
noch nicht zurück. Auch hatte er bisher kein Lebenszeichen von sich
gegeben. „Wer
weiß was er so alles erledigen wollte“, sagte Tobias in die
Menschenansammlung der Gruppe hinein. „Er wird bestimmt bald
erscheinen, da es gleich Abendessen gibt und er sicher auch bereits
Hunger haben dürfte“. Die
Beteiligten setzten sich an den Tisch, und nachdem Tobias seinen
wohlverdienten Durst ansprach, bestellten alle erst einmal etwas zu
trinken. Tobias,
der nicht gerade der bescheidene war, bestellte sich ein großes Bier
und dazu einen doppelten Obstschnaps. „So“,
sagte er, „dass habe ich mir heute redlich verdient“. Die
anderen Männer folgten seinem Beispiel. Desiree hingegen bestellte sich
ein Viertel Wein. Doran zog sogar seine Pfeife aus der Tasche, stopfte
diese und zündete sie sich genüsslich an. Tief und voller Genuss zog
er den Tabakrauch ein. Man konnte direkt sehen, wie sich alle Spannung
von ihm löste. Dann
prosteten sich alle gemeinsam zu und genossen ihre Getränke. Es
gab viel zu Reden und die Zeit verging umso schneller. Wer jedoch nicht
kam war Lampert. Mit dem Warten auf den Hauptkommissar verlief auch das
Zeitgefühl immer zähflüssiger. Die
Gespräche untereinander wurden weniger und dann war es Zeit zum
Abendessen. Lampert
war jedoch noch immer nicht da. „Vielleicht
ist er auch aufgehalten worden und übernachtet diese Nacht anderswo und
kommt dann morgenfrüh“, bemerkte Desiree. „Vielleicht
kommt er aber noch, schließlich ist er kein Kind mehr und es ist auch
noch nicht spät“, ließ nun Tobias vernehmen. „Es
ist bestimmt nicht meine Art den Dingen vorzugreifen und zu unken“,
meinte Doran, „aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass wir ihn überhaupt
nicht mehr sehen werden“. Alle
Anderen am Tisch schauten Doran erschrocken an. Mit einem Schlag, mit
diesem einen Satz, war allen der Appetit gründlich vergangen. Zum
Essen war keinem mehr zumute, aber alle bestellten sofort noch einmal
das gleiche zum trinken. Nachdem
sie den Schnaps mit einem Schluck herunter getrunken hatten, kam die
Frage die kommen musste. „Wie
kommst Du auf eine solche absurde Behauptung“? Die
Frage kam aus aller Munde zur gleichen Zeit. Alle Augenpaare ruhten auf
Doran. „Nun,
ich glaube, dass einer an diesem Tisch die Antwort kennt, sowie dieser
Jemand auch alle anderen Antworten auf alle weiteren Fragen bereits
schon immer kannte“, sagte Doran in einem sehr ernsten aber dennoch
ruhigen Ton. Wie
vom Blitz getroffen schaute jeder jeden an. Ausschließlich alle
Gesichter waren ernst und von einem unverständlichen Ausdruck. „Dies
würde ja bedeuten, dass einer aus unserer Runde etwas mit den ganzen
Ereignissen zu tun hat“, bemerkte Tobias. „Das
habe ich so nicht gesagt“, antwortete Doran, „aber ausschließen würde
ich diese Tatsache nicht unbedingt. Zumindest dürfte der Betroffene,
sofern er sich unter uns befindet spätestens jetzt wissen, dass man ihm
auf die Spur gekommen ist“. Als
Doran seine Erkenntnisse preisgab, beobachtete er unbemerkt jeden
Einzelnen der Anwesenden, wie sie sich verhielten oder reagierten. Keiner
jedoch verhielt sich unerwartet auffällig. Alle waren so, wie man es
unter diesen Umständen erwartet hätte. Wäre der Täter unter ihnen
gewesen, so würde er zumindest seine Gefühle sehr gut beherrschen und
unter Kontrolle haben, was die ganze Angelegenheit nicht gerade
vereinfachte. Im
Grunde genommen handelte es sich an diesem Abend nicht um ein Abendessen
welches man als gemütlich bezeichnen konnte. Der Hunger war mäßig und
es wurde daher so gut wie nichts gespeist. Dafür wurde umso mehr
getrunken. Wobei hier die Verzweiflung und auch gleichzeitig die
Hoffnung auf einen guten Ausgang eine große Rolle spielte. Insgeheim
jedoch wünschte sich an diesem Abend jeder nichts sehnlicher, als dass
im nächsten Augenblick die Tür sich öffnete und Lampert eintreten würde.
Leider
wurde es später und später, aber der heimliche Wunsch der Beteiligten
schien sich nicht zu erfüllen. So
verging Minute um Minute und Stunde um Stunde, aber nichts geschah.
„Ich
kann es einfach nicht fassen, nein, ich will es auch nicht glauben. Es
kann doch nicht sein. Wie kann so etwas geschehen und warum? Jetzt sind
wir nicht nur wieder am Anfang sondern noch viel weiter zurück in
unserer Erkenntnis als wir glaubten. Was sollen wir jetzt nur machen“?
Es
sprach schnell, durcheinander und unverständlich, so dass ihm keiner so
richtig folgen konnte. „Was
ist denn so unglaubliches geschehen“, fragte Doran und versuchte Georg
etwas zu beruhigen. „Eben
kam die Nachricht, ich wollte es erst gar nicht glauben und hielt es für
einen recht gutgelungenen Scherz“, rief Georg, „aber dann begriff
ich, dass es sich um die Wahrheit handelte. Man hat den Hauptkommissar
Lampert gefunden, nicht weit von hier, nur zwei Ortschaften weiter. Er
wurde ermordet, so wie die Frauen. Einfach das Genick gebrochen und den
Kopf nach hinten gedreht. Nur das Pentagramm auf der Stirn fehlt. Mann
hat in einem Graben an der Landstraße gefunden“. Georg
der ehemalige Wirt der Poststation musste sich nach dieser Aussage erst
einmal setzen. Fast hätte man denken können, dass er mit seinen Tränen
zu kämpfen hatte. Alle
Anderen der Anwesenden hatte es förmlich die Sprache verschlagen. Es
herrschte eine, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Totenstille im Raum. Wie
lange das Schweigen anhielt konnte keiner wirklich sagen, nur so viel,
dass endlos erschien. Nach einer ganzen Weile, es war Doran der wieder
als erster das Wort ergriff, meinte er: „Ich
hatte zwar erwartet, dass etwas Außergewöhnliches geschehen wird, aber
mit einer derartigen Auswirkung habe ich offen gesagt nicht
gerechnet“. Wieder
beobachtete er dabei alle Beteiligten ganz genau. Es machte den
Anschein, als wären alle schockiert und nicht fähig sich in
irgendeiner Art zu äußern. Nur einer verhielt sich, zwar relativ
unbemerkt, auffällig gelassen. Nicht das dieser Jemand keinen bedrückten
oder erschrockenen Eindruck vermittelte, nein, es waren seine Augen
welche ihn verrieten. Seine Augen blieben absolut kalt. Sie zeigten
keinerlei Regung, was fast schon, wer es beobachtete, unheimlich
erschien. Es
war auch nur Doran der dieses bemerkte. Allen Anderen blieb jenes
Verhalten verborgen. Doran war jedoch nicht im Geringsten darüber überrascht.
Hat er es gewusst oder war es nur eine Ahnung? Warum verwunderte es ihn
nicht, dass ausgerechnet jene Person, welche vom ersten Augenblick, noch
lange bevor er selbst dazukam, nun plötzlich der Hauptverdächtige für
ihn war. Doran war davon Überzeugt, dass er es war, der all die Morde
ausgeführt hat. Auch war ihm klar, dass diese mit dem Mythos „Bauer
Friedrich“ etwas zu tun hatte und bereits vor sehr langer Zeit geplant
war, wenn nicht sogar aus einem Hass heraus, welcher sich bereits über
Generationen hielt. Aber warum. Solange er nicht erklären konnte warum
oder aus welchem Grund all dies geschehen war, hatte er keinen einzigen
Beweis. „Warum
gerade Lampert“? Fragte Desiree. „Er hatte doch im Grunde am
wenigsten damit zu tun, außer das er in diesem Fall ermittelte. War er
vielleicht dem Täter auf die Spur gekommen? Aber warum gab er uns dann
keinen Hinweis? Ich kann es nicht verstehen“. „Es
gab keinen Hauptkommissar Lampert“, erwiderte Doran. „Als
wir uns heute in zwei Gruppen aufteilten um Erkundigungen einzuholen,
habe ich mich bei der hiesigen Polizei erkundigt. Ich musste erfahren,
dass es keinen Hauptkommissar Lampert gibt und auch niemals gab. Mir kam
der Verdacht, als mir bewusst wurde, dass ein Hauptkommissar niemals zu
einer Spezialeinheit beordert werden würde“. „Jetzt
verstehe ich überhaupt nichts mehr, ich bleibe bei meiner Logik und
behaupte auch weiterhin, es war der Leibhaftige. Dies ist das Einzige
was einen erklärbaren Sinn ergibt“. Tobias
war außer sich und wieder einmal gingen mit ihm die Pferde durch, er
war wütend, wütend über seine eigene Ohnmacht. „Aber
wenn dem allen so ist, wer könnte dann der Täter sein und wo können
wir ihn finden“, fragte Desiree. „Der
Täter, das bedeutet der Mörder der Frauen und des Herrn Lampert sitzt
hier bei uns mitten am Tisch. Er weiß sogar, dass ich weiß wer er ist,
aber auch, dass ich es ihm zurzeit noch nicht beweisen kann. Er hält
sich für sehr schlau, wozu er auch berechtigt ist. Letztlich hat er
alles über einen Zeitraum von Jahrzenten geplant und umgesetzt. Ich
muss ihn bei allem Recht, meine Hochachtung aussprechen. Aber ich
verspreche ihm auch gleichzeitig, hier vor allen Anwesenden, dass ich
ihn Überführen werde und er seine gerechte Strafe bekommt“. Dies
sagte Doran mit einer Überzeugung, dass es einem eiskalt den Rücken
hinunterging. |
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14. Kapitel Eine unglaubliche Geschichte
Man
braucht wirklich nicht viel Phantasie um sich vorstellen zu können, wie
jetzt die allgemeine Stimmung unter den Beteiligten der gemeinsamen
kleinen Gruppe aussah. Ab
sofort kam ein Verhalten des Menschen an den Tag, welches nur in
bestimmten Notsituationen auftritt und einzig dem Selbstschutz dient. Um
es nicht noch spannender sowie unübersichtlicher zu machen, kurz. Keiner
traute ab sofort keinem mehr. Dieses
Phänomen hatte jedoch einen Haken, allein fühlt sich so gut wie jeder
Mensch hilflos, also wäre es das Naheliegenste sich, trotz Misstrauen,
einen Verbündeten zu suchen. Damit
sind wir genau an der Stelle wo das Spiel der Verwirrung einsetzt und es
zumindest für mehr als nur eine Person der Beteiligten gefährlich wird. Es
mag die Sympathie sein, die hier bei den ungeschulten Menschen die Auswahl
des Partners aus dem Vertrauen heraus trifft. Nur
wer auf solche Situationen geschult ist, hat auch die Möglichkeit der
bestehenden Gefahr auszuweichen. In diesem Falle mag Doran der wirklich
einzige gewesen sein, der auf solche Gegebenheiten vorbereitet war. So
blieb die Gesellschaft noch lange am Tisch sitzen. Der Grund hierfür
erscheint dabei recht simpel. Zum einen wollte man Tuchfühlung aufnehmen,
wem man wohl vertrauen kann und wem nicht, denn schließlich saß ein
Massenmörder am Tisch und keiner kannte ihn. Keiner
mag nicht die richtige Bezeichnung sein. Letztlich bestand kein Zweifel
daran, dass Doran sich seiner Identität bewusst war. Es
gab eigentlich nichts, was nicht, bezüglich dieses Themas, besprochen
oder gegeneinander abgewertet wurde. Man
konnte fast direkt beobachten, wer bereit war, sich mit wem zusammen zu
tun. Es
wurden Erinnerungen an die damaligen Ereignisse ausgetauscht, wie auch
Spekulationen über die Gründe zu solch einer Tat. Ganz gleich wie jeder
sich auch anstrengte, es gelang keinem sich in die Denkweise des Täters
hineinzuversetzen. Hinzu kam die Tatsache, dass man auch nicht die Beweggründe
des Täters kannte. Wenn
er aber unter ihnen war, wer konnte es sein? So
manch einem wurde hierdurch zum ersten Mal bewusst, dass es keinem
Menschen im Gesicht geschrieben steht, zu welchen Taten er fähig ist. Ein
Gefühl, welches auch nicht gerade das Gefühl von Sicherheit und
Geborgenheit in einem erweckt. Es
wurde noch so mache Runde zum trinken bestellt, um genau zu sein, es mögen
so um die vier oder fünf Runden gewesen sein. Dabei
hatte man auch kein schlechtes Gewissen, da man sich dies nach all den
Schrecken redlich verdient hatte. Sogar
Desiree, trank statt ihren Wein auch jeweils einen doppelten Schnaps und
einen großen Krug Bier. Aufgrund
des Umstandes, dass man nicht allzu viel gegessen hatte, Trat die Wirkung
des Alkohols etwas schneller ein als wie es sonst üblich war. All
die vielen Gesprächsthemen jetzt zu erwähnen wäre so gut wie unmöglich.
Doch mit der Zeit, begannen sich wirklich einzelne Gruppen zu bilden,
deren Verständnisse mehr oder weniger zueinander passten. So kam es, dass
sich die einzelnen Gruppen auch über recht unterschiedliche
Thematiken untereinander unterhielten. Hierbei
gab es zu beobachten, dass sich Doran mit Tobias zusammenschloss. Desiree
erschien mit Christopher auf einer mehr oder weniger gleichen Wellenlänge,
was auch aus anderen Gründen nicht verwunderlich war. Georg
konnte sich nicht so recht entscheiden. Auf der einen Seite hatte er seine
Familie und die Poststation, welche ihn, trotzdem er nicht mehr so aktiv
war, doch sehr in Anspruch nahm. Zur anderen Seite neigte er zwar zu Doran
und Tobias, konnte sich aber auch mit den Meinungen von Desiree und
Christopher identifizieren. Im Grunde hatte er keinen wirklichen
Stellenbezug. So
verhielt er sich wie er es persönlich für das Beste hielt, und versuchte
so unparteiisch wie nur möglich zu bleiben. Da ohnehin seine Familie ihn
sehr in Anspruch nahm, sollte es auch keine Unmöglichkeit darstellen,
neutral den Anderen gegenüber zu bleiben. Dennoch empfand er es nicht
gerade als beruhigendes Gefühl, nicht zu wissen wer denn nun der Missetäter
war, da dieser ja in Wirklichkeit für alle jetzt ein gewisses
gefahrenpotential darstellte. Alle
unterhielten sich somit durcheinander, bis der Punkt erreicht war, wo
keiner mehr wirklich wusste was er für eine Einstellung in Wahrheit
hatte. Die
Zeiger der Uhr zeigten auf zwei Uhr, als sich die Anwesenden der noch
verbliebenen kleinen Gruppe dazu entschlossen ihre Zimmer aufzusuchen und
diesen Abend zu beschließen. Das
relativ wenige Essen, der viele Alkohol und die Aufregung hatten nicht
gerade einen günstigen Einfluss auf die Beteiligten. Die dazukommende Müdigkeit
ließ die Konzentrationsschwäche der Betroffenen deutlich zum Vorschein
treten. So
verabschiedeten sich alle zwar recht freundlich voneinander, aber eine
gewisse Distanz oder Zurückhaltung war plötzlich bei allen zu spüren. Mit
diesem Abend hatte sich alles verändert und nichts war mehr so wie es
einst einmal war. Jeder
von ihnen wusste auch, dass es niemals mehr so werden würde, wie es einst
zwischen ihnen gewesen war, als man alles noch für ein spannendes
Abenteuer hielt. Das
Misstrauen zwischen den einstigen Verbündeten war geboren und seine
Frucht trieb ins unermessliche. In
dieser Nacht, oder besser gesagt was von ihr noch übrig war, drehte auch
jeder vorsichtshalber den Zimmerschlüssel in seinem Schloss herum, auf
dass kein ungebetener Gast hereinkommen konnte. Es
gab kein Vertrauen mehr und die Betroffenen registrierten diesen
unmittelbaren Wandel von Freund zum möglichen Feind nicht einmal in ihrem
realen Denken. Mit
einem Mal war alles so, als wäre es nie anders gewesen. In
dieser Nacht gab es jedoch zwei Menschen, für die es nicht so unverhofft
kam, jenes Gefühl der Endtäuschung und des Verrates. Lange
bevor sich die Ereignisse überschlugen und die Missgunst zwischen alle
anderen einen unsichtbaren Keil trieb, waren sich jene zwei Menschen
bereits im Klaren, dass es zwangsläufig zu jenem Augenblick kommen
musste. Der
eine dieser Menschen arbeitete schon seit einiger Zeit auf diesen
Zeitpunkt hin und suchte krampfhaft nach beweisen, wobei er sich so
manches Mal über seine diesbezügliche Ohnmacht ärgerte, aber niemals
bereit war aufzugeben. Der
andere dieser zwei Personen versuchte im Gegenzug aus jenem Sumpf
herauszukommen, in welchen er unbedacht hineingeraten war. Er versuchte
mit allen Mitteln sich des aufkommenden Verdachtes zu erwehren, spürte
aber, dass er dabei immer mehr in das Mühlwerk der Gerechtigkeit gezogen
wurde. Es war ihm durchaus klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit war,
bis die ganze Wahrheit in an den Galgen bringen würde. Doch was sollte er
tun? Die Schlinge um seinen Hals zog sich bereits merklich zusammen. Noch
eine ganze Zeit, als die anderen bereits schliefen, lagen Zwei Menschen im
Bett, kannten die Wahrheit und überlegten, wie sie das Beste für sich
und ihre Interessen daraus machen konnten. Es war einer Jagt sehr ähnlich,
Jäger und Gejagter. Doch wer war wer? Erst
als es bereits am Horizont zu dämmern begann fanden auch jene zwei ihren
Schlaf. Es
war aber ohnehin für jeden der Beteiligten eine kurze Nacht, da keiner
von ihnen behaupten konnte, gut oder ruhig geschlafen zu haben. Alle, ohne
Ausnahme schliefen von schlechten Träumen und Unruhe geplagt. So war auch
jeder zufrieden, trotz der kurzen Nachtruhe, als der Morgen endlich
anbrach und der neue Tag sie mit den ersten Sonnenstrahlen begrüßte. Wie
doch die Welt im Sonnenlicht des Morgens gleich ganz anders wirkt, dachte
Desiree, als sie ihre Augen ein wenig ängstlich öffnete. Es hatte fast
den Anschein, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen.
Man
brauchte kein Arzt oder Psychologe sein um zu erkennen, dass jeder von
ihnen eine sehr unruhige Nacht hinter sich hatte, welche alles andere als
Erholung brachte. Es
herrschte auch eine ziemlich wortkarge Stimmung am Tisch und keiner der
Anwesenden war darum bemüht dies zu ändern. So
bestellte man sich, als alle anwesend waren, etwas Kleines zum Essen,
einen starken Kaffee und das Frühstück begann sehr schweigsam. Im
Grunde hatte jeder nur Angst davor in Missgunst zu geraten wenn er womöglich
einen unüberlegten Verdacht betreff der bestehenden Thematik äußerte.
Am Ende geriet man noch selbst in Verdacht, jener gesuchte Mörder zu
sein. Dieser Gedanke war für alle unvorstellbar. Für
alle? Nein, einer hatte Gedanken ganz anderer Natur. Er dachte an nichts
anderes als wie er den Verdacht von sich ablenken konnte. Für
Ihn kamen diesbezüglich nur zwei Möglichkeiten in Frage. Zum einen könnte
man den Verdacht auf einen anderen lenken, musste aber dabei die Gefahr
bedenken, dass der Schwindel durch eine kleine Unachtsamkeit herauskommen
könnte. In diesem Fall wäre es sogar für eine Flucht zu spät. Eine
Flucht stand ohnehin nicht zur Debatte, da eine solche jeden bestehenden
verdacht nur erhärten würde und man nicht bis ans Ende der Welt flüchten
könnte, da man selbst dort noch ergriffen werden konnte. Diese Möglichkeit
war nicht einmal die Überlegung wert. Es
gab aber noch eine zweite Möglichkeit, die wahrscheinlich sogar die
einzig richtige und sicherste war. Was
wäre, wenn der Täter selbst zum Opfer werden würde? Wenn
derjenige, den man verdächtigte selbst unter sehr mysteriösen Umständen
ums Leben kommen würde? Nicht Selbstmord, daran dachte die Person nicht
einmal im entferntesten Sinne. Nein, es müsste nur für alle anderen so
aussehen. Die Täuschung müsste so perfekt sein, dass jeder die besagte
Person für tot hielt. Am besten wäre es, der eine oder andere könnte
behaupten, er hätte es mit eigenen Augen gesehen. Danach
sollte diese Person ein für alle Male verschwunden sein und auch bleiben.
Noch
lange würde man an diesem Fall sich noch die Zähne ausbeißen, aber er würde
nie wirklich geklärt werden. „Du
schaust so Nachdenklich drein, als würdest Du überhaupt nicht geschlafen
haben und ununterbrochen an diese Geschehnisse denken mein lieber
Doran“, bemerkte Tobias der damit als erster das Schweigen in der Runde
brach. „Man
könnte fast glauben, Du stehst vor einem schier unlösbaren Problem. Es
wird sich bestimmt noch alles aufklären, Du wirst schon sehen, mach Dir
keine Sorgen und entspanne Dich ein wenig. Ich glaube, wir hatten alle
keine gute Nacht“. Wenn
er wüsste wie recht er damit hat, dachte Doran und antwortete zu Tobias: „Aus
Dir soll nun jemand schlau werden. Auf der einen Seite siehst Du Teufel
und Geister, welche Du für alles Schlechte dieser Welt verantwortlich
machst, und auf der anderen Seite kann man Dein positives Denken nur
bewundern. Ich glaube Du legst Dir die Dinge immer so zurecht wie es Deine
Laune und Verfassung es gerade benötigt“. „Christopher
schaut aber auch schon den ganzen Morgen so traurig drein“, bemerkte
Desiree und sah den schweigenden Mann mitleidig an. Sie
wendete sich direkt an Christopher und redete leise auf ihn ein: „Lass
mal Deine Gedanken nicht so traurig herum schweifen, es gibt nichts auf
dieser Welt, was wirklich unmöglich ist, der liebe Gott wird schon für
alles sorgen, Du musst Dir nur selbst vertrauen“. Christophers
Augen bekamen wieder Leben und fingen sogar ein wenig an zu leuchten. Wenn
diese Frau nur wüsste wie recht sie im Grunde genommen hat, dachte er bei
sich und bemerkte, dass er soeben eine sehr wichtige Entscheidung
getroffen hatte. So
langsam löste sich die schlechte Stimmung auf und die kleine Gruppe bekam
sogar im Nachhinein noch einmal Hunger, ebenso wie aus dem starken,
schwarzen Kaffee ein anregendes Glas Wein für jeden wurde. „Darauf
sollten wir anstoßen“ sagte Georg. „Es geht eben nichts über eine
gute Freundschaft, welche auch in schlimmen Zeiten der Not zusammenhält
und einander vertraut“. Wie
schnell sich doch innerhalb von wenigen Minuten die Meinungen der Menschen
sich ändern können, und das alles ohne jeden Anlass. Selbst Misstrauen
und Vertrauen sind letztlich nur Momentaufnahmen der jeweiligen Situation,
dachte Doran im Stillen. Selbst wenn er gewollt hätte, er konnte nicht
jene plötzliche Fröhlichkeit mit den Anderen teilen. So
war er der als einziger am Tisch, der auch weiterhin ruhig und
nachdenklich blieb, was allerdings kein anderer bemerkte. Kein Anderer bis
auf einen, aber dieser eine ließ sich das genauso wenig wie Doran
anmerken. Wie zwei Kampfhähne, die sich zuerst gegenseitig belauern bevor
sie ihre Trümpfe ausspielen, sahen diese Zwei innerlich aus. „Ich
würde mir gern nachher die Stelle anschauen, wo man den armen Lampert
gefunden hat“, erklärte Christopher. „Ich
kann verstehen, wenn es keinen von Euch behagt, aber wenn Doran mich
vielleicht begleiten würde, wäre ich ihm sehr zu Dank verpflichtet. Ich
weiß Deine Aufmerksamkeit und Deinen Sinn für Wahrnehmungen sehr zu schätzen“.
„Das
halte ich für eine gute Idee“, hörte man Tobias antworten, und auch
von den Anderen wollte keiner auf diese Besichtigung verzichten. „Wir
werden gute eineinhalb Stunden für den Weg brauchen“, gab Georg zu
bedenken, „und damit meine ich nur eine Strecke. Daher schlage ich vor,
wir machen uns gleich nach dem Mittag auf den Weg. Wenn wir ein wenig Glück
haben, so sind wir noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück“. Alle
waren mit diesem Vorschlag einverstanden. Erst
als Doran bemerkte: „Na gut, dann soll es wohl so sein. Dann werde ich
meine alten Knochen wohl noch einmal strapazieren müssen“, fiel es den
Anderen auf, dass sie Doran als Einzigen nicht um sein Einverständnis
gefragt hatten, sie hatten es einfach vorausgesetzt. Es
war Christopher der da sehr schelmisch lächelte. Nur war es nicht wegen
der Belustigung um Doran, es war das Lächeln der Zufriedenheit.
Zufrieden, dass sein Plan aufgegangen war. Doran
erhob sich vom Tisch, entschuldigte sich mit den Worten: „Es
ist jetzt kurz nach zehn Uhr und ich würde gern noch etwas zuvor
erledigen. Leider duldet diese Angelegenheit keinen Aufschub, und wenn ich
heute nach dem Mittag mitkommen soll, dann muss ich dies eben jetzt noch
schnell bewerkstelligen. Ich hoffe ihr habt alle dafür Verständnis“. Damit
drehte er sich um und verließ die Gaststube. Der
Rest der Gesellschaft blieb noch sitzen, hatte man doch später noch einen
beschwerlichen Fußmarsch vor sich. Christopher
sein Gesicht verdunkelte sich aber sofort nach Doran seiner Andeutung
sowie seinem Gehen. „Was
der nun wieder im Schilde führt“, sagte er leise aber für alle hörbar
vor sich hin. „Lass
man Söhnchen“, er wird schon wissen was er tut, meinte Tobias und Georg
stimmte ihm dabei zu. Christopher
nahm diese Bemerkung eher gleichgültig und interessiert hin. Ihn beschäftigten
ganz andere Probleme, welche in einem engen Zusammenhang mit den Morden
stand. Schließlich war er nicht umsonst hierhergekommen. Es lag ihm
nichts mehr am Herzen, als diese Vorkommnisse zu bereinigen und somit in
jener Angelegenheit ein für alle Mal Ruhe zu schaffen. Er hatte sich
letztlich nicht umsonst vorgenommen, nach Klärung dieser Angelegenheit
ein neues Leben in Glück und Frieden zu führen, doch bis dahin schien
der Weg auf einmal sehr weit geworden zu sein. Immer
wieder hielt er sich die Worte vor Augen und sagte zu sich selbst, Tobias
sowie auch die Anderen werden schon noch recht behalten. Am Ende wird sich
alles in Wohlgefallen auflösen und gut werden. Dann werden alle Sorgen
und Ängste der Vergangenheit angehören und er wird ein freies sowie
unbeschwertes Leben führen können. Indes
er über all jene Dinge nachdachte, blieb die Gruppe am Tisch sitzen und
unterhielten sich angeregt über alles Mögliche. Dabei vermieden sie
extra das Thema welches sie hier zusammen geführt hatte. Man wollte an
diesem Morgen einmal unbeschwert bleiben, denn wer weiss schon was der Tag
heute noch bringen mag. Die
Zeit verging, bedingt durch das Warten, nur sehr schleichend langsam. Dann
aber war es endlich Mittag. Auch Doran erschien pünktlich so wie er es
versprochen hatte. Er machte einen abgehetzten Eindruck, was
wahrscheinlich daran lag, dass er sich beeilt hatte. Darüber hinaus aber
war er in einer recht guten und zufriedenen Verfassung, welche man fast
als unheimlich sicher bezeichnen konnte. Gemeinsam
nahm man das Mittagsmal ein, obwohl die Angehörigen der Gruppe auch
diesmal keinen großen Appetit an den Tag legten. Die Ereignisse der
letzten Tage zeigten halt noch immer ihre Wirkung auf das Nervenkostüm
eines jeden. Nach
dem Essen nahm man sich noch die Ruhe um einen Kaffee zur Verdauung zu
trinken, dann wollten sich die Beteiligten auf den Weg machen. Genauso
wurde das Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. Nach dem Kaffee ging jeder
noch einmal auf sein Zimmer um sich parat zu machen und in weniger als fünfzehn
Minuten traf man sich wieder in der Gaststube. Ein jeder der Beteiligten
war zum Aufbruch bereit. Als
die Gruppe die Landstraße betrat, schien die Sonne und der Himmel
strahlte in seinem schönsten blau. Zum Glück war ein wenig Wind
aufgekommen, nicht unbedingt stark, aber gerade gut genug um die Hitze der
Sonne auf der eigenen Haut abzukühlen. „Der
heutige Tag scheint unter einem guten Stern zu stehen“, sagte Doran und
die Anderen gaben ihm recht. „Wenn
nur alles halbsogut verläuft wie sich dieser Tag uns zeigt, dann können
wir von großem Glück sprechen und vielleicht klärt sich so manche Frage
doch auf“, bemerkte Georg. Desiree
viel ihm ins Wort und ergänzte nur noch seinen Satz mit den Worten: „Sie
werden sehen, heute wird sich so manches Geheimnis lüften und wir werden
am Abend mehr als nur zufrieden sein“. Nur
Christopher war noch immer in seinen Gedanken vertieft, so dass man meinen
könnte, er wartete auf eine bestimmte Gelegenheit um seinen Trumpf
auszuspielen. Die
kleine Gruppe, welche da die Landstraße hinunterging, war in Gesprächen
sowie in Spekulationen vertieft. Nach
ca. einer halben Stunde Fußmarsch legte man die erste kleine Pause ein.
Tobias nutzte die Gelegenheit und fragte Doran: „Was
hast Du eigentlich so Wichtiges am Vormittag zu erledigen gehabt“? Doran
erwiderte nur kurz: „Darüber
möchte ich im Moment noch nicht sprechen, aber zu gegebener Zeit wird
jeder von Euch erfahren, was ich an den Tag legen konnte. Einem jedoch
wird dies nicht gefallen, und ich weiß auch bereits wer, nur soll er sich
selbst verraten, da mir noch jegliche Beweise fehlen, welche vom Gericht
anerkannt werden würden“. Tobias
wusste genau, dass es keinen Sinn machte noch weitere Fragen zu stellen.
Wenn Doran nicht sprechen wollte, dann konnte ihn nichts auf der Welt dazu
bringen es trotzdem zu tun. Er hatte halt seine Vorsätze. Nach
knapp einer Stunde hatten die Leute ihr Ziel erreicht. Sie
befanden sich auf einer Landstraße, nicht weit von dem letzten Ort
entfernt. Die Straße verlief vollkommen gerade. Links und rechts von ihr
befanden sich wunderschöne und uralte Bäume. Zur rechten Seite ersteckte
sich ein kleiner aber dichter Wald und zur linken Seite dehnten sich weite
Felder aus. Im Grunde war es eine malerische Landschaft. Der
besagte Straßengraben befand sich zwischen der Straße und den Feldern.
Er war ungefähr zwei Meter breit und eineinhalb Meter tief. Der größte
Teil des Grabens war mit Gräsern und anderen Wildkräutern bewachsen, so
dass man nur einen sehr schlechten Einblick hatte. „Hier
also hat er, mit dem Kopf nach hinten gedreht, gelegen“! Stellte
Christopher fest. „Es fällt mir noch immer die Vorstellung schwer,
welches menschliche Wesen zu so etwas fähig ist. Fast könnte man sich
der Meinung von Tobias anschließen und vermuten, dass hier etwas dunkles,
eine negative Macht am Werke war. Sagt man nicht, dass der Teufel auf
diese abscheuliche Weise seine Opfer in sein Reich befördert“? „Das
habe ich bereits vom ersten Tag an behauptet“. Meldete sich sofort
Tobias, dem dieses Thema gerade recht kam. „Ich
glaube eher, dass einige Menschen teuflische Züge annehmen können, als
dass der Teufel menschliche Eigenschaften an den Tag legt“, bemerkte
Doran dazu. „Zudem
der Teufel, ich setze einfach einmal seine Existenz voraus, nur Gründe
der Schöpfung nutzt und nicht mindere menschliche Gründe wie es hier
wohl der Fall war“. „Gibt
es denn überhaupt keine Zeugen, dass ist doch sehr merkwürdig, findest
Du nicht“, wandte sich Christopher wieder an Tobias und Doran.
„Letztlich war es doch heller lichter Tag als das geschah“, fuhr
Christopher fort. Doran
drehte sich zu Christopher um und äußerte die Bemerkung: „Eigentlich
verwundert es mich ein wenig, dass Du so viel von all den geschehenden
Vorgängen weißt, wobei ich mir sicher bin, weder von dem nach hinten
verdrehten Kopf noch von Zeugen oder dergleichen berichtet zu haben“. Man
konnte förmlich beobachten, wie Christopher blass wurde. Er sagte: „Ich
habe diese Dinge nur angenommen, da es sich bei den anderen Ereignissen
genauso zugetragen hat“. „Nun“,
meinte Doran, „sei es wie es ist, ich werde diesen Fall noch vor heute
Nacht lösen und auch allen Beteiligten genau berichten wie sich alles
zugetragen hat und wie all jene Ereignisse, bis hin in die frühe
Vergangenheit, zusammengehören. Dann werde ich den Täter anhand der
Beweislage überführen und der Polizei überstellen“. Doran
wusste instinktiv, dass er, um zur Wahrheit zu gelangen, den Täter
provozieren musste. Er musste ihn frontal angreifen und keine Chance in
Form von Zeit geben. Mag
diese Vorgehensweise für Doran auch ein Drahtseilakt im Sinne des
Erfolges sowie der eigenen Sicherheit sein, so war es aber die einzige Möglichkeit
die Tat aufzudecken und damit den Täter zu überführen. Doran
sagte diese Worte in einer Lautstärke und mit einer Überzeugung, dass
nicht nur jeder Anwesende es hören sondern, ob er wollte oder nicht, auch
glauben musste. Jetzt
gab es kein Zurück mehr und Doran hatte sich in einen Zugzwang hineinmanövriert,
dass er kaum noch Zeit zum Überlegen hatte. Er musste jetzt einfach
reagieren, komme was da wolle. Doch
wie konnte er den Verdächtigen soweit herausfordern, dass er sich
verriet? Es
gab nur einen einzigen Weg in dieser kurzen Zeit, er musste die offene
Konfrontation suchen, er, Doran musste den Kampf eröffnen und direkt
angreifen. „Wie
aber in aller Welt willst Du das beweisen“? Wendete sich Desiree an
Doran? „Lass
das mal meine Sorge sein“, antwortete Doran, „ich weiß genau was ich
mache, ich habe unumstößliche Beweise, welche sich nicht widerlegen
lassen. Es sei denn, es gäbe wirklich eine höhere Macht, die hier ihr
durchaus böses Spiel treibt, aber an einen solchen Unsinn glaube ich erst
gar nicht“. „Na
da bin ich aber gespannt“, lies genau in diesem Augenblick Tobias spöttisch
vernehmen. „Sie werden noch viel lernen müssen, habe ich so das Gefühl“.
„Aber
meine lieben Freunde“, mischte sich nun Christopher ein“, es lohnt
doch nicht zu streiten. „Warten wir einfach ab und sehen was sich bis
zum späten Abend ereignet“. Dabei
machte er einen sehr zufriedenen und beruhigten Eindruck, was auch Doran
nicht entging. Er dachte über den nächsten Schachzug von Christopher
nach. Nun musste er Handeln, egal wie. Tobias hatte ihm förmlich den Köder
vor die Füße geworfen und Tobias war auch der Einzige, der all diese
Geistergeschichten glaubhaft unterstütze. Wenn es also
jemanden zu manipulieren gab, so war es Tobias. Dies musste allerdings bis
zum Abend geschehen sein, was wiederum nicht möglich war, solange die
Gruppe geschlossen beieinander war. Doran
musste einen Weg finden, die Beteiligten auseinanderzureißen und
Christopher mit Tobias zusammenzubringen. Dabei durfte jedoch keiner in
wirkliche Gefahr geraten. Gemeinsam
schritten die Anwesenden der Gruppe den Abschnitt des Tatortes ab. Noch
deutlich konnte man die Spuren des Leichnams in den umgelegten Gräsern
erkennen. Da der Leichnam keine äußerlichen Wunden aufwies, waren auch
keine Blutspuren zu sehen. „Das
kein Mensch diese Tat mitbekommen hat ist mir schleierhaft, mitten am Tag,
im schönsten Sonnenschein“, beklagte Desiree. Der
ehemalige Inspektor Doran schritt mehrmals die Fundstelle ab. Dann plötzlich
blieb er stehen und sagte unmissverständlich: „Lampert
ist nicht hier ermordet worden. Er war bereits tot, als man ihn hier
ablegte“. „Wie
kommst Du nun wieder darauf“, fragte Tobias. „Ganz
einfach“ erklärte Doran. „Die Leiche ist nicht in den Graben gefallen
sondern hinein gerollt“. „Und
wenn man ihn auf der Landstraße ermordet hat und Lampert daraufhin in den
Graben gerollt ist“, erwiderte Tobias. „Dann“,
sagte Doran mit sicherem Ton, „dann wären keine Schleifspuren der
Beine, bzw. Füße auf der Straße zu sehen, welche direkt zum Fundort führen.
Nein, die Sache muss sich in etwa so abgespielt haben; „Lampert
hatte irgendeinen Verdacht und war auf einer bestimmten Spur. Dort tappte
er in eine Falle oder wurde zufällig gestellt. Dabei wurde er von unserem
Täter ermordet. Es muss sich um den gleichen Mörder handeln, wie der bei
den Frauenleichen. Dass das Pentagramm fehlt liegt wahrscheinlich daran,
dass Lampert keine Frau war und nicht in das Profil des Täters passte,
schließlich ist unser Mörder von Lampert überrascht worden, der Mord
war also nie geplant. Dies sagt wiederum, dass unser Mörder und Lampert
sich gekannt haben müssen. Der Mörder hatte keine andere Wahl, wenn er
auch in Zukunft unerkannt bleiben wollte. Des
Weiteren muss es sich bei dem Mörder um einen sehr kalten Menschen mit
starken Nerven handeln. Er
ließ nämlich die Leiche von Lampert vorerst am wirklichen Tatort liegen,
bis er sie zu gegebener Zeit hierherbrachte und sie in den Graben warf. Er
muss sich am Tatort sehr sicher gewesen sein, dass keiner die Leiche
entdeckt solange diese dort liegt“. „Woher
willst Du das wissen“? Fragte Tobias „Nun,
dies ist nicht so schwer wie es scheint“, sagte Doran, indem er dabei
alle ansah. „Als
die Leiche von Lampert hierher gebracht wurde, hatte bereits die
Totenstarre eingesetzt, man kann es an der Schleifspur der Beine oder Füße
sehen, sie weisen keine Abweichungen auf, wie es der Fall ist, wenn sie
nicht steif gewesen wären. Ich
denke es hat sich etwa so zugetragen, Lampert hatte das Geheimnis entdeckt
und war jener Entdeckung auf der Spur. Dabei wurde er erkannt und weil
sich der Täter und Lampert kannten, musste der Täter Lampert aus dem Weg
räumen. Dieser Mord ist jedoch weit von hier geschehen. Der Mörder
wusste, dass die Leiche, wo immer sie sich befunden hat, dort sicher ist.
So konnte er beruhigt abwarten, bis sich eine passende Gelegenheit bot
diese fortzuschaffen. Dabei muss er ein Fahrzeug benutzt haben. Als er mit
dem Leichnam an dieser Stelle eintraf, warf er ihn schnell vom Wagen
herunter, er sollte im Graben, unsichtbar durch das ganze Gestrüpp,
landen. Bedingt durch die bereits eingesetzte Totenstarre erwies sich
jenes Vorhaben jedoch außerordentlich schwierig und der Leichnam landete
zuerst auf der Landstraße. Schnell eilte der Mörder zu seinem Opfer, zog
den starren Körper bis an die Stelle wo das Dickicht im Graben am größten
war und rollte dann den Leichnam in den Graben, wobei dieser Körper das
gesamte Dickicht umlegte, was natürlich nicht geplant war. Es war aber
aus irgendeinem Grund keine Zeit dafür vorhanden, den Schaden zu beheben
und den Leichnam zu bedecken. So
ließ er Lampert einfach liegen und machte sich davon. Stunden später haben dann irgendwelche Leute die Leiche entdeckt und die Polizei herbeigerufen. Bei den Ermittlungen, wo sich der Leichnam Lampert zurzeit aufhielt stellte sich heraus, dass er hier in der Poststation einquartiert ist und so benachrichtigte man Georg, der es uns dann in jenem Zustand mitteilte, in dem wir ihn erlebt haben“. |
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15 Kapitel
Die
Rechnung scheint aufzugehen
Nach dieser Rekonstruktion aus Doran seiner Sicht,
herrschte zuerst einmal völlige Stille. Es erschien nicht ganz sicher,
ob wirklich alle der Anwesenden auch wirklich die Aussage von Doran
verstanden hatten, aber die Nachricht hatte ihre Adresse ohne jeden
Zweifel direkt erreicht. Ungeachtet
der Tatsache, ob ein jeder die Hintergründe und somit das Motiv
verstanden hatte, nickten alle Anwesenden zustimmend mit dem Kopf. Es
war schon merkwürdig wie auch interessant das Verhalten jener Menschen
zu beobachten. Die meisten der Gruppe benahm sich unsicher in einer Art
von Hilflosigkeit. Es schien als wollen sie ihre Unschuld um jeden Preis
unter Beweis stellen, wussten aber nicht wie sie jenes Bestreben in die
Tat umsetzen sollten. Einer
von allen war im Grunde eher gelassen. Für diesen Menschen waren die
Hergänge der Geschehnisse in jedem Falle klar. Es handelte sich hierbei
um Tobias. Nichts auf dieser Welt hätte ihn von seiner Überzeugung
abbringen können, dass es sich hierbei um böse Mächte handelte,
welche in einem direkten Zusammenhang mit dem alten Fluch standen. Nur
solche teuflischen Kräfte konnten dafür verantwortlich sein. Einer
der Anwesenden erschien, zumindest rein äußerlich, sehr ruhig und
gefasst. Im Inneren konnte man seine Anspannung jedoch förmlich spüren.
Auch er war jetzt unter einen gewissen Zeitdruck gelangt und wusste,
dass er um jeden Preis handeln musste. Wenn Doran erst einmal die Möglichkeit
bekam und seine Ankündigung der Lösung bis Mitternacht wahrmachen
konnte, war es für den Täter zu spät. Dann gab es keine Handlungsmöglichkeit
mehr für ihn. Ein
Wettlauf mit der Zeit war unter Ermittler und Täter entbrannt. Dennoch
hatte der Täter einen Verbündeten, der jedoch nichts von seiner Rolle
wusste.
Es herrschte im Allgemeinen eine sehr beklemmende wie auch schweigsame
Stimmung unter den Anwesenden. Man hatte, bis auf die wirklich
Betroffenen, einfach Angst davor, etwas Falsches zu sagen oder zu
machen, was einen in Verdacht bringen könnte. So
verblieb man auch nicht mehr lange an jenem Ort des Geschehens. Es gab
auch keinen weiteren Anlass hierfür. Man hatte alles noch einmal in
Augenschein genommen und seine Schlüsse daraus gezogen. Die
Gruppe trat, sehr betreten den Rückweg an, um auch rechtzeitig bei der
Poststation anzukommen. Der Weg zurück verlief sehr wortkarg. Auffällig
war nur die Tatsache, dass jeder jeden misstrauisch betrachtete. Zurück
im Gasthaus, suchte jeder erst einmal seine Gemächer auf. Zum Teil um
sich etwas frisch zu machen und zum anderen um über alles in Ruhe noch
einmal nachzudenken. Nur
Doran blieb im Gastraum des Hauses. Er bestellte sich etwas zum Trinken,
zündete sich seine Pfeife an und wartete in Gedanken versunken. Eine
innere Stimme sagte ihm, dass er alle Trümpfe in seiner Hand hielt,
jedoch sehr vorsichtig sein musste. Er dachte auch daran, dass sein Gefühl
ihn eigentlich noch nie getäuscht hatte. So saß es am Tisch und
wartete. Es
war der ehemalige Wirt und Besitzer Georg auf den er wartete. Er wollte
diesen nicht gleich nach der Heimkehr überrumpeln, sondern solange
warten, bis dieser Zeit für ihn hatte. Nachdem
Georg seinen Pflichten nachgekommen war und nun ein wenig Zeit hatte,
bemerkte er Doran, wie dieser im Gastraum bei einem Bier und seiner
Pfeife, in seinen Gedanken versunken saß. Er trat a seinen Tisch und
setzte sich zu ihm. „So in Gedanken versunken“? fragte er ihn direkt. „Ja,
etwas beschäftigt mich doch sehr und ich weiß nicht wie ich meine
Frage formulieren soll“? Doran schaute Georg bei dieser Antwort direkt
in dessen Augen. Es hatte fast den Anschein, als wolle er den ehemaligen
Wirt hypnotisieren. „Ich
will nicht lange um den Brei herumreden“, bemerkte Doran, „ am Ende
des Ganges befand sich bereits damals schon ein Zimmer welches in nie in
Benutzung gesehen habe. Mir ist nun aufgefallen, dass sich dieser
Zustand bis zum heutigen Tag nicht geändert hat. Jetzt frage ich mich
natürlich, was es mit diesem Zimmer auf sich hat? Befindet sich jenes
Zimmer in einem so fürchterlichen Zustand, was ich mir allerdings nach
mehr als drei Jahrzehnten nicht vorstellen kann? Ich kann denken was
immer ich will. Ich finde einfach keine Antwort auf diese eine Frage.
Daher habe ich mich entschieden Dich jetzt einfach zu fragen. Wenn einer
die Antwort darauf weiß, dann kannst nur Du dies sein, also, was hat es
mit diesem Zimmer auf sich, aber bitte sage mir die Wahrheit“.
Es verging eine kurze Weile, dann schluckte der ehemalige Wirt erst einmal
bevor er mit seiner Geschichte begann. „Dies
ist eine lange Geschichte, welche sehr weit zurückreicht“, berichtete
Georg. „Die Geschichte geht auf jene Zeit zurück, als der Landgraf
hier noch alle Autorität und somit das Sagen hatte. Zur damaligen Zeit
gab es viele Gerüchte. Einer davon war auch jener, der den Fluch auf
den Hof, wozu auch dieses Anliegen einmal gezählt hat, betrifft. Es war
eine unwirkliche und grausame Zeit. Eine Zeit in der die Menschen noch
gefoltert und verbrannt wurden. Es war zurzeit meiner Vorfahren, welche
sich hier angesiedelt hatten. In jener Zeit wurde die Welt vom
Aberglaube beherrscht und geprägt. Als meine Vorfahren hier eintrafen
hatten sie nichts. So arbeiteten sie als Tagelöhner bei dem Landgrafen.
Irgendwann, eines Tages, als der Fluch während jener grausamen
Hinrichtung ausgesprochen wurde tauchte wie aus dem Nichts ein sehr
mysteriöser Mann auf. Er behauptete, dass er den Fluch bannen könnte.
Er würde nichts dafür verlangen, was ihm zugutekommen würde, doch man
müsste unter allen Umständen seine Anweisungen und Bedingungen bis in
alle Ewigkeit erfüllen“. Georg
machte eine kleine Pause. Es schien im sehr schwer darüber zu reden.
Warum er es dennoch tat mag dahingestellt sein. Zumindest berichtete er
Doran nach seiner Pause weiter was geschehen war. „Zuerst
glaubte man diesem Menschen nicht und glaubte, dass es sich hierbei nur
um einen Betrüger handelte, von denen es zu der damaligen Zeit nicht
gerade wenig gab. Doch dann begann der Mann von Familienangelegenheiten
und deren Geheimnissen zu berichten, welche weder er noch irgendein
anderer hätte wissen können. Er wusste bis in die kleinsten Details
Bescheid. Die Betroffenen waren überzeugt. Obwohl der Mann, bei seinem
Leben versicherte, dass er jene Geheimnisse einem Fremden niemals
preisgeben würde, gleich wie sich die Familie entscheiden würde,
willigten die Herrschaften zu jenem teuflischen Vertrag ein. Der
Mann versicherte, dass er den Fluch in einem Zimmer auf diesem Anwesen,
in einem Haus weitab von dem eigentlichen Herrschaftshaus, bannen
wollte. Dabei handelte es sich um dieses Haus, welches zu damaligen
Zeiten noch zu anderen Zwecken als den heutigen genutzt wurde. Das
Zimmer um welches es sich handelte, war genau jenes Zimmer von dem wir
jetzt reden. Es sollte nach dem Ritual nie mehr geöffnet werden und der
gesamte Grundbesitz sollte nach dem Ableben des zurzeit herrschenden
Besitzer nicht weiter nach rechtlicher Linie vererbt werden, sondern in
den Besitz meiner Vorfahren übergehen. Diese dürften jedoch niemals
darüber reden. Gesagt, beschlossen und getan. Der Mann benötigte drei
Nächte, wovon er sich die letzte Nacht einzig in diesem Zimmer
aufhielt. Noch vor Anbruch des nächsten Morgengrauens verabschiedete
sich jener mysteriöse Mann und behauptete, dass er nun seinen Teil des
Vertrages erfüllt habe. Dann verschwand er und wurde nie mehr gesehen,
weder hier noch in der weiteren Umgebung. Der Vertrag wurde von beiden
Seiten, so wie besprochen, bis zum heutigen Tag eingehalten. Nicht
einmal ich weiß, was sich hinter dieser Tür verbirgt. Mit der Zeit hat
sie auch keiner von uns mehr wirklich wahrgenommen. Eines ist aber
sicher, es ist uns, sowie unseren Vorfahren nach diesem Ereignis niemals
mehr schlecht ergangen“. Damit
beendete Georg seine Geschichte und in gewisser Weise hatte man den
Eindruck, dass ihm eine gewaltige Last von seinen Schultern gefallen
war. Doran
hatte die ganze Zeit geduldig zugehört, dabei sein Bier ausgetrunken
und sein Pfeifchen aufgeraucht. Er machte einen sehr zufriedenen
Eindruck, was Georg eigentlich etwas verwundernd fand. „Ist
Dir jemals aufgefallen, dass die Tür unter Umständen vielleicht einmal
geöffnet worden ist“? fragte Doran. „Es müsste jedoch in den
letzten Jahrzenten geschehen sein“. Georg
dachte einen Moment nach, konnte sich jedoch nicht erinnern. „Nein,
nach meiner Meinung ist diese Tür, solange ich denken kann, niemals geöffnet
worden“. Nach einer kurzen Weile ergänzte er aber: „Ich kann mich
doch an einen Zwischenfall erinnern, der jedoch schon sehr lange zurückliegt,
damals war etwas mit dieser Tür, ich glaube zu wissen, dass es sich
dabei um das Schloss handelte. Ich glaube, dass ich annahm es sei
ausgetauscht worden. Ich kann mich aber auch irren, die vielen Jahre und
das Alter haben ihre Spuren bei uns allen hinterlassen. Doch sage mir
bitte, was es mit diesem Zimmer in Deinen Augen auf sich haben könnte“,
fragte Georg den nachdenklichen Inspektor Doran. „Ich
glaube, dass mein Plan nun aufgeht“, antwortete dieser und lächelte
dabei zufrieden aber auch ein wenig angespannt. Einige
Minuten des Schweigens vergingen, bis Doran an Georg herantrat und in
ruhigen Worten jene Frage, welche eher einer Bitte glich, an ihn zu
richten: „Mein lieber Freund, ich bin mir durchaus darüber im Klaren,
dass der Aberglaube mehr als nur Angst und Unsicherheit verbreiten kann.
Ich selbst weiß manchmal nicht wie ich verschiedene Dinge einordnen
soll. In unserem Fall bin ich der Meinung, dass es unumgänglich ist,
dieses Zimmer zu öffnen um es zu Untersuchen. Es ist natürlich Deine
Endscheidung ob Du dem zustimmst oder nicht, aber ich bitte Dich hiermit
als Freund und im Sinne unserer Ermittlungen, gemeinsam mit mir dieses
Zimmer zu inspizieren. Wenn Du dem zustimmen solltest, so sollte jedoch
keiner der anderen davon erfahren“. Darauf schaute Doran den
ehemaligen Wirt Georg erwartungsvoll an. Der
Wirt zögerte. Man konnte ihm direkt ansehen, wie er mit sich selbst und
seiner Angst sowie Überzeugung, was den alten Mythos und den
Aberglauben betrifft, im Kampf der Überwindung haderte. Auf der einen
Seite wollte er das Glück seiner Familie und auch das Eigene nicht aufs
Spiel setzen, auf der anderen Seite jedoch sah er in dem ehemaligen
Inspektor einen wirklichen Freund und wollte daher seine Bitte nicht
abschlagen. Hinzu kam noch der Umstand, dass mit der möglichen Klärung
der gesamten Angelegenheit endlich wieder Ruhe einkehren würde und
vielleicht würde sich dabei auch noch herausstellen, dass das Gerede um
jenes Zimmer wirklich nur Aberglaube war, was ihn natürlich auch
wesentlich endlasten würde und man ein ganz normales Leben mit der
Familie führen könnte. All jene Dinge gingen ihm blitzartig durch den
Kopf. Dann
aber siegte spontan die Vernunft und mit sogar ein wenig Erleichterung
wandte er sich an Doran. „Also gut“, sagte er leise, „wir werden
die Tür in einem günstigen Zeitpunkt noch heute öffnen und uns das
Zimmer genau betrachten, Gott stehe uns bei“. „Du
wirst es sicher nicht bereuen“, sagte Doran und klopfte dem alten Mann
anerkennungsvoll auf seine Schulter. Es war ihm durchaus klar, welche Überwindung
Der Wirt für diese Endscheidung aufgebracht hatte.
Dann, nach einer Zeit des ungeduldigen Wartens, war es soweit. Jener günstige
Zeitpunkt war gekommen. Im Haus war alles ruhig da jeder mit etwas beschäftigt
war. Doran und Georg waren also ungestört. So begaben sie sich beide
auf den Gang, an dessen Ende sich das besagte Zimmer befand. „Ich
denke wir sollten uns auf einigen Schmutz und noch weitere Möglichkeiten
der Unannehmlichkeit gefasst machen, da schließlich keiner mehr das
Zimmer betreten hat, zumindest nicht solange ich denken kann“, meinte
Georg etwas verlegen. Der
alte Wirt steckte den Schlüssel in das Schloss der Zimmertür und
versuchte diesen herumzudrehen. Dieses Unternehmen erwies sich jedoch
leichter als man anfangs glaubte. Mit unglaublicher Leichtigkeit ließ
sich der Schlüssel im Schloss herumdrehen und machte dabei nicht einmal
ein Geräusch. Vom Alter her hätte Georg etwas anderes erwartet. Man hätte
glaube können, dass das Schloss ständig in Gebrauch war und erst vor
kurzem sogar geölt wurde. Dora hingegen lächelte nur, als hätte er
nichts anderes erwartet. Als der Schlüssel das besagte Schloss geöffnet
hatte, drückte Georg vorsichtig die Türklinke herab, als würde er befürchten,
dass diese zumindest quietschen oder knarren würde, doch auch hierbei
geschah nichts dergleichen. Es war wie ein neues Türschloss, mit dem
einzigen Unterschied, dass es sehr alt aussah. Geräuschlos öffnete sich langsam die Tür. Im Zimmer selbst war es jedoch
dunkel, da die Vorhänge zugezogen waren. Einen kleinen Augenblick
dauerte es, bis sich die Augen an jenes dunkle Licht gewöhnt hatten und
man mehr als nur Umrisse erkennen konnte. Georg schaute Doran überrascht wie auch völlig ungläubig
an. „Sind wir hier in einem falschen Zimmer“, fragte er den
Inspektor. Er konnte sich nicht erklären was er da sah. „Nein“, antwortete Doran. „Genau so etwas in der
Art habe ich mir bereits gedacht“. Obwohl man die Vorhänge geschlossen ließ konnte man
erkennen, dass das Zimmer, entgegen der Erwartungen von dem Wirt, sich
in einem sauberen und ordentlichen Zustand befand. Es gab keine
Anzeichen von Schmutz, so als hätte jemand diesen Raum erst vor kurzem
gründlich gesäubert. Nur fielen ein umgestürzter Stuhl sowie ein
kleiner Beistelltisch, der total verrückt war, auf. „Es würde mich nicht wundern, wenn hier ein Kampf
stadtgefunden hat. Jener Kampf bei dem Lampert ums Leben kam. Auch
konnte der Mörder Lampert in diesem Zimmer beruhigt liegen lassen, bis
sich eine geeignete Möglichkeit zum Abtransport bieten würde. Der Mörder
wusste, dass keiner diesen Raum betreten würde. Doch warum fürchtete
der Täter Lampert? Was hat Lampert gewusst, was dem Täter das Motiv
zum Mord geliefert hat? Wenn wir das Motiv kennen, so werden wir auch um
den Täter und dessen Identität wissen“. Doran war bei seinen Ausführungen
sehr ruhig, so als wüsste er bereits um wen es sich hierbei handelte. Für einen Augenblick verweilten die Beiden noch um
sich gründlich in diesem Zimmer umzusehen, sie wollten auf keinen Fall
etwas übersehen. Dann warteten Doran und Georg noch einmal auf einen günstigen
Moment um das Zimmer wieder zu verlassen. Als auf dem Gang draußen
keine Geräusche mehr zu hören waren, öffneten die zwei Männer
vorsichtig die Tür des Zimmers um dieses zu verlassen. Leise schlossen
sie hinter sich das Schloss wieder ab, was auch nicht schwer viel, da es
ja erst kürzlich gewartet worden sein musste. Georg und Doran gingen direkt in den Gästeraum zurück.
Dort setzten sie sich an den angestammten Tisch. Beiden war nicht nach
Alkohol zumute und so tranken sie gemeinsam einen kräftigen Kaffee. Es dauerte nicht lange und Tobias betrat den Raum. Er
setzte sich zu den Beiden und holte sich auch einen schwarzen Kaffee. „Na“, fragte er Doran, „kommst Du mit Deinen
Ermittlungen gut voran oder hast Du diese sogar schon abgeschlossen“?
Seine Stimme hatte dabei etwas von Sarkasmus und er lächelte Doran
etwas hämisch an. Der Inspektor war jedoch nicht auf den Mund gefallen
und antwortete: „Im Grunde bin ich so gut wie fertig. Es fehlt mir nur
noch eine Kleinigkeit, allerdings dient diese nur der Selbstbestätigung.
Ich glaube sehr gut zu wissen wer der Täter und damit nicht nur der Mörder
von Lampert und auch den Frauen gewesen ist. Ich glaube sogar es
beweisen zu können“. Es war so langsam die Zeit angebrochen um das
Abendbrot einzunehmen und die übrigen der Gruppe sowie noch weitere Gäste
betraten nach und nach die Gaststube. Desiree und Christopher nahmen an
jenen schon angestammten Tisch bei Georg, Doran und Tobias Platz. „Na, bist Du schon auf Deine Lösung des Falles
gekommen und konntest ihn somit abschließen“, fragte Christopher den
ehemaligen Inspektor Doran. Seine Stimme hatte einen seltsamen Unterton,
welcher zum einen ein wenig belustigend wirkte. Achtete man jedoch
genauer auf seine Stimme und sein dazugehöriges Gestikulieren, so
konnte man eine gewisse Unsicherheit erkennen. „Können wir den nun
heute noch mit der Auflösung und der Bekanntgabe des Täters
rechnen“? „Ich stehe zu dem was ich gesagt habe“, antwortete
Doran darauf. |
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16.
Kapitel Damit
hat keiner gerechnet
Es
lag eine nicht nur gespannte, sondern auch aggressive Stimmung,
innerhalb der Gruppe, im Raum. Der ehemalige Inspektor Doran ließ sich
jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Er strahlte eine absolute
Selbstsicherheit aus. Dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass
er nicht weiter auf dieses Thema einging und diesbezüglich sich in
Schweigen hüllte. Die einzige Äußerung, welche er noch machte, war
jene: „ Ich werde den Fall noch heute bis Mitternacht zum Abschluss
bringen und auch die Schuldigen sowie ihre Gründe benennen. Diese
Schuldigen befinden sich bereits jetzt schon unter uns“. Alle Anwesenden schauten Doran mit großen Augen an.
Ab genau diesen Augenblick war einem jeden der Appetit auf das
Abendessen gründlich vergangen. „Also ich brauche jetzt erst einmal einen doppelten
Schnaps“, bemerkte Tobias, der als erster seine Stimme wiedergefunden
hatte. Alle anderen, bis auf Doran schlossen sich dem Vorhaben an. Dann begann eine lebhafte Unterhaltung. Man
diskutierte, fachsimpelte und stellte Vermutungen an. Die Zeit verging
nur sehr langsam, aber keiner wollte die Gaststube verlassen. Jeder war
darauf bedacht, mit der gesamten Gruppe zusammenzubleiben, um auf keinen
Fall etwas zu versäumen.
Es mag so gegen zehn Uhr gewesen sein, als ein
Mann die Gaststube betrat. Er war allein und nicht mit der Kutsche
gekommen, sondern eigens zu Pferd. Der Mann trat an Doran heran und bat
diesen heraus. Doran nickte auf die Bitte des Fremden und verließ
gemeinsam mit dem Mann die Gaststube, ohne den anderen eine Erklärung
abzulegen. Die zwei Männer verließen darauf sofort den Raum,
was einen sehr mysteriösen Eindruck machte. Was hatten diese beiden zu
bereden, oder welche Informationen hatte jener Fremde für Doran? Zehn Minuten mögen vergangen sein, als die beiden Männer
die Gaststube wieder betraten. Der ehemalige Inspektor machte dabei
einen sehr zufriedenen Eindruck. Der unbekannte Mann hingegen war
beteiligungslos, so wie er auch gekommen war. Beide der Männer nahmen
am Tisch der restlichen Gruppe Platz. „Ich möchte Euch gern unseren Gast vorstellen“.
Doran deutete auf jenen Mann, so etwa um die fünfzig Jahre alt. „Er
bekleidet das Amt der Verwaltung jener Kirchenbücher in dieser
Grafschaft. Er hat etwas damit zu tun das ich heute Vormittag noch etwas
zu erledigen hatte, dessen Grund ich für mich behalten wollte. Mir kam
da so ein Verdacht welcher mich nicht loslassen wollte. Um diesen
Verdacht zu überprüfen habe ich diesen Verwalter der Kirchenbücher
aufgesucht, und siehe da, ich wurde sogar fündig. Jetzt erst konnte ich
mir die ganze Geschichte zusammenreimen. Ich hatte das letzte Puzzle
gefunden. Jedes Stück passte wie angegossen. Nichts konnte diesen
Indizien mehr standhalten. Ich habe versprochen den Fall noch vor
Mitternacht zu lösen und nun bin ich in der Lage, dieses Versprechen
einzulösen. Doch bitte ich Euch, mir meinen Triumpf zu gönnen. Lasst
uns noch ein wenig beisammensitzen und etwas trinken. Ich denke, der
eine oder andere wird es ohnehin gebrauchen können, und die anderen
werden es gegen den Schreck verwenden, denn glaubt mit, diese Geschichte
gehört eigentlich in die Kriminalgeschichte. Kein Mensch hätte jemals
gedacht, dass es so etwas Unglaubliches gibt. Also bitte, die erste
Runde geht auf mich, vor dem großen Finale. So folgte eine Runde der nächsten und die Zeit
verging dabei sehr langsam. Dieses Phänomen hatte auch seinen Grund.
Die Unschuldigen befürchteten eine falsche Anschuldigung. Der oder die
Schuldigen hofften den Verdacht von sich abwenden zu können oder
vielleicht gar nicht erst in diesen zu geraten. So blieb die Stimmung
auch weiterhin, trotz des Alkohols mehr als nur angespannt. Gegen halb zwölf Uhr bemerkte Doran: „Wussten Sie
eigentlich, dass all diese Morde mit der Blutlinie und damit der
Erbfolge jener Besitztümer dieser Grafschaft zu tun haben? Des Weiteren waren die fünf Frauenleichen nicht
weiter als ein reines Ablenkungsmanöver. Dieser Fall ist bestimmt nicht
das was man unkompliziert nennen könnte. Er besteht aus einer sehr
langen Geschichte, welche sehr gut und lange voraus geplant war und fast
den perfekten Mord wie auch Betrug dargestellt hätte. Auch waren es
zwei Personen welche gemeinsam dieses Verbrechen geplant sowie ausgeführt
haben. Als Tatmotiv für die Tat war die Gier nach Geld und Reichtum
verantwortlich“. Nun machte Doran aber eine kleine Pause. „Ein
letztes Glas möchte ich noch erheben, bevor ich die gesamte Geschichte
nun erzähle“. Der ehemalige Inspektor Doran erhob sich von seinem
Stuhl, streckte sein Glas in die Höhe und sprach: „Auf die
Gerechtigkeit und ihren Bestand“.
Doran setzte sich darauf wieder. Alle Beteiligten rückten etwas näher an
ihn heran. Der Inspektor schaute noch einmal in die Runde, holte tief
Luft und begann mit seiner Erzählung. Es mag schon ein merkwürdiges Bild gewesen sein,
welches sich dem Außenstehenden bot. Man hätte glauben können, dass
dort eine Verschwörung im Gange war. Es war aber im Grunde genau das
Gegenteil um was es bei dieser Zusammenkunft ging. Die allgemeine Spannung war nichtmehr zu überbieten.
Jeder der Anwesenden, ob nun schuldig oder unschuldig, ausgenommen Doran
und der Fremde, waren auf dem Höhepunkt ihrer nervlichen Belastung
angelangt. Der ehemalige Inspektor Doran lehnte sich, auf seinem
Stuhl, ein wenig nach hinten. Er genoss es förmlich im Mittelpunkt zu
stehen und mit jenen abrechnen zu können, die ihn unterschätzt hatten.
So begann er also seine Geschichte zu erzählen.
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17.
Kapitel Inspektor
Doran macht reinen Tisch Ein teuflischer Plan, ausgedacht von zwei Menschen
welche, bedingt durch ihre Gier nach Macht, Ruhm und Geld. Aus diesen Gründen
waren diese beiden Menschen bereit zu Morden und vor allem bei ihrer
Tatausübung sehr viel Zeit vergehen zu lassen. Die Ungeduld sollte
keine Fehler zulassen, in dem Plan, welchen sie gemeinsam geschmiedet
hatten. Es kamen sogar noch einige Zufälle ihnen zugute, welche sich für
die beiden positiv auswirkte. Niemals hätten sie damit gerechnet, dass
die Tat doch am Ende aufgedeckt werden würde. Die Wahrheit findet halt
immer ihren Weg, auch wenn es noch solange dauert. „Es befinden sich hier zwei Personen am Tisch,
welche bereits die gesamte Geschichte und damit den Tathergang
kennen“, bemerkte Doran als Einleitung für seine Geschichte. „Sie lassen sich jedoch nichts anmerken, da sie noch
immer von ihrer Schlauheit sowie der Perfektion ihres Plans überzeugt
sind, dass sie sich dem Trugschluss hingeben, ich würde mich irren und
die Wahrheit würde im Dunkeln bleiben. Vielleicht hoffen sie auch, dass
ein anderer, ein falscher Mensch hierfür verdächtigt wird. Sie können
noch nicht wissen, dass ich sie in jedem Detail überführen werde.
Leider reichen ihr Hochmut sowie ihre Selbstüberschätzung nicht aus um
auch nur anzunehmen, die Wahrheit würde heute ans Licht kommen. Dennoch
möchte ich hier gleich am Anfang meine Hochachtung für einen solch kühnen
Plan aussprechen, den ich wirklich bewundere“. Doran machte eine kleine Pause in seinen
Ausfertigungen und jeder schaute jeden verwundert an. Auch jene zwei
eingeschworenen Komplizen spielten dieses Spiel mit und ließen sich
nicht das Geringste anmerken. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen schaute der
Inspektor jeden der Anwesenden an. Dann aber fuhr er fort. Um aber dort auf Dauer wohnen zu dürfen, mussten sie
alle, oftmals sehr schwere Arbeiten verrichten und dies das ganze Jahr
über. Es war für diese Menschen alles andere als ein einfaches Leben.
Hinzu kam die Tatsache, dass der Landgraf ein sehr energischer sowie
auch ungerechter und egozentrischer Mann war, der kein Mitgefühl für
andere hatte. So war er auch bei allen nicht gerade beliebt. Dieser
Umstand berührte den Grafen aber nicht besonders. Er war es gewohnt nur
an sich zu denken und sich das zu nehmen was er wollte. Dafür war ihm
auch jedes Mittel recht. Ich kann nicht sagen ob sich solche Charakterzüge
vererben lassen, aber eines ist sicher, jeder seiner Nachkommen waren
ebenso in ihrem Wesen“. Doran machte eine weitere Pause, welche er dazu nutzte
noch etwas Trinkbares zu bestellen. Nachdem er getrunken hatte, fuhr er
mit seiner Geschichte weiter fort. „Dann, im Laufe der Zeit, kam jener Landgraf zur
Welt, der in unserer Geschichte eine gewisse Schlüsselfigur einnimmt. Dieser Landgraf war nicht im Geringsten, vom Charakter
her, anders als alle Ahnen seiner Blutlinie. Obwohl er in einer Ehe
lebte, nahm er es mit der Treue nicht so genau. Frauen waren sein größtes
Laster. So habe ich heute unseren Gast, den Verwalter der
Kirchenbücher dieser Grafschaft, aufgesucht und lange in den alten
Kirchenbüchern studiert. In diesen Büchern wird alles dokumentiert was
es an Geburten, Eheschließungen und Todesfälle gab. Ich hatte schon fast aufgegeben, als ich doch noch fündig
wurde. Es wäre zu mühselig gewesen die gesamten Zusammenhänge
herauszusuchen und zu studieren, daher habe ich mich auf das Wesentliche
beschränkt. Jene Tatsachen, welche für uns und unseren Fall von
Bedeutung sind. Wie bereits erwähnt, war die Ahnenlinie der
Grafschaft alles andere als prüde. Wie nun alles im Einzelnen
zusammengehört kann ich zur Zeit nicht genau sagen, nur so viel, es
gibt noch einen Nachkommen dieser Grafschaft, der nicht als solcher geführt
wird. Einen Nachkommen des Landgrafen, der von einer Magd oder
Bediensteten abstammt. Dieser Abkömmling kennt die gesamte Geschichte besser
als jeder andere. Auch wusste er bereits vor vielen Jahren davon. Ich
kann mir gut vorstellen, dass dieser Anwesende in dieser Runde voller
Hass und Vergeltungsdrang ist und war. Es muss ein bemerkenswerter
Mensch sein. Schon vor sehr langer Zeit hatte dieser Mensch alles
geplant. Er ließ sich jedoch von nichts aus der Ruhe bringen, seine
Geduld muss unendlich sein. Selbst jetzt lässt er sich nicht das
Geringste anmerken, obwohl er wissen müsste, dass sein Spiel
durchschaut worden ist. Ich glaube es ging ihm nicht um die materiellen
Werte, sondern einzig um die Widergutmachung jener Schmach. Nur ein Mensch der Rache üben will um nach seiner
Meinung Gerechtigkeit zu schaffen ist zu einer solchen Geduld sowie
eines solchen Einfallsreichtums fähig. Wir reden hier nicht von Monate
oder Jahre, wir reden sogar von Jahrzehnten. Dieser Mensch hat die ganze Zeit nichts dem Zufall überlassen.
Alles war stets bis ins Detail geplant. So gut, dass er sogar jeden von
uns täuschen konnte. Ich selbst hatte noch vor kurzem, einen ganz
anderen Menschen als möglichen Schuldigen im Verdacht. Auch muss dieser Mensch über eine außerordentliche
Menschenkenntnis verfügen. Wie sonst hätte er einen Komplizen
aussuchen können, der die gleichen Eigenschaften hat wie er selbst.
Ebenso viel Geduld und Ausdauer. Bei allem Unrecht was auch immer
geschehen sein mag, ich muss sagen, ich ziehe meinen Hut vor diesen zwei
Menschen. Hätten sie doch nur ihre überaus hervorragenden
Eigenschaften im Sinne der guten Sache eingesetzt. Ich wäre froh
gewesen, hätte ich jemals einen solchen Partner gehabt als ich noch im
aktiven Dienst tätig war“. Nach diesem Redeschwall legte Doran erst einmal eine
Pause ein. Obwohl es schon sehr spät geworden war, stand Georg auf um
kurz darauf mit mehreren Krügen Bier und einigen Schnäpsen
wiederzukommen. Es gab auch keine Einwände gegen diesen Einfall. So trank man mehr schweigend und nachdenklich, aber
bis auf drei Personen am Tisch hatte keiner auch nur die geringste
Ahnung. Dann nach einer kurzen Weile, die jedoch jedem wie
eine halbe Ewigkeit vorkam, begann Doran mit seiner Erklärung
fortzufahren. „Es war eine Zeit in der sehr viel schlimme Dinge
geschehen sind. Dinge, wie wir sie uns nicht vorstellen können. Es gibt aber eine Person hier am Tisch, die jene ganze
Leidensgeschichte kennt. Ein Leidensweg, der sich ihr in Haut und Hirn
eingebrannt hat, eingebrannt für immer und ewig. So sehr, dass diese
Person ihr fast ganzes Leben für diese Rache gelebt hat. Ein, in meinen
Augen sehr trauriges und bedauernswertes Leben, was ich meinem
schlimmsten Feind nicht wünschen würde. So wünsche ich jener Person, dass sie nach dem
heutigen Abend endlich ihren Frieden finden wird. Einen Frieden auf den
sie immer gehofft hat, der er bis jetzt aber nie vergönnt war. Möge diese Person noch wissen, dass ich nicht ruhen
werde, bis die Gerechtigkeit ihren Erfolg hatte. Denn ich persönlich
habe, in Anbetracht des Motives, sehr große Hochachtung vor jener
Person. Es war ihr nie vergönnt gewesen, so zu leben wie es
vielleicht andere Menschen können. Freude kannte sie kaum und ich
glaube sogar, dass jene Dämonen der Vergangenheit sie sogar noch im
Schlaf sowie im Traum verfolgt haben und das Nacht für Nacht,
Jahrzehntelang. Ist es nicht so, Desiree“? Doran schaute der Frau tief in die Augen und er konnte
sehen wie sie mit den Tränen kämpfte. Es ging ein Raunen durch die Gruppe. Dann geschah noch
etwas womit nur Doran hätte rechnen können. Ein Mann erhob sich von
seinem Platz, ging zu Desiree hinüber und nahm sie fest in seine Arme.
Dieser Mann war Christopher. Im Grunde war noch keiner der Beteiligten imstande die
wirkliche Situation zu begreifen, nicht einmal die Betroffenen selbst. Die allgemeine Aufregung und Überraschung war so
dramatisch, dass keiner zuerst bemerkte, dass mit Christopher das
Gleiche geschah. Erst kurz nach dem Sturz von Desiree bemerkte Georg die
Leiche von Christopher. Wie zu erwarten, entstand ein heilloses Durcheinander.
Doran versuchte zumindest seine Nerven zu behalten und schickte als
erstes nach den Aufsichtsbeamten der Polizei jener Grafschaft mit den
notwendigen Informationen. Er dachte, dass dieser schon wissen wird was
zu tun ist. Als endlich die ganze Aufregung ein Ende fand, begann es bereits zu Dämmern und ein neuer Tag brach an. Dennoch gab es unendlich viele ungeklärte Fragen, aber erst wollte man einal Schlafen. |
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18.
Kapitel Das
Leben schreibt die seltsamsten Geschichten
Es
war bereits schon fast hell als die Betroffenen ins Bett kamen. Obwohl
sie alle sehr müde waren, gelang es keinem wirklich einzuschlafen. Auch
war es, wenn überhaupt möglich, nur ein sehr kurzer und unruhiger
Schlaf. Etwa kurz vor der Mittagsstunde trafen bereits alle
Beteiligten der, mit derweilen kleinen Gruppe, in der Gaststube ein.
Keiner hatte wirklich richtig oder erholsam schlafen können. Es mag eigenartig anmuten, aber aus irgendeinem Grund
suchte man gegenseitig die Nähe. Die Verstorbenen Desiree und Christopher waren bereits
von der hiesigen Ordnungsbehörde abgeholt worden. Es war eine merkwürdige kleine Gruppe an diesem
Vormittag bei Tische. Doran konnte nicht unbedingt behaupten, dass er glücklich
über sein Ergebnis der Aufklärung war. Es ging dabei nicht nur um die
zwei Täter und ihre Motive, es ging auch um die unschuldigen
Frauenleichen sowie den einen Ermittler, welche nur der Ablenkung und
Verschleierung der einen Tat ihr Leben lassen mussten. Nichts auf dieser
Welt würde jene Ereignisse rechtfertigen. Alles in allem war es schon eine ziemlich bedrückende
Situation. Aber das Leben geht weiter und der Mensch findet sich mit den
schwierigsten Dingen ab wenn er muss. Es mag verwunderlich erscheinen, aber jeder am Tisch
hatte an diesem Morgen oder besser Vormittag einen großen Hunger, der
schon beinahe peinlich war, wenn man die Umstände betrachtete. Auf der anderen Seite war eine große Last von allen
gefallen. Dies mag auch der Grund für das Verhalten der Beteiligten
sein. So bestellte man sich ein mehr oder weniger, reichliches Frühstück
und etwas Gutes zu trinken. Es soll hier nicht den Eindruck erwecken,
dass nur Alkohol getrunken wird und ein jeder die Neigung zum
Alkoholiker hat, aber unter bestimmten Voraussetzungen hilft ein Getränk
aus dieser Kategorie doch bestimmte Dinge zu verarbeiten. So tranken die
drei noch beteiligten Personen am Tisch, in Gedenken an all den
Geschehnissen, ein großen Krug vom Gerstensaft. Es mag so gegen die 13. Stunde gewesen sein und jeder
war in seinen Gedanken schon damit beschäftigt, seine Abreise zu Überdenken.
Schließlich war alles geklärt und es gab nichts mehr zu tun was man hätte
noch verrichten können. Der Fall war soweit geklärt. Georg hatte unter anderem mit dem Anspruch auf diese
Grafschaft. Der wirklich Einzige, der mit sich nicht so ganz im Reinen
mit sich und seinen Auffassungen war, war Tobias. Jener ehemalige
Kutscher dieser Poststation. Er war und blieb dass, was man einen abergläubiger
nennt. Für ihn lagen diese Dinge auf einer ganz anderen Ebene. Ungeachtet dessen könnte man nun diese ganze
Angelegenheit als beendet betrachten. Normalerweise würden jetzt jeder
seine eigenen Wege wieder gehen und nach einer gewissen Zeit wäre alles
vergessen oder nur noch eine Geschichte, welche bei einer Tischrunde
vielleicht erzählt werden würde. Aber ist es wirklich an dem? Warum könnte es nicht
sein, dass Tobias mit seinen Meinungen eventuell Recht haben könnte,
wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad? Wer hier glaubt, dass gesamte
große schaffen und Wirken zu kennen, für den mag es nur ein
minderwertiger Roman gewesen sein. Aber unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Letztlich wollen wir hinter den Geheimnissen jener Mythen kommen, welche
bis zum heutigen Tage ungeklärt sind. Es gibt vieles zwischen Himmel
und Erde, was wir wahrscheinlich niemals erfahren werden, was auf der
einen Seite auch gut so ist, da der Mensch mit jener Erkenntnis nicht
umgehen könnte. So wollen wir es auch dabei belassen, in dieser
Geschichte nur Denkanstöße zu geben. Was ein Jeder für sich selbst
daraus macht bleibt ihm überlassen. Nur das Wissen, dass die Dinge
oftmals anders scheinen als sie es in Wirklichkeit sind, ist die
Quintessens dieser Geschichte. Wer also jene Meinung vertritt, es könne noch etwas
mehr als wir vermuten geben, für diesen Menschen gibt es an dieser
Stelle eine sehr interessante Fortsetzung. |
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19.
Kapitel Die
eventuell realistische Seite der Mystik Das zwanzigste Jahrhundert war angebrochen. Die Welt
hatte zwei Weltkriege erleben müssen und war dementsprechend geprägt.
Alles von damals hatte sich verändert und der Wiederaufbau war so gut
wie beendet. Man genoss das Leben und mit den wirklich großen Sorgen
wollte keiner mehr wirklich etwas zu tun haben. Die Menschen sahen der
Zukunft entgegen, da die Vergangenheit keine angenehmen Erlebnisse
beinhaltete. Auch in unserer Geschichte verhielt es sich kaum anders,
bis auf einige Kleinigkeiten. So gab es schon lange keine Poststation
mehr. An dieser Stelle, wo einst die Kutschen ihre Pferde wechselten
befand sich nun ein Busbahnhof. Der Gasthof wurde saniert und hatte nun
einen modernen wie auch zweckmäßigen Ausbau. Die Zeit war hektischer
geworden und von der Ruhe sowie Gemütlichkeit und Herzlichkeit war
nichts mehr geblieben. Gäste kamen und gingen. Es war eher ein geschäftliches
Treiben. Von der damaligen Geschichte war nur noch für ganz wenige der
ansässigen Menschen ein Mythos geworden. Jedoch sollte dies nicht so
bleiben. Es war Mai. Um genau zu sein, es war der 21. Mai in
den fünfziger Jahren. Die Welt hatte sich vom Krieg erholt und die
Menschen wollten nichts mehr mit den düsteren Seiten der Geschichte
wissen, was letztlich auch die Mystik sowie die gesamten Bereiche der
Esoterik betraf. Dennoch sollte dieser Tag für einige Zeit die
Vergangenheit zurück in die Erinnerung rufen. Es war etwa um die zehnte Stunde. Draußen war gerade
wieder ein Bus vorgefahren um Fahrgäste zur Weiterreise aufzunehmen und
andere hier abzuladen. Als sich die Tür zur Gaststube öffnete. Ein Mann
trat ein. Dieser gewisse Mann unterschied sich nicht besonders von allen
anderen Gästen, welche hier auf Durchreise vorbeikamen. Aber trotz
allem hatte dieser Mensch etwas besonderes, was man nicht unbedingt in
Worte fassen konnte. Man konnte ihn weder als sympathisch noch als
unsympathisch einstufen. Er ließ sich im Grunde überhaupt nicht
einordnen. Er kam einfach herein, ging zielsicher auf einen Tisch
am Fenster zu, um dort Platz zu nehmen. Eigenartiger Weise handelte es
sich um jene Stelle, wo damals der besagte Tisch unserer Gruppe der
dramatischen Geschichte stand. Seine Kleidung war nicht gerade das, was
man modisch nennen könnte, aber dieser Luxus war zu jener Zeit ohnehin
nur wenigen vergönnt. Was jedoch eher auffiel war sein ausdrucksloses
Gesicht. Der Mann bestellte sich einen Kaffee und eine Kleinigkeit zum
Essen. Zudem erkundigte er sich, ob er sich hier für ein paar Tage
einmieten könnte oder es, wenn dies nicht möglich wäre, ein Hotel im
Ort befand. Der Wirt der Busstation bejahte seinen Wunsch und gab ihm
ein kleines aber gemütliches Zimmer im anliegenden Haus. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass der
Mann Forscher sowie Schriftsteller für paranormale Phänomene war. Er
nahm Bezug auf die damalige Geschichte, welche schon lange in eine
gewisse Vergessenheit geraten war. In dieser Angelegenheit wollte er
hier Vorort recherchieren und eventuell darüber schreiben. Es gab nichts besonderes daran zu bedenken, schließlich
gab es die merkwürdigsten Berufe und ein Mensch wie der Gastwirt hatte
im Laufe seiner Arbeitszeit die seltsamsten Menschen kennengelernt, so
dass ihn nichts mehr verwundern konnte. Diese Einstellung sollte sich aber, so wie auch so
manch andere Sache in der Zukunft gründlich ändern. Was keiner bislang wusste, diese Zukunft hatte mit dem
Eintreffen dieses Mannes begonnen. Was den neuen Gast betrifft, so ist sein Name
„Samuel Diestel“. Er ist von einer eher großen und kräftigen
Gestalt, was jedoch nicht bedeutet, dass er übergewichtig ist. Samuel
macht eher einen schlanken Eindruck. Aber auch sein gesamter Anschein
ist schwer einzuschätzen. Groß, kräftig und schlank, mit dunklen
sowie durchdringenden Augen. Seine Stimme ist leise und ein wenig
rauchig. Die Hände sind, im Gegenteil zu seiner sonstigen Figur, eher
schmal und seine Finger sehr lang. Um genau zu sein, man kann nicht
behaupten, dass Samuel vertrauenswürdige oder gütige Hände hat. Auch
ist er nicht gerade gesprächig sondern eher wortkarg. Samuel trägt einen langen, dunklen Mantel unter dem
er einen wiederum dunklen Anzug trägt. Dazu die passenden Schuhe. Seine
Garderobe macht nicht gerade einen neuen oder gepflegten Eindruck. Man
konnte ihm ansehen, dass er viel unterwegs war und daher nicht gerade
sehr viel Aufwand um sein Aussehen betreiben konnte. Doch sollte man
einen Menschen auch nicht gleich immer nach seinem Äußeren beurteilen. Als er die Gaststube betrat, trug er einen Hut, deren
Krempe er tief in seine Stirn gezogen hatte, so als wolle er seine Augen
verstecken. Tiefe und dunkle Augenränder betonten seine ohnehin
dunklen Augen. Überhaupt war sein Gesicht sehr faltig, so dass man sein
Alter nicht schätzen konnte. Seine Haare waren schwarz, jedoch
durchzogen bereits die ersten grauen Strähnen seinen Haarschopf.
Dennoch wirkte seine Haut gepflegt und des Weiteren war er sauber
rasiert. Sein Hemd, unter dem Anzug war von einer grauen Farbe, aber
sauber. Eine Krawatte trug Samuel nicht, hatte aber sein Hemd bis zum
oberen Knopf geschlossen. Alles in allem stellte jener Samuel eine
seltsame Erscheinung dar. Er hatte an jenem besagten Tisch Platz genommen.
Seinen Mantel hatte er ordentlich zusammengefaltet und über die Lehne
des benachbarten Stuhls gelegt. Auch hatte er jetzt seine Jacke aufgeknöpft.
So saß er am Tisch, trank seinen Kaffee und aß sehr langsam seine
ohnehin kleine Mahlzeit. Dabei schaute unentwegt und fast ein wenig
verträumt aus dem Fenster. Er gehörte nicht zu den Menschen, die unbedingt ein
Gespräch suchen. Schweigen schien eher seine Eigenart zu sein. Es mag eine gute halbe Stunde vergangen sein, als er
sein Essen beendet hatte und sich noch einen Kaffee bestellte, den der
Wirt auch umgehend brachte. Als er diesen servierte bemerkte er, dass
sie sich noch gar nicht gegenseitig vorgestellt haben. „Mein Name ist Nikolas, Nikolas Brauner“, sagte er
zu dem Gast und versuchte unsicher ein Lächeln auf sein Gesicht zu
zaubern. „Angenehm, mein Name ist Diestel, Samuel Diestel.
Ich bevorzuge aber eher die Anrede Samuel“, sagte er mit leiser,
rauchiger Stimme. Es hatte den Anschein, als würde in diesem Augenblick
ein kalter Luftzug durch den Raum gehen. Dabei verzog er keine Miene.
Sein Gesicht erinnerte an eine Wachsfigur. „Wenn Sie ihr Zimmer ansehen wollen, so sagen Sie
mir einfach Bescheid. Den Schlüssel bekommen Sie ja schließlich auch
noch“. „Aber natürlich“, erwiderte der Fremde. „Ich hätte
gern das Zimmer mit der Nummer sieben wenn es recht ist“, bemerkte
Samuel mit einer Selbstverständlichkeit wie man sie nur selten zu hören
bekommt. „Welch ein Zufall, genau dieses Zimmer ist noch
frei“, sagte Nikolas, was der Wahrheit entsprach. Allein diese
Tatsache machte jenen Mann nicht gerade sympathischer, er wirkte eher
unheimlicher. Samuel hatte es jedoch nicht eilig. Er blieb am Tisch
noch lange sitzen und schien seinen zweiten Kaffee förmlich zu genießen.
Dabei sah er unaufhörlich aus dem Fenster. Langsam hätte man den
Eindruck gewinnen können, dass er dies nur aus einem Grund machte, er
wollte keinen anderen Menschen in der Gaststube anschauen. Dieser
Verdacht stand aber in einem krassen Gegensatz zu dem Selbstvertrauen
von Samuel. Noch lange beobachtete Samuel das hektische Treiben
auf dem Hof und schien dabei auch die wunderschöne Landschaft zu genießen.
Dann ganz plötzlich stand er auf, nahm seine Sachen, begab sich zum
Wirt und gab diesen zu verstehen, dass er sich nun gern auf sein Zimmer
zurückziehen würde. „Ich bringe Sie sofort dorthin, wenn Sie sich nur
einen kleinen Augenblick gedulden möchten, ich muss nur noch den Schlüssel
holen“, ließ Nikolas seinen Gast wissen. „ Geben Sie mir einfach den Schlüssel und machen
Sie sich wegen mir keine weiteren Umstände, ich finde allein dorthin“
bemerkte Samuel zum Erstaunen des Wirtes. So verließ Samuel die Gaststube um sich auf sein
Zimmer zu begeben. Nikolas der Wirt schaute ihn nur verwundert nach, war
dann aber sehr schnell wieder abgelenkt, bedingt durch das Treiben auf
dem Hof. Es war wirklich sehr Nervenzehrend und so hatte er die ganze
Angelegenheit auch schon wieder schnell vergessen. Wie gewohnt verging die Zeit bei der Arbeit wie im
Flug. So dauerte es auch nicht lang und es war bereits wieder Mittag
geworden. Die ersten Gäste betraten bereits die Gaststube und
das essen wurde serviert. Langsam füllte sich der Raum. Obwohl es keine
Tischordnung gab, blieb eigenartiger Weise der Platz von Samuel lehr.
Auch er selbst schien nicht zu erscheinen. Nikolas der Wirt machte sich deshalb aber keine
Gedanken. Sicher ist er eingeschlafen nach der Reise. Wer weiß wie
anstrengend diese für ihn war, dachte er sich. So nahm der Tag seinen Verlauf wie immer und es wurde
Kaffeezeit. Wieder begann die gleiche Prozedur, wieder der gleiche
Ablauf. Wer aber nicht kam war Samuel. Nun begann Nikolas doch
nachzudenken. Jetzt wollte er sich doch Gewissheit verschaffen, schließlich
könnte etwas passiert sein. Er begab sich in den ersten Stock, wo sich
das besagte Zimmer sieben, von Samuel befand. Vorsichtig klopfte er an, aber es kam keine Antwort.
Nikolas klopfte jetzt energischer und lauter, aber auch jetzt blieb eine
Antwort aus. Nachdem er das dritte Mal, ohne Erfolg, geklopft und sogar
gerufen hatte, drückte er behutsam die Türklinke hinunter und öffnete
die unverschlossene Tür. Das Zimmer war leer und so betrat der Wirt den
Raum. Hut und Mantel waren an der Garderobe. Was dem Wirt allerdings
verwunderte, es befand sich kein Gepäck in dem Zimmer. Von einem
Reisenden, zumal wenn er sogar noch Forscher und Schriftsteller war,
sollte man doch annehmen, dass er nicht ganz ohne Gepäck reist. Nikolas schaute sich im Zimmer um, aber wohin er auch
blickte, er konnte nicht das Geringste an Reiseutensilien entdecken. Das
Zimmer war, bis auf den Mantel und den Hut, in genau dem gleichen
Zustand wie vor dem Einzug von Samuel. Auch das Bett war noch im
gleichen Zustand. Er konnte also nicht einmal darauf gelegen haben. Was
also in drei Teufels Namen war hier geschehen. Nikolas verließ das Zimmer wieder und verschloss es
aber mit seinem Nachschlüssel. Wenn jener Herr Diestel wieder
auftaucht, hatte sich der Wirt vorgenommen, ihn darauf anzusprechen.
Schließlich wollte er wissen, was unter seinem Dach geschah. Die weitere Zeit verging mit all den üblichen Tätigkeiten,
nur von Samuel gab es bislang keine Spur. Nikolas konnte nicht
abstreiten, dass ihm die ganze Sache ein wenig unheimlich erschien. Es wurde Abend und die Zeit des Abendessens rückte
immer näher. Zu dieser Zeit musste Nikolas wieder an Samuel denken, und
in gewisser Weise war im dabei überhaupt nicht wohl. Dann aber, mit einem Mal, ging die Tür auf und herein
kam Samuel Diestel. Er trug eine hellgraue Jacke und eine dunkelgraue
Hose. Seine schwarzen Schuhe blitzten wie neu. Nikolas der Wirt war in
diesem Moment total verstört. Was war geschehen? War Samuel ohne Gepäck
angereist und hatte sich jetzt im Dorf alles neu besorgt? Aber was war
mit dem Mantel und den Hut? Es war zu dieser Jahreszeit und gerade am
heutigen Tag recht kühl im Freien. Nikolas konnte sich nicht
vorstellen, dass Samuel den Weg ins Dorf nur mit seine dünne Jacke
gemacht haben sollte. Er hatte auch nicht beobachten können, dass
Samuel den Gasthof verlassen hatte. Er wusste nicht, was er von dieser
Sache halten sollte. Samuel Diestel ging gelassen und entspannt auf seinen
Platz, rief den Wirt an seinen Tisch und bestellte sich vor dem
Abendessen etwas zu Trinken. Der Wirt folgte dem Anliegen von Samuel. Als er ihm
jedoch das Getränk brachte, konnte er sich nicht beherrschen und sprach
Samuel auf seine Erfahrungen des heutigen Tages an. Zuerst dachte er,
dass der Gast erbost reagieren würde, aber der verhielt sich ganz
anders als von Nikolas erwartet. Samuel sah den Wirt freundlich an. Zum ersten Mal
konnte man ein Lächeln auf dessen Gesicht erahnen. „Nun, ich bin erfreut, dass Sie so um mich besorgt
waren. Gleichzeitig hege ich jedoch auch ein gewisses Schuldgefühl. Ich
hätte Ihnen vorher mein Vorhaben berichten sollen, ich hoffe Sie
verzeihen mir meine Nachlässigkeit. Es ist einfach zu erklären. Ich
hatte mich kurzerhand entschlossen diese Reise zu machen. Da ich nicht
wusste was mich erwartet, habe ich mein Reisegepäck erst einmal im Ort
aufgegeben. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich bei Ihnen eine
Unterkunft bekomme. So habe ich vorher mein Gepäck abgeholt und da
dieses schwer war und ich mit dem Mantel ins Schwitzen gekommen wäre,
habe ich ihn zurückgelassen. Im Übrigen ist auch das Schwitzen der
Grund für meine andere Garderobe, da die Reisegarderobe völlig
durchgeschwitzt war“. Der Wirt schien vor Verlegenheit ein wenig rot zu
werden und entschuldigte sich sehr höflich. „Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und das Sie
mir nicht gram sind, aber ich hatte mir wirklich nur Sorgen gemacht“,
sagte er verlegen. Das Gespräch zwischen den beiden war umso schneller
beendet, da nun bereits die ersten Gäste zum Abendessen erschienen, was
Nikolas sehr recht war. Auf diese Weise konnte er sich jenen
Peinlichkeiten entziehen. Der Abend verlief bis auf weiteres wie gewohnt.
Zwischendurch fragte Samuel den Wirt, ob dieser etwas über die
damaligen Geschehnisse wüsste und wenn ja, würde er ihn gern bitten,
ihm etwas darüber zu berichten. Nikolas ließ seinen Gast nur wissen, dass er nicht
allzu viel darüber wüsste, eben nur jene Dinge die sich die alten
Leute im Dorf noch erzählen, er ihm aber gern davon berichten würde,
wenn er denn damit etwas anfangen könnte. „Davon bin ich überzeugt“, antwortete der Gast
und Nikolas ging zunächst seiner Arbeit weiter nach. Als es später wurde, kehrte auch langsam die Ruhe in
der Gaststube ein. Die Gäste wurden weniger und so dauerte es auch
nicht mehr lange und Samuel wie auch Nikolas waren fast allein im Raum. Da es jetzt alles sehr übersichtlich war, kam Nikolas
mit zwei Gläsern Bier an den Tisch von Samuel und meinte: „So, wenn
ich Ihnen nun helfen kann, so will ich das jetzt gern tun, das Bier geht
im Übrigen aufs Haus“. Der Wirt setzte sich an den Tisch seines Gastes und
begann von seinem Wissen um diese Angelegenheit zu berichten. Das Gespräch dauerte länger als Nikolas zuerst
gedacht hatte. Sein Gast Samuel hörte aufmerksam zu, machte sich aber
eigenartigerweise keinerlei Notizen. Hier und da konnte man ein gewisses
blitzen in den dunklen Augen von Samuel erkennen. Es war etwa kurz vor Mitternacht, als Samuel das Gespräch
plötzlich beendete. Er stand auf, bedankte sich mit den Worten: „Sie
haben mir mehr geholfen als Sie vielleicht glauben. Ich kann nur sagen,
es war ein sehr interessantes Gespräch und sehr aufschlussreich. Ich
bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet“. Dann teilte er dem Wirt noch mit, dass er jetzt zu
Bett gehen würde, da es doch ein sehr anstrengender Tag gewesen sei. Er
drehte sich um und verließ die Gaststube. Nikolas hörte noch, wie er
die Treppe zu den Zimmern empor ging. So beschloss auch der Wirt den heutigen Tag zu
beschließen. Er erledigte noch die notwendige Arbeit wie an jeden
Abend, schaltete das Licht aus und ging dann hinüber ins Privathaus zu
seiner Frau. Es war das alte Herrschaftshaus, welches man mit sehr
viel Liebe restauriert hatte und welches wirklich wunderschön aussah.
Im Übrigen handelte es sich bei diesem Haus um das einzige Gebäude,
welches noch in seinem alten Stiel erhalten geblieben war. So gab es dem
gesamten Anwesen das gewisse Etwas. Ein kleiner Vorgarten, der mit einem Jägerzaun, wie
schon damals, abgegrenzt war, verlieh dem ganzen noch eine besondere
Pracht. Gerade jetzt im Mai, wo alles zu grünen begann. Von dem Haus aus hatte man einen guten Blick über den
gesamten Hof bzw. Busbahnhof inklusive des Gästehauses. Nikolas war todmüde und es dauerte auch nur wenige
Minuten bis er in seinem Bett, neben seiner Frau eingeschlafen war. Tief
und traumlos schlief er, friedlich wie ein Baby. Er war nur zufrieden, dass nicht jeder Tag so
anstrengend war, denn dazu war er auch bereits zu alt geworden. Doch man sollte nie vorher rechnen, da dann die
Rechnung häufig nicht aufgeht. So sollte es auch in diesem Fall sein. |
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20.
Kapitel Eine
sehr merkwürdige Nacht
Nikolas
der Wirt hatte keine Stunde geschlafen als ihn eine gewisse Unruhe zu
Plagen begann. Er schlief plötzlich recht oberflächlich, wurde laufend
wach und träumte die seltsamsten Träume. Nach
etwa zwei Stunden konnte er nicht wieder einschlafen. Er konnte sich
seine Unruhe nicht erklären. Draußen war alles ruhig und friedlich, so
machte es jedenfalls den Anschein und doch hatte Nikolas eine gewisse
Ahnung. Eine Art Vorahnung, nur wusste er nicht um was es sich hierbei
handelte. Leise,
um seine Frau nicht zu wecken, stand er auf und ging hinüber zum
Fenster seines Schlafzimmers. Es war eine klare und dunkle Nacht. Es ließ
sich nicht allzu viel erkennen, aber im Gästehaus sah man ein Licht. Es
war kein gewöhnliches Licht. Ein sehr schwaches Licht wie von einer
Taschenlampe. Das Merkwürdige an dieser Angelegenheit war die Tatsache,
dass jenes Licht genau aus dem ersten Stockwerk kam, dort wo die Gästezimmer
sich befanden. Es kam aus dem Zimmer sieben. Jenes Zimmer welches der
Herr Samuel Diestel bewohnte. Dies
sollte nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben, aber kurz danach bewegte
sich das Licht aus jenem Zimmer hinaus und darauf den Gang hin und her. Dann
verschwand es für kurze Zeit um kaum wenige Minuten später im
Erdgeschoss wieder aufzutauchen. Dann hielt es sich zeitweilig im
Schankraum und im Gästeraum auf. Dieser
doch jetzt sehr merkwürdige Vorgang hielt etwa über einen Zeitraum von
45 Minuten an, dann war plötzlich der ganze Spuk vorbei. Noch
eine Weile blieb Nikolas am Fenster stehen um zu beobachten, ob
vielleicht jemand das Haus verließ, was aber nicht geschah. Es konnte
sich also mit angrenzender Sicherheit nicht um Einbrecher oder Ähnliches
handeln. Vielleicht
hat Samuel auch nur die Toilette gesucht, dachte sich Nikolas um im nächsten
Augenblick diesen Einfall doch für sehr dumm zu halten. Dieser Samuel
war schon ein recht merkwürdiger Mensch. Ein wirkliches Vertrauen
konnte man diesem Mann nicht entgegenbringen, ganz gleich wie viel Mühe
man sich auch geben würde. Nikolas
beschloss wieder zurück in sein Bett zu gehen um noch ein wenig Schlaf
zu finden. Morgen war schließlich wieder ein anstrengender Tag. Ich
sollte diesen Samuel etwas mehr im Auge behalten, schaden kann es auf
keinen Fall. Was heißt ich sollte, nein dachte er, ich werde, komme da
was wolle. Ich werde mich nicht von einem merkwürdigen Fremden um den
Finger wickeln lassen und schon gar nicht meinen Schlaf opfern, dachte
sich Nikolas immer wieder. Es
sollte noch eine ganze Weile dauern, bis er doch noch ein wenig Schlaf
finden konnte. Langsam
zweifelte er an seinen Verstand und glaubte am Schluss sogar, ob er die
ganze Sache nicht vielleicht nur geträumt habe. So entschloss er sich
dazu die ganze Angelegenheit auch erst einmal für sich zu behalten und
mit keinem darüber zu reden. Diesen
Samuel jedoch wollte er von nun an etwas genauer auf die Finger schauen.
Sein Gefühl sagte ihm, dass etwas nicht mit diesem Mann stimmt und sein
Gefühl hatte ihn nur sehr selten getäuscht. In
der Gaststube wartete die tägliche Arbeit des Morgens auf ihn. Es war
genau betrachtet eine schwere Arbeit, die einen Menschen ganz und gar in
Anspruch nimmt. Nikolas aber liebte seine Arbeit und er machte sie gern.
So war er stets mit Herz und Seele dabei, wie auch diesen Morgen. So
sehr, dass er zuerst gar nicht bemerkte was überhaupt geschehen war. Erst
als er die Gaststube aufgeräumt hatte und sich gerade auf dem Gang zur
Küche befand sah er etwas, was ihn doch sehr erschreckte, zumal es
keine Erklärung dafür gab. Auf
dem Fußboden des Ganges lag ein schwarzes Huhn dessen Kopf abgetrennt
war. Überall auf dem Flur waren die Spritzer des Blutes von dem Tier.
Sofort begab er sich zur Küche um etwas zur Reinigung zu holen, bevor
die Gäste erwachten und am Ende noch etwas hiervon mitbekommen würden.
Wie würde er wohl dann dastehen? Als
er die Küche betrat wartete bereits der nächste Schreck auf ihn. Auf
den Holzblock zum Fleischschneiden, welcher sich auf dem Küchentisch
befand lag der Kopf des Huhns, festgestochen mit einem großen
Fleischmesser. Eines
war klar, hier war kein Tier am Werk gewesen, dass war die Tat eines
Menschen. Aus welchem Grund auch immer, es war vorsätzlich und
beabsichtigt. Nur welchen Zweck wollte jener Täter damit verfolgen? Und
wer könnte es gewesen sein? Sofort viel dem Gastwirt jener merkwürdige
Samuel ein. Wenn er einem eine solche Tat zutrauen würde, dann diesem
Mann. Aber
was immer er auch hier mit seinem Aufenthalt bezweckte, er würde schon
noch dahinter kommen und ihm dann seine Suppe versalzen, so wahr er
Nikolas hieße. |
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21.
Kapitel Die
Geheimnisse werden immer undurchsichtiger
Es
war gegen
7:00 Uhr als der Gastwirt Nikolas endlich seine erste Arbeit beenden
konnte. In der Gaststube waren die Tische zum Frühstück gedeckt,
alles Weitere war sauber und aufgeräumt. Eine knappe habe Stunde später
kamen die ersten Gäste. Mit viel Gerede und lauten Bemerkungen öffnete
sich die Tür zur Gaststube um die Leute kamen herein und besetzten die
Tische. Zur
gleichen Zeit kamen aber auch bereits die ersten Busse an, welche
wiederum neue Gäste brachten und andere abholten. Einige der Fahrgäste
blieben nur Minuten bis Stunden um Umzusteigen, andere suchten eine
Unterkunft für mehrere Tage. So verlief die Arbeit Tag für Tag, Woche
Für Woche und Jahr für Jahr. Dabei spielte es keine Rolle ob es sich
um einen Wochentag oder Sonntag handelte. Die Tage waren alle gleich.
Nikolas hatte wirklich nur selten Zeit um einmal über sich und seine
Interessen nachzudenken. Daher war auch das Ereignis bereits schon
wieder in weite Ferne gerückt und man dachte nicht mehr mit dem nötigen
Ernst jener gesamten Angelegenheit. Doch
gerade in diesem Augenblick kam Samuel durch die Tür in die Gaststube.
Es war, als würde Nikolas das Blut in seinen Adern gerinnen. Erst
jetzt wurde ihm wirklich klar, dass er überhaupt nicht auf ein
Zusammentreffen mit Samuel vorbereitet war. Er wusste mit
hundertprozentiger Genauigkeit das besagter Herr Diestel zum Frühstück
kommen würde. Wie konnte er nur so naiv sein und sich nicht im
Geringsten auf dieses Zusammentreffen vorbereiten? Was sollte er jetzt
sagen? Was sollte er jetzt Frage? Sollte er dieses Theaterstück einfach
mitspielen? Sollte er den Versuch unternehmen und ihn einfach mit seinem
Verdacht überrumpeln? Nein, dafür war dieser Samuel zu gerissen. Was
also sollte er tun? In
seinem Kopf schwirrte es und ihm wurde plötzlich schlecht. Wie konnte
so etwas nur geschehen, gerade wo er doch in allem so sicher war? Samuel
betrat den Raum mit einer Selbstsicherheit und sogar einer gewissen
Freundlichkeit, dass man ihn fast nicht wiedererkannte. Er sah Nikolas
und winkte ihm freundlich lächelnd zu. Dann nahm er an seinem
angestammten Tisch Platz. Der
Gastwirt überlegte wie er der ganzen Sache Herr werden konnte und
entschloss sich dann erst einmal auf Zeit zu setzen. Er hatte kein
Konzept, worüber er sich selbst am meisten ärgerte, dies aber nun
einmal nicht ändern konnte. Also war die einzige Möglichkeit auf eine
günstige Gelegenheit zu warten. Nikolas vertraute darauf, dass sich
jene Gelegenheit bestimmt bieten würde, dann aber musste er genau
wissen wie er vorzugehen hat. So
begab er sich an den Tisch von Samuel und teilte ihm freundlich mit,
dass er gleich für ihn da sein werde. Es sei heute nur ungewöhnlich
viel zu tun. Samuel
lächelte ihn an und bemerkte: „Nur keine Eile, ich werde bestimmt
nicht verhungern oder den Tod des Durstes sterben“. Nikolas,
dem Platzen nahe, begab sich in die Küche. Dort holte er, gegen seine
Gewohnheiten, eine Flasche mit Brandwein aus dem Regal, goss sich ein
gutes Glas voll und trank dieses mit einem Zug aus. Obwohl es ihm seinen
Hals und Mund zu verbrennen schien, konnte er erstmalig tief durchatmen.
Zwei Minuten später fühlte er sich bedeutend besser um diese Prozedur
gleich einmal zu wiederholen. Nur nahm er etwas weniger von dem
Brandwein. Jetzt ging es ihm bedeutend besser. Für einen kurzen Moment
hätte er sofort zu jenem besagten Herrn Samuel Diestel herausgehen können
um diesen feinen Herrn zur Rede zu stellen. Aber
er sah sehr schnell von diesem Vorhaben ab. Das letzte was er jetzt noch
hätte gebrauchen können, wäre ein Fehler gewesen, einen Fehler den er
in seinem jetzigen unüberlegten Zustand garantiert machen würde. So
atmete er noch einmal tief durch, verschloss die Flasche wieder und
stellte dieselbe zurück ins Regal. Dann begann er damit, wieder seine
alltägliche Arbeit aufzunehmen, so als wäre nie etwas geschehen. Als
er die Küche wieder verließ begab er sich zu dem Tisch an welchem
Samuel saß, um dessen Bestellung aufzunehmen. Noch
einmal begrüßte er ihn sehr freundlich und fragte nach seinen Wünschen. „So
früh bereits schon Alkohol und dann noch so etwas starkes“? Samuel
lachte den Wirt diskret an. „Haben Sie etwa Sorgen mein Lieber? Wenn
ich Ihnen in irgendeiner Weise helfen kann, so lassen Sie es mich
wissen, ich werde tun was mir möglich ist“. Nikolas
hätte beinahe etwas gesagt, konnte aber die Worte gerade noch unterdrücken. „Nein,
ich hatte nur eine sehr unruhige Nacht und einen schlechten Anfang heute
Morgen“ erwiderte er. „Nun,
dann hoffe ich, dass es Ihnen bald wieder besser geht. Ich hätte gern
einen großen Milchkaffee und zwei Brötchen sowie zwei gekochte
Eier“. Nikolas
begab sich zurück in die Küche. In gewisser Weise war er mit sich plötzlich
zufrieden. Hatte er sich doch beherrschen können und dennoch den Stein
mit einem leichten Anstoß ins Rollen gebracht. Was jetzt wohl in Samuel
seinen Kopf vorgehen mag? Er war sogar ein wenig stolz auf sich selbst,
was seiner Laune zugutekam und er wieder mit altem Schwung seiner Arbeit
nachging. In
der Zwischenzeit war auch die Frau des Wirtes mit den Zimmerarbeiten
fertig geworden und kam nun zu ihrem Mann in die Küche um ihm zu
helfen. Die
zwei betrieben schon sehr lange fast ganz allein den Gasthof, was
sicherlich für beide sehr schwer war. Doch sie wollten es nicht anders. Für
die handwerklichen Arbeiten, wie auch das Personal für das Gepäck und
sonstigen Dingen waren jedoch extra Arbeiter eingestellt. Die Küche und
die Gaststube jedoch war das Reich der beiden. Für
einen Augenblick überlegte Nikolas ob er seiner Frau seine nächtlichen
Erlebnisse sowie jene morgendliche Überraschung mitteilen sollte, doch
er endschied sich dies dann doch zu unterlassen, da sie sich nur Sorgen
machen würde. So
verlief der gesamte Morgen, wie auch das Frühstück perfekt. Man konnte
zufrieden sein. Einen kleinen Wermutstropfen gab es jedoch noch zum
Schluss. Als Samuel die Gaststube verließ und an Nikolas und seiner
Frau dabei zwangsläufig vorbei kam sagte er kurz zu Nikolas: „Denken
Sie an mein Angebot mein Lieber Freund, wenn ich Ihnen in irgendeiner
Weise helfen kann, lassen Sie mich es wissen. Es ist mir wirklich ernst,
sonst werden Sie mir noch zum Alkoholiker“. Dann verließ er den Raum. „Wie
soll ich denn das verstehen“? Die Frau des Wirtes sah ihn bei ihrer
Frage mit großen Augen an. „Was will dieser Mann von Dir, wer ist er
überhaupt und was für Sorgen hat er gemeint“? Nikolas
wollte seine Frau nicht belügen, und so erzählte er ihr, als der
letzte Gast den Raum verlassen hatte, die ganze Geschichte. „Aber
was sollte er damit bezwecken? Woher willst Du überhaupt wissen, dass
er es war? Hast Du ihn gesehen“? „Fragen
über Fragen. Das ihr Frauen nicht einmal die Dinge klar kombinieren könnt.
Wer sollte es denn sonst sein? Schau ihn Dir doch bloß einmal an. Er
strahlt doch das Böse förmlich aus“. Nikolas schien außer sich vor
Zorn, warum hatte seine Frau niemals Vertrauen zu seinen Gefühlen? Es
sollte aber nicht zum Streit kommen. Im Grunde wussten die beiden ja was
sie aneinander hatten. So machten sie sich gemeinsam an die Arbeit und
bereiteten die Gaststube für das Mittagsmal vor. Obwohl sie beide ein
eingespieltes Team waren, war die Arbeit anstrengend, aber nach
zweieinhalb Stunden war es geschafft. Das
Ehepaar des Gasthofes wollte sich nun für eine halbe Stunde in ihr
privates Häuschen begeben um ein wenig auszuruhen. Sie
überquerten den Hof des Busbahnhofes, überschritten die Wiese, öffneten
das Gartentor des kleinen Zaunes und begaben sich zur Haustür. Sie
wollten nur für einen kurzen Augenblick abliegen und die Ruhe genießen,
als beide plötzlich wie angewurzelt stehen blieben. Ihre Augen waren
weit aufgerissen als hätten sie gerade einen Geist gesehen. Keiner von
beiden brachte in diesem Moment auch nur ein Wort heraus. Das Entsetzen
stand in ihren Gesichtern geschrieben. Vor
ihrer Haustür lagen zwei schwarze Hühnerfedern gekreuzt. Sie schienen
von dem Huhn zu sein, welches Nikolas am Morgen in der Küche enthauptet
gefunden hatte. Aber
das sollte noch lange nicht alles sein, ganz im Gegenteil, der Schreck
sollte noch größer werden. Die
Frau von Nikolas hob die Federn auf und warf diese auf den Kompost. Dann
kehrte sie zu ihrem Mann zurück und sie schlossen schweigend und
gemeinsam die Haustür auf. Ein
Schrei kam aus dem Mund der Frau. Im Gang des Einganges im Inneren des
Hauses lag eine weitere schwarze Hühnerfeder. Die
beiden Eheleute standen wie vom Blitz gerührt. Hier hörte jeder Scherz
auf. Selbst wenn es sich wirklich nur um einen sehr makaberen Ulk
gehandelt haben sollte, oder wenn jemand, aus irgendeinem Grund, Nikolas
Angst einjagen wollte, hier ging dieser Unbekannte zu weit. Im
gleichen Augenblick wurde dem Gastwirt auch bewusst, dass jener
Unbekannte in das verschlossene Haus eingedrungen ist, und dass ohne
eine Spur zu hinterlassen. Allerdings sagte er seiner Frau nichts von
dem Gedanken. Er wollte ihr nicht noch mehr Angst einflößen, als sie
ohnehin bereits hatte. Aber es war ihm durchaus klar geworden, dass er
jetzt unverzüglich Handeln musste. Dies hier war kein Spaß mehr, jenes
Ereignis war der teilweise Anfang eines sehr gefährlichen Spieles,
dessen Ausgang er gar nicht erst in Erwägung ziehen wollte. Diesmal
ging Nikolas in die Wohnung voraus und hob die Feder auf. Dabei sprach
er kein Wort. Auch hielt er jene Feder verdeckt um diese zu entsorgen,
um so wenig wie nur möglich seine Frau damit zu belasten. Dann
betraten beide endgültig das Haus. Der Gasthofbesitzer hatte dabei
weder Angst noch Bedenken. Er war sich sicher, dass jener Täter nicht
mehr im Haus war und, dass es auch keine weiteren unangenehme Überraschungen
geben würde. Dies
war nur das Vorspiel des großen Unbekannten. Es glich dem Spiel einer
Katze, welche eine Maus gefangen hat und sich ihrer sicher war. Ebenso
sicher war er sich aber auch über die Tatsache, dass nach diesem
Vorspiel der eigentliche Auftritt noch bevorstand. Fraglich war nur, wie
lange diese Vorspiele anhalten würden in wie das eigentliche Ziel des Täters
aussah. Nikolas überlegte, ja er zermarterte sich geradezu sein Gehirn,
aber er konnte keinen Grund hierfür finden. Es gab keine Konkurrenz,
keine Feinde und er hatte auch niemals im Leben jemanden etwas
Schlechtes angetan. Seine Frau kannte er fast seit seine Kindheit. Auch
auf sie konnte man es nicht abgesehen haben, jedenfalls gab es keinen
ersichtlichen Grund. Auf
jeden Fall war es mit der vormittäglichen Ruhe vorbei. Die beiden
legten sich auf ihr Bett, sprachen aber kein Wort miteinander. Jeder
wollte Rücksicht auf den anderen nehmen. Auch brachte es keiner der
beiden zustande die Augen zu schließen. Nicht wirklich aus Angst, aber
es war schon eine außergewöhnliche Situation. Immer
wieder dachte Nikolas daran, dass er so schnell wie nur möglich etwas
unternehmen müsste, nur was. Die Polizei wollte er noch lange nicht
hinzuziehen. Die würden nur unnötigen Staub aufwirbeln und am Ende
sein Image schaden. Wenn
er doch nur den Grund für dieses ganze Szenarium kennen würde, dann könnte
man jener Person vielleicht eine Falle stellen, aber er stand mit leeren
Händen da. Er konnte mit Recht behaupten, wirklich nichts zu wissen. Über
das ganze Nachdenken hatten die beiden die Zeit vollkommen vergessen. Es
war bereits Mittag und die ersten Gäste würden sich sicherlich bereits
wundern was wohl geschehen ist. Schnell
sprangen die beiden hoch und eilten zum Gasthof hinüber. Es war nur
gut, dass sie bereits die gesamte Vorarbeit erledigt hatten. Ohne
nachzudenken begab sich die Frau sofort in die Küche. Nikolas begab
sich in die Gaststube, die schon sehr gut besetzt war, um die ersten
Bestellungen aufzunehmen. Auch Samuel war bereits an seinem Tisch und
las eine der Zeitungen, welche zu diesem Zweck an der Wand, gleich neben
der Garderobe hangen. Er wirkte, ganz im Gegensatz zu Nikolas, entspannt
und dennoch sah man ihm eine gewisse Aufmerksamkeit an. Es war eine ganz
besondere Art von Aufmerksamkeit, die mit den normalen Interessen nichts
zu tun hatte. Der
Gastwirt nahm seine ersten Bestellungen auf und verschwand darauf sofort
in der Küche. Gleich darauf kam er zurück und jene Prozedur
wiederholte sich. So ging es hintereinander. Zwischendurch brachte er
die bestellte Ware an die zuständigen Tische. Nach
ungefähr 15 Minuten kam er auch zu Samuel an den Tisch. „Ich
muss mich für die heutige Hektik entschuldigen, aber dieser Tag ist
wohl nicht der Meine, ein einziges Durcheinander“, bemerkte er als
eine Art der Entschuldigung. „Aber
ich bitte Sie, mein lieber Freund, Sie brauchen sich doch nicht zu
entschuldigen. Jeder hat mal einen nicht so guten Tag“. Er lächelte
Nikolas freundlich dabei an. Was
für ein Schauspieler, dachte der Wirt. Wenn ich es nicht besser zu
Wissen glaubte, so würde ich wahrlich annehmen, dass dieses Lächeln
ehrlich gemeint war, genau wie seine Worte. Für
den Bruchteil eines Augenblickes spielte er sogar mit dem Gedanken, an
seinem Verdacht zu zweifeln. Doch im selben Moment wurde er sich der
Situation wieder im Klaren. Er durfte keinen Fehler machen. Es lastete
eine große Verantwortung auf seine Schultern. Eine Verantwortung,
welche unter Umständen sogar über Leben und Tod entscheiden könnte. Aber
diese Begegnung hatte auch ihre gute Seite. Es war jener leichtsinnige
Gedanke, der ihn eigentlich auf eine perfekte Idee brachte. Es war zwar
ein Spiel mit dem Feuer, aber was blieb ihm anderes übrig, er hatte
keine bessere Wahl. Umso
mehr er darüber nachdachte, umso mehr war er von der Genialität seines
Planes überzeugt. Was
wäre, wenn er sich jenem Samuel anvertrauen würde? Hatte Samuel nicht
selbst zu ihm gesagt, dass er, wenn er Hilfe brauche, sich jederzeit an
ihn wenden könne? Warum sollte man seinen möglichen Feind nicht zu
einem Freund machen? Er würde sich so in Sicherheit wiegen und mit
angrenzender Sicherheit schon bald einen Fehler machen. So
wollte er, Nikolas, die Sache angehen. Die
Mittagszeit verlief ohne weitere Zwischenfälle. Gegen etwa 14:00 Uhr
hatten so gut wie alle Gäste die Gaststube des Hofes verlassen. Draußen
jedoch ging das geschäftige Treiben ohne Unterbrechung weiter. Busse
sowie deren Fahrgäste kamen und gingen. Es war ein stetiges hin und
her. Nur
Samuel war noch in dem Speisezimmer bzw. der Gaststube anwesend. Es
machte den Anschein, als würde er seine Zeitung vertieft weiterlesen.
Wer ihn aber etwas besser kannte und genau beobachtete erkannte, dass er
in Wirklichkeit sein Umfeld ganz genau beobachtete. Man hatte das Gefühl,
als würde ihm nichts entgehen. Jetzt
sah Nikolas seine Gelegenheit gekommen. So nahm er all seine Kraft
zusammen und begab sich an den Tisch des mysteriösen Herrn Diestel. „Sie
werden entschuldigen“, begann er mit seiner Rede. „Darf ich Sie zu
einem Verdauungskaffee oder einen guten Brandwein einladen? Ich will
ganz ehrlich sein. Diese Einladung hat einen Hintergrund, der mir nicht
leicht zu erklären fällt. Sie
habe einmal gesagt, dass wenn ich ihre Hilfe gebrauchen könnte, diese
jederzeit in Anspruch nehmen kann. Es ist im Grunde vielleicht nichts
besonderes, dennoch würde ich gern Ihre Meinung dazu hören. Wenn es
Ihnen jedoch nicht recht ist, so wäre das auch in Ordnung“. „Aber
nein mein Lieber, ganz im Gegenteil, Ihr Vertrauen ehrt mich
zutiefst“, bemerkte Samuel und machte dabei einen sehr interessierten
Eindruck. Während
Nikolas für jeden der beiden einen Kaffee und einen Brandwein holten,
faltete Samuel seine Zeitung sorgsam zusammen und wartete geduldig, bis
sich Nikolas zu ihm an den Tisch gesetzt hatte. „Was
kann ich für Sie tun, oder besser gesagt, wie kann ich Ihnen helfen“?
fragte Samuel und wollte damit dem Wirt etwas Mut machen. Nikolas
erhob sein Glas mit dem Brandwein du lehrte dieses darauf mit einem Zug.
Darauf seufzte er tief und begann etwas zögerlich jene merkwürdige
Geschichte zu erzählen. Es versteht sich von selbst, dass er hierbei
nicht im Geringsten erwähnte, dass er jenen Samuel, der ihm gerade zuhörte,
damit in Verbindung brachte. So berichtete er die gesamte Angelegenheit,
beginnend mit dem Huhn und dessen Kopf, bis hin zu den Federn. Auch ließ
er die eine Feder nicht aus, die er in seinen privaten Räumen, welche
verschlossen waren und zu denen nur er und seine Frau Zutritt hatten,
aufgefunden hatte. Diese Sache machte ihm schließlich die größten
Sorgen. Wenn ein Fremder, ohne sein Wissen oder seine Zustimmung, sich
Zutritt zu seinen verschlossenen Räumen verschaffen konnte, sogar in
einer Weise, die keine Spuren hinterlassen hatte. Entweder
war er ein außergewöhnlich guter Schauspieler, oder er hatte wirklich
nicht das Geringste mit dieser ganzen Geschichte zu tun, dachte Nikolas
so bei sich. Langsam kamen ihm selbst Zweifel, ob er diesem Samuel nicht
Unrecht getan hatte, als er ihn verdächtigte. „Worauf
es jetzt in erster Linie ankommt, ist herauszufinden was der Unbekannte
damit bezweckt und welche Absichten er im Gesamten hat. Wir müssen
einfach versuchen seinen nächsten Schritt zu erahnen um im ein kleines
Stück voraus zu sein“, schlug er weiter vor. „Ich
betrachte es als selbstverständlich, Ihnen nicht nur zu helfen, sondern
in jeder möglichen Richtung zu unterstützen wo immer ich kann“. Sie
saßen zusammen und während sie ihren Kaffee tranken, diskutierten die
beiden darüber, wie man nun weiter vorgehen sollte. Als
er mit seiner Frau, welche sich gerade in der Küche befand, darüber
redete, machte auch sie einen erleichterten Eindruck. Es hatte den
Anschein, als könne man erkennen, wie eine sehr große Lasst von ihr
abfiel. Auch sie war sich sicher, dass ihr Mann das Richtige getan
hatte. |
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22.
Kapitel Täuschung
oder berechtigte Vermutung Eines
war jedoch wie immer. Es war die Zeit. Für sie gab es keine
Unterschiede oder Gefühlsebenen, sie verlief immer im gleichen
Rhythmus. So rückte auch an diesem Tag der Abend immer näher und
Nikolas musste zusehen, dass er seine Arbeit schaffte. So war er
zunehmend immer mehr mit seiner Arbeit beschäftigt und kam nur noch
selten zum Nachdenken. Irgendwann
war es dann soweit und die Zeit zum Abendessen war gekommen. Nikolas
wusste nicht wie er und seine Frau es geschafft hatten, aber es war
alles zum richtigen Zeitpunkt fertig, und dass in einer wunderbaren
Vollkommenheit die man nur bewundern konnte. Ohne
dass man sich darüber überhaupt bewusst geworden wurde, war es bereits
18:30 Uhr und die ersten Gäste betraten, so wie immer, mit viel und
lautem Gerede, die Gaststube. Der
Wirt begann das Abendessen zu servieren und kümmerte sich dabei noch um
die Getränke. Er hatte seine Sorgen vollkommen verdrängt, da er in
jeder Hinsicht keine Zeit dafür gehabt hatte. Es
viel ihm am heutigen Tag ohnehin schwer sich auf etwas zu konzentrieren.
Er war nicht fähig auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Was
ihm allerdings doch noch auffiel, war die Tatsache, dass, obwohl es
bereits die 19:00 Uhr schon weit überschritten hatte, Samuel noch immer
nicht erschienen war. Er war sonst immer einer der Ersten. Nikolas
machte sich ernsthafte Sorgen, dass Samuel etwas zugestoßen sein könnte.
Wollte er sich nicht umschauen? Letztlich wusste der Wirt nicht das
Geringste über Samuel, weder wer er war noch was er hier wollte. Sollte
sich es hierbei wirklich um einen Zufall handeln oder steckte mehr
hinter der ganzen Angelegenheit als er annahm. Es
war kurz vor 20:00 Uhr und die meisten Gäste waren bereits gegangen.
Nur noch einige hielten sich bei einem Getränk in der Gaststube auf.
Als die Tür zu jenem Raum sich öffnete und Samuel heil und gesund
hineinkam, fiel Nikolas im wahrsten Sinne des Wortes ein Stein vom
Herzen. Am liebsten hätte er vor Freude einen Luftsprung gemacht,
konnte aber seine Gefühle unterdrücken. So merkte man dem Wirt nichts
an. Dieser konnte sich wiederum nicht erklären warum er für diesen
fremden Menschen so viel empfand, wo er ihn doch zuvor noch sonst etwas
hätte wünschen können. Soweit er sich auch zurückerinnerte, es gab
zuvor keinen Menschen (seine Frau und auch seine Eltern usw.) in seinem
Leben, dem er derartige Gefühle entgegengebracht hatte. Aber jetzt
hatte er ohnehin keine Lust darüber nachzudenken. Er war erleichtert
und genoss ganz einfach seine Freude. Schon
vom Weiten winkte er Samuel zu und dieser begab sich auch auf direktem
Wege und ohne Umschweife zu seinem angestammten Tischplatz wo Nikolas
bereits wartete. Fast
könnte man die darauffolgende Begrüßung als herzlich bezeichnen, wenn
es sich hier nicht um erwachsene Männer gehandelt hätte. „Ich
hatte mir bereits Sorgen um Dich gemacht, was war geschehen, dass Du
erst jetzt aufgetaucht bist“, fragte der Wirt jenen fremden Gast von
dem er eigentlich gar nichts wusste. „Da
fühle ich mich aber wirklich gerührt“, antwortete Samuel. Er setze
sich an den Tisch und bat den Wirt erst einmal um ein großes Bier. Ohne
weiter nachzufragen eilte Nikolas los und holte Samuel sein Bier. Mit
einem großen Schluck löschte dieser erst einmal seinen Durst um dann
seinen Bericht vorzutragen. „Du
glaubst gar nicht was mir alles wiederfahren ist. Ich sagte doch am
Mittag noch, ich werde mich ein wenig umschauen. Nun, aus dem wenig ist
dann aber, bedingt durch viele Zusammenhänge aber sehr viel mehr
geworden. Also, zuerst habe ich mir einmal Deinen Hof betrachtet. Im Übrigen
ist dies wirklich ein sehr schönes und ich glaube auch sehr wertvolles
Anwesen. Dann habe ich mit den einen und anderen der Bedienstete sowie
der Gäste, die bereits mehrmals hier gewesen sind, unterhalten. Keine
Angst, es war eine eher lockere Plauderei, bei der ich jedoch einiges in
Erfahrung bringen konnte. Darauf entschloss ich mich direkt in die
Ortschaft zu gehen. Dort suchte ich die drei Gasthöfe auf, welche sich
dort befinden. In dem einen hatte ich Glück. Es war jener Gasthof,
indem sich noch der sogenannte alte, harte Kern dieser Gegend befindet.
Menschen die, auf Grund ihres Alters, von der guten alten Zeit leben.
Das bedeutet, sie kennen sich mit der Geschichte des Ortes recht gut
aus. Denen schloss ich mich an, und nach der dritten Einstiegsrunde
wurde ich anerkannt und die Leute begannen so einiges zu berichten. Natürlich
kann man nicht alles für bare Münze nehmen, da jeder die beste
Geschichte kennen möchte, aber es war eine wahre Fundgrube. Wenn auch
nur in Form von Bruchstücken, so kann ich doch behaupten, dass ich gut
und gern die letzten sechshundert Jahre des Ortes kennengelernt habe.
Ich wollte zuerst überhaupt nicht glauben, dass Dein Hof eine solch
spannende Geschichte aufzuweisen hat. Scheinbar hat es hier schon immer
eine gewisse Art von Ärger gegeben. Wusstest Du eigentlich, dass dieser
Hof verflucht ist? Ja, ehrlich, und damit hat sogar alles angefangen.
Dieser Hof hat sogar im Laufe der Zeit einigen Menschen ihr Leben
gekostet, und dass waren nicht gerade wenige. Selbst bis tief hinein in
die Nachbarortschaften hatte dieses Anwesen seine Auswirkungen getragen.
Ich kann nur sagen, im Augenblick wundert mich überhaupt nichts
mehr“. Nun
machte Samuel erst einmal eine Redepause, lächelte Nikolas stolz an und
trank noch einen großen Schluck aus seinem Glas. „Nun,
es gab immer viel Gerede um diesen Hof, nur habe ich mich nie wirklich
darum gekümmert. Schließlich weiß man doch wie die Leute auf dem Land
reden. So kann ich also mit Recht behaupten, so gut wie nichts über
diesen Hof zu wissen, zumindest keine Geschichte vor meiner Zeit. Wenn
ich ehrlich bin, so hat mich dies auch nie interessiert“, erwiderte
der Wirt. „Aber ich bin mir schon sicher, dass sich so manche
Spukgeschichte um dieses Anwesen rangt“. Samuel
berichte von dem Fluch und wie dieser zustande gekommen ist, sowie auch
von den Morden und der umstrittenen Aufklärung. Leider
haben all diese vielen Geschichten, im Laufe der Zeit, einen ganz
anderen Charakter bekommen. Ein genauer Verlauf jener Geschichten war
also nicht mehr möglich, dafür hatten die Zeit, sowie die Phantasie
der Leute gesorgt. „Wir
befinden uns so gesehen so gut wie am Anfang“, betonte Samuel. „Wir
müssen nach einem anderen Weg suchen. Alles noch einmal von vorn
aufrollen und dabei jeden unter Verdacht nehmen, der sich in der letzten
Zeit hier aufgehalten hat oder noch aufhält. Das Motiv ist das
wichtigste Detail für einen Anfang unserer Ermittlungen“. In
diesem Punkt waren sich Nikolas wie auch Samuel einig. Nikolas wollte
noch einmal die Gästeliste der letzten drei Monate auf eventuelle Auffälligkeiten
durchgehen und Samuel beschränkte sich intensiv auf jene Leute, die
sich zur Zeit hier aufhielten. Samuel war sich sicher, dass nichts ohne
einen Grund geschah. Es musste einen Zusammenhang zwischen jetzt und der
alten Geschichte bestehen, doch welcher? An
diesem Abend gab es zwischen den beiden nur das eine Thema. Erst gegen
23:00 Uhr trennten sich die zwei Männer und begaben sich zu Bett. Es
war nicht nur für die beiden sondern auch für die Frau von Nikolas
eine recht unruhige Nacht, bis endlich für das Gastwirtehepaar gegen
05:00 Uhr der Morgen und damit ein neuer Tag anbrach. Der
Tag verlief wie jeder andere zuvor. Auch fand Nikolas, bei seinen
Vorbereitungen zum Frühstück, keine Zeit zum Nachdenken. Er hatte sich
jedoch vorgenommen, gleich nach dieser Arbeit, jene Gästelisten
durchzugehen. Das
Frühstück selbst verging wie im Flug. Keiner der beiden Männer konnte
sagen, ob es nun wirklich so kurz war, oder ihnen die Zeit nur so
schnell vergänglich erschien. Als,
so etwa gegen 11:00 Uhr das Frühstück beendet war und alle Gäste die
Gaststube verlassen hatten, setzten sich Nikolas und Samuel zusammen. Diesmal
war auch die Frau von Nikolas, deren Name „Erika Brauner“ war, mit
dabei. Sie hatte ihrem Mann gesagt, dass es für sie unerträglich wäre,
von all den Geschehnissen nichts zu wissen. Auch sie hätte schließlich
das Recht zu erfahren, worum es hier eigentlich ging. Ein Argument, dem
Nikolas, ihr Gatte, nichts entgegenzusetzen hatte. Samuel begrüßte
diese Entscheidung mit den Worten: „Drei Gehirne und sechs Augen sowie
Ohren erbringen mehr als nur die, der zwei Männer. Zudem glaubte er
daran, dass Frauen sowieso eine weit bessere Intuition hatten als Männer. Nikolas
begann mit seinem Bericht als erster. Die Personen, welche diesen
Busbahnhof passierten, kamen aus aller Herren Länder. Zudem war man
sosehr mit seiner eigenen Arbeit involviert, dass einem etwaige
Besonderheiten der Reisenden, gleich ob diese einige Tage blieben oder
noch am selben Tag weiterfuhren, nicht auffallen würden. Dennoch,
Nikolas konnte sich wage an einen Gast erinnern, der vor ca. zwei Wochen
ankam und etwa zehn Tage blieb. Dann fuhr er weiter. Es wurde aber
berichtet, dass man ihn auch weiterhin in der Gegend gesehen hat, bis
zum heutigen Tag. Es
gab nicht außergewöhnliches an ihm zu beanstanden. Er hatte eine etwas
dunkle Hautfarbe und sprach einen merkwürdigen Akzent. Woher er aber
kam wusste keiner. Über die Art wie er sich aufführte kann auch keiner
etwas sagen. Nur so viel, dass er sich so gut wie für alles hier
interessierte. Über sich selbst hat er nicht geredet, aber er gefragt
hat er viel. Ansonsten
konnte ich nichts finden. Ich glaube jedoch, dass es noch mehr derartige
Menschen gibt, sie fallen einfach nicht auf. Erika
war überhaupt nicht aufgefallen. Dies war auch kein Wunder, war sie
doch mehr in der Küche und den Gästezimmern, als unter den Menschen
direkt. „Nun
gut“, entgegnete Samuel, „dann müssen wir jetzt eben dreimal so
wachsam sein. Wir sollten uns die Arbeit aufteilen. Jeder von uns übernimmt
eine bestimmte Aufgabe, um die er sich ausschließlich ganz allein kümmert.
Am Abend werden wir dann immer gemeinsam Bericht erstatten“. Samuel
wollte damit verhindern, dass das Durcheinander noch größer wird und
man jeglichen Überblick verliert. So wurde es dann auch beschlossen. Samuel
sollte sich in der Presse orientieren und die nahe Umgebung beobachten
und nach Auffälligkeiten befragen. Erika
sollte das Gasthaus genau im Auge behalten. Das wichtigste hierbei waren
die Zimmer, deren Reinigung auch zu ihren Arbeiten gehörte. Letztlich
hatte sie eine Generalschlüssen für all diese Zimmer und konnte so
unbemerkt während ihrer Arbeit, sich etwas genaue umsehen. Nikolas
war für alles was auf den gesamten Hof geschah verantwortlich. Für
jede Person, gleich ob diese blieb oder nur umstieg. Selbst wenn sie nur
ein paar Minuten oder wenige Stunden hier verweilen würde, nichts
sollte ihm entgehen. Eine bestimmt nicht beneidenswerte Aufgabe. Es
war Zeit sich um das Mittagsmahl zu kümmern. Gegen Abend wollte man
sich noch einmal zusammensetzen um die genauen Details zu besprechen. Noch
als man sich vom Tisch erhob, fragte Nikolas so ganz nebenbei und ohne
sich dabei etwas zu denken: „Samuel, ich weiß noch immer nicht was Du
für einen Beruf hast. Da ist man so vertraut miteinander und kennt den
anderen so gut wie gar nicht“. Samuel
schmunzelte und antwortete Nikolas auf seine Frage: „Ich reise zwar
als Journalist, bin aber in Wirklichkeit bei der Kriminalpolizei, bei
einer Sonderkommission. Aber sage dies bitte nicht weiter. Ich dachte,
Du hättest es bemerkt“. Er
ließ Nikolas, so verdutzt wie er dreinschaute einfach stehen und ging
laut lachend davon. Nikolas
hingegen war wie versteinert. War dies nun ein Scherz oder entsprach es
der Wahrheit? Erst nach einer kurzen Weile des Verarbeitens ging er
hinaus auf den Hof um nach dem Rechten zu sehen. Noch immer wusste er
jedoch nicht ob er dieser Antwort von Samuel Glauben schenken sollte
oder nicht. Aber immerhin könnte es den Tatsachen entsprechen, wenn man
bedenkt wie dieser Samuel vorging. Dann
jedoch gab es wichtigeres auf dem Hof zu tun und von den Überlegungen
blieb nichts mehr übrig. Hier bei der Arbeit gab es genug an Problemen
und Schwierigkeiten, die seine gesamte Aufmerksamkeit erforderten. So
dauerte es auch nicht lange und es war bereits Zeit um den Gästen das
Mittagsmahl zu servieren. Alles lief wie immer. Es gab nichts, was sich
von einem anderen Tag unterschieden hätte. Bis zu dem Zeitpunkt, als
ein gewisser Samuel die Gaststube betrat. Nikolas
sah Samuel und ging zu seinem Tisch, an dem er platzgenommen hatte hinüber.
Es fiel ihm sofort auf, dass Samuel etwas auf dem Herzen hatte, er
musste etwas herausgefunden haben. Als
der Wirt an den Tisch trat um die Bestellung aufzunehmen, sah Samuel ihn
sehr ernst an und bemerkte: „ Eigentlich ist mir der Appetit
vergangen, dennoch werde ich etwas kleines nehmen. Wusstet Ihr
eigentlich, dass Ihr auf einem unglücklichen Pulverfass Eure Zukunft
aufgebaut habt“? Nikolas
der Wirt schluckte schwer. Noch bevor er jedoch weiterfragen konnte,
sagte Samuel zu ihm: „Wir
werden heute Abend, wie ausgemacht darüber reden, es ist jetzt nicht
die Zeit dafür“. Samuel gab seine Bestellung auf. Er war nicht jener
Samuel wie Nikolas ihn zu kennen glaubte, doch was war geschehen? Es gab
im Augenblick keine andere Möglichkeit, als bis zum Abend abzuwarten. Weder
Nikolas noch seine Frau Erika bemerkten wie schnell die Mittagszeit vorüberging.
Gegen 15:00 Uhr lehrte sich die Gaststube wieder. Für die zwei gab es
nun genug zu tun. Samuel
wandte sich an Nikolas um ihm mitzuteilen, dass er sich noch einmal in
der Umgebung umsehen wolle, da ihm dort etwas aufgefallen war, was er
doch noch einmal etwas genauer auf den Grund gehen wollte. Er wisse noch
nicht genau wann er wieder zurück sein würde, aber bis 19:00 Uhr dürfte
er es geschafft haben. Samuel verhielt sich sehr merkwürdig und
geheimnisvoll. Er gab jedoch keine Auskunft darüber, welchem Geheimnis
er auf der Spur war. So
verabschiedete sich Samuel und verließ auch die Gaststube. Nun war nur
noch das Wirtshausehepaar anwesend. In gewisser Weise wirkten sie einsam
und alleingelassen. Wenn sie doch nur wüssten, worum es bei all den
Vorkommnissen ging, aber die beiden hatten nicht die geringste Ahnung,
was die ganze Angelegenheit nicht gerade einfacher machte. Während
Erika, die Frau des Gastwirtes, den Nachmittag wie stets mit den Säuberungsaktionen
sowie den Vorbereitungen des Abendessens verbrachte, dachte sie immer
wieder an jene merkwürdigen Ereignisse. Was sollte es damit auf sich
haben? Was wurde damit bezweckt? Wer hätte etwas davon und vor allem
was hätte derjenige von diesen Aktionen? Sie
waren einfache und fleißige Menschen. Solange sie hier auf dem Hof
lebten, hatten sie schwer gearbeitet, niemals einen Urlaub machen können
und Vermögen war ihnen nicht vergönnt. Es reichte gerade so zum Leben.
Ein sehr einfaches Leben, indem sie niemals einem anderen Menschen ein
Leid zugefügt haben. Warum also musste ihnen so etwas zustoßen, womit
hatten sie dies verdient? Das Leben war eben nicht gerecht. Nikolas
war mit der Arbeit auf dem Hof sowie der Organisation mit dem Busbahnhof
beschäftigt. Es erging ihm aber nicht viel anders als seiner Frau
Erika. Auch ihn quälten Gedanken gleicher Art. Der Unterschied hierbei
lag eigentlich nur in der Auffassung. Er war entgegen seiner Frau sehr
erbost. Hatte er sich zwar sein Leben nicht unbedingt rosig vorgestellt,
so aber nicht. Er
glaubte noch an jenes Muster, dass man mit guter und ehrlicher Arbeit
auch im Leben etwas Gutes erreichen kann. Es muss ja nicht unbedingt der
Himmel auf Erden sein, aber etwas Gerechtigkeit sollte man doch erwarten
können. Und nun so etwas, nein, dass hatten sie wirklich nicht
verdient. Nach all der Arbeit und jener Bereitschaft zum Risiko, nach
der ganzen Zeit der Hoffnung und des Durchhaltens, und dann sollte es so
enden? Dazu war er nicht bereit. Er würde um jeden Zentimeter, um jede
Lebenssekunde kämpfen. So einfach sollte es keiner mit ihm haben,
gleich was da auch noch alles kommen mag. Das
Schlimmste für ihn war die Tatsache, dass er nicht wusste worum es
eigentlich ging. Nichts von dem was geschehen war, konnte er sich auch
nur annähernd erklären. Dieses Unwissenheit war nicht tragbar für
ihn. Obwohl
ihm all diese Gedanken durch den Kopf gingen, war er augenblicklich
nicht in der Lage, sich wirklich denen zu widmen. Man konnte es drehen
wie man wollte, aber es gab momentan nur eine Möglichkeit mit jenen
Problemen fertig zu werden, abwarten. Samuel
hingegen sah die gesamte Angelegenheit aus einer ganz anderen
Perspektive. Mag es daran liegen, dass eine solche Arbeit für ihn
selbstverständlich und reine Routine war, jedenfalls war er mit seinen
Ermittlungen ganz und gar in seinem Element. Keine
Aufgabe, kein Weg erschien ihm zu schwer, um sein Ziel zu erreichen. So
mag es letztlich vielleicht an seiner Verbissenheit liegen, dass er eine
sehr wichtige Entdeckung machte. Nicht
allzu weit von dem Gasthof entfernt, in einem kleinen, verträumten
Dorf, erfuhr er, dass sich hier ein Mann aufhielt, welcher genau auf die
Beschreibung jenes dunkelhäutigen Mannes passte, der angeblich von dem
Busbahnhof hierher weitergefahren ist. Nun,
es lagen zwischen Abfahrtsort und derzeitigem Aufenthaltsort nur knappe
sieben Kilometer. Zu Fuß hätte man diese Strecken ohne besondere
Anstrengung in ungefähr einer Stunde geschafft. Wenn
das kein Zufall war? Auf jeden Fall gab es genug Auffälligkeiten,
welche zum Nachdenken anregten. Dies war jedoch nicht alles. Bei
weiteren Erkundungen stellte sich heraus, dass dieser Mann sogar in
einer verwandtschaftlichen Blutslinie mit den früheren Besitzern der
ehemaligen Poststation stand. Zu der Zeit, als hier noch Pferde
gewechselt wurden und an Busse noch lange nicht zu denken war. Dieser
Mann war nicht nur irgendein Tourist, er war ein direkter Nachfahre der
damaligen Familie, die all das Leid ertragen musste, welches ihr
wiederfahren war. Sein
Name war „Dominic Rasin“ und er wurde auf ca. dreißig Jahre vom
Alter her geschätzt. Seine ursprüngliche Heimat war Süditalien, um
genau zu sein, er kam aus Sizilien. Wie die genaue familiäre Verbindung
war, lies sich leider nicht feststellen. Eines jedoch schien gewiss, er
war ein direkter Nachfahre der damaligen „Desiree“. Es war seine Ur,
Ur, Urgroßmutter. Was
jener Dominic Rasim jedoch mit dem Partner von Desiree, jenem
„Christopher“ zu tun hatte blieb im Dunkel der Geschichte. Mystiker
könnten vermuten, dass es sich bei Dominic um eine Art Reinkarnation
von Christopher handelte, was allerdings niemals bewiesen werden kann
und somit stets als Vermutung offen bleiben wird, ganz gleich, was auch
immer noch geschehen mag. Fakt
jedoch war, dass dieser Dominic etwas im Schilde führte. Was, dass
musste jeder mit seiner Phantasie selbst ausmachen. Für Samuel jedoch
war es so gut wie eindeutig. Es ging diesem Dominic um eine besondere
Art von Rache. Es muss zu jener damaligen Zeit mehr geschehen sein, als
man in Erfahrung brachte. Das Leid, worauf es hier ankam, nahm Desiree
damals mit ins Grab. Samuel vermutete, dass Dominic dem wirklichen
Geheimnis und damit der Wahrheit auf die Spur gekommen war. Nun brauchte
er nur noch Gewissheit, dann würde er das tun, was sein Codex von ihm
verlangte. Die Zeitgeschichte, welche sich dazwischen befand, spielte für
Dominic in diesem Fall keine Rolle. Es ging hier einzig um Ehre und
Gerechtigkeit. Wenn
dem wirklich so war, dann waren die Gastwirtsleute sowie alle anderen
hier am Hof in sehr großer Gefahr. Dann saßen alle wirklich auf einem
Pulverfass und die Lunte brannte bereits. Es war also nur noch eine
Frage der Zeit. Unternehmen
konnte man nichts. Es gab keinerlei Beweise. Was wollte man auch
beweisen solange noch nichts geschehen war und selbst dann dürfte es
noch sehr schwer sein. Letztlich sprechen wir hier von einer Geschichte,
die sich über mehrere hunderte von Jahre erstreckt. Es
gab, so betrachtet, nur eine Art von Schutz. Vorsicht, Beobachtung und
ein rationelles, klares Denken. Eher die Dinge Überschätzen als
Unterschätzen. Kurz, der einzige Schutz war die Vorsicht. Somit
hatten also alle Beteiligten an diesem Nachmittag, neben ihren Tätigkeiten,
genug zu überdenken. Eines
erschien jedoch mehr als merkwürdig, auch wenn wir es bisher noch nicht
einmal bemerkt haben. Es war die Frage, was für eine Rolle spielt überhaupt
jener Samuel in dieser Geschichte? Ein Polizist eines Sonderkommandos,
von dem man so gut wie nichts wusste, der aber genau im richtigen
Augenblick vor Ort auftaucht und so mir nichts, dir nichts, ohne jede
Gegenleistung einfach hilft. Wer war im Grunde dieser Mann und was
beabsichtigte er? Nur
weil Samuel angeblich bei der Polizei beschäftigt war, bedeutete dies
noch lange keine Garantie, dass er es gut meinte und nicht etwa selbst
etwas Böses beabsichtigte. Es
war, so betrachtet, ein unzumutbarer Zustand. Eine Situation welche
selbst die stärksten Nerven blanklegte. So
zog sich die Zeit sehr zähflüssig bis zum Abend hin. Der Nachmittag
und seine Stunden wollten einfach nicht vergehen. Doch
wie es im Leben so ist, hat irgendwann alle Warterei ein Ende. In diesem
Fall war es auch nicht anders. Der
Abend war gekommen. In der Gaststube war alles zum Abendmahl vorbereitet
und so langsam, es war gegen 19:00 Uhr, kamen die ersten Gäste und
nahmen an ihren Tischen Platz. Keiner dieser Menschen ahnte etwas von
den Sorgen und Belastungen, welche sich hier im engsten Kreis
abspielten. Wirklich keiner? Langsam
wurde es immer lauter in dem Raum. Das Abendessen verlief wie immer ohne
Zwischenfälle. Die ersten Gäste gingen bereits schon wieder, als
Samuel so gegen 21:00 Uhr den Gastraum betrat. Er machte einen müden
und etwas erschöpften Eindruck, wofür es allerdings auch gute Gründe
hatte. Samuel
war viele Kilometer in der Gegend herumgelaufen. So gut wie fast alle
naheliegenden Ortschaften hatte er aufgesucht und unermüdlich seine
Ermittlungen durchgeführt. Aber es gab letztlich dafür auch eine
Belohnung. Er
ging geradewegs auf den Tisch zu, an dem das Wirtsehepaar bereits
wartete. Samuel setzte sich dazu und schaute in die erwartungsvollen
Augen von Erika und Nikolas. Samuel
bedankte sich herzlich und begann erst einmal mit dem Essen. Man konnte
ihm förmlich ansehen, dass er einen gesunden Appetit hatte, wofür er
sich auch entschuldigte. Als er sein Abendessen beendet hatte und den
Rest noch mit einem Schluck des Bieres herunter gespült hatte, begann
er seine Erlebnisse zu berichten. Eine Überraschung folgte der anderen.
Es wollte nicht aufhören. Immer wenn man glaubte, den Höhepunkt der
Spannung erreicht zu haben, kam es noch spannender. Samuel
berichtete über wirklich alles. Ganz gleich ob es sich um die
Familienangelegenheiten, um Desiree oder Christopher handelte, ob es um
den mysteriösen Mann ging, von dem angeblich keiner etwas wusste bis
hin zu den verrücktesten Spekulationen sowie möglichen Tatmotiven.
Samuel ließ nicht eine Kleinigkeit aus. Auch die Tatsache, dass sich
das Ehepaar womöglich in großer Gefahr befinden könnte, brachte er
zur Sprache. Die beiden waren zwar nicht gerade erbaut über diese
Nachricht, aber sie wollten auch die Sache zu Ende bringen, schließlich
hatten sie nicht ihr ganzes Leben dafür geschafft um jetzt aufzugeben. Auch
erfuhren sie, dass der junge Mann aus Sizilien stammte und es sich möglicher
Weise um eine Art von Ehrencodex handelte. Was dies zu bedeuten hatte,
wusste jedoch keiner. Nachdem
Samuel seinen Ausfertigungen beendet hatte, herrschte erst einmal für
eine kurze Weile Stillschweigen an dem Tisch. Alles
basierte auf furchtbare Taten die sehr, sehr lange Zeit zurücklagen. Es
hieß, dass ein Fluch aus jener Zeit auf diesem Hof liegt und die
gesamten Geschehnisse verursacht hatte. Viele der alten Bewohner, welche
in den naheliegenden Ortschaften leben, glauben im Fall noch immer an
diesen Fluch und seine Wirkung. Nun, dass muss jeder für sich selbst
entscheiden. Für mich zählen allerdings nur Fakten, nachweisliche
Geschehnisse und ihre Auswirkungen, welche völlig real sind. Es
begann vor etwa zwei Jahren, als sich recht merkwürdige Dinge
ereigneten, welche ausnahmslos hier ihren Ursprung zu haben schienen. Du
wirst verstehen, dass ich zur Zeit nicht darüber reden will noch kann.
Fast zwei Jahre lang beobachteten wir die Ereignisse in der Hoffnung auf
eine brauchbare Spur zu stoßen, aber alle Wege führten stets an diesen
Ort. So entschloss ich mich kürzlich, selbst hierher zukommen um nach
dem Rechten zu sehen und ich bin jetzt fast davon überzeugt, dass es
die richtige Entscheidung war. Mehr
kann ich Dir im Augenblick leider nicht sagen. Ich kann Dich und Deine
Frau nur bitten, mir zu vertrauen. Wenn sich alles geklärt hat oder ich
mehr darüber berichten kann, so werdet Ihr die ersten sein, die davon
erfahren, dass verspreche ich Euch“. „Was
hast Du aber nun als nächstes vor“, fragte Nikolas den Kommissar. Im
Angesicht dieser Erkenntnis entschloss man sich doch das Gespräch an
dieser Stelle abzubrechen und es am morgigen Tag weiterzuführen.
Vielleicht gab es bis dahin auch noch weitere neue Erkenntnisse. So
hoffte man der Wahrheit, Stück für Stück entgegenzukommen. Ohne
auch nur im Geringsten darüber nachzudenken, ließ er alles, was er
gerade in den Händen hatte fallen, ergriff das erstbeste Messer welches
noch an den Tischen lag und eilte zur Tür hinaus ins Freie. Zwischen
den, sich etwas entfernt befindlichen Büschen und Bäumen, konnte man
noch eine schattenhafte Bewegung erkennen, welche sich jedoch entfernte.
Diesem unbekannten Etwas in der Dunkelheit der Nacht nachzustellen wäre
mehr als nur unklug gewesen. Zudem wollte Nikolas seine Frau nicht
allein zurücklassen, was auch der Vernunft entsprach. So
kehrte er zurück in die Gaststube und setzte sich mit seiner Frau erst
einmal an einen Tisch, der sich ausnahmsweise nicht in der Nähe eines
Fensters befand. Für
einige Minuten herrschte noch ein beruhigendes Schweigen. Dann aber
wendeten sich Nikolas an seine Frau. Dabei
verlief die Zeit gnadenlos. Nikolas schickte seine Frau ins Bett und
meinte, den Rest hier noch schnell selbst zu machen. Es sei ohnehin
nichtmehr viel und der Morgen war bereits sehr nahe, so dass an ein
Ausschlafen sowieso nicht zu denken war. Erika
nahm das Angebot von Nikolas gern an. Sie war müde und wollte nach all
den Schrecken nur noch schlafen, schlafen und Ruhe finden. Damit
endete der Tag und man konnte nur hoffen, morgen mehr in Erfahrung zu
bringen. In jedem Fall war sich Nikolas darüber im Klaren, sofort
morgen beim Frühstück, Samuel von jenen Ereignissen in Kenntnis zu
setzen.
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23.
Kapitel Ein
Licht am Horizont Aus
diesem Grund stand man auch schon sehr früh auf. Wenn man schon nicht
schlafen konnte, so könnte man auch mit der ohnehin notwendigen Arbeit
beginnen. Zudem fieberte man dem Augenblick nach, an dem es zu einer
Aussprache mit Samuel kam. Aber
wie es nun einmal im Leben so ist, jetzt wollte die Zeit nicht vergehen.
Obwohl man sich mit der Arbeit abzulenken versuchte, die Stunden
schlichen dahin. Jede Minute wurde zur Qual. Es hatte den Anschein, als
wäre die Uhr stehen geblieben. Nikolas
war zuerst in der Gaststube um alles vorzubereiten und fertigzustellen.
Er wollte seine Frau, nach dem gestrigen Vorfällen, noch ein wenig
ausschlafen lassen. Doch es sollte nicht lang dauern und auch Erika
erschien. Ihr ging es nicht anders als ihrem Mann. Man
sprach extra noch nicht über jene Erlebnisse. Erst wollte man den Tag,
wie jeden anderen beginnen lassen. Zudem war Samuel auch noch nicht
aufgetaucht. Dann
war es endlich soweit. Auch das längste Warten hat einmal sein Ende. Die
Zeit zum Frühstück war gekommen und die ersten Gäste betraten die
Gaststube. Eigenartiger Weise war auch Samuel bereits auf den Beinen und
mit bei den ersten, welche die Gaststube betraten. Der Kommissar nahm an
seinem Tisch Platz, und Nikolas eilte als erstes zu ihm. Er nahm die
Bestellung von Samuel auf und ließ gleichzeitig durchblicken, dass sich
diese Nacht etwas ereignet hatte, wovon er glaubte es könne sehr
wichtig sein. Daher würde er sich sehr freuen, wenn er nach dem Frühstück,
ihm dem Kommissar, jene Geschichte erzählen könnte. „Selbstverständlich“,
antwortete Samuel und beeilte sich daraufhin ein wenig mit seinem Frühstück.
Schließlich hatte er sich selbst für heute noch einiges vorgenommen. Es
war so gegen 11:00 Uhr, als sich die Frühstücksgesellschaft so langsam
aufzulösen begann. Als die Gaststube so gut wie gelehrt war, trat
Nikolas an den Tisch von Samuel und Fragte diesen, ob es ihm jetzt
vielleicht passen würde. Nachdem
Samuel diese Frage wie selbstverständlich bejahte, holte der Gastwirt
noch schnell seine Frau mit zu dieser Runde. Schließlich hatte sie ja
das wirkliche Erlebnis gehabt. So
kam Erika hinzu und gemeinsam nahm man an dem Tisch Platz. Wieder saß
unser Trio an seinem angestammten Tisch beisammen und Nikolas sowie auch
Erika berichteten beide, jeder aus seiner Sicht, was sich in dieser
Nacht ereignet hatte. Samuel
hörte sich die gesamte Geschichte in Ruhe an und machte danach ein sehr
ernstes Gesicht. Er erkundigte sich über jede Einzelheit. „Konnten
Sie eigentlich jene Person oder was immer es auch gewesen war
erkennen“? „Nein,
zum Ersten ging alles so schnell und kam so unerwartet, und des Weiteren
war nichts wirklich erkennbar. Die Scheiben des Fensters spiegelten sich
durch das Licht in der Gaststube und draußen war es sehr dunkel. Man
mag mich für verrückt halten, aber was ich da gesehen habe, war kaum
mit etwas menschlichem zu Vergleichen. Ich konnte ein menschliches
Gesicht erkennen, was jedoch von sehr dunkler Hautfarbe war. Zudem war
es mit Federn bedeckt. Die Augen erschienen rötlich und die Federn
waren einfach überall. Es waren obendrein noch schwarze Federn, gegen
die ich nach unserem letzten Fund ohnehin allergisch reagiere. Ich weiß
nicht was der oder das von mir bzw. uns wollte, aber wenn es uns in
Angst und Schrecken versetzen wollte, so ist es diesem Etwas gelungen,
zumindest was mich betrifft“. Damit schloss Erika ihren Bericht. Man
konnte ihr ansehen, dass sie ihre Not damit hatte, die Tränen zurückzuhalten.
Die ganze Angelegenheit schien ihr sehr nahe gegangen zu sein. Nikolas
sein Bericht viel wesentlich kürzer aus. Er hatte ja auch nicht viel
von all dem mitbekommen. So gab es folglich auch nicht viel zu
berichten. In gewisser Weise machte er sich einige Vorwürfe, dass er
diesem Etwas nicht hinterhergelaufen ist um es möglicherweise zu
stellen. Als aber selbst Samuel sein Verhalten als vernünftig und
richtig bezeichnete, konnte auch er sich ein wenig beruhigen. „Eine
wahrlich außergewöhnliche Geschichte“, bemerkte Samuel. „Aber sie
scheint in jenes Muster zu passen, welches ich mir zurechtgelegt habe.
Ich kann mir nur noch nicht das „Warum“ erklären. Nein, ich komme
nicht darum herum diesen mysteriösen Dominic zu suchen um ihn persönlich
zu befragen“. Bei
dieser Feststellung machte er nicht nur ein bedenkliches sondern auch
sorgenvolles Gesicht. Er hatte keine wirkliche Angst, schon gar nicht
vor diesem Dominic, aber vor der Erklärung der gesamten Angelegenheit
die an den Tag kommen konnte, vor dieser Erklärung hatte er Bedenken. Nachdem
die drei noch einen Augenblick zusammengesessen hatten, was überwiegend
aus Schweigen bestand, erhob sich Samuel von seinem Stuhl und berichtete
den anderen zweien, dass er sich jetzt auf den Weg machen würde um jene
Dinge zu erledigen, welche er sich vorgenommen hatte. Nikolas
fragte den Kommissar ob er ihn nicht begleiten könne, aber der winkte
ab und gab ihm zu verstehen, dass er hier bei seiner Frau besser
aufgehoben wäre. Zum ersten könne sie nicht die ganze Arbeit allein
erledigen und zum zweiten solle er gut auf sie aufpassen, damit nicht
wieder so etwas Schreckhaftes geschieht. Dann drehte er sich um und
verließ die Gaststube. Es war halt nicht seine Art, sich mit vielen
Worten zu verabschieden. Erika
und Nikolas taten das was sie immer taten. Sie räumten die Gaststube
auf und bereiteten alles für das, als nächstes anstehendes Mittagsmahl
vor. Während Erika sich um die Gaststube kümmerte und sich noch
obendrein in der Küche zu schaffen machte, besorgte Nikolas den Rest
der Geschäfte. Hierbei ging es um die Logistik der Busse sowie der
Einteilung der Gäste. Es gab sehr viel dabei zu berücksichtigen. Nur
der kleinste Fehler und alles würde drunter und drüber gehen. Ein
heilloses Durcheinander würde auf dem Busbahnhof herrschen und es dürfte
nur mit sehr viel Mühe möglich sein, dieses Durcheinander wieder zu
entwirren. So
befand sich Nikolas den gesamten Vormittag auf dem Hof. Es blieb nicht
aus, dass er so gut wie überall auf dem Hof herumkam. Die meiste Zeit
hiervon verbrachte er jedoch mit Gesprächen von ankommenden Gästen und
Busfahrern. Es ging darum die bleibenden Gäste von den nur umsteigenden
Fahrgästen zu trennen und einzuweisen. Die Fahrer der Busse nach ihren
weiteren Zielen und Fahrzeiten zu befragen und noch vieles mehr. Samuel
befand sich hingegen im Umland, um genau zu sein, er ging die Landstraße
entlang. Der Tag erschien dafür wie geeignet. So war er in seinen
Gedanken versunken, bemüht eine Ortschaft zu finden, in der man mehr über
den vermeintlichen „Dominic Rasim“ in Erfahrung bringen konnte. Zwei
Ortschaften hatte er bereits aufgesucht, aber leider ohne jedes
Ergebnis. Nun befand er sich auf den Weg zum dritten Ort. Er hatte sich
seine Route so eingeteilt, dass er mit jener, am weitesten entfernten
Ortschaft beginnt und sich dann zurückarbeiten würde. Diese Methode
ersparte ihm einen langen Rückweg nach getaner Arbeit. Während er
Landschaft und Wetter genoss und die ganze Angelegenheit, trotz ihres
Ernstes, als ein willkommenden Ausflug sah, konnte er nicht ahnen, dass
genau in diesem Zeitraum ein lauter Schreckensschrei die Ruhe auf dem
Busbahnhof zerriss. Erika,
die Frau von Nikolas, dem Wirt und Betreiber des Busbahnhofes war gerade
damit beschäftigt die Zimmer im Gästehaus zu säubern und
herzurichten. In der Regel waren die Zimmer von den Gästen
verschlossen, aber für ihre Arbeit hatte sie einen zweiten Schlüssel,
den sie gut verwahrte. Als
sie nun eine der Türen zu dem Zimmer, welches sie nun aufbereiten
wollte und den Schlüssel im Schloss herumdrehte um diese aufzuschließen,
glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Erika
wollte gerade das Zimmer betreten, als sie eine sehr seltsame Gestalt
erblickte. Im Nachhinein würde sie sagen, es war weder ein Mensch noch
ein Tier bzw. ein Vogel. Was
sie zu sehen bekam ließ ihr das Blut in ihren Adern gerinnen. Vor ihr
stand, sich gerade auf der Flucht befindend, eine Gestalt von der Größe
und dem Aussehen eines Menschen. Nur war dieser angebliche Mensch über
und über mit Federn bedeckt, schwarze Federn. Man konnte nicht erkennen
ob er ansonsten nackt war oder nur leicht bekleidet. Dort wo seine Haut
durch das Federnkleid sichtbar war, war diese eher von einer dunklen
Farbe. Nun
konnte man nicht verlangen, dass ein Mensch, der auf nichts gefasst war
um dann einen solchen Anblick wahrzunehmen, alle Einzelheiten genau
beschreiben kann. Es erscheint schon mehr als erstaunlich, dass Erika,
trotz der Überraschung und dem Schreck, soviel registrieren konnte. Sie
reagierte wie es zu erwarten war, sie stieß einen lauten Schrei des
Schreckens aus und lies gleichzeitig alles fallen, was sie gerade in den
Händen hielt. Im ersten Augenblick glaubte sie sogar ohnmächtig zu
werden, aber fang sich dann doch wieder recht schnell. Dieses
Menschliche Etwas entfloh durch das Fenster, was sich allerdings im
zweiten Stockwerk befand. Erika war nicht in der Lage dem Eindringling
nachzusetzen, sie sank auf einen Stuhl zusammen und rang zuerst einmal
nach Luft. Der
Schrei, welcher den gesamten Hof erzittern ließ, veranlasste Nikolas
sofort zu seiner Frau zu eilen um nach dem Rechten zu sehen. Als
er die Treppe hinauf und in das besagte Zimmer kam sah er seine Frau, völlig
verstört, am ganzen Körper zitternd und leichenblass auf einem Stuhl
sitzend. Sie war den Tränen nah und zeigte nur verwirrt auf das
Fenster. „Dort
ist er oder es hinaus“, berichtete sie ihrem Mann. Dann, in kurzen
Worten welche ein wenig durcheinander gestammelt wirkten, berichtete sie
von dem Vorfall. Ihr
Mann hörte ihr zu und sah seine Frau aber sehr misstrauisch an. „Kann
es sein, dass Du mit Deinen Nerven einfach durchgegangen bist, es wäre
kein Wunder, nachdem was hier in der letzten Zeit alles geschehen ist.
Da spielen einem die Wahrnehmungen schon einmal einen Streich“,
versuchte er sie zu überzeugen. Seine
Frau schwor aber, dass sich alles wirklich so zugetragen hatte, sie
schwor es bei ihrer Seele. Nikolas
schaute seine Frau Erika nachdenklich an. Dann deutete er auf das
Fenster. „Und
wie erklärst Du Dir das“? Er zeigte zum Fenster hinüber. Seine Frau
folgte seiner angezeigten Richtung und musste eine unerklärliche
Entdeckung machen. Das Fenster war geschlossen und die, nur leicht
zugezogenen Vorhänge waren auch unberührt. „Aber
ich schwöre, es ist so wie ich es berichtet habe“. Ihre Stimme klang
verzweifelt. So langsam glaubte sie selbst nicht mehr ganz bei Sinnen zu
sein. Doch dann veränderte sie noch einmal ihre Gesichtsfarbe, aber
diesmal war es sehr zum Positiven. „Gut,
Du magst vielleicht recht haben, aber wenn dem so ist, dann bitte erkläre
mir das was ich dort sehe“. Dabei zeigte sie auf etwas Schwarzes, was
am Boden direkt vor dem Fenster lag. Nikolas
glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Langsam ging er auf das Objekt zu.
Dann bückte er sich und hob es vorsichtig auf. Eine
Feder, um genau zu sein, eine große Flugfeder und zwei kleinere, welche
aus dem Federkleid eines Vogels am Körper stammen würden. Zuerst
hatte Nikolas eine einleuchtende Erklärung für diesen Umstand, seine
Frau sah zuerst die Federn am Boden und erst darauf spielten ihr ihre
Nerven jenen bösen Streich, doch was er gleich darauf erblickte. Lies
ihn seine Theorie erst gar nicht aussprechen. Sein
Blick fiel zufällig auf den Fußboden, wo er jene nicht nur ungewöhnliche
sondern auch unerklärliche Entdeckung machte. Was er dort erblickte
waren Fußabdrücke welche durch die Feuchtigkeit und den Schmutz der Füße
zurückgeblieben waren und genau zu geschlossenen Fenster führte. Es
sollte aber noch unheimlicher und verworrener kommen. Es handelte sich
hierbei nicht um normale Füße. Diese waren zum Ersten barfüßig und
weiterhin eine seltsame Mischung von menschlichem Fuß und eine Art von
Vogelkralle, jedoch von der Größe eines normalen Fußes. Zwar
waren diese Abdrücke nur schwach zu erkennen, aber genug um über jeden
Zweifel erhaben zu sein. Nikolas
nahm seine Frau in den Arm um diese erst einmal zu beruhigen. „Wir
werden schon eine Erklärung sowie eine Lösung für all das finden.
Warten wir erst einmal ab, was der Kommissar in Erfahrung gebracht hat.
Zusammen können wir dann unsere Erkenntnisse auswerten. Jeder Umstand
muss schließlich eine Ursache haben. Zudem leben wir nicht mehr im
Mittelalter. Es muss sich also eine Erklärung für all jene Vorgänge
finden lassen und dann wird auch Schluss mit dem ganzen Spuk sein“. Dann
drückte er seine Frau ganz inniglich, worauf sich diese auch wieder
beruhigte. Im Grunde kam ihr jetzt bereits alles schon wieder wie ein
unwirklicher Albtraum vor, doch Erika begann an sich und ihren Verstand
ernsthaft zu zweifeln. Indes
hatte Samuel der Kommissar jene Ortschaft erreicht, welche er aufsuchen
wollte. Es war ein kleiner aber unglaublich schöner Ort, so wie ein
solcher in einem Märchen vorkommen würde. Er lag auch am nächsten des
Busbahnhofes. Samuel
überlegte wo er wohl am ehesten Auskünfte bekommen könnte. Während
er noch nachdachte, hatte sich die Frage von allein beantwortet. Erstand
geradewegs vor einem kleinen Gasthaus mit einer einladenden Gaststube.
Wenn sich etwas herumspricht, dann hier, dachte er und da es ohnehin
Zeit zum Essen war trat er ein. Die
Gaststube machte einen sehr sauberen und gemütlichen Eindruck. Er nahm
an einem kleinen Tisch in einer Ecke, nicht weit vom Eingang entfernt
Platz. Der
Wirt, ein sehr beleibter und kräftiger Mann, eilte etwas atemlos an
seinen Tisch um Samuel nach dessen Bedürfnissen zu Fragen. Dieser
bestellte sich etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zum Essen, da er
sich denken konnte, dass er zurück in seinem Gasthaus, noch mit
reichhaltigen Speisen und Getränken versorgt werden würde. Als
der Wirt ihm seine Bestellug brachte, erkundigte sich Samuel ob er dem
Wirt einige Fragen stellen dürfte. Zuvor aber stellte er sich vor. Der
Wirt hatte keine Einwände und Samuel begann mit seinen Fragen bezüglich
seiner Ermittlungen betreff jenen besagten „Dominic Rasin“. Der
Wirt hörte sich die ganzen Fragen von Samuel an, überlegte einen
Augenblick und sagte dann zu dem Kommissar: „Ich kenne einen Mann, der
auf ihre Beschreibung genau passen würde, aber sind Sie sich bei seinem
Namen wirklich sicher? Den Mann den ich meine hat einen ganz anderen
Namen, zwar auch so einen unaussprechlichen ausländischen Namen, aber
eben einen anderen. Er kommt so ein bis zweimal im Jahr hierher in mein
Gasthaus um sich hier für ca. 2 bis 3 Wochen einzuquartieren. Man
bekommt ihn aber kaum zu Gesicht. Er isst nicht mit uns, und auch sonst
ist er meist abwesend. Ich kann Ihnen nicht sagen was er macht. Im
Augenbick ist er gerade heute früh wieder davon. Er hatte hier zwei
Wochen verbracht. Mehr kann ich Ihnen leider nicht über diesen Menschen
sagen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen aber gern seinen Namen geben,
zumindest jenen Namen unter dem ich ihn kenne“. Einen
kurzen Augenblick später kehrte er an den Tisch von Samuel zurück. In
der Hand hielt er einen Zettel auf dem der Name jenes Mannes stand, den
der Kommissar unter dem Namen Dominic kannte. Auf
dem Zettel stand der Name: „Alram Ayold“. „Schade,
da bin ich wohl zu spät gekommen, dennoch haben Sie mi sehr geholfen
und dafür danke ich Ihnen sehr“, erwiderte Samuel. Nachdem
er gespeist und getrunken hatte, bezahlte er bei dem Wirt seine
Rechnung, bedankte sich noch einmal und trat dann den Rückweg zum
Busbahnhof an. Es
machte für Samuel, unter diesen Voraussetzungen, keinen Sinn weiter zu
forschen. Das was möglich war ist heute getan worden. Wenn es
allerdings weitere Hinweise geben würde, so wäre es selbstverständlich
diesen erneut nachzugehen. Dennoch
wollte er überprüfen, was es mit dem neuen Namen „Alram Ayold“ auf
sich hatte. Könnte es wirklich sein, dass es sich hierbei um ein und
dieselbe Person handelt und wenn ja, was führte diese Person im
Schilde? Oder sollte es sich um einen, wenn auch sehr merkwürdigen
Zufall handeln? Er
legte in seinem Tempo auf den Heimweg ein klein wenig zu und so
erreichte er nach relativ kurzer Zeit Den Busbahnhof und dessen
Gasthaus. Es
war so gegen 19:00 Uhr als Samuel den Gasthof erreichte. In gewisser
Weise erleichtert nachdem was er in Erfahrung gebracht hatte, auch wenn
diese Erfahrung viele neue Fragen aufwerfen würde, betrat der Kommissar
die Gaststube. Er glaubte er könne den Wirtsleuten ein wenig
Erleichterung verschaffen, aber weit gefehlt. Samuel
hatte kaum die Gaststube betreten, als Nikolas auf ihn zukam und ihn um
eine, mit seiner Frau Erika, gemeinsame Unterredung bat. Samuel ahnte
nichts Gutes. „Wollen
wir gleich reden oder nach dem Essen? Ich kann mir gut vorstellen, dass
wir dann etwas mehr Ruhe haben. So wie es scheint, liegt Euch beiden ein
mächtiger Stein auf dem Herzen“. Nikolas
nickte nur zustimmend. Er brachte als erstes dem Kommissar sein Essen
und ein großes Bier, was er sich wohl auch verdient hatte. Dann wandte
er sich wieder seiner Arbeit und somit den anderen Gästen zu. An
diesem Abend wollte die Zeit einfach nicht vergehen. Minuten wurden zu
Stunden, aber irgendwann war es dann doch soweit. Die
Gaststube war so gut wie leer. Es gab nichts mehr zu tun. Nun war der
Zeitpunkt gekommen, um die Erlebnisse gegenseitig auszutauschen. Zu
diesem Zeitpunkt wusste Samuel jedoch noch nichts von den Geschehnissen
auf dem Hof. Es
war 20:30 Uhr als die drei am Tisch saßen und sich erwartungsvoll
ansahen. Man spürte förmlich wie die Spannung in der Luft knisterte. „Wer
möchte mit seinem Bericht den Anfang machen“? fragte Samuel. „Ich“
rief Erika in die Runde. Sie konnte nicht länger warten. Ihre Nerven
lagen blank und das Bedürfnis endlich ausgiebig zu reden war ihr ein
mehr als dringendes Bedürfnis. Die beiden Männer nickten und so begann Erik noch einmal die gesamte Geschichte zu erzählen. Es war ihr dabei, als wenn sie alles noch einmal erleben würde. Immer wieder musste sie innehalten, da ihr unkontrolliert die Tränen über das Gesicht liefen. Als sie ihre Ausführung beendet hatte, fragte sie mit besorgter Miene: „Ich bin doch nicht verrückt oder auf den Weg es zu werden“. „Nein,
ganz gewiss nicht. Was Du erlebt hast ist schlimm genug, da ist es eine
ganz normale Reaktion sich so zu verhalte“, beruhigte sie der
Kommissar. |
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24.
Kapitel Wer
kennt die Wahrheit Als das Ehepaar des Wirtshauses ihre Ausführungen und Berichten beendet hatte, war der Kommissar „Samuel“ an der Reihe. Auch er hatte sehr viel Interessantes und Merkwürdiges zu berichten. Als erstes berichtete er die seltsamen Zusammenhänge zwischen Dominic Rasim sowie Alram Ayold und die Frage, ob es sich bei den beiden Namen um ein und die gleiche Person handelte. Auch die möglichen Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Blutlinie der Vorgänger bzw. Ahnen, wurden in Erwähnung gezogen und besprochen. Wie man die ganze Sache auch betrachtete, jener „Dominic“ war und blieb ein Mysterium. Was aber noch um ein Vieles wichtiger war, war die Antwort auf die Frage nach dem Motiv. Was motivierte diesen Menschen zu solch einem Aufwand an Forschung und Zeit? Nach was suchte er? Die Vermutung lag sehr nahe, dass es sich hierbei um etwas handelte, was bereits Jahrhunderte von Jahren alt und so wertvoll war, dass es sogar den Preis von unschuldigen Menschenleben rechtfertigte. Es konnte auch noch nicht gefunden worden sein, da in diesem Fall all die Geschehnisse nicht vorgekommen wären. Aber um was könnte es sich handeln? Was hat einen solchen Wert, dass es über Jahrhunderte einen solchen Preis rechtfertigte? Handelte es sich hierbei um etwas von großem materiellem Wert, oder um ein bestimmtes Wissen oder Beweise in einer unbekannten Sache? Wenn über einen solch langen Zeitraum verteilt, sogar etliche Menschenleben nicht von Bedeutung waren, wie groß musste dann erst der Wert von dem vermuteten Etwas sein? Doch ganz gleich in welche Richtung man auch spekulierte, augenblicklich schien jede Spur zu jenem mysteriösen „Dominic“ zu führen. Es war unter den gegebenen Umständen berechtigt anzunehmen, dass dieser „Dominic“ zumindest einen Teil der gestellten Fragen beantworten konnte. Wer oder was also war jener Dominic oder Alram? Man diskutierte noch den gesamten Rest des Tages über dieses Thema, aber zu einem Ergebnis kam keiner der Betroffenen. Sogar das Übernatürliche erwähnte man und zog diese Möglichkeit sogar in Betracht, aber weiter brachte es die Betroffenen auch nicht. Das Problem, welchem man sich zu stellen hatte war ganz einfach, es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, den man zur Orientierung hätte nutzen können. So gab es vieles und doch wieder nichts. Noch einmal begannen die Drei am Tisch von vorn alles an Geschichte aufzurollen was sie wussten. Aus der Vergangenheit wusste man nicht viel, aber dennoch gab es bekannte und nicht gerade unwichtige Hinweise. Aus der Gegenwart gab es zwar auch nicht mehr Wissendwertes, nur war es wesentlich einfacher an gewisse Informationen zu kommen, wenn sich Samuel darum kümmern würde, was er auch in Angriff nehmen wollte. So hatte er es versprochen und es gab keinen Grund oder Anlass an sein Versprechen zu zweifeln. Nur eines wollte, bei allem was sie auch besprachen, nicht aus dem Kopf gehen. Handelte es sich um eine menschliche Person, welche sich aus einem unersichtlichen Grund verkleidet hatte oder war es wirklich etwas Paranormales? Aber gab es überhaupt so etwas wie Übersinnliches oder Paranormales? Natürlich hatte jeder schon einmal davon gehört, aber glauben wollte es dann doch keiner. Es schien so weit hergeholt, so unwirklich. Doch auf der anderen Seite, was wussten wir schon wirklich von den Geheimnissen des Lebens? So wurde alles mit in Betracht gezogen, aber ohne Motiv, ohne Anlass war nicht greifbar, gab es keinen Anhaltspunkt. Im Grund standen sie mit leeren Händen dar. So traurig wie jene Ohnmacht auch war, sie war ein Teil der momentanen Realität. Ob es angenehm oder unangenehm war, man musste es in dieser Form akzeptieren. Ganz langsam begann sich eine Situation zu entwickeln, die zwar keiner beabsichtigte und die mehr als unbemerkt auftrat, wo es begann, dass keiner mehr dem anderen so richtig traute. Zwischen jenen Menschen welche einander zu brauchen glaubten, schob sich vollkommen unbemerkt ein Keil des Misstrauens. Warum hätte keiner erklären können, aber diese Ohnmacht, welcher man sich ausgeliefert fühlte, bewirkte jenen unangenehmen Zwiespalt. Die unglaublichsten Gedanken gingen jeden einzelnen des Ehepaares durch den Kopf, aber keiner redete mit dem anderen darüber, was die ganze Angelegenheit nur noch verschlimmerte. Betrug und Verschwörungen bis hin zu noch schlimmeren Vermutungen und Theorien bauten sich untereinander auf. In einer Situation in der nichts mehr greifbar ist, erscheint ein solches Verhalten völlig normal. Am Ende steht jeder nur noch allein und für sich selbst. So ist nun einmal das Leben. Mit Dingen, welche wir nicht begreifen, können wir auch nicht umgehe, hier endet jede Vernunft. Plötzlich konnte Erika nicht mehr verstehen, warum ihr Mann diesem Samuel so blind vertraute. Nur weil er so freundlich war und sich so hilfsbereit zeigte? Was wussten sie schon wirklich von ihm? Gab es überhaupt eine weitere Person? Wenn ja, wer sagte überhaupt, dass diese nicht gemeinsame Sache mit dem sogenannten Kommissar Samuel machte? Von wo kam überhaupt dieser Samuel und wo befand sich seine Sonderkommission? Gedanken über Gedanken, aber was war die Wahrheit? Erika redete jedoch zumindest im Augenblick nicht mit ihrem Mann darüber. Dabei konnte sie nicht wissen, dass auch ihn ähnliche Gedanken bereits seit ein bis zwei Tagen quälten. Aber auch er schwieg. Was wäre, wenn sie mit ihren Vermutungen falsch lagen? Dann waren sie ganz allein und ohne jede Hilfe. Aber waren sie nicht ihr ganzes Leben stets auf sich selbst gestellt? Bisher hatte sie immer alles gemeinsam gemeistert, also warum auf einmal diese Verschwiegenheit? Beide vertrauten einander ganz und gar, daran bestand kein Zweifel. Aber dennoch konnten sie in dieser Lebenssituation nicht miteinander reden. Warum eigentlich? Es war inzwischen Abend geworden. Der Tag selbst, abgesehen von der Geschichte und den damit verbundenen Gedanken, verlief wie jeder andere. Gegen 22:00 Uhr war alle anfallende Arbeit getan und man setzte sich in Ruhe an den Tisch umso, bei einem Glas Wein oder Bier den Tag zu beschließen. Plötzlich öffnete sich die Tür zur Gaststube und herein trat Samuel. Er war zuvor für zwei oder drei Stunden fortgegangen um, so sagte er, noch etwas zu erledigen. Als er eintrat, machte er einen sehr ernsten Eindruck. „Am Ende des Hofes befindet sich ein kleines Acker“, begann er seine Rede ohne jede weitere Vorankündigung, „auf diesem habe ich eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Dort befindet sich eine Reihe von Pflanzen, welche man im Volksmund < Stechapfel > nennt. So wie es aussieht ist diese Pflanze nicht wild gewachsen sonder kultiviert angebaut worden. Angebaut in einer Weise, dass sie keinem so ohne weiteres auffällt. Es sei denn, er stolpert so wie ich zufällig darüber. Die Fläche ist nicht groß, eher unscheinbar, aber wer sich damit auskennt, könnte ungeahntes Unheil damit ausrichten“. Darauf machte Samuel erst einmal eine Pause und betrachtete das Ehepaar des Hofes ganz genau. „Ganz ehrlich, habt Ihr die Pflanze angepflanzt oder wisst Ihr sonst etwas darüber, vielleicht wie lange jenes Gewächs schon dort gedeiht“? „Diesen Acker kennen wir“, antwortete das Ehepaar, „es war schon vorhanden, als wir hierhergezogen sind. Allerdings haben wir die Pflanzen immer für eine Art von Unkraut gehalten, da es sich wie wild vermehrt hat, nur hatten wir bei diesem Betrieb hier nie die Zeit und auch noch um jenen Acker zu kümmern. So beließen wir ihn so wie er war und ist. Uns hat er niemals gestört. Was es allerdings mit dieser Pflanze auf sich hat und wo hier der Zusammenhang zu unserem Problem besteht können wir jetzt nun wirklich nicht nachvollziehen“. Samuel belehrte das Ehepaar indem er sie über die Bedeutung der Pflanze aufklärte. „Bei dem Stechapfel handelt es sich um eine Pflanze, welche nicht nur hochgradig giftig ist, sondern bei der richtigen Dosierung Halluzinationen hervorrufen kann. Jedoch muss sich der Anwender sehr gut auf diesem Gebiet auskennen. Ist dies der Fall, so kann der erfahrende Anwender sogar Zustände hervorrufen, welche einem sogenannten <Wachtraum> ähneln. Der Betroffene kann also nicht mehr zwischen der Wirklichkeit und Einbildung unterscheiden“. „Und was hat das alles mit uns oder der gesamten Situation zutun“? fragte Nikolas der Wirt den Kommissar Samuel. „Ich kann Dir, offen gestanden, nicht ganz folgen“. Diese zeigten jedoch keinerlei Reaktion auf die deutlichen Anspielungen von Samuel. Man konnte förmlich die Funken in der Luft jener gespannten Stimmung sehen. „Wenn man uns jetzt den schwarzen Peter zuspielen will, nur weil es keinen anderen gibt, wird man mich von einer ganz anderen Seite kennenlernen“, meinte Nikolas zu den Anwesenden. Die Gemüter der Anwesenden hatten sich auch wieder beruhigt. Wahrscheinlich hatte sich bei allen, bedingt durch jene ständig neuen Ereignisse, ein gewisser Druck aufgebaut, welcher nun einmal heraus musste. Das es zu einer solchen Aussprache gekommen war, hatte seine notwendigen und guten Seiten. Danach waren sich die Betroffenen wieder einig und vertrauten sich gegenseitig, so wie es einst zuvor gewesen war. Wie sollte diese Geschichte nur weitergehen? Das Wirtsehepaar hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, den Hof sowie die Busstation zu verkaufen und fortzugehen. Fort an einen Ort, wo man noch einmal von vorn anfangen würde. Es gab letztlich Orte, an denen man glücklich und ohne Fluch oder Vorgeschichte leben konnte. Aber dann stand wieder jene Frage im Raum, wie man dieses Vorhaben realisieren wollte. Im Grunde wusste man, dass es keinen Ausweg gab. Das große Geheimnis verlangte nach einer Erklärung. |
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25.
Kapitel Die
Wahrheit lässt ihre Schleier fallen Es war spät geworden und man ging zeitig ins Bett. Nach einer Nacht wilder Träume und einem sonnigen Morgen, sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Die dunklen Schatten des Misstrauens sowie die gegenseitigen Verdächtigungen hatten sich aufgelöst. Es war ein wunderbarer Morgen und so betrat man voller neuer Kraft und Zuversicht den Frühstücksraum. Schnell hatte sich auch unsere kleine Gruppe am Tisch zusammengefunden. Die Laune war gut und die Stimmung sprühte förmlich vor Abenteuerlust. Geredet wurde aber nur das Gewöhnliche über alles und jeden. Nachdem die kleine Gesellschaft am Tisch ihr Frühstück beendet hatte, ergriff Samuel der Kommissar das Wort als erster. „Wie wir gestern festgestellt haben, sind wir keinen wirklichen Schritt weiter gekommen. Daher meine Frage, die ich hiermit an alle an diesem Tisch richte: Wie wollen wir weitermachen? Wollen wir überhaupt weitermachen? Wenn ja, dann bitte ich um Vorschläge“. Alle Anwesenden schauten sich gegenseitig an. An Ihrem Blick und ihren Augen konnte man erkennen, dass sie sich zumindest in einer Sache einig waren. Jeder Einzelne, ohne Ausnahme wollte weitermachen. Es war eine Selbstverständlichkeit für jeden, jenes Geheimnis zu lösen und damit der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Einen Vorschlag für einen nächten Schritt hatte jedoch keiner. „Vielleicht sollten wir uns zusammensetzen und die gesamte Zeit mit all den Geschehnissen von denen ein jeder von uns weiß aufarbeiten, einen chronologischen Zusammenhang geben und in dieser, dann entstandene Geschichte nach Merkwürdigkeiten suchen, welche wir vielleicht übersehen oder erst gar nicht wahrgenommen haben. Sollten solche Vorkommnisse existieren, dann wissen wir, dass wir auf der richtigen Spur sind, der Rest wird sich dann schon zeigen“, ergriff als erste die Wirtsfrau Erika das Wort. Für einen kurzen Augenblick herrschte absolute Ruhe am Tisch. Da aber keiner einen besseren Vorschlag hatte und dieser durchaus einleuchtete, wurde er auch ohne jeden Einspruch angenommen. Da der Tag bzw. das Wetter plötzlich umgeschlagen hatte und es ohnehin verregnet und kühl wurde, entschloss man sich, das Unternehmen gleich am heutigen Tag in die Tat umzusetzen. Jeder wollte sich zunächst noch einmal auf sein Zimmer begeben um sich es etwas gemütlicher zu machen. Darauf hatten die Betroffenen vor, sich in etwa 45 Minuten wieder hier am Tisch zu treffen. Alles was man an Notizen, Aufzeichnungen oder geschichtliche Dokumentationen hatte sollte mitgebracht werden. Gesagt, getan. Jeder versuchte so viel Material zusammenzutragen wie es ihm in dieser, doch recht kurzen Zeit möglich war. Die Zeit dabei verging ungewöhnlich schnell. Nachdem die kleine Gesellschaft alles erledigt hatte, begaben sie sich zurück in den Gastraum, bzw. der Gaststube. Der erste den sie am Tisch vorfanden war Samuel. Die Merkwürdigkeit jedoch bestand darin, dass der Kommissar nicht am Tisch saß, wie man es erwartet hätte, nein er stand davor. Er stand wie versteinert. Noch konnte das Ehepaar nicht erkennen wodurch diese Situation hervorgerufen wurde, aber als sie sich ihm näherten wurde auch ihnen bewusst was hier geschehen war. Jetzt war es zumindest eindeutig. Sie waren nicht allein. Jemand oder etwas war hier in der Nähe. So nah, dass er oder dieses Etwas über jeden Schritt, jeden Gedanken und jedes Vorhaben ständig unterrichtet war. Als sich Erika und Nikolas dem Tisch näherten erkannten sie was in der Mitte des Tisches lag. Es war eine schwarze Feder. Eine Feder von einer überdurchschnittlichen Größe. Nun war es auch nicht verwunderlich, dass der Kommissar stand und nicht saß. Er musste einen solchen Schreck bekommen haben, als er jene Feder sah, dass er förmlich erstarrt war. Als Erika und Nikolas den Tisch und somit auch Samuel erreicht hatten, legte Erika ganz vorsichtig ihre Hand auf seine Schulter, da sie das Gefühl hatte, er nimmt seine Umwelt überhaupt nicht mehr war. Samuel zuckte zusammen, so wie es zu erwarten war. Als wäre er aus einem bösen Traum erwacht. Er schaute zu den Zwei hinüber und bemerkte nur: „Jetzt haben wir wirklich ein ernsthaftes Problem“. Voller Wut nahm Samuel die Feder und legte diese zu den anderen Utensilien welche er mitgebracht hatte. „Hast Du keine Angst wichtige Indizien zu verwischen“ fragte Nikolas? „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sich hierauf noch irgendwelche Spuren befinden“ erwiderte Samuel. „Nein, dazu ist dieser Jemand, wer immer es auch sein mag zu gerissen. Schließlich kennt er all unsere Vorhaben, ist uns stets einen Schritt voraus und ich bin mir sicher, dass er auch gerade jetzt hier ist und sich über unser Verhalten amüsiert. Nein, ich sage, er ist mitten unter uns, jetzt und hier“. Samuel konnte nicht wissen, dass er mit dieser Aussage mehr als richtig lag. Was er gerade eben noch aus der Wut heraus gesagt hatte sollte sich schon bald als wahr bestätigen. Bestätigen in einer Art und Weise die keiner, selbst in seinen kühnsten Phantasien vermutet hätte. Es sollte jedoch nicht bei der einen Überraschung bleiben, welche man gerade erfahren musste, nein es kam noch viel besser. Wie sagt doch schon ein altes Sprichwort? „Unverhofft kommt oft oder unerwartet“. So sollte es auch an diesem Tag sein. Als sich unsere kleine Gruppe der Betroffenen nach der Überwindung des ersten Schrecks an den Tisch gesetzt hatten ging plötzlich die Tür zur Gaststube auf und ein recht jung aussehender Mann, der jedoch älter zu sein schien als es den Anschein machte trat ein. Obwohl in dieser Situation keiner der Anwesenden etwas gutes vermutete strahlte dieser Mann doch etwas aus, was wir als Hoffnung bezeichnen würden. Keiner konnte sagen warum, aber alle waren sich mehr oder weniger einig, dass dieser Mensch die Antwort auf alle Fragen brachte. Dieser besagte Mann trat ein und ging zielstrebig ohne auch nur einen Zweifel zu hegen, direkt auf den Tisch von Samuel und Co zu. Es war als würde die Zeit stillstehen. Zu dieser Zeit hätte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Der Mann stellte sich vor den Kommissar Samuel hin und stellte sich mit folgenden Worten vor: „Ich nehme an, Sie sind der Inspektor welcher hier um jeden Preis die Wahrheit herausfinden will und dabei bereit ist, auch die Ereignisse und Schmerzen vergangener Zeiten wieder ins Leben zurückzurufen. Nun mein Name ist < Sigfried Gramsberg, ehemaliger von Gramsberg >.Ich bin der Urenkel von Karl, dem Enkel von Georg, Sohn des Gerold welcher wiederum der Sohn des Georg, dem damaligen Besitzer jener hier betriebenen Poststation war. Dieser kurze Umriss meiner Herkunft mag im Augenblick sehr schwer zu verstehen sein, Was aber auch nicht weiter notwendig ist. Um was es hier eigentlich geht ist die Wahrheit. Diese ist einfach wichtig, damit die Gerechtigkeit ihre Befriedigung bekommt und nach so langer Zeit Ruhe einkehren kann“. Die sich am Tisch befindlichen sahen jenen Sigfried Gramsberg an, als käme er von einem anderen Stern. Samuel war der erste, der seine Sprache wiederfand. Er bat den Fremden doch bei ihnen in der Runde Platz zu nehmen. Dann bestellte er ihm etwas zu trinken und bat ihn seine Geschichte der Wahrheit, so wie sie jener Siegfried nannte, zu erzählen. „Nun es wird von einem Fluch berichtet, der auf diesen Hof lasten soll. Das mag schon sein, aber nicht im mystischen Sinne. Wenn man davon ausgeht, dass bisher keiner hier wirklich glücklich geworden ist, so könnte man jene Tatsache im weitesten Sinne so bezeichnen. Die Wahrheit ist aber eine ganz andere. Es begann vor sehr langer Zeit. Es gab noch keine Autos, Eisenbahnen oder Flugzeuge. Die Menschen hatten zwar kein leichtes leben, was die Arbeit anbelangt, aber man lebte in Ruhe und einer gewissen Zufriedenheit. Pferde und Postkutschen übernahmen den Transport von Menschen und Güter. So war dieser Hof ein wichtiger Knotenpunkt der Handelsstraßen. Eines Tages tauchten merkwürdige Männer hier auf und verrichteten zwar unscheinbare aber sehr wichtige Arbeiten von denen keiner etwas wusste. Diese Männer blieben ca. zwei Wochen lang, dann reisten sie wieder ab. Sie tauchten auch niemals wieder auf. Kurz darauf bekam mein Urahn ein Kaufangebot für diesen Hof. Es war für damalige Zeiten ein unglaublich gutes Angebot, jedoch bei weitem nicht so viel wie es in Wirklichkeit wert war. Mein Urahn weigerte sich dieses Angebot anzunehmen. Er hatte überhaupt nicht vor den Hof zu verkaufen. Schließlich lebte seine ganze Familie, solange er denken konnte bereits hier. Ab diesem Zeitpunkt begannen jene mysteriösen Ereignisse. Sie wissen wie die Leute früher waren und selbst heute teilweise noch sind. Schnell war der Mythos von einem Fluch und Monster, welche ihr Unwesen trieben, in die Welt gesetzt. Wie es nun einmal unter den Menschen so ist, gab jeder noch seinen Teil zu der Geschichte dazu. Keiner ahnte auch nur im Geringsten, dass man den Hof nur seinen Eigentümern abspenstig machen wollte. In Wirklichkeit hatten die Männer, welche hier vor geraumer Zeit solch merkwürdige Arbeiten verrichtet hatten einen wertvollen Fund gemacht. Kupfer und Silber. Direkt unter dem Hof, auf einem unglaublich großen Gebiet befand sich eine Kupfer- und Silbermiene. So wollte man das Land für wenig Geld erwerben. Zudem sollte der Postverkehr eingestellt und abgeschafft werden, da er die neuen großen Anforderungen eines Mienenabbaus nicht gewachsen war. Eine Eisenbahnlinie sollte hierher verlegt werden. Nur die konnte den Ansprüchen eines lukrativen Geschäftes gerecht werden. Aber weder aus dem Abbau der Mienen noch aus der Eisenbahnlinie wurde etwas. Um keinen noch so hohen Preis wäre mein Urahne bereit gewesen diesen Hof sowie das Land zu verkaufen. Damit begann eigentlich diese Geschichte. Es wurden Mörder angeworben, teuflisches Treiben inszeniert und noch so vieles unvorstellbare mehr. Nichts wurde ausgelassen. Aberglaube, Todschlag, Entführung und sogar Gifte und Drogen kamen zum Einsatz. Noch heute wissen verschiedene Leute um diesen Schatz auf dem wir uns hier gerade befinden und noch immer versuchen diese Menschen alles Mögliche um dessen habhaft zu werden, wobei sie vor nichts zurückschrecken würden. Die letzten Ereignisse kennen Sie ja selbst. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sehr der Mensch mit den Wurzeln seines Glaubens verwachsen ist. Noch immer treibt der Aberglaube seine Früchte, und sei es nur um Furcht zu erschaffen“. Sigfried Gramsberg machte eine Pause. Die anderen am Tisch schwiegen ebenfalls. Es war unfassbar, so lange Zeit, so viel Leid und all die ungerechten Taten. Die wirklich Betroffenen haben nicht einmal davon gewusst. Dies ist wirklich eine Welt in der Geld und Macht alles rechtfertigt. Wo bleibt hier die Gerechtigkeit? Man darf gar nicht daran denken was alles geschehen ist und vielleicht noch geschehen wird, und alles nur wegen diesem Fund einer Silber- bzw. Kupfermine. Dabei weiß noch keiner genau oder auch nur annähernd wer noch alles den Intrigen zum Opfer gefallen ist. Keiner der Anwesenden wollte dies wirklich wissen. Es war an der Zeit dem allen ein Ende zu bereiten, gleich um welchen Preis. Die nächste Zeit verbrachte unsere kleine Gesellschaft damit, dass Siegfried Gramsberg ausgiebig über sein Verwandtschaftsgrad zu den damaligen Besitzer erklärte, wie er nach vielen Recherchen auf das angebliche Geheimnis des Fluches gestoßen ist, wie er letztlich hierher gelangte und was er gedenkt zu tun um all die Ungerechtigkeiten zu sühnen. Am Ende seiner durchaus langen aber aufschlussreichen Rede wendete er sich noch an das jetzige Wirtshausehepaar und sagte leise aber durchaus glaubhaft: „Keine Angst, wenn Sie jetzt glauben sollten, dass ich das Erbe antreten will und Ihnen den Hof sowie das Land welches Sie erworben haben, streitig zu machen, dann sind Sie im Irrtum. Für Sie soll sich nichts ändern, Sie werden alles behalten und wenn ich kann und Sie in Nöten sind, so werde ich Ihnen gern helfen. Sie können ganz auf mich zählen. Ich möchte nur diesen Menschen und ihren Machenschaften ein Ende bereiten. Schließlich sind diese auch an viel Leid und so manchen Tod in meiner Familie verantwortlich“. Erika erfasste die Hand ihres Mannes und drückte diese ganz fest. Eine innere Stimme sagte ihr, dass nun alles gut werden wird. Sie wusste aber auch, dass bis dahin noch ein weiter Weg mit so einigen Schwierigkeiten vor ihnen lag. „Wenn Sie erlauben, würde ich mich gern Ihnen anschließen“, ließ in diesem Augenblick jener Herr Sigfried Gramsberg verlauten. Im Grunde hatten die anderen auf einen solchen Vorschlag gehofft. „Selbstverständlich“ sagte Samuel und sprach damit aus, was auch der Rest der Gesellschaft dachte. „Sie mit Ihrem Wissen und der Entschlossenheit welche Sie an den Tag legen, sind uns immer willkommen“. „Dann sollte ein Jeder von uns nun all das erklären, was er über die gesamte Angelegenheit zu wissen glaubt. Gleichzeitig sollte er dazu auch ein oder mehrere Vorschläge machen, wie wir weiter vorgehen wollen. Dabei sollten wir eines um keinen Preis vergessen, dass es sich hierbei um Leute handelt, welche keinen Spaß verstehen und ohne nachzudenken alles tun was ihnen notwendig erscheint. Keiner von denen schreckt vor etwas zurück, gleich was immer auch verlangt wird“, ermahnte Sigfried noch einmal gründlich. Die Mittagszeit war bereits angebrochen, aber keiner hatte dies in der Hektik des Gesprächs bemerkt. Schnell wurde also alles Notwendige getan, damit die Gäste sowie die Durchreisenden zu ihrem Recht kamen. Noch nie zuvor hatte man die Wirtsleute in einem solchen Tempo arbeiten sehen. Sogar der Kommissar und auch Sigfried halfen wo sie nur konnten. So dauerte es auch nicht lange und die Mittagszeit war geschafft. Es war schon erstaunlich wie jeder der Betroffenen diesem doch recht gefährlichen Abenteuer entgegenfieberten. Als ca. 2 Stunden später die Ordnung wieder eingekehrt war und man sich bis zum Abend Zeit nehmen konnte, versammelten sich unsere Abenteurer wieder am Tisch. Einem Jeden stand buchstäblich noch der Schweiß auf der Stirn. Nikolas brachte jedem erst einmal ein großes Bier zur Erfrischung und auch um sich auf seine Weise zu bedanken. Dieses wurde gern und dankend angenommen. Dann begann eine geheime Beratung. Zuerst machte man darauf aufmerksam, dass ein Jeder von ihnen wahrscheinlich beobachtet sowie auch belauscht wird, da der augenblickliche Täter ihnen immer einen Schritt voraus war und bereits ihren nächsten Schachzug kannte. „Vielleicht sollten wir zur Abwechslung einmal den Tisch und somit unseren Standort wechseln“, schlug Sigfried vor“. Der Vorschlag war kaum ausgesprochen worden, als er auch schon vollzogen war. Ganz in der äußersten Ecke, direkt am Ofen, befand sich ein kleiner Tisch mit fünf Stühlen, der unserem Quartett vollkommen ausreichte. Er war nahezu perfekt für das Unternehmen. Von dieser Ecke aus konnte man den gesamten Gastraum überblicken. Selbst der toteste Winkel blieb an dieser Stelle keinen am Tisch verborgen. Es war so zwischen 14:00 und 15:00 Uhr als sich unsere kleine Gruppe daran machte einen Plan zu entwerfen. Da keiner genau wissen konnte, was, nennen wir es einmal die andere Seite, bereits alles wusste, begann man noch einmal ganz von vorn. Diese Maßnahme erschien allen notwendig um der Sicherheit wegen. Jeder an diesem Tisch begann also noch einmal seine Geschichte mit all dem was er wusste und erlebt hatte zu erzählen. Dies mag im ersten Augenblick mühselig und gelangweilt erscheinen, entpuppte sich jedoch Verlauf des Gespräches als interessant und zunehmend spannend. Zuerst begannen die Wirtsleute zu erzählen. Sie berichteten, wie sie an diesen Hof gekommen waren und auch von dem was die Dorfbevölkerung an Geschichten über dieses Gehöft zu erzählen hatte. Es waren teilweise die unterschiedlichsten Geschichten, so wie man es von einer solchen Bevölkerung gewohnt ist. Alles in allem aber glichen sich die Geschichten, selbst über die Jahrhunderte hinweg und wirkten teilweise sehr realistisch. Am deutlichsten kam die jüngste Geschichte zur Sprache. Jene mit Tobias dem Kutscher und Doran den Kommissar. Es war die Frau des Wirtes, jene Erika, die sehr lebendig und spannend berichten konnte ohne dabei den Pfad der Wahrheit zu verlassen. So fesselte Erika alle welche sich am Tisch befanden. Nur hin und wieder ergänzte Nikolas, ihr Mann, einige Passagen der Geschichte. Ihr Bericht war so realistisch und lebensnah, dass man hätte glauben können, die damaligen betroffenen Personen sitzen mit am Tisch und hören dem Gespräch zufrieden zu. Es war wie eine Gesellschaft, welche weder Raum noch Zeit kennt und sich hier alle versammelt hat. Dementsprechend war auch die Atmosphäre welche in der Luft lag. Magie und Mystik sowie Mythos und auch realistischen Tatsachen, bestimmten das hiesige Umfeld in diesem Moment. Dabei war dieses Gefühl für jeden in dieser Runde vollkommen normal. Es herrschte eine Harmonie wo eigentlich gar keine vorhanden sein dürfte. Samuel, der Kommissar hatte hingegen wenig zu berichten, wenn man an die Geschichten der Wirtsleute denkt. Es gab zwar einige wichtige, realistische Gegebenheiten, welche durchaus von großer Bedeutung waren, aber viel weiter haben diese auch nicht geführt. Dann war zum Schluss Sigfried Gramsberg an der Reihe. Er war eigentlich derjenige, der erstmalig Licht in den gesamten Hintergrund brachte und somit auch einen Teil eines Motives lieferte. Es fehlten jedoch noch immer die Verbindungsstücke. Es verging bei dem gemeinsamen Gespräch viel Zeit, vielmehr als man eigentlich gedacht hatte. Ein zufriedenstellendes Ergebnis jedoch gab es nicht. Viele ungeklärte Fragen standen noch unbeantwortet im Raum. Gab es wirklich nur diese eine Ursache oder war es möglich, dass es sich hierbei um eine Verknüpfung mehrerer Umstände handelte, welche verschiedenen Ursprungs waren und nur rein zufällig zusammenpassten? Es war einfach schwer zu glauben, dass Etwas so wertvoll sein könnte, um einen solch langen Zeitraum eine derartige Vorgehensweise zu rechtfertigen. Auch kam noch die Tatsache hinzu, dass es so gut wie unmöglich war, etwas Derartiges über einen solchen Zeitraum hinweg geheim zu halten. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, alle standen noch immer ganz am Anfang. Wie immer man diese Angelegenheit auch anging, es wurden nur immer weitere Fragen aufgeworfen, welche die Unsicherheit nur vergrößerte. Es schien keine Antwort zu geben. Vielleicht sollte man doch akzeptieren, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als wir annehmen. Vielleicht handelte es sich wirklich um Magie und Mystik. Wer könnte schon mit Sicherheit bestätigen, dass es nicht so etwas wie einen Fluch gab. Nur weil wir etwas nicht verstehen braucht es sich schließlich noch lange nicht um einen Aberglauben handeln. Noch vor zweihundert Jahren wäre die Antwort eindeutig gewesen. Was haben wir in dieser Zeit auf diesem eigentlich wirklich dazugelernt? Wir glauben noch immer an einen Gott, fürchten noch immer den Teufel oder das personifizierte Böse und versuchen unsere Probleme mit Gebeten zu lösen, obwohl wir noch immer nicht den kleinsten Beweis für eine solche Existenz haben. Sicher, keiner will es zugeben, aber im Grunde leben wir noch nach dem Muster einer grauen Vorzeit. Zwar haben wir auf den wissenschaftlichen Gebieten der Medizin, der Astronomie, der Physik und noch vieles mehr durchbrechende Erfahrungen gemacht, welche unser Weltbild stark verändert haben, aber eben nur unser Weltbild und nicht unsere Glaubensansicht. In unserem Glaubensmuster sind wir noch mit den Ursprüngen unserer Kulturen verbunden. Auch wen es keiner von uns zugeben möchte, wir tragen noch immer jene Urängste in und, für die es keinerlei Beweise gibt. Einen Zeitraum über mehrere Generationen hinweg, eine Geschichte die während dieses Zeitraumen beginnt, sich aber im Laufe dieses Zeitraumes in eine Vielzahl von Geschichten aufgliedert, welche jedoch einen Zusammenhang haben sollten. Doch wie verhält es sich mit diesem Zusammenhang wirklich? Die einzigen Auffälligkeiten hierbei sind jene, dass es sich um die gleiche Gegend und dasselbe Anwesen handelt. Ist es nicht klar, dass während eines solch langen Zeitraumes die unterschiedlichsten Ereignisse an ein und dem gleichen Ort geschehen? Deshalb müssen noch lange keine mystischen Zusammenhänge dahinterstehen. Dies wäre in etwa so, als würde ein und das gleiche Haus während der zwei Weltkriege ausgebombt und wieder aufgebaut werden und man würde behaupten, dass ein Fluch der Grund dafür sein könnte. Dies würden wir schlechthin als absurd betrachten. Es gäbe noch unzählige Beispiele für solche Vor- oder Werdegänge. Die Geschichte macht eben vor der Zeit nicht halt und so verändert sich alles ständig, ohne dabei irgendwelche Zusammenhänge aufweisen zu müssen. Erinnern wir uns noch einmal an die Anfänge unserer Geschichte. Alles begann mit der Kutschfahrt vor langer Zeit. Als die Kutsche auf ihrer Fahrt einen Unfall erlitt, machten die Insassen sowie auch der Kutscher selbst, in dieser Nacht die seltsamsten Erfahrungen welche sich mit dem damaligen weit verbreiteten Aberglauben noch hochschaukelten. Dies führte soweit, dass man behauptete den Leibhaftigen samt seiner Dämonen gesehen zu haben. Zur gleichen Zeit verloren auch Menschen Ihr Leben wobei sich sogar noch ein kleines Mädchen darunter befand. Unter den heutigen Voraussetzungen des allgemeinen Denkens würde man jenes Ereignis zwar traurig oder dramatisch finden, aber es auch dabei belassen und keinen Kult daraus gestalten. Im Laufe der Zeit kamen auch noch Dinge hinzu, die wohl mehr in den Bereich der Kriminalität gehörten und in Wirklichkeit nie so recht und eindeutig aufgeklärt wurden. All diese Tatsachen reichten aber zu jener Zeit aus um daraus eine Geschichte voller Mysterien zu machen. Im weiteren Verlauf der Zeit mögen mit angrenzender Sicherheit noch viele unaufgeklärte Geschichten geschehen sein, welche durchaus absolut unabhängig voneinander sind. Aber auf Grund der alten Überlieferungen und Geschichten hatte das besagte Anwesen bereits den Ruf, dass auf ihm ein Fluch lag. Wer auch immer dieses Gerücht einst in die Welt gesetzt hatte und aus welchem Grund dies geschah sei dahingestellt, wir werden es wohl nie erfahren. Allein die Tatsache der nie wirklich nachgewiesenen Geschehnisse hatte das Schicksal jenes Hofes auf immer besiegelt und so manch ein Mensch der hier seine Chance für einen Neuanfang sah, wurde zum Opfer von diesem Gerede und hat dadurch nicht selten sein gesamtes Hab und Gut verloren. Wenn man es so betrachten möchte, kann ein derartiger Werdegang auch einem Fluch gleich kommen, nur das er rein menschlicher Natur ist. Doch kommen wir auf unseren Fall zurück. Man drehte sich mit all seinen Erkenntnissen im Kreise. Nur eine Sache gab es, welche die jetzigen Geschehnisse miteinander verband. Es waren die schwarzen Vogelfedern und die Spuren, welche nun einmal Realität waren. Abgesehen von dem Abendessen, welches noch einmal eine Unterbrechung darstellte, verlief das Gespräch bist tief in die Nacht. Es wurden wieder und wieder die einzelnen Ereignisse und Ergebnisse deren Untersuchungen durchgegangen, aber zu einem Schluss gelangte keiner der Anwesenden. Das einzige was man hätte bestätigen können war jene Tatsache, dass ein offensichtlicher Geistesgestörter hier sein Unwesen trieb. Welchen Grund er auch immer verfolgte oder welchen Anlass er dazu hatte blieb jedoch unbeantwortet. Es war Erika, die den Vorschlag unterbreitete, diese Unterredung auf den nächsten Tag zu verlegen da es schon spät war und man bestimmt am heutigen Abend keine Antwort mehr finden würde. Die anderen nahmen diesen Vorschlag gern an, da alle bereits recht müde waren und auch in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit verfallen waren. So begab sich jeder eher endtäuscht und schweigend auf sein Zimmer um den folgenden Tag abzuwarten. Es war ein schöner Morgen und alle wurden durch die Sonnenstrahlen, welche durch die Fenster fielen, geweckt. So begrüßte ein jeder den schönen Morgen und dachte in diesem Augenblick nicht an die Gespräche der letzen Nacht. Erst später, so nach und nach kamen die Erinnerungen wieder und in die Köpfe eines Jeden und begannen aufs Neue ihre Gedankengänge zusammenzufügen. Jeder unserer Beteiligten wusste im Grunde, dass es nichts gab was wirklich zusammenhängend zu einer Geschichte, einer Herkunft seit all den vielen Jahren wirklich gab. Über einen solch langen Zeitraum können die unterschiedlichsten Geschehnisse auftreten, welche vielleicht die Dinge in einem zusammenhängenden Licht erscheinen, aber in Wirklichkeit verschiedener Ursachen sind. Es geschehen eben die merkwürdigsten Dinge auf dieser Welt und wir werden niemals den Ursprung oder etwaige Gemeinsamkeiten nachweisen können, selbst wenn solche bestehen würden. Somit betrachtet waren im Grunde alle Bemühungen umsonst und man konnte tun was immer man wollte, es hätte schon mit sehr viel großem Glück einhergehen müssen, wenn durch die Nachforschungen ein Ergebnis herausgekommen wäre. So etwas mag es zwar hier und da geben, aber in diesem Fall schien es nicht so zu sein. Als nach dem gewohnten Frühstück sich unsere kleine Gruppe zusammensetzte, wusste im Grunde genommen jeder der Beteiligten, dass dieses Unternehmen, selbst bei aller Mühe, ein sinnloses Unterfangen war. Es gab einfach keine Möglichkeit oder keinen Anlass, die geschehenen Tatsachen unter einem Hut zu bekommen. Jede nur erdenkliche Spur verlief stets am Ende im Nirgendwo. Als sich die kleine Gesellschaft an den Tisch setzte war diese Tatsache auch einem Jeden klar. Jedoch keiner wollte den Anfang machen und diese Wahrheit zuerst ansprechen, doch in allen Augenpaaren am Tisch gab es das Gleiche zu lesen. Bei der gemeinsamen Unterredung wurden noch einmal alle Fakten zusammengenommen und besprochen. Das Gespräch dauerte etwa zweieinhalb Stunden und das Ergebnis war wahr als nur enttäuschend. Am Ende kam zu dem Schluss, dass es keinen Sinn machen würde noch weitere Zeit zu investieren. Zwar hatte ein Jeder einige Fakten, welche aber weder zu beweisen waren noch für eine Auslegung eines Tatbestandes ausreichen würden. Was den mystischen Teil der gesamten Angelegenheit betraf, wusste jeder, dass dieser ohnehin niemals zu beweisen war. So km es zu einem Entschluss, der alle ein wenig in Trauer versetzte. Das Einzige was man behaupten konnte und was ein wenig über die Trauer des Misserfolges ihrer Operation hinweghalf war die Tatsache, dass man sich kennengelernt und eine nicht gerade langweilige Zeit miteinander verlebt hatte. Dies war aber auch der einzige Trost. Nach dem Gespräch bekundete ein Jeder, was er in Zukunft für sich umsetzen wollte. Jener Herr Sigfried Gramsberg wollte weiter nach Zusammenhänge suchen, ohne dabei die Existenz der Wirtsleute zu gefährden. Nikolas und Erika Brauner waren sich einig, dass sie so viel bisher in diesen Hof investiert hatten, was einen Neuanfang unmöglich machen würde. Sie entschlossen sich daher zu bleiben und mit den ungeklärten Mysterien zu leben. Schließlich gab es überall im Leben Gefahren denen man nicht ausweichen konnte, warum sollte man hier also davonlaufen. Die Zukunft würde mit der Zeit bestimmt noch so manche offene Frage klären. Vielleicht würde dabei auch eines Tages herauskommen, was es mit jenem ominösen Dominik Rasim bzw. Alram Ayold auf sich hat oder hatte. In jedem Fall wollte und konnte man nicht aufgeben, sondern sich den Herausforderungen stellen sowie zu lernen damit zu leben. Was unseren Kommissar Samuel betrifft, so ist dieser auch zu der Einsicht gekommen, dass eine weiterführende Ermittlung keinen Erfolg versprechen würde. So wusste jeder, dass er an seine Grenzen gestoßen war und es Zeit wurde, die gesamte Angelegenheit niederzulegen. In diesem Sinne wurde am Ende des Gespräches von allen Anwesenden festgelegt, die gesamte Angelegenheit zu den Akten zu legen, in der Hoffnung, die Zeit würde schon das Notwendige vollbringen. Er, so war zumindest seine Meinung, konnte ohnehin nicht mehr viel ausrichten, wobei sich das Viel auf so gut wie nichts bezog. Er beschloss noch ein paar Tage zu bleiben und die Gegend zu genießen und dann wieder abzureisen. Damit war in dieser Angelegenheit alles gesagt und beschlossen. |
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Kapitel Schlusswort Es sollte im Grunde auch kein Roman werden. Die Geschichte sollte dazu dienen, die Zusammenhänge von Geschichte, Mythos und Aberglaube einmal klar darzustellen. Es ist doch erstaunlich wie eng diese Einzelheiten miteinander verknüpft sind. In einer modernen Welt wie die unsere beherrschen, auch wenn wir dazu neigen die zu leugnen, Mythos und Aberglaube noch immer die Realität. Kommen wir noch einmal ganz kurz auf unsere kleine Geschichte des Hofes mit der einstigen Poststation zurück. Ich würde sehr stark zu der Vermutung neigen, dass sich heute noch immer die dortigen Bewohner jene Geschichten in den dunkelsten Vorstellungen erzählen. Wahrscheinlich ist heute sogar noch alles viel schlimmer als es wirklich jemals war. Was allerdings aus unseren Beteiligten geworden ist weiß keiner mehr so genau. Heute steht der Hof verlassen und baufällig auf dem Land und keiner will ihn haben, vielleicht weil es dort spuken könnte. Wenn Sie es nicht glauben, dann begeben Sie sich doch einfach einmal dort hin und schauen sich so richtig um. Sie können auch die Leute des Ortes befragen, der Eine oder Andere wird sich bestimmt noch erinnern und viel zu berichten wissen. Wo dieser Ort ist wollen Sie wissen? Wenn wir einmal genau und weit genug zurückdenken, werden wir feststellen, dass jeder von uns einen solchen Ort in seinem Leben hat, auch die Geschichten ähneln sich bei genauer Betrachtung fast immer. Eines sollten wir aber nicht vergessen, an jedem Mythos, jeder Geschichte ist auch immer ein Funken Wahrheit beteiligt. Es liegt somit an jedem Einzelnen selbst, was er aus seiner Geschichte macht. Eines sollte er jedoch nicht vergessen, obwohl man es nicht für möglich halten mag, seine Geschichte und seine Einstellung dazu bestimmen auch sein Leben, selbst wenn er es nicht merkt. So sollten wir doch eines aus dieser kleinen Episode gelernt haben, ein Jeder von uns bestimmt den Weg seines Lebens zum größten Teil selbst, auch wenn er sich dessen oftmals nicht einmal bewusst ist. Die Sache mit dem Schicksal ist nur in den seltensten Fällen von Bedeutung, aber eine gute Ausrede oder ein perfekter Selbstbetrug für und an uns selbst. Damit ist auch diese kurze Geschichte nur ein Wegweiser und Gedankenanstoß für den Leser. Es war und ist nicht meine Absicht diesen von irgendetwas überzeugen zu wollen, da jeder an das glauben soll, was er für richtig erachtet. Georg
Goetiaris |