Die

 Geheimnisse

 um die

 Magie

 und deren

 Mysterien

 

Wie aus dem Unerklärlichen

die Phänomene des Glaubens und der Religionen wurden.

 

Vorwort zur folgenden Geschichte

               Diese Geschichte ist bewusst im Stil eines eher minderwertigen Romans geschrieben, da hier alle Faktoren wie Gewalt, Geheimnisse, Mystik, Mord und Tod, krankhaftes bzw. abergläubisches Denken, sowie irrationaler Glaube, Fanatismus, aufeinandertreffen.

Dies sind aber genau jene Stoffe aus denen vor langer Zeit Aberglaube, sowie jenes nicht immer zutreffende esoterische Denken, entstanden ist oder als solches ausgelegt wurde.

Nicht immer war der Mensch so weitgehend aufgeklärt und die Welt so wissenschaftlich überschaubar wie in unserer heutigen Zeit. Dennoch müssen wir, selbst in dem heutigen Zeitalter beobachten, dass einige Denkprozesse sich noch immer auf dem gleichen Niveau befinden.

Um dieses zu verdeutlichen, begeben wir uns in unserer Geschichte in eine Zeit, weit vor der heutigen zurück. Eine Zeit in der es noch keine Elektrizität gab, die Straßen des Nachts noch dunkel und oftmals beängstigend waren. Die Wälder zählten zu den eher unheimlichen Orten. In den Häusern und Wohnstätten wurde das Licht noch mit Kerzen oder bereits mit Gas erzeugt. Zur Unterhaltung erzählten sich die Menschen noch Geschichten, wobei jeder der bessere Geschichtenerzähler sein wollte, was oftmals die Phantasie beflügelte. So war auch der Erfindungsreichtum jener Erzählungen dementsprechend unterschiedlich. Eine Zeit in der die Menschen den Glauben noch sehr ernst nahmen und die Kirche noch absoluten Respekt und Anerkennung genoss. Der Glaube an das Gute sowie das Böse, an Gott, Teufel und Dämonen hatte noch einen sehr hohen Stellenwert, was deren Bedeutung betraf. Der Mensch war noch von Wundern überzeugt, was  letztlich die Auffassungen der esoterischen Bereiche, wie zum Beispiel der Alchemie und Mystik stark prägte. Es war eine Zeit für die uns heute jegliches Verständnis, in vielerlei Hinsicht, abhanden gekommen ist. Obwohl sich die Zeit in ihrem Verlauf verändert hat, sind bestimmte Merkmale jedoch noch bis heute erhalten geblieben.

Mit diesem Wissen wird es vielleicht einigen von uns leichter fallen, die Menschen in ihrem Zeitalter zu verstehen.

Viele Gedankenmuster welche sich damals im Laufe jener Zeitgeschichte entwickelt haben sind auch heute, selbst in unserer modernen Zeit, noch von sehr aktuellem Wert.

Zwar belächelt man jene Dinge offiziell als nicht glaubwürdig, aber es gibt wohl kaum eine Person welche sich nicht überzeugen ließe, wenn die momentanen Umstände dies begünstigen.

Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass es nicht übergeordnete Dinge gibt welche sich bis heute unserem Bewusstseinszustand entziehen. Es mag zwischen Himmel und Erde mehr existieren als wir uns je vorstellen können. Worum es aber letztlich geht ist die Tatsache, jene wirklich real existierenden übersinnlichen Ereignisse von der Art des Aberglaubens zu trennen, welche der Unwissenheit der damaligen Gesellschaft entsprungen und somit zu den Absurditäten zuzuordnen sind.

Der Mensch ist mit Sicherheit nicht das Maß aller Dinge und es gibt nichts was es nicht gibt. Was jedoch wichtig erscheint ist die Möglichkeit jenes Wissen zu besitzen um den realen Sinn vom Unsinn zu trennen, da ein unberechtigter Aberglaube mehr Unheil anrichten kann als Sie sich jemals vorstellen könnten.

Aus diesem Grund habe ich jenen mehr oder weniger minderwertigen Roman geschrieben, um einmal den schmalen Grat zwischen Glauben, Realität und Aberglaube aufzuzeigen.

In wie weit sich ein jeder von Ihnen mit diesen Denkprozessen identifiziert, bleibt Ihnen allein überlassen.

Ich kann nur hoffen, dass dieser kleine Roman als Beispiel Ihr Denken anregt und Sie somit Ihren Weg zur möglichen Wahrheit finden.

 

Georg Goetiaris

 

Die

 

Geheimnisse

 

um die

 

Magie

 

und deren

 

Mysterien

 

 

Wie aus dem Unerklärlichen

die Phänomene des Glaubens und der Religionen wurden.

 

Die alltäglich realen Möglichkeiten des grundlegenden

Ursprungs der mystischen sowie religiösen Denkweisen.

 

Hintergründe von Mythen und Aberglauben

 

 

© Von Georg Goetiaris

 

Januar 2011

 

Dieses Buch ist, ohne jede Ausnahme, geistiges Eigentum des Autors Georg Goetiaris.

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Deutschland

Brandenburg – Mahlow

Januar 2011

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Vorwort

               Dieses Werk soll nicht etwa die Behauptung aufstellen, dass es nichts Übernatürliches bzw. Übersinnliches in seiner Existenz gibt. Es soll nur eine von sicherlich vielen Möglichkeiten in Betracht ziehen, wie es zu  einem Denken an derartige Phänomene gekommen sein könnte.

Als grundelementare Basis gehen wir von der Tatsache aus, dass es für angenommene mystische Vorgänge weder Beweise dafür noch dagegen gibt. Wissenschaftlich betrachtet stehen wir also, was den eindeutigen Nachweis betrifft, hilflos auf vollkommen neutralen Boden, zumindest was den umstrittenen Glauben hierfür betrifft.

Sicherlich gibt es unbestritten Vorgänge oder Ereignisse, die wir selbst mit unseren kühnsten Mutmaßungen nicht annähernd erklären könnten. Diese Tatsache ist jedoch kein Beweis für ein Vorhanden sein von bestimmten anormalen Phänomenen. Es könnte ebenso unsere Unwissenheit der Grund hierfür sein, dass wir einfach noch nicht bereit sind verschiedene Zusammenhänge der Naturgesetzmäßigkeiten zu verstehen.

Wiederum stehen wir dem Beispiel der früheren Menschheit und ihrem eingeschränkten Wissen über die Natur und deren Vorgänge sowie jene anerzogene Religionshörigkeit des eigenen Glaubens gegenüber, so dass wir heute vieles als ein erklärbares Missverständnis einordnen könnten, was vor einigen hundert Jahre noch nicht der Fall gewesen wäre.

Es mag auch mit absoluter Sicherheit den Tatsachen entsprechen, dass wir noch lange nicht, auch nur annähernd, auf dem Höhepunkt unseres Wissenstandes um die Naturgesetzmäßigkeiten und ihren Geheimnissen sind.

Erst im 19. Bis 20. Jahrhundert hat sich der Schleier um die Mysterien der Naturwissenschaften langsam aber doch erheblich gelüftet. In Anbetracht der noch unbekannten vielfältigen Geheimnisse könnten wir mit Recht annehmen, dass wir uns noch immer ganz am Anfang des Verstehens befinden.

Dieses Buch soll jedoch nicht etwa einen Aufschluss über die Wissenschaften der Zukunft geben, es soll vielmehr vermitteln wie es in den vergangenen Jahrhunderten zu den Missverständnissen, aus der Unwissenheit des Menschen heraus, kommen konnte.

Vielleicht bringt uns die Einsicht um jene besagten Missverständnisse in unserem Verständnis einen kleinen Schritt weiter auf unseren noch unendlichen Weg zur Erkenntnis.

Um diese Missverständnisse im rechten Licht betrachten zu können, werden wir den Versuch unternehmen uns, anhand dieser Geschichte, in jene Situationen und Denkweisen der Menschen zur damaligen Zeit zu versetzen.

       Georg Goetiaris

 

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Eine mystische Reiseerfahrung

1.     Kapitel

 

Ein unerwünschter Reiseaufenthalt

 

         Man kann nicht gerade behaupten, dass diese Fahrt in der doch eher engen und kalten Kutsche angenehm erschien. Zudem herrschte ein mehr oder weniger eisiges Schweigen unter den Passagieren. Diese bestanden aus einem jungen, schlanken Mann der so um die dreißig Jahre alt gewesen sein mag. Hinzu kamen zwei Frauen von denen die eine etwas rundlich erschien und die andere ein Gesichtsausdruck besaß als hätte sie ständig Magenbeschwerden. Beide der Damen mögen so etwa gleichen Alters gewesen sein, doch wichen ihre Charaktere erheblich voneinander ab. Direkt am Fenster, in Fahrtrichtung, saß ein älterer Mann der bestimmt doppelt so viel Gewicht auf die Waage brachte, als er hätte besitzen sollen. Dennoch hatte er nicht nur ein eher lustiges Gesicht sondern machte auch ansonsten einen geselligen Eindruck. Die Tatsache, dass er aufgrund seines Leibesumfanges den meisten Platz einnahm machte ihn, für die anderen Fahrgäste, nicht gerade sympathisch.

Es war im Oktober und die Insassen der Kutsche hatten sich dicke Decken um ihre Beine geschlungen um der Kälte zu trotzen. Nur jener rundliche Mann verzichtete auf seine Decke da er ohnehin sehr zum Schwitzen neigte. Auch konnte man seinen schweren Atem deutlich vernehmen. Die Reise schien ihn sichtlich gesundheitlich mitzunehmen.

Langsam neigte sich der Tag seinem Ende zu und es wurde zunehmend dunkel. Dennoch war man noch ein gutes Stück von der nächsten Poststation entfernt. Der Kutscher trieb die Pferde an so gut er konnte. Da es aber zuvor geregnet hatte und die Straße, welche durch einen Wald führte, aufgeweicht und sehr schlammig war, kam das Gefährt nur mühselig und daher langsam voran.

Als die Sonne ganz hinter dem Horizont entschwunden war und die Dunkelheit der Nacht hereinbrach, kam auch der Nebel auf. In der Kutsche war es unangenehmer und auch kälter geworden. Hinzu kam die Feuchtigkeit des Nebels, welcher den gesamten Wald in dünne. unheimliche weiße Schleier hüllte.

Es mag so um die neunte Stunde des Abends gewesen sein, als der ohnehin bereits bestehende Unmut der Reisenden größer wurde. Kälte, Hunger, Müdigkeit und steife sowie schmerzende Körperglieder trugen ihr nötiges dazu bei. Hinzu kam die Tatsache, dass der Kutscher seine Reisenden kurz zuvor darüber informiert hatte, dass unter diesen Umständen die Fahrt noch bis gegen Mitternacht andauern könnte. Dies setze aber voraus, dass nicht noch etwas unerwartetes, was keiner hoffen wollte, eintreten würde.

Kurz, es gehörte nicht viel Phantasie dazu sich die allgemeine Stimmung unter den Reisenden vorstellen. Die Laune befand sich auf dem völligen Nullpunkt. Die beiden Frauen waren gereizt und verärgert was sie auch nicht sonderlich zu verbergen versuchten. Der junge Mann machte eher einen mehr oder weniger ausgeglichenen Eindruck als wolle er sagen, dass sich die Dinge ohnehin nicht ändern ließen. Was dagegen den älteren und rundlichen Mann betraf, so schien diesen nichts aus der Ruhe zu bringen.

„Das Einzige was bei einem solchen kalten Wetter hilft, ist der Schluck eines guten Tropfens“, bemerkte der ältere und dickliche Mann. Darauf zog er aus seinem Gehrock eine silberne Flasche deren Inhalt, nachdem er diese geöffnet hatte, sehr stark nach hochprozentigen Alkohol roch. Er nahm einen Schluck daraus worauf er sofort zu husten begann. Dann reichte er die Flasche mit einer Geste des Anbietens jenem jungen Mann, welche ihm gegenüber saß. Lächelnd lehnte dieser ab und ließ seinen Blick zu den beiden Frauen gleiten. Diese hatten die Augen geschlossen. Es schien fast so, als wollten sie nur den Eindruck des Schlafens erwecken. Wahrscheinlich wollten sie nicht gestört werden und einfach nur ihre Ruhe haben.

„Die Damen auch einen kleinen Schluck für die innere Wärme?“

Der Mann hatte seinen Hustenanfall überstanden und seine Stimme wiedergefunden. Die eine der beiden Frauen schüttelte ablehnend ihren Kopf ohne dabei ihre Augen zu öffnen, während die Andere nichts dergleichen tat.

Der Mann zuckte daraufhin mit den Schultern und nahm noch einmal einen kräftigen Schluck, verschloss dann die Flasche wieder und steckte diese zurück in seinen Gehrock.

Der Kutscher trieb die vier Pferde weiter an, obwohl diese bereits vor Schweiß dampften. Auch er schien sichtlich bemüht zu sein das Ziel so zeitig wie nur möglich zu erreichen. Dies war aber nicht nur der Grund um ins Trocknende und Warme zu kommen. Es war eine allgemein bekannte Tatsache, dass diese Wälder kein beleibter Aufenthaltsort für die Nacht waren.

Auch der Zustand sowohl das Erscheinungsbild der Kutsche erschienen nicht gerade vertrauenswürdig was zurzeit die Situation auch nicht gerade positiv beeinflusste. Es war so gut wie unmöglich das Gefährt auf sein Alter zu schätzen. In jedem Fall konnte keiner behaupten, dass sie stets gepflegt und gewartet wurde.

Der Innenraum bestand aus einer dunklen Holztäfelung, welche bestimmt auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Die Sitzbänke ließen den Platz für vier Personen zu, wobei dies schon großzügig beschrieben war. Die Vorhänge an den Fenstern schienen einmal, von der Farbe her, beige gewesen zu sein. Mit den vielen Jahren, und solange hingen diese bestimmt schon dort ohne jemals gereinigt geworden zu sein, hatten Pfeifen- und Zigarrenrauch die einstige Farbe doch erheblich beeinträchtigt. Auch Wetter, Feuchtigkeit und die Sonne hatten ihren Beitrag dazu beigesteuert, so dass das Tuch nicht mehr den stabilsten Eindruck machten. Um es genau auf den Punkt zu bringen, keiner traute sich wirklich jenes Tuch zu berühren, geschweige zuzuziehen. So blieben diese Vorhänge also offen und durch die undichten Fenster drang das mystisch anmutende Licht der Nacht. Eine gespenstische Atmosphäre beherrschte das Innere der Kutsche, was sich auch auf die Reisenden übertrug.

Die Polster der Sitzbänke waren mit rotem Plüsch bezogen, was man allerdings nur mit sehr viel Phantasie als solchen deuten konnte. Hier und da hatten Löcher in dem abgewetzten Stoff ihren Platz eingenommen. Zum Teil beruhten diese auf die Unvorsichtigkeit der Raucher und des Weiteren waren sie einfach altersbedingt.

So strahlte der Innenraum der Kutsche einen nicht gerade angenehmen Eindruck aus. Man könnte ihn fast mit beklemmend, ja fast als unheimlich bezeichnen. Wer also seelisch labil und ängstlich war, hätte in diesem Gefährt auf die seltsamsten Phantasien kommen können. Die Zeit hier drinnen schien nicht der wirklichen Zeit zu entsprechen.

Es war jetzt völlig dunkel geworden. Eine Innenbeleuchtung gab es nicht. Nur die zwei Laternen, welche sich auf der linken und rechten Seite vom Kutschbock befanden, lieferten ein spärliches Licht auf den Weg wenn man diesen so nennen konnte. Schaute man aus dem Fenster so erschien die Landschaft im Licht der zwei Laternen wie der direkte Weg zur Hölle. Die Schatten der Bäume, worauf das Licht fahl fiel, ließen die Dinge seltsam dämonisch und dabei täuschend echt erscheinen.

So holperte die Kutsche mehr als sie fuhr ihrem Ziel mühselig und beschwerlich entgegen.

Das Schweigen im Inneren der Kutsche war unerträglich geworden. Nur der ältere der Männer nahm hin und wieder einen kleinen Schluck aus seiner silbernen Flasche. Gegen die Kälte wie er sagte. Dennoch konnte man zunehmend bemerken, dass der Alkohol des Flascheninhaltes, seine Wirkung deutlich erkennen ließ.

So wurde er zumindest mit der Zeit zuerst ein wenig gesprächig, was jedoch mit der Zeit zunahm. Eine Unterhaltung zwischen den zwei männlichen Passagieren entwickelte sich langsam wobei man nicht mit Gewissheit sagen konnte, ob diese Unterhaltung eher einseitig war und nur auf die Höflichkeit des jungen Mannes beruhte und erst somit ermöglicht wurde.

                  Während sich die Kutsche durch den Schlamm des vom Regen aufgeweichten Weges kämpfte und dabei eher einem Höllengefährt glich, nahm die Unterhaltung in der Kutsche weiterhin zu. Nun lehnte plötzlich der junge Mann auch einen Schluck aus jener silbernen Flasche nicht ab. Als er diesen jedoch von seinem Mund in den Magen beförderte schien ihn eine kurzfristige Atemnot zu befallen.

„Ja, dass wärmt wirklich durch, ist ein sehr starkes Getränk“, bemerkte er als er sich wieder gefangen hatte.

„Guter alter Überseerum der es wahrlich in sich hat. Er erweckt Tote zum Leben“, erwiderte der Andere.

So dauerte es auch nicht lange und der hochprozentige Rum ließ auch bei dem jüngeren Mann seine Wirkung erkennen.

Die beiden Damen schwiegen jedoch noch immer. Hin und wieder öffneten sie einmal kurz ihre Augen als wollten sie erkunden wo sie waren, was natürlich unmöglich war und daher eher absurd erschien.

Die Zeit verging sehr langsam. Indem die beiden Männer immer (mit jedem Schluck) entspannter erschienen, wurden die beiden Frauen sichtlich bedrückter und sogar ängstlich, obwohl sie dies niemals zugegeben hätten.

Es mag zwischen der 10. und 11. nächtlichen Stunde gewesen sein, als zuerst ein lautes Krachen die Fahrgäste im Inneren der Kutsche erschreckte. Fasst im gleichen Augenblick neigte sich das gesamte Gefährt mit einem Ruck nach rechts. Damit gelangte die Kutsche in eine Seitenlage, dass man ein Umkippen befürchten musste.

Nach einem kurzen Augenblick der Ruhe entstand ein fürchterliches Durcheinander und ein Geschrei, an welchem die beiden Damen den größten Anteil hatten.

Die Pferde hatten sich zum Glück nicht verletzt. Die ungewollte Unterbrechung jener beschwerlichen Reise schien den Tieren mehr als recht zu sein, da sie seit Stunden keine Pause eingelegt hatten.

Nachdem die Fahrgäste mühselig die Kutsche verlassen hatten und gemeinsam mit dem Kutscher den Schaden begutachteten musste man feststellen, dass die Achse der Hinterräder gebrochen war. Zum Glück jedoch waren die Räder und auch sonst der Rest der Kutsche nicht weiter groß beschädigt.

Der gesamte Anteil der Aufregung sowie der Hysterie ging von den beiden Frauen aus. Hatten diese zuvor überhaupt nicht gesprochen, so schienen sie dieses Versäumnis jetzt doppelt und dreifach nachzuholen.

Die beiden Männer hingegen verhielten sich gelassen. Ob dies am Alkohol lag oder auf jene Tatsache beruhte, dass man die Dinge ohnehin nicht ändern könne, mag dahingestellt sein.

Zumindest nahmen beide Männer noch einen kräftigen Schluck von dem Rum. Auch dem Kutscher wurde das Getränk zur Beruhigung angeboten, was dieser auch nicht ausschlug.

Darauf, während die Frauen noch laut über ihre missliche Lage diskutierten, begann man sich eine Übersicht über den Schaden zu verschaffen.

Nachdem man den Schaden in Augenschein genommen und begutachtet hatte war es langsam kurz vor Mitternacht. In gewisser Weise ergab die Situation ein gespenstisches Bild. Die Kutsche fast auf der Seite liegend. Nur noch die zwei Laternen am Kutscherbock spendete auf der schlammigen Straße, tief im Wald, ein wenig Licht. Der Kutscher hatte die Pferde ausgespannt und an einem Baum festgebunden, sowie mit Decken behangen, damit sie nicht noch erkrankten.

Die Bäume warfen die eigenartigsten Schatten und man musste sich sehr anstrengen, weiter als ca. zwanzig Meter weit zu sehen. Hinzu kam der Nebel, der in vereinzelten Schwaden auftrat und nicht gerade die gesamte Angelegenheit jener Misslage vertrauenswürdiger machte. Die Luft war kalt und sehr feucht. Auch die Kälte beeinflusste die Leute mehr als nur negativ. So standen die Fahrgäste und ihr Kutscher frierend und ängstlich in jener abenteuerlichen Situation, jeder Zeit damit rechnend, dass etwas unvorhergesehenes sowohl unheimliches hinter den Bäumen auftauchen könnte, hilflos im Wald.

Die beiden Frauen hatten sich, nach einiger Zeit, beruhigt und sich mit der allgemeinen Situation abgefunden. So standen der Kutscher und seine Fahrgäste zusammen und diskutierten, wie es wohl nun weitergehen sollte.

„Heute werden wir wohl keine Hilfe mehr bekommen und die Achse können wir nicht selbst reparieren“, bemerkte der Kutscher. „Bis zur nächsten Poststation sind es noch gut 30 bis 40 Kilometer. Somit wäre auch der Versuch jene Station zu Fuß zu erreichen von jeglicher Diskussion ausgeschlossen. Auch wäre ich beim besten Willen nicht bereit um diese Zeit und jener Dunkelheit, gemeinsam mit Ihnen, durch diese Gegend zu wandern. Auch glaube ich, dass kein Mensch, egal um welchen Preis, um diese Zeit hier herauskommen würde. Wir können hier nur bis zum Morgen warten und das Beste aus der ganzen Sache machen. Morgen sehen wir dann weiter. Ich glaube, wenn wir diese Nacht nicht in der Poststation eintreffen, wird man uns ohnehin morgen suchen“.

„Wir könnten versuchen die Kutsche, so gut es geht aufzurichten damit wir darin einen Unterschlupf haben und notfalls auch darin im Sitzen schlafen können. Wenn wir ein wenig zusammenrücken hätten wir alle Platz darin und es wäre zudem auch noch gut gegen die Kälte“, sagte der jüngere Mann.

Allerdings hatte er damit nicht gerade die Vorstellung der beiden Frauen getroffen. Die Bemerkung der beiden beschränkte sich auf den einzigen Satz, dass dies wohl unzumutbar sei und keinesfalls in Frage kommen würde.

„Wenn sie dann unbedingt hier draußen in dieser unfreundlichen Wildnis unter freiem Himmel schlafen möchten, ich werde ihnen keinen Stein in den Weg legen“, bemerkte nun der ältere Mann. Dabei klang seine Stimme etwas belustigend, da seine Zunge sehr schwer geworden zu sein schien was wohl an dem guten Rum lag.

„Ich schlage vor, wir sehen erst einmal was wir an Kerzen und Decken haben. Dann glaube ich könnte ein Feuer nicht schaden. Es wird uns wärmen und zudem die wilden Tiere abhalten, von denen es hier in dieser Gegend bestimmt mehr als genug gibt“, sagte der Kutscher.

Genau in diesem Augenblick begann ein Wolf in einiger Entfernung zu Jaulen. Sofort rückten die beiden Frauen etwas näher an die Männer heran und die Frage um den Schlafplatz hatte augenblicklich seine Bedeutung verloren.

Mit einigen kleinen Stämmen umgestürzter Bäume richtete man die Kutsche wieder auf. Es schien einfacher als erwartet. Dann bekam jeder eine bestimmte Aufgabe zugeteilt.

Die Frauen sollten sich um die Decken sowie Schlafplätze kümmern. Zudem bekam jeder eine Kerze zugeteilt. Zwei tragbare Laternen, welche als Reserve im Notgepäck verstaut waren, wurden ausgeteilt. Sie sollten diejenigen erhalten, die für die Wache eingeteilt waren. Auch die Zeiten hierfür wurden genau festgelegt.

Obwohl eine alte aber gut erhaltene Flinte und eine Handfeuerwaffe, sowie zwei Messer und eine Axt vorhanden waren, bewaffnete sich noch ein jeder mit einem sehr stabilen Holzknüppel.

Dann wurde im Licht der Laternen Holz gesammelt und kurz darauf, auf einer kleinen Lichtung nahe der Kutsche, ein kleines aber gemütliches Feuer entfacht. Sogar etwas zum Essen hatte man als Notreserve zur Hand, und so konnte man sogar ein, wenn auch nur dürftiges Mal, zur Nacht einnehmen.

Während unsere Reisegesellschaft um das Feuer saß, sich daran wärmte und ein wenig aß, kam man sich auch im Gespräch näher. Es war so wie es schon immer war, die Not schweißt die Betroffenen zusammen und so mansche Vorurteile verlieren, zumindest für den Augenblick, ihre Bedeutung.

Als wollten sich die Leute gegenseitig Mut machen, wurde auch im Gespräch so manches ins Lächerliche gezogen und hier und da sogar ein Witz gemacht.

Die Stimmung konnte man also keinesfalls als schlecht oder misslich bezeichnen. Als zum Abschluss noch einmal ein kleiner Schlaftrunk vom guten Rum gereicht wurde, nahmen sogar die Frauen einen kleinen Schluck davon. Erstaunlicher Weise verzogen beide keine Gesichtsmiene.

In der Tiefe seines Herzens war in diesem Moment jeder dieser kleinen Gesellschaft zufrieden, aber auch voller Angst vor dem Unbekannten. Dennoch beschloss man den Versuch zu unternehmen, ein wenig zu schlafen.

Der Kutscher erklärte sich freiwillig bereit die erste Wache zu übernehmen. Er setze sich an das Feuer, warf noch ein paar Holzstücke in die Glut und legte das Gewehr griffbereit in seine Nähe.

Während dieser Zeit kletterte die kleine Reisegesellschaft in die Kutsche und versuchte es sich so gemütlich wie nur möglich zu machen. Dann wurde es langsam still.

Der Kutscher saß am Feuer und schaute gedankenverloren in die Flammen. Nur das knistern des Feuers war zu hören. Einmal hörte er noch den Wolf in weiter Entfernung und fast zur gleichen Zeit vernahm er den Schrei einer Eule. Dabei gingen ihm vielerlei Gedanken in seinem Kopf herum. Er war ein sehr abergläubiger Mann, der in allem einen tieferen Hintergrund sah. Sein Leben war geprägt von den alten Mythen und Sagen. So war es nicht verwunderlich, dass er mit verschiedenen Gefühlen in die Zukunft blickte.

In diesem Augenblick begann es leicht zu regnen. Es war nicht weiter von Bedeutung und der Kutscher zog sich seinen Mantel über den Kopf.

Keiner der Passagiere konnte später sagen warum er mit einem Schlag wach wurde, Tatsache war aber, dass alle gleichzeitig hochschreckten. Etwas hatte den Schlaf der kleinen Reisegruppe unterbrochen, aber was? Es war ca. 3:00 Uhr in der Früh.

Als man aus den Fenstern der Kutsche schaute, sah alles nach wie vor gespenstig aus. Man konnte zwar das Feuer sehen, welches langsam vor sich her brannte, aber vom Kutscher war nichts zu sehen. Im Licht des Feuers sahen die Schatten der Bäume noch unheimlicher aus. Es gab in diesem Augenblick wohl keinen, der jetzt nicht gern in einem warmen Bett eines gemütlichen Zimmers gelegen hätte. Jeder machte sich seine Gedanken welche in erster Linie aus Angst bestanden, aber keiner wagte diese auszusprechen.

Man konnte jedoch deutlich die Angst in den Augen der kleinen Gesellschaft erkennen. Es war die Stille, die so unerträglich erschien.

Der jüngere der beiden Männer war es, der zuerst seine Sprache wiederfand. „Was ist eigentlich geschehen? Hat jemand etwas gehört? Ich kann nicht sagen von was ich aufgewacht bin, aber vielleicht hat jemand von ihnen eine Erklärung hierfür. Es kann doch nicht sein, dass wir alle zur gleichen Zeit hochschrecken und niemand weiß warum“.

Alle sahen einander an, aber außer das eine oder andere Zucken mit den Schultern gab es hierzu keine weitere Stellungnahme.

„Wo ist eigentlich unser Kutscher“? bemerkte nun der ältere Mann „ Das Feuer brennt, als hätte er gerade etwas nachgelegt, aber ich kann ihn nirgends entdecken“, erhob nun auch die etwas rundliche Frau das Wort.

„Vielleicht hat er auch etwas vernommen und schaut nach was es gewesen sein könnte“, sagte die andere Frau. Dabei hatte sich ihr Gesicht von dem säuerlichen Ausdruck in einen ängstlichen verwandelt. Bei genauerer Betrachtung war es eigentlich eine sehr hübsche Frau. Wer weiß warum sie so verbittert war. Schließlich wusste keiner etwas über den anderen. Weder wohin die Reisenden wollten, noch woher sie kamen oder waren und schon überhauptnicht den Grund ihrer Reise.

Noch während man über den Verbleib des Kutschers Gedanken machte, kehrte dieser zwischen den Bäumen, die Flinte unter seinem Arm, aus dem Wald zurück. Er ging geradewegs auf die Kutsche und deren Insassen zu.

Diese verließen umgehend das Gefährt und stellten sich zu dem Kutscher. Man zog es vor, am Feuer Platz einzunehmen, da es dort wenigsten warm war.

„Was ist geschehen?“ Die Frage kam fast gleichzeitig aus aller Munde.

„Ich saß am Feuer bei meiner Wache, als ich ganz plötzlich ein Geräusch hörte, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nicht gehört habe“, erwiderte der Kutscher. „Es war grauenhaft. Nicht Mensch nicht Tier, aber voller Schmerz. Mir schaudert es jetzt noch wenn ich nur daran denke. Haben sie vielleicht freundlicher Weise noch einen Schluck von dem Rum?“ Er wandte sich mit dieser Frage an den älteren Mann, der sofort ohne zu zögern, ihm seine Flasche reichte.

„Ich glaube wir können jetzt alle einen kleinen Schluck gebrauchen“, sagte er dabei und bekam von keinem einen Einspruch.

Nachdem jeder seine Zuteilung vom Rum mehr oder weniger genossen hatte, erhob als erster der junge Mann seine Stimme zu der Frage, die im Augenblick wohl jeden der Anwesenden auf der Zunge brannte.

„Was ist aus dem Geräusch geworden, konnten Sie erkennen was es war?“

Das Gesicht des Kutschers verdunkelte sich schlagartig. „Es hielt nicht einmal eine Minute an, war auch nicht wirklich laut, ging aber durch Mark und Bein“, sagte der Kutscher. „Bei Gott so etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört“, fuhr er fort. "Ich bin darauf sofort aufgesprungen und habe versucht, in der Richtung aus der jenes Geräusch kam, zu suchen“. Man konnte deutlich seine Aufregung erkennen. Sein Atem ging noch immer sehr schnell und man konnte nur ahnen, wie schnell erst sein Herz rasen musste. Dennoch bemühte er sich sehr seine Nerven in den Griff zu bekommen, um die anderen nicht unnötig zu verängstigen.

„Ich konnte jedoch in dieser Dunkelheit nichts Genaueres erkennen. Nach meiner Meinung sah ich zuerst drei Schatten in einiger Entfernung davonlaufen. Sie liefen hintereinander und hatten die Größe von einem kleinen jungen Pferd, nur sehr viel massiger. Sie liefen auf allen Vieren. Kann jedoch nicht sagen ob sie auch nur vor dem Geräusch geflüchtet sind. Alles war schwarz, konnte beim besten Willen nichts Genaues ausmachen. Sowie es etwas hell wird, werde ich mit einem der beiden Männer jene Stelle absuchen, ob sich eventuell Spuren finden lassen, die das Rätsel aufklären könnten. Der andere Mann soll bei den beiden Frauen bleiben, um diese notfalls beschützen zu können. Jetzt würde die Suche keinen Sinn machen, wäre auch zu gefährlich, da wir nicht wissen mit was wir es hier zu tun haben“.

Damit schloss der Kutscher seine Rede. Auch hatte er sich etwas beruhigt, was wahrscheinlich an der Tatsache lag, dass er sich mit seiner Erklärung etwas Luft verschaffen konnte und nun zufrieden bei den anderen war.

„In einer knappen Stunde dürfte die Dämmerung anbrechen“, bemerkte der ältere Mann. „Ich glaube nicht, dass ich nochmals einschlafen könnte. Ich schlage daher vor, dass ich die weitere Wache übernehme und mich dann zusammen mit dem Kutscher auf die Suche mache. Der junge Herr kann dann hier bei der Kutsche auf unsere Damen aufpassen“.

Der Vorschlag wurde angenommen.

Die beiden Frauen kehrten zurück in die Kutsche mit dem Vorhaben noch ein wenig zu schlafen, während die drei Männer gemeinsam am Feuer die Wache fortsetzten, was für die Damen ein Segen war, da sie sich auf diese Weise ein wenig ausstrecken konnten. In dieser doch den Umständen entsprechend angenehmer Lage waren die Frauen auch sofort eingeschlafen.

Der kurze Rest dieser Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle. Zum Schlafen kam jedoch keiner der Männer mehr. Jeder wartete sehnsüchtig auf den Augenblick der Dämmerung, in der Hoffnung eine Erklärung zu finden welche die Situation entschärfen würde. Schließlich war man noch gute zwei Stunden von der nächsten Poststation entfernt, was bedeutete, dass man sich noch tief im Wald befand. Jeder wünschte sich in diesem Augenblick nichts mehr als ein warmes Essen, ein weiches Bett und das in Sicherheit.

Die Zeit verging unerwartet schnell. Die Männer sprachen nur wenig miteinander. Jeder hatte wohl seine eigenen Gedanken und Ängste zu verarbeiten. So kam dann auch sehr bald die ersehnte Dämmerung.

Der Kutscher und der ältere Mann machten sich sofort auf den Weg als dieser nur ein klein wenig sichtbar erschien. Der jüngere der beiden männlichen Passagiere blieb, wie zuvor besprochen am Feuer sitzen um auf die Beiden Damen, welche noch in der Kutsche tief schliefen, aufzupassen. Noch für einen kurzen Augenblick konnten seine Augen die beiden, sich entfernenden Männer beobachten bis diese im grau der Morgendämmerung verschwanden. Wie lange er danach noch in seinen Gedanken versunken blieb hätte er sicherlich nicht sagen können, dafür war er zu sehr in seinen Sorgen vertieft gewesen.

Plötzlich wurde er, durch das Rufen einer der Frauen aus seinen Grübeleien herausgerissen. Die beiden Frauen waren aufgewacht und aus dem Morgengrauen hatte sich ein sonniger Morgen entwickelt. Dieser Anblick des beginnenden Tages war wie Balsam auf die Seele aller Beteiligten. Es war als wenn alles nur ein unschöner Traum gewesen war. Nur die Tatsache, dass der ältere Mann mit dem Kutscher nicht anwesend war, beförderte die kleine Gruppe der Reisenden wieder in die Realität.

Es war etwa halb acht Uhr. Nun hatte auch die andere Frau die Kutsche verlassen und beide gingen zu dem jungen Mann am Feuer hinüber. Man konnte ihnen ansehen, dass diese Nacht nicht gerade einen bequemen und erholsamen Schlaft den beiden beschert hatte. Ihre Beine schienen noch immer steif zu sein, von den anderen Gliedmaßen ganz zu schweigen.

„Ist alles wunschgemäß verlaufen?“ fragte eine Frau dem am Feuer sitzenden Mann.

„Das kann ich noch nicht sagen“, erwiderte dieser als er sich zu den Damen umdrehte. „Sie sind noch nicht zurück“, fuhr er fort. „Langsam könnten sie jedoch wieder erscheinen, ich mache mir schon so langsam Sorgen“.

„Wann sind die Beiden denn aufgebrochen? „Mischte sich nun auch die andere der beiden Frauen in das Gespräch ein.

„Es mag wohl so um die vierte Stunde gewesen sein“, bekam sie zur Antwort.

„Über vier Stunden“, bemerke die beleibte und man sah, dass sie sichtlich besorgt war. Ihre Stirn hatte sich in tiefe Falten gelegt.

„Wollen die Damen etwas essen oder trinken“, fragte der junge Herr und stand dabei vom Feuer auf.

„Ich würde jetzt keinen Bissen herunterbekommen, solange ich nicht weiß was geschehen ist“, erwiderte eine der Frauen und die die andere schloss sich deren Meinung mit einer Geste an.

„Etwas Warmes zum trinken wäre jetzt nicht schlecht“, sagte sie und atmete dabei schwer durch.

„Ich könnte uns einen Kaffee am Feuer machen“, schlug der junge Mann vor und traf damit die Erwartungen der beiden Frauen genau. Er begab sich zur Kutsche und holte aus dem Gepäck das Nötige um den Vorschlag in die Tat umzusetzen.

Er wollte sich gerade zu den beiden, am Feuer sitzenden Damen begeben, als er plötzlich inne hielt und ihm das Geschirr samt Zutaten aus den Händen entglitt und mit lautem Getöse zu Boden fiel. Wie versteinert stand er da, sein Gesicht war leichenblass als hätte er einen Geist gesehen.

Die beiden Frauen hatten sich erschrocken von dem lauten Geräusch des herabfallenden Geschirrs zu ihm umgedreht und starrten genau in das aschgraue Gesicht des Mannes. Dann folgten sie ängstlich mit ihren Augen seiner Blickrichtung.

In einer Entfernung von etwa dreihundert Metern sahen sie zwei Männer völlig erschöpft und lahmend daherkommen. Sie schienen sichtlich am Ende ihrer Kräfte zu sein.

Sofort sprangen die beiden Frauen auf um gemeinsam mit dem jungen Mann den zwei Männern entgegenzueilen. Es waren der Kutscher und der ältere Mann. Gemeinsam stützten sie die beiden und brachten sie zum Feuer. Sie waren in einem fürchterlichen Zustand. Ihre Kleidung war voller Schutz und sogar hier und da mit Blut beschmiert. Obwohl sie ganz außen Atem waren und mit ihren verschmutzten und teilweise zerrissenen Kleidern einen sehr mitgenommenen Eindruck machten, schien keiner der beiden verletzt zu sein.

Als man die Feuerstelle gemeinsam erreicht hatte, brachen die beiden förmlich zusammen.

Eine Zeitlang saß die kleine Gruppe aus fünf Personen schweigend am Feuer. Keiner traute sich etwas zu fragen. Nicht etwa aus Rücksicht auf die zwei erschöpften Männer, nein, man hatte eher Angst vor der Antwort die im Grunde doch jeder erwartete.

Nach einer Weile öffnete der Kutscher mit einiger Mühe seinen Mund um zu reden, während der ältere dicke seine silberne Flasche hervorzog und diese öffnete. Leider musste er erkennen, dass diese lehr war.

„Der Kutscher begann zu sprechen, was ihm aber nicht gerade leicht zu fallen schien.

Wir sind dem Teufel persönlich begegnet, dem Teufel und seinen zwei Gehilfen. Bei Jesus und Maria, solange ich lebe habe ich so etwas noch nicht gesehen oder erlebt. Ich will nicht mehr Jakob heißen wenn ich hierbei übertreibe.“

Die kleine Reisegesellschaft klebte förmlich an seinen Lippen. Die Spannung der Zurückgebliebenen hatte in diesem Augenblick die Angst besiegt.

„Erzählen Sie doch endlich was geschehen ist“ rief die rundliche Frau ihm zu. Ihre Wangen waren rot vor Aufregung und ihr ganzer Körper schien zu beben.

Es war einfach schrecklich. Schrecklich, ich kann es nicht fassen. Der Leibhaftige, ich kann jetzt noch seinen dampfenden Atem sehen. Einfach schrecklich. Dass es so etwas gibt.“ Der kleine rundliche Mann konnte nur stammeln, es gelang ihm vor Erregung nicht einen zuzuhängenden Satz wiederzugeben.

Was aber in Gottes Namen war geschehen?

Die vorgesehene Erklärung blieb aber aus, da in diesem Moment ein Mann zu Ross durch den Wald kam. Er hielt genau auf die Reisegruppe an der Feuerstelle zu.

Als er diese erreicht hatte sprang er von seinem Pferd, ging auf die Anwesenden zu und begrüßte diese mit den Worten: „Hier sind Sie also. Ich wurde von der Poststation benachrichtigt um Sie zu suchen, da Sie gestern Abend nicht angekommen sind, man macht sich Sorgen. Verzeihung mein Name ist übrigens Friedrich. Ich habe hier ganz in der Nähe einen kleinen Bauernhof. Aber was ist mit Ihnen? Sie sehen aus als wäre Ihnen der Teufel in Person erschienen. Nun ja die Nacht in dieser Wildnis zu verbringen ist wahrlich kein schönes Erlebnis.“

Friedrich war einer jener Menschen die einen Satz ohne Punkt und Komma und ohne einmal Luft zu holen aussprechen konnte. Sein Redefluss war einmalig.

„In dieser Nacht scheinen viele Kreaturen zu verschwinden. Mein treuer Hund hat sich seit gestern Abend auch nicht mehr blicken lassen wobei er noch nie des Nachts fortgeblieben ist“. Noch eine Weile erzählte er weiter und die Anwesenden hatten von Zeit zu Zeit das bedrückende Gefühl er könnte an seinen eigenen Worten ersticken.

Ruhig und verständlich erhob der Kutscher, welcher in der Zwischenzeit seine Lebensgeister widergefunden und sich von dem Schreck erholt hatte, das Wort.

„Mein Name ist Tobias, ich bin der Kutscher. Wir waren Wetterbedingt in Verzug geraten hofften aber gegen Mitternacht die Poststation noch zu erreichen. Dann geschah das Missgeschick und unsere Hinterachse brach auf diesem aufgeweichten Weg. So beschlossen wir den Rest der Nacht hier zu warten bis Hilfe von der Poststation kommt“.

Die Anderen waren verwundert warum er nicht von jenen Ereignissen der Nacht berichtete. Aber keiner der kleinen Reisegruppe unternahm den Versuch das Gespräch auf jene nächtlichen Gegebenheiten zu lenken. Jeder war sich darüber im Klaren, dass Tobias der Kutscher schon seine Gründe hierfür haben wird.

Nach einer kurzen Begutachtung des Schadens an der Kutsche bemerkte der Bauer Friedrich: „Ich werde umgehend zur Poststation reiten und berichten damit man Ihnen eine Ersatzkutsche schickt. Diese hier wird man dann später abholen und wahrscheinlich reparieren“.

Gesagt getan, Friedrich zog die Zügel seines Pferdes straff und begab sich im Galopp zur Poststation. Während er los ritt hörte man ihn zu sich selbst sagen: „Wo sich dieser Hund wohl herumtreibt? Bis gespannt was diesen Köter geritten hat“.

Dann verschwand er auf der durchweichten Straße in Richtung Poststation.

Noch für einen kurzen Augenblick schaute ihn unsere kleine Reisegesellschaft nach. Wie lange es wohl dauern würde bis eine neue Kutsche von der Poststation kommt? Eine Frage welche wohl in diesem Moment jeden der Beteiligten beschäftigt haben mag. Man wollte einfach aus dieser eher unwirklichen Welt weg. Zurück in die Zivilisation. Ein Bad, ein gutes, warmes Essen mit einem Glas Wein dazu und darauf ein wenig Schlaf in einem richtigen Bett, was für eine segensreiche Aussicht.

Für einen Augenblick waren die Berichte von Tobias vergessen. Keiner fragte danach was geschehen war. Wahrscheinlich wollte zurzeit kein Mensch darüber reden und zudem sah in den Sonnenstrahlen des Morgens die Welt wieder heil und in Ordnung aus.

Allen Beteiligten kam der ganze Hergang mit einem Mal wie ein schlechter Traum vor von dem man gerade erwacht war. Wie dem auch sei, zumindest wurden die Umstände der letzten Nacht vorerst nicht weiter erwähnt.

Die Zeit verging relativ schnell da ein Jeder damit beschäftigt war sein Reisegepäck zusammenzupacken um es in die Ersatzkutsche umladen zu können. Aber dennoch war eine gewisse Schwermut und Bedrückung unter den Reisenden nicht zu übersehen.

Die ungeklärten Fragen schienen den Betroffenen doch noch einiges Unbehagen zu bereiten und der eine oder andere hatte wohl auch sicher mit einer gewissen Angst zu kämpfen.

Ob sich der Vorfall wohl jemals aufklären wird? Diese Frage stellte sich mit großer Sicherheit jeder der Fahrgäste.

So mögen etwa vier Stunden vergangen sein und es war bereits kurz vor der Mittagszeit, als von der Straße her ein Hufgetrommel und der Lärm einer Kutsche zu vernehmen war.

In einiger Entfernung war eine Kutsche mit vier Pferden im Gespann zu erkennen. Sie näherte sich schnell. Auf dem Kutschbock sah’s ein großer hagerer Mann dessen Alter sich beim besten Willen nicht bestimmen ließ. Sein Gesicht war vom Wetter und der Sonne von brauner Farbe und voller Falten gezeichnet. Seine Augen waren dunkel und man konnte nicht unbedingt behaupten, dass er einen sympathischen Eindruck machte. Doch jener erste Eindruck schien zu täuschen. Bei unserer kleinen Gruppe angekommen stieg er von seinem Kutschbock herunter und begrüßte jeden der Anwesenden einzeln und mit einer sehr freundlichen und liebevollen Ausstrahlung.

„Na, da haben Sie ja eine sehr unangenehme Nacht durchmachen müssen“, bemerkte er mit einem bedauernden Unterton. "Nun steigen Sie erst einmal in die Kutsche und machen es sich bequem, um Ihr Gepäck und den Rest kümmere ich mich und in ca. zwei Stunden, wenn überhaupt, ist der ganze Spuk vorbei. Übrigens, mein Name ist Friedhold, ich arbeite in der Poststation, und dass bereits seit über zwanzig Jahre“.

Wenn er gewusst hätte, wie richtig er mit dem Begriff "Spuk" gelegen hat, so hätte er jenes Tema bestimmt nicht erwähnt.

Die kleine Reisegruppe bestieg die Kutsche und nach nicht einmal acht Minuten war alles erledigt und zur Abreise bereit. Mit einem kurzen Ruck setzte sich das neue Gefährt in Bewegung.

Diese Kutsche war bei Weitem um ein Vieles bequemer als das alte Gefährt. Die Reisenden hatten genügend Platz um es sich wirklich bequem zu machen. Zudem war alles sehr sauber und unglaublich gemütlich. Mit dieser Kutsche, da waren sich alle Fahrgäste einig, hätte man diese Reise gleich noch einmal angetreten. So waren auch die Erlebnisse der letzten Nacht nur noch eine unangenehme Erinnerung.

Die kleine Reisegruppe holperte ihr Ziel des Zwischenstopps, der Poststation, entgegen.

Nach einer kurzen Weile begann sich ein, erstaunlicher Weise, sehr lockeres Gespräch unter den vier Reisenden zu entwickel.

„Jetzt wo alles sich zum Guten gewendet hat, bin ich sehr zufrieden“, bemerkte der jüngere Mann. Im Übrigen, da wir uns noch nicht vorgestellt haben, mein Name ist Christopher. Ich glaube, anlässlich der erlebten Gegebenheiten sollten wir uns nicht mehr so fremd sein. Ich bin Student des Altertums sowie dessen Geschichte und begebe mich auf diese Reise um meinen Horizont zu erweitern. Hierzu muss ich gestehen, dass mir die Erlebnisse der letzten Nacht, aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, sehr beeindruckt haben. Auch spiele ich natürlich mit dem Gedanken die gesamten Hintergründe jener Begebenheit aufzuklären. Ich befinde mich auf der Reise zu einer neuen Universität und würde gern dort eine Abhandlung über das Erlebte verwenden. Daher hoffe ich, dass wir noch einmal gemeinsam darüber reden können bevor sich unsere Wege trennen. Zudem muss ich bekennen, dass es für mich keine Zufälle gibt sondern nur eine Bestimmung im Sinne der Naturgesetzmäßigkeit. So, nun kennen Sie meine Kurzgeschichte.

Es war der kleine ältere und etwas rundliche Mann, der sich als nächster zu Wort meldete.

Wenn wir schon einmal dabei sind, mein Name ist Heinrich. Ich betätige mich in dem Bereich als Kaufmann. Ich kann behaupten, dass ich bereits die Hälfte meines Lebens auf Reisen verbracht habe. An dieser Stelle möchte ich jedoch betonen, dass mir derartiges noch niemals auf meinen Reisen wiederfahren ist. Ich glaube nicht an Zufälle, womit ich mich unserem Herrn Christopher und seiner Meinung anschließen möchte. Auch ich bin der fest der Meinung, dass uns dieses Ereignis in gewisser Weise zusammengeschweißt hat, so dass wir vielleicht in Zukunft die allgemeinen Förmlichkeiten ablegen sollten. Ich muss gestehen, dass mich die Vorgänge letzter Nacht nicht in Ruhe gelassen haben obwohl ich nicht darüber gesprochen habe. Zudem bin ich der Überzeugung, dass es einen jeden von Ihnen ähnlich geht. Daher möchte ich Sie bitten, dass wir alles, was diesen Vorfall betrifft, ohne Scheu und Hemmungen gegenseitig austauschen. Ich bin der Meinung, dass alle Beteiligten noch immer unter dem Einfluss der Geschehnisse leiden. Wir müssen eine Erklärung dafür finden, dass sind wir uns selber schuldig“.

„Mein Name ist Karla. Ich befinde mich auf dieser Reise um meine nicht so angenehme Vergangenheit zu bewältigen. Um was es hierbei genau geht möchte ich zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt erörtern, da wir uns noch immer ziemlich fremd sein dürften ich hoffe, dass Sie dafür Verständnis haben“. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie nichtmehr voreingenommen war und dass alle vorhergehenden überheblichen Eindrücke verschwunden waren. Um es kurz zu sagen, sie war bereit sich zu offenbaren doch fehlte ihr der Mut in diesem Augenblich. Fest jedoch steht, dass sie in jeglicher Weise mit den anderen Reisenden einer Meinung war.

Nun, zu guter Letzt ergriff die jüngere Frau das Wort. Es war eine sehr hübsche Frau. Allein ihr Lächeln hatte etwas anziehenden sowie betörendes. Sie war schlang und in ihren Kleidern betonte sie jeden Quadratzentimeters ihres, man könnte sagen, perfekten Körpers. Es versteht sich wohl von selbst, dass jeder der Männer diese Frau um jeden Preis hätten beschützen wollen. Ihre Stimme war leise und hatte daher obendrein etwas sehr erotisches.

Mit all diesen Vorzügen hätte sie alle Beteiligten ohne Schwierigkeiten um den Finger wickeln können. Darüber waren sich auch alle Mitglieder unserer kleinen Reisegruppe einig. 

„Mein Name ist Desiree und ich befinde mich auf dieser Reise um mein gewohntes Umfeld zu entfliehen damit ich endlich einmal mein eigenes Leben bestimmen und somit allein nach meinen Bedürfnissen aufbauen kann. Ich bin es einfach leid, dass sich alle anderen um mein Wohlergehen sorgen und mich somit nach ihren Maßstäben in eine Weste zwingen wollen, welche mir überhaupt nicht passt. Ich glaube alt genug zu sein um das Recht auf eigene Endscheidungen und auch Fehler zu haben“.

Alle Anwesenden waren sich in diesem Moment durchaus und unwiderruflich im Klaren, dass sie vom Schicksal zusammengeschweißt waren und sich gegenseitig vertrauen konnten und auch sollten.

Damit änderten sich die Formalitäten.

Nach einer relativ kurzen Zeit erreichte die Reisegruppe die Poststation. Obwohl keiner der Beteiligten etwas sagte, war die Erleichterung unbestritten.

Obwohl ein Jeder mit angrenzender Sicherheit einen sehr großen Hunger hatte, zogen es alle vor zuerst ein Bad zu nehmen und sich darüber hinaus etwas frisch zu machen.

Die Zimmer waren zwar klein, dafür aber umso gemütlicher. Beim Anblick der Zimmer und des Bades erschien die vergangene Nacht als ein Albtraum, welcher in diesem Augenblick sein Ende fand. Zu jenem Zeitpunkt konnte jedoch noch keiner der betroffenen Personen wissen, dass genau hiermit die Geschichte erst ihren Lauf begann. Eine Geschichte, die noch viele Rätsel aufgeben sollte und das gegenseitige Vertrauen erproben würde. Noch über Generationen hinweg sollten diese Ereignisse ihre Wirkungen zeigen und jegliche Ruhe in der Angelegenheit unmöglich erscheinen lassen.

             Nach ca. einer halben Stunde fanden sich alle Beteiligten im Speiseraum der Poststation ein. Sie kamen fast gleichzeitig, so als hätten sie dies zuvor abgesprochen.

Der Tisch an dem sie Platz nahmen befand sich direkt am Fenster. So konnte jeder hinausschauen und erstmalig erkennen, was er zuvor bei seiner Ankunft, bedingt durch die Wettereinflüsse nicht wahrnehmen konnten.

Die Landschaft, welche sich ihnen bot war nicht nur schön, man konnte diese ohne Übertreibung als paradiesisch bezeichnen. Im Tageslicht und bei der Sonneneinstrahlung des blauen, wolkenlosen Himmels, waren alle nächtlichen Ereignisse wie fortgeweht. Alles erschien in diesem Moment wie ein böser Traum, von dem man gerade erwacht war.

So dauerte es auch nicht lange und man begann sich zu unterhalten. Man lachte und scherzte. Jede anfängliche Ruhe oder Distanz, so wie diese noch auf der Reise herrschte, war mit einem Schlag jener Sympathie der Gemeinsamkeit gewichen. Es war, als kenne man sich schon seit Beginn seines Lebens.

Noch während des Essens kam der Wirt jener Gaststätte und Poststation auf die kleine Reisegruppe zu.

Es war ein Mann, welcher einen sehr stabilen Eindruck machte. Er war sehr groß. Sein Gesicht war vor Narben nur so übersät. An seinen Füßen trug er ein Paar sehr bequemer Socken. Mit einer Stimme, welche sehr tief und dunkel erschien sprach er zu unserer Reisegesellschaft:

„Wir müssen warten, bis sich die Kutsche Ihres Unglücks hier einfindet. Der Rest ist dann nur noch reine Routine. Wir werde die Reparatur so schnell wie nur Möglich abgeschlossen haben und ich schätze, dass Sie gegen Nachmittag oder Abend Ihre Reise fortsetzen können. Ich muss sie jedoch leider warnen. In unseren Wäldern geschehen seit einiger Zeit sehr merkwürdige Dinge. Wäre ich an Ihrer Stelle, so würde ich hier zunächst übernachten und am Morgen weiterfahren. Damit sind Sie in jedem Falle auf der sicheren Seite. Man behauptet und ich glaube sogar daran, dass der Teufel seine unruhigen Seelen herumgehen lässt. Es mag sich sehr merkwürdig anhören, aber die Dinge welche geschehen sind ebenso unheimlich wie merkwürdig. Es steht Ihnen natürlich frei zu glauben was immer Sie wollen, ich würde jedoch dem Gerede nicht allzu viel Verachtung entgegenbringen, denn wie heißt es so schön: "Volksmund tut Wahrheit kund". Dabei lächelte der Wirt und nahm die Bestellung auf. Darauf verließ er die kleine Gruppe um sich seinen anderen Gästen zu widmen.

Im anschließenden Gespräch war man sich einstimmig über diesen Vorschlag im Klaren und berührte diesen auch ohne auch nur einen Einspruch.

Der Tag verging recht schnell und so suchte man sehr Zeitig sein Zimmer uns das Bett auf.

Die Kutsche wurde man in der Zwischenzeit wieder Repariert Der Schaden erwies sich jedoch größer als man anfangs dachte, da das Material doch gewaltige Verschleißerscheinungen aufwies.

Obwohl die Betten genauso anheimelnd und gemütlich wie die Zimmer waren, verlief diese Nacht für alle Beteiligten sehr unruhig. Die Ereignisse hatten sich bereits tief in deren Unterbewusstsein manifestiert. So fielen die Träume der kleinen Gesellschaft auch dementsprechend beunruhigend aus.

Als der nächste Morgen graute und sich die kleine Reisegruppe zur Abreise bzw. Weiterreise fertig machen wollte geschah etwas unerwartetes, was die Betroffenen sofort wieder an alle Ereignisse erinnerte und somit in jene negativen Geschehnisse zurückbeförderte.

Das Gepäck war bereits umgeladen und verstaut. Unsere vier Passagiere hatten ihren Platz in der Kutsche eingenommen und Tobias der Kutscher hatte bereits seinen Platz auf dem Kutschbock eingenommen. Nichts stand somit der Weiterfahrt im Wege.

Dann kam das Unerwartete. Der Inhaber der Poststation kam über den Hof gelaufen und begab sich direkt auf unseren Kutscher Tobias zu. Dabei fuchtelte er wie wild mit seinen Armen um die Abfahrt der Kutsche zu verhindern.

Als er die Kutsche erreicht hatte, wandte er sich an den Kutscher. Sein Atem ging heftig und er schien sichtlich besorgt und aufgeregt. Mit belegter Stimme sagte er zu dem Kutscher:

„Mein Herr, soeben erreichte mich eine Nachricht welche mir doch große Sorgen bereitet. Es heißt, dass im Wald sehr seltsame Dinge vorgehen. Es ereigneten sich in der letzten Nacht zu sehr mysteriöser Dinge. Sie müssten eigentlich etwas davon bemerkt haben, da sich die Geschehnisse auf Ihrer Strecke ereignet haben“.

„Wir hatten durchaus ein sehr merkwürdiges Erlebnis als unsere Achse gebrochen war und wir bis zu Ihrem Eintreffen dort verweilen mussten“, bemerkte Tobias der Kutscher.

"Jetzt wo ich genauer darüber nachdenke, glaube ich, dass der Achsbruch in einem engen Zusammenhang mit den Geschehnissen stehen könnte, da alles mehr oder weniger zum gleichen Zeitpunkt geschah. Was ist geschehen, welche Informationen haben Sie“? Fuhr er fort.

„Nun, im Grunde nichts genaues, nur so viel, dass etwas Unheimliches im Wald sein Unwesen treibt. Heute Morgen hat man die Leiche eines kleinen Mädchens, um genauer zu sein, die Tochter des Bauern Friedrich gefunden. Es ist der Herr, welcher Euch zu Hilfe kam. Seine kleine Tochter, Gott sei ihrer armen Seele gnädig, soll übel zugerichtet gewesen sein. So als hätte sie ein sehr großes wildes Tier angefallen. Das Fleisch sowie ihre Kleidung hingen ihr in Fetzen vom Leib. Aber ein Tier, welches so kraftvoll und mächtig ist haben wir in unserer Gegend nicht. Selbst ein Bär, der hier nicht vorkommt, wäre dazu nicht im Stande gewesen. Keiner weiß bisher was geschehen ist. Noch am Vormittag sollen Herren der Aufsicht hierherkommen und das Rätsel lösen. Die Bevölkerung ist bereits der Meinung, der Teufel treibt wieder einmal sein Unwesen. Wenn Sie mich fragen, ich würde an Ihrer Stelle noch nicht weiterfahren. Diese Entscheidung müssen Sie jedoch mit Ihren Fahrgästen abklären“.

In diesem Augenblick war der Kutscher sofort wieder in die letzten Erlebnisse zurückversetzt. Es war so als wenn es gerade eben erst geschehen wäre. Wie ein Dämon stand die Angst und der Schrecken urplötzlich vor seinen geistigen Augen. Er konnte sogar jene Gänsehaut spüren, die er zu diesem Zeitpunkt hatte. Alles war mit einem Schlag wieder vollkommen real. Lag es nicht ohnehin in seiner Natur, jener Aberglaube sowie die Empfängnisbereitschaft für das Übersinnliche. Er lebte nun einmal in jener Welt des Feinstofflichen, wie auch viele weitere Menschen aus dieser ländlichen Gegend.

Für einen kurzen Moment verharrte er regungslos und in seine Gedanken versunken auf dem Kutschbock. Dann stieg er nachdenklich von seiner Kutsche herab. Langsam trat er, noch immer in seinen Gedanken vergraben, an seine Kutsche und deren Insassen heran. Er öffnete die Tür des Gefährts und wandte sich ohne lange Vorrede direkt an seine Passagiere. Tobias erklärte ihnen was er soeben von der Poststation erfahren hatte und bekundete damit gleichzeitig, dass er unter diesen Umständen nicht bereit wäre zurzeit weiterzufahren.

„Ich würde es für das Vernünftigste halten, wenn wir uns jetzt in die Gaststube begeben um unsere Situation nüchtern zu betrachten und darüber hinaus einen einheitlichen Plan schmieden wie wir weiter vorgehen wollen“.

Seine Stimme war ruhig, klang aber sehr ernst und bedenklich. Es gab keinen Hinweis an seinen Entscheidungen zu zweifeln oder diesen sogar zu widersprechen. Sein Entschluss stand definitiv fest.

So wurden die Pferde wieder ausgespannt und unsere kleine Reisegesellschaft zusammen mit ihrem Kutscher betrat wenig später den gemütlichen Gastraum der Poststation.

Gemeinsam nahmen sie an dem Tisch, direkt am Fenster Platz. Es war schon eine recht unwirkliche Situation. Im Kopf die schrecklichen Erinnerungen der vergangenen Nacht und vor Augen das wundervolle Bild, welches sich im Anblick durch das Fenster darbot. Der Himmel war blau und die Sonne schien. Alles erweckte den Eindruck als wenn niemals etwas geschehen wäre. "Ja", sagte Tobias der Kutscher, "so ist das im Leben. Nichts ist eben so wie es scheint".

Lange saßen alle Beteiligten schweigend am Tisch. Es schien fast so, als wollte keiner den Anfang zu diesem Gespräch machen. Im Grunde existierten eine wahre Fülle an Fragen, aber keine wirkliche Antwort darauf. Mann war einfach nur ratlos und fühlte sich dazu vollkommen überfordert um nicht zu sagen, ohnmächtig. Nicht einer hätte sagen können, wie es nun weitergehen soll. Man fühlte sich wie in einer Falle. Schlagartig, von einem Augenblick auf den anderen, hatte selbst das gemütliche Gasthaus seinen einladenden Reiz verloren.

Nach einer ganzen Weile brach endlich das Schweigen. Es war der Kutscher Tobias der das Gespräch eröffnete und somit das eisige Schweigen damit endlich beendete.

„Ich glaube wir sollten uns vielleicht noch einmal an unsere letzten doch sehr mysteriösen Ereignisse erinnern. Ich weiß genau wie unangenehm dies für jeden von uns ist. Letztlich kann ich mich noch allzu gut an den Anblick erinnern, der sich unserem Herrn Heinrich und mir bot. Da wir nicht wissen um was es sich hierbei handelt, sollten wir uns von der harmonischen Schönheit dieser friedlichen Poststation täuschen lassen. Ich persönlich bin für meine ungewöhnliche Meinung bekannt. Nicht jeder der hiesigen Bevölkerung gibt es zu, aber die Meisten teilen diese Anschauung zumindest zum Teil. Da draußen im Wald ist etwas, was wir uns bisher nicht erklären können, und glauben Sie mir, dieses Etwas ist mehr als nur gefährlich, es ist zudem grausam und scheint das Böse in Person darzustellen. Solange wir nicht wissen um was es sich hierbei handelt und was dort draußen vor sich geht, glaube ich, sind wir hier am sichersten aufgehoben. Ich kann nur für mich sprechen und ich weiß auch nicht, welchen Zweck Ihre Reise erfüllt und wie eilig Sie es haben, aber ich für meinen Teil werde mich keine hundert Meter weit von dieser Poststation entfernen. Solange nicht, bis jene Ereignisse geklärt sind“.

Als der Kutscher seine Rede beendet hatte erweckte er den Eindruck als hätte er sich in seine Worte hineingesteigert. Er schien sichtlich außer Atem und sehr aufgeregt zu sein.

„Ich schließe mich der Meinung von Tobias an“. Erhob nun Herr Heinrich, der kleine, ältere Mann, der Tobias in den Morgenstunden begleitet hatte. „Wir konnten in dem fahlen Licht zwar nicht viel erkennen, aber was wir gesehen und gehört haben lässt mir noch jetzt das Blut in den Adern gerinnen“. Fast demonstrativ rückte er mit seinem Stuhl an den von Tobias dem Kutscher heran, als wolle er damit seine Solidarität zum Kutscher noch einmal deutlich unterstreichen.

„Ich war zwar am Feuer zurückgeblieben und habe aus diesem Grund nichts von dem allen mitbekommen, dennoch möchte ich mich der Meinung der Allgemeinheit zuwenden. Ich habe es zudem nicht eilig, da diese Reise eher eine Studienreise für mich ist. Es wartet also keiner auf mich“.

„Wenn wir nicht einmal wissen um was es sich hierbei handelt, wie können wir dann darauf schließen, dass es sich um etwas Böses oder gefährliches handelt“, stellte  Frau Karla zu bedenken. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir an diesem Tag sehr überlastet waren, hinzu kommt noch die Müdigkeit. Keiner von uns könnte behaupten, dass dies eine angenehme Reise gewesen war. „Wenn man also mich fragen sollte, so wäre ich für eine Weiterfahrt, schon allein der Tatsache wegen, hier aus dieser Gegend endlich herauszukommen“.

In ihren Augen konnte man erkennen, dass dies nicht nur Gerede war sondern diese Karla es vollkommen ernst meinte. Sie warf ihren Kopf ein wenig dominierend nach hinten in den Nacken und trat einen Schritt zurück.

Zu guter Letzt ergriff nun auch Desiree das Wort.

„Dies ist meine erste Reise und ich habe keinerlei Erfahrungen auf diesem Gebiet. Es stimmt schon, dass ich erwartet werde und so schnell wie nur irgend möglich mein Ziel erreichen will, aber das ist mir die ganze Sache nun auch nicht wert. Ganz gleich wie sich die Mehrheit entscheidet, ich werde mich der Allgemeinheit beugen und somit der Überzahl in ihrer Meinung anschließen“.

In diesem Augenblick erweckte sie bei jedem den Eindruck als wäre sie von ihrer Courage selbst erschrocken. Ihre Wangen waren leicht gerötet und sie wirkte jetzt eher schüchtern und verunsichert wie ein kleines Kind, welches gerade über sich selbst hinausgewachsen war.

Damit war der Endschluss gefallen. Nur Karla war mit dem Beschluss nicht zufrieden. In ihren Augen überspante man den Bogen total. Wenn sie gekonnt hätte, so wäre sie ganz bestimmt mit einer anderen Kutsche weitergefahren, obwohl sie es bestimmt nicht eilig gehabt hatte. Mürrisch und uneinsichtig beugte sie sich aber ihrem Schicksal und blieb mit den anderen auf der Poststation.

Man begab sich zum Tresen des Gästeraums um die Zimmer für die Nacht zu Buchen.

Die Zimmer selbst waren genauso gemütlich und bezaubernd wie alles andere dieser Poststation. Sie lagen nebeneinander auf einem langen Gang im ersten Stockwerk. Jedes der drei Stockwerke hatte 6 Zimmer wovon sich jeweils drei gegenüber lagen.

Die zwei Damen belegten jeweils ein Zimmer. Gegenüber belegten auch Christopher und Heinrich, die beiden männlichen Fahrgäste je ein Zimmer.

Gleich am Anfang des Ganges direkt an der Treppe gelegen bezog der Kutscher Tobias sein Gemach.

Alle Zimmer unterschieden sich nicht wesentlich voneinander. Sie waren von einer schönen Schlichtheit, dass man sich einfach wohlfühlen musste.

Am Ende des Ganges befand sich das letzte Zimmer in diesem ersten Stockwerk. Keiner der Reisegesellschaft konnte jedoch sagen, ob dieses Zimmer belegt war. So entschloss man sich ganz einfach den Vermieter und Inhaber der Poststation danach zu fragen. Auch wäre es interessant zu wissen, wer sonst noch hier wohnte.

Es war so gegen Mittag als sich unsere kleine Gesellschaft wieder im Gastraum einfand. Man hatte seine Sachen ausgepackt und sich so gut wie nur möglich für eine relative kurze Zeit in seinem Zimmer eingerichtet. Schließlich hatte man nicht vor, über einen längeren Zeitraum diese Räume in Anspruch zu nehmen. Jeder der Betroffenen ging davon aus, dass der Aufenthalt so kurz wie nur möglich sein sollte.

                Im Gastraum befanden sich der Wirt der Poststation und zwei weitere Herren. Es waren Männer der Aufsichtsbehörde, die sich zuvor nicht angekündigt hatten. Sie waren beauftragt worden jene merkwürdigen Vorgänge zu untersuchen. Sie repräsentierten nicht die gewöhnliche Polizei sondern waren von höherer Stelle als eine Art von Sonderkommission eingesetzt.

Der eine von den beiden war ein großer, schlanker Mann so um die vierzig Jahre. Er schien auch der Vorgesetzte des anderen zu sein, was man schon an seine Redeführung erkennen konnte. Der andere der beiden war jünger. Sein Alter mag so um die dreißig Jahre betragen haben. Auch er war von stattlicher Größe und besaß einen gut durchtrainierten Körper. Beide Männer strahlten ein starkes Charisma aus. Es bestand kein Zweifel, es handelte sich um Personen denen man ohne jede Frage sehr viel Respekt zollte.

Als die beiden Herren unsere kleine Reisegruppe entdeckten, kamen sie sofort auf diese zu.

„Mein Name ist Doran, Inspektor Doran, und das ist mein Assistent, Kommissar Mikesch. Wir sind von der Ermittlungsbehörde des Amtes für öffentliche Ordnung“.

Seine Stimme war durchdringend und sogar ein klein wenig einschüchternd.

Der Inspektor gab dem Kutscher seine Hand und der Kommissar nickte zur Begrüßung und hielt sich dabei im Hintergrund.

„Ich würde Sie gern über Ihre Erlebnisse befragen, da ich glaube, dass diese in einem engen Zusammenhang mit unseren Ermittlungen stehen. Wenn Sie also einen kleinen Moment Zeit dafür hätten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Also, wenn es Ihnen im Augenblick recht ist, so könnten wir an einem der Tische Platz nehmen und die Fragen, welche ich habe, besprechen. Der Kommissar, Herr Mikesch wird dabei, mit Ihrem Einverständnis vorausgesetzt, Protokoll führen. Es ist nichts persönliches, ich hoffe nur einige wichtige Informationen zu bekommen, damit ich einen Anhaltspunkt habe, auf dem sich meine weiteren Ermittlungen aufbauen kann“.

Mit dieser Ansage machte er eine einladende Geste und zeigt mit seiner Hand auf einen der Tische.

Es war genau jener Tisch am Fenster, den die Reisegruppe schon vorher stets benutzt hatte. Ob dies nun ein Zufall war oder einen speziellen Hintergrund hatte mag hier erst einmal dahingestellt sein.

Noch während dieser Vorstellung, reichte der Inspektor allen Angehörigen der Reisegruppe die Hand und wiederholte dabei seinen Namen sowie seinen Dienstgrad. Der Kommissar bleib dabei auch weiterhin im Hintergrund und nickte nur jedes Mal zum Vorgang der fast rituellen Vorstellung des Inspektors.

Da es von keinem der Beteiligten ein Einspruch zu Vernehmen war, begab man sich an jenen besagten Tisch.

„Bitte tun Sie sich keinen Zwang an. Wenn Sie im Begriff waren etwas zum Frühstück zu sich zu nehmen, dann bestellen Sie einfach. Dies hier soll eine rein lockere Befragung sein. Ich erhoffe mir nur einige Hinweise, welche man vielleicht übersehen hat und daher glaube ich können wir uns auch ganz zwanglos unterhalten“.

Keiner der Beteiligten hatte das Bedürfnis zu Essen. Dafür lag allen das Erlebte noch zu deutlich im Magen. So bestellte sich man nur Kaffee und Tee.

Es folgte ein Augenblick des absoluten Schweigens. Da die weiteren Tische im Gastraum noch nicht belegt waren herrschte eine fast unheimliche Stille. Diese wurde nach einer Weile, keine hätte sagen können wie viel Zeit vergangen war, vom Inspektor, Herrn Doran, spontan unterbrochen. Diesmal sprach er jedoch mit einer eher leisen und einfühlsamen Stimme, welche das Vertrauen aller Beteiligten erweckte.

„Es wäre mir mehr als nur eine große Hilfe, wenn Sie versuchen könnten, sich der Ereignisse jener besagten Nacht noch einmal genau zu erinnern. Bitte bedenken Sie, dass auch der kleinste und bedeutungsloseste Hinweis uns eine große Hilfe sein könnte. Wir tappen, um ehrlich zu sein, im Augenblick noch vollkommen im Dunkeln und stehen somit ganz am Anfang unserer Ermittlungen mit absolut leeren Händen dar. Meine gesamte Hoffnung ruht also auf Ihre Aussagen und der Tatsache, dass diese mir einen gewissen Aufschluss der Thematik bescheren“.

Es war der kleinere und etwas rundliche Mann der Reisegesellschaft, Herr Heinrich, der als erster das Wort ergriff. Dabei war er sehr nervös, was zur Folge hatte, dass er in einen wahren und sehr schnellen Redefluss verfiel, dem keiner der Anwesenden so richtig folgen konnte.

„Wir sind da draußen gewesen, wollten nach dem Rechten schauen, die Geräusche und all das. Wir konnten im fahlen Licht der Morgendämmerung kaum etwas erkennen. Blut und etwas Undefinierbares. Es war grausam, einfach schrecklich. Und dann überall diese Hufspuren. Nicht von einem Tier, nein, sie stammten vom Leibhaftigen persönlich. Ich habe selbst gesehen, wie er sich mit seinen Gehilfen der Hölle davon machte. Ich konnte ihn riechen, die Luft roch nach Schwefel und ich habe ihn wirklich gesehen. Und dann der aufgewühlte Boden, jene Stelle aus dem er seiner Hölle entstiegen ist. Ich weiß was ich gesehen habe und ich kann mit reinem Gewissen behaupten, dass ich nicht verrückt bin. Diese Bilder, ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen, Gott stehe mir bei“. Fügte er noch hinzu und man konnte auch ohne jede Menschenkenntnis deutlich erkennen, dass dieser Mann völlig mit seinen Nerven am Ende war.

Der Inspektor nickte nur und forderte mit sanfter Stimme den kleinen Mann auf, sich doch zu beruhigen.

Darauf ergriff Tobias der Kutscher, welcher zusammen mit Heinrich den besagten Ort aufgesucht hatte, das Wort.

„Ich war es, der mit dem Herrn Heinrich dort war. Ich verrichte meine Arbeit als Kutscher nun schon mehrere Jahrzehnte hier auf dieser Poststation und habe bereits für den Vater des jetzigen Wirtes als Stalljunge gearbeitet, aber was ich dort zu sehen bekam ist mir in meinem gesamten Leben noch nicht vorgekommen. Glauben Sie mir, ich habe in all den Jahren schon viel gesehen und erlebt, aber so etwas - nein, dass übersteigt alles was ich bislang kenne. Ich bin ein gläubiger Mensch und halte mich fest an die Worte unserer Bibel, aber dass ich einmal dem Leibhaftigen begegnen werde hätte ich nie zu glauben gewagt. Ich kann mich nur den Schilderungen meines Begleiters anschließen. Ich habe den Teufel persönlich gesehen und auch gerochen. Ich habe die Stelle gesehen, aus der dieser seiner Unterwelt, der Hölle, entstiegen ist. Ich habe gesehen, wie er, gemeinsam mit seinen dunklen Gehilfen davonlief. Ich war wie gelähmt und nicht in der Lage auch nur die geringste Kleinigkeit zu unternehmen. Noch nie in meinem gesamten Leben habe ich mich so hilflos, ängstlich und von allen Göttern verlassen gefühlt. Ich wünschte ich hätte dieses Erlebnis niemals gehabt. Ich werde wohl den Rest meines Lebens mit dieser Erinnerung leben müssen, Gott stehe meiner sündigen Seele bei“.

Mit diesen Worten beendete Tobias der Kutscher seinen Bericht. Sein Gesicht hatte eine aschgraue Farbe angenommen und es bestand kein Zweifel daran, dass er noch immer unter den Folgen des erlebten Schocks litt. Seine Aussage war somit nicht im Geringsten anzuzweifeln, gleich ob diese nun wirklich der Wahrheit entsprach oder seiner Phantasie. Für ihn zumindest war diese vollkommen real.

Die anderen Reisenden, die welche zurückgeblieben waren, konnten keine brauchbare Aussage machen. Sie konnten nur von dem berichten was sie erlebten, als die beiden Männer von ihrer Erkundung zurückkamen. Selbst das Geräusch welches sie in dieser Nacht aufgeschreckt hatte konnten sie nicht beschreiben, da sie es ja nicht wirklich gehört hatten und die Beschreibung desselben nur vom Kutscher und seiner Beschreibung her kannten.

Mikesch der Kommissar und Gehilfe des Inspektors hatte alles gründlich aufgeschrieben. Der Inspektor bedankte sich bei all den Beteiligten freundlich für ihre Mithilfe, obwohl im durchaus bewusst war, dass er mit diesen Aussagen nicht das Geringste anfangen konnte. Der einzige brauchbare Hinweis hierzu mag die Zeitangabe des möglichen Geschehens gewesen sein.

„Sie werden Verzeihen“, sagte er, als sich die kleine Gruppe der Reisenden entfernen wollte. „Eine einzige Frage hätte ich da noch“, diesmal klang seine Stimme wieder sehr durchdringend, als wolle er mit aller Macht den Kutscher, an den er sich dabei wandte, in jenen Augenblick des Geschehens zurückversetzen. „Denken Sie bitte noch einmal genau nach, auch wenn es für Sie sehr schmerzlich ist, haben Sie etwas gesehen? Haben Sie ein totes Kind gesehen und im Augenblick des Schreckens vielleicht nur nicht registrieren können? Bitte, es ist von außerordentlicher Wichtigkeit“!

Tobias überlegte einen Augenblick, man sah ihm an, dass es ihm sehr schwer viel. Nach einer Weile zuckte er mit den Achseln und verneinte die Frage.

Doran der Inspektor drehte sich um und wollte bereits gehen, als er den Ruf von Tobias wahrnahm.

„Es gibt doch noch etwas was mir jetzt bewusst wird“, sagte er. „Bisher konnte ich mich nur an das viele Blut erinnern, als ich von Panik ergriffen davonlief. Jetzt aber wo Sie fragen wird es mir wieder klar. Es gab da etwas, ich hatte es zuerst für einen Kadaver gehalten, aber wenn ich es mir noch einmal recht überlege, es hätte durchaus ein menschliches Wesen gewesen sein können. Ich kann es jedoch nicht mit Sicherheit behaupten, dazu war es zu sehr entstellt, es war fürchterlich zugerichtet. Ich glaube mich jedoch daran erinnern zu können, dass da auch noch einige Stofffetzen gelegen haben, welche durchaus zu menschlichen Kleidungsstücken gehört haben könnten. Der Anblick jedoch war so schrecklich und der allgemeine Zustand dieser, ich möchte fast sagen, Masse, denn mehr war davon nicht übrig, ließ keinen Aufschluss zu. Zudem war mein einziges Bestreben in jenem Augenblick nur die Flucht von diesem schrecklichen sowie unheimlichen Ort“.

Damit schloss Tobias seinen Bericht.

„Ich danke Ihnen, Sie haben uns in dieser Hinsicht sehr geholfen“, sagte der Inspektor und verließ daraufhin mit seinem Begleiter den Gastraum der Poststation.

Zurück blieb unsere kleine Reisegesellschaft. Durch das Fenster schien die Sonne direkt auf den Tisch dieser Gruppe. Es war im Allgemeinen ein sehr friedliches Bild was sich in diesem Augenblick bot, doch jeder wusste, dass dies nur eine Täuschung war.

Alle an diesem Tisch waren ausnahmelos von Angst sowie einer gewissen, unerklärlichen Unruhe erfüllt.

„Nun meldete sich erstmalig Christopher, der junge Mann dieser besagten Reisegesellschaft zu Wort.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziger von uns Hunger hat, dennoch glaube ich, sollten wir versuchen eine Kleinigkeit zu Essen. Wir können es gut gebrauchen und sollten unserem Körper zumindest etwas anbieten. Wer weiß, was noch geschieht und wir die nächste Möglichkeit zum Essen bekommen. Zudem könnten wir die Zeit nutzen, uns ein wenig näher kennenzulernen, was auch etwas Ablenkung in diese angespannte Situation bringen würde und Essen sowie Ablenkung ist im Augenblick das wichtigste was wir brauchen, da, so glaube ich, keiner von uns mehr klar denken kann“.

 Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Zwar etwas zögerlich, aber dennoch mit langsam wachsenden Bedürfnissen, ließen sich die Leute der Reisegesellschaft das Frühstück, obwohl es schon Mittag war, bringen. Mit den ersten Bissen des Essens, welche man herunterwürgte, kam auch die Form des gesunden Hungers zurück und so blieb am Ende auch nichts vom Essen übrig.

Nun sah die Welt auch wieder ein gutes Stück heiler aus. Es kehrte auch der Lebensmut wieder deutlich in die Gesichter aller Betroffenen zurück.

Noch lange saß man am Tisch und redete über sich selbst sowie Gott und die liebe Welt. Für eine Zeitlang schien alles wie in gewisser Weise vergessen zu sein. Nichts erinnerte an die letzten Geschehnisse. Es schien fast so, als wenn eine heile Welt an diesem Tisch existent war. Bis durch eine Aufforderung alle wieder aus ihrem Dornröschenschlaf herausgerissen wurden.

Es mögen etwa zwei bis drei Stunden vergangen sein. Keiner hatte die Zeit bemerkt und es wurde sogar hin und wieder am Tisch gelacht, als der Inspektor, diesmal allein, den Gastraum betrat. Er wendete sich umgehend an jene Reisegruppe am Tisch und sprach den Kutscher Tobias direkt ohne Umschweife an.

„Da Sie für Ihre Reisegruppe die Verantwortung tragen, wende ich mich mit meiner Bitte direkt an Sie“. Seine Stimme klang bestimmend aber dennoch freundlich. Jedoch ließ sie deutlich erkennen, dass er keinen Widerspruch geduldet hätte.

„Mein Mitarbeiter, Kommissar Mikesch und ich würden gern den Tatort besichtigen, bevor das Wetter und andere Gegebenheiten alle noch vorhandenen Spuren unkenntlich machen. Gleich der Erlebnisse welche Sie erfahren haben, existiert noch immer die Tatsache, dass hier ein Mord geschehen ist. Und dabei handelt es sich um eine sehr außergewöhnlich grausame Vorgehensweise an einem kleinen Mädchen. Ob diese Tat mit Ihren Erlebnissen im Zusammenhang steht kann ich zur Stunde noch nicht beurteilen. Ich würde Sie daher gern bitten mich, zusammen mit Ihrem Begleiter, Herrn Heinrich, an den Tatort zu begleiten. Um ganz ehrlich zu sein, dies ist keine Bitte sondern eine verbindliche Aufforderung“.

Dies war der Augenblick als alle sich am Tisch befindenden Personen wieder in die Realität zurückgeschleudert wurden.

Für etwa zwei bis drei Stunden hatte die kleine Reisegesellschaft die düsteren Ereignisse fast vergessen. Sie konnten Lachen und über so gut wie alles an diesem Tisch reden, wenn man die Erlebnisse der letzten Nacht nicht mit in Betracht zieht. Sogar der Hunger war zurückgekehrt und man hatte ausgiebig gespeist. Nicht zuletzt war es vielleicht auch der gute Wein zum Essen, der das Gemüht der kleinen Gruppe wieder angeregt hatte.

War man gerade im Begriff sich gegenseitig zu erklären und den Grund seiner Reise den anderen mitzuteilen, so hatte der Inspektor mit seinem Erscheinen sowie seiner Forderung jene gemütlich anmutende Runde in ihre Einzelteile zerlegt und jeden dabei zurück in die graue und grausame Wirklichkeit befördert.

Es leuchtet wohl einem jeden ein, dass die Betroffenen nicht gerade eine besondere Sympathie für den Inspektor hegten. Keiner war daran interessiert an den Ort des Geschehens noch einmal zurückzukehren, aber sie hatten wohl unter diesen Umständen keine andere Wahl.

Da es bereits schon später Nachmittag geworden war hatte man nicht vor noch mehr Zeit zu verlieren und beschloss daher sich umgehend auf den Weg zu machen.

Für die Fahrt dorthin wurde Friedhold, jener Kutscher welcher unsere Reisegesellschaft nach dem kleinen Unfall abgeholt und zur Poststation gefahren hatte, ausgewählt.

Es wurde wahrlich keine Zeit verloren. Die Kutsche fuhr vor und Doran der Inspektor bestieg gemeinsam mit seinem Mitarbeiter, dem Kommissar Mikesch als erster die Kutsche, gefolgt von Tobias dem anderen Kutscher und Heinrich dem älteren kleinen Mann der Reisegruppe.

Die zwei Frauen, Karla und Desiree sowie der jüngere Mann Christopher blieben im Gasthaus der Poststation zurück. Sie hatten ohnehin nicht wirklich etwas Brauchbares der Geschehnisse mitbekommen.

Als die Kutsche, auf dessen Kutschbock Friedhold der 2. Kutscher befand, gerade seine Pferde antreiben wollte, hörte er das Rufen eines Mannes.

„Bitte, bitte nehmen Sie mich mit, es war doch meine Tochter der man das Leben genommen hatte. Ich will dabei sein, wenn man herausfindet wer diese schreckliche Tat begangen hat. Ich möchte ihm in seine teuflischen Augen blicken und er soll meinen ganzen Hass spüren. Er soll wissen, dass ich ihn auch töten werde wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme, und ich werde diese bekommen. Er wird um Gnade winseln denn sein Tot wird an Grausamkeit den meiner geliebten Tochter um ein Vieles übertreffen. Bitte nehmen Sie mich mit, meine Tochter war doch alles was ich hatte“.

„Fahren Sie doch endlich“, forderte Doran den Kutscher auf. „Wir können diesen Mann hierbei nicht gebrauchen“.

Es war wahrlich ein mehr als nur trauriger Anblick der sich den Zurückbleibenden bot. Die Kutsche zog an und fuhr fort. Friedrich der Bauer der so sehr seine Bitte geäußert hatte lief noch ein Stück hinter der Kutsche her. Dabei liefen ihm die Tränen über sein Gesicht. Sein Weinen klang eher nach einem klagenden Trauergesang der jeden Menschen durch Mark und Bein drang.

Unsere drei zurückgebliebenen Reisenden betraten wieder die kleine gemütliche Gaststube, obwohl im Augenblick jene Gemütlichkeit weder spürbar war noch irgendjemanden interessierte.

Man setze sich schweigend an einen Tisch. Keinem war in diesem Moment nach Reden zumute.

Christopher, der junge Mann war der Erste, der seine Sprache wiederfand.

„Eine wahrlich sehr aufregende wie auch interessante Reise“, beteuerte er, wobei er den kläglichen Versuch unternahm ein Lächeln auf seine Lippen zu zaubern, was ihm allerdings nicht so recht gelang.

Fast schon entsetzt sahen ihn Karla und Desiree an.

„Wie können Sie so etwas sagen“? Die Stimme von Karla war scharf und strafend.

„Wir wollen uns jetzt nicht auch noch streiten. Herr Christopher hat es sicherlich nicht so gemeint“, mischte sich jetzt auch Desiree in das Gespräch ein.

„Zudem wissen wir noch gar nicht was wirklich geschehen ist. Das mit dem kleinen Mädchen ist tragisch, aber wenn wir uns hier gegenseitig Vorwürfe machen ändern wir auch nichts an dieser Tatsache. Wir können im Augenblick nichts weiter tun als zu warten“, sagte Desiree.

Die Zeit verging sehr langsam. Es hatte den Anschein, als wäre sie stehengeblieben. Minuten wurden zu Stunden.

Langsam senkte sich die Sonne dem Horizont zu und die Nacht kündigte sich an. Noch immer warteten die drei Personen der Reisegruppe. Es wurde während der gesamten Zeit nur sehr wenig gesprochen.

Erst als es bereits eine halbe Stunde dunkel war, hörte man die Kutsche, wie sie sich näherte. Zwei Minuten später hielt sie direkt vor dem Gasthof. Während die Fahrgäste ausstiegen, sprang Friedhold der Kutscher von seinem Bock und begann damit die Pferde auszuspannen.

Tobias, Heinrich, der Inspektor und der Kommissar betraten den Gastraum.

Der Kutscher Tobias und Heinrich erschienen sehr mitgenommen. Ihre Gesichter waren fahl und blass.

Es war nicht schwer zu erkennen, dass die zwei noch einmal mit der jüngsten Vergangenheit konfrontiert worden sind, was bestimmt nicht leicht für die beiden war.

Der Inspektor sowie sein Gehilfe, der Kommissar folgten ihnen. Zusammen gingen sie unverzüglich auf den Tisch zu, an denen unsere drei Zurückgebliebenen saßen.

„Sie gestatten“, fragte der Inspektor und setzte sich ohne eine Antwort abzuwarten. Als die gesamte Gesellschaft am Tisch Platz genommen hatte, begann der Inspektor mit seinem Bericht.

„Herr Tobias zeigte mir die Stelle an der er, zusammen mit Herrn Heinrich, seine fürchterliche Entdeckung machte. Eine Leiche war selbstverständlich nicht mehr vorhanden, dafür gab es aber eine Vielfalt von Hinweisen und Spuren. Da waren erst einmal die Blutspuren welche den ganzen Boden bedeckten. Ich muss dazu erwähnen, dass die Kindesleiche bereits von den örtlichen Behörden abgeholt wurde. Was allerdings sehr merkwürdig erschien war die Tatsache, dass wir nicht weit von dieser Stelle etwas gefunden haben von dem wir noch nicht wissen wie wir diesen Fund deuten sollen. Es handelt sich hierbei um eine tote Katze. Auch diese Katze war in einem fürchterlichen Zustand. Man brauchte schon sehr viel Phantasie um dieses Wesen als Katze zu identifizieren. Ich habe das Tier mitgenommen um es dem Bauern Friedrich zu zeigen, vielleicht kennt er ja dieses Tier. Des Weiteren war der gesamte Waldboden völlig aufgewühlt und wir fanden eine große Anzahl an Haaren unterschiedlichster Art. Der aufgewühlte und völlig durchnässte Waldboden ließ keine genauen Spuren erkennen, nur so viel, dass sich meines achtens etwas dort aufgehalten haben muss, was Hufspuren hinterlassen hat. Ich kann nicht sagen wovon diese Hufspuren stammen, nur so viel, dass sie nicht von einem Pferd sind“.

Damit schloss der Inspektor seinen Redefluss. Der Kommissar sagte dafür kein Wort. Er war ohnehin ein sehr schweigsamer Mann, der dafür stets nachdenklich wirkte.

„Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Blut auf einmal gesehen“, meldete sich nun Tobias zu Wort. „Mein Gott, wer ist zu einer solchen Tat fähig? Was muss das für ein Wesen sein“. Darauf senkte er seinen Kopf, den er in seine auf dem Tisch abgestützten Armen legte.

„Ich weiß überhaupt nicht mehr was ich denken soll. Es kommt mir alles wie ein böser Traum vor und ich möchte nur noch aufwachen“, bemerkte Heinrich und zitterte noch am gesamten Körper.

Der Inspektor und sein Kommissar erhoben sich vom Tisch, nickten noch einmal der Reisegruppe und deren Kutscher zu und verließen darauf den Gastraum. An der Tür drehte sich der Inspektor noch einmal kurz um und bemerkte: „Ich möchte Sie im Übrigen bitten, sich noch solange hier aufzuhalten, bis sich die Ereignisse aufgeklärt haben. Ich möchte mich für diese Unannehmlichkeiten entschuldigen, aber Sie sind nun einmal die einzigen und wichtigsten Zeugen die wir haben. Ich kann nur auf Ihr Verständnis hoffen“.

Darauf wendete sich der Inspektor wieder dem Ausgang zu und verschwand aus der Gaststube.

Die vier Reisenden sowie der Kutscher schauten sich nur an. Keiner war in diesem Augenblick fähig, auch nur ein Wort zu diesem Thema zu sagen. Es bestand zwischen den Betroffenen ein Gefühl der Ohnmacht, welches sich aus den Aspekten von Handlungsunfähigkeit und mangeldem Wissen zusammensetzte. Es war eine unerträgliche Situation der Hilflosigkeit. Die Tatsache des Bewusstseins, nicht im geringsten handeln zu können war keine gute Ausgangssituation für die Reisegesellschaft.

„Wie ich die Sache einschätze, sitzen wir hier bis aufs Nächste fest“, warf Tobias, nach einer Weile als erster in den Raum. Es schien als hätte er bisher als einziger die Situation erkannt. „Ich weiß zwar nicht aus welchem Grund Sie sich auf dieser Reise befinden und wohin Sie wollen, geschweige welchen Zweck diese Fahrt für Sie erfüllen soll, ich jedoch bin Kutscher und muss mir mein Geld damit verdienen, dass ich ständig von A nach B fahre. Ich kann mir somit keinen Ausfall und damit keine Zeitausfälle leisten“. Seine Worte klangen ziemlich verbittert und es bedarf keiner besonderen Menschenkenntnis um zu erkennen, dass er sich große Sorgen um seine Existenz machte.

Als hätten die Anderen der Reisegruppe ein schlechtes Gewissen, was die Zeit und Unabhängigkeit betraf, hörten sie dem Kutscher nur schweigend zu ohne sich dazu zu äußern. Eher schaute man verschämt nach unten.

„Wer weiß, vielleicht ist morgen der ganze Spuk schon vorbei und die Angelegenheit hat sich aufgeklärt“, erwiderte nach einer kurzen Pause Christopher jener junge Mann der Reisegruppe. „Ich schlage vor, wir nehmen noch ein Nachtmahl zu uns und begeben uns dann zu Bett, der Tag heute war anstrengend genug“.

Gesagt getan, so machten es sich fünf Leute, die einander nicht kannten die jedoch vieles verband, am Tisch bequem und bestellten sich etwas zum Essen sowie zum Trinken.

Eigentlich bemerkte ein jeder erst jetzt, dass er einen ungewöhnlich großen Hunger hatte. Dies war insofern auch nicht weiter verwunderlich, da man den ganzen Tag nichts rechtes zu sich genommen hatte.

Man entschloss sich für Brot, Käse und ein wenig Bauernwurst. Dazu bestellten sie sich gemeinsam eine guten Krug Wein. Jeder war der Meinung sich diesen Wein redlich verdient zu haben.

Wenige Minuten später saß man gemeinsam beim Essen und genoss den guten Tropfen. Es dauerte auch nicht lange und ein zweiter Krug von dem Wein wurde bestellt. Mit jedem Becher von diesem edlen Tropfen schienen sich die grauen Schleier welche den Tag überschattet hatten, mehr und mehr zu verziehen, und nach ca. einer Stunde war jegliche schlechte Laune verschwunden. Der Wein sorgte sogar dafür, dass die kleine Gruppe am Tisch zunehmend redseliger wurde.

„Wir sollte die ganze Sache wie ein Abenteuer betrachten“, sagte Desiree, eine der beiden Frauen. Im gleichen Augenblick bekam sie jedoch einen hochroten Kopf, hatte sie doch bemerkt, dass ihre Aussage etwas unangebracht schien. Schließlich war ein Kind auf grausame Art und Weise ermordet worden und alle Beteiligten hatten recht unangenehme Erfahrungen machen müssen. Zu guter Letzt wurde sogar die Existenz des Kutschers gefährdet, obwohl er doch jener war, der sich am meisten engagiert hatte.

„Was ist nur aus dieser Welt geworden“? bemerkte Karla. Es schien als wollte sie von der peinlichen Bemerkung jener Desiree ablenken. „Als gäbe es nicht schon genug schlimmes auf dieser Welt. Und dann noch hier, an einem Ort der so friedlich erscheint. Was wohl Friedrich, der Vater des kleinen Kindes jetzt macht. Ich wünschte man könnte ihm helfen“.

Heinrich bestellte noch eine weiteren Krug vom Wein und keiner der Anwesenden legte dagegen Widerspruch ein. Dann wandte er sich an Desiree und fragte:

„Was führt Sie eigentlich auf diese abenteuerliche Reise“? Dabei lächelte er ein wenig verschmitzt, da er auf den Versprecher von vorhin anspielte.

Sofort schoss das Blut wieder in das Gesicht der jungen Frau. „Ich habe ein Angebot an einem Theater, sie müssen wissen, ich möchte Schauspielerin werden. Bislang habe ich nur kleine Rollen in den Dorftheatern gespielt. Ich glaube, dass dieses Angebot meine große Chance sein könnte“.

„Und was hat Sie zu dieser Reise bewogen“? Heinrich wandte sich mit seiner Frage dem jungen Herrn Christopher zu.

Dieser setzte seinen Becher ab aus welchem er gerade getrunken hatte. „Ich bin von Beruf aus Buchautor und schreibe Reiseberichte, studiere aber hauptsächlich Geschichte und Altertum", erwiderte er.

„Na dann haben Sie ja jetzt eine richtig große Geschichte“, warf Karla in die Runde. „Eine spannendere Geschichte werden Sie wohl so schnell nicht wieder bekommen“. Ihre Stimme klang etwas verhöhnend, woran aber der Wein schuld war.

„Und Sie Heinrich, was machen Sie so“? Tobias der Kutscher schaute bei seiner Frage dem älteren Herrn direkt in die Augen. Er schien verzweifelt und zornig zugleich, was auch zu verstehen war. Jeder schien ein gutes Auskommen zu haben, nur er musste um sein tägliches Brot sehr schwer arbeiten und nun schien sein ohnehin schon schmales Einkommen auch noch gefährdet.

„Ich bin ein Mensch der früher, in jungen Jahren, einmal als erfolgreicher Kaufmann sesshaft gewesen ist. Dann habe ich meine Frau und damit alles was mir je etwas bedeutet hat verloren. Seither bin ich, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, als Handelsreisender unterwegs. Sie wissen schon, dass sind jene Leute, welche sich mit relativ wenig Erfolg aber viel Einfallsreichtum durchs Leben schlagen und dabei niemals zur Ruhe kommen. Aber was soll ich schon noch tun? Ein Zuhause, in dem Sinne, besitze ich nicht mehr. Ich bin allein auf dieser Welt und versuche meine Zeit herum zu bekommen, bis meine Stunde endlich geschlagen hat. Bis dahin muss ich jedoch für mein Leben arbeiten. In meinem Alter ist man als Arbeitskraft aber nicht mehr so gefragt wie die jungen Leute. So habe ich mich halt für diesen Weg entschieden. Ja, dass ist meine Geschichte, mein Leben wenn man so will. Ich habe es mir auch einmal anders vorgestellt, aber es sollte wohl anders kommen, nun muss ich diesen Weg einfach nur noch zu Ende bringen, dann ist das Werk vollbracht“. Dabei schaute er den Kutscher ein wenig traurig an.

„Entschuldigung, es war nicht so gemeint, bitte nehmen Sie es nicht persönlich. Ich bin mit meinen Nerven einfach am Ende. Ich habe heute zu viel gesehen und auch erlebt, und dann noch der Herr Inspektor und sein stummer Kommissar, die beiden platzen förmlich vor Selbstbewunderung. Ich will einfach nur zurück auf meinen Kutschbock und diesen düsteren Ort weit hinter mich lassen. Hier werde ich das Gefühl nicht los an den Pforten der Hölle zu stehen um jeden Augenblick dem Leibhaftigen direkt gegenüberzutreten".

„Wenn ich an die Spuren im Wald denke und mich an die Schatten erinnere welche wir gesehen haben, dann schaudert es mich jetzt noch. Auch ich könnte mir einen schöneren Ort als diesen zurzeit vorstellen“, lies Heinrich durchblicken.

„Ich glaube es geht uns allen nicht anders“, sagte Frau Karla. „Wir haben in den letzten vierundzwanzig Stunden mehr als genug erlebt. Ich schlage vor, dass wir noch unsere Becher leeren und dann zu Bett gehen, es ist ohnehin schon gleich wieder Mitternacht“.

Keiner der Anwesenden hatte etwas gegen diesen doch sehr vernünftigen Vorschlag einzuwenden. Auch der Wirt und Inhaber der Poststation schien über den Vorschlag sehr erfreut zu sein. Auch er war müde und sehnte sich nach diesem Tag nur noch nach seinem Bett. Dazu kam noch die Tatsache, dass er derjenige war, der morgenfrüh als erster, lang vor den anderen aufstehen musste.

So dauerte es auch nicht mehr lange und nach etwa einer weiteren Stunde war in der Poststation jegliches Licht erloschen und Schweigen legte sich über das Gehöft.

 

2. Kapitel

 

Eine unruhige Nacht mit Folgen

                            Ruhig und friedlich lag das Haus der Poststation im Licht des Mondes. Alles war still. Nur aus einem Fenster hörte man ein Schnarchen. Dies kam von unserem Kutscher Tobias.

Ein sehr fahles sowie schwaches Licht war aus einem kleinen Fenster an der Rückseite des Hauses zu erkennen. Dies war der Teil, indem das Dienstpersonal untergebracht war. Hier hatten der Inspektor und sein Kommissar ihr Quartier bezogen. Es schien als könne der Inspektor keinen Schlaf in dieser Nacht finden. Immer wieder gingen ihm die Bilder des Tages durch den Kopf. Er blickte auf eine Dienstzeit von mehr als fünfundzwanzig Jahre zurück, aber einen solch grausamen Leichenfund war ihm in seiner gesamten Laufbahn nicht untergekommen. Es war nicht einfach diese Bilder nüchtern und neutral zu betrachten. Im Grunde war der Inspektor ein warmherziger Mann. Seine vorgegebene Härte war eher ein Schutzwall für ihn. Immerhin, was keiner wissen konnte, hatte er selbst vor zwölf Jahren seine Frau und seine kleine Tochter im Alter von zwei Jahre, bei einem Unfall, der nie geklärt wurde, verloren. Ein Verlust, den er bis zum heutigen Tag nie überwunden hat. Und nun diese Geschichte, das kleine Mädchen hätte genauso gut seine eigene Tochter sein können.

Wie es wohl in diesem Augenblick dem Bauern Friedrich erging, dachte er. Dieser war schließlich der Vater des kleinen Mädchens welches auf so grausame Weise zu Tode gekommen war. Auch der Bauer hatte erst vor einem Jahr seine geliebte Frau, nach zehn Jahren Ehe durch eine Krankheit verloren. Es gibt Menschen die einfach vom Pech verfolgt sind, dachte der Inspektor indem er seine Augen schloss und den Versuch unternahm in den Schlaf zu gelangen.

Ein Zimmer weiter schlief der Kommissar bereits seit einiger Zeit. Er war nicht so betroffen von den Ereignissen, für ihn war es einfach nur ein Job, sein Job. In seinen Händen hielt er noch das Notizbuch indem er noch zuvor seine Eintragungen gemacht hatte und wahrscheinlich darüber eingeschlafen war. Nach ungefähr fünf weiteren Minuten lag nun endlich das gesamte Haus im Dunkel der Nacht. Zu dieser Zeit war es etwa zwei Uhr.

Fast gleichzeitig wurden der Kutscher wie auch der Inspektor von etwas aufgeweckt. Keiner der beiden hätte sagen können wovon sie aufgewacht sind. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um ein undefinierbares Geräusch. Es war, als würde man jemanden um das Haus laufen hören, wobei es sich jedoch nicht um die Schritte eines Menschen handeln konnte, darin waren sich die beiden Männer einig. Auch konnte keiner etwas durch sein Fenster erkennen. Im Glauben, es könne sich um einen Traum gehandelt haben, legte sich der Inspektor  wieder zu Bett und versuchten erneut einzuschlafen, was ihm auch nach kurzer Zeit gelang. Tobias hingegen war fast automatisch wieder mit den Mythen beschäftigt, wie er diese nun einmal, bereits als Kind, kennengelernt hatte. Dieser Aberglaube hatte sich seit jeher in seinem Gedächtnis tief eingegraben. Selbst wenn er gewollt hätte, es wäre ihm kaum gelungen, jenes alt eingeprägte Muster abzulegen. Für Tobias stand nun einmal unumstößlich fest, dass es sich hierbei um eine höhere, dunkle Macht handelt, welche ihr Unwesen treibt. Er glaubte auch aus diesem Grund, dass die Geräusche ums Haus daher kommen würden. Es gibt jedoch keinen Anlass dafür, diesen Mann für sein Verhalten sowie seine Einstellungen zu beurteilen. Im alltäglichen Leben war er ein sehr zuverlässiger und herzensguter Mensch. Dennoch konnte man sagen, dass diese Nacht für jeden der Beteiligten mehr oder weniger unruhig und von schlechten Träumen begleitet verlief.

Endlich dämmerte der Morgen. Es deutete alles daraufhin, dass dies ein sehr schöner Tag werden würde, zumindest was das Wetter betraf. Langsam kämpfte sich die Sonne durch den aufsteigenden Nebel, bis sie endlich diesen völlig besiegt hatte. Auf den Wiesen und Sträuchern am Wegrand der Straße lag noch der letzte Tau des Morgennebels. Es war ein wunderbarer Anblick, da bereits auch die Blätter der Bäume und Sträucher sich in den buntesten Farben verfärbten. Ein unübertroffenes Schauspiel der Natur. Leider hatte keiner zurzeit die richtige Einstellung um jene Pracht zu würdigen. Mit den ersten Sonnenstrahlen kamen aber auch die Lebensgeister unser Reisenden sowie anderwärtig Beteiligten wieder. War der gestrige Tag auch grau und voller Unannehmlichkeiten gewesen, so schienen diese nur noch die Erinnerung der Betroffenen zu bewegen, was jedoch nicht auf den Bauern Friedrich zutraf. Dieser wäre am liebsten überhaupt nicht mehr wach geworden. Für ihn hatte das Leben jeden Sinn verloren. Langsam wurden auch die Letzten der Anwesenden geweckt, da man deutlich das laute Geräusch der ankommenden Kutsche vernehmen konnte. Das Leben geht eben weiter. So blieb es auch nicht aus, dass neue Reisende ankamen und andere dafür ihre Fahrt fortsetzten. Auf einer solchen Poststation war eben ein Ort des ständigen Kommens und Gehens.

So langsam füllte sich auch die Gaststube der Poststation mit jenen, die diese Nacht hier übernachtet hatten. In kurzer Zeit waren die wenigen Tische belegt. Eine junge Frau, die hier zu arbeiten schien, kam um die Bestellungen zum Frühstück aufzunehmen. Mit Sicherheit war sie um diese doch sehr stressige Arbeit nicht zu beneiden, doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Unsere kleine Reisegruppe hatte wieder den gleichen Tisch wie am Vortag besetzt. Es fehlte nur Tobias der Kutscher. Auch von Doran, dem Inspektor und sein Gehilfe war noch nichts zu sehen. Sollten sie verschlafen haben? Eine Vorstellung, an die keiner der Anwesenden wirklich glauben konnte. Waren es doch gerade diese Herren, welche den Begriff "Pünktlichkeit" sehr ernst nahmen. Dennoch hatten alle anderen das Gefühl sich keine Sorgen machen zu müssen.  „Wer weiß was denen dazwischen gekommen ist, sie werden bestimmt bald auftauchen“, sagte Karla, eine der beiden Frauen überzeugend. Die Anderen der Gruppe schlossen sich ihrer Meinung an. „Ich weiß zwar nicht wie Sie geschlafen haben, aber für mich war diese Nacht grausam“. Bemerkte Desiree. „Zum einen der unruhige Schlaf, immer wieder wurde ich wach und wünschte zu Hause in meinem Bett zu liegen, doch die Wahrheit war stets endtäuschend, und dann diese verrückten Träume. Ich hatte zeitweilig sogar Angst vor den Träumen oder wieder einzuschlafen. Ich hoffe, wir müssen nicht noch eine solche Nacht hier verbringen“.

Man konnte ihr die Anstrengungen der vergangenen Nacht deutlich ansehen. Ihre Augen hatten dunkle Ränder und auch ihr Körper bebte vor innerer Unruhe. Auch den Anderen schien es nach ihren Aussagen nicht viel anders ergangen zu sein. Keiner erwähnte jedoch die nächtlichen Geräusche. Es schien, als hätten wirklich nur der Inspektor sowie der Kutscher diese vernommen. Es waren kaum mehr als fünfzehn Minuten verstrichen als das bestellte Frühstück serviert wurde. Noch immer waren der Kutscher und der Inspektor samt seinen Gehilfen, dem Kommissar nicht erschienen. So begannen obwohl keiner so richtig Hunger hatte, Karla, Heinrich, Christopher und Desiree mit ihrem Frühstück. Obwohl dieses sehr schmackhaft aussah, machte es den Anschein, als müssten jene besagten Personen sich jeden einzelnen Bissen herunter quälen. Dementsprechend verlief das Essen auch sehr langsam.

Dann plötzlich, nach einiger Zeit, öffnete sich die Tür zur Gaststube. Hereintraten der Inspektor mit seinem Gehilfen und Tobias der Kutscher.  Sie steuerten unbeirrt auf den Tisch der kleinen Reisegruppe zu und setzten sich erst einmal. Mit dem Eindruck eines mehr oder weniger schlechten Gewissens der Verspäteten, nahmen die Herrschaften mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, sowie einen guten Appetit. Bitte entschuldigen Sie unsere Verspätung, aber es haben sich neue Ereignisse ergeben, die erst einmal überprüft werden mussten“.

Tobias der Kutscher hatte bisher noch kein Wort gesagt, was er jetzt jedoch nachholte. „In der Nacht, so eher gegen Morgen bin ich von etwas erwacht. Es muss sich um ein Geräusch gehandelt haben, welches ich jedoch nicht einordnen konnte. Ich berichtete dem Inspektor davon und dieser erklärte mir, dass es ihm genau so ergangen war. Wir konnten also eine Einbildung oder einen Traum ausschließen. Heute Morgen haben wir uns deshalb auf Spurensuche um das Haus und dessen Nähe begeben. Wo Geräusche sind, befinden sich in der Regel auch Spuren des Verursachers. Obwohl der Inspektor und ich unterschiedlicher Meinungen sind, waren wir uns jedoch darüber im Klaren, dem Geräusch auf die Spur zu kommen.

„Und“, Karla schien mit einem Ruck hellwach zu sein, „spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter. Haben Sie Ihre Spuren gefunden, und wenn ja, um was für Spuren handelte es sich dabei“?

Der Inspektor machte einen sehr ruhigen Eindruck auf die Anwesenden. „Ich bitte Sie, wir wollen doch nicht die Nerven verlieren. Eines nach dem Anderen. Ja, was der Kutscher, Herr Tobias berichtet hat stimmt. Heute Morgen, so gegen drei oder vier Uhr hat er mich in meinem Zimmer aufgesucht um mir von seinen Erlebnissen zu berichten. Ich war bereits wach, da ich das Gleiche erlebt hatte. Nach einem kurzen Gespräch einigten wir uns jedoch darauf bis zum Morgen zu warten und im Licht nach etwaigen Hinweisen oder Spuren zu suchen“.  „Und, haben Sie etwas gefunden“? Wieder war es Karla, die ihre Unruhe nicht unterdrücken konnte. Aber auch den Anderen, die bislang ruhig geblieben waren, konnten ihre Aufregung nun nicht mehr verheimlichen. Der Inspektor und der Kutscher sahen sich einander an, so als wollten sie klären, wer nun über die Ereignisse berichten sollte. Dann, nach einem kurzen Augenblick begann der Inspektor zu berichten. „Also“, begann er, „wir hatten beide etwas in den Morgenstunden vernommen. Herr Tobias kam zu mir und berichtete von seinen Erlebnissen, welche sich genau mit meinen deckten. Nachdem wir uns besprochen hatten, einigten wir uns darauf, gleich in den frühen Morgenstunden zu erkunden was sich ereignet hatte. In der Dunkelheit hätten wir ohnehin nichts ausrichten können. Zudem kam noch die Tatsache hinzu, dass wir nicht wussten nach was wir überhaupt suchen sollten“.   Der Inspektor machte eine Pause, welche Tobias nutzte um das Gespräch weiterzuführen. „Ich kann nicht sagen dass es sich bei der Wahrnehmung um ein Geräusch handelte oder ob etwas anderes mich aus meinem Schlaf aufgeschreckt hat“. Das Gesicht des Kutschers war sehr ernst. „Ich will nicht behaupten Angst gehabt zu haben, aber in Anbetracht der gesamten letzten Ereignisse, welche uns hier noch immer festhalten, war es doch unheimlich oder eher bedrückend. Es war, als würde irgendjemand oder irgendetwas um das Haus schleichen. Dabei könnte ich nicht einmal sagen, ob es sich hierbei um einen Menschen oder etwas anderes gehandelt haben könnte. Mein Gott, ich muss noch immer an die Schatten denken, welche Heinrich und ich am Tatort gesehen haben. Diese hatten überhaupt nichts menschliches, eher etwas teuflisches. Damit beendete er seinen Bericht“. Die Anderen saßen wie gebannt am Tisch und lasen buchstäblich jedes Wort von den Lippen des Kutschers und des Inspektors. Obwohl man keine Steigerung der Spannung erwartet hätte, kam es noch dramatischer.

                Der Inspektor, der für einen Augenblick selbst nur dem Bericht des Kutschers zugehört hatte, nickte nur zustimmend und ergriff wieder das Wort. „Es ist genauso wie es der Herr Tobias gesagt hat. Wir waren auch nicht erfolgslos bei unserer Spurensuche gewesen. Genau wie am Tatort fanden wir auch, um das gesamte Haus herum aufgewühltes Erdreich. Auch ein paar Hufabdrücke konnten wir finden. Es handelte sich dabei jedoch nicht um Pferdehufe wie bereits am Tatort, sondern eher um Rehspuren, nur dass diese sehr viel größer und schwerer waren. Um ganz ehrlich zu sein, ich kenne kein Tier, dass so große Spuren in dieser Form hinterlässt. Diesbezüglich bin ich mit meinem Latein am Ende. Ich habe aus diesem Grund den Förster aus dieser Gegend benachrichtigt und ihn gebeten einmal vorbeizuschauen und sich diese Spuren anzusehen, vielleicht kann er uns ja weiterhelfen. Zudem haben wir aber am Zaun des Hauses noch einige wenige Haare gefunden. Es handelt sich aber eher um schwarze Borsten, welche auch von ungewöhnlicher Größe sind, mit Haare hatten diese Dinger nichts zu tun“. Der Inspektor machte einen sehr hilflosen Eindruck. "Wenn wir keine Erklärung finden, sitzen wir noch am Nimmerleinstag hier“, bemerkte Desiree und sah sich schon in diesem Ort zur alten Frau werden. „Ich habe Ihnen gleich gesagt, dass es sich um den Leibhaftigen persönlich handelt“ erwiderte der Kutscher. „Er hat gesehen, dass wir ihn am Tatort beobachtet haben und nun ist er hinter uns und unseren Seelen her. Es wird der Morgen kommen, an dem man uns alle mit einem Genickbruch vorfindet, dann haben Sie ihre Erklärung“. Tobias schien außer sich vor Angst und Ärger.

Auch den Anderen war der Schreck in die Glieder gefahren. Hatten sie bisher einfach nur gehofft heute weiterreisen zu können, so hatte sie jetzt die Angst kalt erwischt. Selbst die gemütliche Gaststube wurde mit einem Schlag zu einem unheimlichen und bedrohenden Ort. Vor dem Teufel war man nirgends sicher, dass wusste jeder. Ihm konnte man nicht entkommen. „Was sollen wir nur tun“? Flehte Desiree in die Menge und brach gleichzeitig in Tränen aus. "Wäre ich doch nur zu Hause geblieben, meine Mutter hatte gleich gesagt, dass mir diese Reise kein Glück bringen würde, aber dass mich nun der Satan persönlich zu sich holt hätte ich mir nie träumen lassen. Bitte lieber Gott, beschütze mich und meine Seele, bitte, bitte hilf mir“. Die Tränen flossen ihr nur so die Wangen hinunter und es war zu befürchten, dass sie einen Weinkrampf bekommen würde. Es war der junge Christopher der die runde mit einem unerwarteten Zwischenruf auf den Boden der Tatsachen zurückholte. „Eine Runde Schnaps für uns alle“! rief er mit lauter und energischer Stimme dem Gastwirt zu. „Ich muss Sie wohl daran erinnern, dass wir alle erwachsene Menschen sind. Wie können erfahrende erwachsene Menschen einen solchen Schwachsinn reden und damit junge Frauen zu Tode erschrecken“?

Mit diesen Worten ergriff er sein Glas mit dem Schnaps, den der Wirt eben gebracht hatte und trank es mit einem Zug hinunter. „So, jetzt geht es mir schon wieder etwas besser“, sagte er und stellte das Glas ab. Die Anderen folgten seinem Beispiel. Nur die beiden Frauen schüttelten sich nach diesem kräftigen Getränk. Sogar der Inspektor und sein Gehilfe der Kommissar hatten von dem Schnaps getrunken. „Der erweckt wirklich Tote wieder zum Leben“, sagte der Kommissar Mikesch und bemerkte im gleichen Augenblick, dass dieser Satz wieder einmal nicht gerade in jene Situation passte. Jedoch versuchte er erst gar nicht sich zu verbessern, um nicht noch alles zu verschlimmern.  Auch Desiree hatte mit dem Weinen aufgehört. Sie schluchzte zwar noch ein wenig, beruhigte sich aber zunehmend. „Ich schlage vor, wir begutachten zuerst alle gemeinsam jene Spuren um das Haus. Danach können wir uns in der Gaststube an einen Tisch setzen, vielleicht etwas essen und dabei beraten, was wir nun unternehmen wollen, wir können schließlich nicht noch tagelang hier verweilen. Zudem müssen wir sowieso auf den Förster warten. Vielleicht kann er sogar Licht in die ganze mysteriöse Sache bringen und vielleicht gibt es sogar eine ganz einfache Erklärung für all das“. Der junge Christopher sagte diese Worte mit einer Überzeugungskraft, dass keiner auch nur den Versuch eines Widerspruches unternahm.

"Ich hätte gern noch eine Runde vom diesem edlen Tropfen", rief nun Heinrich dem Wirt zu. Er hatte die wundersame Wirkung des Getränks erkannt. Der Wirt reagierte umgehend und servierte seinen Gästen noch eine weitere Runde des gebrannten Getränkes. Gegenseitig prostete sich die kleine Gesellschaft zu und sogar die beiden Frauen hielten sich diesmal nicht im Geringsten zurück. „Es ist immer nur der Erste der Probleme macht, genauso wie im Leben“, sagte Karla und der Rest der Gesellschaft konnte daraufhin das Lachen nicht unterdrücken. Es war das erste Mal, dass diese kleine Runde gemeinsam Lachte. Für einen kurzen Augenblick schien es als würde die Sonne direkt in den Raum scheinen und das Herz eines jeden Anwesenden berühren. „Aller guten Dinge sind drei“, sagte in diesem Augenblick Doran der Inspektor und bestellte noch einmal eine Runde von dem wundersamen Schnaps. „Wer hätte das Gedacht“, meinte Christopher, „unser Inspektor hat ja direkt menschliche Züge“. Dabei lächelte er, während der Inspektor den Anderen zuprostete.

Kein Augenblick hätte günstiger sein können um die befreiende Stimmung, welche gerade aufzukommen schien, negativ zu beeinflussen. Genau in diesem Moment flog mit einem lauten Knall die Tür zur Gaststube auf und im Raum stand Friedrich der Bauer, der Vater des kleinen ermordeten Mädchens. Sein Gesicht war blass. Auch konnte man nicht genau erkennen, ob es Tränen waren oder Schweiß, was dieses blasse Gesicht so nass erschienen ließ. Er war völlig außer Atem und sein gesamter Körper bebte. Noch während er nach Luft rang rief er: „Es ist Susi, die Katze, Susi. Sie war die Katze meiner kleinen Tochter. Mein Gott, wer tut so etwas, welches Ungeheuer ist zu einer solch grausamen Tat fähig. Ist das nicht Krank“? Seine Verzweiflung konnte einem das Herz brechen. Jeder der Anwesenden stand einfach nur dar und wusste nicht wie er sich verhalten sollte. Der Wirt brachte auch ohne Aufforderung dem Bauern einen großes Glas von dem Brandwein. Er stellte es vor ihm auf den Tisch. Der Bauer selbst saß zusammengebrochen auf einem Stuhl davor. „Hier, trinke er erst einmal, dass beruhigt und lässt die Dinge in einem anderen Licht erscheinen“, versuchte er den Bauern zu beruhigen. Mit einem Schlag war die Eiseskälte der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit wieder in den Gastraum eingekehrt. Keiner dachte in diesem Augenblick noch daran, die Spuren um das Haus in Augenschein zu nehmen. Schweigend setzten sich die Anwesenden nacheinander an den Tisch an dem Friedrich der Bauer zusammengekauert saß.

Diesmal war es Mikesch der Kommissar, er hob einfach nur die Hand und der Wirt wusste sofort was er meinte. Zwei Minuten später stand eine erneute Runde von dem Brandwein auf dem Tisch. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, nickten ihm die anderen zu, erhoben ihr Glas und tranken es mit einem Zug aus. Dieser Vorgang wiederholte sich noch zweimal. Wer für die Bestellungen zuständig war hatte man schon garnichtmehr wahrgenommen. Langsam schlich sich, bedingt durch den Alkohol, eine gewisse Gleichgültigkeit unter den Anwesenden ein, welche allerdings auch zunehmend einen recht merkwürdigen Eindruck machten. Zu diesem Zeitpunkt hätte diese Menschen wahrscheinlich nichts mehr überraschen können. Selbst wenn der Teufel persönlich die Gaststube betreten hätte, wäre keiner überrascht gewesen. Vielleicht hätte man ihn überhaupt nicht wahrgenommen.

Es war aber nicht der Teufel der in diesem Moment die Gaststube betrat, sondern der Förster. Er war zwar auf einiges vorbereitet, da er bereits von den Geschehnissen gehört hatte, aber mit einem solch traurigen Anblick, wie er sich ihm bot hatte er nicht gerechnet. „Ich wünschte mir einen besseren Anblick dieser Gesellschaft“, sagte er indem er seine Blicke in der Runde der Gäste schweifen ließ. „Ich hatte ja schon so einiges erwartet, doch was ich hier vorfinde übersteigt selbst meinen kühnsten Vorstellungen. Es scheint fast, als wären Sie alle fern jeder Wirklichkeit und die Verzweiflung hat sich Ihren Emotionen bemächtigt. Die Frage, was eigentlich vorgefallen ist kann ich wohl übergehen. Es wird das Beste sein, Sie berichten mir von Anfang an, was eigentlich vorgefallen ist und warum ich Sie in einem derart desolaten Zustand antreffe“. Die Betroffenen, welche sich nun alle in der Gaststube aufhielten, schauten diesen Mann verblüfft an. Er machte einen Eindruck von unvorstellbarer Willensstärke und einem realistischen Denken auf sie, dass allein seine Worte die Mut- und Hoffnungslosigkeit im gleichen Augenblick schwinden ließen. Nur Friedrich der Bauer war unbeeindruckt. Er war auch weiterhin vertieft in seinem Schmerz, was auch letztlich verständlich und nicht anders zu erwarten schien.

„Das Bild, welches sich mir hier bietet, lässt in mir den Eindruck aufkeimen, dass Sie, allesamt der Meinung sind, etwas sehr unheimlichen, ja eher mysteriösem begegnet zu sein. Würde ich es nicht besser wissen, so könnte ich glauben, es sei Ihnen der Leibhaftige nebst allen Dämonen der Unterwelt begegnet. Es wird, so glaube ich, das Beste sein, Sie berichten mir alle der Reihe nach, was Ihnen widerfahren ist“. Wilhelm der Förster schaute alle der Anwesenden durchdringend an. Dennoch hatte sein Blick das gewisse Etwas, was in den Menschen einen Funken an Mut und Zuversicht weckte. Er war ein einfacher Mann, der nicht lang um den heißen Brei redete, dabei aber ein gewisses Vertrauen in den Menschen erweckte. Kurz, man konnte ohne Übertreibung sagen, dass man sich an seiner Seite in gewisser Weise geborgen fühlte. Er erschien den Anwesenden im Augenblick wie ein Licht- oder Hoffnungsschimmer am Horizont. Wilhelm setzte sich zu der kleinen Gruppe an den Tisch. Allein seine Größe sowie seine gesamte Erscheinung brachte den Betroffenen etwas Hoffnung in Ihr Denken. Ohne dass auch nur ein einziger ein Wort sagte war man sich einig. Wenn es jemanden gab, der Licht in diese dunkle Angelegenheit bringen konnte, dann war es dieser Mann. Er schaute auf die leeren Gläser und bemerkte, „wie ich unschwer sehen kann, haben Sie bereits ihren Kummer bekämpft oder es zumindest versucht. Ich könnte auch einen Schluck von diesem Getränk vertragen und würde Sie gern, soweit Sie noch möchten oder dazu noch imstande sind, zu einer Runde einladen“. Keiner der Anwesenden verneinte dieses Angebot, und so brachte der Wirt erneut eine Runde des Brandweines. Der Förster blickte in die Runde, ergriff sein Glas und sagte: „Auf das wir die Wahrheit herausfinden“. Dann leerte er sein Glas mit einem Zug und die Betroffenen taten es ebenso. „Wer also möchte mit der Geschichte, so wie sie sich zugetragen hat beginnen“? Der Förster schaute bei seiner Frage in die Runde. Es war Tobias der Kutscher, der sich als erster zu Wort meldete. Den Anderen war es nur recht, schließlich hatte er die ganze Angelegenheit vom ersten Augenblick erlebt. So begann er zu berichten. Hin und wieder kam von den Anwesenden ein ergänzender Einwurf, welcher aber nicht wirklich von Bedeutung war.

Wilhelm der Förster hörte geduldig und aufmerksam zu ohne den Kutscher bei seiner Ausführung der Geschehnisse auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Es war wirklich bewundernswert, wie ein Mann so geduldig und gleichzeitig interessiert dem Bericht eines anderen folgen konnte. Zumal er dabei nicht einmal den Eindruck erweckte, ungeduldig zu sein oder auf das Ende der Ausführungen zu warten. Es war ein bemerkenswerter Mann, der allein durch seine Anwesenheit eine unbeschreibliche Ruhe und Zuversicht verbreitete.

Nach Tobias berichtete Heinrich, der kleine ältere Mann der Reisegruppe, der mit Tobias zur Erkundung aufgebrochen war, von seinen Eindrücken. So folgte einer dem anderen mit seinem Bericht und deren Interpretation. Nur bei Friedrich dem Bauern, der am schwerstes betroffen war, erschien eine genaue Auskunft so gut wie unmöglich. Noch immer schien er unter dem Schock der Ereignisse zu stehen, was auch nicht verwunderlich war.

Wilhelm der Förster hörte geduldig allen Anwesenden zu. Hin und wieder legte sich seine Stirn in kleine Falten, aber er unterbrach keinen der Leute bei ihrem Bericht. Erst als alle mit ihrem Bericht am Ende waren, ließ er einen Augenblick des Schweigens verstreichen. Man konnte förmlich sehen, wie seine Gedanken arbeiteten. „Hmm“, gab er nach einer Weile von sich. „Ich würde doch gern den Ort im Wald sowie den um das Haus herum betrachten, um mir meine eigene Meinung zu bilden“, sagte er darauf. „Da es noch eine Weile hell sein wird und wir in der kommenden Nacht wieder mit Regen rechnen können, würde ich vorschlagen, dass wir uns auf den Weg machen, um die Spuren zu sichern, solange diese noch brauchbar sind“. Er sprach ruhig und bedenklich. „Es müssen ja nicht alle mitkommen und Dabeisein, es reicht, wenn Tobias und Heinrich mich begleiten würden. Sie waren ja auch die Einzigen, die zu allen Zeiten Vorort waren“. In seiner Stimme lag ein Klang, der den Eindruck erweckte, das es sich hierbei nicht um einen Vorschlag handelte sondern eher um eine unwiderrufliche Anordnung. Daher gab es auch keinen Wiederspruch. Der Förster wendete sich dem Gastwirt zu und bestellte noch einmal eine Runde von dem Brandwein, sozusagen als Scheiderunde. „Es kann nichts schaden“, bemerkte er, „manchmal ist es wie Medizin, die uns wieder ins Gleichgewicht bringt. „Na dann prost“, sagte er und leerte sein Glas wieder mit einem Zug.

Nun war es für die beiden Frauen aber genug geworden. Deutlich konnte man erkennen, wie sie dieses letzte Glas herunterwürgten und ihr Gesicht einen gewissen Ekel erkennen ließ auch die Zunge der beiden Frauen waren zur Belustigung der anderen sehr schwer geworden.

Es war somit beschlossene Sache. Nachdem der letzte Brandwein ausgetrunken war, erhoben sich der Förster, Heinrich und Tobias der Kutscher um sich auf den Weg zu machen, solange die Lichtverhältnisse noch eine Vernünftige Beschau der Ereignisstädten zuließ. Sie verabschiedeten sich von den anderen und begaben sich auf den Weg. „Ich schlage vor, wir suchen zuerst den Ort im Wald auf, an dem alles begonnen hat“, gab der Förster zu verstehen. Da nichts dagegen sprach bestieg man die Kutsche und die Fahrt dorthin begann. Die Fahr auf dem diesmal trockenen Boden war ein wahrer Genuss. Nach etwa fünfundvierzig Minuten hatte man ohne jegliche Zwischenfälle das Ziel erreicht. Tobias der Kutscher hielt die Kutsche an und machte die Pferde fest.   „Ab hier müssen wir noch ein kleines Stück durch den Wald laufen, anders ist der Ort des Geschehens leider nicht zu erreichen“, sagte der Kutscher zu seinen Begleitern. Keiner hatte einen Einwand und so machten sich die Drei auf den Weg. Dieser war jedoch noch recht mühselig, da er noch immer durchweicht war und man nur schwerlich vorankam. Nach weiteren zwanzig mühseligen Minuten hatte man das Ziel erreicht. Es war noch immer so, wie in der Nacht als man es zum ersten Mal aufgesucht hatte. Nur sah bei Tageslicht alles ein wenig normaler aus. Ohne auch nur eine Frage zu stellen und dabei vielleicht wichtige Zeit zu verlieren, begann der Förster sofort das Gebiet des Tatortes in Augenschein zu nehmen. Ruhig und bedacht schritt er jeden Quadratmeter der besagten Stelle ab, wobei ihm scheinbar nichts entging. Hin und wieder blieb er stehen, bückte sich und begutachtete den Boden etwas genauer. Als er seine Begutachtung abgeschlossen zu haben schien, sagte er: „So, nun können wir zurückfahren und uns den Boden um das Gasthaus herum noch einmal genau betrachten“. Die drei Männer bestiegen die Kutsche und Tobias trieb die Pferde an um noch rechtzeitig, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Schließlich war man daran interessiert diese mysteriöse Angelegenheit so schnell wie nur irgend möglich aufzuklären, um nicht noch länger hier auf diesem Gasthof der Poststation verweilen zu müssen. Die Männer kamen noch rechtzeitig an und begannen sofort mit der Untersuchung der Spuren um das Haus herum. Es dauerte auch nicht lang und Wilhelm der Förster bemerkte, dass er genug gesehen habe.

        So betrat man wieder den Gastraum der Poststation. Drinnen saßen Doran der Inspektor, Mikesch der Kommissar, Christopher und der Gastwirt der Poststation an einem Tisch. Die beiden Frauen hatten sich zurückgezogen um ein wenig zu schlafen, woran der Brandwein bestimmt beteiligt war. Die vier Männer am Tisch waren im Gespräch vertieft, so dass sie zuerst die Ankunft der anderen Drei überhaupt nicht bemerkten. Umso erschrockener drehten sie sich zu denen um, als sie von ihnen angesprochen wurden: „Wir hatten während Ihrer Abwesenheit eine sehr interessante wie auch aufschlussreiche Unterhaltung mit dem Gastwirt“, Christopher schien den Versuch zu unternehmen seinen offensichtlichen Schreck zu verbergen. „Der Wirt hat uns eine überaus interessante wie auch unheimliche Geschichte erzählt, die vielleicht zur Aufklärung beitragen könnte“.

„Wir waren auch nicht untätig“, erwiderte Tobias. „Wenn ich den Förster Wilhelm und seine Bemerkungen richtig verstanden habe, sind wir dem Rätsel dicht auf der Spur“. „Ich glaube, da haben Sie etwas falsch verstanden“, bemerkte der Förster. „Ich habe lediglich gesagt, dass ich, für das Erste genug gesehen habe. Dazu muss ich auch noch zugeben, dass es einiges gibt, für was ich keine Erklärung habe“. Wilhelm machte ein leicht verlegendes Gesicht, als wolle er sich entschuldigen, dass er das Rätsel nicht sofort lösen konnte.

„Was konnten Sie denn nun wirklich in Erfahrung bringen“? Diese Frage schien fast gleichzeitig aus allem Munde zu kommen. Der Förster setze sich, gemeinsam mit seinen zwei Begleitern bequem am Tisch zu Recht, holte einmal laut Luft und begann mit seinem Bericht: „Nun“, begann er, „der aufgewühlte Boden sowie auch die Spuren und die Haare deuten bei genauer Betrachtung auf Wildschweine hin. Es gibt hier jedoch einige Unstimmigkeiten. Zum ersten deutet alles auf eine einzige Spur hin. Es kann sich also nicht um eine ganze Rotte handeln, was sehr ungewöhnlich ist. Zum Weiteren greifen Wildschweine keine Menschen an, wenn sie nicht bedroht werden. Hinzu kommt die Frage, wie das kleine Mädchen, die Tochter des Bauers, in der Nacht dorthin gekommen ist. Auch die Tatsache, dass Wildschweine ihre Beute, insofern sie wirklich Beute gemacht haben, verschleppen. Tatsache ist, dass Wildschweine im Boden nach Nahrung wühlen. Und was hatte die Katze des Mädchens, ich hatte Katzenspuren bemerkt, an diesem Platz zu suchen? Und, was ich sehr seltsam finde, es waren überdies Hundespuren zu sehen. Spuren von einem doch sehr großen Hund. Die Hundespuren weisen aber auf die Flucht des Hundes hin. Wovon also ist der Hund geflüchtet? Wir haben also eine Hundespur als Fluchtspur, eine Katzenspur, welche blutig ist und wir ja wissen, dass diese Katze zerrissen wurde, Frage, von wem? Und wir haben, und dies stellt sich als größte Frage dar, eine Spur, welche auf nur ein Wildschwein hinweist. Zudem muss ich gestehen, dass, sollte es sich wirklich um ein Wildschwein handeln, ich noch nie zuvor, in meiner ganzen Dienstzeit, eine solche gewaltig große Spur gesehen habe. Um was für ein riesiges Tier muss es sich hierbei handeln. Das Schwein müsste einem Fabelwesen gleichen“.

„Noch eines sollte ich vielleicht erwähnen, die Spur des vermeidlichen Schweines sowie die der Katze waren nicht um das Bauernhaus herum zu sehen. Dafür aber deutlich die des Hundes, und hier nicht auf der Flucht“. Noch einmal seufzte der Förster und meinte dann: „Ich glaube wir sind nicht wirklich weiter gekommen, wir befinden uns wahrscheinlich noch ganz am Anfang“.

                      Die Gesichter der Anderen verdunkelten sich augenblicklich. Man konnte direkt beobachten, wie sich alle Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Gefangenschaft auf dieser Poststation sowie der gesamten Ohnmacht in Bezug auf die gesamte Situation verflüchtigte. Wieder war es Christopher der sich zu Wort meldete: „Ich würde gern die Geschichte des Wirtes noch einmal ansprechen, schaden könnte es auf keinen Fall und ich persönlich finde diese überaus aufschlussreich. Vielleicht hilft es uns ja doch ein kleines Stück weiter“. Christopher schien ganz und gar von dem was er sagte, überzeugt zu sein. Auf die anfängliche Euphorie folgte erst einmal eine Pause, welche aus eisigem oder besser enttäuschtem  Schweigen bestand. Die Nacht hatte mit ihrer Dunkelheit den Tag und sein Licht besiegt. Keiner hatte bemerkt, dass es bereits um die neunte Stunde des Abends war.

Auf dem Tisch hatte der Wirt endzwischen ein Wenig zum Essen aufgetischt und auch dabei ein großes Bier für jeden sowie ein Glas von dem Brandwein bereitgestellt. Als hätte man es riechen können, genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und die beiden Damen, Karla und Desiree betraten die Gaststube. Am Gesichtsausdruck der sich am Tisch befindlichen, erkannten sie sofort, dass die heutigen Ermittlungen nicht unbedingt erfolgreich waren. So wurden auch die zwei letzten freien Plätze am Tisch der Reisegruppe von den zwei Frauen besetzt. Beide blickten nur in die Runde und sagten kein Wort. Offensichtlich hofften sie noch auf ein Wunder, welches alles zum Guten wenden würde. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Mit einer kurzen Zusammenfassung von den heutigen Geschehnissen wurden die Beiden aufgeklärt und auch ihnen sah man die Endtäuschung an. Es war ungewöhnlich ruhig in der Gaststube geworden. Der Förster erkundigte sich, ob er diese Nacht auch auf der Poststation verbringen könne, was der Wirt selbstverständlich bejahte. Dann kehrte wieder jene bedrückende Stille ein.

Es waren keine fünf Minuten vergangen, der Wirt wollte gerade noch einmal seine Geschichte erzählen, als ein Geräusch die Stille zerriss. Ein Geräusch welches der kleinen Reisegruppe nicht unbekannt war und allen Anwesenden durch Mark und Bein drang. Man muss es gehört haben, da es sonst unvorstellbar ist, das Heulen eines Wolfes welches die Stille der Nacht durchdringt. Die Anwesenden schauten sich gegenseitig an und Desiree begann sofort zu weinen. „Nicht schon wieder, was geschieht nun? Stirbt noch jemand? Ich kann nicht mehr, ich will nur noch nach Hause, ich hätte diese Reise niemals antreten sollen“. Desiree bebte am ganzen Körper und ihre Hände waren nicht im Stande das Glas mit dem Brandwein zu halten, den sie jetzt gern getrunken hätte. Für einen Augenblick, der jedoch unendlich erschien, hätte man eine Nadel fallen hören können. Dann, ohne dass ein Wort gefallen war aber dafür wie auf Kommando ergriffen alle das Glas mit dem Brandwein und lehrten dieses in einem einzigen Zug, um gleich darauf den Schnaps mit einem kräftigen Schluck Bier herunter zu spülen. Der Erste, der seine Sprache wiederfand war Doran der Inspektor. „Ich glaube, wir sollten alles noch einmal ganz von Anfang an überdenken. Wir haben eine Vielfalt an Fakten und ich glaube, dass sich hinter diesen die Wahrheit und somit die richtige Erklärung verbirgt. Ich vermute sehr stark, dass wir einfach nur einen banalen Denkfehler machen, da wir uns von unseren Gefühlen und nicht von realen Beweisen leiten lassen“.

„Da ich heute die Wachsamkeit unserer Gedanken anzweifeln möchte, schließlich haben wir heute genug erlebt und dürften alle sehr müde sein, schlage ich vor, wir hören uns, während wir unser Abendmahl einnehmen, die Geschichte des Gastwirtes an, ohne daraus eventuelle Schlüsse zu ziehen und begeben uns dann zu Bett. Morgen können wir dann im ausgeruhten Zustand unsere Vermutungen und Eindrücke miteinander vergleichen um dann noch einmal zu beraten, was der Wahrheit uns somit der Aufklärung am nächsten kommt“.

„Ich werde noch heute Abend meine Notizen überarbeiten um mögliche Anhaltspunkte nicht zu übersehen“, Mikesch der Kommissar, der sonst so schweigsam war, trug damit auch seinen Beitrag zum Gespräch bei. „Es gibt noch etwas, dass mir auf der Seele brennt“, erhob plötzlich, Georg, der Wirt seine Stimme. „Ich weiß, Sie werden mich nicht ernst nehmen, aber ich würde mir es andersherum nicht verzeihen, wenn ich jetzt nichts sage und noch mehr passiert als schon ohnehin geschehen ist.  „Wie Sie sicher bereits wissen stamme ich aus dieser Gegend. Ich bin hier aufgewachsen und groß geworden. Ich muss gestehen, ich hatte eine schöne Kindheit. „Ein bestimmtes Detail, als Grundlage unserer Familie, war die Tatsache, dass man über alles offen reden konnte und dies auch tat. Es war so etwas wie eine Familientradition. „Es wurde auch auf jede Frage geantwortet, ganz gleich um was es sich dabei handelte. Einen Ausspruch wie zum Beispiel, dafür bist Du noch zu jung, gab es einfach nicht. „Mein Vater war nicht das, was man einen strengen Vater nennen konnte. Er war sehr einfühlsam und verständnisvoll. Er war aber auch gerecht und sehr ehrlich, auch wenn diese Eigenschaften ihm so manches Mal sehr schmerzhaft erschienen. „Um es kurz zu machen, wir Kinder liebten unseren Vater, genau wie unsere Mutter, über alles. Wir sind, so kann ich mit Stolz behaupten, in einem wohl behüteten Elternhaus aufgewachsen. „Es gab somit rein Garnichts, worüber man mit meinem Vater nicht hätte reden können. Damit komme ich zu meiner Geschichte. Ich möchte diese so erzählen, wie ich sie von meinem Vater gesagt bekommen habe“.   So begann langsam, nach und nach jeder der Anwesenden sein Essen einzunehmen, während der Gastwirt der Poststation es sich auf seinem Stuhl bequem machte, seinen Kopf bedenklich senkte, so dass sein Blick auf den Fußboden fiel als wäre er plötzlich sehr traurig. Er holte noch einmal tief Luft und begann dann, mit einer eher unheimlichen Stimmlage zu sprechen.

 

3.Kapitel

 

Eine seltsame wie auch mysteriöse Geschichte

 

               Es ist schon sehr lange her als sich diese Geschichte ereignet haben soll. Bereits mein Großvater hat sie meinem Vater und dieser wiederum mir erzählt. Aber nicht nur unsere Familie ist mit dieser Geschichte vertraut, nein, es kennt sie so gut wie jeder aus dieser Gegend“. Schlagartig, wie auf Befehl, hatten alle die am Tisch saßen das Essen eingestellt. Alle Augenpare waren auf Georg dem Wirt des Gasthauses gerichtet. Man konnte mit Recht behaupten, dass sie förmlich an seinen Lippen klebten. „Nun, es begab sich vor langer Zeit. Es muss sich etwa zum Anfang des Fünfzenten Jahrhunderts ereignet haben, als diese Gegend mit einem sehr kraftvollen Fluch belegt wurde“, berichtete er. „Es handelte sich, wie sollte es auch anders sein, um eine unglückliche Liebe. Ein junger Herr, der Sohn des Landgrafen, hatte sich in eine einfache Bäuerin aus dieser Gegend verliebt. Über ein Jahr hielten sie ihre Liebe geheim. Es gab keinen Zweifel daran, dass der Landgraf einer solchen Partnerschaft niemals zugestimmt hätte. Allein schon der Standesunterschied machte diese Angelegenheit unmöglich.

Aber dann begab es sich, dass die junge Bäuerin ein Kind von dem Sohn des Landgrafen unter ihrem Herzen trug. Noch war nichts zusehen, aber die Zeit verging und der Zeitpunkt, an dem man es nicht mehr hätte verbergen können rückte immer näher. Der junge Graf liebte seine Bauerstochter jedoch so sehr, dass er sie auf keinen Fall hätte aufgeben wollen. So kam dann auch der Tag, an dem er seinen Vater aufsuchte und diesem von seiner Liebe und deren zu erwartende Frucht berichtete. Der Vater, jener Landgraf, war ein Mann, der weder Gnade noch Mitgefühl kannte. Er war außer sich vor Zorn und befahl seinem Sohn, das Mädchen niemals wiederzusehen. Zudem wollte er das Mädchen nebst seiner Familie aus der Grafschaft entfernen lassen, so dass ein weiteres Treffen seines Sohnes mit der jungen Bauerstochter unmöglich wurde. Der Sohn hingegen aber weigerte sich von dem Mädchen abzulassen. Lieber würde er auf seinen Titel und der Erbschaft verzichten. „Es gäbe nichts was die Beiden trennen könne“, berichtete er seinem Vater. Doch damit hatte er das Schicksal des Mädchens und dessen Eltern besiegelt. Der gnadenlose Landgraf ließ daraufhin das Bauernmädchen der Hexerei anklagen und noch bevor etwas von der Schwangerschaft zu sehen war, wurde sie auf dem Schafott hingerichtet und zusammen mit ihrem Vater nicht verbrannt, sondern man brach ihnen das Genick mit einem Knebel. Die Bauersfrau und ihr jüngerer Sohn wurden begnadigt und aus der Grafschaft verbannt. Kein Mensch hat jemals wieder etwas von ihnen gehört.

Während der Vater und seine Tochter jedoch auf dem Schafott hingerichtet wurden, stieß der alte Vater und Bauer einen Fluch gegen den Landgrafen sowie allen Anwesenden, welche der Hinrichtung beiwohnten aus. Er rief in die Menge hinein, wobei er tief in die Augen des Landgrafen sah: „Möge jedes Jahr, um diese Zeit, ein Mädchen welches nicht so arm wie das meine ist, vom Leibhaftigen geholt werden und auf ähnlich grausame Art seinen Tod finden, wie meine Tochter und ich am heutigen Tag. Möge diese daraufhin in der Hölle schmoren, auf dass ihre Eltern ihr folgen werden und somit auch bis in alle Ewigkeit in der Hölle unter den Qualen des Teufels schmachten müssen. So möge Gott der Allmächtige mir diesen Wunsch erfüllen und sich mein Fluch erfüllen, solange bis die Liebe eines gut gestellten Mannes einer älteren sowie armen Frau ein besseres Leben ermöglicht.

Herr Gott, Du in Deiner Allgegenwärtigkeit bist mein Zeuge“.

„Dann geschah noch etwas sehr ungewöhnliches, ich möchte fast sagen, etwas sehr merkwürdig, mysteriöses. Die Flammen, welche sich nun langsam, vor der Strangulierung, ausbreiteten, verwandelten sich in ein grelles Licht, was so hell war, dass die Leute, welche diesem Spektakel beiwohnten, geblendet wurden und somit nichts mehr sehen konnten. Als der Scheiterhaufen endlich heruntergebrannt war und die Flammen langsam in ihrer Glut erloschen, war jenes grelle Licht auch verschwunden und es waren keine Überreste der Verbrannten zu sehen oder zu finden. Nicht ein Knochen, kein Zahn oder sonst etwas war zurückgeblieben. Man hätte glauben, ja wenn nicht sogar schwören können, dass hier niemals ein menschliches Wesen gebrannt hätte. Bis auf die Asche des verbrannten Holzes war nichts auffindbar“.

„Später berichteten Handelsreisende immer wieder von einem Bauernpaar, welches mit seiner Tochter, alle in weiß gekleidet, an der Grenze zur Grafschaft gesehen wurden. Sie standen einfach nur dar und winkten den reisenden zu, wobei die Tochter einen kleinen Jungen auf ihrem Arm hielt. Seit dieser Zeit geschehen in dieser Grafschaft, vielleicht nicht jedes Jahr, aber zumindest in gewissen Abständen, die merkwürdigsten Dinge, immer zur gleichen Jahreszeit. Es handelt sich um genau diese Zeit, da in diesen Tagen der Bauer und seine Tochter hingerichtet wurden. Übrigens, jener besagte Bauernhof dieser Bauern ist der des Bauern Friedrich, dessen Tochter umgekommen ist. Er soll in gewisser Linie von dem Grafen abstammen und nur wegen seines Starsinnes enterbt worden sein“.

Für eine ganze Weile schwiegen alle am Tisch. Sie hatten sogar das Essen vergessen. Endlich brach einer die Stille und fragte: „Was ist eigentlich aus dem jungen Herrn, dem Grafen geworden“? Es war Desiree die jüngere Frau der Reisegruppe. Ihre Augen waren weit aufgerissen und ihr Gesicht war von Ernst und Schrecken gezeichnet. „Der junge Herr Graf sollte in die Stadt zum Studium gebracht werden, damit er auf andere Gedanken kommt. Doch dazu kam es nicht. Am Tag, der für seine Abreise vorgesehen war, fand man ihn auf den Gang, direkt vor der Tür seines Vaters, er hatte sich an einem Haken in der Decke des Ganges aufgehängt. Sein Vater soll danach noch strenger und uneinsichtiger geworden sein. Der Begriff "Gnade" soll für ihn ein Fremdwort gewesen sein, mit dem er nichts anzufangen wusste. Als er aber drei Jahre später starb, soll er sieben Tage mit dem Tode gerungen haben. Es muss ein grausamer Tod für ihn gewesen sein".  Es wird berichtet, es soll immer wieder gerufen haben: "Nehmt diese Bauernhure und ihren teuflischen Vater von meinem Bett, sie lassen mich nicht in Frieden und ich kann ihr Lächeln nicht mehr sehen“.

Damit schloss der Wirt seine Geschichte.

„Ich schwöre Ihnen bei Gott, seither gehen hier sehr seltsame Dinge vor. Jeder aus dem Ort kennt die Geschichte, doch keiner will oder wird darüber reden. In der Nacht, so um diese Jahreszeit kann man manchmal ein Geräusch hören, welches sich wie das Heulen eines Wolfes. Man sagt es ist der Klageschrei der zurückgebliebenen Mutter und Frau dieser unglücklichen Familie“.

Währen die anderen verlegen und stumm am Tisch saßen, sagte der Inspektor mit einer teils ernsten und anderwärtig erbosten Miene: „Humbug, ich glaube nicht an solch Überirrdische Dinge. Ich verlasse mich auf das, was ich sehe, auf Fakten, da diese immer zu den Aufklärungen der Fälle führen“.

 

4. Kapitel

 

Ein Versuch um der Wahrheit wegen

 

            Auf das Essen war wohl jeden der Anwesenden am Tisch, nach dieser Geschichte, der Appetit gründlich vergangen. Mikesch der Kommissar und Helfer des Inspektors schaute auf seine Taschenuhr. Sie zeigte ihm drei Uhr nachmittags. Es war schon erstaunlich, wie schnell doch hier die Zeit verging. Heinrich, der ältere Mann der Reisenden bemerkte diesen Blick und kontrollierte seinerseits die Uhrzeit auf seiner Uhr. Beide Zeiten waren identisch.

„Ich schlage vor, ein jeder von uns begibt sich auf sein Zimmer oder unternimmt einen kleinen Spaziergang. Zumindest sollten wir etwas ausruhen und auch unseren Kopf frei bekommen. Wir könnten dann in ca. zwei Stunden noch einmal einen Erkundungsgang machen, wobei ich es begrüßen würde, wenn wir diesmal alle beisammen wären. Schließlich sehen viele Augenpaare mehr als nur zwei oder drei. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass nach all den Geschichten doch ein gewisses Unwohlsein bei den Zurückgebliebenen aufkommen würde. So wären wir alle beisammen, könnten einander aufpassen und hätten keine Angst. Zudem wäre die Möglichkeit etwas zu übersehen wäre so gut wie ausgeschlossen. Es könnte sich wirklich jeder seine eigene Meinung bilden, die wir am Ende des Tages, nach unserem Erkundungsgang, hier am Tisch beim Abendmahl und einem Krug Wein, gemeinsam auswerten könnten“. Es gab zu diesem, sehr vernünftig erscheinenden Vorschlag, keine weiteren Einwände.

Gesagt, getan, die beiden Frauen verschwanden auf ihre Zimmer um sich nach all den Anstrengungen noch ein wenig hinzulegen.

Bei den Männern verhielt sich die Situation völlig anders. Hier hatte man keine Bedürfnisse, sich ins Bett zu legen oder auszuruhen. So setzten sich die zurückgebliebenen Herrn, Tobias der Kutscher, Christopher der junge Mann der Reisegruppe, Heinrich der ältere Mann und Handelsreisende, Inspektor Doran, sein Gehilfe Kommissar Mikesch, Förster Wilhelm und Georg der Wirt jener Gaststube der Poststation, zusammen. Der große runde Tisch am Fenster war wie geeignet um den sieben Männern Platz zu gewähren. Hätte man es nicht besser gewusst, so wäre der Eindruck endstanden, dass es sich hierbei um eine gemütliche Männerrunde drehte. Doch diesen Herren stand der Sinn nach allem anderen als ein gemütliches Beisammensein. Man wollte doch nichts weiter als eine Erklärung finden, um endlich die Angelegenheit abschließen zu können. Dieser unbeabsichtigte Aufenthalt hier war inzwischen unerträglich für jeden geworden.

Georg der Gastwirt holte sieben große Krüge frisches Bier. „So, die Runde geht auf mich“, sagte er, während er die Getränke auf den massiven Holztisch stellte. „Ich glaube das haben wir uns redlich verdient“.  Darauf setzte sich der Gastwirt zu den anderen an den Tisch. „Was wissen wir eigentlich wirklich Genaues bisher in dieser Angelegenheit“? fragte der Wirt und schaute dabei in die Runde.

„Ich habe über alles Notizen angelegt, sehr gründlich und genau nach Datum und Zeitpunkt geordnet“, bemerkte Mikesch der Kommissar und schaute dabei sehr wichtig und stolz drein. Doran der Inspektor und Tobias waren eigentlich einer Meinung. „Wenn wir ehrlich sind, so müssen wir zugeben, dass wir eigentlich nichts haben. Jedenfalls nichts was man verwerten könnte um auch nur einen Schritt weiterzukommen. Wir haben zwar sehr gründliche und ordentliche Notizen von unserem Kommissar Mikesch, die uns aber auch nicht weiterhelfen, da sich darunter keine brauchbare Spur befindet. Und wir haben eine uralte Geschichte, einen Mythos über einen Fluch, von dem keiner weiß, ob er sich wirklich ereignet hat oder es sich hierbei nur um einen Aberglauben handelt. Selbst wenn sich diese Geschichte so ereignet haben sollte, so glaube ich persönlich noch lange nicht, dass diese eine solche Auswirkung haben könnte, wobei ich selbst behaupten möchte, dass derartige Vorgänge überhaupt keine Auswirkung haben. Könnte ein Fluch etwas solch Gewaltiges auslösen, und wären die Menschen imstande solche Flüche auszusprechen, so würde es wahrscheinlich schon lange keine Menschheit mehr geben“.

Man konnte direkt erkennen, wie sehr sich der Inspektor bei seiner Ausführung aufgeregt hatte. Er, der schon so viel Leid und Unrecht gesehen hatte, was stets einen realen Hintergrund besaß, sollte sich hier mit einem Aberglauben beschäftigen. Nein, das konnte nicht sein. Tobias der Kutscher war zwar mit dem Inspektor einer Meinung, was das Nichts betraf, welches sie zur Zeit hatten, jedoch räumte er bei der Geschichte mit dem Fluch ein, dass er schon vieles erlebt und gesehen hatte, was sich mit dem normalen Menschenverstand nicht hätte erklären lassen. „Ich würde meine Hände nicht für die Unglaubwürdigkeit jener Geschichte in Feuer legen, dafür habe ich auf meinen vielen Reisen zu viel merkwürdiges erlebt, und ich bin auch nicht mehr der Jüngste dem der Grünspan noch hinter den Ohren klebt“.

Georg der Wirt und Wilhelm der Förster meldeten sich fast gleichzeitig zu Wort. Dann aber führte der Wirt das Wort und Wilhelm der Förster nickte hin und wieder bejahend. „Ich lebe schon solange ich denken kann an diesem Ort. Und ich kann, so glaube ich, mit Fug und Recht behaupten, dass es hier schon immer in gewisser Weise unheimlich war. Noch vor einigen Jahren machten die Postkutschen einen großen Bogen um unser Daheim sowie den Wald. Immer wieder geschahen sehr merkwürdige Dinge, welche nie aufgeklärt wurden. Selbst die Polizei blieb, wenn sie überhaupt kam, nur für kurze Zeit um das Notwendigste zu erledigen und damit ihrer Pflicht Genüge zu tun. Dann aber reisten sie so schnell es nur ging wieder ab. Erst in den letzten Jahren beruhigte sich alles hier und wir glaubten, dass all der Spuk nun endlich ein Ende hat. Auch die Postkutschen kamen und die Poststation erwachte zum Leben. Wir konnten uns etwas aufbauen und waren voller Hoffnungen was die Zukunft betraf, und dann das jetzt. Mein Gott, ich hoffe, dass sich alles auf ganz normaler Weise aufklären wird, aber eine innere Stimme sagt mir, dass das nicht so sein wird, die alten Dämonen sind zurück“. Er schwieg. Man konnte ihm seine Verzweiflung ansehen. „Ich kann mich meinem Vorredner und dessen Ausführung nur anschließen“, sagte der Förster und begann dann auch zu schweigen.

Christopher der jüngere Mann der Reisegesellschaft und Heinrich der ältere Mann hatten bisher nur zugehört und weiter noch kein Wort gesagt. Für sie war es nicht ganz einfach. Sie mussten sich ihre eigene Meinung bilden und waren in dieser Gegend vollkommen fremd. Auf der einen Seite hatten sie den Vorteil vollkommen unbelastet und somit, von ihrer Meinung her neutral zu sein. Doch standen sie somit auch zwischen den Fronten, welche sich hier zu bilden begannen. Was wohl die beiden Damen hierzu sagen würden, fragten sie sich. Frauen sind doch in der Regel sehr realistisch. Doch die beiden weiblichen Reisenden waren auf ihre Zimmer und schliefen bestimmt ruhig und friedlich.

Während der Wirt noch eine Runde von dem Gerstensaft für jeden am Tisch, auf Kosten des Försters herbeiholte begann sich ein intensives Gespräch unter den Beteiligten zu entwickeln. Jeder der Anwesenden kannte die allgemeine Sachlage und jenen dürftigen Sachbericht auf den sich alle weiteren Schritte stützen sollten was so gut wie unmöglich erschien. Der Grund hierfür war recht einfach, man hatte ganz einfach nichts was man hätte bewerten können. So redete man während die Sonne sich erneut dem Horizont näherte um langsam den Abend anzukündigen. Keiner bemerkte die heraufziehende Dunkelheit, und damit die heraneilende Nacht.

So brach die Nacht und damit eine undurchdringbare Dunkelheit herein, als sich die Männer am Tisch noch immer intensiv unterhielten. Es hatten sich dabei zwei Lager der Meinungen gebildet. Zum einen waren hier die Alteingesessenen wie der Förster Wilhelm, Tobias der Kutscher, Doran der Inspektor, Mikesch der Kommissar und Gehilfe des Inspektors und Georg der Gastwirt und Betreiber der Poststation. Auf der anderen Seite stand die Reisegruppe welche sich aus Christopher, Heinrich und den beiden Damen Karla und Desiree, die augenblicklich nicht anwesend waren, zusammensetzte. Bis auf Doran und Mikesch, die von der hiesigen Polizei waren und aus diesem Grunde ein rationales Denken in den Vordergrund stellen mussten, was ihnen jedoch nicht ganz so leicht viel, schließlich waren sie auch in dieser Gegend aufgewachsen, bemühten sich die beiden eine neutrale Haltung in der Angelegenheit zu bewahren. Die anderen "Ureinwohner" wurden in ihren Interpretationen der Sachlage immer heftiger. Wahrscheinlich trug auch der Alkohol ein wenig hierzu bei. So tendierte die allgemeine Meinung dieser Leute, unmerklich, immer mehr in die Richtung der abergläubischen, unheimlichen Fassung was auch nicht allzu verwunderlich erschien, da für eine reale Erklärung jeder Hinweis fehlte. Auch gab es, bedingt durch das schlechte Wetter, keinerlei Spuren welche man kriminalistisch hätte auswerten können. Übrig blieb also nur der Mythos sowie jener Aberglaube. Wäre der Bauer Friedrich auch noch anwesend gewesen, so hätte dieser jene Auffassung zu einhundert Prozent unterstützt. Selbst Christopher und Heinrich mussten sich stumm und insgeheim eingestehen, dass sie mehr und mehr an diese abergläubische Variante glaubten. Mag sein, dass sie nur eine rasche Lösung herbeiführen wollten, denn schließlich hatte keiner von ihnen vor noch viel länger hier zu bleiben.

So wurde in der allgemeinen und sehr lebhaften Diskussion geredet was das Zeug hielt, die Fakten gegeneinander abgewogen und in allen Richtungen philosophiert. Nicht das man glauben könnte, es handelte sich hierbei um ein Streitgespräch, nein es war lediglich ein Meinungsaustausch welcher aus der Ohnmacht der verzweifelten Hoffnungslosigkeit entstanden war und damit, zwischendurch auch einmal heftig werden konnte, ohne dass dieses persönlich oder böse gemeint war. Letztlich fühlte sich jeder der Betroffenen hier als ein Gefangener. Die Unterhaltung unter den Männern war so intensiv, dass sie nicht einmal bemerkten, wie die beiden Frauen, Karla und Desiree die Treppe hinunter in den Gastraum kamen. „Trinken und Reden, so sind nun einmal die Männer“, bemerkte Karla etwas ironisch. „Sind die Herren denn wenigstens zu einem brauchbaren Endschluss gekommen oder tappen wir noch immer im Dunkel“? Karla sah den Männern an, dass sie sich nur ihre Köpfe heiß redeten aber zu keinem brauchbaren Ergebnis kommen würden.

„Was wäre eigentlich, wenn sich jeder von uns auf einem Blatt Papier aufschreiben würde, was er von der ganzen Angelegenheit hält und welche Vorschläge er zur Aufklärung dieser mysteriösen Angelegenheit beizusteuern hätte. Zudem brauchte keiner seinen Namen aufschreiben, so dass jenes Papier anonym ist und sich daher keiner wegen seiner Meinungen oder Vorschläge vor den Anderen zu verantworten hat. Wer natürlich zu seinem Wort stehen möchte kann dies ohne weiteres tun. Wir werden dann miteinander die Vorschläge auswerten und versuchen einen gemeinsamen Weg darin zu finden“. Desiree hatte diesen Vorschlag genau im richtigen Augenblick gemacht, gerade als die Männer dabei waren sich endgültig in einer Sackgasse festzufahren. „Ich weiß nicht wie Sie darüber denken meine Herrn, aber ich halte diese Lösung für außerordentlich vernünftig“, bemerkte der Inspektor und alle anderen gaben ihm Recht.

„Allerdings, wenn ich mir die Herren hier am Tisch so betrachte, so glaube ich, dass es wenig Sinn macht noch heute das Vorhaben in die Tat umzusetzen“, erklärte Karla, die es gewohnt war stets das Schlusswort zu ergreifen.

„Wir sollten uns daher gleich morgen in der Früh hier am Tisch einfinden um unsere Bögen, zwar gemeinsam aber dennoch geheim auszufüllen und anschließend zu bewerten“, sagte der Inspektor, der sehr froh darüber zu sein schien, endlich einen brauchbaren Vorschlag zu haben.

„So, dann wollen wir uns“, Heinrich hatte diesen Satz gerade begonnen, kam aber nicht dazu diesen auch zu beenden, da Tobias ihm im gleichen Moment in Wort viel um diesen zu beenden.

„Nachdem wir das geklärt haben, unserem Leiblichen Wohl zuwenden“, sagte Tobias ergänzend und lächelte Heinrich von der Seite her verschmitzt an.

„Eine sehr gute Idee“, bemerkte Mikesch der Kommissar, „ich weiß zwar nicht wie es Ihnen geht, ich aber für meinen Teil habe einen mordsmäßigen Hunger, ich könnte im Augenblick ein großes Schwein verspeisen“. Alle befürworteten diesen Vorschlag und ließen sich von Georg dem Gastwirt die Karte bringen, auf denen jene Speisen standen, welche für diesen Abend vorgesehen waren. Lachend und plaudernd machte man sich daran die Karte zu studieren und sich dabei recht zwanglos zu unterhalten.

Nur einer machte einen etwas geistesabwesenden Eindruck und man hörte wie er leise und bedacht langsam vor sich „< großes Schwein >“ hersagte. Es war der Inspektor, der dieses merkwürdige Verhalten plötzlich aufwies. Er sah dabei aus, als hätte er eine Erscheinung gesehen. Im gleichen Moment stand er auf, ohne den Anderen eine Erklärung dafür zu unterbreiten, ergriff seine Jacke und noch indem er die Gaststube verließ, zog er diese über.

„Der hat es aber eilig“, sagte lachend Christopher. „Vielleicht ist ihm das letzte Bier nicht bekommen“. Ohne weiter darüber nachzudenken setzte die Runde ihr gemütliches Beisammensein fort.

Der Inspektor war vor dem Gasthaus angekommen. Die Luft war rein und klar. Der Himmel war nicht bedeckt, so dass die Sterne in all ihrer Pracht funkelten und leuchteten. Wie von millionen von Diamanten übersät erschien dieser und es war eine wahre Pracht hinauf zum Firmament zu schauen. Der Inspektor sah jedoch nichts von dem. Seine Augen waren auf den Boden um das Haus gerichtet, dort wo man zuvor die merkwürdige Hufspur gesehen hatte. „Großes Schwein“, hörte man ihn immer wieder sagen. „Ein großes Schwein, doch wo ist dabei der Zusammenhang“? Ein Stück der noch vorhandenen Spur schritt der Inspektor ab und dabei geschah es. Ein unheimliches Heulen zerriss die Ruhe der sternenklaren Nacht. Es kann nicht weit vom Gasthaus entfernt gewesen sein. Nach einem kurzen Moment verstummte es, um kurz danach wieder aufzutreten. Dieser Vorgang wiederholte sich viermal, dann herrschte endgültig Ruhe.

Der Inspektor stand wie angewurzelt dar. Nicht das er Angst gehabt hätte, er stand da und überlegte. Wie bei einem Mosaik begannen sich die Teile in seinem Kopf zusammenzufügen. Noch ergab sich kein Bild, aber es schien als würde sich ein geheimnisvoller Nebel lichten. „Einzelgänger“, hörte man ihn leise zu sich selbst sagen. „Sind wir nicht alle Einzelgänger wenn wir mit unserem Gedankengut auf der Suche nach der Wahrheit sind“? Murmelte er vor sich hin. „Können sich bestimmte Zufälle wirklich so unglücklich aneinanderreihen, dass daraus eine unglaubliche Geschichte entsteht“? fragte er sich.

In seinem Kopf drehten sich die Gedanken nur so. Er fühlte, dass er der Lösung ganz nahe war und diese dennoch nicht erkennen konnte. Etwas, nur ein kleines Detail schien noch zu fehlen damit alles lückenlos aneinander passte. „Ich muss meinem Kopf etwas Ruhe gönnen und meine Gedanken etwas Erholung zukommen lassen“, sagte er zu sich selbst und kehrte zurück in die Gaststube. Als er die Räumlichkeiten wieder betrat, murmelte er noch einmal leise vor sich hin: „großes Schwein, Einzelgänger, Zufälle und Zusammentreffen, doch was fehlt“?

Als er wieder zu den anderen stieß, waren diese bereits mit ihrem Abendmahl so gut wie fertig. Die Stimmung war sehr locker und man hätte glauben können, dass es sich bei der Gesellschaft eher um einen vergnügten Ausflug handelte. Keiner sprach über die vergangenen Geschehnisse. Es war so als hätten diese nie stattgefunden.  Man lachte und war bester Dinge. Keiner der Runde am Tisch hatte etwas von den Ereignissen vor der Tür mitbekommen. So hatte man auch nicht jenes unheimliche Heulen, ganz in der Nähe wahrgenommen. Man wollte an diesem Abend einfach nur für einen Augenblick jene schrecklichen Dinge vergessen. Morgen war ja schließlich auch noch ein Tag. Da der Inspektor die Situation nicht nur sofort erkannte sondern auch volles Verständnis dafür hatte, behielt er seine Erlebnisse des Abends auch für sich und nahm bei der kleinen Gruppe am Tisch Platz. Sofort kam der Gastwirt und fragte den Inspektor, bezüglich des Abendessens, nach seinen Wünschen. Doran schaute den Wirt an und meinte darauf: „Es tut mir leid ihr gutes Essen ausschlagen zu müssen, aber ich habe wirklich keinen Hunger, zumindest nicht im Augenblick. Vielleicht wären Sie so freundlich und könnten mir ein wenig später, falls ich doch noch Hunger verspüren sollte, ein ganz einfaches Brot zur Nacht machen. Ich würde Ihnen dann aber noch vorher Bescheid sagen“.

Der Wirt schmunzelte verständnisvoll und nickte einfach dem Inspektor zu.

„Da Sie schon einmal hier bei mir sind, können Sie mir vielleicht eine Frage beantworten“.

Georg schaute den Inspektor Doran aufmerksam an und erwiderte: „wenn ich kann, sehr gern“.

Ohne den Wirt wirklich anzuschauen, stellte Doran seine Frage mehr oder weniger in den Raum.

„Gibt es hier in der Gegend seit einiger Zeit Wölfe“?

„Jetzt wo Sie es erwähnen“, sagte der Wirt bedenklich, „erinnere ich mich, von einem Jäger vor längerer Zeit etwas darüber gehört zu haben. Angeblich soll ein Wolfsrudel, nicht allzu groß, von Nordwest her in unsere Wälder gelangt sein. Dann aber bereits kurze Zeit später redete kein Mensch mehr davon. Damals wurden wohl ein paar Schafe gerissen, nur daher habe ich überhaupt davon erfahren. Aber warum fragen Sie, Sie sind doch selbst aus dieser Gegend“? „Ach, es war nur ein Gedanke“, sagte Doran. Dann aber stellte er noch eine Frage. „Was glauben Sie, könnte ein einzelner Wolf, ohne Rudel überleben“? „Wenn er alt genug und erfahren ist schon“, bestätigte der Wirt. „Es ist nicht selten, das ein altes Wolfmännchen zum Einzelgänger wurde und noch viele Jahre ohne Rudel durch die Gegend zog. Er jagte zwar nicht mehr in dem Sinne, ernährte sich aber noch immer ausreichend von kranken oder schwachen Tieren. Oft verschmähen sie noch nicht einmal bereits totes Fleisch“. Georg der Gastwirt schaute den Inspektor fast ein wenig verwirrt an, dachte sich dann aber nichts weiter bei den Fragen und ging hinüber zu den Anderen.

„Nun haben wir bereits zwei Einzelgänger“, murmelte der Inspektor nachdenklich vor sich hin. „Wenn das kein Zufall ist. Nun fehlt uns nur noch das Bindeglied. Langsam bekommt die Geschichte ein Bild vom Geschehen“. Doran lächelte zufrieden und seine Falten auf der Stirn schienen langsam zu verschwinden. Er gesellte sich wieder zu den Anderen. „Na, ein wenig frische Luft geschnappt“? Fragte Heinrich der ältere Reisende Mann. „Ich hoffe das Bier war nicht schuld daran. Ich habe gerade eine Runde von dem köstlichen Gerstensaft bestellt. Schließlich waren wir noch nie so gemütlich und relativ sorgefrei beisammen“. „Nein, keine Sorge, ich musste nur meinen Kopf von all den Gedanken etwas frei bekommen, aber nun fühle ich mich besser als bisher“. Alle am Tisch hörten zwar die Worte von Doran, aber keiner von ihnen ahnte nur im Geringsten, wie ernst der Inspektor es meinte.

An jenem Abend wurde noch so einiges getrunken und sehr viel gelacht. Man erzählte sich untereinander die unglaublichsten Geschichten wovon so mansche, bedingt durch das Bier doch hier und da, sehr übertrieben erschien. Ja so mansche Geschichte schien sogar frei erfunden, aber das interessierte in dieser Runde heute keinen mehr. Mit zunehmender Zeit wurde die kleine Gesellschaft immer lustiger. Es schien fast so, als wolle man die augenblickliche Sorglosigkeit ausgiebig feiern.

Nur der Inspektor Doran und sein Helfer, der Kommissar Mikesch hielten sich etwas zurück. Es war Mikesch nicht entgangen, dass der Inspektor sich anders verhielt als sonst. „Was ist los“, fragte der Kommissar den Inspektor. „Sie sehen fast so aus als hätten Sie eine Erleuchtung gehabt. Hat das etwas mit Ihrer vorherigen Flucht nach draußen zu tun“? Doran überlegte einen kurzen Augenblick, dann sah er Mikesch an und sagte in einem ruhigen aber bestimmenden Ton: „Ich möchte und kann noch nicht darüber reden, aber wenn es soweit ist, so verspreche ich Ihnen, werden Sie es als Erster erfahren. Aber ich habe eine Frage an Sie“, wandte sich Doran noch einmal an Mikesch: „Kennen Sie sich mit Katzen aus“? Mikesch schaute verwundert den Inspektor an. „Ja aber nur ein wenig, was man halt so weiß“. „Sind Katzen Rudeltiere, oder leben sie nur als eine Familie zusammen“? „Aus Ihren Fragen soll noch einer schlau werden“, antwortete der Kommissar. „Weder das Eine noch das Andere. Wir können auf einem Bauernhof zwar mehrere Katzen beobachten, aber sie sind dennoch Einzelgänger. Jede Katze und jeder Kater lebt sein eigenes Leben. Nur zur Paarungszeit kommen sie kurz zusammen. Ist die Paarung aber vollzogen, so trennen sie sich wieder umgehend. Sie respektieren sich zwar in der Regel, leben aber für sich allein. Wäre vielleicht für mansch eine menschliche Beziehung auch die beste Lösung“, sagte Mikesch noch dazu wobei er über seinen eigenen Witz lachte. „Der dritte Einzelgänger“. Doran sein Lächeln wurde noch intensiver, was Mikesch nun überhaupt nicht mehr verstehen konnte. So schüttelte er nur den Kopf und begab sich zurück zu jener lustigen Gesellschaft.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als der Wirt den Vorschlag machte zu Bett zu gehen und sich noch ein wenig Schlaf zu gönnen bevor der neue Tag anbrach. Dagegen gab es nichts einzuwenden. Ohne jeden Einspruch begaben sich die Leute der kleinen Gruppe zu Bett. Es sollte auch nicht lange dauern und Ruhe trat in dem Gasthaus ein.

Georg der Wirt räumte noch die Gaststube auf und Doran der Inspektor ging noch einen kleinen Augenblick vor die Tür um seinem Laster zu frönen. Er stopfte sich seine Pfeife und zündete sie sich genüsslich an. Während er den Rauch in den Abendhimmel hauchte, sagte er leise zu sich selbst: „Drei Einzelgänger, ein kleines Mädchen ohne Mutter was jetzt auch Tod ist und ein Bauer, der nun alles verloren hat. Wie viel mag ein Mensch wohl übersehen, was in Wirklichkeit zusammengehört. Auch wenn die Dinge oft so traurig sind, dass wir gern wegschauen würden, so müssen wir, der Wahrheit wegen, doch hinsehen“. Doran rauchte seine Pfeife in einer vollkommenen inneren Ruhe. Gedankenverloren schaute er dem ausgehauchten Rauch nach, wie sich dieser im Nachthimmel auflöste. "Nichts ist so wie es scheint", dachte er dabei. Der Rauch scheint sich in Nichts aufzulösen, in Wahrheit ist er aber noch vorhanden und wird es auch immer sein. Nur da er seine Struktur verändert hat und daher für unser Auge nicht mehr sichtbar erscheint, hat dies noch lange nichts zu bedeuten. Sind wir nicht alle ohnehin blind für die Wahrheit?  Darauf löschte er die Pfeife und begab sich auch auf sein Zimmer. An diesem Abend sah er sehr zufrieden aus. In dieser Nacht schlief der Inspektor so ruhig wie schon lange nicht mehr. Er wusste, dass er die Antwort eigentlich schon kannte, sie nur noch nicht erkennen konnte, aber dies war nur noch eine Frage der Zeit.

 

5. Kapitel

 

Ein neuer Tag mit neuen Erkenntnissen

 

               Die ersten Sonnenstrahlen des beginnenden Tages konnten nichts an der Tatsache ändern, dass sich die meisten der kleinen Gesellschaft des Vortages nicht ganz beschwerdefrei fühlten. Dafür gab es jedoch eine einfache Erklärung welche in den Feierlichkeiten jenes Abends zu suchen waren. Allein der Inspektor sowie auch der Kommissar erwachten frisch und ausgeruht.

Es war so gegen acht Uhr morgens, Georg der Wirt hatte bereits den Frühstückstisch gedeckt und es roch verführerisch nach Kaffee. Als erster betrat Doran der Inspektor den Gastraum. „Einen schönen guten Morgen wünsche ich“, nickte er dem Wirt zu. „Dies war wirklich einmal eine erholsame Nacht“, erklärte er und lächelte dabei zufrieden. „Ich werde heute Morgen nur eine Tasse Kaffee nehmen, da ich am Vormittag noch einiges vorhabe“, gab er dem Gastwirt zu verstehen. Dann setzte er sich an den Tisch und genoss seinen Kaffee. Er war dabei sehr in seinen Gedanken versunken. Kurz nach dem Inspektor erschien der Kommissar. Auch er sah erholt und frisch aus. Er setzte sich mit einer kurzen Begrüßung zu Doran an den Tisch.

Nach und nach erschienen auch die anderen der Gruppe. Sie machten allerdings nicht den entspannten und erholten Eindruck wie der Doran und Mikesch, was auch verständlich erschien. Eine halbe Stunde später war die gesamte Runde am Tisch versammelt. Doran der Inspektor hatte seinen Kaffee bereits ausgetrunken und stand auf.   „Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, da ich jetzt aufbrechen werde. Es gibt da noch einiges was zu klären wäre. Ich hoffe Sie nehmen mir meinen so kurzfristigen Aufbruch nicht übel, aber es dient wirklich nur unser aller Wohl“. Damit verließ er die Gaststube.

Die Zurückbleibenden redeten über alles Mögliche, unter anderem auch über das recht merkwürdige und geheimnisvolle Verhalten des Inspektors. Aber mehr oder weniger war alles nur leeres Gerede. Man aß und trank von dem reichlichen Frühstück.

Die Luft war erfrischend und beflügelte nicht nur die Schritte sondern auch die Laune von Doran, als er sich auf den langen Fußweg zu dem Bauern Friedrich machte. Der Himmel war blau, doch zeichneten sich bereits einige kleine Wolken ab, die zum Nachmittag Regen vermuten ließen. Doran war wie in eine andere Welt oder Zeit versetzt. So fiel ihm seine Schulzeit wieder ein. Was hatte man doch nicht alles gelernt wovon man dachte, dass man dies niemals wieder brauchen würde. Und jetzt, jetzt kam ihm gerade eine solche Kleinigkeit zu Nutze. Hatte er nicht in dem langweiligen Naturkundeunterricht erfahren, das es bei Rudeltieren dazu kommen kann, dass ein männliches Tier welches zu alt geworden war und nicht mehr seine Herde anführen konnte, sich absonderte und zum Einzelgänger wurde. Diese Einzelgänger waren besonders gefährlich da sie in der Regel sehr aggressiv waren. Hinzu kam noch die Tatsache, dass diese Tiere nicht selten ungewöhnlich groß und von übermächtiger Stärke waren. Dies war darauf zurückzuführen, dass sie ihr Leben ganz allein bestreiten mussten. Sie mussten allein für ihre Nahrung sorgen und waren auch ganz allein und einzig auf sich gestellt, mit den alltäglichen Gefahren welche sie sonst im Rudel bewältigten. „Ja, Einzelgänger sind schon etwas Besonderes. Aber wer kommt schon auf das Naheliegenste“. Doran sprach mit sich selbst. „Es stellt auch keine Seltenheit dar, dass Wölfe als Einzelgänger umherziehen. Auch sie unterliegen dem gleichen Muster. Aber eine Katze? Da liegt es in der Natur. Wie passt diese in das Chema“? Doran murmelte vor sich her, als hätte er Angst, dass seine These sich nicht bestätigen könnte.

„Und dann der Vater der Kleinen. Traurig, er hat wirklich alles verloren was man verlieren kann“, murmelte er weiter. „So betrachtet ist er auch ein Einzelgänger geworden. Doch wie verhält sich ein Mensch als Einzelgänger“? Doran überlegte lange, aber er kannte keinen von dem er hätte behaupten können ein Einzelgänger zu sein, obwohl er doch die merkwürdigsten Menschen kannte. So verging die Zeit und der Inspektor hatte sich, ohne es zu bemerken, bis auf wenige Minuten dem Bauernhof des Friedrich genähert. Es war ein schöner und ansehnlicher Hof. Er lag auf einer kleinen Wiese, umgeben von Wäldern und Weiden. Das Haus selbst war zwar alt, machte aber einen gut gepflegten Eindruck. Erstaunlich was ein einzelner Mann so alles leisten kann wenn er vom Schicksal dazu gezwungen wird, dachte sich der Inspektor, als er sich dem Hof näherte.

Friedrich der Bauer musste Doran bereits gesehen haben, denn als dieser sich über die Wiese dem Hof näher kam trat Friedrich vor die Tür seines Hauses. „Was verschafft mir die Ehre, dass sich der Inspektor persönlich hier heraus begibt“? Begrüßte ihn der Bauer und man konnte ihm ansehen, dass er eine unglaublich schwere Zeit durchmachte. Aus seinem Gesicht war jegliche Lebensfreude und jeder Lebensmut gewichen. Tiefe Falten durchfurchten sein Gesicht und seine Augen blickten blass und trüb Doran an. Es schien fast, als hätte er bereits alle Tränenflüssigkeit, welche er jemals besaß geweint. Er erschien dem Inspektor wie eine leere Hülle. Es war deutlich ersichtlich, dass er sich sehr bemühte freundlich dem Inspektor zu begegnen, was allerdings nur auf eine minderwertige Höflichkeitsfloskel hinauslief. „Kann ich Sie für einen Augenblick stören und Ihnen einige Fragen stellen, die mir doch sehr wichtig erscheinen“, fragte der Inspektor indem er auf den Bauern zuschritt. „Aber selbstverständlich, wenn ich Ihnen damit helfen kann gern“ erwiderte der Bauer und lies Doran ins Haus eintreten.

Drinnen war es ebenso gemütlich wie draußen. Das ganze Haus machte auf den Inspektor einen sehr anheimelnden Eindruck. Er konnte nicht verstehen, dass sich hier ein Fluch ereignet haben sollte, der darüber hinaus noch immer seine Wirkung hat. Auf was die Menschen doch alles kommen, wenn sie es nicht besser wissen, dachte er sich. Als dann folgte er der Aufforderung des Bauern und setzte sich an den Tisch welcher sich im Eingangsraum befand, der gleichzeitig als Küche genutzt wurde.

Friedrich kam mit einem Krug und zwei Becher einher. „Hier, es ist der beste Süßmost den Sie je getrunken haben. Das Beste gegen einen beschwerlichen Aufstieg“. Er goss die zwei Becher voll und beide tranken erst einmal einen guten Schluck von dem erfrischenden Getränk. „Bei Gott, Sie haben wahrlich nicht übertrieben“, bemerkte der Inspektor. „Ja, warum ich Sie aufsuche, es ist nicht einfach zu erklären. Eigentlich ist es nur eine Vermutung welche mir spontan eingefallen ist und mir aber für eine Überzeugung noch einige Fragen im Kopf herumschwirren deren Antwort ich nicht kenne aber mir zumindest einen kleinen Teil von Ihnen erhoffe“. Der Inspektor holte erst einmal tief Luft, hatte er doch diese Ansprache ohne Unterbrechung dargestellt. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich weiß was Ihnen widerfahren ist und ich kann mir nicht einmal annähernd den Schmerz eines solchen Verlustes vorstellen. Daher könnte ich es Ihnen auch nicht verübeln wenn Sie mich, meiner Fragen wegen, hinauswerfen würden. Aber ich muss einfach fragen, ich muss die Wahrheit herausbekommen und sei es nur um dass alle ihre Ruhe finden. Bitte verstehen Sie, es ist nun einmal mein Job und dieser bedeutet mir alles. Ich will einfach nur helfen und der Gerechtigkeit Genüge tun“. Er selbst hatte es wieder nicht einmal bemerkt, aber wieder hatte Doran ohne Unterbrechung, ohne Punkt und Komma gesprochen. Nun musste sogar der Bauer, trotz seiner Trauer, ein klein wenig lächeln. Es war als würde ein Sonnenstrahl über sein Gesicht huschen. Leider verblaste der Sonnenstrahl auch sofort wieder. „Kommen Sie einfach zur Sache und machen Sie es sich nicht unnötig schwer Herr Inspektor, ich bin auf alles vorbereitet und noch mehr kann man mir nicht wehtun“. Friedrich schaute Doran traurig aber auch verständnisvoll an. „Haben Sie in dieser Gegend in letzter Zeit ein Wildschweinkeiler als Einzelgänger bemerkt“, fragte Doran den Bauern und fuhr gleich fort, ohne die Antwort abzuwarten. „Er müsste um gut die Hälfte grösser sein als ein normaler Keiler“. Friedrich nickte zustimmend und berichtete: „Ja, von einem solchen Urviech habe ich gehört. Ich selbst habe ihn nicht zu Gesicht bekommen, aber unter den Jägern geht das Gerücht um, dass ein solcher Keiler einen Jäger fast aufgebracht hätte. Bisher hat man diese Geschichte jedoch eher für Jägerlatein gehalten, aber jetzt wo Sie fragen, wenn es diesen Keiler wirklich geben sollte, dann treibt er sich hier in unseren Wäldern herum und müsste sehr gefährlich sein. Ich möchte ihm nicht begegnen. Vor bereits längerer Zeit gab es hier eine Wildschweinrotte, die jedoch schon lange weitergezogen ist. Vielleicht ist dieser Keiler von dieser Rotte übrig und als einziger hier geblieben. Wenn das stimmt, dann muss es sich um ein mächtiges Tier handeln“.

Doran seine Augen weiteten sich und begannen in gewisser Weise zu funkeln. „Sie glauben nicht wie sehr ich über Ihren Bericht erfreut bin, er stellt für mich so etwas wie einen Schlüssel von insgesamt vier Schlössern dar. Vier Schlösser um jene Tür zu öffnen, hinter der sich die Lösung des Geheimnisses verbirgt. Mit diesem einen Schlüssel sind wir bereits ein kleines Stück der Wahrheit näher gekommen“. „Nun habe ich noch eine Frage“, beteuerte der Inspektor. „Ich wage es gar nicht zu hoffen, dass Sie mir diese auch beantworten können“. Doran machte eine kurze Pause und trank einen Schluck von dem köstlichen Süßmost. Sein Mund war vor Aufregung wie ausgetrocknet. „Sagen Sie, gibt es hier vielleicht auch Wölfe“? Sein Gesicht machte fast einen ängstlichen Eindruck, nicht vor den Wölfen sondern vor der Antwort. „Nein, Wölfe gab es früher einmal in dieser Region, aber dann begannen sie die Schafe zu reißen. Daraufhin hat man einige abgeschossen, die anderen sind dann wohl von allein weitergezogen“, erklärte der Bauer dem Inspektor. Man konnte deutlich eine gewisse Endtäuschung in den Augen von Doran erblicken, aber dennoch fragte er: „Ich kann mich irren, aber ich glaube letzte Nacht das Heulen eines Wolfes gehört zu haben“.

Friedrich überlegte und auf seine Stirn traten schlagartig eine Vielfalt an Falten auf.

„Komisch ich erinnere mich, in der Nacht des Unglücks glaubte ich auch etwas gehört zu haben was man als Wolfsgeheule hätte deuten können. Es war nur sehr weit entfernt und so glaubte ich, dass ich mich geirrt hatte. Ich würde dies auch jetzt noch nicht beschwören können. Gesehen habe ich jedenfalls keinen und ich kenne auch niemanden der einen bemerkt oder gar zu Gesicht bekommen hätte“. Diese Aussage baute die Hoffnung des Inspektors wieder ein wenig auf. Er glaubte nämlich nicht, dass er sich geirrt hatte. Er wusste was er gehört hatte und das war eindeutig ein Wolf. Er wollte jedoch nicht weiter mit dieser Frage den Bauern Friedrich belästigen.

„Ich bin mir durchaus im Klaren, dass ich Ihnen mit der nächsten Frage sehr wehtun werde. Umso mehr hoffe ich, dass Sie mir meine Dreistigkeit verzeihen. Was bedeutete Ihrer Tochter die Katze“? Doran fragte so vorsichtig wie er nur konnte. Er schaute den Bauern genau an und beobachtete jede seiner Gesten. Der Bauer wurde wie mit einem Schlag Leichenblass. Seine Augen wurden Feucht und es fiel ihm sehr schwer die Kontrolle über seine Trauer zu bewahren. „Als meine Frau von uns gegangen war und ich mit meiner kleinen Tochter plötzlich ganz allein war, brach für mich eine Welt zusammen, das können Sie mir glauben. Es ist erstaunlich an was sich der Mensch in seiner tiefen Trauer alles klammert. Als meine Tochter begann Fragen zu stellen erzählte ich ihr irgendwann, dass die Mama nicht wirklich gegangen ist und dass sie in der Katze weiterlebte und mein kleines Mädchen immer beschützen wird. Was sollte ich denn machen? Und ob sie es glauben oder nicht, nach einer Weile habe sogar ich selbst diese Geschichte geglaubt. Sie hätten sehen sollen, wie sehr die zwei miteinander verbunden waren. Man hätte glauben können, dass die eine die andere versteht. Da wo meine kleine war, da war auch die Katze. Seit Stunde an waren die beiden unzertrennlich. Aber warum fragen Sie“?

Der Bauer schaute etwas erstaunt drein. Dann sagte er mit einem sehr traurigen Unterton: „so war es ja auch bis zuletzt gewesen. Manchmal, wenn ich am Abend nicht einschlafen kann, dann glaube ich meine kleine Tochter und ihre Katze am Himmel, zwischen den Sternen zu sehen und glaube meine Frau sagen zu hören: „Sei nicht traurig, wir werden immer bei Dir sein, bis Du eines Tages bei uns bist und wir wieder ganz vereint sind“.

„Mein Gott, warum quält er mich so? Warum darf ich noch nicht zu meiner Frau und meiner kleinen Tochter mit ihrer Katze. Ich habe nur noch einen Wusch, ich möchte so gern zu meiner Familie, sie war alles was ich je hatte und für was es sich zu Leben gelohnt hat. Herr Gott, bitte erfüll mir doch nur diesen einen Wunsch“.

Es zerriss dem Inspektor förmlich das Herz. Er hatte mit Sicherheit schon viel gesehen und war auf diese Weise ein harter Hund geworden den nichts so schnell beeindrucken konnte, aber hier waren alle Grenzen überschritten. Einen solch gebrochenen Mann hatte er zuvor noch nicht zu sehen bekommen. Fast wünschte er sich, Gott würde ihn hören und ihm seine Bitte erfüllen, aber dann schämte er sich für jene Gedanken da er glaubte, nicht das Recht zu solchem Denken zu haben.

Doran wusste jedoch, dass sich die Fragestunde hiermit erledigt hatte. Sicher, er hätte noch einige Fragen an den Bauern gehabt, aber man muss auch die Menschen und ihre Gefühle respektieren und dieser Mann war eindeutig am Ende aller seiner Kräfte. So stand er vom Tisch auf, ging auf den Mann zu und ohne darüber nachzudenken, umarmte er ihn ganz fest und sagte leise zu ihm: „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie wieder glücklich mit Ihrer Familie vereint sind und niemand mehr diesen Frieden stören kann, wenn Gott es für die rechte Zeit hält. Sie sollten auf Ihren Glauben vertrauen. Wir verstehen noch nicht einmal ein Quäntchen, aber es hat alles seinen Sinn und der Schmerz wird sich zum Glück wenden wenn der Herr es für angebracht hält. Zudem bin ich fest davon überzeugt, dass Ihre Familie bei Ihnen ist, heut und für alle Ewigkeit“. Der Inspektor spürte wie die Tränen dem Mann über die Wangen liefen. Er hielt ihn bei den Schultern und küsste ihn auf die Stirn. „Sie sind ein außergewöhnlicher Mann, ich habe große Hochachtung vor Ihnen“, dann drehte er sich um und sagte noch beim gehen, „wir sehen uns noch“.

Sehr langsam ging er vom Bauernhof zurück. Er hatte plötzlich das Gefühl als hätte er alle Zeit der Welt. Doran begann plötzlich über sein eigenes Leben nachzudenken. Was war in diesem Leben wirklich so wichtig, dass man all die schönen und wertvollen Dinge vergessen oder übersehen konnte. War das Leben nicht selbst das größte Wunder? Und wir, die jene Gnade haben an einem solchen Wunder teilzunehmen, bemerken es überhaupt nicht und eilen unwichtigen, banalen Dingen hinterher. Für einen kleinen Augenblick hätte er sich fast vorgenommen, sein Leben ab sofort gründlich zu ändern. Doch der Realität kann man nicht entkommen, auch nicht in so einer emotionalen Situation. Er selbst hatte in seinem Leben viel verloren und es nicht immer gerade leicht gehabt, aber in Anbetracht der Geschichte dieses Mannes war er ein glücklicher Mensch und dafür war er in diesem Augenblick sehr dankbar. Sein Schritt wurde ruhig und nachdenklich langsam. Er genoss förmlich den Weg zurück zur Poststation. Es schien fast so als würde er befürchten, er könnte die Schönheiten am Wegesrand, ja der gesamten Umgebung nicht sehen.

Dann, mit einem Mal, was immer auch diese Erkenntnis ausgelöst hatte, war er wieder mit seinen Gedanken bei jenem mysteriösen Fall. Wie ein Schleier, der von seinen Augen fiel, wurde ihm der Werdegang bewusst. Zuerst blieb er stehen als könne er es selbst nicht glauben. Sollte es wirklich so einfach sein? Doran setzte sich auf einen Baumstamm der am Wegesrand lag und dachte nach während er sich seine Pfeife stopfte sie anzündete und einen tiefen, genüsslichen Zug nahm. Während er den Rauch in die Luft blies ging er die gesamte Geschichte noch einmal in seinem Kopf durch. Es war als liefe ein Film vor seinen Augen ab. Warum der Inspektor nicht schon früher darauf gekommen war ist einfach zu erklären. Es handelte sich um eine Verknüpfung von sogenannten unglücklichen Zufällen, welche allein und ohne Zusammenhang keine besondere Bedeutung gehabt hätten. Chaostheorie, die einzelnen Dinge ergeben bei ihrer Betrachtung keinen Sinn, aber mit der Zeit ordnen sie sich zu einem zusammenhängenden Muster welches einen ganz bestimmten Sinn und Zweck erfüllt. Genauso verlief es hier.

Anhand der Aussagen von den Beteiligten und den anfangs übersehenden Tatsachen ging der Inspektor noch einmal zu jenem Zeitpunkt zurück, an dem sich jene Ereignisse begaben und dann plötzlich überschlugen. Da war zuerst der Unfall der Kutsche, welcher dafür sorgte, dass man nicht weiterfahren konnte. Mach versuchte das Beste aus der Situation zu machen, was den Beteiligten im Angesicht der schlechten Wetterlage auch hervorragend gelang. Man wollte auf den nächsten Morgen warten und plante, wie man den Rest der Nacht in dieser Situation verbringen würde. Ein Teil der Reisenden sollten in der aufgerichteten Kutsche Schutz suchen und ein wenig versuchen zu schlafen. Was die beiden Männer und den Kutscher betraf, so wollten diese im Wechsel Wache halten. Dazu wurde ein Feuer angezündet um sich zu wärmen und auch mögliche wilde Tiere abzuhalten. Zudem hatte man auch Waffen, welche man auch bereit war im Notfall einzusetzen. Alles war soweit vorzüglich geplant bis zu dem Augenblick, indem alle von einem ungewöhnlichen Geräusch geweckt wurden. Hinzu kam, dass der Kutscher zuerst verschwunden war, was sich allerdings im Nachhinein aufklärte. In all dem Anfänglichen Durcheinander erschien etwas sehr wichtiges als unwichtig und wurde deshalb nicht von den Betroffenen so recht wahrgenommen. Es handelte sich hierbei um das Heulen eines Wolfes. Zwar war dieses Heulen in einer größeren Entfernung zu vernehmen, aber es war der erste Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis. Hinzu kamen jene drei Wesen die davonliefen. Auch diese nehmen hierbei eine bedeutende Schlüsselrolle ein. Die Tatsache, dass der Boden aufgewühlt war, abgesehen von dem Blut, zu dem wir noch später kommen, waren dort bestimmte Spuren sichtbar, welche zwar, bedingt durch den Regen nicht deutlich zu bestimmen waren, aber es sich hierbei mit ziemlicher Sicherheit um die Abdrücke von Wildschweinen handelte, obwohl behauptet wurde, es wären die Spuren des Leibhaftigen gewesen. Gehen wir von einem Einzelgänger aus, so bleiben die zwei anderen Wesen ein Rätsel. Dies kann zum Einen daran liegen, dass in einer solchen Situation der Mensch oftmals zur Übertreibung neigt. Genauso gut ist es aber auch möglich, dass sich dem Keiler als Einzelgänger im Laufe der Zeit doch zwei Weibchen angeschlossen hatten. Wie dem auch sei, hier war der zweite Schlüssel zu Geheimnis verborgen, der nur der Aufregung und Phantasie wegen falsch gedeutet wurde und somit die Wahrheit verfälschte.

Damit kommen wir zu dem tragischen Zwischenfall, welcher dem Bauern Friedrich wiederfahren ist. Hierbei ist die Angelegenheit schon etwas komplizierter. Um diese Ereignisse zu verstehen müssen wir uns die gesamte Geschichte des Bauern noch einmal vor Augen führen.

Da war also eine glückliche Familie, die einen Bauernhof seit vielen Generationen betrieb. Das Schicksal verschonte den Bauern jedoch nicht mit seiner Härte. Es nahm ihm seine Frau. Nicht nur das er mit einem Schlag allein mit seiner Tochter war und mit seiner Trauer allein fertig werden musste, wurde dem Hof auch noch ein Fluch nachgesagt, was zur Folge hatte, dass die Dorfgemeinschaft, zwar nicht direkt, aber indirekt diesen Mann aus der Gemeinschaft ausschloss. In seiner Einsamkeit und allein mit seiner Tochter versuchte er diese über den Verlust der Mutter mit der Geschichte hinwegzutrösten, dass diese in der Katze der kleinen Tochter weiterlebte und somit immer bei ihr war. Zumindest war auf diese Weise die Tochter getröstet. Friedrich der Bauer musste mit seinem Leid jedoch ganz allein fertig werden. Auf die Hilfe der Gemeinde konnte er nicht hoffen, da er sich selbst auch, bedingt durch den Schmerz und den Kummer sehr stark verändert hatte. Was konnten ihm auch die Anderen bei seinem Leid helfen, sie konnten seine Frau nicht ersetzen und von guten Ratschlägen hatte er genug. So wurde auch er zu einem gewissen Einzelgänger und einer weiteren Schlüsselfigur ohne es selbst zu ahnen.

Alle Teile des Mosaikes waren beieinander. Nur wie sie richtig in der bestimmten Reihenfolge angeordnet werden sollten, war dem Inspektor noch nicht so ganz klar. Aber dem allen zum Trotz, er wusste, dass er auf dem rechten Weg war, er konnte die Erklärung fühlen. Mit diesem Gefühl einer tiefen Befriedigung zog er noch einmal genüsslich an seiner Pfeife. Dann stand er auf um seinen Heimweg fortzusetzen. Voller Selbstvertrauen, die Pfeife im Mundwinkel und festen Schrittes eilte er dem Gasthof entgegen.

Das Blau des Himmelshatte sich derweil hinter dunklen Wolken versteckt, die nichts Gutes erwarten ließen. Auch war ein kühler Wind aufgekommen und Nebel erhob sich vom Boden des Waldes. Doran beschleunigte seinen Schritt noch ein wenig um noch vor dem drohenden Unwetter die Poststation zu erreichen.

Als er sich unter den gegebenen Umständen den Wald etwas genauer betrachtete, wurde ihm klar, dass jeglicher Aberglaube hier seine Wurzeln finden würde. Für einen kurzen Moment hielt er an, stellte sich unter einen Baum um seine Pfeife auszuklopfen. Genau in diesem Augenblick, als wäre es ein Wink des Himmels, huschte eine kleine Feldmaus, direkt vor seinen Füßen über den Weg. Kein anderer hätte diesem Ereignis auch nur die geringste Bedeutung zugemessen. Doran, der Inspektor war darin jedoch ganz anders. Noch während er der kleinen Maus hinter herschaute, sagte er zu sich selbst: „Katzen fressen Mäuse. Sie werden von ihnen gejagt und bei beiden handelt es sich in der Regel um Nachtaktive Tiere“.

Wieder einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Die Katze der kleinen Bauerstochter hat sich auf ihre nächtliche Jagt begeben. Aus einem unersichtlichen Grund muss das Mädchen erwacht sein und konnte die Katze nicht vorfinden. Da es von der Tatsache der Aussage des Vaters überzeugt davon war, dass ihre Mutter in jener Katze weiterlebte, machte sie sich sorgen um das Tier. Als dieses selbst nach einigen Rufen nicht kam, konnte sich das Mädchen nicht erklären, dass in diesem Fall ihre Mutter sie so ganz allein gelassen hatte. So lag der Verdacht nahe, dass etwas passiert sein könnte. Ein fataler Gedanke, der sehr schwerwiegende Folgen haben sollte. Das Mädchen in ihrer Angst suchte erst im ganzen Haus nach ihrer Katze. Als sie diese dort nicht finden konnte, begab sie sich nach draußen. Auf ihrer Suche begab sie sich immer tiefer in den Wald. Sie rief weiterhin nach ihrer Katze, als sie plötzlich ein lautes Geschrei hörte, welches dem eines kleinen Kindes glich. Sie war in diesem Augenblick steif vor Schreck. Der Schrei wiederholte sich noch zwei oder dreimal. Dann wurde es wieder still. Als das kleine Mädchen in jene Richtung rannte, aus der es dieses Schreien vernommen hatte hörte sie noch das Heulen eines Wolfes. Es kam ganz aus der Nähe. Obwohl die Furcht der Kleinen unermesslich groß war, trieben sie die Sorgen um ihre Geliebte Katze, gleich Mutter, weiter an. Sie lief tief in das Dickicht hinein und gelangte an jene Stelle, die später der Kutscher aufgesucht hatte und den grausigen Fund entdeckte. Als sich das Mädchen einem Buch im Unterholz näherte erwartete sie ein grauenvoller Anblick. Ein mächtiges, fast übergroßes Wildschwein hatte die Katze gestellt und schleuderte den bereits leblosen Körper durch die Luft. Die Kleine war wie in Trance, sie konnte nicht glauben, dass die Katze tot war und somit ihre Mutter sie erneut verlassen hatte. Sie musste irgendetwas tun, und so begab sie sich laut schreiend auf jenes Ungeheuer von Wildschwein zu. Diese schien in diesem Augenblick ebenso erschrocken wie das Kind zu sein und folgte seinem Fluchtinstinkt. Wieder heulte der Wolf. Diesmal um einiges näher. Es war, als hätte er die ganze Zeit das Geschehen beobachtet und nur auf seine Chance gewartet. Das Mädchen aber beachtete jenes drohende Heulen nicht. Sie hatte nur noch Augen für ihre Katze. Langsam begab sie sich auf das sehr übel zugerichtete Kadaver zu, nahm es in ihre kleinen Arme um es Heimzutragen. In diesem Moment sah der Wolf, der sich in dieser Zeit dicht herangeschlichen hatte, seine Gelegenheit. Mit einem Satz stand er vor dem Mädchen. Diese stand starr wie hypnotisiert dar. Der Geruch des Blutes der Katze machte den Wolf noch wilder. Er war ein Einzelgänger und schon von beträchtlichem Alter. Sicherlich hatte er bereits seit Tagen keine Nahrung mehr zu sich genommen und war so ausgehungert, dass er jegliche Angst verloren hatte. Ihm ging es einzig ums nackte überleben. Langsam, den Kopf zu Angriff gesenkt, näherte er sich seiner Beute. Dann geschah alles sehr schnell. Mit einem letzten Sprung war er bei dem Mädchen, was keinen Widerstand leistete. Es ist sogar anzuzweifeln, dass es überhaupt von all dem etwas mitbekommen hatte. Der Wolf biss mit einem einzigen Ansatz in die Kehle der Kleinen. Wahrscheinlich trennte er dabei sogar ihr Genick durch. Sie muss sofort tot gewesen sein. Gierig vor Hunger folgte er seinem Instinkt und begann das Kind zu zerreißen. Dabei verschlang er einige Körperteile sehr eilig. In diesem Augenblich muss er jedoch von Tobias dem Kutscher gestört worden sein. Dieser konnte allerdings nichts in der Dunkelheit erkennen, was unter Umständen sogar sein Glück war, da er aus diesem Grund umkehrte. Der Wolf unternahm zwar noch den Versuch, seine Beute zu verschleppen, kam aber aufgrund seiner geschwächten Lage nicht sehr weit damit und musste diese zurücklassen. 

Als am nächsten Morgen Tobias der Kutscher zusammen mit Heinrich dem älteren Mann der Reisenden zurück an jenen Ort gingen von wo aus sie die merkwürdigen Geräusche gehört hatten, fanden Sie nur die Spuren des Kampfes und jene Rückstände die sich als die Katze herausstellten. Das Mädchen des Bauern fand man erst später, dort wo der Wolf sie zurückgelassen hatte. Es gab zwar noch keinerlei Beweise für diese Interpretation, aber auf diese Weise ergab die ganze Geschichte einen durchaus möglichen Sinn.

Doran, ein Mann der sonst von Natur aus eher ruhig und bedacht war, verspürte eine große innere Unruhe. Wenn sich sein Verdacht bestätigen würde, könnte man den Fall abschließen. So legte er in seinem Tempo noch einen Schritt zu um so schnell wie nur möglich die Poststation und deren Gasthof zu erreichen. Es lag ihm sehr viel daran, den anderen von seinen Erkenntnissen zu berichten. Sie mussten einfach seiner Meinung sein, da die Angelegenheit und ihr Tatbestand eindeutig waren und eine andere Möglichkeit außer weiteren Verwirrungen keine klare Logik zu bieten hatte.

 

6. Kapitel

 

Ein Bericht und verschiedene Meinungen

 

            Völlig außer Atem erreichte der Inspektor den Gasthof. Es war ungefähr elf Uhr Vormittags und in der Gaststube war man gerade dabei sein Frühstücksmal zu Beenden. Alle sprachen durcheinander und es herrschte eine heftige Diskussion, da die Geschehnisse noch immer das Thema Nummer eins waren. Jeder der Anwesenden wollte seine Meinung zum Ausdruck bringen und somit unbedingt zur Lösung mit beitragen.

Doran der Inspektor betrat die sonst so gemütliche Gaststube und schaute sich suchend nach seinem Kommissar Mikesch um. Er entdeckte diesen in Mitten der betroffenen Gruppe. Nachdem er sich so unauffällig wie nur möglich bei Mikesch bemerkbar gemacht hatte, gab er diesem ein Zeichen, um ihn vor die Tür zu bitten. Er wollte zuerst allein mit Mikesch über seine Spekulationen sprechen, da er selbst nicht ganz von einer gewissen Unsicherheit befreit war. Die beiden Männer sprachen sehr lange und ausgiebig miteinander. Man versuchte wirklich keine Möglichkeit auszulassen, welche der Aufklärung dienlich oder in deren Sinne widersprüchlich sein könnte. Nach einer Weile jedoch waren der Inspektor und sein Kommissar einer Meinung. Es konnte sich nur so, oder mit einigen unwesentlichen Abweichungen, abgespielt haben. Alles deutete auf einen derartigen Tathergang hin.

So betraten die beiden wieder die Gaststube. Alle Augenpaare der Betroffenen waren einzig auf die beiden Männer gerichtet. Man hatte bemerkt, dass der Inspektor zurückgekommen war und Mikesch, den Kommissar zu sich herausgebeten hatte. Was hatten die beiden so wichtiges zu besprechen? Hatten sie etwa die Lösung des Mysteriums gefunden? Der Raum sprühte förmlich vor Spannung, und hätte das leiseste Geräusch wahrnehmen können, da jeder vor Erwartung die Luft anzuhalten schien. Wie auf ein Stichwort begannen dann plötzlich alle mit einmal zu reden. Fragen über Fragen durchdrangen nun die Stille des Raumes. Der Inspektor blieb dabei ganz ruhig. Er hob nur kurz die Hand mit einer Geste, dass sich die Anwesenden doch etwas Gedulden möchten. Dann setzte er sich gemeinsam mit Mikesch an den großen Tisch. Die beiden Beamten bestellten sich zuerst ein frisches Bier. Als der Wirt Georg ihnen dieses gebracht hatte, tranken beide, fast gleichzeitig, einen kräftigen Zug davon. Man konnte ihnen ansehen, wie sehr es ihnen mundete. „Nach einem so anstrengenden wie auch erfolgreichen Vormittag gibt es nichts Besseres zur Erfrischung und Entspannung wie ein gut gezapftes Bier“, bemerkte Doran. „Wie ich sehen kann, gibt es hier sehr viele Menschen die auf eine Erklärung von mir warten. So will ich Sie auch nicht weiter auf die Folter spannen und Ihnen meinen Bericht unterbreiten“. Bei diesen Worten machte er einen sehr bedeutenden Eindruck. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit sich und der Welt in diesem Augenblick zufrieden war.

Als sich die Leute um den Inspektor herum versammelt hatten, stützte Doran seine Unterarme auf den Tisch auf, lehnte sich etwas nach vorn und begann zu erzählen: „Ich werde am besten ganz von Anfang an beginnen“, bemerkte Doran. „Es war gestern Abend, als alle die hier anwesend waren und für einen Augenblick ihren Sorgen entfliehen konnten. Ich selbst hatte mich ein wenig zurückgezogen um mit meinen Gedanken ins reine zu kommen, als mir, aus welchem Schlüsselerlebnis heraus auch immer, eine, ich will es einfach mal Erleuchtung nennen, überkam. Der Gedanke, oder die Gedankengänge ließen mich nicht mehr los. Sie waren so einfach und dennoch genial. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich das gesamte Mosaik in meinen Händen hielt. Ich konnte nur noch nicht sagen, wie es zusammengefügt werden musste. Aber auch hierfür sollte es eine Erklärung geben. Als ich darauf am nächsten Morgen aufstand, nahm ich mir vor einer Spur zu folgen, welche mich unter Umständen zur Wahrheit führte. So trank ich zum Frühstück nur eine Tasse Kaffee und machte mich, ohne eine weitere Erklärung, auf den Weg. In meinem Kopf gab es vier Schlüssel welche die Tür zu dem Geheimnis verschlossen hielten. Doch welcher Schlüssel passte zu welchem Schloss? Es gab auch noch ein Zauberwort, welches allem zugrunde lag und auf alles zutraf. Es war das Wort "Einsamkeit". Aus der Einsamkeit heraus ist schon so mancher zum berühmten Einzelgänger geworden. Und genau um diese Einzelgänger ging es“.

Der Inspektor machte eine kleine Pause und trank noch einen Schluck aus seinem Krug mit dem Bier. Die Leute ringsherum hatten sich nun auch alle an den Tisch gesetzt. Sie waren sehr ruhig geworden und klebten förmlich an den Lippen des Inspektors und seinen Ausführungen. Nach einer Weile fuhr er fort. „Ich begab mich also zu dem Bauern, der auf so tragische Weise sein Kind verloren hatte. Irgendetwas sagte mir, dass hier alles begonnen hatte. Unsere Reisenden, der Unfall der Kutsche sowie jene anderen Unannehmlichkeiten stellten nur die Statistenrollen dar, die nur beiläufig mit dem Fall konfrontiert wurden. Auch ohne jene Zwischenfälle hätte das Schicksal in dieser Nacht seinen Lauf der Bestimmung genommen. Ich hatte mich gut mit meinen Fragen Vorbereitet und war fest davon überzeugt hier, beim Bauern Friedrich den Grundstein des Mosaikes zu finden. Bereits auf den Weg dorthin machte ich mir ein Bild von der Landschaft. Auch diese passte genau in jenes Chema, welches in meinem Kopf keine Ruhe geben wollte. Auf diesem nicht ganz leichten Weg dorthin hatte ich zumindest genug Zeit zum Nachdenken. Unterwegs glaubte ich sogar das Heulen eines Wolfes zu hören. Dieses Heulen wurde mir bereits zwei oder dreimal beschrieben, obwohl man mir stets versicherte, es gäbe hier keine Wölfe mehr. Da sie einige Schafe gerissen hatten, erschoss und vertrieb man sie aus diesem Gebiet. Und doch könnte ich schwören, das Heulen eines Wolfes vernommen zu haben. Aber sei es wie es ist“.

Doran machte erneut eine kleine Pause um etwas Luft zu holen und noch einen Schluck von dem Bier zu trinken. Es war still in der Gaststube und die Anwesenden warteten ungeduldig, dass der Inspektor mit seinem Bericht fortfuhr. Doran hingegen schien es zu gefallen, so im Mittelpunkt zu stehen, ja er genoss es förmlich. Dann, nach einer kurzen Weile, wischte er sich den Schaum vom Mund und begann weiterzureden. Dabei ließ Doran der Inspektor nicht die kleinste Kleinigkeit aus. Beginnend bei seinen Gedanken und Eingebungen bis hin zu den Vermutungen, welche sich auch als durchaus möglich erwiesen haben, bis hin zu dem ausgiebigen Gespräch mit dem Bauern Friedrich.

Die gesamte anwesende betroffene Gesellschaft lauschte gespannt seinen Ausführungen. Selbst Mikesch der Kommissar und Gehilfe des Inspektors war mehr als nur Erstaunt. In diesem Augenblich gab es für keinen der Beteiligten nur die Spur eines Zweifels, dass es sich wirklich so ereignet haben könnte. Es gab zwar keine Beweislage, aber die Zusammenfassung des Inspektors war so lückenlos, dass man diese nicht widerlegen konnte. Selbst Mikesch konnte sich dem Inspektor nur anschließen. Hieraus entstand erst einmal eine mehr oder weniger größere Pause, was das Gespräch betraf. Man konnte deutlich erkennen, dass ein jeder mit seinen Gedanken und dessen eigene Interpretation beschäftigt war. Die Gesichter der Anwesenden waren ausnahmelos in Gedanken versunken. Selbst Friedhold, der zweite Kutscher sowie Georg, der Wirt des Gasthauses und der Poststation waren bei dem Gespräch dabei. Keiner hätte sagen können, wie viel Zeit verstrichen war, als sich der Erste bemerkbar machte.

Es war Georg der Wirt, der zuerst das Wort ergriff. „Bereits seit Generationen wird diese Poststation von Angehörigen unserer Familie betrieben. Seit dieser Zeit wird auch von dem Fluch berichtet. Ich möchte ganz ehrlich sein, es stellt sich mir die Frage, wie sich eine solche Geschichte solange halten kann, wenn sie nicht auf einen Funken Wahrheit beruht“.

Der Wirt schaute unsicher und zweifelnd in die Runde, um dann fortzufahren. Er konnte nicht ahnen, dass er mit dieser Bemerkung bereits ein neues Feuer des Aberglaubens entfacht hatte.

„Ich gebe zu, die Geschichte des Herrn Inspektors erscheint sehr einleuchtend und realistisch. Wir sollten aber auch bedenken, dass es zurzeit keinerlei Beweise für deren Richtigkeit gibt. Sicherlich, es gibt auch keine Beweise für den bestehenden Mythos, aber ist es nicht eine Tatsache, dass es Dinge zwischen Himmel und Erden gibt, die wir niemals verstehen werden? Ich muss ehrlich gestehen, ich wüsste nicht wie ich mich entscheiden sollte, wenn man von mir eine Stellungnahme erwarten würde“.

Nun meldete sich auch der zweite Kutscher zu Wort.

„Ich lebe zwar noch nicht solange hier, dass ich auf Generationen zurückgreifen kann, so wie dies dem Gastwirt möglich ist, aber dennoch bin ich vertraut mit den hier ansässigen Bräuchen und Glaubensrichtungen. Sie müssen wissen, wir sind in dieser Gegend sehr gläubige Menschen“.

Der Inspektor ahnte, dass er es nicht leicht mit den Ansichten der hiesigen Bevölkerung haben würde. Diese Menschen waren tief mit den Mythen ihrer Vergangenheit und deren Kultur verwurzelt.

„So wie ich“, fuhr Friedhold fort, „ist auch Tobias der andere Kutscher der festen Meinung, er habe den Leibhaftigen sogar gesehen und darüber hinaus seine schrecklichen, drohenden Rufe gehört“. Er meinte damit wahrscheinlich das Heulen des Wolfes. „Sie wollen doch nicht allen Ernstes das Wort der Bibel in Frage stellen“? fragte Friedhold den Inspektor. Der sah sich hilfesuchend nach seinem Kommissar um, der aber nur stumm mit den Schultern zuckte.

Doran begriff, dass er es hier mit einer fast schon fanatischen Übermacht zu tun hatte, die er weder überzeugen konnte, noch mit einem vernünftigen Argument gegen diese Sturheit auch nur eine Chance der Überzeugung hatte. „Meine Herren“, begann Doran das Gespräch in eine vernünftige Bahn zu lenken, „es geht doch hier um vielmehr als um Kultur und Tradition. Es ist hier einem von Euch ein unglaubliches Unheil widerfahren und dieser arme Kerl ist am Ende mit all seinen Weisheiten, so dass er sich am liebsten das Leben nehmen würde. Damit dieser Mann mit der Zeit seinen Frieden, oder zumindest einen Teil davon, widererlangen kann, betrachte ich es als unsere Pflicht, auf eine rationelle sowie reale Weise die Wahrheit herauszufinden. Sicher es gibt weder für die eine noch für die andere Theorie nicht die leisesten Beweise, umso wichtiger erscheint es mir, dass wir, gerade jetzt in dieser Situation zusammenhalten und all unser Wissen zusammentun“.

Die Worte des Inspektors hörten sich schon fast flehend an. Er ahnte bereits, dass er hier ganz auf sich allein gestellt sein würde, was der folgende Satz von Tobias noch deutlich unterstrich.

„Ist die Bibel in Ihren Augen etwa kein Beweis? Zweifeln Sie etwa die heilige Schrift unseres Herrn an“? Tobias der Kutscher klang in diesem Augenblick direkt Feindseelig und Doran begriff, dass es jetzt an der Zeit war, die Situation zu entschärfen und nicht weiter auf diesem Thema zu beharren, da sonst bestimmt zum Eklat kommen würde, welcher das Lager mit Sicherheit in zwei Hälften aufsplittern würde. „Natürlich stelle ich das Wort der Bibel in keiner Weise in Frage“. sagte er und fuhr fort: „ich glaube ich sollte die ganze Sache noch einmal überdenken, ich habe mich wohl zu sehr von meiner ersten Euphorie leiten lassen“. Es war eindeutig, dass der Inspektor auf diese Weise Zeit gewinnen wollte, denn die Gemeinschaft drohte jeden Augenblick auseinanderzubrechen. Die Strategie von Doran ging auch wie erhofft auf. Diplomatisch gelang ihm der Übergang zu den völlig alltäglichen Dingen. So dauerte es auch nicht lange und man beschäftigte sich mit dem wirklich guten Essen des Wirtes und so fast ein Jeder der kleinen Gesellschaft glaubte etwas aus seinem Leben berichten zu müssen. So kam man sich innerhalb kürzester Zeit nahe und die Auseinandersetzung zuvor war im Nu vergessen.

So verging auch die Zeit an diesem Tag. Draußen hatte es angefangen zu regnen und der Wind schien sich zu einem heftigen Sturm zu entwickeln. Georg der Wirt begann das Haus gegen das herannahende Unwetter zu sichern, wobei in seine Gäste hilfreich zu Hand gingen. Etwa fünfzehn Minuten später traf sogar Wilhelm der Förster auf. Er wollte dem Besitzer der Poststation mitteilen, dass ein heftiges Unwetter aufzieht und er in keinem Fall, noch vielleicht ankommende Postkutschen weiterfahren ließ. Als er sah, wie sich alle Anwesenden damit beschäftigten, bei der Sicherung des Hauses zu helfen, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich auch dabei zu beteiligen.

Der Himmel verdunkelte sich zunehmend und auch der Regen sowie der Sturm wurden immer stärker. Aus der Ferne hörte man bereits ein Donnern und konnte schon das Wetterleuchten vom Weiten erkennen. Es war bereits später Nachmittag, als das Unwetter hereinbrach. Schon lange hatte man in dieser Gegend kein solches Gewitter mehr erlebt. Es blieb somit der gesamten Gesellschaft nichts weiter übrig, als es sich in der Gaststube gemütlich zu machen, was sich auf die Tatsache beschränkte, dass man beisammen saß, etwas trank und, wie sollte es wohl anders sein, sich über das Wetter und Geschichten aus früheren Zeiten unterhielt.

So schnell wie dieses Unwetter gekommen war, so schnell war es auch schon wieder vorbei. Es mögen vielleicht im Ganzen ca. drei Stunden gedauert, dann war jeglicher Spuk vorbei. Inzwischen war es jedoch dunkel geworden und die Nacht war hereingebrochen, was jedoch keiner der Anwesenden so richtig bemerkte. Es gab im Grunde kein Thema, welches man während der Gespräche nicht berührte. Spannendes, informatives, unheimliches und sehr fragwürdiges, alles war dabei. Das Meiste wurde natürlich von den Einheimischen berichtet und jeder war mehr oder weniger auf seine Geschichte, die er zu berichten hatte, stolz.

Für Doran, dem Inspektor waren die Ausführungen des Försters Wilhelm unglaublich aufschlussreich. Doran machte daraus seine eigene Geschichte, und wie das Schicksal es so wollte, passte diese fast genau mit seinen Erkenntnissen und Vermutungen überein. Natürlich sagte er nichts von seinen Erfahrungen und hielt sich eher ruhig im Hintergrund zurück. Wenn der Inspektor bis jetzt vielleicht noch Zweifel gehabt hätte, so war nun der Zeitpunkt gekommen, an der er von seiner Version hundertprozentig überzeugt war. So viele Zufälle konnte es einfach nicht geben. Jedoch vertrat er den Standpunkt, sich einmal am Tag den Mund verbrannt zu haben, reiche voll und ganz.

Die Nacht, oder besser gesagt der Abend war sternenklar. Als sich der Förster Wilhelm verabschiedete begab sich die gesamte Gesellschaft mit vor die Gaststube um noch ein wenig von der frischen Luft nach dem Gewitter zu atmen. Voller Bewunderung und fasziniert betrachtete man den Vollmond, der an diesem Abend besonders hell schien. Da geschah es, mit dem keiner gerechnet oder nur im Traum daran gedacht hätte. Allen kam es vor, als würden sie sich in einem Traum befinden. Einem Traum aus dem man so schnell wie nur möglich aufwachen würde. Sie glaubten ihren Ohren nicht zu trauen.

Ganz deutlich und unmittelbar in der Nähe war es zu hören, das Heulen eines Wolfes. Ja, es war unverkennbar ein Wolf, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Es war wie ein Schock, welcher jedem durch die Glieder fuhr. Nur Doran der Inspektor schien als einziger nicht sonderlich überrascht zu sein. Auch wenn er darin keinen Anlass zur Freude sah, so bestätigte ihm dieses Heulen des Wolfes doch die Richtigkeit seines Verdachtes. „Wenn mich meine Ohren nicht betrügen, so habe ich gerade das Heulen eines Wolfes vernommen“, sagte der Inspektor und begab sich wieder in die Gaststube. Die restlichen Leute, bis auf den Förster Wilhelm, welcher sich auf den Heimweg begeben hatte, folgten Doran in die Gaststube. Keiner von ihnen sagte auch nur ein Wort. Im Haus angekommen, begab sich der Inspektor umgehend auf sein Zimmer. Zum ersten wollte er noch einmal mit seinen Gedanken ins reine kommen und zum zweiten hatte er keinerlei Interesse an eventuellen Gesprächen mit den anderen Anwesenden. Der Rest der Gesellschaft nahm gemeinsam wieder am großen Tisch der Gaststube Platz. Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis das Schweigen der Gesellschaft zu Ende ging. Friedhold, der zweite Kutscher, war es, der als erster die Stille sprach. So als wolle er sich vor den Anderen rechtfertigen sagte er:

„Es kann ja sein, dass es sich bei dem Heulen um einen Wolf gehandelt hat, aber wir alle wissen doch, dass der Teufel nicht selten in der Gestalt von Tieren auftaucht. Für mich ist dies kein Beweis. Zudem kommt noch die Tatsache, dass wir alle vom Fluch über dieses Haus des Bauern Friedrich wissen. Es handelt sich hierbei doch um eine alte Geschichte und so etwas saugt sich doch kein Mensch aus den Fingern. Wenn es sich also hierbei um eine Finte handeln würde, wie konnte diese sich dann über solange Zeit halten? Wäre eine solche Lüge nicht schon lange aufgedeckt worden? Mich kann dieser Inspektor jedenfalls nicht mit seiner so gepriesenen Logik beeinflussen. Ich weiß was ich weiß“.

Die Reaktion der restlichen Gesellschaft war hoch interessant. Einige nickten zwar zustimmend, sagten aber kein Wort dazu. Die Anderen versuchten sich überhauptnicht bemerkbar zu machen. Von ihnen hatte man das Gefühl, als würden Sie am liebsten unsichtbar sein, oder sich in ein Mauseloch verkriechen. Für einen kurzen Moment flammte noch eine sinnlose, durcheinander verlaufende Plauderei über diese Thematik auf. Da man aber keinen gemeinsamen Nenner finden konnte und es bereits schon spät war, löste sich die Gesellschaft umgehend auf.

Nach etwa einer halben Stunde wurde es ruhig im Gasthaus. So Ruhig, dass es schon fast unheimlich erschien. Und dann war es plötzlich wieder da. Das Heulen des Wolfes. Es klang sehr nahe und dauerte eine ganze Weile an. Der Vollmond, welcher dazu schien gab der ganzen Angelegenheit noch etwas Gespenstisches.

Es war fast, als wolle er allen Beteiligten dieses mysteriösen Vorkommens zu Verstehen geben, dass er nicht nur da war, kein Fabelwesen sondern aus Fleisch und Blut, der gekommen war, um seine erschossene und vertreibende Familie zu rächen.

Keinem der anwesenden Leute war in dieser Nacht wohl. Keiner konnte so richtig schlafen oder schlief einen ruhigen und erholsamen Schlaf. Nur Doran der Inspektor ließ sich nicht beeindrucken, für ihn war es der klare Beweis, dass die Logik wieder einmal über den Aberglauben gesiegt hatte. In seinen Träumen hatte er den Fall bereits geklärt, doch bis dahin sollte es noch einige Hürden geben.

 

7. Kapitel

 

Die letzten Hürden und die Aufklärung

 

         Es war eine sehr unruhige Nacht für alle. Der Morgen jedoch belohnte dafür mit strahlendem Sonnenschein. Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Aber da war auch noch etwas anderes, etwas, was jeder förmlich riechen konnte. Es lag etwas ganz besonderes in der Luft. Keiner konnte dieses Gefühl erklären, aber es war dar.

Es war Mikesch der Kommissar, der das Gefühl auf den Punkt brachte. Mikesch trat vors Haus, atmete tief durch, schaute zum blauen Himmel und meinte dann: „Es ist, als würde die Wahrheit heute den Schleier der Mysterien herunterreißen. Ich würde mich nicht sehr wundern, wenn wir diesen Fall heute aufklären“. Dabei strahlte er förmlich über das ganze Gesicht. Ein Lächeln oder Strahlen, was für ihn typisch war und genau seiner Natur entsprach. „Ihre Zuversicht möchte ich haben“, bemerkte der Inspektor. „Vielleicht haben Sie es ja noch nicht bemerkt, aber wir befinden uns hier mitten in der tiefsten Provinz“. Doran hörte sich bei diesen Worten schon fast verzweifelt an. „Da hat man die Lösung wie auf einem Tablett, aber diese engstirnigen Menschen hier sind so tief mit ihrem Aberglauben verwurzelt, dass man ihnen alle Beweise schwarz auf weiß auf den Tisch legen könnte, und diese Ignoranten würden als Gegenbeweis die Bibel danebenlegen. Dabei gibt es einen Mann, der alles verloren hat, was man nur verlieren kann und ist auf Grund des Verhaltens dieser Menschen völlig allein mit seinem Schmerz. Die Leute hier meiden ihn, und warum? Weil ihnen ihr dummer Aberglaube mehr bedeutet als ein wenig Menschlichkeit und Vernunft“. Deutlich konnte man die Überraschung in Mikesch seine Augen sehen. Solange er Doran den Inspektor kannte, und dass war eine lange Zeit, hatte er diesen noch nie voller solch verzweifelter Wut gesehen. Doran war ein Mensch, der sehr gewissenhaft war und auch nach diesem Prinzip arbeitete. Dennoch ging er die Dinge im Leben eher locker und mit einer gewissen Leichtigkeit an ohne dabei seine Gewissenhaftigkeit zu verlieren. Doran war für Mikesch das Vorbild schlechthin. Dabei verstand er den Inspektor oftmals überhauptnicht. Schon lange hatte er aufgegeben, Doran den Inspektor durchschauen zu wollen. Dieses Vorhaben gelang wohl keinem Menschen. Ja, der Inspektor war schon etwas Besonderes. Stets machte oder dachte er genau das Gegenteil von dem was man selbst glaubte, lag aber immer richtig damit. Er schien die legendäre kriminalistische Spürnase zu haben. Eine Begabung die nur wenige Menschen besitzen. Umso überraschter war Mikesch daher den Inspektor in einer derartig unbekannten Verfassung zu erleben. Es gab Zeiten, an denen der Kommissar sogar dachte, der Inspektor wäre gar nicht fähig, überhaupt wütend zu sein. Umso schwerer viel ihm nun, für jenen emotionalen Gefühlsausbruch, eine plausible Erklärung zu finden. Letztlich konnte er nicht wissen, dass jenes Verhalten etwas mit der Vergangenheit von Doran zu tun hatte. Aber so schnell wie dieser sich aufgeregt hatte, so schnell war die ganze Angelegenheit auch schon wieder Schnee von gestern. So war Doran, im nächsten Moment war er völlig ruhig und entspannt.

Ins geheim hatte sich der Inspektor bereits vorgenommen, das Rätsel am heutigen Tag zu lösen. Es fehlten ihm noch einige wenige Beweise, dann würde er den Tathergang lückenlos aufdecken, ob mit oder ohne Aberglauben. Das war er sich selbst schuldig, er, Inspektor Doran, seit achtunddreißig Jahre erfolgreich im Dienste der Gerechtigkeit. Der Morgen verlief ebenso wie die letzten Morgen- oder Vormittagsstunden. Die Gäste wie auch der Wirt und die Kutscher setzten sich an den großen Tisch in der Gaststube. Nur der Bauer Friedrich und der Förster Wilhelm fehlten, was allerdings an den anderen Tagen auch nicht anders war. Von der gespanten Stimmung zuvor war keine Spur mehr. Man trank Kaffee und Tee. Dazu gab es Brot, Käse und Schinken. Man konnte sagen was man wollte, aber die Verpflegung war ausgezeichnet.

Es mag so um die zehnte Stunde gewesen sein, als der Inspektor sich an seinen Gehilfen, den Kommissar Mikesch wandte und ihn bat, ihn zu begleiten, da er noch etwas Wichtiges zu erledigen hatte und Mikesch gut dabei gebrauchen könnte.

Dieser stellte keine weiteren Fragen, und so standen die zwei Beamten auf, entschuldigten sich bei der restlichen Gesellschaft und gingen auf ihre Zimmer um sich für einen ausgiebigen Fußmarsch anzukleiden. Dann verließen sie den Gasthof.

„Wohin gehen wir eigentlich“, fragte Mikesch den Inspektor. „Wir haben einen Fußweg von etwa eine gute Stunde vor uns“, erwiderte dieser. „Ich möchte gern in das naheliegende kleine Dorf mit Ihnen gehen“, Doran schmunzelte ein wenig. Es war ihm durchaus bekannt, wie der Kommissar weite Fußmärsche verabscheute. „Darf ich fragen, was Sie dort vorhaben“, fragte Mikesch. „Ich möchte eine Werkstadt aufsuchen, eine Werkstadt für Gipsarbeiten“, sagte Doran. „Für Gipsarbeiten“? Mikesch wollte noch weiterfragen, brach dieses Vorhaben aber sofort wieder ab, da er wusste, dass der Inspektor, wenn er nicht weiter reden wollte, dies auch nicht tat. So unternahm der Kommissar erst gar nicht den Versuch weiterhin jenes Geheimnis zu lüften.

Schweigend gingen die beiden forschen Schrittes ihren Weg, dem Dorf entgegen. Es war einfach erstaunlich, in welch guter Verfassung der Inspektor trotz seines Alters war. Mikesch der Kommissar, der wesentlich jünger war, hatte bereits nach einer halben Stunde seine Probleme, schritt mit Doran zu halten. Aber da jeder Weg irgendwo endet, kamen auch die zwei Beamten an ihr Ziel. Nach gut einer Stunde hatten sie das kleine Dorf erreicht. „Ich weiß nicht wie Sie darüber denken, aber ich für meinen Teil würde mich gern zuerst in die Wirtschaft dort drüben setzen und ein kühles Helles trinken, ich lade Sie gern dazu ein“, bemerkte Mikesch, in der Hoffnung Doran würde dem Vorschlag zustimmen. „Eine wirklich hervorragende Idee“, erwiderte der Inspektor. Mikesch erschien die gute Laune des Inspektors langsam unheimlich. Was er wohl im Schilde führte? Doran war kein Mensch, der etwas ohne Grund machte.

So betraten die beiden die Wirtschaft und setzten sich an einem Tisch direkt am Fenster. Endlich platzgenommen, kam auch sogleich der Wirt des Gasthauses um den Tisch, an dem die beiden Männer sich gesetzt hatten, abzuwischen und fast so nebenbei zu fragen, „was darf ich den Herrschaften bringen? Ich kann Ihnen unser Essen wärmstens empfehlen, es ist stets frisch und vorzüglich“.

„Nein danke“, antwortete Doran dem Wirt, „wir belieben nur etwas zum trinken da der Durst uns furchtbar quält“. Bei der Vorstellung wie wohl die Küche aussehen mag, nachdem er den Gastraum sowie den Wirt gesehen hatte, ließ ihn erschauern. „Sei Er so gut und bringe er uns zwei große Krüge von seinem besten Bier, welches er zwei erfolgreichen und glücklichen Mannsbildern anzubieten hat, aber beeile Er sich bevor seine Gäste verdurstet sind“. Dabei lachte Doran und dieses Lachen klang sehr vielversprechend.

Mikesch der Kommissar sah den Inspektor an und meinte dann etwas bedenklich: „ich möchte Sie nicht beleidigen, aber ich muss gestehen, dass ich Sie selten so in Geberlaune gesehen habe. Zudem machen Sie auf mich einen sehr zuversichtlichen Eindruck. Welchen Grund diese Tatsache hat, brauche ich wohl nicht zu fragen, da Sie es mir zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin noch nicht sagen würden, aber hat dies etwas mit unserem heutigen Ausflug zu tun“? „Seien Sie doch nicht so ungeduldig lieber Mikesch, Sie werden es als Erster erfahren, soviel verspreche ich Ihnen“. Wieder lachte der Inspektor, als würde er sich an der Ungeduld seines Partners freuen.

Es dauerte nicht lange und der Wirt brachte den beiden Männern, Doran und Mikesch, die gewünschten zwei großen Krüge Bier. Die Beiden prosteten sich kurz zu und tranken einen sehr großen Schluck von dem sowohl kühlen wie auch köstlichen Getränk. Danach lehnten sich beide zurück, streckten ihre Beine unter dem Tisch aus und atmeten erst einmal tief durch. Mikesch, der Kommissar tat einen tiefen Seufzer und bemerkte: „es gibt doch nichts Besseres wie ein kühles Gerstengetränk nach einem so anstrengenden Marsch“.

Doran schloss sich seiner Meinung ohne Einwände an. „Jetzt wo wir hier alleine sitzen, könnten Sie mir doch wenigstens sagen, warum wir diesen Fußmarsch gemacht haben“? Fragte Mikesch den Inspektor. „Sie geben wohl nie Ruhe“, meinte Doran lachend. Ich bin mit Ihnen hierhergekommen um etwas abzuholen, was uns bei unserer Beweislage den Abschluss bringen soll. Warten Sie ab, Sie werden schon sehen“, bemerkte Doran und nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Steinkrug.

Noch eine gewisse Zeit verbachten die beiden Männer in der Wirtschaft. Nachdem sie ihre müden Glieder ausgeruht und ihr Bier ausgetrunken hatten, zahlte man die Rechnung und verließ die Wirtschaft.

Sie gingen über den Marktplatz und bogen darauf in eine kleine Gasse ein. „Handwerksgasse“, stand auf einem Schild, welches an einer Hauswand befestigt war.

Es war eine sehr schmale Straße, in der sich in jedem Haus ein Handwerksbetrieb befand. Hier konnte man so gut wie alles finden. Vom Schneider über den Gerber bis hin zum Schmied. Vor einem kleinen Haus hielt Doran inne. Auf einem Zunftschild, welches sich über der Eingangstür befand, stand zu lesen: „Gips und Stuckarbeiten“. Doran öffnete die Tür und sofort ertönte das helle klingen einer Glocke, die sich über der Eingangstür befand. Mikesch folgte ihm. Die Werkstube, welche die beiden betraten strotze nur so von Staub, was auch nicht weiter verwunderlich war. In der kleinen Werkstatt waren viele verschiedene Musterstücke ausgestellt. Alles deutete darauf hin, dass der Mann hier sein Handwerk sehr gut verstand. Es dauerte einen Moment bis ein älterer, rundlicher Mann die Werkstube betrat. Er trug eine Lederschürze über seine weiße Bekleidung.

„Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich den Herrschaften“, sagte er mit einer sehr hellen, freundlichen Stimme. Dabei blickte er genauso freundlich drein. Mein Name ist Göbel, Meister Göbel.  Womit kann ich den Herren dienlich sein“? Fragte er Doran und seinen Kommissar.

„Doran räusperte sich, ich habe vielleicht eine etwas außergewöhnliche Bitte an Sie“, gab er zu verstehen. „Ich habe hier einen Knochen. Um genau zu sein, einen Knochen von einer Katze. Wie Sie vielleicht unschwer erkennen können, wurde dieses Tier von einem anderen Tier getötet. Ich möchte Sie nun bitten, mir von den Biss Spuren auf diesem Knochen einen genauen Abdruck anzufertigen und wenn möglich, mir auch zu bestätigen, von welchem Tier diese Spuren stammen könnten“.

„Das dürfte nicht schwer sein“, erwiderte Meister Göbel“, wenn Sie möchten, so kann ich Ihnen diese Dinge heute noch fertigmachen. Sie müssten sich jedoch so zwei bis drei Stunden gedulden, da ich wegen der Zuordnung des Tieres den hiesigen Förster befragen muss. Ich allein möchte hierzu keine Bestätigung aussprechen, da meine Kenntnis nun einmal auf einem anderen Gebiet liegen“.

„Das nenne ich ein Wort“, erwiderte der Inspektor, bedankte sich und verließ mit Mikesch die Werkstatt. Mikesch sah den Inspektor mit großen Augen an. „Was zum Henker haben Sie vor“, fragte er.

„Nun, ich werde noch heute diesem dummen Aberglaube ein Ende machen und damit verschiedenen Personen ihren wohlverdienten Frieden wiedergeben. Es muss doch noch etwas Gerechtigkeit auf dieser Welt existieren“.

Für kurze Zeit schien Doran noch einmal sehr erzürnt zu sein, was sich aber fast im gleichen Augenblick wieder legte. „So mein lieber Mikesch, ich weiß zwar nicht wie es Ihnen jetzt geht, aber ich für mein Teil habe einen Mordshunger“. Der Inspektor schien in Anbetracht der gut verlaufenden Umstände sehr guter Laune zu sein. „Da wir nun genügend Zeit haben“, sagte Doran zu Mikesch, „schlage ich vor, wir suchen uns hier im Ort ein gutes und sauberes Wirtshaus und nehmen eine tüchtige Mahlzeit zu uns. Ich glaube, die haben wir uns redlich verdient“. Kommissar Mikesch hatte schon befürchtet, dass der Inspektor diese Frage nie stellen würde. Er bejahte mit einem Nicken und die beiden Männer begaben sich auf die Suche nach einer ansprechenden Gaststätte.

Bei genauer Betrachtung war es ein sehr schöner Ort. Mag er auch nicht groß sein, so gab es hier doch alles was der Mensch brauchte. So dauerte es auch nicht allzu lange und die zwei fanden ein wunderschönes, verträumtes Gasthaus. „Zum guten Gastmahl“ konnte man über der Tür auf einem Schild lesen. Doran und Mikesch waren sich einig und kehrten ein. Die Gaststube versprach sehr viel. Sie war gemütlich und sehr sauber. Aus der Küche duftete es verführerisch nach den besten Speisen. Den beiden Männern lief förmlich das Wasser im Munde zusammen.

Ein großer, kräftiger Mann, der sich als der Wirt dieses Gasthauses erwies, trat zu den beiden an den Tisch, an dem sie Platz genommen hatten. „Was darf ich den Herren bringen“, fragte er freundlich. „Ich kann Ihnen unser heutiges Tagesmenü wirklich empfehlen. Es ich bestimmt wohlschmeckend und sehr reichlich, dafür verbürge ich mich persönlich, es sei denn, sie mögen keine gegarte Schweinshaxe mit Rüben und Grünkohl“. Der Wirt lachte die beiden Männer an, da er sich seiner Sache mehr als sicher war. „Ich verlasse mich ganz auf Sie und Ihre Empfehlung, wenn das Essen hier so gut ist wie alles andere, so bringe Er uns zweimal von Seiner vorzüglichen Empfehlung und dazu ein kräftiges, dunkles Bier“.

Doran war begeistert. Zwar hätte er im Augenblick, bei seinem Hunger auch einen Ochsen essen können, aber der ganze Tag, so wie er sich zu entwickeln schien, machte ihn einfach glücklich und zufrieden. Er hoffte nur, dass dies auch so bleiben und ihm damit sein Glück treu sein würde. Wenn alles so lief, wie er es sich erhoffte, könnte er noch heute, spätestens aber Morgen den Fall zu den Akten legen.

Der Wirt hatte nicht zu viel versprochen. Das Essen hätte nicht besser sein können. Man aß und trank und unterhielt sich über alles Mögliche, aber die Zeit wollte nicht vergehen. Es war bereits Nachmittag. Der Wirt hatte sich, als es nicht mehr so viel zu tun gab, zu den zwei Beamten gesellt um noch ein Bier mit ihnen gemeinsam zu trinken. Bei der Unterhaltung stellte sich heraus, dass der Wirt das Gespräch von Doran und Mikesch mitbekommen hatte. Auch er konnte bereits berichten, dass diese Geschichte bereits bis hierher in diese Ortschaft vorgedrungen war. Auch hier zerrissen sich die Leute das Maul über jenen Vorfall und das Lager splittete sich in zwei Hälften.

„Ich für meinen Teil, kann nur sehr schwer glauben, dass es noch immer Menschen gibt, welche sich einem solchen Aberglauben unterwerfen, und das in unserer heutigen Zeit. Man sollte doch annehmen, dass die Menschen heutzutage aufgeklärter sind und keine Zeit mehr für einen solchen Unsinn haben. Aber Schuld daran ist die Kirche und unser Herr Pfarrer, jeden Sonntag hat er nichts weiter zu tun, als von Sünden, Höchstem Gericht sowie von Tod und Teufel und verlorenen Seelen zu predigen, da müssen ja die armen Leute alles Mögliche glauben. Dabei möchte ich nicht wissen, was der Hochwürden selbst so alles verzapft. Er ist nämlich auch kein Kind von Traurigkeit. Er sollte lieber aufpassen, dass ihn nicht selbst der Teufel holt“.

Der Wirt war ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck. Obwohl man sich noch gern weiter unterhalten hätte, war es nun doch Zeit geworden die in Auftrag gegebenen Objekte abzuholen. „Es ist wirklich schade, dass es nicht mehr Menschen gibt wie Sie, bleiben Sie so wie Sie sind“, sagte Doran zu dem Wirt, schüttelte ihn seine Hand und die beiden Männer verabschiedeten sich von diesem symphytischen Mann und verließen das Wirtshaus.

„Ein Mann der ins Leben passt“, sagte Doran und Mikesch konnte ihm nur zustimmen.

Der Inspektor und der Kommissar begaben sich wieder in die Gasse zu dem Handwerker, welcher ihnen die Abdrücke anfertigen sollte. Als sie gemeinsam die Werkstatt betraten ertönte wieder der helle Ton der kleinen Glocke über der Tür. Kurz darauf erschien auch sofort Meister Göbel. „Es ist alles fertig, so wie Sie es gewünscht hatten“, sagte er zu Doran.

„Auch der hiesige Förster kam vorbei um den Knochen und dessen Spuren zu begutachten. Er ist sich felsenfest sicher, dass es sich hierbei um die Abdrücke eines Wildschweinkeilers handelt. Es muss sich aber dabei um ein altes und überaus mächtiges Tier handeln, zumindest was die Größe anbelangt. Er meinte, dass so etwas in der Regel nur bei Einzelgängern zu beobachten ist. Allerdings hat er eingeräumt, dass er ein solches Tier, von dieser Größe, noch nicht in unserer Gegend beobachtet oder gesichtet hat. Ich für meinen Teil möchte diesem Ungeheuer nicht begegnen, da solche Tiere fast immer sehr aggressiv sind. Die arme Katze, aber wahrscheinlich hat sie so gut wie nichts gemerkt, es muss alles sehr schnell gegangen sein. Aber sagen Sie, wenn ich mir die Frage erlauben darf, sind Sie die zwei Herren, welche in dem Fall in der naheliegenden Ortschaft ermitteln“?

Doran schloss seine Augen ruhig und nickte dabei bejahend. Mikesch hingegen hielt sich vollkommen zurück. Er hätte ohnehin nicht gewusst was man von ihm wissen wollte.

„Das arme Kind“, bedauerte Göbel, „und erst der Vater. Manchmal frage ich mich, was sich unser Herrgott bei solchen Ereignissen denkt, da es in den meisten Fällen immer die Verkehrten trifft. Ist das Mädchen auch von dem Keiler getötet worden“?

„Nein“, antwortete Doran dem Handwerksmeister. Ich persönlich bin der Meinung, dass es ein Wolf war, welcher hier noch mit involviert war. Ich bin mir sogar sicher, das Heulen des Wolfes mehrmals gehört zu haben. Dennoch scheint es Menschen zu geben, die selbst dann nicht glauben, wenn sie es selbst wahrnehmen. Ich glaube, sie wollen nur das glauben, was sie für sich als richtig betrachten“. Die Stimme von dem Inspektor hörte sich für einen Moment sehr verbittert an.

„Das finde ich allerdings doch recht merkwürdig“, sagte der Meister Göbel. „Ich selbst habe auch seit einiger Zeit einen Wolf in unserer Gegend heulen hören. Selbst einige Einwohner des Ortes haben von Wolfsspuren berichtet. Seit ungefähr zwei bis drei Monaten soll er hier sein Unwesen treiben. Einer behauptete sogar, jenes Tier gesehen zu haben, was ich selbst allerdings anzweifle. Aber ich würde mich nicht wundern, wenn es sich bei dem Wolf auch um einen Einzelgänger handeln würde.  Das Wolfsrudel, was hier einst mal ansässig war, hat mach erschossen und den Rest verjagt. Der Grund hierfür waren die Angriffe auf Schafsherden und noch weitere Verluste“. Mit jener Erklärung schloss der Meister seinen Bericht, der dem Inspektor ein weiterer wichtiger Hinweis war.

Doran betrachtete noch einmal genau die Abdrücke, welche Meister Göbel wirklich meisterhaft angefertigt hatte. Er musste feststellen, dass der Weg hierher und auch die Auslagen sich ohne jeden Zweifel gelohnt hatten. Meister Göbel schien sein Handwerk in vollendeter Perfektion zu verstehen. Doran war froh diesen Mann ausfindig gemacht zu haben. Die Zeit war mit einem mal schneller vergangen als man es wahrgenommen hatte. So machten sich der Inspektor und sein Kommissar auf den Rückweg zur Poststation.

Sie sprachen so gut wie gar nicht miteinander. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken, Vermutungen und Erwartungen beschäftigt. Der Weg zurück erschien den beiden schneller und leichter als der Hinweg, was ihnen sehr recht war, hatten sie doch vielerlei Dinge heute erledigt. Zudem waren sie mehr als nur gespannt, wie wohl die Gesellschaft in der Poststation auf diese Beweise reagieren würde.

Es war bereits dunkel geworden, als Doran und Mikesch das Gasthaus erreichten. In der Gaststube war man gerade mit dem Abendessen beschäftigt. Ein gewisser Unmut machte sich so langsam breit. Schließlich wollte jeder nun endlich an sein Ziel kommen oder seinen gewohnten Tätigkeiten wieder Nachgehen. Die Ungewissheit machte jeden der Betroffenen zu schaffen.

Der Inspektor und sein Gehilfe, der Kommissar betraten den Raum und grüßten freundlich die Anwesenden. Alle Augen waren auf die beiden gerichtet. Was hatten die zwei wohl so wichtiges gemacht? Würde sich nun endlich das Geheimnis lösen? Viele Fragen konnte man in ihren Augen erkennen. „Der Kommissar und ich hatten heute einen beschwerlichen, aber auch erfolgreichen Tag gehabt. Wir würden zuerst auch gern etwas essen und dabei ausruhen um Ihnen dann den Sachverhalt zu erklären“, sagte Doran mit einer Stimme der man nicht hätte widersprechen können. „Vielleicht könnte jemand von Ihnen so freundlich sein und in der Zeit, nach Friedrich dem Bauern, den zwei Kutschern und auch Wilhelm den Förster schicken. Ich glaube, dass sie mein Bericht auch sehr interessieren würde. Zumindest aber für den Bauern Friedrich dürfte der wirkliche Tatbestand von enormer Bedeutung sein“.

Damit setzten sich Doran und Mikesch an den Tisch und der Wirt eilte auch sofort herbei. Er tischte den beiden Brot, Schinken und Käse auf. Dazu gab es ein großes Glas vom Süßmost. Die beiden Männer bedankten sich und begannen damit, ihr Abendbrot zu verspeisen. Es entging ihnen allerdings nicht, wie alle anderen sie immer wieder erwartungsvoll anschauten. Aber Doran und Mikesch ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Georg, der Wirt trat an den Tisch zu den beiden heran und berichtete, „ich habe soeben nach den Leuten geschickt, die Sie hier sehen wollten. Sie werden bestimmt umgehend eintreffen“. Dabei verneigte er sich besonders freundlich, so dass man hätte glauben können, er habe ein schlechtes Gewissen. Nachdem Doran und sein Kommissar zu Abend gegessen hatten, setzten sie sich zu den anderen Anwesenden mit an den Tisch. Bis auf den Bauern und den Förster, waren alle erschienen. Man versicherte jedoch, dass die letzten zwei auch gleich eintreffen würden.

Der Inspektor trug die ganze Zeit einen seltsamen Beutel mit sich herum, was keinen der Beteiligten entgangen war. Was sich wohl darin befindet? Als erstes bestellte der Inspektor, auf seine Kosten, einen Krug Bier für die Männer und einen Becher Wein für die Damen am Tisch. „Es gibt zwar nicht wirklich etwas zu feiern, dazu ist diese Angelegenheit zu traurig, aber ich glaube wir können auf die Auflösung des Falles anstoßen, was zumindest für jeden ein Ende der Ungewissheit bedeuten dürfte“, sagte Doran und erhob seinen Krug etwas voreilig, da genau in diesem Augenblick der Bauer und der Förster gemeinsam die Gaststube betraten. Er stellte darauf seinen Krug wieder ab und bestellte bei dem Wirt noch zwei weitere Krüge mit Bier, welche dieser auch sofort brachte. Noch einmal erklärte Doran den zwei dazugekommenen, was er gerade jenen anderen gesagt hatte. Nun hatte er die Spannung wirklich auf die Spitze des Höhepunktes getrieben. Alle Anwesenden, es waren nun alle versammelt, klebten förmlich an seinen Lippen.

Mikesch, der den Inspektor gut kannte, konnte direkt sehen, wie Doran diese Situation genoss. Der Augenblick des Triumpfes, seines Triumpfes, und keiner konnte ihm diesen nehmen. Er räusperte sich, „meine Damen und Herren“, dabei erhob er seinen Krug, „auf den Sieg der Gerechtigkeit“, prostete er den anderen zu und trank einen kräftigen Schluck. Nachdem man dieses Ritual auch vollzogen hatte, begann der Inspektor mit seinem Bericht und Mikesch achtete peinlich genau darauf, dass er auch nicht die kleinste Kleinigkeit vergaß oder ausließ. Der Inspektor holte sehr weit mit seiner Geschichte aus. Um genau zu sein, er ging zurück bis zu den Anfängen der Ereignisse. Detail genau erzählte er die gesamten Vorgänge und ließ dabei nicht einmal jene Gespräche aus, die er mit den Beteiligten geführt hatte. Jedes Für und Wieder kam noch einmal zur Sprache, was dem einen oder anderen nicht unbedingt immer angenehm erschien. Die einzelnen Gefühle der Betroffenen sollten jedoch nicht weiter von Bedeutung sein, was allein zählte war die Tatsache der Aufklärung. Obwohl der Inspektor der einzige war, der mehr oder weniger sprach und die anderen nur seinen Worten zuhörten, verging die Zeit schneller als man dachte und es wurde später und später, was jedoch keiner wirklich bemerkte.

Noch immer hatte Doran den Inhalt seines Beutels nicht preisgegeben. Als er dann zum heutigen Tag und seinen Ausflug gemeinsam mit Mikesch kam, hielt er inne und meinte: „ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich habe meinerseits vom Reden einen sehr trockenen Mund und würde auch gern eine kurze Pause einlegen. Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, wie spät es ist und dass Sie alle endlich zum Ende kommen wollen, aber dennoch bitte ich Sie um Ihr Verständnis, mir diese Bitte zu gewähren. Ich verspreche auch mich zu bemühen so schnell als nur möglich zum Abschluss zu kommen“. Ohne die Antwort eines anderen abzuwarten sagte der Wirt spontan: „Diese Runde geht aufs Haus“. Darauf verschwand er um gleich darauf wieder mit den Getränken zu erscheinen. Doran bedankte sich wie auch alle weiteren Beteiligten.

Nachdem man etwas getrunken und ein wenig Luft geholt hatte, begann der Inspektor mit seiner Geschichte fortzufahren. „Zuerst war es nur ein Gedanke, der mir aber zunehmend keine Ruhe ließ. Ich brauchte eine Bestätigung um all meine Theorien zu untermauern. Am Tatort hatte ich mir, am Tag des Geschehens, einen kleinen Knochen von der Katze, oder besser gesagt von dem was noch von ihr übrig war, mitgenommen. Ich wusste zu der Zeit noch nicht warum aber ich hatte das Gefühl, er könnte noch von Bedeutung sein. Dieser Verdacht hat sich heute auch zu hundert Prozent bestätigt. So begab ich mich heute, gleich nach dem Frühstück, zusammen mit dem Herrn Kommissar zum Nachtbarort von dem ich wusste, dass es dort viele Handwerksbetriebe gibt. Dort fand ich dann auch was ich suchte und sogar noch viel mehr als ich mir erhofft hatte. Es befindet sich in diesem Ort auch eine Gips- und Stuckwerkstatt, welche von einem Meister Göbel, welcher im Übrigen hervorragend ist, betrieben wird. Diesen Meister bat ich mir einen Gipsabdruck von den Kampfspuren auf dem Katzenknochen zu machen, damit ich nachforschen konnte, um welches Tier es sich hierbei gehandelt hatte. Ich bin zwar ein gläubiger Mensch, aber das ein Teufel in diesem Wald aufgrund eines angeblichen Fluches sein Unwesen treibt, erschien mir doch sehr weit hergeholt. Ich hatte Glück, ich hatte nicht nur recht, ich brauchte noch nicht einmal mehr weiter forschen, da der gute Meister Göbel den dortigen Förster kennt und sich mit ihm beraten hat. Das Ergebnis war eindeutig und unwiderlegbar“.

Nach einer kurzen Pause zum Verschnaufen, berichtete nun der Inspektor von all den Dingen, welche er und sein Kommissar in Erfahrung gebracht hatten. Von dem riesigen Wildschweinkeiler, dem Wolf der doch existent war und von dem man definitiv wusste. Auch vergaß er nicht zu erwähnen, dass die Spuren auf dem Katzenknochen von jenem Wildschweinkeiler stammten. Darauf holte er aus seinem Beutel den Knochen wie auch den dazugehörigen Gipsabdruck und legte beides zusammen auf den Tisch.

Da kein Mensch etwas vor Erstaunen sagte, fuhr Doran fort und recherchierte die gesamte Geschichte, so wie er diese schon einmal geschildert hatte. Alles passte genau zusammen. Die gesamte Geschichte sowie der Tatbestand und deren Beweise schienen wasserdicht zu sein.

„Meine verehrten Damen und Herren, die Untersuchung des Leichnams jenes kleinen Mädchens wird auch noch die letzten Beweise erbringen und zeigen, dass die Biss spuren bei dem Mädchen von dem besagten Wolf herrühren. Ich für meinen Teil werde die Angelegenheit damit abschließen und hoffen, dass auch unser Bauer Friedrich, den es ja wohl am schlimmsten getroffen hat, nun auch mit der Gewissheit um den Geschehnissen im Laufe der Zeit seinen Frieden findet. Den hier Ansässigen gebe ich den guten Rat, dass man, statt sich hinter Aberglaube und Mythen zu verstecken, dem gefährlichen Wildschweinkeiler sowie auch dem Wolf den Gar ausmachen sollte und dies so schnell wie nur möglich, bevor nach mehr geschieht. Solange diese zwei Bestiegen da draußen frei herumlaufen, wird keiner von Ihnen oder Ihren Kindern sicher sein. Somit schließe ich diesen Fall als aufgeklärt ab, was bedeutet, dass ab sofort jeder von Ihnen wieder seiner Wege und damit seinem Ziel entgegen gehen kann“.

Wenn es vorher schon still war, so war es jetzt noch stiller geworden.

Bauer Friedrich war der erste, der seine Sprache wiederfand. Er schaute dem Inspektor tief in die Augen, man konnte sehen wie sehr er mit seinen Tränen zu kämpfen hatte, und sagte in einem traurigen aber aufrichtigen Ton: „Herr Inspektor, ob Sie es glauben oder nicht, aber ich danke Ihnen und Ihrem Kommissar aus der Tiefe meines Herzens. Alles was geschehen ist war schrecklich und ich werde es wohl mein Leben lang niemals überwinden, aber Sie haben mir mehr geholfen als Sie sich jemals vorstellen können. Durch Ihren Verdienst hat der Tod meiner geliebten Tochter einen gewissen Sinn erhalten. Hat er doch bewiesen, dass es keinen Fluch auf diesem Haus gibt. Mögen wir Gottes Wege und Entscheidungen vielleicht niemals verstehen, so wissen wir doch, dass alles seinen Sinn hat und mit diesem Wissen sollten wir auch begreifen, dass wir nicht allein sind. Ich weiß jetzt, dass meine Frau und auch meine Tochter immer bei mir, an meiner Seite sind. Ich kann sie vielleicht nicht sehen und auch nicht hören, aber sie sehen und hören mich, und dieses Wissen ist mehr als ich jemals erwartet hätte. Irgendwann werde ich wieder mit ihnen vereint sein und bis es soweit ist möchte ich so leben, dass sie stolz auf mich sein können. Ich liebe sie und ich bin mir sicher, dass sie auch mich lieben. Mag mein Leben in Zukunft auch voller Trauer sein, aber ich habe meinen Frieden gefunden. Ich werde stark sein und mich auf den Tag freuen, an dem ich wieder mit meiner Familie vereint bin, vereint in einer vielleicht besseren Welt“. Dann drückte er dem Inspektor Doran ganz fest seine Hand, es war eher wie eine Verbrüderung. „Möge Gott Sie und Ihren Gehilfen auf all Ihren Wegen beschützen, Sie sind wahrlich ein guter Mensch. Sie haben mir etwas zurückgegeben, was man mit keinem Geld der Welt erwerben kann, Sie gaben mir meinen Glauben zurück“. Dabei liefen ihm dann trotz aller Mühe die Tränen über das Gesicht, aber er schämte sich nicht ihretwegen.

Keiner wusste in diesem Augenblick was er sagen sollte oder ob es überhaupt angebracht war auch nur ein Wort zu verlieren. So hörte man nur ein gewisses Raunen und die Anwesenden begaben sich, eher gestikulierend auf ihre Zimmer. Als sollte es die Ironie des Schicksals sein, hörte jeder der Betroffenen in dieser Nacht aus seinem sicheren Bett heraus das laute und deutliche Heulen eines einzelnen Wolfes. Der Mond tauchte dabei die Landschaft in ein seltsames silbernes Licht, zum einen ein unheimliches Licht und zum anderen ein Licht der Sicherheit, welches die Dunkelheit verdrängt.

So hat eben alles seine zwei Seiten, dachte Doran. Es war das Letzte was er dachte, dann schlief er tief und noch immer ergriffen ein.

 

8. Kapitel

 

Der Weisheit letzter Schluss, oder die Natur des Menschen

 

            Am nächsten Morgen herrschte lebhaftes Treiben auf dem Hof der Poststation. Die Kutsche war zwischenzeitlich repariert, die Pferde ausgeruht und frisch. Tobias der Kutscher war bester Laune, endlich konnte er wieder auf seinem Kutschbock sitzen und über das Land fahren, von A nach B und umgekehrt, so wie er es liebte. Während einige Helfer der Poststation damit beschäftigt waren das Gepäck der vier reisenden zu verstauen, verabschiedete man sich gegenseitig. Eigentlich nichts besonderes, bis auf die Tatsache, dass auch Friedrich der Bauer und Wilhelm der Förster erschienen waren. Jeder drückte jedem die Hand oder umarmte sich. Nur dem Inspektor Doran drückte jeder der Anwesenden, sogar die Frauen, seine Hand etwas fester als den anderen. Jeder dieser Hände schien ein besonderes Danke ausdrücken zu wollen. Mikesch sah aus einiger Entfernung dem Inspektor zu und glaubte zu sehen, was er in all den Jahren noch nie bei Doran beobachtet hatte, der Inspektor war sichtlich gerührt. Doran war also doch ein Mensch, ja er musste sogar ein herz haben, denn was Mikesch da sah wahren wahre Gefühle, Gefühle die sehr tief gingen.

„Alles hätte ich geglaubt, aber dass ich so etwas noch einmal in meinem Leben zu sehen bekomme wäre mir nie in den Sinn gekommen“, sagte er leise zu sich selbst.

Wie das Leben doch so spielt. Es dauerte nicht einmal zwei Stunden und auf der Poststation ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Kutschen kamen und fuhren weiter. Pferde wurden gewechselt und die Passagiere nutzten die Zeit um etwas zu essen oder zu trinken. Post wurde gebracht und zum Weitertransport abgeholt. Für jeden der kam oder ging war alles normal. Keiner ahnte nur im Geringsten, was sich hier noch kurz zuvor an Tragik abgespielt hatte.

Zwischendurch stellte einer der ankommenden Fahrgäste sogar die Frage, ob es hier Wölfe gibt, da er glaubte einen gehört zu haben.

 

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Doch wer da glaubt, der Mensch lernt aus seinen Fehlern, der irrt gewaltig. Wie sagt man so schön? „Mann soll den Tag nicht vor dem Abend loben“.

Auch wer der Annahme ist, dass unsere Geschichte hier endet, liegt damit sehr falsch. Würde unsere Geschichte hier wirklich enden, so wäre sie nicht mehr als ein billiger und zweitklassiger Roman. Es war jedoch unsere Absicht das menschliche Denken und somit die tiefen Wurzeln des Aberglaubens sichtbar zu machen.  

 

So also geht unsere Geschichte weiter.

 

9. Kapitel 

  Die Zeit vergeht, der Glaube bleibt    

         Wie bereits erwähnt, ist unsere Geschichte um die Hartnäckigkeit des Aberglaubens noch nicht zu Ende. Würde man es genau nehmen, so würde dieses Beispiel niemals enden dürfen. Da wir aber weder die Zeit noch die Möglichkeit hierzu haben und uns darüber hinaus vorstellen können, wie sich jener Reisebericht bis in die heutigen Tage fortgepflanzt hat, wollen wir uns auf nur einen einzigen Zeitsprung beschränken.

                  Seit den damaligen Ereignissen ist viel Zeit ins Land gegangen. Nicht nur die Gegenden sondern auch die Menschen haben sich seither verändert. Die Zeit bleibt eben nicht stehen. Um den Zeitsprung etwas genauer einzugrenzen, geben wir eine Dauer von etwa drei Generationen an. Seit dieser Zeit hat sich bis zum jetzigen Zeitfenster viel verändert.

Friedrich der Bauer lebt schon seit vielen Jahren nicht mehr. Er hatte den Schmerz seiner Verluste nie überwunden und eines Tages, die Leute behaupten es war sein gebrochenes Herz, legte er sich am Abend ins Bett, schlief ein und wachte am nächsten Morgen nicht mehr auf. Es war ein sehr gnadenvolles, friedliches Gehen. Vielleicht ist er in seinen Träumen seiner Familie begegnet und Gott ließ ihm ihnen folgen, so dass sie nun wieder vereint sind. In einer, wie er immer sagte, besseren Welt. Was auch immer geschehen sein mag, wir wollen ihm wünschen, dass sich seine Wünsche erfüllt haben.

Der Hof des Bauern ist seither nicht mehr bewohnt. Vielleicht scheute man die viele Arbeit auf einen solchen Hof, vielleicht hat diese Tatsache aber doch noch etwas mit dem abergläubischen Denken, er sei mit einem Fluch belegt, zu tun. Wie immer dem auch sei, zumindest ist er nicht mehr bewohnt und verrottet seit ungefähr einem halben Jahrhundert.

Friedhold, der zweite Kutscher der Poststation, ging vor langer Zeit in die Stadt. Seitdem hat man nie mehr etwas von ihm gehört.

Der Förster Wilhelm ging in den Ruhestand und ein neuer Förster kam und darauf folgte wieder ein weiterer Waldhüter. So ist nun einmal das Leben.

Die Stuck- und Gipserwerkstatt, sowie auch der Meister Göbel, aus dem Nachbarort existieren ebenfalls schon lang nicht mehr. Genauere Berichte, aus welchen Gründen es zu diesen Umständen geführt hat, sind nicht weiter bekannt. Diese Tatsache ist jedoch für unsere Geschichte nicht weiter relevant.

Was unsere zwei Polizeibeamte, Doran und Mikesch, betrifft, so ist Mikesch schon vor geraumer Zeit befördert worden und in die Großstadt gegangen. Allerdings dürfte er nun, altersbedingt, schon lang nicht mehr arbeiten. Was genau aus ihm geworden ist wissen allein die Sterne.

Inspektor Doran hingegen hat zurzeit das stolze Alter von achtundachtzig Jahren erreicht und erfreut sich noch immer bester Gesundheit.

Nach dem Fall unserer Geschichte wurde er befördert, arbeitete noch eine Zeit in dieser Gegend und setzte sich dann zur Ruhe. Er hat ein kleines Häuschen erworben und da er allein ist, schreibt er seine Lebensgeschichte nieder. Zudem widmet er sich dem Angeln und einmal die Woche, immer am Wochenende, kehrt er in die Gastwirtschaft ein um, wie er sagt, einen Krug von dem köstlichen Gerstensaft zu sich zu nehmen. Dabei erzählt er gern die Geschichten aus seinem Leben, und die Gäste hören ihm ebenso gern wie interessiert zu. So bleibt es auch oftmals nicht bei nur einem Krug Gerstensaft.

Alles in Allem ist er aber, wie er selbst von sich behauptet, ein glücklicher und vom Schicksal her, reich beschenkter Mann. „Wenn es nach mir gehen würde, so möchte ich mindestens einhundert Jahre alt werden, da das Leben nicht nur schön sondern auch sehr interessant und spannend ist“, so zumindest seine eigenen Worte.

Was die Poststation betrifft, so besteht diese noch immer.

Nur Georg der Wirt ist bereits Urgroßvater, aber noch immer rüstig. Er hilft noch hier und da wo er kann. Zurzeit leitet sein Sohn „Gerold“ die Poststation sowie das Gasthaus gemeinsam mit seiner Frau „Sieglinde“. Es ist jedoch anzunehmen, dass sein Sohn „Karl“, später einmal das Familienerbe weiterführen wird.

Tobias, der damalige erste Kutscher ist noch immer auf der Poststation. Auch arbeitet er noch hier, trotz seines hohen Alters. Allerdings beschränkt sich diese Arbeit auf die Unterweisung der jetzigen Kutscher, welche in der Regel drei sind, die jedoch immer einmal wieder wechseln. Tobias sitzt so oft es ihm möglich ist in der Gaststube und berichtet von den vielen Geschichten, welche er in seinem Leben erlebt hat und dies sind nicht gerade wenig.

Was aber unsere eigentliche Geschichte von damals anbelangt, so hat man von den Passagieren, Karla der rundlichen Frau, Desiree der schlanken Frau, Heinrich dem älteren Mann und Christopher dem jüngeren Mann, nie mehr etwas gehört oder vernommen. Es waren halt nur Reisende, von denen man nicht einmal wusste wohin sie wollten.

Aber so ist es mit der Zeit. Das Leben schreibt allein seine Geschichten. Doch oftmals, wenn man nicht damit rechnet, sorgt jenes Leben dafür, dass die Zeit den einen oder anderen noch einmal einholt. So sollte es auch in unserer Geschichte sein.

                  Das Leben tat, was es immer macht. Es war Frühling und die Natur beschäftigte sich mit ihren Pflichten, welche im Grunde immer die gleichen sind. Die Natur ließ alles zu neuem Leben erwachen. Sie spielte mit den Hormonen und Gefühlen aller Kreaturen. So herrschte auch auf unserer Poststation ein geschäftiges Treiben. Kutschen kamen und fuhren weiter, ihren Zielen entgegen. Es wurden Pferde gewechselt, die Reisenden mit Speisen und Getränke versorgt und einige übernachteten auch hier, da ihr Anschluss erst am nächsten Tag weiterging. Richtig betrachtet hatte sich nichts groß verändert, außer, dass noch mehr Arbeit dazugekommen war. So florierte das Geschäft gut und man konnte sich nicht beklagen.

Doch wie das Leben so spielt. Ein einziger Satz, ein kurzes Gespräch und alles verändert sich schlagartig. Nichts von dem was gerade noch war ist mehr beständig. Es unterliegt eben alles der ständigen Veränderung. So sollte es auch an diesem Tag sein. Eine unscheinbare Unterhaltung, ein unerwarteter Zufall und ganz langsam, ohne es wirklich gleich zu bemerken, begann die Zeit sich rückwärtig zu bewegen. Das Rad der Zeit drehte sich um ungefähr fünfzig Jahre rückwärts, und dies nicht ohne Folgen und Konsequenzen.

Es war noch Vormittag und keiner auf dieser Station ahnte auch nur annähernd was dieser Tag mit sich bringt. Mit einem ziemlichem Getöse rumpelte eine Kutsche über die unebenen Wegsteine des Hofes der Poststation. Bevor der Kutscher sich um die Pferde kümmerte, hielt er zuerst direkt vor dem Eingang zur Gaststube des Wirtshauses, um dort seine Reisenden abzuladen, damit sich diese ein wenig frisch nach der beschwerlichen Reise machen konnten. Auch die meisten der Reisenden hätten bestimmt nichts gegen ein ordentliches Essen einzuwenden, schließlich war man schon viele Stunden unterwegs. Insgesamt entstiegen der Kutsche fünf Reisende. Vier Männer unterschiedlichen Alters und eine Dame mittleren Alters.

Tobias, der Kutschervormann, der zu diesem Zeitpunkt gerade an einem Tisch in der Gaststube, direkt am Fenster saß, sah dem Treiben zu. Dabei schwelgte er in alten Erinnerungen aus seiner noch aktiven Zeit, als er noch selbst vorn, hoch auf dem Kutschbock saß und das Land in alle Himmelsrichtungen durchquerte.

Verträumt sah er den aussteigenden Fahrgästen zu. Doch ganz plötzlich wurde er aus seinen Träumen herausgerissen. Ein fast halbes Jahrhundert ist eine lange Zeit, in der sich viel verändert. Auch die Menschen werden älter und verändern sich somit. Dennoch gab es etwas, dass ihn genauer Hinschauen ließ.

Nachdem die Dame ausgestiegen war, folgten ihr die Männer. Daran war nichts besonderes, wenn da nicht der dritte Mann aussteigen würde, welcher Tobias seine gesamte Aufmerksamkeit weckte. Dieser Mann war nicht mehr der Jüngste, aber sein Alter war trotzdem schwer zu schätzen. Er mag so zwischen Anfang sechzig und Ende sechzig Jahre alt gewesen sein. Es war plötzlich, als würde Tobias in eine völlig andere Zeit und somit in eine längst vergangene Welt eintauchen.

„Woher kenne ich dieses Gesicht“? sagte  Tobias zu sich selbst. Eigentlich wusste er an wen er dabei dachte, aber er wagte nicht zu glauben, dass es sich bei seinem Verdacht wirklich um jene Person handeln könnte. Hoffnung, dunkle Erinnerungen, Freude und Angst, Angst vor den Dämonen der Vergangenheit, alles drehte sich in seinem Kopf und für einen Augenblick war er nicht fähig, auch nur einen klaren Gedanken zu finden. Dann aber gab er sich einen Ruck und stand von seinem Tisch auf. Er ging zielstrebig auf die Tür der Gaststube zu um diese zu verlassen. Auf dem Hof angekommen, schritt Tobias ohne Umwege auf diesen Mann zu. Geraden Weges trat er vor den Mann, schaute diesem genau in die Augen, als wolle er sich noch einmal vergewissern und sagte dann in fragendem Ton: „Herr Christopher“? „Ja so ist mein Name, aber mit wem habe ich die Ehre“? antwortete dieser.

„Tobias, ich bin Tobias, Sie erinnern sich nicht mehr? Vor einigen Jahrzenten war ich Ihr Kutscher. Wir hatten einen Achsbruch, hier in der Nähe im Wald. Wir mussten die Nacht dort im Wald verbringen. Es war zu der Zeit, als die Sache mit dem kleinen Mädchen geschehen ist, die vom Bauern Friedrich. Erinnern Sie sich wirklich nicht mehr“?

„Aber ja, jetzt dämmert es mir, mein Gott, ich hatte diesen Teil der damaligen Ereignisse völlig verdrängt. Es ist nicht zu fassen, dass wir uns noch einmal, nach all den Jahren über den Weg laufen. Ich hoffe es ist kein schlechtes Omen. Bei der Mutter Maria, was sind wir alt geworden. Kommt mir die Angelegenheit jetzt auch so vor, als wäre sie erst gestern geschehen, so sprechen unsere Gesichter doch eine andere Sprache“. Tobias nickte zustimmend und dabei wurden seine müden Augen etwas feucht.

„Wissen Sie was", sagte Christopher, "ich habe hier einen längeren Stopp und werde erst morgen weiterfahren. Was halten Sie davon, wenn ich Sie zum Essen einlade und wir anschließend, bei einen Krug Bier die Vergangenheit noch einmal aufleben lassen, nicht dass uns jene Vergangenheit noch einmal einholt, ich bin nämlich sehr misstrauisch geworden, wenn es um Aberglaube oder Zufälle geht. Zudem würde ich fürchterlich gern erfahren, wie es Ihnen in den vielen Jahren ergangen ist“. Tobias nickte wiederum zustimmend und diesmal strahlten seine sonst müden Augen glücklich. „Ja, dies ist ein wundervoller Vorschlag. Sie können gar nicht ahnen welch große Freude Sie mir damit machen. Wenn man alt wird und nur noch, so wie die Pferde, sein Gnadenbrot bekommt, ist man froh noch einmal in eine Zeit zurückzukehren in der man etwas bedeutet hat“. Der alte Kutscher drehte sich um und begab sich zurück zur Gaststube. Sein Gang war plötzlich leicht und beschwingt und fast hätte man glauben können, dass er jeden Moment einen Luftsprung macht. So betrat er auch die Gaststube des Wirtshauses. Hinter dem Ausschank befand sich gerade der alte Georg, jener einstige Wirt dieser Poststation. Er schaute Tobias an und fragte dann, eher etwas lustig: „Na, einer hübschen Frau begegnet oder ein Verjüngungelixier genommen“? „Viel besser“, antwortete Tobias. „Ich bin der Vergangenheit gerade eben begegnet. Der liebe Gott hat mich noch einmal in die Zeit meiner besten Jahre zurückversetzt“.

Georg schüttelte nur seinen Kopf und dachte dabei, dass es sich hier um die Auswirkung von zu viel Alkohol handelte. „So ein Narr“, sagte er zu sich selbst. „In die besten Jahre zurückversetzt, auf welche Einfälle die Leute doch kommen, wenn sie etwas getrunken haben“.

Tobias konnte es kaum erwarten. Er setzte sich an den kleinen Tisch am Fenster, bestellte sich noch etwas zu trinken und begann zu warten, zu warten auf Christopher, jener Mann der seine Vergangenheit doch zu einem gewissen Teil beeinflusst hatte. Die Zeit verging schleichend. Minuten wurden zu Stunden. In dem Augenblick als der Inhalt seines Kruges sich zu leeren schien, betrat Christopher die Gaststube. Er winkte dem Kutscher erfreut zu und begab sich an seinen Tisch. Dort nahm er Platz und erkundigte sich bei Tobias, ob das Essen noch immer so gut wie damals ist. „Ich glaube fast es ist sogar ein wenig besser geworden“, erwiderte der Kutscher hinter vorgehaltener Hand.

Darauf winkte Christopher Georg zu sich, da er noch immer am Ausschank befand. Dieser eilte umgehend herbei und fragte: „was darf ich dem Herrn bringen“? Tobias lächelte dabei. „Bringe er uns zweimal von Ihrem besten Essen und dazu drei Krüge von Ihrem Bier, ich setze dabei voraus, dass Sie sich, wenn es Ihre Zeit erlaubt, zu uns setzen. Ich glaube wir haben vieles zu besprechen“. „Ich nehme Ihr großzügiges Angebot gern Dankend an“, erwiderte Georg und begab sich an seine Arbeit um den Auftrag auszuführen.

Während sich Tobias und Christopher unterhielten, indem Sie auf ihr Essen warteten, wurden sie von Georg genau beobachtet. Er wusste genau, dass er diesen Mann schon einmal gesehen hatte, aber wo? Niemals wäre er auf den Einfall gekommen, soweit in der Zeit zurückzugehen.

Das Essen war zwar noch nicht fertig, aber die drei Bierkrüge waren gefüllt. So brachte Georg zuerst die Krüge mit den Getränken an den Tisch. Er reagierte auf die Geste des angeblich Fremden und setzte sich zu den zwei Männern an den Tisch. Darauf erhob man die Krüge, prostete sich zu und trank eine kräftigen Schluck.

„Nun, haben Sie sich bereits erinnern können, woher Sie mich vielleicht kennen“? Fragte er ein wenig spitzzüngig. „Falls nicht, dann denken Sie einmal viel weiter zurück in der Zeit in der Sie meine Identität suchen“. Christopher schaute Georg dabei tief in die Augen. „Ich gebe Ihnen gerne eine Hinweis, Wölfe, Wildschweine und der Tod eines kleinen Mädchens“, sagte er ruhig um den alten Georg nicht unbedingt zu erschrecken.

„Das darf dich nicht wahr sein. Ich wusste genau ich habe Sie schon einmal gesehen, aber dass dies vor so langer Zeit war hätte ich nicht zu träumen gewagt. Natürlich, Sie sind Christopher, jener noch sehr junge Herr unter den Passagieren, damals als jenes Unglück geschah. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, nur wenn ich ehrlich bin, so denke ich nicht allzu gern daran zurück“. Das Gesicht erhielt mit einem Schlag die gleiche Verjüngungskur wie die bei dem Kutscher Tobias.

Eigentlich kam das Essen, in Anbetracht der Umstände viel zu früh. So genoss man erst jenes vorzügliche Mal, bevor die alten Zeiten hervorgeholt und auf den Tisch gelegt wurden.

Was das Essen betraf, so hatte Tobias nicht zu viel verspochen. Gesättigt und zufrieden saß man am Tisch und jeder wartete, dass irgendjemand den Anfang machte, seine Geschichte zu erzählen.

Es war Georg, der den Anfang mit einer Frage machte. „Sind Sie nur auf der Durchfahrt oder gedenken Sie hier zu übernachten? Falls ja, so bekommen Sie von mir das beste Zimmer welches wir haben“.

„Ich werde hier übernachten“, sagte Christopher, „und so viel mir bekannt ist, werden noch zwei weitere Herrn aus der Kutsche hierbleiben, bis sie ihren Anschluss bekommen“.

Noch einmal ließ man die gesamte Vergangenheit im Gespräch aufleben. Es ist doch schon merkwürdig, wie sich die Ansichten im Nachhinein verschieben. So erschien das Gespräch der drei Männer kein Ende nehmen zu wollen. Die drei waren ganz für sich allein. Um die Wirtschaft und den Betreib der Poststation kümmerte sich die Familie von Georg. Auch sie hatten von dem unerwarteten Treffen mitbekommen. Die Schwiegertochter wie auch der Sohn von Georg waren froh, dass er einmal etwas Ablenkung fand. Er war, seit seine Frau verstorben war, schon lange nicht mehr der Alte. Mit derweilen hatte jeder am Tisch drei Krüge getrunken. Es war Tobias, der urplötzlich sagte: „Wer jetzt noch fehlt ist der Inspektor Doran. Was mag wohl aus ihm geworden sein, ob er, nach all der langen Zeit überhaupt noch lebt“? „Diese Frage kann ich Ihnen beantworten“, gab Christopher zu verstehen. „Ich habe erst kürzlich mit ihm brieflich verkehrt. Von den Jahren her mag er zwar sehr alt sein, aber ansonsten ist er mehr als gut beieinander. Er lebst zurückgezogen und hat sich ein kleines Haus zugelegt. Dort frönt er seinem Hobby dem Angeln und ist seit einigen Jahren dabei seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Die ist im Übrigen auch der Grund warum wir schriftlich miteinander verkehren“, erwiderte Christopher.

„Einige Jahre nach dem damaligen Vorfall hatte ich beschlossen die Geschichte in Form eines Romans aufzuschreiben. Nach der Fertigstellung wurde der Roman angenommen und sogar veröffentlicht. Seither befinde ich mich auf Reisen und bin stets auf der Suche nach Material zu neuen Büchern. Ich glaube, im Schreiben habe ich meine Bestimmung gefunden“. Christopher machte eine kurze Pause. „Doran hatte immer ein sehr ausgeprägtes reales Denken. Sein Realismus war beneidenswert. Da ich zurzeit an einem Buch arbeite, welches doch eher sehr mystischer Natur ist, bin ich auf dem Weg zu ihm, um ihn nach seine Meinung zu fragen und unter Umständen einige Erfahrungen auszutauschen“.

„Wie, Sie befinden sich auf dem direkten Weg zu dem ehemaligen Inspektor“? Tobias schien mit einem Mal um zwanzig Jahre jünger geworden zu sein. „Na, dass nenne ich aber wirklich ein Zufall. Und wieder kreuzen sich hier die roten Fäden. Wo lebt Doran jetzt eigentlich“? „Ungefähr siebzig Kilometer südlich von hier“, beantwortete Christopher die Frage von Tobias. „Wir haben oft über diese Poststation und Ihre Personen kommuniziert. Ich glaube zu wissen, dass in der Lebensgeschichte von Doran dieser Ort und die hier geschehenden Ereignisse einen großen und besonderen Teil einnehmen“.

„Wenn dem so ist, dann bestellen Sie bitte dem Herrn Inspektor im Ruhestand einen besonders herzlichen Gruß von uns“, bat Georg Christopher. „Schade kann man die Zeiten nicht zurückdrehen, ich finde wir waren damals ein wirklich gutes Team“, sagte er noch dazu. Tobias war sehr aufgeregt und fragte Christopher gerade drauflos: „Worum geht es in Ihrer geheimnisvollen Geschichte eigentlich“?

„Ob Sie es glauben oder nicht, aber wieder einmal ist es Ihre Gegend. Nicht genau hier, aber noch nicht einmal eine halbe Tagesreise, nördlich von hier, hat man in den letzten eineinhalb Jahren fünf Frauenleichen in den Wäldern gefunden. Alle hatten eines gemeinsam, alles wurde das Genick gebrochen und der Kopf nach hinten gedreht. Viele meinen nun, dass der Teufel hier sein Unwesen treibt, da dies ja sein Profil ist. Und wieder einmal stehen sich Aberglaube und Realismus gegenüber. Man hat vor ca. einem viertel Jahr einen Mann verhaftet, von dem man glaubt, dass er ein Diener des Wahrhaftigen ist, welcher in seinem Auftrag handelt. Dabei ist dieser arme Kerl nur geistig verwirrt und weiß gar nicht was ihm angelastet wird. Er sitzt in einem Nachbarort von hier in Gewahrsam“.

Erzürnt sprang Tobias auf.

„Ich habe es gewusst, ich habe es gleich gesagt, ich weiß was ich gesehen habe, aber die Herren wissen mit ihrer Logik ja alles besser. Und ich sage es jetzt noch einmal, ich habe damals den Teufel persönlich gesehen und er wird immer an den Ort zurückkehren, an dem er schon einmal zu Gange war. Da kann kommen was will, ich sage man sollte das leer stehende Bauernhaus niederbrennen, mit samt seinem Fluch. Nur so werden wir Satan, den Leibhaftigen von hier für immer vertreiben und endlich wieder Ruhe in unserer Gegend haben“.

„Nun beruhigen Sie sich doch wieder, Georg war sichtlich bemüht“, Tobias zurück in seine alte Fassung zu bringen. Ob es nun jene drei Krüge Bier waren sei dahingestellt, Tatsache jedoch war, dass Tobias selbst bei der fünffachen Menge nicht aggressiv reagierte. Georg kannte diesen Mann fast nicht wieder.

Christopher beobachte die Sache aus einer ganz anderen Perspektive. Ihm war im Laufe der Zeit durchaus bewusst geworden, was jener Aberglaube hierzulande anrichten konnte. Er hat schon so manchen braven Bürger ins Verderben gestürzt. „Wenn ich dazu etwas sagen dürfte“, machte er sich bemerkbar. „Als erstes wäre es schön und um ein vieles einfacher, wenn wir uns mit unseren Vornahmen anreden würden und jenes unnötiges „Sie“ weglassen könnten, Ihr Einverständnis vorausgesetzt. Schließlich kennen wir uns schon so lange, auch wenn wir uns nur über einen kurzen Zeitraum gesehen haben. Aber es ist nicht die Zeit welche Menschen miteinander verbindet, sondern es sind die Ereignisse, und so wie es im Augenblick gerade aussieht, haben uns diese wieder einmal zusammengeführt“.

Der ehemalige Wirt Georg und auch der ehemalige Kutscher Tobias waren zum ersten Mal in dieser Hinsicht einer Meinung. Beide bekundeten ihr Einverständnis mit einem freundlichen Nicken. Georg stand auf und begab sich zum Ausschank der Gaststube. Dabei machte er einen sehr nachdenklichen Eindruck. Christopher und Tobias unterhielten sich in dieser Zeit sehr angeregt über das Thema Aberglaube, wobei es hauptsächlich darum ging, wo dieser vertretbar war und an welcher Stelle er einfach nur noch gefährlich werden konnte, gefährlich für das Wohl eines jeden Menschen. Es war keine streithafte Unterhaltung, sie war ganz im Gegenteil sehr aufschlussreich. Im Grunde waren beide der gleichen Meinung, sie waren nur unter ganz anderen Umständen sowie Einflüssen aufgewachsen.

Nach einer Weile kam Georg zurück. In seiner Hand hielt er noch drei Bierkrüge. „Diese Runde geht auf mich. Sie hat zwei Gründe. Zum ersten, sie soll unsere Verbrüderung besiegeln“. Er lachte etwas seltsam und man prostete zum „Du“ an. „Der zweite Grund zu dem ich jetzt komme erscheint mir als Vorschlag etwas dreist, aber ich möchte diesen doch äußern. Letztlich bestimmt Ihr ob es möglich ist oder nicht“. Er machte eine kleine Pause, nahm einen Schluck aus seinem Krug, als wolle er sich Mut machen und begann dann, anfangs etwas verhalten, zu reden.

„Du Christopher willst zu Doran, um Dich mit ihm zu beraten. Doran lebt in einem Haus ungefähr siebzig Kilometer von hier. Diese abscheulichen Taten wurden an einem Ort entdeckt, der ungefähr genausoweit in entgegengesetzter Richtung von hier liegt. Nun, unsere Station scheint fast genau in der Mitte der beiden Ziele zu liegen. Zudem könnte ich mir gut vorstellen, dass Doran einiges Interesse daran hat, jenen Ort zu besichtigen. Wie wäre es, wenn wir Doran eine Nachricht zukommen lassen um ihn zu bitten hierher zu uns zu kommen. Solange bist Du, Christopher, selbstverständlich mein Gast. Auch Doran würden wir hier selbstverständlich als unseren Gast einquartieren. Wir könnten auf diese Weise gemeinsam mit all unseren Erfahrungen an diesem Fall arbeiten. Es kann doch kein Zufall sein, dass wir uns hier, nach so langer Zeit und ausgerechnet unter diesen Umständen widergetroffen haben“.

Zuerst ging eine fast unheimliche Ruhe in der Runde herum. Keiner der Anwesenden machte den Anschein das erste Wort zu ergreifen. Alle schauten sich nur gegenseitig an. Dann, wie auf Kommando brachen alle gleichzeitig in ein Gelächter aus. „Das ist zwar die ausgefallenste Idee von der ich je gehört habe, aber warum eigentlich nicht, wir wären die vier Musketiere auf dem Weg zur Gerechtigkeit“, platzte Tobias, von einem Lachanfall begleitet hervor. Bis spät in die Nacht hinein diskutierten die drei Männer miteinander. Es war ein eher lockeres Gespräch und es wurde viel gelacht. Dennoch nahm die Idee von Georg mehr und mehr Form an, und bevor man sich versah war ein Plan geschmiedet, den alle beteiligten für gut befanden.

Es mag bereits die elfte Stunde gewesen sein, die Gaststube war, bis auf die drei Männer, vollkommen leer. „Ich glaube wir sollten den heutigen Abend beenden und zu Bett gehen, morgen ist schließlich auch noch ein Tag und wir haben uns viel vorgenommen“, bemerkte Christopher als er sich so umschaute und die leere Wirtsstube sah. Gesagt, getan. Die kleine Truppe der Verschworenen ging nach oben wo sich noch immer die Zimmer befanden und jeder suchte sein gemach auf. Dann wurde es dunkel und ruhig im gesamten Haus.

Die Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle. Alle schliefen tief und fest, woran letztlich auch das Bier beigetragen haben mag. Alle bis auf einen.

Es war Tobias, der sich im Schlaf, von den schlimmsten Träumen geplagt, herumwarf. Er träumte von Teufelswesen, kleinen Mädchen und toten Frauen. Im Traum erschien es ihm so, als wäre er bei allen Missetaten dabei gewesen. Die Antwort auf all das Geschehen konnte er, wie hinter einem Nebel erahnen und doch nicht erkennen oder gar deuten.

                                  Am nächsten Morgen, es war so um die achte Stunde, betrat Tobias und Christopher die Gaststube. Der Frühling zeigte sich von seiner besten Seite. Die Sonne schien bereits durch die Fenster und in der Luft lag das pure Leben, so dass man es förmlich riechen konnte. Georg, der ehemalige Gastwirt war bereits auf den Beinen. Er begrüßte die beiden Männer. Als hätte er sie bereits voller Ungeduld erwartet. „Ich wünsche einen guten Morgen“, sagte er zu den zwei. „Ich hoffe Ihr habt gut geschlafen“. „Ich für meinen Teil kann mich nicht beklagen, ich glaube, ich habe schon lange nichtmehr so tief und fest eine Nacht durchgeschlafen“. Er machte in der Tat einen sehr erholten Eindruck. „Seit ungefähr fünf Uhr bin ich bereits auf den Beinen“, bemerkte er. „Da ich ohnehin wach war und nicht geglaubt habe, dass Ihr den Entschluss von gestern zurückzieht, habe ich bereits einen Brief an den Inspektor entworfen“. Er zog einen Bogen Papier aus seiner Tasche und legte in den anderen zwei Beteiligten vor. Tobias sah weniger glücklich aus. „Ich für meinen Teil hatte eine grauenvolle Nacht. Ich träumte die wildesten Träume und fühle mich heute so, als wäre ich unter einen Vierspänner gekommen. Wenn wir zuerst einen Kaffee nehmen könnten und dann oder von mir aus auch dabei jenen Brief lesen würden, wäre ich Euch sehr dankbar. Das bedeutet aber nicht, dass ich meine Meinung zu dem Vorschlag von gestern geändert habe“. So holte man sich zuerst einen kräftigen und heißen Kaffee. Nachdem man diesen schweigend ausgetrunken hatte, sagte Tobias zu den anderen: „So Georg, nun zeige uns doch einmal Deinen Entwurf von diesem Brief“. Georg legte das Papier auf den Tisch und die beiden anderen begannen zu lesen.

 

Mein lieber Inspektor Doran,

         Sie werden sich sicherlich über diese Zeilen wundern, aber wie durch eine Vorhersehung hat uns das Schicksal hier auf jener Poststation von damals, zusammengeführt. Uns heißt genau gesagt, Tobias der alte und ehemalige Kutscher, welcher noch immer für mich tätig ist. Ich, Georg, der einstige Besitzer dieser Poststation und Gasthaus lebe auch noch hier. Mein Sohn hat allerdings die Station sowie das Wirtshaus übernommen.

Umso überraschter waren wir, als wir gestern Christopher, als Reisenden hier erblicken mussten. Zuerst wollten wir gar nicht glauben, dass er es wirklich ist. So kamen wir ins Gespräch, uns er berichtete uns, dass er noch immer, nach all den vielen Jahren, mit Ihnen brieflich in Verbindung steht. Des Weiteren stellte sich heraus, dass er sich auf direktem Wege zu Ihnen befindet, um über einen Fall zu beratschlagen, der sich hier ganz in der Nähe ereignet hat. Auch erzählte er uns, dass er seit einigen Jahren zum Schriftsteller von Romanen geworden ist. Es ist uns auch bekannt, dass Sie nicht weit von hier ein kleines Haus erworben haben, wo Sie Ihre Lebensgeschichte niederschreiben, was uns sehr erfreut hat.

Nachdem wir gestern bis spät in die Nacht zusammengesessen haben und unsere Erinnerungen austauschten, kam und der Gedanke, dass Sie möglicherweise selbst gern hierher zu uns kommen würden und wir gemeinsam, so wie in alten Tagen, uns dem Fall widmen. Sie sind selbstverständlich von mir auf das Herzlichste eingeladen.

Es wäre einfach wunderbar, wenn wir auf diese Weise noch einmal die Vergangenheit aufleben lassen könnten. Immerhin sind wir in unseren Herzen und im Kopf noch immer jung geblieben.

Wir schicken Ihnen diesen Brief per Eildepesche in der Hoffnung, Sie könnten sich mit unserem Vorschlag einverstanden erklären. Bitte antworten Sie uns so schnell wie es nur möglich ist, da wir alle sehr ungeduldig auf Ihre Entscheidung sind.

So verbleiben wir in Erwartung

Ihre alten drei Freunde

 

 „Nun“, fragte Georg nach einer Weile des Schweigens, „was sagt Ihr dazu“? „Hervorragend“ sagte Christopher und selbst Tobias war richtig begeistert. „Wir sollten den Brief gleich mit der ersten Post abschicken, mit etwas Glück bekommt Doran diesen dann noch heute“, meinte Christopher. Und so geschah es dann auch. Schnell war der Brief ins Reine geschrieben und bereits mit der nächsten Kutsche fuhr er Doran entgegen, der von all dem noch nichts ahnte.

Der Morgen unterschied sich, für die gewöhnlichen Fahrgäste sowie den Betreib auf der Poststation, nicht von den anderen. Nur jene eingeschworene Gruppe der drei Herren nahm diesen Morgen in einer anderen Weise war. Alle drei fühlten sich um eine vieles jüngere und voller Dynamik. Genauso wie der Frühlingsmorgen, welcher die Natur zu neuem Leben erweckte. Alles, das ganze Leben schien auf einmal wieder einen richtigen Sinn zu haben. Es war die in Aussichtstehende Aufgabe, welche unsere Abenteurer beflügelte. Wie wohl Doran, der ehemalige Inspektor auf den Brief und dessen Inhalt reagieren würde? Spannung lag in der Luft. Eine schier unerträgliche Spannung. Aber es half alles nichts, man konnte jetzt nur abwarten.

Gegen neun Uhr wurde das Frühstück eingenommen. Tobias, Georg und Christopher saßen an dem gleichen Tisch wie am Vorabend. Die Sonne schien warm durch das Fenster und man genoss den wunderbaren Ausblick, ebenso wie man das lebhafte Treiben auf dem Hof der Station beobachtete.

„Da Du ja nun doch länger zu bleiben scheinst, schlage ich vor, wir Frühstücken zu Ende und ich zeige Dir dann Dein Zimmer. In der kleinen Übernachtungskammer ist das nichts. Danach können wir ja schon einmal über den Fall reden, was man eben bisher weiß“, bemerkte Georg zu Christopher. Dieser war mit dem Vorschlag sofort einverstanden. „Und am Nachmittag könnten wir drei ja vielleicht einen Spaziergang zu dem alten und verfallenen Bauerngehöft machen. Es wohnt schon lange keiner mehr dort, aber unter Umständen finden wir sogar den einen oder anderen Hinweis dort“, schlug nun Tobias vor und seine Augen leuchteten dabei.

„Kein schlechter Vorschlag“, bemerkte Christopher. „Im Augenblick können wir ohnehin nichts weiter machen als uns die Zeit zu vertreiben und abzuwarten“.

In aller Ruhe nahm man das reichliche Frühstück zu sich. Die Unterhaltung während dessen hatte nur wenig mit der Thematik des Vorhabens zutun. Vielleicht weil man befürchtete, dass sich Doran dagegen entscheiden könnte und somit alles scheitern würde. So redete man über alles Mögliche. Über all die Veränderungen in den letzten Jahrzenten, was es in der heutigen Zeit alles für Neuerungen gab und wie lange es wohl noch mit der Poststation dauern würde, bis sich diese auch durch eine Neuerung ersetzten ließ. Die Zeit verging nur sehr schleichend. Es gab wohl kein Thema welches nicht angesprochen wurde. Der Betrieb der Poststation verlief unbehelligt von diesem Geschehen, reibungslos wie immer. Kutschen kamen und Kutschen fuhren wieder ab. In allen Himmelsrichtungen herrschte rege Bewegung. Noch konnte keiner, nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ahnen, was dieser heutige Tag noch alles an Überraschungen mit sich bringen würde.

So war es kurz vor der allgemeinen Mittagszeit, was so gegen ein Uhr war, als eine Kutsche auf den Hof der Station ankam. Nur zwei Fahrgäste verließen die Kutsche. Es handelte sich hierbei um eine Frau fortgeschrittenen Alters und einen verhältnismäßig jüngeren Mann. Was den Mann anbelangte, so war dieser durchschnittlich gekleidet. Er reiste auffälliger Weise mit wenig Gepäck. Dazu machte er den Eindruck sich vor etwas verstecken zu müssen. Jede Frage der sich begegnenden Fahrgäste, so wie es üblich war: „Haben wir uns schon einmal gesehen, oder „kann es sein, dass wir uns kennen“ und letztlich: „Sind Sie schon des Öfteren in dieser Gegend gewesen“, beantwortete er stets mit einer gewissen unerklärlichen Aggression. Ansonsten war er eher eine unscheinbare Erscheinung. Es hatte fast den Anschein, als wollte er nicht unbedingt auffallen, am liebsten unsichtbar sein. Alles in allem ein recht merkwürdiger Mann. Vom Alter her war er nur sehr schwer zu schätzen. So zwischen vierundzwanzig und siebenundzwanzig Jahre hätte man meinen können. Als er darauf angesprochen wurde, ob er noch am gleichen Tag weiterreisen oder über die Nacht hier bleiben würde, antwortete er mit kurzen Worten: „Ich werde hierbleiben. Mein Reiseziel steht noch nicht endgültig fest. Ich kann daher nicht mit Sicherheit sagen, wann ich meine Reise fortsetze“. Darauf wandte er sich von den restlichen Leuten ab und betrat die Gaststube. Er schaute sich kurz um und nahm dann an einem kleinen, einzelnen Tisch in der Nähe des Ofens Platz. Da es nicht im Geringsten kalt war, lag der Verdacht nahe, er hätte diesen Platz nur gewählt, da er der einzige war, der abseits und vollkommen allein stand. Vielleicht wollte er auch nur seine Ruhe haben, aber dennoch auffallend merkwürdig.

Die Frau, die mit jenem Mann zusammen ankam, war fortgeschrittenen Alters. Es war eine hübsche, schlanke Frau. Sie war auffallend gut gekleidet und hatte eine besondere Ausstrahlung.

Christopher und auch Tobias beobachteten die Frau von ihrem Tisch aus durch das Fenster. Deutlich konnte man erkennen, dass die beiden Männer Überlegten. Dann, wie aus einem Munde sagten die beiden Herrn fast gleichzeitig: „Irgendwoher kenne ich diese Frau. Ich bin mir sicher, ihr schon einmal begegnet zu sein, aber wo“? Dann schauten sich die beiden Männer plötzlich an als hätten sie gerade eben ein Gespenst gesehen. Ihre Augen waren weit aufgerissen und man sah ihnen deutlich die Überraschung an. „Aber natürlich, ich kann es nicht fassen, aber sie ist es ganz sicher, wie hieß sie doch gleich“? Christopher war außer sich. Er hatte sie erkannt. Es war die Frau, die damals zusammen mit ihm der etwas rundlichen Dame und dem älteren Herrn in der Kutsche mit dem Achsbruch saß. „Desiree, Desiree heißt sie, rief Tobias, der sie ebenfalls widererkannte. Mein Gott, dass kann doch nun wirklich nichts mehr mit Zufällen zu tun haben“. Tobias war außer sich vor Aufregung. „Was in drei Teufelsnamen macht diese Frau ausgerechnet jetzt hier an diesem Ort“, fragte er die anderen beiden am Tisch. Die Drei sprangen von ihrem Tisch auf und eilten hinaus auf den Hof der Poststation, über das holprige Pflaster direkt zu der Frau, welche gerade gemächlichen Schrittes sich dem Gasthaus nähern wollte. Bei ihr angelangt und vor Aufregung noch ganz außer Atem, war es Christopher, der sie ansprach: „Sie werden verzeihen, aber ich, das heißt, wir sind uns sicher Sie zu kennen“. Dabei zeigte er auf Tobias und Georg. „Sie werden sich vielleicht nicht mehr an uns erinnern, aber wir sind uns hier auf dieser Poststation, vor vielen Jahren schon einmal begegnet“.

Er legte eine Pause ein um ihre Reaktion abzuwarten.

Die Frau lächelte und sagte: „Wie könnte ich diese Tage in meinem Leben wohl jemals vergessen? Natürlich kenne ich Sie, und es freut mich umso mehr Sie bei bester Gesundheit vorzufinden. Wie geht es Ihnen? Bitte lassen Sie mich raten“. Desiree betrachtete einen nach den anderen. „Sie dürften Christopher sein, der Fahrgast, welcher damals mit uns die Unglückskutsche mit uns teilte. Sie hingegen müssten Tobias der Kutscher von damals sein, und Sie sind dann Georg, der diese Poststation leitete. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen“.

Lachend betrachtete sie alle drei Männer nacheinander.

„Ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht mit der Tatsache Sie heute hier anzutreffen“, sagte Sie. „Sagen Sie Herr Georg, arbeiten Sie noch immer als Leiter dieser Station“? „Nein“, erwiderte dieser, „darum kümmert sich schon lange mein Sohn und seine Frau. Später wird dann vielleicht einmal unser Enkel den Betrieb übernehmen, aber wer weiß schon, was bis dahin geschieht“. „Dann gehe ich einmal davon aus, dass der Herr Tobias auch nicht mehr auf dem Kutschbock sitzt sondern sich eher um die Kutscher kümmert, damit diese ihre Arbeit auch richtig verrichten, schließlich will man ja keinen Achsbruch riskieren“, bei diesen Worten lachte sie ein wenig verschmitzt Herrn Tobias an. Tobias verstand den Spaß und grinste zurück, „so ist es. Es ist erstaunlich welch ein Gedächtnis und was für eine Kombinationsgabe Sie haben, gnädige Frau“.

Nun wandte sich jene Desiree Christopher zu.

„Was ich jedoch nicht deuten kann ist Ihre Anwesenheit hier. Ich kann mir nur schwerlich vorstellen, dass Sie hier sesshaft geworden sind, und dass wir hier zufällig zusammentreffen will ich auch nicht so recht glauben“. Sie schaute Christopher erwartungsvoll an. „Dies ist eine lange Geschichte, die so unglaubwürdig wie unmöglich erscheint“, mischte sich nun Georg in das Gespräch. „Ich schlage vor, da es ohnehin gerade Mittagszeit ist, begleiten Sie uns an unseren Tisch und wir erzählen Ihnen beim Essen die ganze merkwürdige Geschichte, oder müssen Sie in den nächsten Minuten schon weiter“? „Nein“, erwiderte Desiree. „Ich fühle mich geehrt und nehme Ihr Angebot gern an, da Sie meine Neugier jetzt geweckt haben“. So betraten die vier die Gaststube und begaben sich an den Tisch, an dem sie zuvor zu dritt gesessen hatten. Das Essen wurde gebracht. Die Männer tranken einen Krug Bier und Desiree nahm ein Glas von dem Süßmost. Während die kleine Gesellschaft speiste erzählten die Männer abwechselnd jene Geschichte die sich hier in den letzten zwei Tagen ereignet hat. Dabei legte ein Jeder großen Wert darauf, dass auch nicht die kleinste Kleinigkeit ausgelassen wurde, so das Desiree am Ende des Berichtes peinlich genau über alles informiert war. Man kann sich lebhaft an Hand des vorangegangenes Gespräches vorstellen, dass Desiree ihren Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu bekam. „Würde ich an Zufälle glauben, so würde mich spätestens jetzt mein Glaube verlassen“, sagte Desiree hierauf. „Ich hoffe nur, dass Doran, der ehemalige Inspektor diesem Abenteuer zustimmt und auch mit von der Partie ist“, sagte sie noch schnell hinterher.

„Darf ich fragen, wann Sie gedenken weiterzureisen“? Fragte Tobias. „Nun, eigentlich hatte ich in drei Stunden Anschluss, aber in Anbetracht der Tatsachen würde ich zumindest gern die Entscheidung von Doran abwarten, schließlich kommen wir nie mehr so jung zusammen. Wenn es Ihnen also nichts ausmacht und noch ein kleines Zimmer für mich frei wäre, so würde ich mich gern hier einquartieren“. „Aber haben Sie den nicht etwas wichtiges vor“, gab Georg zu bedenken. „Papperlapapp, was kann wohl wichtiger sein als gute Freunde“, sagte Desiree und es klang mehr nach einem Befehl als eine Erklärung.

                 Die Mittagszeit war vergangen, das Essen war aufgegessen und es hatte wie immer köstlich gemundet. Man zeigte darauf Desiree ihr Zimmer, mit welchem sie mehr als nur zufrieden war. So suchte man anschließend wieder die Wirtsstube auf, setzte sich an den Tisch und begann Pläne zu schmieden. „Wollten wir nicht zu der Ruine des alten, verlassenen Bauernhofes wandern um uns dort ein wenig umzusehen“, fragte Georg. „Das wäre eine gute Idee, wenn wir nicht allzu sehr trödeln, so können wir noch vor Sonnenuntergang zurück sein“, ließ Christopher von sich hören. So packte man etwas Proviant ein, machte sich für eine Wanderung bereit und marschierte zu viert los.

Es war ein Tag wie geschaffen für diesen Erkundungsausflug. Der Hof den man aufsuchen wollte war etwa dreißig Minuten von der Poststation entfernt. Die Luft war lau und die Sonne schien in ihrer ganzen Schönheit. Der Himmel strahlte in einem tiefen blau dazu. Ohne eine Pause einzulegen erreichte die Gruppe das Ziel.

Der Bauernhof von dem verstorbenen Friedrich lag vor ihnen. Er befand sich wirklich in einem fürchterlichen Zustand. Gut konnte man erkennen, das hier seit mindestens zwanzig Jahre nichts mehr gemacht wurde. Das Holz des Hauses war morsch und ein großer Teil der Steinmauern waren bereits von langer Zeit eingestürzt. Unkraut und Gräser hatten den Hof für sich erobert. Die einzigen Tiere, welche hier noch lebten, waren wilde Tiere, die sich in dem Gebälk ihre Nester oder Wohnstädten eingerichtet hatten. Wald und Wiesen hatten das Refugium des Bauernhofes zurückerobert. In gewisser Weise sah es unheimlich aus. Auf der anderen Seite sah man, wie doch alles vergänglich war. Hier lebte einst eine glückliche Familie. Nie hätte diese ihr Schicksal auch nur geahnt. Das Einzige was hier nicht ersichtlich war, war ein Fluch. Wenn man dieses friedliche Stückchen Erde sah, so konnte man sich nur sehr schwer vorstellen, dass ein Fluch einen solch folgeschweren Schaden anrichten kann.

Eigentlich hatten alle vier, die hier anwesend waren, fast die gleichen Gedankengänge. In einem Gedanken glichen sich jedoch alle. Es war die grundlegende Frage, was ist eigentlich ein Fluch? Desiree musste daran denken, dass dieser Begriff bei uns Menschen schon fast Gang und Gebe war. Wie oft sprachen wir dieses Wort wohl aus, ohne weiter ernsthaft darüber nachzudenken. Es schien jedoch, als gäbe es diesen Begriff und seine Angst davor nur bei dem Menschen. Soviel sie auch darüber nachdachte, sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Tier sich vor einem Fluch fürchten würde. Kann es überhaupt solche Denkvorgänge vollziehen, obwohl die Angst doch eher ein Reflex der Natur ist, dachte sie plötzlich. Dies hingegen würde aber bedeuten, dass es in der Natur überhaupt nicht so etwas wie einen Fluch gibt. Es geht hier also um eine rein religiöse Darstellung, welche obendrein nicht einmal mit der Natur einstimmig ist. Desiree drehte sich alles in ihrem Kopf. Sie setzte sich auf einen Stein und versuchte, indem sie die wunderschöne Landschaft bewunderte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Christopher, Georg und Tobias waren derweil in eine lebhafte Unterhaltung vertieft, bei der es darum ging, ob es Unglück bringen würde, wenn man das Grundstück oder gar den Rest des Hauses betreten tät. Die Meinungen hierzu waren recht unterschiedlich, um genau zu sein, jeder der drei Männer hatte seine eigene Ansicht hierüber. „Redet doch nicht solch ein Schwachsinn daher“, meldete sich Desiree auf einem Mal zu Wort. „Was sollte das wohl für ein Fluch sein“? „Glaubt Ihr allen Ernstes, dass das böse Wort über Generationen hinweg Menschen oder Familien ins Unglück stürzen könnte? Wenn dem wirklich so wäre, dann dürfte es so gut wie keine Menschen mehr auf Erden geben. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Lebewesen der Erde eine solche Macht ausüben könnte. Ergo, es gibt keinen Fluch, sondern nur altes abergläubisches Geschwätz von Leuten, die es nicht besser wissen“. Darauf drehte sich die Frau, in Richtung Haus, zw. Hof um und ging direkten Schrittes darauf zu. „Was wartet Ihr Männer? Sie werden doch nicht wirklich Angst oder Bedenken haben“? Ihre Worte klangen eindeutig nach einer Herausforderung. „Schließlich sind wir hierhergekommen um unter Umständen etwas zu finden, einen Hinweis oder Ähnliches. Was genau wir suchen kann ich selbst nicht sagen, aber zumindest waren wir uns bei diesem Vorhaben einig“. Dies hörte sich nichtmehr nach einer Diskussion an sondern nach einem Befehl.

Die drei Männer folgten ihr, obwohl sie dabei nicht unbedingt glücklich oder sicher fühlten. Langsam näherte sich die kleine Gruppe dem Hof. Aus der Nähe betrachtet sah dieser noch schlimmer aus als zuvor vom Weiten. Das Unkraut stand ungefähr Kniehoch und der gesamte Hof des Bauernhauses war damit übersät. Selbst Bäume, wie Birken hatten hier bereits gewurzelt und eine beträchtliche Höhe erreicht, wobei diese an den unmöglichsten Orten standen. Die Gräser und Wildpflanzen, welche bereits im Frühjahr blühten, zeigten sich in der ganzen Fülle ihrer Vielfalt. Nur ein paar Meter von unseren vier Abenteurern entfernt stand das eigentliche Bauernhaus. Links und rechts davon erstreckten sich die ehemaligen Ställe und Scheunen. Das gesamte Gehöft war in der Form eines Hufeisens, also einem „U“ angeordnet.

Die Dächer der Gebäude waren teilweise abgedeckt oder eingebrochen. Die Fenster des eigentlichen Bauernhauses waren zum größten Teil entzwei. Die Eingangstür, zu der eine kleine Treppe von drei Stufen führte, bestand aus Holz welches marode und teilweise gebrochen war. Auch hing diese Tür nur noch an einem Scharnier, so dass sie zur Hälfte offen stand. Die Gruppe verlangsamte ihren Schritt umso näher sie dem Haus kamen. Man sah in diesem Augenblick nicht die Natur und ihre Wunder, sondern nur das Haus, und dieses sah unheimlich aus. An dem Gebäude angekommen begann man die drei Stufen der Treppe heraufzusteigen. Selbst Desiree tat dieses sehr langsam, so dass man sich fragen konnte, ob sie nicht doch Bedenken bekommen hätte.

Dann standen alle vor jener Tür. Es war Christopher, welcher versuchte die Tür aufzustoßen. Dieses Unternehmen erwies sich als schwerer als er anfangs dachte. Jahreszeiten und Wetter hatten ihre Spuren hinterlassen. So öffnete sich die Eingangstür nur sehr schwer und unter dem lauten Geräusch eines Gemisches aus Knarren und Quietschen. Im Eingangszimmer konnte man im dämmerigen Licht, einen Raum erkennen, der mehr oder weniger vorwiegend aus Staub, Schmutz und Spinnengeweben bestand. Hier und da waren noch einige Möbel, welche jedoch im gleichen Zustand wie das gesamte Haus waren, zurückgeblieben. „Was ist eigentlich aus dem Bauern Friedrich geworden“, fragte Christopher die Anderen. „Keiner weiß es wirklich genau. Alle haben da nur ihre Spekulationen. Die Einen behaupten, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, andere wiederum sagen er sei fortgegangen und habe sich das Leben genommen. Es gibt sogar einige wenige, die behaupten zu wissen, dass der Teufel persönlich in geholt hat, ebenso wie angeblich seine kleine Tochter. Es soll irgendwie mit dem Fluch zusammenhängen“, antwortete Tobias. „So langsam kann ich das Wort Fluch nicht mehr hören“, sagten Desiree und Christopher wie aus einem Munde. „Was hat das mit dem Fluch eigentlich auf sich, kennt jemand die Geschichte“, fragte Desiree und machte dabei ein sehr skeptisches Gesicht.

„Den Ursprung weiß im Grunde keiner so richtig genau“, sagte Georg. Sie wissen ja selbst wie so etwas ist, „im Laufe der Zeit erfindet jeder seine eigene Teilversion dazu und die Wahrheit verschleiert sich immer mehr, bis am Ende keiner mehr weiß wie es wohl wirklich am Anfang gewesen ist“. „Darüber musst Du mir unbedingt noch mehr erzählen“, sagte Christopher zu Georg. Die kleine Gruppe der vier Abenteurer begannen zuerst das Bauernhaus und dann die Nebengebäude zu untersuchen. Sie stöberten in allen Ecken, so dass sie am Ende ebenso schmutzig wie die Gebäude selber waren. Es gab jedoch nichts zu finden, zumindest nichts was von einer bestimmten Bedeutung gewesen sein könnte. Am Ende sahen die Vier aus, als würden sie in einem Bergwerk arbeiten und gerade zu Tage kommen. Eine gewisse Endtäuschung ließ sich bei allen nicht ganz unterdrücken. Selbst Desiree hätte sich in diesem Augenblick gewünscht, dass es diesen Fluch wirklich geben würde und man hier einen Hinweis auf diesen gefunden hätte. „Genau betrachtet, ist außer einer wahrhaft schmutzigen Endtäuschung nichts weiter bei unserer Expedition herausgekommen“, bemerkte Tobias und die Anderen gaben ihm in dieser Hinsicht vollkommen recht.

Die Zeit war vergangen und jeder verspürte ein wenig Hunger und Durst. So setzte man sich im Erdgeschoss des Bauernhauses auf eine sich bietende Sitzgelegenheit und es wurde der mitgebrachte Proviant ausgepackt. Es handelte sich dabei nicht unbedingt um viel oder besondere Spezialitäten, es war nur etwas um die notwendigsten Bedürfnisse zu stillen. Essen konnte man ja wieder auf der Poststation. Zudem kam noch jene Tatsache, dass keiner der vier unbedingt übermäßig viel auf dem Ausflug hierher mit sich tragen wollte. Inmitten der schmutzigen Umgebung begann man also seinen Hunger sowie Durst zu stillen.

„Alles reine Natur“, sagte Tobias. „Wenn Ihr wüsstet unter welchen Voraussetzungen ich schon überall essen und schlafen musste, in der Zeit, als ich noch auf dem Kutschbock gesessen habe, würden sich Euch die Nackenhaare sträuben“. „Das kann ich mir gut vorstellen“, erwiderte die Frau und sah dabei Tobias fast ein wenig bewundernd an. Die Unterhaltung während des Essens drehte sich überwiegend um all die unerklärlichen Dinge, die in unserer Welt vorkommen und von denen man nicht weiß, ob diese glaubhaft sind oder nicht. So verging die Zeit, und als man das eher dürftige Mahl verzehrt hatte war es Georg, der folgenden Vorschlag machte: „Ich würde vorschlagen, dass wir uns noch einmal auf dem Hof und in allen Räumen umsehen, damit wir auch wirklich nichts übersehen haben. Dann sollten wir uns auf den Rückweg begeben. Ich würde gern noch vor Einbruch der Dämmerung auf der Poststation eintreffen. Die Population mancher wilden Tiere, wie zum Beispiel das Schwarzwild, welches in der Dämmerung aktiv wird, hat in der letzten Zeit stark zugenommen und ich möchte, offen gestanden nicht gerade mit einem solchen Tier zusammenstoßen“. Alle Anwesenden erklärten sich einstimmig mit diesem Vorschlag einverstanden.

So machte man also noch einmal an eine weitere gründliche Untersuchung des Gehöftes. Dazu teilte man sich diesmal in zwei Gruppen zu je zwei Personen auf. Georg und Tobias bildeten das erste Paar, Desiree und Christopher das zweite Paar. Dabei sollten Desiree und Christopher den Hof, also alles was außerhalb der Gebäude war, untersuchen, während Georg und Tobias die Häuser noch einmal gründlich in Augenschein nahmen.

Er verging einige Zeit und die kleine Gruppe hatte bereits jene Hoffnung, doch noch auf einen Hinweis zu stoßen, so gut wie aufgegeben. So wollte man gerade abbrechen, als Christopher plötzlich rief. Der Ruf kam aus der Richtung, wo die ehemaligen Stallungen am hinteren Teil des Wohnhauses anschlossen, also von der Rückfront des Wohnhauses. Sofort eilten Georg und Tobias dorthin. Sie fanden Desiree und Christopher, kaum sichtbar da Gräser und Unkraut in Brusthöhe standen, inmitten des gesamten Gestrüpps dicht an der Hauswand stehend. Vor den Füssen von Christopher lag ein großer Steinhaufen von Natursteinen. Es machte den Anschein, als wären diese Steine in damaliger Zeit vom Acker ab gesammelt worden, damit der Pflug keinen Schaden nehmen konnte. Hier, an dieser Stelle hatte Friedrich der Bauer sie wahrscheinlich abgelegt um diese dann später zu verarbeiten. Der besagte Steinhaufen war, bedingt durch die verstrichene Zeit, teilweise mit Erde und im Gesamten mit Kräutern, Wildblumen und Gräser bedeckt.

„Ein Steinhaufen“, meinte Tobias und seine Stimme klang dabei etwas spöttisch. „Und was soll daran nun so besonderes sein“? Tobias fragte doch etwas vorsichtig, da er sich nicht vorstellen konnte, dass Christopher allein wegen diesem Haufen solch ein Aufheben gemacht hätte. „Komm doch bitte einmal etwas näher heran, fällt Dir nichts auf“, fragte der Mann Tobias. Tobias sowie auch Georg traten näher an die besagte Stelle heran und betrachteten jenen Steinhaufen genauer. Mit einem Mal wurde deutlich was Christopher gemeint hatte. Unter dem Steinhaufen, begraben von Erde, Pflanzen und Schutz war der kleine Teil einer hölzernen Falltür, welche in den Boden zu führen schien, sichtbar. „Wo diese wohl hinführt und welche Bedeutung sie einmal hatte“? bemerkte Desiree.

Die Männer machten sich dabei und versuchten die besagte Falltür von den Steinen zu befreien, was sich allerdings als ein sehr schweres Unternehmen herausstellte. „Ich glaube nicht, dass wir jenes Vorhaben heute noch umsetzen können. Daher schlage ich vor, wir kommen gleich morgenfrüh wieder und bringen etwas Werkzeug mit. Dann sollte es möglich sein, den Eingang freizulegen. Für heute, so glaube ich, sollten wir so langsam aber sicher den Heimweg antreten“, gab Georg zu bedenken. Hierauf gab es keinen Einspruch. So packte man seine Sachen zusammen und verließ den Bauernhof.

Nachdem man einige hundert Meter gegangen war, blieb die Gruppe noch einmal stehen und schaute sich schweigend um. Keiner von ihnen sprach dabei kein Wort, aber jeder machte sich seine Gedanken. Gedanken welche sich nicht unbedingt alle miteinander glichen.

Darauf legte man einen Schritt zu und begab sich auf direktem Weg in Richtung Poststation.

                  Auf der Poststation wieder angelangt, erwartete die Gruppe eine Überraschung, mit der sie nun überhaupt nicht gerechnet hatten. Es war zwar bereits später Nachmittag und das Essen zu vier Uhr war bereits abgeschlossen. Dennoch sollten die Heimgekehrten noch etwas Gutes zum Essen bekommen. Sie betraten die Gaststube des Wirtshauses und blieben im selben Augenblick wie angewurzelt stehen. Sie glaubten ihren Augen nicht. An einem Tisch, nahe der Fensterbank saß ein Mann und lächelte sie an. Ein Mann den sie alle gut kannten. „Inspektor Doran“, sagte Georg der einstige Besitzer der Poststation. „Mein Gott, wir sind zwar alle älter geworden, aber Sie scheinen sich überhauptnicht verändert zu haben. Was machen Sie? Und vor allem, was machen Sie jetzt schon hier? Wir hatten vermutet, dass Sie, wenn Sie überhaupt kommen, erst in zwei oder drei Tagen eintreffen würden. Wie haben Sie dieses Phänomen nun wieder fertiggebracht“? Nicht nur Georg, auch die Anderen waren völlig außer sich vor Erstaunen und Freude. „Nun ich hatte heute gegen Mittag Ihren Brief erhalten und dabei gedacht, ich könnte gleich die Gelegenheit nutzen und mit der Kutsche, welche die Post und damit auch den Brief brachte, hierher zurückfahren, was wie man sieht viel Zeitersparnis gebracht hat“. Während er so redete, schaute er jeden Einzelnen an. Dabei lächelte er die ganze Zeit freundlich und mit einer tiefen Zufriedenheit. „Wahrlich, es scheint wirklich keine Zufälle zu geben“, sagte er zu den Anderen. „Wo sind nur all die vielen Jahre geblieben“? Er machte bei dieser Bemerkung ein sehr nachdenkliches Gesicht. Die Begrüßung war mehr als das man sie nur herzlich nennen könnte. Als alle am Tisch bei dem Inspektor Doran platzgenommen hatten, entschuldigte sich die kleine Gruppe erst einmal für ihr Aussehen und gab auch gleich den Grund hierfür an.

„Aber ich bitte Sie“, sagte Doran. „Bevor wir uns jedoch mit der eigentlichen Thematik beschäftigen würde ich gern wissen, wie es ihnen in den letzten Jahrzenten ergangen ist. Schließlich ist, seit unserer einzigen und letzten Begegnung viel Zeit in Land gegangen“. Es sollte ein sehr gemütlicher Nachmittag werden. Über so gut wie alles, was in dieser Zeit einem Jeden widerfahren ist. Ein Gerede löste das andere ab. Jeder hatte mehr oder weniger zu berichten und alle der Zusammensitzenden übertrafen sich darin gegenseitig. Man sprach über alte Zeiten und was wohl aus all denen geworden ist, von denen man nichts mehr gehört hatte. Auch erinnerte man sich an die Verstorbenen und gedachte ihrer. Die Zeit verging bei all den Gesprächen wie im Fluge. Als das Abendbrot gedeckt wurde, kam die Zeit wieder ins Spiel. Wie unbemerkt sie doch in einer solchen Unterredung vergehen kann, ohne dass man dies bemerkt. Das Abendbrot war ein wahrer Genuss. Man speiste und trank wie in alten Zeiten. Es war Georg, der als erster das Wort ergriff, auf welches wohl bereits jeder der Gruppe bereits die ganze Zeit gewartet hatte. Georg schaute den ehemaligen Inspektor Doran an und fragte ihn geradezu: „Herr Doran, wir haben Ihnen geschrieben und einen Vorschlag unterbreitet. Es läge einem jeden von uns sehr viel daran, wenn wir Sie für unser Vorhaben gewinnen könnten. Sagen Sie uns bitte die Wahrheit, aber bitte Ihre wirkliche Meinung, denn ich glaube es hält hier am Tisch keiner mehr länger die Spannung aus“. Doran musste mit einem Mal sehr laut Lachen. „Was glauben Sie wohl, warum ich so schnell wie nur möglich gekommen bin“, fragte er nicht nur Georg. Seine Frage richtete sich an alle Beteiligten. „Selbstverständlich bin ich mit von der Partie. Ich werde mir doch nicht auf meine alten Tage eines der größten Abenteuer entgehen lassen. Wenn ich nur daran denke, wie damals alles angefangen hatte. Nein, wenn wir uns auch nur dieses eine Mal begegnet sind, so verbindet uns doch eine ganze Menge an Erinnerungen die ich nie vergessen habe und an denen ich gern zurückdenke“. Doran schaute bei seiner Ansprache jeden Einzelnen an und sagte dann zum Schluss: „Ich bin dabei, von Anfang bis zum bitteren Ende“.

Obwohl es kein lautes Jubelgeschrei gab und auch kein übermäßiges Bedanken, war der Raum von einem Gefühl des vollkommenen Glücks förmlich erfüllt. Man konnte es direkt spüren und jeder wusste im Stillen was gemeint war. Dann kam was kommen musste. Jeder der Anwesenden, der dieser kleinen Gruppe angehörte, erzählte noch einmal aus seinem Leben. Zumindest was die wichtigsten Stationen betraf, was er jetzt machte und wie er so zurzeit mit seinem Leben zurechtkommt. Sicher wurde auch das eine wie das andere doppelt erwähnt, was jedoch der allgemeinen Spannung und der guten Laune keinen Abbruch tat.

Es mag schon spät geworden sein, da sich von den anderen Gästen keiner mehr in der Gaststube befand, als die Gruppe der nun fünf Eingeweihten, zum eigentlichen Thema kamen. Hierbei wurde auch erwähnt, dass Christopher sich aus diesem Grund auf den Weg zu Doran befand um deren Erfahrung in Anspruch zu nehmen. „Ich bin über diese Vorfälle informiert und habe Christopher meine Hilfe diesbezüglich zugesagt“, antwortete Doran. „Dies ist jedoch eine nicht nur sehr merkwürdige sondern auch hässliche Geschichte, welche sich nicht in ein oder zwei Sätzen erzählen lässt“, fuhr er fort. „Da es schon spät ist, schlage ich vor, wir lassen diesen Abend noch so schön wie er bisher war ausklingen und widmen uns morgen, gleich in der Früh, dem eigentlichen Delikt“.

Doran schaute die Anderen an und wartete auf deren Zustimmung. Keiner der Anwesenden hatte etwas dagegen einzuwenden. So bestellte man noch einen letzten kleinen Abschlusstrunk, genoss diesen und ging dann zu Bett.

„Was ich noch sagen wollte“, erwiderte Doran, als er die Treppe mit den Anderen hinaufging, „ich habe alle Zeit, die mit der Herrgott noch zur Verfügung stellt“.

Dann betrat jeder sein Zimmer und es wurde ruhig im Haus.

 

10. Kapitel

 

Der Unterschied zwischen Realität und Mythos

         Die Nacht verlief erstaunlicher Weise für alle sehr ruhig und erholsam. Keiner hatte, allen Erwartungen entgegen, schlechte Träume. Vielleicht lag es daran, dass man sich in gewisser Weise wieder vereint und in Sicherheit wiegte. Zumindest erwachten die fünf am nächsten Morgen völlig ausgeruht und erholt. Nachdem jeder seine Morgentoilette beendet hatte, betraten sie nacheinander die Gaststube, wo Georg bereits mit einem kräftigen Frühstück auf sie wartete.

Als sie alle, so nacheinander an dem Tisch, direkt an dem Fenster zum Kutschenhof, platznahmen, bemerkte Desiree: „Es mag komisch erscheinen, aber ich habe das seltsame Gefühl, als wenn dieser Tisch etwas Besonderes für uns darstellt, so als wäre er ein Teil unseres Lebens“. „Ist er das nicht auch in gewisser Weise? Ich selbst sehe ihn schon wie mein Eigentum an, aber ein Eigentum auf eine gewisse Weise, so als würde es einem dennoch nicht gehören“, erwiderte Christopher hierauf. „Sagen wir einfach mal, er ist, von der Zeit her nur ein kleiner, von der Bedeutung her jedoch ein großer Teil unseres Lebens“, erwiderte Tobias zum Erstaunen aller, dass aus seinem Munde ein solch tiefsinniger Satz herauskam.

Doran wünschte einen guten Morgen und äußerte sich nicht weiter zu diesem Thema. Er hatte sich im Laufe der Jahre noch immer nicht geändert. Er war kein Mann vieler Worte. Er schwieg und beobachtete. Dies waren die Eigenschaften, welche er hervorragend beherrschte. So dauerte es nicht lange und alle hatten am Tisch ihren Platz eingenommen. Sie genossen das Frühstück und kamen daher kaum dazu, ein Gespräch miteinander zu führen. Auf diese Weise verging etwa eine gute halbe Stunde. Als man mit dem Essen fertig und der Tisch abgeräumt war, verbrachte man noch einen kurzen Augenblick in Schweigen, was mehr der Verdauung diente als dem Nachdenken. Wieder war es Doran der die Stille brach und somit den Anfang zum Gespräch machte. „Es geht um eine recht bizarre wie auch hässliche Geschichte, welche die Polizei in Atem hält und mit Rätseln förmlich überhäuft“, begann er. „Aber lassen Sie mich ganz von vorn beginnen. Es fing vor ungefähr eineinhalb Jahren an. Ein Förster, ich weiß leider seinen Namen nicht, der wie üblich seinen Rundgang durch sein Revier machte, entdeckte rein zufällig unter einem Stapel Bruchholz einen leblosen Körper, der sich bei näherer Betrachtung als die Leiche einer jüngeren Frau herausstellte. Darauf verständigte der Förster die hiesige Polizei, welche auch sofort alle nur denkbaren Untersuchungen sowie Nachforschungen einleitete, jedoch ohne jeden Erfolg. So weit so gut, leider hat jede Untersuchung immer in einer Sachgasse geendet. Nicht einmal die Identität der jungen Frau konnte bis zum heutigen Tag festgestellt werden. Es scheint fast so, als hätte jene Frau niemals existiert. Aber eigentlich fängt hier das ganze Mysterium erst an. Die Ermittlungen waren noch nicht einmal eingestellt, als ein Wanderer, nicht weit vom ersten Tatort, eine weitere Frauenleiche entdeckte. Vom Alter her schienen sie sich kaum großartig zu unterscheiden. Auch der Typ war ähnlich. Und nun halten Sie sich fest, auch diese Frau schien nie existiert zu haben. Alle weiteren Ermittlungen verliefen, genau wie bei der ersten Leiche, im Sand. Es sollte jedoch noch besser kommen. Bei genaueren Untersuchungen der beiden Leichname stellte sich heraus, dass diese zu fast dem gleichen Zeitpunkt ums Leben gekommen sein dürften. Zudem lagen die Fundstellen nur ca. zwei Kilometer auseinander. Weiter stellte man fest, dass keine der beiden Frauen geschändet wurde. Ein Sexualdelikt scheidet also hierbei aus“.

„Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen ins Wort falle, aber auf welche Weise wurden die beiden Frauen getötet“? Christopher unterbrach Doran nur sehr ungern.

„Genau hier wird es mehr als merkwürdig. Bei beiden Frauen wurde das Genick gebrochen und der Kopf nach hinten gedreht, so wie es in der Mythologie bei einem Satansritual geschildert wird. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass beiden Frauen auf der Stirn ein sogenanntes Pentagramm eingeritzt wurde. Man geht davon aus, dass es sich hierbei um ein und den gleichen Täter sowie einen Ritualmord handelt“.

Tobias, in seiner zügellosen Art, wollte gerade etwas sagen, überlegte es sich dann aber und hielt seinen Mund. Sein Gesicht sprach allerdings eine eindeutige Sprache.

Desiree hingegen wurde leichenblass und brachte nur die Worte heraus: „Das ist ja fürchterlich, wer ist denn zu so etwas fähig“?

Alle anderen der Gesellschaft schwiegen. Man hätte glauben können, es habe ihnen die Sprache verschlagen.

„Und wie ging es weiter? War nicht von insgesamt fünf Leichenfunden die Rede? Was genau geschah weiter“, fragte nun Georg, dem alles wie ein böser Traum vorkam.

Doran übernahm wieder die Wortführung und fuhr in seinem Bericht fort: „Die hiesige Polizei wie auch die Kreisbehörden, welche man auch eingeschaltet hatte, tappten weiter im Dunkeln. Es gab keine Hinweise auf eine eventuelle Spur. Erschwerend kam noch hinzu, dass die beiden Frauen nicht bekannt waren und in all der Zeit gab es auch keinen Hinweis auf eine Existenz dieser Frauen. So verstrich über ein halbes Jahr, bis man den Fall von Seiten der Polizei einstellte. Keiner glaubte mehr an irgendeinen Erfolg bei weiteren Ermittlungen“.

Alles schwieg. Jeder wartete darauf, dass der ehemalige Inspektor mit seinem Bericht jeden Augenblick weiter fort fuhr. Diese Annahme sollte auch kein Irrtum sein. Nach einer kurzen Pause erhob Doran wieder seine Stimme und fuhr in seinem Bericht fort. „Es mag im Spätsommer des vergangenen Jahres gewesen sein, der genaue Zeitpunkt ist mir leider nicht bekannt, soweit reichen meine heutigen Verbindungen nicht mehr, als der stark verwesende Geruch die Aufmerksamkeit eines Hundes, von einem Spaziergänger, erweckte. Wieder war es der gleiche Wald, wieder nur einige hundert Meter entfernt, wieder war es ein diesmal jedoch großer Holzstapel, der den Tatort bedeckte. Und, wieder war es die Leiche einer Frau, die man darunter, allerdings in einiger Tiefe in der Erde zuvor vergraben, fand. Auch bei dieser Frau glichen alle Merkmale denen der anderen zwei Opfer. Anhand der Verwesung stellte sich heraus, dass diese Frau schon länger tot sein und hier liegen musste. Sie war auf der gleichen Weise ums Leben gekommen. Aber, bei allen Bemühungen die man anstellte, auch sie kannte niemand und man konnte keine Existenz nachweisen. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. Die Behörden wussten, dass sie nun reagieren mussten. Vor der Öffentlichkeit wurde alles streng Geheim gehalten, aber man legte umgehend eine große Suchaktion in diesem Wald sowie der näheren Umgebung an. Und, man wurde fündig. Innerhalb von nur drei Tagen fand man zwei weitere Frauenleichen, welche alle das gleiche Schicksal ereignet hatte. Einen einzigen Unterschied gab es, die Frauen waren noch nicht lange tot. Ihr Mörder, und wir gehen davon aus, dass es sich hierbei um ein und den gleichen handelt, hatte die beiden Leichen gründlicher versteckt. Aber auch sie waren vergraben und mit Holz bedeckt. Ansonsten waren alle weiteren Merkmale gleich. Auch bei diesen zwei Opfern fehlte jede Spur einer Existenz. Es ist, seit dem ersten Fund, etwa zwei Jahre her, aber bis heute hat man die Ermittlungen nicht eingestellt, obwohl jede nur denkbare Spur ins Nichts führte.

So, nun kennen Sie die gesamte Geschichte, so wie ich sie kenne“.

Damit schloss Doran seinen Bericht. Keiner der anwesenden Zuhörer sprach auch nur ein Wort. Im Augenblick hätte man das Fallen einer Nadel hören können, so still war es in der Gaststube geworden. Es war das laute Geräusch einer ankommenden Kutsche, die alle wieder in die reale Gegenwart zurückholte. „Was immer auch in dieser Welt geschehen mag, ich glaube nicht an einen solchen Unsinn wie den Teufel“, bemerkte Desiree in ihrer weiblichen Intuition als erste und brach damit auch das Schweigen innerhalb der Gruppe.

Jetzt konnte auch Tobias nicht länger seinen Mund halten.

„Ich sage genau das Gleiche wie ich es damals gesagt habe, es ist jener Fluch. Ich selbst habe zur Zeit unseres Geschehens den Leibhaftigen gesehen, und was ich gesehen habe weiß ich genau, dass kann mir kein Mensch ausreden. Es mag ja sein, dass sich vieles mit Logik erklären lässt, aber ich behaupte, es gibt nun einmal Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen wir keine Ahnung haben und die sich mit aller Logik und Vernunft dieser Welt nicht erklären lassen“. Jeder konnte sehen wie aufgebracht Tobias war. Es erschien auch jedem verständlich, dass er so glaubte. Was hatte er wohl alles in seiner langen Zeit als Kutscher, der stets, bei Tag wie auch bei Nacht, unterwegs auf den Landstraßen war, erlebt. Da mag es unzählige Eigenarten gegeben haben. So war es kein Wunder, dass er mit jenen Mythen tief verwurzelt war. Das Entsetzen der Beteiligten jener kleinen Gruppe war groß und dies konnte man auch eindeutig sehen.

„Ich weiß, dass die Meinungen hierüber sehr unterschiedlich und gespalten sind, aber dennoch haben wir doch alle ein und das gleiche Ziel. Wir sollten uns überlegen, wie es nun weitergehen soll. Georg sagte diesen Satz mit einer Überzeugung, als würde er, wenn es notwendig ist, allein weitermachen“. Er war entschlossen nicht aufzugeben.

 

11. Kapitel

 

Ein erster Schritt zur Erkenntnis

         Obwohl es noch Vormittag war, erschien es jedem, in Anbetracht der schrecklichen Sachlage, erst einmal ein Glas von etwas Hochprozentigen zu trinken.

Nachdem sich jeder der kleinen Gruppe der fünf Ermittler damit einverstanden erklärt hatten, bestellte Desiree sich noch einen Süßmost und die Männer ein kleines Bier dazu.

Die Seele und auch die Nerven der Gruppe brauchten jetzt dringend etwas zur Beruhigung. Keiner von ihnen war im Augenblick im Stande auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

„Die Angelegenheit von damals scheint geklärt“, bemerkte Georg.

„Dennoch mache ich mir da so meine Gedanken. Es fällt mir offen gestanden schwer zu glauben, dass es sich hierbei um reine Zufälle handelt. Zumal alle Geschehnisse hier in unserer Gegend stattgefunden haben, ob es da wohl einen Zusammenhang geben könnte? Hinzu kommt jene recht merkwürdige Tatsache, dass ausgerechnet jetzt, wo wieder etwas geschehen ist, das Schicksal uns erneut zusammengeführt hat. Hinter all dem steckt meines achtens ein Chema. Mag man mich für verrückt halten oder nicht, ich bin durchaus in der Lage eins und eins zusammenzuzählen“.

„Ich kann Sie gut verstehen“, bemerkte nun Doran.

„Aber trotzdem sollten wir die Dinge Sachlich angehen. Reine Spekulation bringt uns hier keinen wirklichen Schritt weiter. Was wir dringend brauchen ist ein Plan. Einen Plan für unsere weiteren Vorgehensweisen“.

An dieser Stelle musste jeder Doran recht geben.

Bevor man sich jedoch gemeinsam dabei machte einen solchen Plan vorzubereiten, erzählten die vier der Gruppe noch dem ehemaligen Inspektor Doran von dem gestrigen Tag und was sie erlebt und auch entdeckt hatten.

Doran hörte aufmerksam und sehr interessiert zu.

„Ich würde vorschlagen, unser Plan oder unsere Strategie hat auch noch Zeit bis zum Abend. Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mich, nach Möglichkeit so schnell wie nur möglich, an jene Stelle, von der Sie mir soeben berichtet haben, führen könnten. Und nicht vergessen, diesmal sollten wir uns ein wenig Werkzeug mitnehmen“.

Wie auf Kommando stand die kleine Gruppe, bejahend nickend, auf und jeder begann sich für den Fußmarsch fertig zu machen. Dabei achteten alle peinlich genau darauf, dass auch wirklich an alles gedacht wurde um nichts zu vergessen.

Es dauerte keine halbe Stunde und alle waren abmarschbereit. Gut gerüstet und ausgestattet begab man sich zu dem Ort, an dem früher einmal der Bauernhof von Friedrich stand.

Das Wetter spielte gnädig mit und die kleine Gruppe kam zügig voran. Nur Georg verspürte, dass er doch älter geworden war als er es zugeben wollte.

Es war an diesem Vormittag noch nicht allzu warm, und so machte der leichte Aufstieg keinerlei Probleme.

Diesmal achtete keiner auf die Schönheit der Natur, alle hatten nur den einen Gedanken, was sich wohl unter dieser Falltür, welche mit den Ackersteinen bedeckt war, verbarg.

Es dauerte diesmal weniger als eine halbe Stunde und man konnte den Hof, oder besser gesagt was noch davon übrig war, des Bauern Friedrich sehen.

„Stopp“, sagte Doran auf einmal und blieb stehen, was ihm alle anderen gleich taten.

„Ich möchte in dieser Entfernung einmal mit Ihnen zusammen um den Hof herum gehen, wobei jeder von Ihnen darauf achten sollte, ob ihm etwas ungewöhnlich vorkommt. Es ist dabei gleich, ob er selbst es für wichtig erachtet. Jede Kleinigkeit könnte für uns von großer Bedeutung sein. Dabei möchte ich auch, dass wir alle dicht beieinander bleiben und uns nicht zu weit voneinander entfernen“.

Ohne auch nur einen Einspruch folgte die Gruppe den Anweisungen von Doran und man begann in einem großen Bogen um den Bauernhof herumzugehen. Dabei achtete man auf jede noch so unbedeutende Kleinigkeit.

Das Ergebnis war ernüchternd. Es gab, außer was man in einem Wald zu finden erwartet, nicht die geringste Kleinigkeit zu entdecken. So stand man wieder, nach ca. zwanzig Minuten, am Ausgangspunkt.

Doran lächelte ein wenig und meinte nur verlegen: „Offen gestanden habe ich gehofft, dass wir nichts weiter finden“.

Obwohl keiner der Anderen diese Art von Logik verstand, aber Doran ja schließlich der Fachmann auf diesem Gebiet war, folgten ihm nun alle zum Gehöft des ehemaligen Bauern.

Dort angekommen begutachtete Doran zuerst auch den gesamten Hof mit all seinen Haupt- und Nebengebäuden. Erst als er sich sichtlich zufrieden zeigte, begab man sich an jene Stelle an welcher man gestern jene Falltür unter dem Steinhaufen entdeckte. Alles war unberührt wie am Vortag.

Dann folgte, von Doran, eine merkwürdige Frage, mit der keiner der Anwesenden gerechnet hätte.

„Sagen Sie, sind Sie sich absolut sicher, dass hier seit gestern nichts verändert wurde? Lassen Sie sich Zeit und schauen Sie lieber zweimal hin, ich möchte, dass Sie nichts übersehen“.

Die Leute der Gruppe folgten der Anweisung, konnten aber nichts entdecken.

„Wir werden jetzt eine kleine Pause zum Verschnaufen einlegen um uns dann an die Arbeit zu machen. Es wird nicht leicht werden, und wer sich bei einem, möglicherweise unangenehmen Fund ekelt oder erschreckt möchte sich bitte abwenden und, ohne sich zu genieren der Natur freien Lauf lassen. Es kann sein, dass wir absolut nichts finden, aber mein Instinkt sagt mir, es wird anders kommen. Also machen Sie sich auf alles gefasst und wenn Sie etwas finden oder entdecken sollten, so fassen Sie bitte nichts an sondern stellen umgehend Ihre Arbeit ein“.

Doran klang das erste Mal sehr ernst, fast ungewöhnlich genau und ernst wie sie ihn noch nie zuvor erlebt hatten.

Die Verschnaufpause hatte etwas Bedrückendes in der allgemeinen Stimmung. Man trank zwar etwas aber zum Essen brachte keiner auch nur einen Bissen herunter. Auch wurde während der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. Jeder hatte nur die Hinweise von Doran in seinem Kopf.

Nachdem die Pause beendet war, packte jeder seine Utensilien wieder schweigend ein und stand auf.

Langsam begab man sich zu der Rückseite des Bauernhauses an der man die Falltür unter dem Steinberg entdeckt hatte. Es gab nicht einen, der in diesem Augenblick kein merkwürdiges und ungutes Gefühl in seinem Bauch verspürte. Die Stimmung war bis aufs höchste angespannt.

Als man die Stelle endlich erreicht hatte, gab es so manchen dem sogar vor Aufregung schlecht wurde. Keiner jedoch ließ sich etwas anmerken.

                 Zuerst begann man damit Hügel aus Feldsteinen von der Erde sowie dem Gras- und Pflanzenbewuchs zu befreien. Man beschränkte sich jedoch dabei auf ein Ausmaß an Größe, die der Falltür in etwa entsprechen würde. Allein diese Aufgabe unterlag einer solch immensen Anstrengung, dass man befürchtete dieses Vorhaben nicht bis zum Ende durchführen zu können.

Die Zeit schien nur recht langsam zu vergehen und immer wieder legte legten die Beteiligten kleine Pausen ein um ein wenig zu trinken oder nur einfach auszuruhen.

So ging es langsam voran. Doch irgendwann war der Punkt erreicht, an dem das Schlimmste geschafft war und die schwerste Arbeit somit hinter ihnen lag.

Erschöpf aber doch unendlich zufrieden betrachtete die kleine Gesellschaft ihr geschaffenes Werk. Unter den jetzigen Voraussetzungen erschien jener Steinhügel gar nicht mehr so groß wie zum Anfang, als noch alles bewachsen war.

Dem allen zum Trotz war jedoch einige Zeit vergangen. Es war so etwa um die dritte Stunde des Nachmittags. Obwohl der ganzen Anstrengungen verspürte keiner Hunger. Man stellte aber dennoch die Überlegung an, jetzt die Arbeit abzubrechen um sie am nächsten Tag zum Ende zubringen. Es war schließlich noch der Heimweg der vor ihnen lag und so gut wie jeder freute sich auf ein Bad und ein richtiges Mal an einem gemütlichen Tisch in einer freundlichen Umgebung.

So gut wie jeder, aber nicht jeder. Es war Doran, ein Mann welcher sonst stets ganz genau und mit viel Geduld vorging.

Ausgerechnet dieser Mann, jener ehemalige Inspektor Doran zeigte sich in diesem Moment von einer ganz anderen und unerwarteten Seite. Er war es, der die Anderen mit einem Mal Antrieb, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm und sein Vorhaben her.

„Ich möchte nicht ausverschämt erscheinen. Auch die Arbeit, die Sie alle hier und heute geleistet haben ist mehr als lobenswert und mehr als man erwarten kann.

Auch wenn Sie mich jetzt nicht verstehen und ich Ihnen auch noch nicht mein Verhalten erklären kann, so möchte ich Sie doch bitten mir zu vertrauen und hierzubleiben um die Arbeit zu beenden. Ich kann Ihnen leider nur so viel dazu sagen, dass ich unser gesamtes Unternehmen bis aufs Äußerste gefährdet sehe, wenn wir es nicht heute, jetzt und hier zu Ende bringen“.

Doran sprach in einem seltsamen Ton. Fast bettelte er die Anderen an, fast flehte er und anderseits sprach er mit einer Überzeugung welche man nur mit dem Begriff „beeindruckend“ bezeichnen konnte.

„Verehrter Herr Doran, wir alle vertrauen Ihnen bedingungslos. Sie sind und werden uns niemals eine Erklärung schuldig sein. Es ist eine Selbstverständlichkeit für einen jeden von uns, Ihren Wünschen Folge zu leisten“.

Tobias sprach in diesem Augenblick für die Gefühle eines Jeden der mit an dieser Sache beteiligt war. Ohne vorher auch nur einen Einzigen zu fragen, traf er genau die Worte und Gedanken, die in diesem Moment jedes Mitglied dieser kleinen Gruppe hatte.

Man konnte spüren, wie es Doran schwerviel in diesem Augenblick zu sprechen. Er hatte einen sehr großen Kloß im Hals. Deshalb brachte er auch nur diesen einen Satz heraus:

„Meine lieben Freunde, und wenn ich dies so sage, dann meine ich es auch genauso, Sie können sich nicht vorstellen wie gerührt ich bin. Ich kann mit Bestimmtheit behaupten, dass mir in all meinen vielen Dienstjahren und auch sonst in meinem Leben, noch nie so viel Loyalität entgegengebracht wurde. Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen dafür danken“.

„Ist doch unter Freunden nicht der Rede wert“, grinste Tobias ein wenig ironisch aber auch teils verlegen.

Ohne jede Verzögerung begann man umgehend mit der Arbeit und räumte die Steine aus dem Weg. Es war leichter als gedacht. Sie warfen die Steine einfach zur Rückseite des gesamten Steinhügels und in nicht einmal eine knappe dreiviertel Stunde war die ganze Arbeit erledigt.

Vor ihnen lag eine massive hölzerne Falltür, mit einem Riegel versehen, die sehr stabil aber auch sehr war. Jeder betrachtete diese Tür, welche eben auf dem Boden lag, mit seinen eigenen gemischten Gefühlen.

„Für was diese Tür wohl einmal gedient hat und wohin sie wohl führen mag“, fragte Desiree. „Was wir wohl darunter finden werden, ich habe jetzt schon ein komisches Gefühl um nicht Angst zu sagen“.

„Eine solche Tür führte früher oftmals in einen Keller der hier auf dem Land in den Sommermonaten zur Kühlung für Lebensmittel und Weinen gedient hat. Im Winter diente er wiederum dazu verschiedenen Dingen vor Frost und Nässe Schutz zu bieten. Was sich jetzt allerdings darunter befindet möchte ich vielleicht gar nicht wissen, erwiderte Georg“, der sich in solchen Dingen gut auskannte.

Alle sahen sich an, nickten und begannen mit dem Versuch die Tür zu öffnen.

Dieser Versuch erwies sich als schwieriger als man vermutet hätte. Allein der Riegel stellte ein unüberwindliches Hindernis dar. Man versuchte ihn mit einem Brecheisen und mit einem Hammer zu bewegen, aber nichts geschah.

„Einen Augenblick“, sagte plötzlich Doran. Er holte einen Pinsel aus seiner Tasche und befreite damit den Riegel und den Teil darum vom restlichen Schmutz, welcher durch das Gestein und die Pflanzen noch verblieben war. Als er endlich alles gesäubert hatte betrachtete er sich den Riegel genauer.

„So etwas Ähnliches habe ich mir bereits gedacht“, sagte er plötzlich zur allgemeinen Verwunderung der Anderen.

„Dieser Riegel lässt sich nicht mehr öffnen. Er ist bereits vor langer Zeit, mit sehr viel Gewalt gestaucht, um nicht zu sagen, krumm geschlagen worden. Diese Tür wurde vor vielen Jahren auf diese Weise versiegelt. Zeit, Schmutz und Rost haben das Übrige getan“.

„Und was sollen wir jetzt tun“? Fragte Christopher.

„Wir werden versuchen die Tür aufzuschlagen, obwohl ich nicht glaube, dass uns dieses Vorhaben gelingen wird. Diese Tür scheint mir doch sehr stabil. Ich schlage daher vor, wir versuchen und zuerst an den Scharnieren, welche die Tür sich nach oben öffnen ließen“,

schlug Doran vor.

Da es keinen besseren Vorschlag gab, begann man sich an den Scharnieren zu schaffen zu machen. Zuerst versuchte man diese durch draufschlagen ein klein wenig zu lösen, was auch nach viel Anstrengung und viel Körpereinsatz gelang.

Dann schob man das Brecheisen zwischen das Scharnier und dem Holz der Tür. Ein Aushebeln war jedoch unmöglich, aber als man versuchte das Brecheisen wie einen Meißel einzusetzen um damit unter Zuhilfenahme des Hammers die Schrauben des Scharniers zu durchtrennen glückte der Versuch. Zwar war es eine solch mühselige Arbeit, dass sich die Männer ständig abwechseln mussten, aber es gelang. Langsam kam man voran und somit dem Ende der Aktion immer Näher.

Die Männer wurden förmlich von ihrem eigenen Erfolg angetrieben und arbeiteten zum Schluss wie besessen. Dann endlich war es geschafft. Auch das letzte Scharnier hatte dem gewaltsamen Einsatz der Männer nachgegeben.

Für einen Augenblick mussten sich alle erst einmal ausruhen.

Über eine Stunde hatten sie für diese Aktion gebraucht, aber es hatte sich gelohnt.

Die Zeit des Ausruhens wurde von der Neugier verkürzt. Die schwere Arbeit war getan. Nun stellte sich die Frage, was sie erwarten würde und damit, ob sich der ganze Aufwand wirklich gelohnt hatte.

Während sich die Gruppe ausruhte, betrachtete sie die Falltür mit allen möglichen Gefühlen. Viele Gedanken der unterschiedlichsten Art gingen ihr durch den Kopf. Ein Jeder der Anwesenden dachte zur einen Seite das Eine und doch wieder so unterschiedliche Dinge, wie sie hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Über eine Tatsache waren sich die Beteiligten jedoch alle klar. Es musste sich hierbei um eine sehr, sehr alte Tür handeln.

Das Holz und auch die Beschläge waren merkwürdiger Weise noch sehr gepflegt. Man konnte davon ausgehen, dass diese Tür, in den letzten hunderten von Jahren regelmäßig gewartet wurde. Leider machte diese Erfahrung die ganze Sache nur noch mysteriöser.

Keiner der Beteiligten was versessen darauf, dass was sich unter jener Tür befand, wirklich zu ergründen.

Aber wie sagt man so schön? „Die Neugier besiegt schließlich jede Angst“.

Langsam stand einer nach dem Anderen auf. Keiner traute sich wirklich, den ersten Schritt auf die Tür drauf zuzugehen. Die Situation weckte den Eindruck, dass jeder dem Anderen gern den Vortritt lassen würde. Keiner wollte jedoch seine Angst vor dem Unerwarteten zugeben. So ging man gemeinsam ans Werk.

Ungewöhnlich langsam näherte man sich der Falltür. Diese ließ sich doch schwerer als erwartet öffnen, aber mit Hölzern, welche man als Hebel einsetzte gelang das Vorhaben dann schließlich doch. Knarrend und quietschend öffnete sich die Tür langsam nach oben und gab eine Treppe, welche nach unten führte, frei.

Die Stufen waren in Stein gehauen und in einem ungewöhnlich gutem Zustand. Acht Stufen zählte die Treppe nach unten, wo sich ein rechteckiger Raum befand, der ungefähr vier mal sechs Meter im Ausmaß maß. Seine Höhe betrug ca. zwei Meter und fünfzig Zentimeter.

Obwohl der Raum keine Fenster besitzen konnte, war er doch hell, da seine Wände wie auch die Decke weiß gestrichen waren.

Der Raum glich eher einer Gruft, welche sehr sauber und gepflegt erschien.

In der Mitte der Gruft standen, auf zwei Sockel, zwei Särge. Sie waren aus Holz und ebenfalls weiß. Es handelte sich um einen Kindersarg und einen Erwachsenensarg.

Beide Särge waren mit viel Aufwand gefertigt worden. Filigrane Ornamente schmückten die Seiten und den Deckel der Särge. Man konnte deutlich erkennen, dass sich hier Jemand sehr viel Mühe gegeben hatte.

Anhand der Verschlüsse jener Sargdecken, konnte man auf ein Alter, so um das sechzehnte  Jahrhundert schließen.

Am Kopfende der jeweiligen Särge lag auf dem Deckel je einen Rosenkranz und in der Mitte ein Kruzifix.

„Eine interessante Frage stelle ich mir nun aber doch“, wendete nun Doran ein.

Wenn der Eingang zu dieser Gruft so massiv verschlossen war, wie gelang dann die Pflege jenes Gewölbes“?

Doran legte seine Stirn in Falten und meinte dann: „Allein die Reinigung des Wandaltars sowie der Särge mit ihren vielen Schnitzereien, dürfte einmal monatlich mindestens fällig sein. Zudem kommt die sichtliche Tatsache, dass der Raum im Laufe der Zeit mehrfach neu geweißt wurde“.

„Für eine ältere Familiengruft befinden sich jedoch zu wenig Verstorbene hier unten“, bemerkte Christopher. „Nein, ich glaube dieser Raum ist ausschließlich für diese Zwei geschaffen worden“.

„Aber auf welchem Grund“? Stellte sich Tobias die Frage.

„Zudem würde ich nur zu gern wissen wer sich in diesen Särgen befindet. Es stellt sich mir hier ernsthaft die Frage, ob diese Gruft nicht im Zusammenhang mit jenem alten Mythos steht, der von dem Landgrafen sowie diesen Fluch handelt“.

Tobias war wieder in seinem Element des Aberglaubens, indem ihn keiner bremsen konnte.

„Mag ja alles gut und schön sein“, erwiderte Doran, „dass erklärt aber noch nicht die Tatsache, wie man eine Gruft so Pflegen und instandhalten kann, wenn diese so fest verschlossen oder versiegelt ist“?

„Die Antwort liegt in diesen zwei Särgen, die wir allerdings nicht so einfach ohne Genehmigung öffnen dürfen. Im Grunde dürften wir nicht einmal diese Gruft, ohne Genehmigung betreten“. bemerkte Georg in diesem Augenblick.

„Nun wollen wir nicht päpstlicher sein als der Papst“, meinte Doran.

„Dennoch habe ich das unbestimmte Gefühl, dass diese Gruft noch nicht allzu lange so fest verschlossen ist“. Doran sein Gesicht erschien sehr nachdenklich.

„Ich glaube, dass vor einer gewissen, nicht allzu langen Zeit, bereits schon einmal jemand hier gewesen ist. Dieser Jemand dürfte auch für den gewaltvollen Verschluss der Gruft verantwortlich sein. Lasen Sie uns noch einmal die Spuren des Riegels bzw. vom Schloss, genauer in Augenschein nehmen“.

Noch einmal betrachteten alle gemeinsam die so sorgsam und liebevoll angelegte Gruft. Bis auf einige Kleinigkeiten der besagten Pflege, welche auf die Zeit der absoluten Verschließung zurückzuführen war, hatte zuvor noch keiner der Anwesenden eine solche vorbildliche Grabstelle gesehen. Wer auch immer diesen Grabesraum geschaffen hatte, es muss ihm sehr viel an die beiden Toten gelegen haben. Diese Sorgfalt und Mühe war letztlich nur mit einem Wort zu erklären, „Liebe“. Eine Liebe noch weit über den Tod hinaus.

Die kleine Gruppe stieg langsam und nachdenklich die Stufen der Gruft empor.

„Halt“, sagte Christopher mit einem Mal.

„Jetzt wo wir schon hier sind, jetzt wo wir schon ohnehin gegen das Gesetz, in gewisser Weise verstoßen haben, sollten wir nicht umkehren.

Was ist mit den Särgen? Wir haben doch extra Werkzeug mitgenommen, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen? Was ist nun damit? Sind wir nicht hier um das Mysterium zu klären? Also, was hindert uns daran umzudrehen, die Särge vorsichtig zu öffnen und zu sehen, was für ein Geheimnis sich darin verbirgt. Wir können nicht wissen was uns erwartet und inwieweit es uns hilft, aber bevor wir nichts von alldem unternommen haben, werden wir auch weiterhin mit leeren Händen dastehen und uns nur mit Spekulationen beschäftigen. Spekulationen, für die es nie Beweise geben wird und wir daher niemals den wirklichen Tatbestand in Erfahrung bringen werden. Außerdem, da draußen läuft ein Irrer herum, der bereits fünf Frauen, auf grausame Weise getötet hat. Wer weiß, wie viel es wirklich bisher sind und wie viele in der Zukunft noch hinzukommen könnten? Eines scheint aber sicher, von allein hört dieser Irre nicht auf. Wir sind es somit schon den fünf ermordeten Frauen schuldig, Licht ins Dunkel zu bringen“.

Christopher schaute jeden einzelnen an und meinte dann: „Es ist Eure Entscheidung“.

Zunächst sahen sich die Anderen ein wenig verlegen an.

Es war wieder einmal Tobias, der ohne weiter nachzudenken die Worte von sich gab: „Na gut“, sich darauf spontan auf der Treppe umdrehte und zurück in die Gruft ging, ohne dabei auf eine Antwort oder Reaktion der Anderen zu warten.

Christopher folgte ihm als erster. Auch Doran überlegte nicht mehr, sondern tat den Beiden gleich.

Es ist nun einmal das Gesetz der Masse, dass die Anderen, noch übrig gebliebenen, dem Beispiel der Anderen folgten. So betrat man wieder gemeinsam die Gruft. Es war schon eine merkwürdige Stimmung. Jeder war zum Einen gespannt was ihn erwartete, und Anderen hoffte man sich nicht, bei dem Vorhaben zu versündigen. Schließlich störte man ja mit dieser Arbeit die Totenruhe der beiden Verstorbenen. Jedoch war es letztlich für ein gutes Werk gedacht. Was also sollte geschehen?

           Mit dem Werkzeug ausgerüstet, machte man sich an die Arbeit, die Schrauben der Sargdeckel zu lösen. Dabei begann man mit dem Kindersarg. Diese Vorgehensweise hatte keinen gedanklichen Hintergrund, es ergab sich einfach so.

Die Schrauben ließen sich erstaunlicher Weise sehr leicht lösen, anders zumindest, als man es von Jahrhundertalte Schrauben erwartet hätte.

Etwas schwer und quietschend drehte sich Schraube für Schraube lose.

„Es muss schon vor uns einmal jemand die Schrauben gelöst haben, und dass kann nicht allzu lange her gewesen sein. Man kann noch deutlich die Spuren erkennen“, meinte Doran und schaute dabei nachdenklich in die Runde.

Als man die Schrauben entfernt hatte konnte der Deckel geöffnet werden, was für jeden der Anwesenden eine gewaltige Gewissensfrage darstellte. Aber es war nicht nur das Gewissen, es war auch eine gewisse Angst oder Aufregung vor dem was man erwartete.

Die vier Männer, Desiree wollte man jene Aktion nicht zumuten, nahmen jeweils an einer Ecke des Sarges ihren Platz ein. Auf dem Kommando bzw. auf drei sollte der Sargdeckel angehoben und zur Seite gelegt werden.

Doran übernahm das Zählen.

„Eins, zwei und drei“, zählte er und die Männer hoben den Deckel an, der sich als schwerer erwies als ursprünglich angenommen. Man legte ihn zur Seite, so wie geplant, ab und holte erst einmal tief Luft. Keiner traute sich in diesem Moment wirklich in den offenen Sarg zu blicken.

Aber dann kam der Augenblick der Wahrheit. Alle gemeinsam traten an den, nun offenen Sarg und schauten hinein.

Zuerst war es eher schwierig, dass zuzuordnen und somit zu erkennen, was man sah. Im Sarg lagen die Knochen eines kleinen Kindes.

Auffällig hierbei war aber die Tatsache, dass sich das Kind bei seiner Lage in einer sogenannten Fötushaltung befand.

Anders als erwartet gab es weder einen üblen Geruch noch sonstige grausige Beilagen. Nur am Kopfende des Sarges innere befand sich ein silbernes Kreuz und ein Schreiben, welches jedoch nichtmehr lesbar war.

Eines jedoch war unübersehbar. Das Kind, welches sich in diesem Sarg befand war sehr stark entstellt. Entstellt nicht etwa durch eine Fremdeinwirkung, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, nein, dieses Kind war vor der Geburt her völlig entstellt.

Sämtliche Extremitäten, die oberen wie auch die unteren waren im Gesamten deformiert. Der Torso war stark gebogen wie auch verkürzt, so als wäre er gestaucht worden. Selbst das Becken wies Anomalitäten auf, welche eine Geschlechtsbestimmung fast unmöglich machten. Kurz, auch wenn es sich sehr makaber anhört, dieses Kind, welches sich als Junge herausstellte, war ein vollkommender Krüppel und selbst mit fremder Hilfe nur sehr bedingt lebensfähig, was allerdings eher anzuzweifeln war. Ein etwaiges Alter war nicht zu bestimmen, allerdings konnte man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich nur um wenige Stunden oder einige Tage gehandelt haben könnte. Am Wahrscheinlichsten jedoch erschien eine Totgeburt.

Alle Beteiligten sahen voller Trauer und Mitleid in diesen Sarg. Für eine Weile herrschte völlige Ruhe in dem Raum. Ein Jeder dachte an die Vergänglichkeit und stellte sich die Fragen über Notwendigkeit und Sinn, aber keiner sprach auch nur ein Wort.

Es war Desiree, welche diesmal die Stille unterbrach.

„Im anderen Sarg wird wahrscheinlich der Leichnam der Mutter dieses Kindes liegen“, sagte sie mit betrübter Stimme.

„Davon bin ich sogar fest überzeugt“, meinte Doran zu der Bemerkung.

„Es gibt viele Auffälligkeiten die hier nicht stimmen, lassen Sie uns noch den anderen Sarg öffnen um sicher zu sein und diese dann wieder verschließen“.

Doran war sehr ernst geworden.

„Danach wollen wir diese Gruft verlassen und sie auch wieder so gut es geht verschließen und uns auf den Heimweg machen. Wir können alles Weitere im Gasthaus besprechen. Bitte glauben Sie mir, ich habe da so meine Gründe“.

So machte man sich daran den zweiten Sarg zu öffnen. Dieses Unterfangen erwies sich sogar noch etwas leichter als das Erste.

Wie vermutet fand man hierin den Leichnam einer Frau. Auch bei ihr waren nur noch die Knochen vorhanden. Sie waren so angeordnet wie man es bei einem christlichen Leichnam vermutet. Das Skelett war in einem hervorragenden Zustand. Es muss sich hierbei einmal um eine wunderschöne Frau gehandelt haben. Dies ließ sich beim ersten hinschauen bereits eindeutig erkennen. Auch an ihrem Kopfende befand sich ein silbernes Kreuz, jedoch ohne Schriftstück.

Was jedoch sofort, zumindest Doran, auffiel war die Tatsache, dass sich keine Kleidungsstücke oder zumindest deren Reste bei ihr befanden. Es schien fast so, als hätte man die Tote nackt beerdigt, was jedoch unmöglich erschien.

Über ihre gefalteten Hände lang ein Rosenkranz. Alles schien mit sehr viel Liebe hergerichtet zu sein.

Kurz darauf verschloss man auch diesen Sarg wieder ordnungsgemäß.

Nun ging man jene acht Stufen das letzte Mal hinauf und verließ die Gruft. Die Falltür rekonstruierte man so gut es nur ging wieder in ihrer herkömmlichen Lage. Dabei achtete man sehr sorgfältig darauf, dass nichts sichtbar erschien.

Zuletzt kam der schwerste Teil. Schmutz und Geröll wurden notdürftig wieder auf die Falltür gebracht. Es sollte den Anschein erwecken, als hätte sich hier jemand zu schaffen gemacht, aber nicht weit gekommen und daraufhin aufgegeben.

Somit war diese Mission erledigt und die kleine Gruppe machte sich auf den lang erwarteten Heimweg, zurück zum Gasthaus der Poststation.

Der Rückweg war sehr schweigsam. Alle waren zudem körperlich völlig ausgelaugt. Man hatte nur noch das Bedürfnis zu Baden um danach etwas zu trinken und anschließend eine Kleinigkeit zu Essen.

Über irgendetwas zu reden, danach war im Moment keinem der Betroffenen zumute.

 

12. Kapitel

 

Der Schleier hebt sich

 

         Der Weg zurück gestaltete sich wie in einem unwirklichen Traum. Es wurde zwar nicht gesprochen, aber dafür verging die Zeit wie im Flug. Kaum hatte man den Rückweg angetreten, so war man auch schon wieder bei der Poststation angelangt.  

Die dort Anwesenden betrachteten jene kleine, doch recht seltsam aussehende Gruppe, bestehend aus Schmutz und Erschöpfung, eher skeptisch. Es konnte ja auch keiner von denen wissen oder ahnen, um was es sich hierbei handelte.

So begab sich zunächst jeder auf sein Zimmer um zuerst ein Bad zu nehmen und sich von Schmutz und Schweiß zu befreien.

Nach ca. einer halben Stunde sah die Welt schon wieder anders aus. Zwar noch ein wenig müde und erschöpft, aber doch guten Mutes und voller Mitteilungsbedürfnisse versammelte man sich in der Gaststube des Wirtshauses, an dem schon so angestammten Tisch.

          Nachdem jeder Platz genommen hatte, fühlte man, dass Hunger und Durst doch größer als erwartet waren. Dementsprechend war man bei der Bestellung auch nicht gerade bescheiden.  

Als nach einer Weile alles serviert war, wünschte man sich einen guten Appetit und begann erst einmal seine Bedürfnisse zu befriedigen. Essen und Trinken waren wie immer hervorragend und es mundete so sehr, dass man kaum zum Sprechen kam. Auf diese Art und Weise verging einige Zeit.  

Wieder war es Doran, der das Gespräch eröffnete.

„Ich glaube, die Wahrheit des Mysteriums steht direkt vor uns und keiner kann sie sehen“, sagte er mit einem Mal.

„Ich kann sie fühlen, sie spüren, sie erscheint mir greifbar nahe und doch habe ich das Gefühl mit leeren Händen da zustehen. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass wir etwas übersehen haben. Es mag sich hierbei um eine Kleinigkeit handeln, welche ein jeder von uns vielleicht für unbedeutend gehalten hat, womit er allerdings falschlag.

Wir alle haben es mit unseren eigenen Augen gesehen aber nicht um dessen Bedeutung registriert. Die Gruft mag dabei der Schlüssel sein. Sie würde sogar jene Absurdität eines Fluches erklären“. 

„Gehen wir doch noch einmal die letzten Geschehnisse gedanklich durch“, schlug Georg vor.

„Wenn es sein muss, gehen wir die gesamte Geschichte, beginnend bei ihrem Ursprung, durch. Ich scheue mich auch nicht davor, die Ereignisse der Geschichte, seit unserem kennenlernen zu rekonstruieren. Vielleicht finden wir nicht nur die Lösung, sondern auch die Verbindung zu den, bisher fünf Morden“. 

„Wie zum Henker kommst Du auf den Begriff „bisher“, erwartest Du etwa noch mehr als diese fünf toten Frauen in unserer Gegend?

Tobias sein Gemüht ging wieder einmal mit ihm durch. Es war einfach erstaunlich, wie ein Mann wie Tobias eine solche Ruhe seinen Pferden gegenüber haben konnte, bei den Menschen sich aber genau gegenteilig verhielt.

„Sollten wir vielleicht unabhängig voneinander unsere Beobachtungen und Verdachtsmomente aufschreiben um diese danach miteinander zu vergleichen“? Machte zum Erstaunen aller, Desiree den Vorschlag.

„Es könnte doch sein, dass der Eine mehr gesehen hat als der Andere, oder jeder auf ganz verschiedene Dinge geachtet hat, welche miteinander betrachtet durchaus einen realistischen Sinn ergeben“, ergänzte sie noch schnell ihr gesagtes.

„Ein durchaus einleuchtender wie auch vernünftiger Vorschlag“, sagte Christopher und lächelte dabei Desiree an.

„Beginnen wir also mit dem was wir wissen“, sagte er und begann dann auch sofort mit der Aufzählung.

„Vor vielen Jahren, um es etwas verständlicher zu benennen, vor ca. drei Generationen, trafen wir, und einige andere, unter recht unseligen und merkwürdigen Umständen durch einen Unfall auf unserer Kutschfahrt zusammen“.

„Stopp“, rief Doran.

„Jeder sollte unabhängig voneinander seine eigenen Erinnerungen der Geschichte aufschreiben, damit wir im Nachhinein alle miteinander vergleichen können und anhand der Abweichungen vielleicht feststellen werden, um was es hierbei wirklich geht und was wir am Ende übersehen haben“.

„Genau“, meinte Desiree.

„Mein Vorschlag hierzu wäre, gleich nach dem Abendessen geht ein Jeder von uns heute einmal zeitig ins Bett um dort, ganz für sich allein zu überlegen und seine Erinnerungen und Erkenntnisse aufzuschreiben. Wenn dies getätigt ist, werden wir zusammen auswerten und besprechen, was wir übersehen haben, was unwichtig oder wichtig erscheint und wie wir weiter vorgehen wollen“.

Mit diesem Vorschlag war jeder einverstanden und man versuchte das Thema auf etwas anderes zu lenken, um den Kopf wieder etwas frei zu bekommen.

  Doch ganz gleich was man auch als Gesprächsthema auszuwählen versuchte, immer wieder kam man auf die akuten Geschehnisse zu sprechen.

Immer und immer wieder sprach man über die alltäglichsten sowie auch verrücktesten Geschichten, als Desiree mit einmal das Wort an die Gruppe richtete: 

„Keiner von uns hat bisher jenen merkwürdigen Mann erwähnt, der bei der Anreise mit eingetroffen war. Ich habe ihn bisher auch noch nicht wieder zu Gesicht bekommen und gesprächig ist er auch nicht, ich glaube fast, er hat etwas zu verbergen. Vielleicht sollten wir diesen Mann einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen“.

Die Anderen sahen sich verblüfft an, Desiree hatte recht, wer war dieser recht merkwürdige Mann?

Der Volksmund sagt: „Wenn man vom Teufel spricht ist er nicht weit“.

So sollte es auch in diesem Fall sein. Kaum war der Mann erwähnt, ging plötzlich die Tür zum Gastzimmer auf, und herein kam ein jemand, den man, seit seiner Ankunft nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Es war ein merkwürdiger Mensch, welcher sich nicht so einfach beschreiben ließ.

Der Mann war jener, den man sofort und ohne jegliche Einschränkung als „unheimlich“ bezeichnen würde.

Seine Augen waren kalt und blickten starr, als könnte er durch einen hindurchschauen. Von seiner Statur her, wirkte er eher etwas klein und seine Haltung, was den Körper betrifft, glich etwas des einen Krüppels. Wie genau, konnte man nicht wirklich sagen, aber er war zumindest kein angenehmer Zeitgenosse, welchem man alles zutrauen würde.

Er nahm an einem noch völlig leeren Tisch Platz, so als wolle er für sich allein sein. Dabei achtete er darauf, dass kein anderer Gast in seiner Nähe saß.

Kurz darauf kam eine der Bedienungen um die Bestellung des Herrn aufzunehmen. Er nahm ein Glas Wein und ein kleines Menü.

Bei der Aufgabe seines Essens lächelte er ein wenig, was jedoch eher dem Grinsen einer Fratze glich.

Spontan stand Christopher vom Tisch auf und begab sich an seinen.

Er grüßte freundlich und sprach mit ruhiger Stimme zu diesem Mann: „Sie werden meine Aufdringlichkeit hoffentlich entschuldigen, mein Name ist Christopher“.

Der Andere nickte und erwiderte das Gespräch.

„Mein Name ist Siegfried, Siegfried Lampert. Ich befinde mich zwar auf der Durchreise, kann aber noch nicht mit Sicherheit sagen, wann ich weiterfahren werde, da ich hier noch etwas zu erledigen habe und nicht genau weiß, wie lange diese Angelegenheit andauern wird. Wenn ich meine Mission beendet habe werde ich mich auf die Weiterreise machen“.

  „Da wir hier alle nur Gäste auf eine Art Zwischenstation sind, also hier vielleicht noch ein paar Tage abwarten müssen, wäre es doch schön und gemütlich, wenn Sie mit an unserem Tisch platznehmen würden. Was ich damit sagen möchte, ist die Tatsache, dass ich Sie zu unserer kleinen Gruppe, zum Glas Wein einladen möchte“. 

Zunächst zögerte jener Siegfried mit seiner Antwort. Es ließ sich deutlich erkennen, dass er überlegte und im Grunde die Einladung nicht annehmen wollte.

Dann aber antwortete er recht zügig: „Selbstverständlich nehme ich Ihre Einladung sehr gern an. Es ist mir eine Ehre“.

So stand er von seinem Tisch auf und begleitete Christopher zum angestammten Platz der kleinen Gruppe. Dort angelangt stellte er sich, zuerst bei der Dame „Desiree“ und anschließend bei den Herren vor. 

Mein Name ist Lampert, Siegfried Lampert“, bemerkte er.

„Jener Herr hier aus Ihrer Runde war so freundlich, mich an Ihren Tisch einzuladen“.

Dabei verzog er keine Mine. Man fragte sich, ob es überhaupt möglich war, eine mentale Reaktion an ihm zu entdecken. Es erweckte den Anschein, als würde er nie etwas ohne Überlegung machen und von seiner Vorgehensweise her sehr realistisch und geplant vorgehen. Ein Mann der Nichts dem Zufall überlässt.

Obwohl die Anderen sich ihre Gedanken machten, ließen sie sich jedoch nichts anmerken.

Sie waren genauso freundlich. Wenn dieser Siegfried dachte ein Spiel spielen zu können, so wollte man um jeden Preis daran teilhaben und mit den gleichen Regeln mitspielen.

Die Getränke wurden gebracht. Desiree und Siegfried Lampert bekamen ihren Wein und die anderen Herren ihr Bier.

Es war Doran, der jetzt, nach der allgemeinen Vorstellung, sein Wort an Herrn Lampert richtete.

„Was hat Sie in diese Gegend verschlagen? Sind Sie beruflich unterwegs? Was machen Sie beruflich“? Fragte er in einem überraschenden Redefluss. 

In dem Gesicht von Siegfried Lampert rührte sich kein Gefühl.

„Ja“, sagte er etwas zynisch, so könnte man es nennen. Ich bin hier geschäftlich unterwegs“.  

Wenn er jedoch gedacht hatte, Doran so einfach abspeisen zu können, so sollte er sich gewaltig geirrt haben. Er konnte auch nicht wissen, wie hartnäckig der ehemalige Inspektor sein konnte, wenn sein Interesse geweckt war.

„Sie müssen einen außergewöhnlichen Beruf haben“, fragte Doran den Gast.

„Darf man fragen was Sie so tun“?

„Nun, nennen wir es einmal so, ich bringe wieder eine gewisse Ordnung in die Dinge, welche es erforderlich machen“.

Diesmal ließ sich sogar der Hauch eines Lächelns im Gesicht von Lampert ahnen.

Man erhob die Gläser um auf die neue Bekanntschaft anzustoßen, wobei Siegfried erwähnte, dass diese Runde auf ihn ginge.

Als das Essen aufgegessen war und die Gläser geleert waren, bestellte Doran eine weitere Runde an Getränke. Er gab zwar vor den Anderen an, dass dies seine Revanche war, beabsichtigte aber in Wirklichkeit, durch den Alkohol den „Neuen“ zum Reden zu bringen.

Umso näher der Abend rückte umso gemütlicher wurde er. Es folgte noch eine Runde von Tobias, eine von Christopher und sogar von Desiree.

Man redete über alles und nichts. Die Stimmung war locker wobei jedoch auffiel, dass Siegfried Lampert mehr Fragen zu stellen versuchte als er zu Beantworten bereit war.

Als es relativ spät geworden war und man sich entschlossen hatte zu Bett zu gehen, war es eindeutig, dass es doch ein sehr interessanter Nachmittag bzw. Abend geworden war.

Eines war jenem Herrn Lampert jedoch vorzüglich gelungen, noch immer wusste keiner der Gruppe, welchen Beruf er ausübte oder was er hier in dieser Gegend zu schaffen hatte.

Diese Sachlage bestand jedoch zu beiden Seiten. Es war ein reines, gegenseitiges Abtasten der äußeren Schale, der allgemeinen Intelligenz sowie der Glaubwürdigkeit.

Im Grunde wusste keiner etwas wirklich Relevantes über den Anderen. Die Gruppe ahnte nicht einmal was Siegfried hier zu schaffen hatte und was seine Absichten waren oder gar wer er war. Im Gegenzug war Herrn Lampert ebenso wenig über Absichten, Wissen und Vorhaben der Gruppe informiert.

Man konnte nicht behaupten, dass einer jener kleinen Runde be- oder angetrunken war, obwohl nicht gerade wenig Alkohol getrunken wurde. Seinen Zweck jedenfalls hatte er nicht erfüllt. Siegfried war noch genauso geheimnisvoll wie am Anfang.

Die Leute betraten ihre Zimmer, wuschen sich und gingen darauf zu Bett.

Alle konnten jedoch keinen sofortigen Schlaf finden. So drehte man sich von der einen Seite auf die Andere.

Die Zeit verging, als es plötzlich an Inspektor Doran seine Tür klopfte. Es muss so um die elfte Stunde gewesen sein. Doran war zunächst verwundert, wer denn noch so spät die Nachtruhe störte, schließlich könnte er ja bereits schlafen.

Er legte sein Buch zur Seite, welches er zum Einschlafen ließ, stand auf und ging zur Tür. Es war Georg und Tobias, Desiree und Christopher, die allesamt vor der Tür standen.

„Sie müssen schon entschuldigen“, sagte Georg, „aber als ich, genau wie die Anderen mit den abgesprochenen Aufzeichnungen beschäftigt waren, befiel uns fast der gleiche Gedanke, wie sich im Nachhinein herausstellte. Desiree kam darauf zu mir, wir gingen zu Tobias und dann gemeinsam zu Christopher. Alle kamen wir zu dem gleichen Entschluss oder Einfall. Dies kann doch kein Zufall sein. Zuerst sprachen wir darüber und wollten die Angelegenheit um jenes Wissen auf morgen verschieben, doch dann entschlossen wir uns, Dich aufzusuchen um Dir Bericht zu erstatten und Deine Meinung dazu zu hören“.

Doran bat die Anwesenden zu sich herein, deutete aber an, sie sollten leise sein.

Als man eingetreten war und Platz genommen hatte, ergriff Georg das Wort:

„Wir haben einmal die Punkte, an denen die Frauenleichen gefunden wurden, miteinander verbunden, und siehe da, als wir die Punkte mit Linien verbanden kam das Muster eines Pentagramms zustande. Genauso ein Pentagramm, wie es bei den Frauenleichen auf deren Stirn geritzt war. Ein Pentagramm ist ein mystisches oder magisches Zeichen, von großer Bedeutung, welches auch unter der Bezeichnung    „Drudenfuß“   bekannt sein kann.

Nun glauben wir, dass, da hier ständig die Rede von einem Fluch ist, dass es sich bei den Morden um Ritualmorde handelt.

Hinzu kommt noch die Geschichte mit dem Landgrafen auf den alle Spuren zurückführen. Dieser Landgraf muss doch auch Nachkommen haben, welche vielleicht unter einem ganz anderen Namen mitten unter uns leben.

Hier sind wir nun bei dem ehemaligen Bauern Friedrich. Er nimmt hierbei eine zentrale Rolle ein. Erst der mysteriöse Tod seiner geliebten Frau und dann der tragische Tod seiner kleinen Tochter. Alle Fäden beginnen zusammenzulaufen. Da Friedrich auch tot ist und wir ihn nicht mehr befragen können, müssen wir uns auf unsere Recherchen beschränken“.  

Nun übernahm Tobias das Reden: „Ich bin zwar nur ein einfacher Kutscher, aber in den esoterischen Bereichen kenne ich mich gut aus.

Ich weiß zum Beispiel, dass das Hexagramm den Kosmos des Menschen symbolisiert. Es gibt aber noch ein ähnliches Zeichen, welches das gesamte Universum repräsentiert. Bei diesem Zeichen handelt es sich um ein sogenanntes Hexagramm, auch Davidstern genannt.

Nun, um einen Fluch aufzuheben benötigt man ein großes Hexagramm indem sechs Opfer dargebracht werden müssen. Fünf von ihnen sollen mit dem Pentagramm gezeichnet sein. Das sechste Opfer hingegen dient als Schlüsselfigur. Es wird als letztes ausgewählt und trägt dann das Hexagramm als Zeichen. Es muss sich im Zentrum des großen Pentagramms befinden. Indem dessen Blut auf alle fünf Punkte des Pentagramms verteilt werden muss“.

  Christopher übernahm das weitere Gespräch: „Alles führt in punkto Mystik auf eine einzelne Spur. Ich bin daher auch fest der Meinung, dass wir es hierbei mit nur einem Täter oder einer extremistischen Gruppe zu tun haben, wobei ich das Letzte eher ausschließen würde.

Ich bin der festen Meinung, dass alle Hinweise auf die Spur des alten Landgrafen und dessen Geschichte zurückzuführen sind“.

 Alle Anwesenden waren still geworden. Jeder machte nicht nur ein sehr nachdenkliches Gesicht, sondern sich auch seine Gedanken in dieser Sache.

„Wenn dem aber so sein sollte, erwiderte Doran, dann muss der Täter aus dem Geschlecht des Landgrafen stammen. Aber was will er bezwecken und wo ist hier das Motiv“?

Doran war sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Es mag das erste Mal in seinem gesamten Leben gewesen sein, dass er sich vollkommen hilflos fühlte.

Wenn dem wirklich so wäre, dann würde dies bedeuten, dass der oder die Täter aus der einstigen Familie des Landgrafen stammen. Die Opfer wären dann nach einem bestimmten Muster, aber dennoch willkürlich auserwählt.

Was aber noch zu bedenken wäre, und dass ist weitaus schlimmer, jenes letzte Opfer läuft, ebenso wie sein Mörder, noch frei da draußen herum, wobei das Opfer nicht einmal weiß, dass es eines darstellt. Der Mörder hingegen wartet bereits auf seine Chance.

Womöglich ist er, oder sogar beide bereits schon unter uns. Bei Doran drehte sich förmlich der Kopf.

„Wer zum Henker ist dieser kleine, abscheuliche junge Mann mit seiner verhaltenden Art und seinem schmierigen Lächeln“? Murmelte Doran vor sich her, aber noch immer laut genug, dass die Anderen es verstehen konnten.

„Warum Taucht er hier in diesem Augenblick auf“? Sagte Doran plötzlich. „Nein, die ganze Sache gefällt mir nicht“.

„Liebe Desiree, meine Guten Freunde, die Angelegenheit hat sich veränder. Wir sollten jetzt sofort ins Bett gehen, um Morgen in aller Früh, so Zeitig wie nur möglich unten in der Gaststube sein können. Dort werden wir, während wir unsere Beobachtungen anstellen, gemeinsam jenen Plan entwerfen, den wir eigentlich heute Abend einzeln anfertigen wollten“.

Doran komplimentierte die gesamte Gesellschaft mit einem einzigen Satz vor die Tür.

Nun ging jeder endgültig zu Bett und es wurde noch einmal ruhig im Haus. Diesmal sollte die Ruhe, mit einer Ausnahme, bis zum nächsten Morgen anhalten.

Es mag so gegen ca. vier Uhr in der Früh gewesen sein. Tobias, der ehemalige Kutscher und jetzige Vormann auf der Poststation wurde von einem Geräusch geweckt. Zunächst dachte er, geträumt zu haben und wollte gerade weiterschlafen, als er das Geräusch erneut hörte. Diesmal war es sicher, jemand lief draußen im Treppenhaus umher. Deutlich konnte man das Knarren der alten Dielen des Hauses wahrnehmen.

Tobias stieg leise aus seinem Bett und suchte sich etwas zur eventuellen Verteidigung. Beim Kamin wurde er fündig und endschied sich für den Schürhaken. Mit diesem bewaffnet begab er sich leise zu seiner Zimmertür. Ganz vorsichtig drehte er den Schlüssel im Schloss herum und öffnete, sehr langsam und mit Bedacht, seine Zimmertür zum Gang. Zuerst blickte er nach links, wo niemand zu sehen war. Dann, als er seinen Kopf nach rechts wandte und den Gang hinunterschaute, sah er gerade noch, wie jemand am Ende des Ganges um die Ecke bog. Leider konnte er nicht erkennen, um wen es sich hierbei handelte.

Er beschloss demjenigen zu folgen.

Sehr vorsichtig, um ja keine unnötigen Geräusche zu verursachen, schlich er den Gang entlang. Als er sich der besagten Ecke näherte, wurden seine Schritte noch langsamer. Er glaubte zu hören, wie ein Mensch leise atmete. Da sich dieses Geräusch nicht entfernte, blieb er vor der Ecke, auf dem Gang stehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. So verging eine kurze Zeit. Dann aber nahm er all seinen Mut zusammen und ging mit nur einem Schritt, den Schürhaken zum Schlag erhoben, um die Biegung des Ganges.

Dabei lief er direkt in eine dort stehende Person hinein.

Der Schreck muss für beide gleich groß und unerwartet gewesen sein. Da keiner beim Zusammenstoß den anderen erkennen konnte, fiel es ihnen schwer einen Aufschrei zu unterdrücken.

Es waren zwar nur Sekunden des Schreckens die vergingen, aber es kam beiden wie Stunden vor. Einer hielt den Anderen an seiner Nachtbekleidung fest. Dann schaute man sich in die Augen. Welch unerwartete Überraschung sich in jener Situation doch ergab. Gegenüber standen sich Tobias und Doran.

Noch vollkommen verschreckt fragte Tobias leise flüsternd den ehemaligen Inspektor was er hier um diese Zeit suche.

Doran berichtete Tobias von dem nächtlichen Geräusch und dass auch er herausfinden wollte, wer da wohl das Nachts auf dem Gang herumschleicht. Dann sei er allerdings mit Tobias zusammengestoßen.

Ohne noch weitere unnötigen Worte und damit Zeit zu verlieren, begaben sich die Zwei den Gang entlang auf die Treppe zu, welche hinunter in die Gaststube führte. Nicht weit entfernt hörte man die vorsichtigen Schritte, welche sich die Treppenstufen hinunter zu bewegen schienen. Immer wieder blieb die ominöse Person stehen, als wollte sie sich davon überzeugen, unerkannt zu bleiben.

Als Tobias und Doran den oberen Teil der Treppe, vom Gang her, erreicht hatten und sich über das Geländer lehnten, sahen sie gerade noch wie die Person in Richtung Küche verschwand.

Die Überraschung war nicht schlecht. Im Grunde hatte jedoch jeder bereits damit gerechnet. Wer da so vorsichtig und leise verschwand, war kein anderer als Herr Siegfried Lampert.  

Doran und Tobias sahen sich an.

Am liebsten wäre Tobias, so wie es seine Art war, sofort hinterher um diesen ehrenwerten „Herrn Lampert“ zur Rede zu stellen. Doran jedoch gab Tobias mit dem Kopf ein Zeichen, was zum Rückzug aufforderte.

Tobias, der genau wusste, dass Doran immer genau wusste was zu tun war, folgte ihm ohne Widerspruch. So gingen beide leise zurück zum Zimmer von Tobias.

Beide traten fast lautlos ein und erst als sie die Tür hinter sich geschlossen und gesetzt hatten, begannen sie sich über den Vorfall zu unterhalten.

Zuerst berichtete Tobias von seinen Erlebnissen. 

„Ich habe im Grunde das Gleiche erlebt“, bemerkte Doran darauf.

„Was mir hierbei jedoch Kopfschmerzen bereitet ist die Tatsache, dass unsere Vermutungen zu eindeutig sind. Entweder ist der Täter unglaublich leichtsinnig geworden oder aber sehr dumm. Die Sache erscheint mir zu leicht. Mir gefällt jener Lampert ebenso wenig wie allen anderen, aber eine innere Stimme, die ich nicht erklären kann, sagt mir, dass er es nicht ist, den wir suchen. Ich hebe da so meine Gedanken und kann nur hoffen, dass sich diese nicht bestätigen, da dies mehr als schrecklich wäre“.  

Mit diesen Worten erhob sich Doran und sagte zu Tobias:

„Lass uns schlafen gehen, es wird nichts weiter geschehen, jedenfalls nicht in dieser Nacht, da bin ich mir vollkommen sicher. Gott möge uns beschützen, dass sich meine Vermutung nicht bestätigt“. 

Doran verließ das Zimmer von Tobias und begab sich auf sein eigenes. Bereits schon im Bett, konnte er nicht abschalten. Noch lange dachte er darüber nach, was wohl wäre, wenn sich sein Verdacht bestätigen würde, es wäre nicht auszudenken.

Irgendwann jedoch schlief Doran ein und wurde erst von den Sonnenstrahlen geweckt, welche ihm direkt ins Gesicht schienen.

Da es bereits neun Uhr war, machte er sich umgehend parat und begab sich in die Gaststube. Zu seiner Erleichterung, er dachte schon zu spät zu kommen, stellte er fest, dass noch nicht alle versammelt waren.

Er begrüßte jene, die bereits anwesend waren. Desiree, Georg und Christopher saßen bereits am Tisch und Doran setzte sich dazu. Noch wusste keiner der Anwesenden, was sich in der letzten Nacht, gegen Morgen ereignet hatte.

„Wir hatten gedacht, wir essen gemeinsam und warten daher bis alle zusammen sind“, bemerkte Desiree.

Noch etwa zehn Minuten verbrachte man damit die üblichen Gespräche zu führen. Wie man so geschlafen hatte, was der gestrige Tag gebracht hatte und wie man den heutigen gestallten sollte.

Dann öffnete sich die Tür zu der Gaststube und Tobias trat ein.

Alle am Tisch befindlichen schauten teils erschrocken, teils verwundert und überrascht einander an. Tobias war nicht allein. In seiner Begleitung befand sich jener mysteriöse wie suspekte Herr Siegfried Lampert. Die Beiden steuerten gemeinsam geradewegs auf den Tisch der Gruppe zu.

Dort angelangt nahm Tobias ebenso wie dieser Lampert Platz.

Siegfried Lampert setzte sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit zu den anderen, als wäre er von Anfang an dabei gewesen. Den restlichen Personen der Gruppe verschlug jene Dreistigkeit derartig die Sprache, dass für einen kurzen Augenblick völlige Ruhe herrschte.

„Ich wünsche allen einen wunderschönen guten Morgen und hoffe, dass alle hier Anwesenden eine erholsame Nacht hatten“. Desiree war die Erste, die ihre Fassung wiedergefunden hatte. Bei der Begrüßung setzte sie ihr freundlichstes Lächeln auf, was ihr aber nicht ganz so gelang wie sie es vorhatte. Auch den anderen am Tisch fiel dies sofort auf.

Allein Siegfried Lampert ließ sich nichts dergleichen anmerken und erwiderte, in seiner besonderen freundlich Art diesen Gruß.

Ab diesem Augenblick war die allgemeine Stimmung am Tisch so angespannt und explosiv, dass man sich allein an der Luft hätte entzünden können.

Mit den verschiedensten Gesprächen versuchte man die Stimmung stabil zu halten.

Dann kam das Frühstück. Dies hatte zumindest jenen Vorteil, dass man während des Essens nicht Reden brauchte.

So glaubte man zumindest. Doch plötzlich wurde das Schweigen je unterbrochen. Noch dazu von jemanden, von dem man gerade diese Reaktion niemals erwartet hätte.

Lampert hatte gerade seinen Bissen heruntergeschluckt, als er sein Glas in die Hand nahm um diesen herunter zu spülen.

Wie selbstverständlich wandte er sich an Tobias und Doran, die nebeneinander ihm genau gegenüber saßen und fragte zum Erstaunen der Anderen: „Warum erzählen Sie der hier versammelten Gruppe eigentlich nicht was sich in den frühen Morgenstunden hier im Haus ereignet hat“?

Doran blieb schlagartig der Mund offen stehen und Tobias wurde rot im Gesicht, wobei man nicht unterscheiden konnte, ob diese Verfärbung auf Wut oder Überraschung zurückzuführen war.

„Sie wissen schon wovon ich rede“. Lampert erschien völlig entspannt als er diese Bombe platzen ließ.

„Also, wollen Sie oder soll ich vielleicht“? Lampert glich einer Katze die mit einer Maus spielte, bevor sie diese verspeiste.

„Ich glaube es wird das Beste sein wenn ich den Anfang mache“, sagte er und begann.

„Als erstes möchte ich mich zunächst einmal richtig vorstellen. Siegfried Lampert ist wirklich mein richtiger Name. Ich bin aus einem besonderen Grund hier. Um ehrlich zu sein, es war nicht meine freiwillige Entscheidung, ich wurde hierher befohlen. Ich arbeite nämlich für eine Sondereinheit der staatlichen Polizei“.

Nun machte er doch eine kleine Pause um das Vorhaben, einen Schluck zu trinken, in die Tat umzusetzen. Alle Anderen taten es ihm gleich. Eigentlich hätte jeder im Augenblick, trotz der frühen Morgenstunden, einen kräftigen Schnaps vertragen können.

Dann fuhr Lampert fort.

„Vor über einem Jahr wurde uns der Fall der Frauenmorde übertragen. Man steckte in einer Sackgasse. Bei den bisherigen Ermittlungen stellte sich heraus, dass alle Fäden hier in dieser Gegend zusammenführen.

Ich begab mich also hierher, wo ich auf Sie getroffen bin. Bei näherem recherchieren wurde mir bewusst, was Sie miteinander verbindet. Dies war ein großer Durchbruch für mich, zumindest als ich die gesamten Zusammenhänge von damals erfuhr. Umso mehr war ich erstaunt, als ich Sie alle, bei meiner Anreise, wieder hier versammelt sah. Mir wurde klar, dass wir auf der gleichen Fährte waren. Dies konnte kein Zufall sein.

So heftete ich mich an Sie, ohne dass Sie mich bemerkten. Sie müssen mit verzeihen, aber ich konnte mich Ihnen gegenüber nicht erklären, sonst hätte ich das gesamte Projekt gefährdet. Ständig waren Sie mir einen Schritt voraus, was Sie im Falle immer noch sind.

Dann aber kam meine Stunde. Ich stieß auf etwas, was die ganze Angelegenheit und ihre Geheimnisse in einem anderen Licht erschienen ließ. Auf einmal schien alles sehr einfach und klar.

Um mich aber genau zu vergewissern, musste ich noch etwas überprüfen.

So wartete ich nach unserem gemeinsamen Abendmahl bis alles im Haus ruhig geworden war und ich davon ausgehen konnte, dass alles schlief und ich somit ungestört war.

So gegen vier Uhr in der Früh glaubte ich es wagen zu können. Ich begab mich also auf den Gang um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Leider muss ich mich dabei doch etwas zu laut gewesen sein oder mich vielleicht zu sicher gefühlt haben. Es kann auch gut sein, dass ich das Knarren der alten Dielen unterschätzt hatte. Aber mag es sein wie es ist, jedenfalls habe ich Herrn Doran und auch Herrn Tobias aus ihren Schlaf aufgeweckt.

Sie folgten mir, ohne dass anfangs der Eine vom Anderen wusste. Sie glaubten ich hätte es nicht bemerkt, aber das hatte ich wohl. Ich war jedoch meinem Ziel so nahe und wollte um keinen Preis aufgeben.

Als sich die beiden Herren an der Gangabzweigung begegneten, war dass meine Chance. Ich konnte für einen kurzen Augenblick einen Einblick in meine vermuteten Beweise tun, um dann schnell wieder zu verschwinden. Ich wusste aber, dass mich die zwei Herren erkannt hatten.

Wäre dies nicht geschehen, so hätte ich mich noch nicht erklärt und Sie im Dunkeln gelassen.

Ich hebe zwar meine Beweise gesehen, aber das allein reicht nicht aus. Dieser Zwischenfall hat dafür gesorgt, dass ich kein wirkliches Beweismaterial an mich nehmen und somit sichern konnte“.  

Damit schloss Herr Siegfried Lampert seinen Bericht vor all den erstaunten Beteiligten an diesem Tisch.  

„Und wer war es nun? Wie lautet die Lösung für das Geheimnis“? Tobias war aufgeregt und sehr neugierig zugleich.

„Ich hoffe Sie werden mich verstehen und mein Verhalten auch gleichzeitig entschuldigen, wenn ich Ihnen erkläre, dass ich zurzeit noch nichts dergleichen preisgeben darf. Ich versichere Ihnen aber ich würde es wirklich gern, jedoch die Lösung hängt davon ab, und es ist nicht nur die Lösung sondern auch das Leben einer ganz bestimmten Person“.

Bei diesen Worten konnte man direkt bemerken, wie schwer es jenem Lampert fiel, diese Leute zu endtäuschen.

„Ich möchte Sie dennoch, auch wenn dies im Moment ausverschämt erscheinen mag, um etwas bitten. Wenn es ihn diesem Fall Erkenntnisse geben sollte, von denen Sie der Meinung sind, dass man mir diese auch mitteilen könnte, so tun Sie das bitte. Schließlich ziehen wir gemeinsam an einem Strang.

Außerdem werde ich Ihnen, zu gegebener Zeit, den genauen Grund meiner jetzigen Verschwiegenheit mitteilen und ich bin mir ganz sicher, dass Sie mich dann verstehen werden. Sie glauben gar nicht wie gern ich mit Ihnen zusammenarbeiten würde, nur leider ist dies zurzeit nicht möglich.

Ich hoffe jetzt aber, dass ich Sie, allein durch meine Anwesenheit, nun nicht mehr so massiv anwidere und sich somit Ihre Meinung über mich ein wenig geändert haben könnte“. 

Allen am Tisch erschien diese Situation wie im Traum. Mit einem Mal hätte die Gruppe sogar Mitleid mit diesem Mann haben können. Zumindest aber überdachten sie die Tatsache, wie leicht man doch einen Menschen nach seiner äußeren Erscheinung beurteilen konnte. Dies sollte ihnen eine Lehre sein.

Die gruppe am Tisch bestand nun mehr aus sechs Personen. Als da waren: Georg der ehemalige Wirt des Gasthauses, Desiree, Christopher, Doran der ehemalige Inspektor, Tobias der Vormann der Poststation und nun auch Siegfried Lampert, der Polizist jener Sondereinheit der hiesigen Staatspolizei.

Im Grunde konnte man Herrn Lampert nicht wirklich dazu zählen, da er weiter auf eigene Faust ermittelte, sich aber mit den anderen insofern einigte, sich gegenseitig auszutauschen, wenn die Informationen dies zulassen würden.

Nach Essen war im Augenblick keinem mehr so richtig zumute. Die Aufregung mag dazu beigetragen haben. Jedenfalls entstand ein angeregtes Gespräch, welches einige Dinge an das Tageslicht brachten, die doch recht erstaunlich waren.

Es stellte sich heraus, dass Lampert so gut wie alles bereits wusste, was sich die Anderen mühselig erarbeitet hatten. Nur von der Gruft wusste er noch nichts. Als man ihm davon berichtete, wurden seine Augen sofort größer und er hörte sorgfältig zu.

„Ich glaube nicht, dass wir zurzeit diese Gruft noch einmal öffnen müssen, Ihre Beschreibung ist so genau, wir können uns somit die ganze Arbeit ersparen. Später vielleicht werden wir noch einmal darauf zurückkommen“. Meinte er zu diesem Abschnitt des Themas.

„Was jedoch nicht nur interessant ist sondern mir auch von unglaublicher Wichtigkeit erscheint, ist die Angelegenheit mit dem Pentagramm und dem Hexagramm. Sollte sich unsere theoretische Spekulation als richtig erweisen, so befindet sich noch eine Person in größter Lebensgefahr. Bei dieser Person dürfte es sich auch um eine Frau als Opfer handeln, da unser Täter stets auf gleicher Weise vorgegangen ist. Doch wer könnte diese Frau sein“?

Lampert legte seine Stirn nachdenklich in tiefe Falten. 

Doran ergriff darauf das Wort und meinte: „Zuerst sollten wir in Erfahrung bringen, ob jene Frauen etwas Gemeinsames haben was sie sozusagen für den Täter miteinander verbindet. Vielleicht sucht er sich seine Opfer auch wahllos aus.

„Nein, diese Frage kann ich Ihnen eindeutig beantworten. Der Täter, wer immer es auch sein mag, sucht seine Opfer nach einembestimmten Profil aus“.

Lampert erstaunte die Anderen durch seine, nicht erwartete Erklärungsbereitschaft.

„Alle fünf Frauenleichen hatten einiges gemeinsam. So waren sie alle zwischen zwanzig und achtundzwanzig Jahre alt. Wenn man es so betrachten wollte, könnte man sagen, sie befanden sich allesamt in einem sehr gebärfreudigen Alter. Obwohl, und das erscheint mir wiederum sehr wichtig, keine der Frauen wurden weder vorher noch nach der Tat geschändet. Nicht einmal in unmoralischer Art oder Weise wurden diese Frauen sozusagen genötigt.

Des Weiteren waren alle Opfer blond, hellblond. Sogar die Länge der Haare schien bei allen ähnlich zu sein. Es gab keine kurzen oder besonders lange Haare. Die Frisur der jungen Damen waren schulterlang und jeweils nur leicht gelockt, eher als wellig zu bezeichnen.

Sogar auf die Augenfarbe hatte der Täter sehr geachtet. Alle Frauen hatten blaue Augen und waren, von ihrer Körpergröße nicht kleiner als 1,65 Meter und nie größer wie 1,75 Meter, wobei man hier nicht genau auf den Zentimeter achten darf.

Ferner trugen die Ermordeten fast die gleiche Mode, was bedeutet, dass sie insofern den gleichen Geschmack hatten.

Dieser Hinweis ist insofern interessant, da man von dem Geschmack der Mode auf die Charakterzüge jener betroffenen Person schließen kann.

Geht man von dieser Theorie aus, so sind alle der Frauen eher schüchtern und verträumt gewesen. In ihrem tiefsten Inneren aber waren sie sehr anspruchsvoll mit manschen obszönen Gedanken und Wünschen. Dies wissen wir von den Befragungen, im Laufe der Ermittlungen, der engsten Freundinnen und Bekannten.

Glauben Sie mir, dieser Teil war nicht nur, auch für uns, sehr peinlich aber auch aufschlussreich.

Das Pentagramm wurde den Frauen stets vor dem Totschlag beigefügt. Wir gehen daher davon aus, dass dies eine schmerzhafte Bestrafung sein sollte. Auch haben wir die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass sie vorher auf ihre Opferrolle vorbereitet sowie auch davon in Kenntnis gesetzt wurden.

Eigenartig ist hierbei die Tatsache, dass keine der Frauen einen Eindruck von Angst aufwiesen, obwohl sie alle einen, bestimmt unangenehmen Tod ins Auge blickten.

Des Weiteren waren keine der Opfer verheiratet, hatte aber alle eine feste Beziehung. Auch die Lebenspartner jener Frauenopfer haben wir selbstverständlich befragt, wobei jeder von ihnen bekundete, die Anderen nicht zu kennen.

Noch zu erwähnen wäre vielleicht noch die Tatsache, dass alle aus einem gut bürgerlichem Hause stammten. Es existierten also keine Gerüchte oder unerwartete Vorkommnisse.

Eben gut bürgerlich.

So, nun wissen Sie das Meiste von dem was ich weiß. Mit mehr kann ich Ihnen zurzeit leider nicht behilflich sein“.

Siegfried Lampert hatte die Anderen mit seinem unerwarteten Protokoll nicht nur verblüfft sondern auch beeindruckt. 

„Wir sind Ihnen zu großem Dank verpflichtet und ich garantiere ihnen, und ich glaube, dass ich hiermit für alle spreche, Ihnen zu helfen wo wir nur können. Das betrifft selbstverständlich auch die Informationen, welche wir in Erfahrung bringen“, bemerkte Doran respektvoll.

Lampert lächelte und diesmal war es ein sehr freundliches und ehrliches Lächeln. Er wurde den Anderen der Gruppe mehr und mehr sympathischer.

„Ach, da wäre noch eine Kleinigkeit die Sie vielleicht wissen sollten“, meldete sich Lampert noch einmal zu Wort.

„Der Täter wird leitsinnig und schlampig, aber dies ist ja nicht selten. Bei seinem letzten Opfer hat er einen gravierenden Fehler begangen. Eine Kleinigkeit die schwere Folgen haben könnte“.

„So“, sagte nun Georg, „ich weiß zwar nicht wie es Ihnen allen geht, aber ich für meinen Teil habe bei all dem Fachsimpeln nur wirklich zwei Dinge verstanden.

Zum ersten, dass unser verehrter Herr Lampert ein sehr bemerkenswerter Mann ist, was ich anfangs nicht geglaubt hätte. Und zum zweiten, dass ich, gleich der Uhrzeit, jetzt einen Schnaps brauche. Ich möchte alle hier am Tisch dazu einladen“.  

Keiner hatte in diesem Moment etwas dagegen einzuwenden, und so nahm man das Angebot desehemaligen Wirtes gern an.

Alle nun sechs Beteiligten waren guter Dinge und sehr froh, dass sich nun doch noch alles zum bisher Besten gewendet hatte. So prostete man sich gegenseitig, auf ein gutes Gelingen sowie eine baldige Aufklärung zu.

  Desiree bemerkte noch,“ es ist das erste Mal. Dass ich froh bin, nicht mehr so jung zu sein. So brauche ich mir wenigstens keine Sorgen um meine Sicherheit, zumindest diesbezüglich, zu machen“.

Trotz der allgemein guten sowie lockeren Stimmung kam in all dem Trubel noch eine unerwartete Frage:

„Was aber hat das alles mit dem Vorfall vor einigen Jahrzenten hier bei uns zu tun? Warum musste das kleine Mädchen einen so grausamen Tod sterben. Ich kann das alles nicht verstehen, war die Familie des Bauern Friedrich nicht bereits genug gestraft? Und dann noch der Bauer selbst. Was macht das alles für einen Sinn? Wo finden wir hierbei Gottes Gnade? Ich würde dies eher, so wie ich es damals bereits gesagt hatte, für ein Weg des Teufels. Ich habe es vor langer Zeit gesagt und ich bin bis heute noch der gleichen Meinung. Gott kenne ich nicht, aber Satan den Teufel kenne ich und bin ihm sogar bereits begegnet“.

Alle schauten verblüfft auf den Mann, der diese Worte gerade jetzt sagte. Es war Tobias. Tobias der zurzeit jener traurigen Ereignisse der Kutscher der Unglückskutsche war, und der auch im Grunde als erster am Unglücksort war.

Tobias der jahrelang, um es genau zu sagen, sein fast ganzes Leben lang, als Kutscher auf der Poststation war und sich selbst jetzt noch als Vorarbeiter der jungen Kutscher dort tätig ist. Zwar sitzt er nicht mehr auf seinen geliebten Kutschbock, aber er hat noch immer seinen Platz auf der Station bei seinen Kutschen und Pferden.

Obwohl er es gar nicht mehr nötig gehabt hätte, beharrte er immer strikt darauf zu bleiben. Warum weiß bis heute noch kein Mensch.

Es wurde viel spekuliert und gemunkelt, aber nie gab es eine wirkliche Erklärung. Er war wahrscheinlich ein sehr harter Mensch, hart gegen sich selbst.

Allein die Tatsache, dass jener Tobias noch heute, nach all den vielen Jahren, die seit der Tragödie vergangen sind, diesen Vorfall noch immer nicht vergessen konnte. Noch immer war es wie bei einer Verschwörung, ein Albtraum, den man Nacht für Nacht träumt. Ein Etwas, was einen Menschen innerlich langsam aber dafür gründlich zerfrisst.

Aber warum oder für wen quält sich dieser Mann so unendlich? Keiner würde es ihm sagen, aber jedem konnte dieser Tobias nur leidtun. Was ist diesem Mann im Leben wiederfahren, das er so geworden ist.

So betrachtet war es kein Wunder, dass Tobias sich so sehr dem Aberglauben verschrieben hat. Das war so und das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben, bis er irgendwann seine Ruhe und damit seinen Frieden findet.

Abgesehen von dieser unerwarteten Einlage des Tobias, hatte diese Angelegenheit keinen weiteren Einfluss auf die gute Stimmung der kleinen Gesellschaft. Aber Tobias sollte an diesem Tag nicht mehr so stimmungsvoll wie sonst. Nein, etwas beschäftigte ihn. Er wirkte sehr nachdenklich.

Der Vormittag verlief ohne weitere Zwischenfälle. Ganz im Gegenteil, die gute Laune der Beteiligten stieg mit jedem Getränk und jeder Diskussion, welche sich als fruchtbar in der Auswertung erwies.

Es gab aber noch jemanden, der aufmerksam geworden und von seinen Beobachtungen nicht abzubringen war. Nur ließ er sich das nicht anmerken. Lampert ließ seine Instinkte auf sich einwirken.

 

13. Kapitel

 

Trugschluss oder Unfassbar

 

            Trotz der vielen Diskussionsvarianten herrschte eine gewisse Kälte, welche sich auf die Stimmung von zwei Beteiligten beschränkte. Die Anderen merkten davon jedoch nichts. Man zog so gut wie jede nur denkbare Möglichkeit in Erwägung.

Auch die Frage von Tobias, zumindest was das kleine Mädchen betraf, wurde diskutiert.

Auch wenn diese Tat bereits sehr lange zurücklag, stellte sich die Frage, war es ein Mord oder wirklich nur ein unglücklicher Unfall.

Sollte es sich hierbei jedoch um einen Mord handeln und dieser in direktem Zusammenhang mit den fünf Frauenmorden stehen, stellte sich jene Frage, ob dies der erste Mord gewesen sein könnte. Wenn ja, und es sich wirklich um einen Ritualmord im Sinne eines Hexagramms handelte, wäre das kleine Mädchen bereits, als erste, die Schlüsselperson gewesen. Dann würde es bereits sechs Leichen geben. Womöglich musste das erste Opfer sogar unbefleckt sein.

Doch was würde dann demnächst geschehen, was könnte man erwarten?

Immer führte eine Frage zu einer möglichen Antwort, die jedoch insofern keine Hilfe war sondern stets nur weitere Fragen aufwarf.

In all dem Debattieren der Anwesenden bemerkte keiner, dass sich Tobias sowie auch Lampert sehr zurückhielten.

Hier und da gab Lampert etwas zu bedenken oder stellte eine weitere Theorie in Frage. Jedoch wurde er nicht mehr so deutlich in seiner Aussagekraft.

Tobias hingegen schien sich zu ärgern. Über seine Auffassung des Aberglaubens, welche keiner bereit war mit ihm zu teilen. So machte es zumindest den Anschein, aber etwas schien ihn dennoch zu bedrücken.

Aber wie alles im Leben ging auch diese Situation schnell und ohne weitere Erklärungen vorüber.

Die Zeit war für alle unbemerkt schnell vergangen. Man wollte sich gerade auf seine Zimmer begeben, als Georg den Anderen gegenüber bemerkte, dass es in einer guten halben Stunde bereits das Mittagessen gedeckt werden würde. Das bedeutete im Klartext, es war etwa halb zwei Uhr.

„Wie schnell doch die Zeit vergehen kann, wenn man sich um Lösungen bemüht und dabei unterschiedlicher Meinung ist“, sagte Christopher.

„Das ist wohl nur allzu war, zumindest wenn jeder der Diskussionsgesellschaft der Annahme ist, dass einzig er Recht hat“, ließ Desiree etwas zynisch verlauten.

Man entschloss sich, auf die Zimmer zu gehen um sich ein wenig frisch zu machen. In ca. zwanzig Minuten wollten sich alle wieder hier treffen.

Alle verließen daraufhin die Gaststube, ausgenommen Georg, der seiner Schwiegertochter zur Hand gehen wollte.

Während der Vorbereitung zum bevorstehenden Essen unterhielten sich Georg mit seiner Schwiegertochter über die gesamten Geschehnisse, Vermutungen, Erfolge und auch das ganze Gespräch von heute, sowie die einzelnen Reaktionen der Beteiligten, welche nicht alle unbedingt einstimmig waren.

„Dieser verrückte Tobias, der wird sich wohl nie mehr ändern. Stur wie ein Maulesel und die Unfreundlichkeit in Person“, sagte der Sohn von Georg, der eigentlich jetzige Wirt und Leiter der Poststation war und gerade die Küche betrat.

„Flucht geistesabwesend vor sich hin, und als hätte er mich nicht gesehen, rempelt er mich an und geht ohne ein Wort der Entschuldigung einfach fluchend weiter. Ich glaube er wird nicht nur sehr alt sondern auch noch senil. Wo das noch enden soll“?

Die Schwiegertochter von Georg konnte es sich daraufhin nicht verkneifen, auch ihren Mann von all den Wunderlichkeiten zu berichten. Dieser reagierte wie es von gestressten Männern nicht anders zu erwarten wäre.

Alles nur dummes Gerede und Aberglaube. Man könnte meinen, die Herrschaften hätten nichts weiter zu tun und sich vor lauter langer Weile sämtlichen Verschwörungstheorien widmen“, sagte er völlig mit den Nerven am Ende. Er hatte schließlich so einige Sorgen, sei es im Geschäft, noch im gesundheitlichen Bereich. Seit einiger Zeit wurde er von immer widerkehrenden Schwindelanfällen geplagt. Seiner Frau hatte er jedoch nichts davon berichtet, um ihr keine unnötigen Sorgen zu machen.

 

                

               Die zwanzig Minuten waren noch nicht einmal ganz vergangen, als sich die kleine Gruppe, wie auf Kommando, wieder in der Gaststube einfand.

Tobias betrat zuerst den Raum. Er machte einen völlig ausgewechselten Eindruck. Er war, wie gewohnt, etwas vorlaut und direkt.

Danach folgten Doran, Christopher, Desiree und Georg, der ohnehin schon dort in der Küche war.

Christopher hielt ein Blatt Papier in seiner Hand. Es war zweimal gefaltet und Christopher wusste selbst noch nicht was darin stand.

Die Gruppe nahm an ihrem gewohnten Tisch Platz und das Essen wurde umgehend gebracht.

„Wo Lampert nur bleibt“ sagte Doran und runzelte dabei seine Stirn. „Ich schlage vor, wir beginnen schon einmal mit den Essen bevor es noch kalt wird“.

Obwohl keiner der Anwesenden so richtig Hunger hatte und die Mahlzeit wie immer reichhaltig war, konnte keiner dem guten Geruch sowie der schmackhaften Zubereitung widerstehen. So begann man zu speisen und wie gewöhnlich kam der Appetit beim Essen.

Die Zeit verging und nach und nach hatten auch alle Anwesenden ihr Mahl beendet. Wer jedoch noch immer am Tisch fehlte war Lampert.  

Nach einer weiteren Weile des Wartens meldete sich Christopher zu Wort.

„Ich habe hier ein Schreiben, welches man mir vorhin unter meiner Tür durchgeschoben hatte, als ich mich wahrscheinlich im Badezimmer aufgehalten hatte. Ich weiß selbst noch nicht was darin steht, da ich warten wollte bis alle anwesend sind. Da Lampert aber nicht erscheint, werde ich es jetzt den Anderen vorlesen“.

 

 

 

Meine lieben Freunde,

 

ich hoffe, dass Sie mir diese Anrede gestatten. Zu meinem Bedauern kann ich am heutigen Mittagsmal nicht teilnehmen, da ich noch etwas Wichtiges zu erledigen habe.

Gern würde ich mir diesen Weg ersparen, aber was sein muss, muss sein. Es ist mir heute klar geworden, wie sich alles zusammengesetzt haben könnte.

Ich würde mir ganz bestimmt von ganzem Herzen wünschen, dass sich mein Verdacht nicht bestätigt. Wenn doch, so ist noch lange nicht alles ausgestanden.

Aber ich bin nun einmal dazu verpflichtet, jeder nur erdenklichen Spur nachzugehen, dies ist nun einmal meine Aufgabe, ob es mir gefällt oder nicht, spielt hierbei keine Rolle, ich diene nur den Gesetz und damit der Gerechtigkeit, egal ob es sich hierbei um einen Freund oder nicht handelt.

Ich entschuldige mich daher für mein Fehlen und hoffe, dass ich zum Abend bereits die Sache erklären kann. Doch nach meiner Meinung hat der Täter einen gewaltigen Fehler gemacht, wie ich Ihnen heute bereits schon berichtet habe. Aber, noch heute wird jene Person einen weiteren großen Fehler begehen, welcher hoffentlich sein letzter sein dürfte.

Bitte halten Sie für mich die Stellung, solange ich nicht da bin und achten Sie gut auf sich, denn ich glaube, dass Sie sich alle in Gefahr befinden, ohne sich wahrscheinlich davon zu wissen.

Denken Sie immer daran, der Täter kennt Sie, aber Sie kennen den Täter nicht. Diesen Vorteil wird er nutzen, bitte glauben Sie mir.

  Ich werde heute Abend gegen neun Uhr zurück sein. Dann kann ich Ihnen womöglich alles Erklären, auch was ich heute gemacht habe.

  Bis dahin, und in der Hoffnung Sie alle gesund wieder anzutreffen verbleibe ich,

  Ihr Hauptkommissar Lampert

                Doran legte seine Stirn in tiefe Falten und bemerkte, so ganz nebenbei:

„Das finde ich nun aber merkwürdig, seit wann wird ein Hauptkommissar zu einer Spezialeinheit mit diesem relativ einfachen Dienstgrad beordert? Diese Gruppen bestehen fast ausschließlich aus mindestens hochwertigen Inspektoren und noch höher, von einem Hauptkommissar in einer Spezialeinheit habe ich noch nie gehört. Sollte sich so viel seit meinem Ausscheiden geändert haben? Na es wird schon seine Richtigkeit haben. Wollen mal schauen, was er uns am Abend zu berichten hat“.

Die Anderen am Tisch schauten sich nur an, bis Tobias fragte:

„Warum hat er uns nicht schon vor zwanzig Minuten von seinem Vorhaben unterrichtet, da muss er es doch bereits gewusst haben. Dann wäre mein Essen wenigstens nicht so abgekühlt“.

Das war nun wieder der alte Tobias so wie man ihn kannte. Immer hatte er einen sarkastischen Zusatz bei seinen Bemerkungen.

Es dauerte einen Augenblick, bis das Gespräch unter den Anwesenden wieder so richtig in Gang kam. Als dies jedoch geschehen war, ging es mit den verschiedensten Vorschlägen recht zügig voran. An Vorschlägen sollte es somit nicht mangeln.

Doran machte nicht nur den ersten sondern auch den besten Vorschlag.

„Bis zum Abend ist noch eine Menge an Zeit, um so viel wie möglich zu erreichen, sollten wir uns in unseren Arbeitsbereichen aufteilen und unterschiedlich in zwei Gruppen arbeiten“, sagte er zu den Anderen.

Da dieser Vorschlag von allen angenommen wurde, begann man jene zwei Gruppen, personell einzuteilen.

Desiree sollte gemeinsam mit Tobias und Georg einiges in Erfahrung bringen. Doran wollte sich zusammen mit Christopher zusammentun, um in eine bestimmte Richtung seine Ermittlungen durchzuführen. Dabei legte Doran, merkwürdiger Weise sehr großen Wert darauf, gerade mit Christopher zusammenzuarbeiten. Warum behielt er allerdings für sich.

Dann ging es daran, die Aufgaben zuzuteilen.

Doran wollte sich zuerst mit den hiesigen Behörden unterhalten, um einiges in Erfahrung zu bringen. Es schien ihm ausgerechnet an dieser Angelegenheit sehr viel zu liegen. Zudem hatte er noch immer gute Kontakte zur Polizei. Auch wollte er unbedingt, dass Christopher bei den Gesprächen dabei war. Danach wollte Doran noch einige Besorgungen unternehmen, wobei Christopher in dieser Zeit sich einen bestimmten Ort anschauen sollte, den er jedoch noch nicht verraten wollte.

Desiree, Tobias und Georg sollten noch eventuell erreichbare Angehörige oder Freunde der Frauenleichen in Erfahrung bringen, um diese unter Umständen noch befragen zu können. Zudem sollte Desiree noch etwas über die Familienchronik in Erfahrung bringen. Dabei ging es ihm hauptsächlich um die Zeit, als die Angelegenheit mit dem angeblichen Fluch geschehen ist. Wobei alles, was immer es auch sein mag, unbedingt von größter Wichtigkeit wäre.

 Zum Schluss gab Doran der anderen Gruppe noch einige Ratschläge über Quellen, über die sie an die gesuchten Daten herankommen könnten.

Als da wären die Kirchen und deren alte Kirchenbücher, und des Weiteren das Bürgeramt, die auch eine Buchführung haben dürften, über jene Leute, welche einmal hier in dieser Gegend gelebt haben.

Es war so etwa drei Uhr geworden, bis alle weiteren Vorgehensweisen abgeklärt waren.

Somit tranken die Betroffenen noch einen Kaffee um sich kurz darauf auf den Weg zu machen.

Zuerst suchte die Gruppe von Desiree alle Kirchen in der nahen Umgebung auf, was sich allerdings, bis auf eine Einzige, als Fehlanzeige herausstellte.

Bei dem einzigen Treffer war den drei Ermittlern das Glück hold. Ausgerechnet bei dieser Kirche, standen in den alten Kirchenbüchern die gesamte Geschichte des Bauern Friedrich und seine Vorfahren. Hier wurde man fündig. Die gesamte Chronik war in diesen Büchern akribisch genau aufgezeichnet, was man wirklich als Glücksfall bezeichnen konnte.

In den anderen Angelegenheiten fand man außer Daten, welche einzig Zeitpunkte und Todesursachen hervorbrachten, nichts weiter.

Ganz anders verhielt sich die Sachlage bei dem ehemaligen Inspektor Doran. Ihm schien das Glück in allen Richtungen treu zu sein. Vielleicht war es aber auch nur seine, ihm eigene Intuition, die in allen Richtungen dafür sorgte, dass all seine Vermutungen, auch jene die er bislang noch geheim gehalten hatte, so wie er es erhofft hatte aufgingen.

Die Überraschungen waren dementsprechend groß.

Auf der örtlichen Polizeibehörde stellte sich heraus, dass ein Hauptkommissar namens Lampert nicht gab und auch niemals gegeben hat, daran bestand kein Zweifel.

„Als hätte ich es geahnt“, meinte Doran nur und machte dabei nicht den Ansatz einer Überraschung.

Was Doran allerdings mehr als nur verwunderte, war die Tatsache, dass man eine Person unter dem Namen „Christopher“ nicht finden konnte. Man versprach Doran allerdings, dass man noch Ortsübergreifende Auskünfte einholen wollte.

Es war ein Glück, dass jener Christopher, bei dieser Offenbarung nicht mit anwesend war, da er etwas anderwärtiges in diesem Augenblick zu erledigen hatte.

Zur Sicherheit hinterließ Doran der Behörde eine genaue Beschreibung von Christopher zum Vergleich da. Schließlich wollte er keinen Fehler machen und ganz auf Nummer Sicher gehen.

Nach kurzer Zeit hatte jeder der Beiden Männer seine Angelegenheiten geregelt und man traf sich auf dem Platz vor dem Amtsgebäude.

Jeder, Doran wie auch Christopher, waren bester Laune und erschienen vollkommen entspannt.

„Konnten Du alles erledigen was Du Dir vorgenommen hattest“? fragte Doran Christopher.

„Ja, ich kann durchaus behaupten, dass ich mehr als zufrieden bin“, bejahte Christopher die Frage.

„Und was hast Du in Erfahrung bringen können“? richtete Christopher seine Frage an Doran.

„Auch bin sehr zufrieden. Ich habe mehr erfahren als ich mir erhofft hatte. Ich glaube wir nähern uns dem Ende des gesamten Mysteriums. Wir brauchen unser Wissen nur noch in der richtigen Reihenfolge zusammensetzen“, erwiderte Doran Christopher gegenüber.

Beide, Doran wie Christopher traten somit den Heimweg an. Was Christopher zu erledigen hatte wusste Doran nicht, und umgekehrt verhielt es sich genauso. Der einzige Unterschied zwischen den beiden war der, dass Doran einen sehr zufriedenen Eindruck machte und Christopher dagegen eher eine doch sehr angespannte Stimmung vermittelte, was sich nicht mit seiner Aussage auch nur annähernd deckte.

Es war so gegen sechs Uhr, als die beiden Gruppen ihren Heimweg, zurück zum Gasthaus, antraten.

Der Rückweg zur Poststation dauerte eigenartigerweise für alle Beteiligten länger als man hätte annehmen können.

So kamen, einer nach dem Anderen, erst kurz vor sieben Uhr an. Voller Erwartung Lampert schon anzutreffen betraten sie gemeinsam die Gaststube. Zur allgemeinen Endtäuschung der Gruppe war Lampert jedoch noch nicht zurück. Auch hatte er bisher kein Lebenszeichen von sich gegeben.

„Wer weiß was er so alles erledigen wollte“, sagte Tobias in die Menschenansammlung der Gruppe hinein. „Er wird bestimmt bald erscheinen, da es gleich Abendessen gibt und er sicher auch bereits Hunger haben dürfte“.

Die Beteiligten setzten sich an den Tisch, und nachdem Tobias seinen wohlverdienten Durst ansprach, bestellten alle erst einmal etwas zu trinken.

Tobias, der nicht gerade der bescheidene war, bestellte sich ein großes Bier und dazu einen doppelten Obstschnaps.

„So“, sagte er, „dass habe ich mir heute redlich verdient“.

Die anderen Männer folgten seinem Beispiel. Desiree hingegen bestellte sich ein Viertel Wein. Doran zog sogar seine Pfeife aus der Tasche, stopfte diese und zündete sie sich genüsslich an. Tief und voller Genuss zog er den Tabakrauch ein. Man konnte direkt sehen, wie sich alle Spannung von ihm löste.

Dann prosteten sich alle gemeinsam zu und genossen ihre Getränke.

Es gab viel zu Reden und die Zeit verging umso schneller. Wer jedoch nicht kam war Lampert. Mit dem Warten auf den Hauptkommissar verlief auch das Zeitgefühl immer zähflüssiger.

Die Gespräche untereinander wurden weniger und dann war es Zeit zum Abendessen.

Lampert war jedoch noch immer nicht da.

„Vielleicht ist er auch aufgehalten worden und übernachtet diese Nacht anderswo und kommt dann morgenfrüh“, bemerkte Desiree.

„Vielleicht kommt er aber noch, schließlich ist er kein Kind mehr und es ist auch noch nicht spät“, ließ nun Tobias vernehmen.

„Es ist bestimmt nicht meine Art den Dingen vorzugreifen und zu unken“, meinte Doran, „aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass wir ihn überhaupt nicht mehr sehen werden“.

Alle Anderen am Tisch schauten Doran erschrocken an. Mit einem Schlag, mit diesem einen Satz, war allen der Appetit gründlich vergangen.

Zum Essen war keinem mehr zumute, aber alle bestellten sofort noch einmal das gleiche zum trinken.

Nachdem sie den Schnaps mit einem Schluck herunter getrunken hatten, kam die Frage die kommen musste.

„Wie kommst Du auf eine solche absurde Behauptung“?

Die Frage kam aus aller Munde zur gleichen Zeit. Alle Augenpaare ruhten auf Doran.

„Nun, ich glaube, dass einer an diesem Tisch die Antwort kennt, sowie dieser Jemand auch alle anderen Antworten auf alle weiteren Fragen bereits schon immer kannte“, sagte Doran in einem sehr ernsten aber dennoch ruhigen Ton.

Wie vom Blitz getroffen schaute jeder jeden an. Ausschließlich alle Gesichter waren ernst und von einem unverständlichen Ausdruck.

„Dies würde ja bedeuten, dass einer aus unserer Runde etwas mit den ganzen Ereignissen zu tun hat“, bemerkte Tobias.

„Das habe ich so nicht gesagt“, antwortete Doran, „aber ausschließen würde ich diese Tatsache nicht unbedingt. Zumindest dürfte der Betroffene, sofern er sich unter uns befindet spätestens jetzt wissen, dass man ihm auf die Spur gekommen ist“.

Als Doran seine Erkenntnisse preisgab, beobachtete er unbemerkt jeden Einzelnen der Anwesenden, wie sie sich verhielten oder reagierten.

Keiner jedoch verhielt sich unerwartet auffällig. Alle waren so, wie man es unter diesen Umständen erwartet hätte. Wäre der Täter unter ihnen gewesen, so würde er zumindest seine Gefühle sehr gut beherrschen und unter Kontrolle haben, was die ganze Angelegenheit nicht gerade vereinfachte.

Im Grunde genommen handelte es sich an diesem Abend nicht um ein Abendessen welches man als gemütlich bezeichnen konnte. Der Hunger war mäßig und es wurde daher so gut wie nichts gespeist. Dafür wurde umso mehr getrunken. Wobei hier die Verzweiflung und auch gleichzeitig die Hoffnung auf einen guten Ausgang eine große Rolle spielte. Insgeheim jedoch wünschte sich an diesem Abend jeder nichts sehnlicher, als dass im nächsten Augenblick die Tür sich öffnete und Lampert eintreten würde.

Leider wurde es später und später, aber der heimliche Wunsch der Beteiligten schien sich nicht zu erfüllen.

So verging Minute um Minute und Stunde um Stunde, aber nichts geschah.

                                 Es war bereits um die elfte Stunde des Abends, als Georg aus dem Schankraum aufgeregt herauskam und direkt auf den Tisch der kleinen Gruppe zusteuerte. Sein Gesicht war hochrot und an seinem gesamten Verhalten konnte man erkennen, dass er mehr als nur aufgeregt war. Es schien ihm schwer zu atmen und gleichzeitig verständlich zu sprechen.

„Ich kann es einfach nicht fassen, nein, ich will es auch nicht glauben. Es kann doch nicht sein. Wie kann so etwas geschehen und warum? Jetzt sind wir nicht nur wieder am Anfang sondern noch viel weiter zurück in unserer Erkenntnis als wir glaubten. Was sollen wir jetzt nur machen“?

Es sprach schnell, durcheinander und unverständlich, so dass ihm keiner so richtig folgen konnte.

„Was ist denn so unglaubliches geschehen“, fragte Doran und versuchte Georg etwas zu beruhigen.

„Eben kam die Nachricht, ich wollte es erst gar nicht glauben und hielt es für einen recht gutgelungenen Scherz“, rief Georg, „aber dann begriff ich, dass es sich um die Wahrheit handelte. Man hat den Hauptkommissar Lampert gefunden, nicht weit von hier, nur zwei Ortschaften weiter. Er wurde ermordet, so wie die Frauen. Einfach das Genick gebrochen und den Kopf nach hinten gedreht. Nur das Pentagramm auf der Stirn fehlt. Mann hat in einem Graben an der Landstraße gefunden“.

Georg der ehemalige Wirt der Poststation musste sich nach dieser Aussage erst einmal setzen. Fast hätte man denken können, dass er mit seinen Tränen zu kämpfen hatte.

Alle Anderen der Anwesenden hatte es förmlich die Sprache verschlagen. Es herrschte eine, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Totenstille im Raum.

Wie lange das Schweigen anhielt konnte keiner wirklich sagen, nur so viel, dass endlos erschien. Nach einer ganzen Weile, es war Doran der wieder als erster das Wort ergriff, meinte er:

„Ich hatte zwar erwartet, dass etwas Außergewöhnliches geschehen wird, aber mit einer derartigen Auswirkung habe ich offen gesagt nicht gerechnet“.

Wieder beobachtete er dabei alle Beteiligten ganz genau. Es machte den Anschein, als wären alle schockiert und nicht fähig sich in irgendeiner Art zu äußern. Nur einer verhielt sich, zwar relativ unbemerkt, auffällig gelassen. Nicht das dieser Jemand keinen bedrückten oder erschrockenen Eindruck vermittelte, nein, es waren seine Augen welche ihn verrieten. Seine Augen blieben absolut kalt. Sie zeigten keinerlei Regung, was fast schon, wer es beobachtete, unheimlich erschien.

Es war auch nur Doran der dieses bemerkte. Allen Anderen blieb jenes Verhalten verborgen. Doran war jedoch nicht im Geringsten darüber überrascht. Hat er es gewusst oder war es nur eine Ahnung? Warum verwunderte es ihn nicht, dass ausgerechnet jene Person, welche vom ersten Augenblick, noch lange bevor er selbst dazukam, nun plötzlich der Hauptverdächtige für ihn war. Doran war davon Überzeugt, dass er es war, der all die Morde ausgeführt hat. Auch war ihm klar, dass diese mit dem Mythos „Bauer Friedrich“ etwas zu tun hatte und bereits vor sehr langer Zeit geplant war, wenn nicht sogar aus einem Hass heraus, welcher sich bereits über Generationen hielt. Aber warum. Solange er nicht erklären konnte warum oder aus welchem Grund all dies geschehen war, hatte er keinen einzigen Beweis.

„Warum gerade Lampert“? Fragte Desiree. „Er hatte doch im Grunde am wenigsten damit zu tun, außer das er in diesem Fall ermittelte. War er vielleicht dem Täter auf die Spur gekommen? Aber warum gab er uns dann keinen Hinweis? Ich kann es nicht verstehen“.

„Es gab keinen Hauptkommissar Lampert“, erwiderte Doran.

„Als wir uns heute in zwei Gruppen aufteilten um Erkundigungen einzuholen, habe ich mich bei der hiesigen Polizei erkundigt. Ich musste erfahren, dass es keinen Hauptkommissar Lampert gibt und auch niemals gab. Mir kam der Verdacht, als mir bewusst wurde, dass ein Hauptkommissar niemals zu einer Spezialeinheit beordert werden würde“.

„Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr, ich bleibe bei meiner Logik und behaupte auch weiterhin, es war der Leibhaftige. Dies ist das Einzige was einen erklärbaren Sinn ergibt“.

Tobias war außer sich und wieder einmal gingen mit ihm die Pferde durch, er war wütend, wütend über seine eigene Ohnmacht.

„Aber wenn dem allen so ist, wer könnte dann der Täter sein und wo können wir ihn finden“, fragte Desiree.

„Der Täter, das bedeutet der Mörder der Frauen und des Herrn Lampert sitzt hier bei uns mitten am Tisch. Er weiß sogar, dass ich weiß wer er ist, aber auch, dass ich es ihm zurzeit noch nicht beweisen kann. Er hält sich für sehr schlau, wozu er auch berechtigt ist. Letztlich hat er alles über einen Zeitraum von Jahrzenten geplant und umgesetzt. Ich muss ihn bei allem Recht, meine Hochachtung aussprechen. Aber ich verspreche ihm auch gleichzeitig, hier vor allen Anwesenden, dass ich ihn Überführen werde und er seine gerechte Strafe bekommt“.

Dies sagte Doran mit einer Überzeugung, dass es einem eiskalt den Rücken hinunterging.

 

14. Kapitel

 

Eine unglaubliche Geschichte

 

            Man braucht wirklich nicht viel Phantasie um sich vorstellen zu können, wie jetzt die allgemeine Stimmung unter den Beteiligten der gemeinsamen kleinen Gruppe aussah.

Ab sofort kam ein Verhalten des Menschen an den Tag, welches nur in bestimmten Notsituationen auftritt und einzig dem Selbstschutz dient.

Um es nicht noch spannender sowie unübersichtlicher zu machen, kurz. Keiner traute ab sofort keinem mehr.

Dieses Phänomen hatte jedoch einen Haken, allein fühlt sich so gut wie jeder Mensch hilflos, also wäre es das Naheliegenste sich, trotz Misstrauen, einen Verbündeten zu suchen.

Damit sind wir genau an der Stelle wo das Spiel der Verwirrung einsetzt und es zumindest für mehr als nur eine Person der Beteiligten gefährlich wird.

Es mag die Sympathie sein, die hier bei den ungeschulten Menschen die Auswahl des Partners aus dem Vertrauen heraus trifft.

Nur wer auf solche Situationen geschult ist, hat auch die Möglichkeit der bestehenden Gefahr auszuweichen. In diesem Falle mag Doran der wirklich einzige gewesen sein, der auf solche Gegebenheiten vorbereitet war.

So blieb die Gesellschaft noch lange am Tisch sitzen. Der Grund hierfür erscheint dabei recht simpel. Zum einen wollte man Tuchfühlung aufnehmen, wem man wohl vertrauen kann und wem nicht, denn schließlich saß ein Massenmörder am Tisch und keiner kannte ihn.

Keiner mag nicht die richtige Bezeichnung sein. Letztlich bestand kein Zweifel daran, dass Doran sich seiner Identität bewusst war.

Es gab eigentlich nichts, was nicht, bezüglich dieses Themas, besprochen oder gegeneinander abgewertet wurde.

Man konnte fast direkt beobachten, wer bereit war, sich mit wem zusammen zu tun.

Es wurden Erinnerungen an die damaligen Ereignisse ausgetauscht, wie auch Spekulationen über die Gründe zu solch einer Tat. Ganz gleich wie jeder sich auch anstrengte, es gelang keinem sich in die Denkweise des Täters hineinzuversetzen. Hinzu kam die Tatsache, dass man auch nicht die Beweggründe des Täters kannte.

Wenn er aber unter ihnen war, wer konnte es sein?

So manch einem wurde hierdurch zum ersten Mal bewusst, dass es keinem Menschen im Gesicht geschrieben steht, zu welchen Taten er fähig ist. Ein Gefühl, welches auch nicht gerade das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in einem erweckt.

Es wurde noch so mache Runde zum trinken bestellt, um genau zu sein, es mögen so um die vier oder fünf Runden gewesen sein.

Dabei hatte man auch kein schlechtes Gewissen, da man sich dies nach all den Schrecken redlich verdient hatte.

Sogar Desiree, trank statt ihren Wein auch jeweils einen doppelten Schnaps und einen großen Krug Bier.

Aufgrund des Umstandes, dass man nicht allzu viel gegessen hatte, Trat die Wirkung des Alkohols etwas schneller ein als wie es sonst üblich war.

All die vielen Gesprächsthemen jetzt zu erwähnen wäre so gut wie unmöglich. Doch mit der Zeit, begannen sich wirklich einzelne Gruppen zu bilden, deren Verständnisse mehr oder weniger zueinander passten. So kam es, dass sich die einzelnen Gruppen auch über recht unterschiedliche Thematiken untereinander unterhielten.

Hierbei gab es zu beobachten, dass sich Doran mit Tobias zusammenschloss.

Desiree erschien mit Christopher auf einer mehr oder weniger gleichen Wellenlänge, was auch aus anderen Gründen nicht verwunderlich war.

Georg konnte sich nicht so recht entscheiden. Auf der einen Seite hatte er seine Familie und die Poststation, welche ihn, trotzdem er nicht mehr so aktiv war, doch sehr in Anspruch nahm. Zur anderen Seite neigte er zwar zu Doran und Tobias, konnte sich aber auch mit den Meinungen von Desiree und Christopher identifizieren. Im Grunde hatte er keinen wirklichen Stellenbezug.

So verhielt er sich wie er es persönlich für das Beste hielt, und versuchte so unparteiisch wie nur möglich zu bleiben. Da ohnehin seine Familie ihn sehr in Anspruch nahm, sollte es auch keine Unmöglichkeit darstellen, neutral den Anderen gegenüber zu bleiben. Dennoch empfand er es nicht gerade als beruhigendes Gefühl, nicht zu wissen wer denn nun der Missetäter war, da dieser ja in Wirklichkeit für alle jetzt ein gewisses gefahrenpotential darstellte.

Alle unterhielten sich somit durcheinander, bis der Punkt erreicht war, wo keiner mehr wirklich wusste was er für eine Einstellung in Wahrheit hatte.

Die Zeiger der Uhr zeigten auf zwei Uhr, als sich die Anwesenden der noch verbliebenen kleinen Gruppe dazu entschlossen ihre Zimmer aufzusuchen und diesen Abend zu beschließen.

Das relativ wenige Essen, der viele Alkohol und die Aufregung hatten nicht gerade einen günstigen Einfluss auf die Beteiligten. Die dazukommende Müdigkeit ließ die Konzentrationsschwäche der Betroffenen deutlich zum Vorschein treten.

So verabschiedeten sich alle zwar recht freundlich voneinander, aber eine gewisse Distanz oder Zurückhaltung war plötzlich bei allen zu spüren.

Mit diesem Abend hatte sich alles verändert und nichts war mehr so wie es einst einmal war.

Jeder von ihnen wusste auch, dass es niemals mehr so werden würde, wie es einst zwischen ihnen gewesen war, als man alles noch für ein spannendes Abenteuer hielt.

Das Misstrauen zwischen den einstigen Verbündeten war geboren und seine Frucht trieb ins unermessliche.

In dieser Nacht, oder besser gesagt was von ihr noch übrig war, drehte auch jeder vorsichtshalber den Zimmerschlüssel in seinem Schloss herum, auf dass kein ungebetener Gast hereinkommen konnte.

Es gab kein Vertrauen mehr und die Betroffenen registrierten diesen unmittelbaren Wandel von Freund zum möglichen Feind nicht einmal in ihrem realen Denken.

Mit einem Mal war alles so, als wäre es nie anders gewesen.

In dieser Nacht gab es jedoch zwei Menschen, für die es nicht so unverhofft kam, jenes Gefühl der Endtäuschung und des Verrates.

Lange bevor sich die Ereignisse überschlugen und die Missgunst zwischen alle anderen einen unsichtbaren Keil trieb, waren sich jene zwei Menschen bereits im Klaren, dass es zwangsläufig zu jenem Augenblick kommen musste.

Der eine dieser Menschen arbeitete schon seit einiger Zeit auf diesen Zeitpunkt hin und suchte krampfhaft nach beweisen, wobei er sich so manches Mal über seine diesbezügliche Ohnmacht ärgerte, aber niemals bereit war aufzugeben.

Der andere dieser zwei Personen versuchte im Gegenzug aus jenem Sumpf herauszukommen, in welchen er unbedacht hineingeraten war. Er versuchte mit allen Mitteln sich des aufkommenden Verdachtes zu erwehren, spürte aber, dass er dabei immer mehr in das Mühlwerk der Gerechtigkeit gezogen wurde. Es war ihm durchaus klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die ganze Wahrheit in an den Galgen bringen würde. Doch was sollte er tun? Die Schlinge um seinen Hals zog sich bereits merklich zusammen.

Noch eine ganze Zeit, als die anderen bereits schliefen, lagen Zwei Menschen im Bett, kannten die Wahrheit und überlegten, wie sie das Beste für sich und ihre Interessen daraus machen konnten. Es war einer Jagt sehr ähnlich, Jäger und Gejagter. Doch wer war wer?

Erst als es bereits am Horizont zu dämmern begann fanden auch jene zwei ihren Schlaf.

Es war aber ohnehin für jeden der Beteiligten eine kurze Nacht, da keiner von ihnen behaupten konnte, gut oder ruhig geschlafen zu haben. Alle, ohne Ausnahme schliefen von schlechten Träumen und Unruhe geplagt. So war auch jeder zufrieden, trotz der kurzen Nachtruhe, als der Morgen endlich anbrach und der neue Tag sie mit den ersten Sonnenstrahlen begrüßte.

Wie doch die Welt im Sonnenlicht des Morgens gleich ganz anders wirkt, dachte Desiree, als sie ihre Augen ein wenig ängstlich öffnete. Es hatte fast den Anschein, als wäre alles nur ein böser Traum gewesen.

                 Neun Uhr in der Früh. Langsam, nach und nach füllte sich der Gastraum des Wirtshauses der Poststation. Auch die Gäste der kleinen Gruppe kamen mehr schlecht als recht an ihrem angestammten Tisch zusammen.

Man brauchte kein Arzt oder Psychologe sein um zu erkennen, dass jeder von ihnen eine sehr unruhige Nacht hinter sich hatte, welche alles andere als Erholung brachte.

Es herrschte auch eine ziemlich wortkarge Stimmung am Tisch und keiner der Anwesenden war darum bemüht dies zu ändern.

So bestellte man sich, als alle anwesend waren, etwas Kleines zum Essen, einen starken Kaffee und das Frühstück begann sehr schweigsam.

Im Grunde hatte jeder nur Angst davor in Missgunst zu geraten wenn er womöglich einen unüberlegten Verdacht betreff der bestehenden Thematik äußerte. Am Ende geriet man noch selbst in Verdacht, jener gesuchte Mörder zu sein. Dieser Gedanke war für alle unvorstellbar.

Für alle? Nein, einer hatte Gedanken ganz anderer Natur. Er dachte an nichts anderes als wie er den Verdacht von sich ablenken konnte.

Für Ihn kamen diesbezüglich nur zwei Möglichkeiten in Frage. Zum einen könnte man den Verdacht auf einen anderen lenken, musste aber dabei die Gefahr bedenken, dass der Schwindel durch eine kleine Unachtsamkeit herauskommen könnte. In diesem Fall wäre es sogar für eine Flucht zu spät.

Eine Flucht stand ohnehin nicht zur Debatte, da eine solche jeden bestehenden verdacht nur erhärten würde und man nicht bis ans Ende der Welt flüchten könnte, da man selbst dort noch ergriffen werden konnte. Diese Möglichkeit war nicht einmal die Überlegung wert.

Es gab aber noch eine zweite Möglichkeit, die wahrscheinlich sogar die einzig richtige und sicherste war.

Was wäre, wenn der Täter selbst zum Opfer werden würde?

Wenn derjenige, den man verdächtigte selbst unter sehr mysteriösen Umständen ums Leben kommen würde? Nicht Selbstmord, daran dachte die Person nicht einmal im entferntesten Sinne. Nein, es müsste nur für alle anderen so aussehen. Die Täuschung müsste so perfekt sein, dass jeder die besagte Person für tot hielt. Am besten wäre es, der eine oder andere könnte behaupten, er hätte es mit eigenen Augen gesehen.

Danach sollte diese Person ein für alle Male verschwunden sein und auch bleiben.

Noch lange würde man an diesem Fall sich noch die Zähne ausbeißen, aber er würde nie wirklich geklärt werden.

„Du schaust so Nachdenklich drein, als würdest Du überhaupt nicht geschlafen haben und ununterbrochen an diese Geschehnisse denken mein lieber Doran“, bemerkte Tobias der damit als erster das Schweigen in der Runde brach.

„Man könnte fast glauben, Du stehst vor einem schier unlösbaren Problem. Es wird sich bestimmt noch alles aufklären, Du wirst schon sehen, mach Dir keine Sorgen und entspanne Dich ein wenig. Ich glaube, wir hatten alle keine gute Nacht“.

Wenn er wüsste wie recht er damit hat, dachte Doran und antwortete zu Tobias:

„Aus Dir soll nun jemand schlau werden. Auf der einen Seite siehst Du Teufel und Geister, welche Du für alles Schlechte dieser Welt verantwortlich machst, und auf der anderen Seite kann man Dein positives Denken nur bewundern. Ich glaube Du legst Dir die Dinge immer so zurecht wie es Deine Laune und Verfassung es gerade benötigt“.

„Christopher schaut aber auch schon den ganzen Morgen so traurig drein“, bemerkte Desiree und sah den schweigenden Mann mitleidig an.

Sie wendete sich direkt an Christopher und redete leise auf ihn ein:

„Lass mal Deine Gedanken nicht so traurig herum schweifen, es gibt nichts auf dieser Welt, was wirklich unmöglich ist, der liebe Gott wird schon für alles sorgen, Du musst Dir nur selbst vertrauen“.

Christophers Augen bekamen wieder Leben und fingen sogar ein wenig an zu leuchten.

Wenn diese Frau nur wüsste wie recht sie im Grunde genommen hat, dachte er bei sich und bemerkte, dass er soeben eine sehr wichtige Entscheidung getroffen hatte.

So langsam löste sich die schlechte Stimmung auf und die kleine Gruppe bekam sogar im Nachhinein noch einmal Hunger, ebenso wie aus dem starken, schwarzen Kaffee ein anregendes Glas Wein für jeden wurde.

„Darauf sollten wir anstoßen“ sagte Georg. „Es geht eben nichts über eine gute Freundschaft, welche auch in schlimmen Zeiten der Not zusammenhält und einander vertraut“.

Wie schnell sich doch innerhalb von wenigen Minuten die Meinungen der Menschen sich ändern können, und das alles ohne jeden Anlass. Selbst Misstrauen und Vertrauen sind letztlich nur Momentaufnahmen der jeweiligen Situation, dachte Doran im Stillen. Selbst wenn er gewollt hätte, er konnte nicht jene plötzliche Fröhlichkeit mit den Anderen teilen.

So war er der als einziger am Tisch, der auch weiterhin ruhig und nachdenklich blieb, was allerdings kein anderer bemerkte. Kein Anderer bis auf einen, aber dieser eine ließ sich das genauso wenig wie Doran anmerken. Wie zwei Kampfhähne, die sich zuerst gegenseitig belauern bevor sie ihre Trümpfe ausspielen, sahen diese Zwei innerlich aus.

„Ich würde mir gern nachher die Stelle anschauen, wo man den armen Lampert gefunden hat“, erklärte Christopher.

„Ich kann verstehen, wenn es keinen von Euch behagt, aber wenn Doran mich vielleicht begleiten würde, wäre ich ihm sehr zu Dank verpflichtet. Ich weiß Deine Aufmerksamkeit und Deinen Sinn für Wahrnehmungen sehr zu schätzen“.

„Das halte ich für eine gute Idee“, hörte man Tobias antworten, und auch von den Anderen wollte keiner auf diese Besichtigung verzichten.

„Wir werden gute eineinhalb Stunden für den Weg brauchen“, gab Georg zu bedenken, „und damit meine ich nur eine Strecke. Daher schlage ich vor, wir machen uns gleich nach dem Mittag auf den Weg. Wenn wir ein wenig Glück haben, so sind wir noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück“.

Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden.

Erst als Doran bemerkte: „Na gut, dann soll es wohl so sein. Dann werde ich meine alten Knochen wohl noch einmal strapazieren müssen“, fiel es den Anderen auf, dass sie Doran als Einzigen nicht um sein Einverständnis gefragt hatten, sie hatten es einfach vorausgesetzt.

Es war Christopher der da sehr schelmisch lächelte. Nur war es nicht wegen der Belustigung um Doran, es war das Lächeln der Zufriedenheit. Zufrieden, dass sein Plan aufgegangen war.

Doran erhob sich vom Tisch, entschuldigte sich mit den Worten:

„Es ist jetzt kurz nach zehn Uhr und ich würde gern noch etwas zuvor erledigen. Leider duldet diese Angelegenheit keinen Aufschub, und wenn ich heute nach dem Mittag mitkommen soll, dann muss ich dies eben jetzt noch schnell bewerkstelligen. Ich hoffe ihr habt alle dafür Verständnis“.

Damit drehte er sich um und verließ die Gaststube.

Der Rest der Gesellschaft blieb noch sitzen, hatte man doch später noch einen beschwerlichen Fußmarsch vor sich.

Christopher sein Gesicht verdunkelte sich aber sofort nach Doran seiner Andeutung sowie seinem Gehen.

„Was der nun wieder im Schilde führt“, sagte er leise aber für alle hörbar vor sich hin.

„Lass man Söhnchen“, er wird schon wissen was er tut, meinte Tobias und Georg stimmte ihm dabei zu.

Christopher nahm diese Bemerkung eher gleichgültig und interessiert hin. Ihn beschäftigten ganz andere Probleme, welche in einem engen Zusammenhang mit den Morden stand. Schließlich war er nicht umsonst hierhergekommen. Es lag ihm nichts mehr am Herzen, als diese Vorkommnisse zu bereinigen und somit in jener Angelegenheit ein für alle Mal Ruhe zu schaffen. Er hatte sich letztlich nicht umsonst vorgenommen, nach Klärung dieser Angelegenheit ein neues Leben in Glück und Frieden zu führen, doch bis dahin schien der Weg auf einmal sehr weit geworden zu sein.

Immer wieder hielt er sich die Worte vor Augen und sagte zu sich selbst, Tobias sowie auch die Anderen werden schon noch recht behalten. Am Ende wird sich alles in Wohlgefallen auflösen und gut werden. Dann werden alle Sorgen und Ängste der Vergangenheit angehören und er wird ein freies sowie unbeschwertes Leben führen können.

Indes er über all jene Dinge nachdachte, blieb die Gruppe am Tisch sitzen und unterhielten sich angeregt über alles Mögliche. Dabei vermieden sie extra das Thema welches sie hier zusammen geführt hatte. Man wollte an diesem Morgen einmal unbeschwert bleiben, denn wer weiss schon was der Tag heute noch bringen mag.

Die Zeit verging, bedingt durch das Warten, nur sehr schleichend langsam. Dann aber war es endlich Mittag. Auch Doran erschien pünktlich so wie er es versprochen hatte. Er machte einen abgehetzten Eindruck, was wahrscheinlich daran lag, dass er sich beeilt hatte. Darüber hinaus aber war er in einer recht guten und zufriedenen Verfassung, welche man fast als unheimlich sicher bezeichnen konnte.

Gemeinsam nahm man das Mittagsmal ein, obwohl die Angehörigen der Gruppe auch diesmal keinen großen Appetit an den Tag legten. Die Ereignisse der letzten Tage zeigten halt noch immer ihre Wirkung auf das Nervenkostüm eines jeden.

Nach dem Essen nahm man sich noch die Ruhe um einen Kaffee zur Verdauung zu trinken, dann wollten sich die Beteiligten auf den Weg machen.

Genauso wurde das Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. Nach dem Kaffee ging jeder noch einmal auf sein Zimmer um sich parat zu machen und in weniger als fünfzehn Minuten traf man sich wieder in der Gaststube. Ein jeder der Beteiligten war zum Aufbruch bereit.

Als die Gruppe die Landstraße betrat, schien die Sonne und der Himmel strahlte in seinem schönsten blau. Zum Glück war ein wenig Wind aufgekommen, nicht unbedingt stark, aber gerade gut genug um die Hitze der Sonne auf der eigenen Haut abzukühlen.

„Der heutige Tag scheint unter einem guten Stern zu stehen“, sagte Doran und die Anderen gaben ihm recht.

„Wenn nur alles halbsogut verläuft wie sich dieser Tag uns zeigt, dann können wir von großem Glück sprechen und vielleicht klärt sich so manche Frage doch auf“, bemerkte Georg.

Desiree viel ihm ins Wort und ergänzte nur noch seinen Satz mit den Worten:

„Sie werden sehen, heute wird sich so manches Geheimnis lüften und wir werden am Abend mehr als nur zufrieden sein“.

Nur Christopher war noch immer in seinen Gedanken vertieft, so dass man meinen könnte, er wartete auf eine bestimmte Gelegenheit um seinen Trumpf auszuspielen.

Die kleine Gruppe, welche da die Landstraße hinunterging, war in Gesprächen sowie in Spekulationen vertieft.

Nach ca. einer halben Stunde Fußmarsch legte man die erste kleine Pause ein. Tobias nutzte die Gelegenheit und fragte Doran:

„Was hast Du eigentlich so Wichtiges am Vormittag zu erledigen gehabt“?

Doran erwiderte nur kurz:

„Darüber möchte ich im Moment noch nicht sprechen, aber zu gegebener Zeit wird jeder von Euch erfahren, was ich an den Tag legen konnte. Einem jedoch wird dies nicht gefallen, und ich weiß auch bereits wer, nur soll er sich selbst verraten, da mir noch jegliche Beweise fehlen, welche vom Gericht anerkannt werden würden“.

Tobias wusste genau, dass es keinen Sinn machte noch weitere Fragen zu stellen. Wenn Doran nicht sprechen wollte, dann konnte ihn nichts auf der Welt dazu bringen es trotzdem zu tun. Er hatte halt seine Vorsätze.

Nach knapp einer Stunde hatten die Leute ihr Ziel erreicht.

Sie befanden sich auf einer Landstraße, nicht weit von dem letzten Ort entfernt. Die Straße verlief vollkommen gerade. Links und rechts von ihr befanden sich wunderschöne und uralte Bäume. Zur rechten Seite ersteckte sich ein kleiner aber dichter Wald und zur linken Seite dehnten sich weite Felder aus. Im Grunde war es eine malerische Landschaft.

Der besagte Straßengraben befand sich zwischen der Straße und den Feldern. Er war ungefähr zwei Meter breit und eineinhalb Meter tief. Der größte Teil des Grabens war mit Gräsern und anderen Wildkräutern bewachsen, so dass man nur einen sehr schlechten Einblick hatte.

„Hier also hat er, mit dem Kopf nach hinten gedreht, gelegen“! Stellte Christopher fest. „Es fällt mir noch immer die Vorstellung schwer, welches menschliche Wesen zu so etwas fähig ist. Fast könnte man sich der Meinung von Tobias anschließen und vermuten, dass hier etwas dunkles, eine negative Macht am Werke war. Sagt man nicht, dass der Teufel auf diese abscheuliche Weise seine Opfer in sein Reich befördert“?

„Das habe ich bereits vom ersten Tag an behauptet“. Meldete sich sofort Tobias, dem dieses Thema gerade recht kam.

„Ich glaube eher, dass einige Menschen teuflische Züge annehmen können, als dass der Teufel menschliche Eigenschaften an den Tag legt“, bemerkte Doran dazu.

„Zudem der Teufel, ich setze einfach einmal seine Existenz voraus, nur Gründe der Schöpfung nutzt und nicht mindere menschliche Gründe wie es hier wohl der Fall war“.

„Gibt es denn überhaupt keine Zeugen, dass ist doch sehr merkwürdig, findest Du nicht“, wandte sich Christopher wieder an Tobias und Doran. „Letztlich war es doch heller lichter Tag als das geschah“, fuhr Christopher fort.

Doran drehte sich zu Christopher um und äußerte die Bemerkung:

„Eigentlich verwundert es mich ein wenig, dass Du so viel von all den geschehenden Vorgängen weißt, wobei ich mir sicher bin, weder von dem nach hinten verdrehten Kopf noch von Zeugen oder dergleichen berichtet zu haben“.

Man konnte förmlich beobachten, wie Christopher blass wurde. Er sagte:

„Ich habe diese Dinge nur angenommen, da es sich bei den anderen Ereignissen genauso zugetragen hat“.

„Nun“, meinte Doran, „sei es wie es ist, ich werde diesen Fall noch vor heute Nacht lösen und auch allen Beteiligten genau berichten wie sich alles zugetragen hat und wie all jene Ereignisse, bis hin in die frühe Vergangenheit, zusammengehören. Dann werde ich den Täter anhand der Beweislage überführen und der Polizei überstellen“.

Doran wusste instinktiv, dass er, um zur Wahrheit zu gelangen, den Täter provozieren musste. Er musste ihn frontal angreifen und keine Chance in Form von Zeit geben.

Mag diese Vorgehensweise für Doran auch ein Drahtseilakt im Sinne des Erfolges sowie der eigenen Sicherheit sein, so war es aber die einzige Möglichkeit die Tat aufzudecken und damit den Täter zu überführen.

Doran sagte diese Worte in einer Lautstärke und mit einer Überzeugung, dass nicht nur jeder Anwesende es hören sondern, ob er wollte oder nicht, auch glauben musste.

Jetzt gab es kein Zurück mehr und Doran hatte sich in einen Zugzwang hineinmanövriert, dass er kaum noch Zeit zum Überlegen hatte. Er musste jetzt einfach reagieren, komme was da wolle.

Doch wie konnte er den Verdächtigen soweit herausfordern, dass er sich verriet?

Es gab nur einen einzigen Weg in dieser kurzen Zeit, er musste die offene Konfrontation suchen, er, Doran musste den Kampf eröffnen und direkt angreifen.

„Wie aber in aller Welt willst Du das beweisen“? Wendete sich Desiree an Doran?

„Lass das mal meine Sorge sein“, antwortete Doran, „ich weiß genau was ich mache, ich habe unumstößliche Beweise, welche sich nicht widerlegen lassen. Es sei denn, es gäbe wirklich eine höhere Macht, die hier ihr durchaus böses Spiel treibt, aber an einen solchen Unsinn glaube ich erst gar nicht“.

„Na da bin ich aber gespannt“, lies genau in diesem Augenblick Tobias spöttisch vernehmen. „Sie werden noch viel lernen müssen, habe ich so das Gefühl“.

„Aber meine lieben Freunde“, mischte sich nun Christopher ein“, es lohnt doch nicht zu streiten. „Warten wir einfach ab und sehen was sich bis zum späten Abend ereignet“.

Dabei machte er einen sehr zufriedenen und beruhigten Eindruck, was auch Doran nicht entging. Er dachte über den nächsten Schachzug von Christopher nach. Nun musste er Handeln, egal wie. Tobias hatte ihm förmlich den Köder vor die Füße geworfen und Tobias war auch der Einzige, der all diese Geistergeschichten glaubhaft unterstütze. Wenn es also jemanden zu manipulieren gab, so war es Tobias. Dies musste allerdings bis zum Abend geschehen sein, was wiederum nicht möglich war, solange die Gruppe geschlossen beieinander war.

Doran musste einen Weg finden, die Beteiligten auseinanderzureißen und Christopher mit Tobias zusammenzubringen. Dabei durfte jedoch keiner in wirkliche Gefahr geraten.

Gemeinsam schritten die Anwesenden der Gruppe den Abschnitt des Tatortes ab.

Noch deutlich konnte man die Spuren des Leichnams in den umgelegten Gräsern erkennen. Da der Leichnam keine äußerlichen Wunden aufwies, waren auch keine Blutspuren zu sehen.

„Das kein Mensch diese Tat mitbekommen hat ist mir schleierhaft, mitten am Tag, im schönsten Sonnenschein“, beklagte Desiree.

Der ehemalige Inspektor Doran schritt mehrmals die Fundstelle ab. Dann plötzlich blieb er stehen und sagte unmissverständlich:

„Lampert ist nicht hier ermordet worden. Er war bereits tot, als man ihn hier ablegte“.

„Wie kommst Du nun wieder darauf“, fragte Tobias.

„Ganz einfach“ erklärte Doran. „Die Leiche ist nicht in den Graben gefallen sondern hinein gerollt“.

„Und wenn man ihn auf der Landstraße ermordet hat und Lampert daraufhin in den Graben gerollt ist“, erwiderte Tobias.

„Dann“, sagte Doran mit sicherem Ton, „dann wären keine Schleifspuren der Beine, bzw. Füße auf der Straße zu sehen, welche direkt zum Fundort führen. Nein, die Sache muss sich in etwa so abgespielt haben;

„Lampert hatte irgendeinen Verdacht und war auf einer bestimmten Spur. Dort tappte er in eine Falle oder wurde zufällig gestellt. Dabei wurde er von unserem Täter ermordet. Es muss sich um den gleichen Mörder handeln, wie der bei den Frauenleichen. Dass das Pentagramm fehlt liegt wahrscheinlich daran, dass Lampert keine Frau war und nicht in das Profil des Täters passte, schließlich ist unser Mörder von Lampert überrascht worden, der Mord war also nie geplant. Dies sagt wiederum, dass unser Mörder und Lampert sich gekannt haben müssen. Der Mörder hatte keine andere Wahl, wenn er auch in Zukunft unerkannt bleiben wollte.

Des Weiteren muss es sich bei dem Mörder um einen sehr kalten Menschen mit starken Nerven handeln.

Er ließ nämlich die Leiche von Lampert vorerst am wirklichen Tatort liegen, bis er sie zu gegebener Zeit hierherbrachte und sie in den Graben warf.

Er muss sich am Tatort sehr sicher gewesen sein, dass keiner die Leiche entdeckt solange diese dort liegt“.

„Woher willst Du das wissen“? Fragte Tobias

„Nun, dies ist nicht so schwer wie es scheint“, sagte Doran, indem er dabei alle ansah.

„Als die Leiche von Lampert hierher gebracht wurde, hatte bereits die Totenstarre eingesetzt, man kann es an der Schleifspur der Beine oder Füße sehen, sie weisen keine Abweichungen auf, wie es der Fall ist, wenn sie nicht steif gewesen wären.

Ich denke es hat sich etwa so zugetragen, Lampert hatte das Geheimnis entdeckt und war jener Entdeckung auf der Spur. Dabei wurde er erkannt und weil sich der Täter und Lampert kannten, musste der Täter Lampert aus dem Weg räumen. Dieser Mord ist jedoch weit von hier geschehen. Der Mörder wusste, dass die Leiche, wo immer sie sich befunden hat, dort sicher ist. So konnte er beruhigt abwarten, bis sich eine passende Gelegenheit bot diese fortzuschaffen. Dabei muss er ein Fahrzeug benutzt haben. Als er mit dem Leichnam an dieser Stelle eintraf, warf er ihn schnell vom Wagen herunter, er sollte im Graben, unsichtbar durch das ganze Gestrüpp, landen. Bedingt durch die bereits eingesetzte Totenstarre erwies sich jenes Vorhaben jedoch außerordentlich schwierig und der Leichnam landete zuerst auf der Landstraße. Schnell eilte der Mörder zu seinem Opfer, zog den starren Körper bis an die Stelle wo das Dickicht im Graben am größten war und rollte dann den Leichnam in den Graben, wobei dieser Körper das gesamte Dickicht umlegte, was natürlich nicht geplant war. Es war aber aus irgendeinem Grund keine Zeit dafür vorhanden, den Schaden zu beheben und den Leichnam zu bedecken.

So ließ er Lampert einfach liegen und machte sich davon.

Stunden später haben dann irgendwelche Leute die Leiche entdeckt und die Polizei herbeigerufen. Bei den Ermittlungen, wo sich der Leichnam Lampert zurzeit aufhielt stellte sich heraus, dass er hier in der Poststation einquartiert ist und so benachrichtigte man Georg, der es uns dann in jenem Zustand mitteilte, in dem wir ihn erlebt haben“.

 

15 Kapitel

 

Die Rechnung scheint aufzugehen

 

         Nach dieser Rekonstruktion aus Doran seiner Sicht, herrschte zuerst einmal völlige Stille. Es erschien nicht ganz sicher, ob wirklich alle der Anwesenden auch wirklich die Aussage von Doran verstanden hatten, aber die Nachricht hatte ihre Adresse ohne jeden Zweifel direkt erreicht.

Ungeachtet der Tatsache, ob ein jeder die Hintergründe und somit das Motiv verstanden hatte, nickten alle Anwesenden zustimmend mit dem Kopf. Es war schon merkwürdig wie auch interessant das Verhalten jener Menschen zu beobachten. Die meisten der Gruppe benahm sich unsicher in einer Art von Hilflosigkeit. Es schien als wollen sie ihre Unschuld um jeden Preis unter Beweis stellen, wussten aber nicht wie sie jenes Bestreben in die Tat umsetzen sollten.

Einer von allen war im Grunde eher gelassen. Für diesen Menschen waren die Hergänge der Geschehnisse in jedem Falle klar. Es handelte sich hierbei um Tobias. Nichts auf dieser Welt hätte ihn von seiner Überzeugung abbringen können, dass es sich hierbei um böse Mächte handelte, welche in einem direkten Zusammenhang mit dem alten Fluch standen. Nur solche teuflischen Kräfte konnten dafür verantwortlich sein.

Einer der Anwesenden erschien, zumindest rein äußerlich, sehr ruhig und gefasst. Im Inneren konnte man seine Anspannung jedoch förmlich spüren. Auch er war jetzt unter einen gewissen Zeitdruck gelangt und wusste, dass er um jeden Preis handeln musste. Wenn Doran erst einmal die Möglichkeit bekam und seine Ankündigung der Lösung bis Mitternacht wahrmachen konnte, war es für den Täter zu spät. Dann gab es keine Handlungsmöglichkeit mehr für ihn.

Ein Wettlauf mit der Zeit war unter Ermittler und Täter entbrannt. Dennoch hatte der Täter einen Verbündeten, der jedoch nichts von seiner Rolle wusste.

 

               Es herrschte im Allgemeinen eine sehr beklemmende wie auch schweigsame Stimmung unter den Anwesenden. Man hatte, bis auf die wirklich Betroffenen, einfach Angst davor, etwas Falsches zu sagen oder zu machen, was einen in Verdacht bringen könnte.

So verblieb man auch nicht mehr lange an jenem Ort des Geschehens. Es gab auch keinen weiteren Anlass hierfür. Man hatte alles noch einmal in Augenschein genommen und seine Schlüsse daraus gezogen.

Die Gruppe trat, sehr betreten den Rückweg an, um auch rechtzeitig bei der Poststation anzukommen. Der Weg zurück verlief sehr wortkarg. Auffällig war nur die Tatsache, dass jeder jeden misstrauisch betrachtete.

Zurück im Gasthaus, suchte jeder erst einmal seine Gemächer auf. Zum Teil um sich etwas frisch zu machen und zum anderen um über alles in Ruhe noch einmal nachzudenken.

Nur Doran blieb im Gastraum des Hauses. Er bestellte sich etwas zum Trinken, zündete sich seine Pfeife an und wartete in Gedanken versunken. Eine innere Stimme sagte ihm, dass er alle Trümpfe in seiner Hand hielt, jedoch sehr vorsichtig sein musste. Er dachte auch daran, dass sein Gefühl ihn eigentlich noch nie getäuscht hatte. So saß es am Tisch und wartete.

Es war der ehemalige Wirt und Besitzer Georg auf den er wartete. Er wollte diesen nicht gleich nach der Heimkehr überrumpeln, sondern solange warten, bis dieser Zeit für ihn hatte.

Nachdem Georg seinen Pflichten nachgekommen war und nun ein wenig Zeit hatte, bemerkte er Doran, wie dieser im Gastraum bei einem Bier und seiner Pfeife, in seinen Gedanken versunken saß. Er trat a seinen Tisch und setzte sich zu ihm.

„So in Gedanken versunken“? fragte er ihn direkt.

„Ja, etwas beschäftigt mich doch sehr und ich weiß nicht wie ich meine Frage formulieren soll“? Doran schaute Georg bei dieser Antwort direkt in dessen Augen. Es hatte fast den Anschein, als wolle er den ehemaligen Wirt hypnotisieren.

„Ich will nicht lange um den Brei herumreden“, bemerkte Doran, „ am Ende des Ganges befand sich bereits damals schon ein Zimmer welches in nie in Benutzung gesehen habe. Mir ist nun aufgefallen, dass sich dieser Zustand bis zum heutigen Tag nicht geändert hat. Jetzt frage ich mich natürlich, was es mit diesem Zimmer auf sich hat? Befindet sich jenes Zimmer in einem so fürchterlichen Zustand, was ich mir allerdings nach mehr als drei Jahrzehnten nicht vorstellen kann? Ich kann denken was immer ich will. Ich finde einfach keine Antwort auf diese eine Frage. Daher habe ich mich entschieden Dich jetzt einfach zu fragen. Wenn einer die Antwort darauf weiß, dann kannst nur Du dies sein, also, was hat es mit diesem Zimmer auf sich, aber bitte sage mir die Wahrheit“.

 

               Es verging eine kurze Weile, dann schluckte der ehemalige Wirt erst einmal bevor er mit seiner Geschichte begann.

„Dies ist eine lange Geschichte, welche sehr weit zurückreicht“, berichtete Georg. „Die Geschichte geht auf jene Zeit zurück, als der Landgraf hier noch alle Autorität und somit das Sagen hatte. Zur damaligen Zeit gab es viele Gerüchte. Einer davon war auch jener, der den Fluch auf den Hof, wozu auch dieses Anliegen einmal gezählt hat, betrifft. Es war eine unwirkliche und grausame Zeit. Eine Zeit in der die Menschen noch gefoltert und verbrannt wurden. Es war zurzeit meiner Vorfahren, welche sich hier angesiedelt hatten. In jener Zeit wurde die Welt vom Aberglaube beherrscht und geprägt. Als meine Vorfahren hier eintrafen hatten sie nichts. So arbeiteten sie als Tagelöhner bei dem Landgrafen. Irgendwann, eines Tages, als der Fluch während jener grausamen Hinrichtung ausgesprochen wurde tauchte wie aus dem Nichts ein sehr mysteriöser Mann auf. Er behauptete, dass er den Fluch bannen könnte. Er würde nichts dafür verlangen, was ihm zugutekommen würde, doch man müsste unter allen Umständen seine Anweisungen und Bedingungen bis in alle Ewigkeit erfüllen“.

Georg machte eine kleine Pause. Es schien im sehr schwer darüber zu reden. Warum er es dennoch tat mag dahingestellt sein. Zumindest berichtete er Doran nach seiner Pause weiter was geschehen war.

„Zuerst glaubte man diesem Menschen nicht und glaubte, dass es sich hierbei nur um einen Betrüger handelte, von denen es zu der damaligen Zeit nicht gerade wenig gab. Doch dann begann der Mann von Familienangelegenheiten und deren Geheimnissen zu berichten, welche weder er noch irgendein anderer hätte wissen können. Er wusste bis in die kleinsten Details Bescheid. Die Betroffenen waren überzeugt. Obwohl der Mann, bei seinem Leben versicherte, dass er jene Geheimnisse einem Fremden niemals preisgeben würde, gleich wie sich die Familie entscheiden würde, willigten die Herrschaften zu jenem teuflischen Vertrag ein.

Der Mann versicherte, dass er den Fluch in einem Zimmer auf diesem Anwesen, in einem Haus weitab von dem eigentlichen Herrschaftshaus, bannen wollte. Dabei handelte es sich um dieses Haus, welches zu damaligen Zeiten noch zu anderen Zwecken als den heutigen genutzt wurde. Das Zimmer um welches es sich handelte, war genau jenes Zimmer von dem wir jetzt reden. Es sollte nach dem Ritual nie mehr geöffnet werden und der gesamte Grundbesitz sollte nach dem Ableben des zurzeit herrschenden Besitzer nicht weiter nach rechtlicher Linie vererbt werden, sondern in den Besitz meiner Vorfahren übergehen. Diese dürften jedoch niemals darüber reden. Gesagt, beschlossen und getan. Der Mann benötigte drei Nächte, wovon er sich die letzte Nacht einzig in diesem Zimmer aufhielt. Noch vor Anbruch des nächsten Morgengrauens verabschiedete sich jener mysteriöse Mann und behauptete, dass er nun seinen Teil des Vertrages erfüllt habe. Dann verschwand er und wurde nie mehr gesehen, weder hier noch in der weiteren Umgebung. Der Vertrag wurde von beiden Seiten, so wie besprochen, bis zum heutigen Tag eingehalten. Nicht einmal ich weiß, was sich hinter dieser Tür verbirgt. Mit der Zeit hat sie auch keiner von uns mehr wirklich wahrgenommen. Eines ist aber sicher, es ist uns, sowie unseren Vorfahren nach diesem Ereignis niemals mehr schlecht ergangen“.

Damit beendete Georg seine Geschichte und in gewisser Weise hatte man den Eindruck, dass ihm eine gewaltige Last von seinen Schultern gefallen war.

Doran hatte die ganze Zeit geduldig zugehört, dabei sein Bier ausgetrunken und sein Pfeifchen aufgeraucht. Er machte einen sehr zufriedenen Eindruck, was Georg eigentlich etwas verwundernd fand.

„Ist Dir jemals aufgefallen, dass die Tür unter Umständen vielleicht einmal geöffnet worden ist“? fragte Doran. „Es müsste jedoch in den letzten Jahrzenten geschehen sein“.

Georg dachte einen Moment nach, konnte sich jedoch nicht erinnern. „Nein, nach meiner Meinung ist diese Tür, solange ich denken kann, niemals geöffnet worden“. Nach einer kurzen Weile ergänzte er aber: „Ich kann mich doch an einen Zwischenfall erinnern, der jedoch schon sehr lange zurückliegt, damals war etwas mit dieser Tür, ich glaube zu wissen, dass es sich dabei um das Schloss handelte. Ich glaube, dass ich annahm es sei ausgetauscht worden. Ich kann mich aber auch irren, die vielen Jahre und das Alter haben ihre Spuren bei uns allen hinterlassen. Doch sage mir bitte, was es mit diesem Zimmer in Deinen Augen auf sich haben könnte“, fragte Georg den nachdenklichen Inspektor Doran.

„Ich glaube, dass mein Plan nun aufgeht“, antwortete dieser und lächelte dabei zufrieden aber auch ein wenig angespannt.

Einige Minuten des Schweigens vergingen, bis Doran an Georg herantrat und in ruhigen Worten jene Frage, welche eher einer Bitte glich, an ihn zu richten: „Mein lieber Freund, ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass der Aberglaube mehr als nur Angst und Unsicherheit verbreiten kann. Ich selbst weiß manchmal nicht wie ich verschiedene Dinge einordnen soll. In unserem Fall bin ich der Meinung, dass es unumgänglich ist, dieses Zimmer zu öffnen um es zu Untersuchen. Es ist natürlich Deine Endscheidung ob Du dem zustimmst oder nicht, aber ich bitte Dich hiermit als Freund und im Sinne unserer Ermittlungen, gemeinsam mit mir dieses Zimmer zu inspizieren. Wenn Du dem zustimmen solltest, so sollte jedoch keiner der anderen davon erfahren“. Darauf schaute Doran den ehemaligen Wirt Georg erwartungsvoll an.

Der Wirt zögerte. Man konnte ihm direkt ansehen, wie er mit sich selbst und seiner Angst sowie Überzeugung, was den alten Mythos und den Aberglauben betrifft, im Kampf der Überwindung haderte. Auf der einen Seite wollte er das Glück seiner Familie und auch das Eigene nicht aufs Spiel setzen, auf der anderen Seite jedoch sah er in dem ehemaligen Inspektor einen wirklichen Freund und wollte daher seine Bitte nicht abschlagen. Hinzu kam noch der Umstand, dass mit der möglichen Klärung der gesamten Angelegenheit endlich wieder Ruhe einkehren würde und vielleicht würde sich dabei auch noch herausstellen, dass das Gerede um jenes Zimmer wirklich nur Aberglaube war, was ihn natürlich auch wesentlich endlasten würde und man ein ganz normales Leben mit der Familie führen könnte. All jene Dinge gingen ihm blitzartig durch den Kopf.

Dann aber siegte spontan die Vernunft und mit sogar ein wenig Erleichterung wandte er sich an Doran. „Also gut“, sagte er leise, „wir werden die Tür in einem günstigen Zeitpunkt noch heute öffnen und uns das Zimmer genau betrachten, Gott stehe uns bei“.

„Du wirst es sicher nicht bereuen“, sagte Doran und klopfte dem alten Mann anerkennungsvoll auf seine Schulter. Es war ihm durchaus klar, welche Überwindung Der Wirt für diese Endscheidung aufgebracht hatte.

 

               Dann, nach einer Zeit des ungeduldigen Wartens, war es soweit. Jener günstige Zeitpunkt war gekommen. Im Haus war alles ruhig da jeder mit etwas beschäftigt war. Doran und Georg waren also ungestört. So begaben sie sich beide auf den Gang, an dessen Ende sich das besagte Zimmer befand.

„Ich denke wir sollten uns auf einigen Schmutz und noch weitere Möglichkeiten der Unannehmlichkeit gefasst machen, da schließlich keiner mehr das Zimmer betreten hat, zumindest nicht solange ich denken kann“, meinte Georg etwas verlegen.

Der alte Wirt steckte den Schlüssel in das Schloss der Zimmertür und versuchte diesen herumzudrehen. Dieses Unternehmen erwies sich jedoch leichter als man anfangs glaubte. Mit unglaublicher Leichtigkeit ließ sich der Schlüssel im Schloss herumdrehen und machte dabei nicht einmal ein Geräusch. Vom Alter her hätte Georg etwas anderes erwartet. Man hätte glaube können, dass das Schloss ständig in Gebrauch war und erst vor kurzem sogar geölt wurde. Dora hingegen lächelte nur, als hätte er nichts anderes erwartet. Als der Schlüssel das besagte Schloss geöffnet hatte, drückte Georg vorsichtig die Türklinke herab, als würde er befürchten, dass diese zumindest quietschen oder knarren würde, doch auch hierbei geschah nichts dergleichen. Es war wie ein neues Türschloss, mit dem einzigen Unterschied, dass es sehr alt aussah.

 

       Geräuschlos öffnete sich langsam die Tür. Im Zimmer selbst war es jedoch dunkel, da die Vorhänge zugezogen waren. Einen kleinen Augenblick dauerte es, bis sich die Augen an jenes dunkle Licht gewöhnt hatten und man mehr als nur Umrisse erkennen konnte.

Georg schaute Doran überrascht wie auch völlig ungläubig an. „Sind wir hier in einem falschen Zimmer“, fragte er den Inspektor. Er konnte sich nicht erklären was er da sah.

„Nein“, antwortete Doran. „Genau so etwas in der Art habe ich mir bereits gedacht“.

Obwohl man die Vorhänge geschlossen ließ konnte man erkennen, dass das Zimmer, entgegen der Erwartungen von dem Wirt, sich in einem sauberen und ordentlichen Zustand befand. Es gab keine Anzeichen von Schmutz, so als hätte jemand diesen Raum erst vor kurzem gründlich gesäubert. Nur fielen ein umgestürzter Stuhl sowie ein kleiner Beistelltisch, der total verrückt war, auf.

„Es würde mich nicht wundern, wenn hier ein Kampf stadtgefunden hat. Jener Kampf bei dem Lampert ums Leben kam. Auch konnte der Mörder Lampert in diesem Zimmer beruhigt liegen lassen, bis sich eine geeignete Möglichkeit zum Abtransport bieten würde. Der Mörder wusste, dass keiner diesen Raum betreten würde. Doch warum fürchtete der Täter Lampert? Was hat Lampert gewusst, was dem Täter das Motiv zum Mord geliefert hat? Wenn wir das Motiv kennen, so werden wir auch um den Täter und dessen Identität wissen“. Doran war bei seinen Ausführungen sehr ruhig, so als wüsste er bereits um wen es sich hierbei handelte.

Für einen Augenblick verweilten die Beiden noch um sich gründlich in diesem Zimmer umzusehen, sie wollten auf keinen Fall etwas übersehen. Dann warteten Doran und Georg noch einmal auf einen günstigen Moment um das Zimmer wieder zu verlassen. Als auf dem Gang draußen keine Geräusche mehr zu hören waren, öffneten die zwei Männer vorsichtig die Tür des Zimmers um dieses zu verlassen. Leise schlossen sie hinter sich das Schloss wieder ab, was auch nicht schwer viel, da es ja erst kürzlich gewartet worden sein musste.

Georg und Doran gingen direkt in den Gästeraum zurück. Dort setzten sie sich an den angestammten Tisch. Beiden war nicht nach Alkohol zumute und so tranken sie gemeinsam einen kräftigen Kaffee.

Es dauerte nicht lange und Tobias betrat den Raum. Er setzte sich zu den Beiden und holte sich auch einen schwarzen Kaffee.

„Na“, fragte er Doran, „kommst Du mit Deinen Ermittlungen gut voran oder hast Du diese sogar schon abgeschlossen“? Seine Stimme hatte dabei etwas von Sarkasmus und er lächelte Doran etwas hämisch an.

Der Inspektor war jedoch nicht auf den Mund gefallen und antwortete: „Im Grunde bin ich so gut wie fertig. Es fehlt mir nur noch eine Kleinigkeit, allerdings dient diese nur der Selbstbestätigung. Ich glaube sehr gut zu wissen wer der Täter und damit nicht nur der Mörder von Lampert und auch den Frauen gewesen ist. Ich glaube sogar es beweisen zu können“.

Es war so langsam die Zeit angebrochen um das Abendbrot einzunehmen und die übrigen der Gruppe sowie noch weitere Gäste betraten nach und nach die Gaststube. Desiree und Christopher nahmen an jenen schon angestammten Tisch bei Georg, Doran und Tobias Platz.

„Na, bist Du schon auf Deine Lösung des Falles gekommen und konntest ihn somit abschließen“, fragte Christopher den ehemaligen Inspektor Doran. Seine Stimme hatte einen seltsamen Unterton, welcher zum einen ein wenig belustigend wirkte. Achtete man jedoch genauer auf seine Stimme und sein dazugehöriges Gestikulieren, so konnte man eine gewisse Unsicherheit erkennen. „Können wir den nun heute noch mit der Auflösung und der Bekanntgabe des Täters rechnen“?

„Ich stehe zu dem was ich gesagt habe“, antwortete Doran darauf.

 

16. Kapitel

Damit hat keiner gerechnet

 

                Es lag eine nicht nur gespannte, sondern auch aggressive Stimmung, innerhalb der Gruppe, im Raum. Der ehemalige Inspektor Doran ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Er strahlte eine absolute Selbstsicherheit aus. Dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass er nicht weiter auf dieses Thema einging und diesbezüglich sich in Schweigen hüllte. Die einzige Äußerung, welche er noch machte, war jene: „ Ich werde den Fall noch heute bis Mitternacht zum Abschluss bringen und auch die Schuldigen sowie ihre Gründe benennen. Diese Schuldigen befinden sich bereits jetzt schon unter uns“.

Alle Anwesenden schauten Doran mit großen Augen an. Ab genau diesen Augenblick war einem jeden der Appetit auf das Abendessen gründlich vergangen.

„Also ich brauche jetzt erst einmal einen doppelten Schnaps“, bemerkte Tobias, der als erster seine Stimme wiedergefunden hatte. Alle anderen, bis auf Doran schlossen sich dem Vorhaben an.

Dann begann eine lebhafte Unterhaltung. Man diskutierte, fachsimpelte und stellte Vermutungen an. Die Zeit verging nur sehr langsam, aber keiner wollte die Gaststube verlassen. Jeder war darauf bedacht, mit der gesamten Gruppe zusammenzubleiben, um auf keinen Fall etwas zu versäumen.

             Es mag so gegen zehn Uhr gewesen sein, als ein Mann die Gaststube betrat. Er war allein und nicht mit der Kutsche gekommen, sondern eigens zu Pferd. Der Mann trat an Doran heran und bat diesen heraus. Doran nickte auf die Bitte des Fremden und verließ gemeinsam mit dem Mann die Gaststube, ohne den anderen eine Erklärung abzulegen.

Die zwei Männer verließen darauf sofort den Raum, was einen sehr mysteriösen Eindruck machte. Was hatten diese beiden zu bereden, oder welche Informationen hatte jener Fremde für Doran?

Zehn Minuten mögen vergangen sein, als die beiden Männer die Gaststube wieder betraten. Der ehemalige Inspektor machte dabei einen sehr zufriedenen Eindruck. Der unbekannte Mann hingegen war beteiligungslos, so wie er auch gekommen war. Beide der Männer nahmen am Tisch der restlichen Gruppe Platz.

„Ich möchte Euch gern unseren Gast vorstellen“. Doran deutete auf jenen Mann, so etwa um die fünfzig Jahre alt. „Er bekleidet das Amt der Verwaltung jener Kirchenbücher in dieser Grafschaft. Er hat etwas damit zu tun das ich heute Vormittag noch etwas zu erledigen hatte, dessen Grund ich für mich behalten wollte. Mir kam da so ein Verdacht welcher mich nicht loslassen wollte. Um diesen Verdacht zu überprüfen habe ich diesen Verwalter der Kirchenbücher aufgesucht, und siehe da, ich wurde sogar fündig. Jetzt erst konnte ich mir die ganze Geschichte zusammenreimen. Ich hatte das letzte Puzzle gefunden. Jedes Stück passte wie angegossen. Nichts konnte diesen Indizien mehr standhalten. Ich habe versprochen den Fall noch vor Mitternacht zu lösen und nun bin ich in der Lage, dieses Versprechen einzulösen. Doch bitte ich Euch, mir meinen Triumpf zu gönnen. Lasst uns noch ein wenig beisammensitzen und etwas trinken. Ich denke, der eine oder andere wird es ohnehin gebrauchen können, und die anderen werden es gegen den Schreck verwenden, denn glaubt mit, diese Geschichte gehört eigentlich in die Kriminalgeschichte. Kein Mensch hätte jemals gedacht, dass es so etwas Unglaubliches gibt. Also bitte, die erste Runde geht auf mich, vor dem großen Finale.

So folgte eine Runde der nächsten und die Zeit verging dabei sehr langsam. Dieses Phänomen hatte auch seinen Grund. Die Unschuldigen befürchteten eine falsche Anschuldigung. Der oder die Schuldigen hofften den Verdacht von sich abwenden zu können oder vielleicht gar nicht erst in diesen zu geraten. So blieb die Stimmung auch weiterhin, trotz des Alkohols mehr als nur angespannt.

Gegen halb zwölf Uhr bemerkte Doran: „Wussten Sie eigentlich, dass all diese Morde mit der Blutlinie und damit der Erbfolge jener Besitztümer dieser Grafschaft zu tun haben?

Des Weiteren waren die fünf Frauenleichen nicht weiter als ein reines Ablenkungsmanöver. Dieser Fall ist bestimmt nicht das was man unkompliziert nennen könnte. Er besteht aus einer sehr langen Geschichte, welche sehr gut und lange voraus geplant war und fast den perfekten Mord wie auch Betrug dargestellt hätte. Auch waren es zwei Personen welche gemeinsam dieses Verbrechen geplant sowie ausgeführt haben. Als Tatmotiv für die Tat war die Gier nach Geld und Reichtum verantwortlich“.

Nun machte Doran aber eine kleine Pause. „Ein letztes Glas möchte ich noch erheben, bevor ich die gesamte Geschichte nun erzähle“.

Der ehemalige Inspektor Doran erhob sich von seinem Stuhl, streckte sein Glas in die Höhe und sprach: „Auf die Gerechtigkeit und ihren Bestand“.

             Doran setzte sich darauf wieder. Alle Beteiligten rückten etwas näher an ihn heran. Der Inspektor schaute noch einmal in die Runde, holte tief Luft und begann mit seiner Erzählung.

Der große Holztisch, an dem die gesamte Gruppe saß, bestand aus massiver Eiche. Er war in seiner Größe sehr ausladend und so hatten es die einzelnen Beteiligten schwer so nah wie nur möglich an Doran heranzukommen, um auch keines seiner Worte zu verpassen oder nicht zu verstehen.

Es mag schon ein merkwürdiges Bild gewesen sein, welches sich dem Außenstehenden bot. Man hätte glauben können, dass dort eine Verschwörung im Gange war. Es war aber im Grunde genau das Gegenteil um was es bei dieser Zusammenkunft ging.

Die allgemeine Spannung war nichtmehr zu überbieten. Jeder der Anwesenden, ob nun schuldig oder unschuldig, ausgenommen Doran und der Fremde, waren auf dem Höhepunkt ihrer nervlichen Belastung angelangt.

Der ehemalige Inspektor Doran lehnte sich, auf seinem Stuhl, ein wenig nach hinten. Er genoss es förmlich im Mittelpunkt zu stehen und mit jenen abrechnen zu können, die ihn unterschätzt hatten. So begann er also seine Geschichte zu erzählen.

 

 

17. Kapitel

 

Inspektor Doran macht reinen Tisch

 

        Es herrschte noch eine gewisse Unruhe innerhalb der Gruppe am Tisch. So wartete Doran geduldig, bis sich die Anwesenden beruhigt hatten. Dann begann er mit seiner Erzählung der Geschichte, welche so unglaubwürdig wie auch perfekt war.

Ein teuflischer Plan, ausgedacht von zwei Menschen welche, bedingt durch ihre Gier nach Macht, Ruhm und Geld. Aus diesen Gründen waren diese beiden Menschen bereit zu Morden und vor allem bei ihrer Tatausübung sehr viel Zeit vergehen zu lassen. Die Ungeduld sollte keine Fehler zulassen, in dem Plan, welchen sie gemeinsam geschmiedet hatten. Es kamen sogar noch einige Zufälle ihnen zugute, welche sich für die beiden positiv auswirkte. Niemals hätten sie damit gerechnet, dass die Tat doch am Ende aufgedeckt werden würde. Die Wahrheit findet halt immer ihren Weg, auch wenn es noch solange dauert.

„Es befinden sich hier zwei Personen am Tisch, welche bereits die gesamte Geschichte und damit den Tathergang kennen“, bemerkte Doran als Einleitung für seine Geschichte.

„Sie lassen sich jedoch nichts anmerken, da sie noch immer von ihrer Schlauheit sowie der Perfektion ihres Plans überzeugt sind, dass sie sich dem Trugschluss hingeben, ich würde mich irren und die Wahrheit würde im Dunkeln bleiben. Vielleicht hoffen sie auch, dass ein anderer, ein falscher Mensch hierfür verdächtigt wird. Sie können noch nicht wissen, dass ich sie in jedem Detail überführen werde. Leider reichen ihr Hochmut sowie ihre Selbstüberschätzung nicht aus um auch nur anzunehmen, die Wahrheit würde heute ans Licht kommen. Dennoch möchte ich hier gleich am Anfang meine Hochachtung für einen solch kühnen Plan aussprechen, den ich wirklich bewundere“.

Doran machte eine kleine Pause in seinen Ausfertigungen und jeder schaute jeden verwundert an. Auch jene zwei eingeschworenen Komplizen spielten dieses Spiel mit und ließen sich nicht das Geringste anmerken.

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen schaute der Inspektor jeden der Anwesenden an. Dann aber fuhr er fort.

 

        „Die Geschichte begann bereits vor langer Zeit. Lange bevor unsere Täter das Licht der Welt erblickten. Damals war hier noch so gut wie nichts. Ein paar kleine Häuser zur Unterbringung der Landarbeiter, welche der damalige Landgraf zur Ernte brauchte. Einige weitere kleine Häuser, die dann später den Dorfkern bildeten, aus dem sich alles entwickelte, so wie wir es heute kennen. Sie dienten den fest Bediensteten des Grafen.

Um aber dort auf Dauer wohnen zu dürfen, mussten sie alle, oftmals sehr schwere Arbeiten verrichten und dies das ganze Jahr über. Es war für diese Menschen alles andere als ein einfaches Leben. Hinzu kam die Tatsache, dass der Landgraf ein sehr energischer sowie auch ungerechter und egozentrischer Mann war, der kein Mitgefühl für andere hatte.

So war er auch bei allen nicht gerade beliebt. Dieser Umstand berührte den Grafen aber nicht besonders. Er war es gewohnt nur an sich zu denken und sich das zu nehmen was er wollte. Dafür war ihm auch jedes Mittel recht.

Ich kann nicht sagen ob sich solche Charakterzüge vererben lassen, aber eines ist sicher, jeder seiner Nachkommen waren ebenso in ihrem Wesen“.

Doran machte eine weitere Pause, welche er dazu nutzte noch etwas Trinkbares zu bestellen. Nachdem er getrunken hatte, fuhr er mit seiner Geschichte weiter fort.

„Dann, im Laufe der Zeit, kam jener Landgraf zur Welt, der in unserer Geschichte eine gewisse Schlüsselfigur einnimmt.

Dieser Landgraf war nicht im Geringsten, vom Charakter her, anders als alle Ahnen seiner Blutlinie. Obwohl er in einer Ehe lebte, nahm er es mit der Treue nicht so genau. Frauen waren sein größtes Laster.

So habe ich heute unseren Gast, den Verwalter der Kirchenbücher dieser Grafschaft, aufgesucht und lange in den alten Kirchenbüchern studiert. In diesen Büchern wird alles dokumentiert was es an Geburten, Eheschließungen und Todesfälle gab.

Ich hatte schon fast aufgegeben, als ich doch noch fündig wurde.

Es wäre zu mühselig gewesen die gesamten Zusammenhänge herauszusuchen und zu studieren, daher habe ich mich auf das Wesentliche beschränkt. Jene Tatsachen, welche für uns und unseren Fall von Bedeutung sind.

Wie bereits erwähnt, war die Ahnenlinie der Grafschaft alles andere als prüde. Wie nun alles im Einzelnen zusammengehört kann ich zur Zeit nicht genau sagen, nur so viel, es gibt noch einen Nachkommen dieser Grafschaft, der nicht als solcher geführt wird. Einen Nachkommen des Landgrafen, der von einer Magd oder Bediensteten abstammt.

Dieser Abkömmling kennt die gesamte Geschichte besser als jeder andere. Auch wusste er bereits vor vielen Jahren davon. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Anwesende in dieser Runde voller Hass und Vergeltungsdrang ist und war. Es muss ein bemerkenswerter Mensch sein. Schon vor sehr langer Zeit hatte dieser Mensch alles geplant. Er ließ sich jedoch von nichts aus der Ruhe bringen, seine Geduld muss unendlich sein. Selbst jetzt lässt er sich nicht das Geringste anmerken, obwohl er wissen müsste, dass sein Spiel durchschaut worden ist. Ich glaube es ging ihm nicht um die materiellen Werte, sondern einzig um die Widergutmachung jener Schmach.

Nur ein Mensch der Rache üben will um nach seiner Meinung Gerechtigkeit zu schaffen ist zu einer solchen Geduld sowie eines solchen Einfallsreichtums fähig. Wir reden hier nicht von Monate oder Jahre, wir reden sogar von Jahrzehnten.

Dieser Mensch hat die ganze Zeit nichts dem Zufall überlassen. Alles war stets bis ins Detail geplant. So gut, dass er sogar jeden von uns täuschen konnte. Ich selbst hatte noch vor kurzem, einen ganz anderen Menschen als möglichen Schuldigen im Verdacht.

Auch muss dieser Mensch über eine außerordentliche Menschenkenntnis verfügen. Wie sonst hätte er einen Komplizen aussuchen können, der die gleichen Eigenschaften hat wie er selbst. Ebenso viel Geduld und Ausdauer. Bei allem Unrecht was auch immer geschehen sein mag, ich muss sagen, ich ziehe meinen Hut vor diesen zwei Menschen. Hätten sie doch nur ihre überaus hervorragenden Eigenschaften im Sinne der guten Sache eingesetzt. Ich wäre froh gewesen, hätte ich jemals einen solchen Partner gehabt als ich noch im aktiven Dienst tätig war“.

Nach diesem Redeschwall legte Doran erst einmal eine Pause ein. Obwohl es schon sehr spät geworden war, stand Georg auf um kurz darauf mit mehreren Krügen Bier und einigen Schnäpsen wiederzukommen. Es gab auch keine Einwände gegen diesen Einfall.

So trank man mehr schweigend und nachdenklich, aber bis auf drei Personen am Tisch hatte keiner auch nur die geringste Ahnung.

Dann nach einer kurzen Weile, die jedoch jedem wie eine halbe Ewigkeit vorkam, begann Doran mit seiner Erklärung fortzufahren.

„Es war eine Zeit in der sehr viel schlimme Dinge geschehen sind. Dinge, wie wir sie uns nicht vorstellen können.

Es gibt aber eine Person hier am Tisch, die jene ganze Leidensgeschichte kennt. Ein Leidensweg, der sich ihr in Haut und Hirn eingebrannt hat, eingebrannt für immer und ewig. So sehr, dass diese Person ihr fast ganzes Leben für diese Rache gelebt hat. Ein, in meinen Augen sehr trauriges und bedauernswertes Leben, was ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde.

So wünsche ich jener Person, dass sie nach dem heutigen Abend endlich ihren Frieden finden wird. Einen Frieden auf den sie immer gehofft hat, der er bis jetzt aber nie vergönnt war.

Möge diese Person noch wissen, dass ich nicht ruhen werde, bis die Gerechtigkeit ihren Erfolg hatte. Denn ich persönlich habe, in Anbetracht des Motives, sehr große Hochachtung vor jener Person.

Es war ihr nie vergönnt gewesen, so zu leben wie es vielleicht andere Menschen können. Freude kannte sie kaum und ich glaube sogar, dass jene Dämonen der Vergangenheit sie sogar noch im Schlaf sowie im Traum verfolgt haben und das Nacht für Nacht, Jahrzehntelang.

Ist es nicht so, Desiree“?

Doran schaute der Frau tief in die Augen und er konnte sehen wie sie mit den Tränen kämpfte.

Es ging ein Raunen durch die Gruppe. Dann geschah noch etwas womit nur Doran hätte rechnen können. Ein Mann erhob sich von seinem Platz, ging zu Desiree hinüber und nahm sie fest in seine Arme. Dieser Mann war Christopher.

 „Ich bin froh das es endlich vorbei ist“, sagte er leise zu seiner Frau Desiree.

 Kein Mensch könnte sich die Stimmung in diesem Augenblick vorstellen, die in diesem Augenblick an jenem Tisch herrschte. Wenn es ein perfektes Durcheinander an Gefühle gibt, dann fand dieses gerade hier und jetzt statt.

Im Grunde war noch keiner der Beteiligten imstande die wirkliche Situation zu begreifen, nicht einmal die Betroffenen selbst.

 „Jetzt habe ich meinen Frieden gefunden, einen sehr tiefen Frieden“, sagte Desiree in einem sehr ruhigen Ton. „Sie Herr Inspektor Doran sind einer der wunderbarsten Menschen die mir in meinem Leben jemals begegnet sind. Gott möge Sie auf all Ihren künftigen Wegen immer begleiten und beschützen, das wünsche ich Ihnen aus der Tiefe meiner Seele“.

 Als sie diese Worte sagte hielt sie sich an ihrem Mann Christopher fest und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Es waren jedoch keine Tränen der Angst oder Trauer, es waren die Tränen der Erleichterung.

 „Ich bitte Sie nur noch um eines, bitte lassen Sie mich und die anderen noch ein letztes Mal zusammen anstoßen, ich würde gern noch einen kleinen Schnaps mit Ihnen allen trinken, dann können wir die Polizei rufen“.

 Kein Mensch an diesem Tisch hätte gewusst was er sagen sollte. So stand Georg wortlos auf und holte für jeden einen Großen Schnaps. Desiree erhob ihr Glas uns sagte nur:

 „Auf eine bessere Welt“, dann trank sie, so wie alle anderen, ihr Glas mit einem Zug lehr, setzte es ab, küsste zärtlich Christopher und Doran meinte später einmal gehört zu haben wie sie leise zu ihm sagte: „bis später, wo immer das auch ist“.

 Sie lächelte dabei alle, sich am Tisch befindlichen, Angehörigen an. Dann schluckte sie noch zwei oder dreimal schwer, als würde sie nach Luft ringen. Schaum trat aus ihrem Mund, bevor sie leblos zu Boden fiel.

Die allgemeine Aufregung und Überraschung war so dramatisch, dass keiner zuerst bemerkte, dass mit Christopher das Gleiche geschah. Erst kurz nach dem Sturz von Desiree bemerkte Georg die Leiche von Christopher.

Wie zu erwarten, entstand ein heilloses Durcheinander. Doran versuchte zumindest seine Nerven zu behalten und schickte als erstes nach den Aufsichtsbeamten der Polizei jener Grafschaft mit den notwendigen Informationen. Er dachte, dass dieser schon wissen wird was zu tun ist.

Als endlich die ganze Aufregung ein Ende fand, begann es bereits zu Dämmern und ein neuer Tag brach an. Dennoch gab es unendlich viele ungeklärte Fragen, aber erst wollte man einal Schlafen.

 

18. Kapitel

 

Das Leben schreibt die seltsamsten Geschichten

 

       Es war bereits schon fast hell als die Betroffenen ins Bett kamen. Obwohl sie alle sehr müde waren, gelang es keinem wirklich einzuschlafen. Auch war es, wenn überhaupt möglich, nur ein sehr kurzer und unruhiger Schlaf.

Etwa kurz vor der Mittagsstunde trafen bereits alle Beteiligten der, mit derweilen kleinen Gruppe, in der Gaststube ein. Keiner hatte wirklich richtig oder erholsam schlafen können.

Es mag eigenartig anmuten, aber aus irgendeinem Grund suchte man gegenseitig die Nähe.

Die Verstorbenen Desiree und Christopher waren bereits von der hiesigen Ordnungsbehörde abgeholt worden.

Es war eine merkwürdige kleine Gruppe an diesem Vormittag bei Tische. Doran konnte nicht unbedingt behaupten, dass er glücklich über sein Ergebnis der Aufklärung war. Es ging dabei nicht nur um die zwei Täter und ihre Motive, es ging auch um die unschuldigen Frauenleichen sowie den einen Ermittler, welche nur der Ablenkung und Verschleierung der einen Tat ihr Leben lassen mussten. Nichts auf dieser Welt würde jene Ereignisse rechtfertigen.

Alles in allem war es schon eine ziemlich bedrückende Situation. Aber das Leben geht weiter und der Mensch findet sich mit den schwierigsten Dingen ab wenn er muss.

Es mag verwunderlich erscheinen, aber jeder am Tisch hatte an diesem Morgen oder besser Vormittag einen großen Hunger, der schon beinahe peinlich war, wenn man die Umstände betrachtete.

Auf der anderen Seite war eine große Last von allen gefallen. Dies mag auch der Grund für das Verhalten der Beteiligten sein. So bestellte man sich ein mehr oder weniger, reichliches Frühstück und etwas Gutes zu trinken. Es soll hier nicht den Eindruck erwecken, dass nur Alkohol getrunken wird und ein jeder die Neigung zum Alkoholiker hat, aber unter bestimmten Voraussetzungen hilft ein Getränk aus dieser Kategorie doch bestimmte Dinge zu verarbeiten. So tranken die drei noch beteiligten Personen am Tisch, in Gedenken an all den Geschehnissen, ein großen Krug vom Gerstensaft.

Es mag so gegen die 13. Stunde gewesen sein und jeder war in seinen Gedanken schon damit beschäftigt, seine Abreise zu Überdenken. Schließlich war alles geklärt und es gab nichts mehr zu tun was man hätte noch verrichten können. Der Fall war soweit geklärt.

Georg hatte unter anderem mit dem Anspruch auf diese Grafschaft. Der wirklich Einzige, der mit sich nicht so ganz im Reinen mit sich und seinen Auffassungen war, war Tobias. Jener ehemalige Kutscher dieser Poststation. Er war und blieb dass, was man einen abergläubiger nennt. Für ihn lagen diese Dinge auf einer ganz anderen Ebene.

Ungeachtet dessen könnte man nun diese ganze Angelegenheit als beendet betrachten. Normalerweise würden jetzt jeder seine eigenen Wege wieder gehen und nach einer gewissen Zeit wäre alles vergessen oder nur noch eine Geschichte, welche bei einer Tischrunde vielleicht erzählt werden würde.

Aber ist es wirklich an dem? Warum könnte es nicht sein, dass Tobias mit seinen Meinungen eventuell Recht haben könnte, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad? Wer hier glaubt, dass gesamte große schaffen und Wirken zu kennen, für den mag es nur ein minderwertiger Roman gewesen sein.

Aber unsere Geschichte ist noch nicht zu Ende. Letztlich wollen wir hinter den Geheimnissen jener Mythen kommen, welche bis zum heutigen Tage ungeklärt sind. Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, was wir wahrscheinlich niemals erfahren werden, was auf der einen Seite auch gut so ist, da der Mensch mit jener Erkenntnis nicht umgehen könnte. So wollen wir es auch dabei belassen, in dieser Geschichte nur Denkanstöße zu geben. Was ein Jeder für sich selbst daraus macht bleibt ihm überlassen. Nur das Wissen, dass die Dinge oftmals anders scheinen als sie es in Wirklichkeit sind, ist die Quintessens dieser Geschichte.

Wer also jene Meinung vertritt, es könne noch etwas mehr als wir vermuten geben, für diesen Menschen gibt es an dieser Stelle eine sehr interessante Fortsetzung.

 

19. Kapitel

 

Die eventuell realistische Seite der Mystik

 

               Die Zeit bleibt im Leben nicht stehen. Und so vergingen auch die Jahre in unserer Geschichte. Am Anfang wurde noch viel an den gemeinsamen Tischrunden über dieses Ereignis gesprochen und diskutiert. Aber wie es nun einmal so ist, vergeht mit der Zeit auch das Interesse und so geriet jene Angelegenheit in Vergessenheit bis zu dem Tag, an dem sich folgendes ereignete.

Es waren viele Jahre ins Land gegangen, um nicht zu sagen Jahrzehnte. Von den einstiegen Beteiligten lebte keiner mehr und unsere Geschichte war zur Legende geworden.

Das zwanzigste Jahrhundert war angebrochen. Die Welt hatte zwei Weltkriege erleben müssen und war dementsprechend geprägt. Alles von damals hatte sich verändert und der Wiederaufbau war so gut wie beendet. Man genoss das Leben und mit den wirklich großen Sorgen wollte keiner mehr wirklich etwas zu tun haben. Die Menschen sahen der Zukunft entgegen, da die Vergangenheit keine angenehmen Erlebnisse beinhaltete. Auch in unserer Geschichte verhielt es sich kaum anders, bis auf einige Kleinigkeiten. So gab es schon lange keine Poststation mehr. An dieser Stelle, wo einst die Kutschen ihre Pferde wechselten befand sich nun ein Busbahnhof. Der Gasthof wurde saniert und hatte nun einen modernen wie auch zweckmäßigen Ausbau. Die Zeit war hektischer geworden und von der Ruhe sowie Gemütlichkeit und Herzlichkeit war nichts mehr geblieben.

Gäste kamen und gingen. Es war eher ein geschäftliches Treiben. Von der damaligen Geschichte war nur noch für ganz wenige der ansässigen Menschen ein Mythos geworden. Jedoch sollte dies nicht so bleiben.

Es war Mai. Um genau zu sein, es war der 21. Mai in den fünfziger Jahren. Die Welt hatte sich vom Krieg erholt und die Menschen wollten nichts mehr mit den düsteren Seiten der Geschichte wissen, was letztlich auch die Mystik sowie die gesamten Bereiche der Esoterik betraf.

Dennoch sollte dieser Tag für einige Zeit die Vergangenheit zurück in die Erinnerung rufen.

Es war etwa um die zehnte Stunde. Draußen war gerade wieder ein Bus vorgefahren um Fahrgäste zur Weiterreise aufzunehmen und andere hier abzuladen.

Als sich die Tür zur Gaststube öffnete. Ein Mann trat ein. Dieser gewisse Mann unterschied sich nicht besonders von allen anderen Gästen, welche hier auf Durchreise vorbeikamen. Aber trotz allem hatte dieser Mensch etwas besonderes, was man nicht unbedingt in Worte fassen konnte. Man konnte ihn weder als sympathisch noch als unsympathisch einstufen. Er ließ sich im Grunde überhaupt nicht einordnen.

Er kam einfach herein, ging zielsicher auf einen Tisch am Fenster zu, um dort Platz zu nehmen. Eigenartiger Weise handelte es sich um jene Stelle, wo damals der besagte Tisch unserer Gruppe der dramatischen Geschichte stand. Seine Kleidung war nicht gerade das, was man modisch nennen könnte, aber dieser Luxus war zu jener Zeit ohnehin nur wenigen vergönnt.

Was jedoch eher auffiel war sein ausdrucksloses Gesicht. Der Mann bestellte sich einen Kaffee und eine Kleinigkeit zum Essen. Zudem erkundigte er sich, ob er sich hier für ein paar Tage einmieten könnte oder es, wenn dies nicht möglich wäre, ein Hotel im Ort befand. Der Wirt der Busstation bejahte seinen Wunsch und gab ihm ein kleines aber gemütliches Zimmer im anliegenden Haus.

Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass der Mann Forscher sowie Schriftsteller für paranormale Phänomene war. Er nahm Bezug auf die damalige Geschichte, welche schon lange in eine gewisse Vergessenheit geraten war. In dieser Angelegenheit wollte er hier Vorort recherchieren und eventuell darüber schreiben.

Es gab nichts besonderes daran zu bedenken, schließlich gab es die merkwürdigsten Berufe und ein Mensch wie der Gastwirt hatte im Laufe seiner Arbeitszeit die seltsamsten Menschen kennengelernt, so dass ihn nichts mehr verwundern konnte.

Diese Einstellung sollte sich aber, so wie auch so manch andere Sache in der Zukunft gründlich ändern.

Was keiner bislang wusste, diese Zukunft hatte mit dem Eintreffen dieses Mannes begonnen.

Was den neuen Gast betrifft, so ist sein Name „Samuel Diestel“. Er ist von einer eher großen und kräftigen Gestalt, was jedoch nicht bedeutet, dass er übergewichtig ist. Samuel macht eher einen schlanken Eindruck. Aber auch sein gesamter Anschein ist schwer einzuschätzen. Groß, kräftig und schlank, mit dunklen sowie durchdringenden Augen. Seine Stimme ist leise und ein wenig rauchig. Die Hände sind, im Gegenteil zu seiner sonstigen Figur, eher schmal und seine Finger sehr lang. Um genau zu sein, man kann nicht behaupten, dass Samuel vertrauenswürdige oder gütige Hände hat. Auch ist er nicht gerade gesprächig sondern eher wortkarg.

Samuel trägt einen langen, dunklen Mantel unter dem er einen wiederum dunklen Anzug trägt. Dazu die passenden Schuhe. Seine Garderobe macht nicht gerade einen neuen oder gepflegten Eindruck. Man konnte ihm ansehen, dass er viel unterwegs war und daher nicht gerade sehr viel Aufwand um sein Aussehen betreiben konnte. Doch sollte man einen Menschen auch nicht gleich immer nach seinem Äußeren beurteilen.

Als er die Gaststube betrat, trug er einen Hut, deren Krempe er tief in seine Stirn gezogen hatte, so als wolle er seine Augen verstecken.

Tiefe und dunkle Augenränder betonten seine ohnehin dunklen Augen. Überhaupt war sein Gesicht sehr faltig, so dass man sein Alter nicht schätzen konnte. Seine Haare waren schwarz, jedoch durchzogen bereits die ersten grauen Strähnen seinen Haarschopf. Dennoch wirkte seine Haut gepflegt und des Weiteren war er sauber rasiert. Sein Hemd, unter dem Anzug war von einer grauen Farbe, aber sauber. Eine Krawatte trug Samuel nicht, hatte aber sein Hemd bis zum oberen Knopf geschlossen. Alles in allem stellte jener Samuel eine seltsame Erscheinung dar.

Er hatte an jenem besagten Tisch Platz genommen. Seinen Mantel hatte er ordentlich zusammengefaltet und über die Lehne des benachbarten Stuhls gelegt. Auch hatte er jetzt seine Jacke aufgeknöpft. So saß er am Tisch, trank seinen Kaffee und aß sehr langsam seine ohnehin kleine Mahlzeit. Dabei schaute unentwegt und fast ein wenig verträumt aus dem Fenster.

Er gehörte nicht zu den Menschen, die unbedingt ein Gespräch suchen. Schweigen schien eher seine Eigenart zu sein.

Es mag eine gute halbe Stunde vergangen sein, als er sein Essen beendet hatte und sich noch einen Kaffee bestellte, den der Wirt auch umgehend brachte. Als er diesen servierte bemerkte er, dass sie sich noch gar nicht gegenseitig vorgestellt haben.

„Mein Name ist Nikolas, Nikolas Brauner“, sagte er zu dem Gast und versuchte unsicher ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.

„Angenehm, mein Name ist Diestel, Samuel Diestel. Ich bevorzuge aber eher die Anrede Samuel“, sagte er mit leiser, rauchiger Stimme. Es hatte den Anschein, als würde in diesem Augenblick ein kalter Luftzug durch den Raum gehen. Dabei verzog er keine Miene. Sein Gesicht erinnerte an eine Wachsfigur.

„Wenn Sie ihr Zimmer ansehen wollen, so sagen Sie mir einfach Bescheid. Den Schlüssel bekommen Sie ja schließlich auch noch“.

„Aber natürlich“, erwiderte der Fremde. „Ich hätte gern das Zimmer mit der Nummer sieben wenn es recht ist“, bemerkte Samuel mit einer Selbstverständlichkeit wie man sie nur selten zu hören bekommt.

„Welch ein Zufall, genau dieses Zimmer ist noch frei“, sagte Nikolas, was der Wahrheit entsprach. Allein diese Tatsache machte jenen Mann nicht gerade sympathischer, er wirkte eher unheimlicher.

Samuel hatte es jedoch nicht eilig. Er blieb am Tisch noch lange sitzen und schien seinen zweiten Kaffee förmlich zu genießen. Dabei sah er unaufhörlich aus dem Fenster. Langsam hätte man den Eindruck gewinnen können, dass er dies nur aus einem Grund machte, er wollte keinen anderen Menschen in der Gaststube anschauen. Dieser Verdacht stand aber in einem krassen Gegensatz zu dem Selbstvertrauen von Samuel.

Noch lange beobachtete Samuel das hektische Treiben auf dem Hof und schien dabei auch die wunderschöne Landschaft zu genießen. Dann ganz plötzlich stand er auf, nahm seine Sachen, begab sich zum Wirt und gab diesen zu verstehen, dass er sich nun gern auf sein Zimmer zurückziehen würde.

„Ich bringe Sie sofort dorthin, wenn Sie sich nur einen kleinen Augenblick gedulden möchten, ich muss nur noch den Schlüssel holen“, ließ Nikolas seinen Gast wissen.

„ Geben Sie mir einfach den Schlüssel und machen Sie sich wegen mir keine weiteren Umstände, ich finde allein dorthin“ bemerkte Samuel zum Erstaunen des Wirtes.

So verließ Samuel die Gaststube um sich auf sein Zimmer zu begeben. Nikolas der Wirt schaute ihn nur verwundert nach, war dann aber sehr schnell wieder abgelenkt, bedingt durch das Treiben auf dem Hof. Es war wirklich sehr Nervenzehrend und so hatte er die ganze Angelegenheit auch schon wieder schnell vergessen.

Wie gewohnt verging die Zeit bei der Arbeit wie im Flug. So dauerte es auch nicht lang und es war bereits wieder Mittag geworden.

Die ersten Gäste betraten bereits die Gaststube und das essen wurde serviert. Langsam füllte sich der Raum. Obwohl es keine Tischordnung gab, blieb eigenartiger Weise der Platz von Samuel lehr. Auch er selbst schien nicht zu erscheinen.

Nikolas der Wirt machte sich deshalb aber keine Gedanken. Sicher ist er eingeschlafen nach der Reise. Wer weiß wie anstrengend diese für ihn war, dachte er sich.

So nahm der Tag seinen Verlauf wie immer und es wurde Kaffeezeit. Wieder begann die gleiche Prozedur, wieder der gleiche Ablauf. Wer aber nicht kam war Samuel. Nun begann Nikolas doch nachzudenken. Jetzt wollte er sich doch Gewissheit verschaffen, schließlich könnte etwas passiert sein. Er begab sich in den ersten Stock, wo sich das besagte Zimmer sieben, von Samuel befand.

Vorsichtig klopfte er an, aber es kam keine Antwort. Nikolas klopfte jetzt energischer und lauter, aber auch jetzt blieb eine Antwort aus. Nachdem er das dritte Mal, ohne Erfolg, geklopft und sogar gerufen hatte, drückte er behutsam die Türklinke hinunter und öffnete die unverschlossene Tür. Das Zimmer war leer und so betrat der Wirt den Raum. Hut und Mantel waren an der Garderobe. Was dem Wirt allerdings verwunderte, es befand sich kein Gepäck in dem Zimmer. Von einem Reisenden, zumal wenn er sogar noch Forscher und Schriftsteller war, sollte man doch annehmen, dass er nicht ganz ohne Gepäck reist.

Nikolas schaute sich im Zimmer um, aber wohin er auch blickte, er konnte nicht das Geringste an Reiseutensilien entdecken. Das Zimmer war, bis auf den Mantel und den Hut, in genau dem gleichen Zustand wie vor dem Einzug von Samuel. Auch das Bett war noch im gleichen Zustand. Er konnte also nicht einmal darauf gelegen haben. Was also in drei Teufels Namen war hier geschehen.

Nikolas verließ das Zimmer wieder und verschloss es aber mit seinem Nachschlüssel. Wenn jener Herr Diestel wieder auftaucht, hatte sich der Wirt vorgenommen, ihn darauf anzusprechen. Schließlich wollte er wissen, was unter seinem Dach geschah.

Die weitere Zeit verging mit all den üblichen Tätigkeiten, nur von Samuel gab es bislang keine Spur. Nikolas konnte nicht abstreiten, dass ihm die ganze Sache ein wenig unheimlich erschien.

Es wurde Abend und die Zeit des Abendessens rückte immer näher. Zu dieser Zeit musste Nikolas wieder an Samuel denken, und in gewisser Weise war im dabei überhaupt nicht wohl.

Dann aber, mit einem Mal, ging die Tür auf und herein kam Samuel Diestel. Er trug eine hellgraue Jacke und eine dunkelgraue Hose. Seine schwarzen Schuhe blitzten wie neu. Nikolas der Wirt war in diesem Moment total verstört. Was war geschehen? War Samuel ohne Gepäck angereist und hatte sich jetzt im Dorf alles neu besorgt? Aber was war mit dem Mantel und den Hut? Es war zu dieser Jahreszeit und gerade am heutigen Tag recht kühl im Freien. Nikolas konnte sich nicht vorstellen, dass Samuel den Weg ins Dorf nur mit seine dünne Jacke gemacht haben sollte. Er hatte auch nicht beobachten können, dass Samuel den Gasthof verlassen hatte. Er wusste nicht, was er von dieser Sache halten sollte.

Samuel Diestel ging gelassen und entspannt auf seinen Platz, rief den Wirt an seinen Tisch und bestellte sich vor dem Abendessen etwas zu Trinken.

Der Wirt folgte dem Anliegen von Samuel. Als er ihm jedoch das Getränk brachte, konnte er sich nicht beherrschen und sprach Samuel auf seine Erfahrungen des heutigen Tages an. Zuerst dachte er, dass der Gast erbost reagieren würde, aber der verhielt sich ganz anders als von Nikolas erwartet.

Samuel sah den Wirt freundlich an. Zum ersten Mal konnte man ein Lächeln auf dessen Gesicht erahnen.

„Nun, ich bin erfreut, dass Sie so um mich besorgt waren. Gleichzeitig hege ich jedoch auch ein gewisses Schuldgefühl. Ich hätte Ihnen vorher mein Vorhaben berichten sollen, ich hoffe Sie verzeihen mir meine Nachlässigkeit. Es ist einfach zu erklären. Ich hatte mich kurzerhand entschlossen diese Reise zu machen. Da ich nicht wusste was mich erwartet, habe ich mein Reisegepäck erst einmal im Ort aufgegeben. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich bei Ihnen eine Unterkunft bekomme. So habe ich vorher mein Gepäck abgeholt und da dieses schwer war und ich mit dem Mantel ins Schwitzen gekommen wäre, habe ich ihn zurückgelassen. Im Übrigen ist auch das Schwitzen der Grund für meine andere Garderobe, da die Reisegarderobe völlig durchgeschwitzt war“.

Der Wirt schien vor Verlegenheit ein wenig rot zu werden und entschuldigte sich sehr höflich.

„Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis und das Sie mir nicht gram sind, aber ich hatte mir wirklich nur Sorgen gemacht“, sagte er verlegen.

Das Gespräch zwischen den beiden war umso schneller beendet, da nun bereits die ersten Gäste zum Abendessen erschienen, was Nikolas sehr recht war. Auf diese Weise konnte er sich jenen Peinlichkeiten entziehen.

Der Abend verlief bis auf weiteres wie gewohnt. Zwischendurch fragte Samuel den Wirt, ob dieser etwas über die damaligen Geschehnisse wüsste und wenn ja, würde er ihn gern bitten, ihm etwas darüber zu berichten.

Nikolas ließ seinen Gast nur wissen, dass er nicht allzu viel darüber wüsste, eben nur jene Dinge die sich die alten Leute im Dorf noch erzählen, er ihm aber gern davon berichten würde, wenn er denn damit etwas anfangen könnte.

„Davon bin ich überzeugt“, antwortete der Gast und Nikolas ging zunächst seiner Arbeit weiter nach.

Als es später wurde, kehrte auch langsam die Ruhe in der Gaststube ein. Die Gäste wurden weniger und so dauerte es auch nicht mehr lange und Samuel wie auch Nikolas waren fast allein im Raum.

Da es jetzt alles sehr übersichtlich war, kam Nikolas mit zwei Gläsern Bier an den Tisch von Samuel und meinte: „So, wenn ich Ihnen nun helfen kann, so will ich das jetzt gern tun, das Bier geht im Übrigen aufs Haus“.

Der Wirt setzte sich an den Tisch seines Gastes und begann von seinem Wissen um diese Angelegenheit zu berichten.

Das Gespräch dauerte länger als Nikolas zuerst gedacht hatte. Sein Gast Samuel hörte aufmerksam zu, machte sich aber eigenartigerweise keinerlei Notizen. Hier und da konnte man ein gewisses blitzen in den dunklen Augen von Samuel erkennen.

Es war etwa kurz vor Mitternacht, als Samuel das Gespräch plötzlich beendete. Er stand auf, bedankte sich mit den Worten: „Sie haben mir mehr geholfen als Sie vielleicht glauben. Ich kann nur sagen, es war ein sehr interessantes Gespräch und sehr aufschlussreich. Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet“.

Dann teilte er dem Wirt noch mit, dass er jetzt zu Bett gehen würde, da es doch ein sehr anstrengender Tag gewesen sei. Er drehte sich um und verließ die Gaststube. Nikolas hörte noch, wie er die Treppe zu den Zimmern empor ging.

So beschloss auch der Wirt den heutigen Tag zu beschließen. Er erledigte noch die notwendige Arbeit wie an jeden Abend, schaltete das Licht aus und ging dann hinüber ins Privathaus zu seiner Frau.

Es war das alte Herrschaftshaus, welches man mit sehr viel Liebe restauriert hatte und welches wirklich wunderschön aussah. Im Übrigen handelte es sich bei diesem Haus um das einzige Gebäude, welches noch in seinem alten Stiel erhalten geblieben war. So gab es dem gesamten Anwesen das gewisse Etwas.

Ein kleiner Vorgarten, der mit einem Jägerzaun, wie schon damals, abgegrenzt war, verlieh dem ganzen noch eine besondere Pracht. Gerade jetzt im Mai, wo alles zu grünen begann.

Von dem Haus aus hatte man einen guten Blick über den gesamten Hof bzw. Busbahnhof inklusive des Gästehauses.

Nikolas war todmüde und es dauerte auch nur wenige Minuten bis er in seinem Bett, neben seiner Frau eingeschlafen war. Tief und traumlos schlief er, friedlich wie ein Baby.

Er war nur zufrieden, dass nicht jeder Tag so anstrengend war, denn dazu war er auch bereits zu alt geworden.

Doch man sollte nie vorher rechnen, da dann die Rechnung häufig nicht aufgeht. So sollte es auch in diesem Fall sein.

 

20. Kapitel

 

Eine sehr merkwürdige Nacht

 

          Nikolas der Wirt hatte keine Stunde geschlafen als ihn eine gewisse Unruhe zu Plagen begann. Er schlief plötzlich recht oberflächlich, wurde laufend wach und träumte die seltsamsten Träume.

Nach etwa zwei Stunden konnte er nicht wieder einschlafen. Er konnte sich seine Unruhe nicht erklären. Draußen war alles ruhig und friedlich, so machte es jedenfalls den Anschein und doch hatte Nikolas eine gewisse Ahnung. Eine Art Vorahnung, nur wusste er nicht um was es sich hierbei handelte.

Leise, um seine Frau nicht zu wecken, stand er auf und ging hinüber zum Fenster seines Schlafzimmers. Es war eine klare und dunkle Nacht. Es ließ sich nicht allzu viel erkennen, aber im Gästehaus sah man ein Licht. Es war kein gewöhnliches Licht. Ein sehr schwaches Licht wie von einer Taschenlampe. Das Merkwürdige an dieser Angelegenheit war die Tatsache, dass jenes Licht genau aus dem ersten Stockwerk kam, dort wo die Gästezimmer sich befanden. Es kam aus dem Zimmer sieben. Jenes Zimmer welches der Herr Samuel Diestel bewohnte.

Dies sollte nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben, aber kurz danach bewegte sich das Licht aus jenem Zimmer hinaus und darauf den Gang hin und her.

Dann verschwand es für kurze Zeit um kaum wenige Minuten später im Erdgeschoss wieder aufzutauchen. Dann hielt es sich zeitweilig im Schankraum und im Gästeraum auf.

Dieser doch jetzt sehr merkwürdige Vorgang hielt etwa über einen Zeitraum von 45 Minuten an, dann war plötzlich der ganze Spuk vorbei.

Noch eine Weile blieb Nikolas am Fenster stehen um zu beobachten, ob vielleicht jemand das Haus verließ, was aber nicht geschah. Es konnte sich also mit angrenzender Sicherheit nicht um Einbrecher oder Ähnliches handeln.

Vielleicht hat Samuel auch nur die Toilette gesucht, dachte sich Nikolas um im nächsten Augenblick diesen Einfall doch für sehr dumm zu halten. Dieser Samuel war schon ein recht merkwürdiger Mensch. Ein wirkliches Vertrauen konnte man diesem Mann nicht entgegenbringen, ganz gleich wie viel Mühe man sich auch geben würde.

Nikolas beschloss wieder zurück in sein Bett zu gehen um noch ein wenig Schlaf zu finden. Morgen war schließlich wieder ein anstrengender Tag.

 Aber wie sehr er sich im Bett auch bemühte, er konnte keinen Schlaf finden. Etwas ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Wie sehr er sich auch anstrengte nicht an all diese mystischen Dinge zu denken, es sollte ihm einfach nicht gelingen.

Ich sollte diesen Samuel etwas mehr im Auge behalten, schaden kann es auf keinen Fall. Was heißt ich sollte, nein dachte er, ich werde, komme da was wolle. Ich werde mich nicht von einem merkwürdigen Fremden um den Finger wickeln lassen und schon gar nicht meinen Schlaf opfern, dachte sich Nikolas immer wieder.

Es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis er doch noch ein wenig Schlaf finden konnte.

 Am nächsten Morgen kam dem Gastwirt die Nacht sehr kurz vor und er erinnerte sich sehr schnell wieder an die seltsamen Geschehnisse in der Nacht. Sofort stand er auf und ging hinüber zu seinem Schlafzimmerfenster, aus dem er seine Beobachtungen gemacht hatte.

 Der Hof sowie das Gästehaus lagen friedlich im morgendlichen Sonnenlicht. So sehr er auch hinsah, er konnte nichts Ungewöhnliches entdecken oder auch nur eine Spur von etwas merkwürdigen sehen.

Langsam zweifelte er an seinen Verstand und glaubte am Schluss sogar, ob er die ganze Sache nicht vielleicht nur geträumt habe. So entschloss er sich dazu die ganze Angelegenheit auch erst einmal für sich zu behalten und mit keinem darüber zu reden.

Diesen Samuel jedoch wollte er von nun an etwas genauer auf die Finger schauen. Sein Gefühl sagte ihm, dass etwas nicht mit diesem Mann stimmt und sein Gefühl hatte ihn nur sehr selten getäuscht.

 Es war so kurz nach 6.00 Uhr als Nikolas sein Haus verließ, über den Hof ging und das Gästehaus betrat. Es war so wie es eigentlich immer war. Am nächsten Tag bei Tageslicht sieht die Welt wieder ganz anders aus, und was zuvor noch recht merkwürdig war erscheint nun eher bedeutungslos.

In der Gaststube wartete die tägliche Arbeit des Morgens auf ihn. Es war genau betrachtet eine schwere Arbeit, die einen Menschen ganz und gar in Anspruch nimmt. Nikolas aber liebte seine Arbeit und er machte sie gern. So war er stets mit Herz und Seele dabei, wie auch diesen Morgen. So sehr, dass er zuerst gar nicht bemerkte was überhaupt geschehen war.

Erst als er die Gaststube aufgeräumt hatte und sich gerade auf dem Gang zur Küche befand sah er etwas, was ihn doch sehr erschreckte, zumal es keine Erklärung dafür gab.

Auf dem Fußboden des Ganges lag ein schwarzes Huhn dessen Kopf abgetrennt war. Überall auf dem Flur waren die Spritzer des Blutes von dem Tier. Sofort begab er sich zur Küche um etwas zur Reinigung zu holen, bevor die Gäste erwachten und am Ende noch etwas hiervon mitbekommen würden. Wie würde er wohl dann dastehen?

Als er die Küche betrat wartete bereits der nächste Schreck auf ihn. Auf den Holzblock zum Fleischschneiden, welcher sich auf dem Küchentisch befand lag der Kopf des Huhns, festgestochen mit einem großen Fleischmesser.

Eines war klar, hier war kein Tier am Werk gewesen, dass war die Tat eines Menschen. Aus welchem Grund auch immer, es war vorsätzlich und beabsichtigt. Nur welchen Zweck wollte jener Täter damit verfolgen? Und wer könnte es gewesen sein? Sofort viel dem Gastwirt jener merkwürdige Samuel ein. Wenn er einem eine solche Tat zutrauen würde, dann diesem Mann.

Aber was immer er auch hier mit seinem Aufenthalt bezweckte, er würde schon noch dahinter kommen und ihm dann seine Suppe versalzen, so wahr er Nikolas hieße.

 Schnell, noch im letzten Augenblick gelang es ihm die Spuren jener Gräueltat zu beseitigen. Die gesamte Arbeit lief dabei eher mechanisch und ohne nachzudenken. Dann begann der „normale“ Tag wie zuvor jeder andere auch.

 

21. Kapitel

 

Die Geheimnisse werden immer undurchsichtiger

 

        Es war gegen 7:00 Uhr als der Gastwirt Nikolas endlich seine erste Arbeit beenden konnte. In der Gaststube waren die Tische zum Frühstück gedeckt, alles Weitere war sauber und aufgeräumt. Eine knappe habe Stunde später kamen die ersten Gäste. Mit viel Gerede und lauten Bemerkungen öffnete sich die Tür zur Gaststube um die Leute kamen herein und besetzten die Tische.

Zur gleichen Zeit kamen aber auch bereits die ersten Busse an, welche wiederum neue Gäste brachten und andere abholten. Einige der Fahrgäste blieben nur Minuten bis Stunden um Umzusteigen, andere suchten eine Unterkunft für mehrere Tage. So verlief die Arbeit Tag für Tag, Woche Für Woche und Jahr für Jahr. Dabei spielte es keine Rolle ob es sich um einen Wochentag oder Sonntag handelte. Die Tage waren alle gleich. Nikolas hatte wirklich nur selten Zeit um einmal über sich und seine Interessen nachzudenken. Daher war auch das Ereignis bereits schon wieder in weite Ferne gerückt und man dachte nicht mehr mit dem nötigen Ernst jener gesamten Angelegenheit.

Doch gerade in diesem Augenblick kam Samuel durch die Tür in die Gaststube. Es war, als würde Nikolas das Blut in seinen Adern gerinnen.

Erst jetzt wurde ihm wirklich klar, dass er überhaupt nicht auf ein Zusammentreffen mit Samuel vorbereitet war. Er wusste mit hundertprozentiger Genauigkeit das besagter Herr Diestel zum Frühstück kommen würde. Wie konnte er nur so naiv sein und sich nicht im Geringsten auf dieses Zusammentreffen vorbereiten? Was sollte er jetzt sagen? Was sollte er jetzt Frage? Sollte er dieses Theaterstück einfach mitspielen? Sollte er den Versuch unternehmen und ihn einfach mit seinem Verdacht überrumpeln? Nein, dafür war dieser Samuel zu gerissen. Was also sollte er tun?

In seinem Kopf schwirrte es und ihm wurde plötzlich schlecht. Wie konnte so etwas nur geschehen, gerade wo er doch in allem so sicher war?

 Samuel betrat den Raum mit einer Selbstsicherheit und sogar einer gewissen Freundlichkeit, dass man ihn fast nicht wiedererkannte. Er sah Nikolas und winkte ihm freundlich lächelnd zu. Dann nahm er an seinem angestammten Tisch Platz.

Der Gastwirt überlegte wie er der ganzen Sache Herr werden konnte und entschloss sich dann erst einmal auf Zeit zu setzen. Er hatte kein Konzept, worüber er sich selbst am meisten ärgerte, dies aber nun einmal nicht ändern konnte. Also war die einzige Möglichkeit auf eine günstige Gelegenheit zu warten. Nikolas vertraute darauf, dass sich jene Gelegenheit bestimmt bieten würde, dann aber musste er genau wissen wie er vorzugehen hat.

So begab er sich an den Tisch von Samuel und teilte ihm freundlich mit, dass er gleich für ihn da sein werde. Es sei heute nur ungewöhnlich viel zu tun.

Samuel lächelte ihn an und bemerkte: „Nur keine Eile, ich werde bestimmt nicht verhungern oder den Tod des Durstes sterben“.

Nikolas, dem Platzen nahe, begab sich in die Küche. Dort holte er, gegen seine Gewohnheiten, eine Flasche mit Brandwein aus dem Regal, goss sich ein gutes Glas voll und trank dieses mit einem Zug aus. Obwohl es ihm seinen Hals und Mund zu verbrennen schien, konnte er erstmalig tief durchatmen. Zwei Minuten später fühlte er sich bedeutend besser um diese Prozedur gleich einmal zu wiederholen. Nur nahm er etwas weniger von dem Brandwein. Jetzt ging es ihm bedeutend besser. Für einen kurzen Moment hätte er sofort zu jenem besagten Herrn Samuel Diestel herausgehen können um diesen feinen Herrn zur Rede zu stellen.

Aber er sah sehr schnell von diesem Vorhaben ab. Das letzte was er jetzt noch hätte gebrauchen können, wäre ein Fehler gewesen, einen Fehler den er in seinem jetzigen unüberlegten Zustand garantiert machen würde.

So atmete er noch einmal tief durch, verschloss die Flasche wieder und stellte dieselbe zurück ins Regal. Dann begann er damit, wieder seine alltägliche Arbeit aufzunehmen, so als wäre nie etwas geschehen.

Als er die Küche wieder verließ begab er sich zu dem Tisch an welchem Samuel saß, um dessen Bestellung aufzunehmen.

Noch einmal begrüßte er ihn sehr freundlich und fragte nach seinen Wünschen.

„So früh bereits schon Alkohol und dann noch so etwas starkes“? Samuel lachte den Wirt diskret an. „Haben Sie etwa Sorgen mein Lieber? Wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise helfen kann, so lassen Sie es mich wissen, ich werde tun was mir möglich ist“.

Nikolas hätte beinahe etwas gesagt, konnte aber die Worte gerade noch unterdrücken.

„Nein, ich hatte nur eine sehr unruhige Nacht und einen schlechten Anfang heute Morgen“ erwiderte er.

„Nun, dann hoffe ich, dass es Ihnen bald wieder besser geht. Ich hätte gern einen großen Milchkaffee und zwei Brötchen sowie zwei gekochte Eier“.

Nikolas begab sich zurück in die Küche. In gewisser Weise war er mit sich plötzlich zufrieden. Hatte er sich doch beherrschen können und dennoch den Stein mit einem leichten Anstoß ins Rollen gebracht. Was jetzt wohl in Samuel seinen Kopf vorgehen mag? Er war sogar ein wenig stolz auf sich selbst, was seiner Laune zugutekam und er wieder mit altem Schwung seiner Arbeit nachging.

In der Zwischenzeit war auch die Frau des Wirtes mit den Zimmerarbeiten fertig geworden und kam nun zu ihrem Mann in die Küche um ihm zu helfen.

Die zwei betrieben schon sehr lange fast ganz allein den Gasthof, was sicherlich für beide sehr schwer war. Doch sie wollten es nicht anders.

Für die handwerklichen Arbeiten, wie auch das Personal für das Gepäck und sonstigen Dingen waren jedoch extra Arbeiter eingestellt. Die Küche und die Gaststube jedoch war das Reich der beiden.

Für einen Augenblick überlegte Nikolas ob er seiner Frau seine nächtlichen Erlebnisse sowie jene morgendliche Überraschung mitteilen sollte, doch er endschied sich dies dann doch zu unterlassen, da sie sich nur Sorgen machen würde.

So verlief der gesamte Morgen, wie auch das Frühstück perfekt. Man konnte zufrieden sein. Einen kleinen Wermutstropfen gab es jedoch noch zum Schluss. Als Samuel die Gaststube verließ und an Nikolas und seiner Frau dabei zwangsläufig vorbei kam sagte er kurz zu Nikolas: „Denken Sie an mein Angebot mein Lieber Freund, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise helfen kann, lassen Sie mich es wissen. Es ist mir wirklich ernst, sonst werden Sie mir noch zum Alkoholiker“. Dann verließ er den Raum.

„Wie soll ich denn das verstehen“? Die Frau des Wirtes sah ihn bei ihrer Frage mit großen Augen an. „Was will dieser Mann von Dir, wer ist er überhaupt und was für Sorgen hat er gemeint“?

Nikolas wollte seine Frau nicht belügen, und so erzählte er ihr, als der letzte Gast den Raum verlassen hatte, die ganze Geschichte.

„Aber was sollte er damit bezwecken? Woher willst Du überhaupt wissen, dass er es war? Hast Du ihn gesehen“?

„Fragen über Fragen. Das ihr Frauen nicht einmal die Dinge klar kombinieren könnt. Wer sollte es denn sonst sein? Schau ihn Dir doch bloß einmal an. Er strahlt doch das Böse förmlich aus“. Nikolas schien außer sich vor Zorn, warum hatte seine Frau niemals Vertrauen zu seinen Gefühlen?

Es sollte aber nicht zum Streit kommen. Im Grunde wussten die beiden ja was sie aneinander hatten. So machten sie sich gemeinsam an die Arbeit und bereiteten die Gaststube für das Mittagsmal vor. Obwohl sie beide ein eingespieltes Team waren, war die Arbeit anstrengend, aber nach zweieinhalb Stunden war es geschafft.

Das Ehepaar des Gasthofes wollte sich nun für eine halbe Stunde in ihr privates Häuschen begeben um ein wenig auszuruhen.

Sie überquerten den Hof des Busbahnhofes, überschritten die Wiese, öffneten das Gartentor des kleinen Zaunes und begaben sich zur Haustür. Sie wollten nur für einen kurzen Augenblick abliegen und die Ruhe genießen, als beide plötzlich wie angewurzelt stehen blieben. Ihre Augen waren weit aufgerissen als hätten sie gerade einen Geist gesehen. Keiner von beiden brachte in diesem Moment auch nur ein Wort heraus. Das Entsetzen stand in ihren Gesichtern geschrieben.

Vor ihrer Haustür lagen zwei schwarze Hühnerfedern gekreuzt. Sie schienen von dem Huhn zu sein, welches Nikolas am Morgen in der Küche enthauptet gefunden hatte.

Aber das sollte noch lange nicht alles sein, ganz im Gegenteil, der Schreck sollte noch größer werden.

Die Frau von Nikolas hob die Federn auf und warf diese auf den Kompost. Dann kehrte sie zu ihrem Mann zurück und sie schlossen schweigend und gemeinsam die Haustür auf.

Ein Schrei kam aus dem Mund der Frau. Im Gang des Einganges im Inneren des Hauses lag eine weitere schwarze Hühnerfeder.

Die beiden Eheleute standen wie vom Blitz gerührt. Hier hörte jeder Scherz auf. Selbst wenn es sich wirklich nur um einen sehr makaberen Ulk gehandelt haben sollte, oder wenn jemand, aus irgendeinem Grund, Nikolas Angst einjagen wollte, hier ging dieser Unbekannte zu weit.

Im gleichen Augenblick wurde dem Gastwirt auch bewusst, dass jener Unbekannte in das verschlossene Haus eingedrungen ist, und dass ohne eine Spur zu hinterlassen. Allerdings sagte er seiner Frau nichts von dem Gedanken. Er wollte ihr nicht noch mehr Angst einflößen, als sie ohnehin bereits hatte. Aber es war ihm durchaus klar geworden, dass er jetzt unverzüglich Handeln musste. Dies hier war kein Spaß mehr, jenes Ereignis war der teilweise Anfang eines sehr gefährlichen Spieles, dessen Ausgang er gar nicht erst in Erwägung ziehen wollte.  

Diesmal ging Nikolas in die Wohnung voraus und hob die Feder auf. Dabei sprach er kein Wort. Auch hielt er jene Feder verdeckt um diese zu entsorgen, um so wenig wie nur möglich seine Frau damit zu belasten.

Dann betraten beide endgültig das Haus. Der Gasthofbesitzer hatte dabei weder Angst noch Bedenken. Er war sich sicher, dass jener Täter nicht mehr im Haus war und, dass es auch keine weiteren unangenehme Überraschungen geben würde.

Dies war nur das Vorspiel des großen Unbekannten. Es glich dem Spiel einer Katze, welche eine Maus gefangen hat und sich ihrer sicher war. Ebenso sicher war er sich aber auch über die Tatsache, dass nach diesem Vorspiel der eigentliche Auftritt noch bevorstand. Fraglich war nur, wie lange diese Vorspiele anhalten würden in wie das eigentliche Ziel des Täters aussah. Nikolas überlegte, ja er zermarterte sich geradezu sein Gehirn, aber er konnte keinen Grund hierfür finden. Es gab keine Konkurrenz, keine Feinde und er hatte auch niemals im Leben jemanden etwas Schlechtes angetan. Seine Frau kannte er fast seit seine Kindheit. Auch auf sie konnte man es nicht abgesehen haben, jedenfalls gab es keinen ersichtlichen Grund.

Auf jeden Fall war es mit der vormittäglichen Ruhe vorbei. Die beiden legten sich auf ihr Bett, sprachen aber kein Wort miteinander. Jeder wollte Rücksicht auf den anderen nehmen. Auch brachte es keiner der beiden zustande die Augen zu schließen. Nicht wirklich aus Angst, aber es war schon eine außergewöhnliche Situation.

Immer wieder dachte Nikolas daran, dass er so schnell wie nur möglich etwas unternehmen müsste, nur was. Die Polizei wollte er noch lange nicht hinzuziehen. Die würden nur unnötigen Staub aufwirbeln und am Ende sein Image schaden.  

Wenn er doch nur den Grund für dieses ganze Szenarium kennen würde, dann könnte man jener Person vielleicht eine Falle stellen, aber er stand mit leeren Händen da. Er konnte mit Recht behaupten, wirklich nichts zu wissen.

Über das ganze Nachdenken hatten die beiden die Zeit vollkommen vergessen. Es war bereits Mittag und die ersten Gäste würden sich sicherlich bereits wundern was wohl geschehen ist.

Schnell sprangen die beiden hoch und eilten zum Gasthof hinüber. Es war nur gut, dass sie bereits die gesamte Vorarbeit erledigt hatten. Ohne nachzudenken begab sich die Frau sofort in die Küche. Nikolas begab sich in die Gaststube, die schon sehr gut besetzt war, um die ersten Bestellungen aufzunehmen. Auch Samuel war bereits an seinem Tisch und las eine der Zeitungen, welche zu diesem Zweck an der Wand, gleich neben der Garderobe hangen. Er wirkte, ganz im Gegensatz zu Nikolas, entspannt und dennoch sah man ihm eine gewisse Aufmerksamkeit an. Es war eine ganz besondere Art von Aufmerksamkeit, die mit den normalen Interessen nichts zu tun hatte.

Der Gastwirt nahm seine ersten Bestellungen auf und verschwand darauf sofort in der Küche. Gleich darauf kam er zurück und jene Prozedur wiederholte sich. So ging es hintereinander. Zwischendurch brachte er die bestellte Ware an die zuständigen Tische.

Nach ungefähr 15 Minuten kam er auch zu Samuel an den Tisch.

„Ich muss mich für die heutige Hektik entschuldigen, aber dieser Tag ist wohl nicht der Meine, ein einziges Durcheinander“, bemerkte er als eine Art der Entschuldigung.

„Aber ich bitte Sie, mein lieber Freund, Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen. Jeder hat mal einen nicht so guten Tag“. Er lächelte Nikolas freundlich dabei an.

Was für ein Schauspieler, dachte der Wirt. Wenn ich es nicht besser zu Wissen glaubte, so würde ich wahrlich annehmen, dass dieses Lächeln ehrlich gemeint war, genau wie seine Worte.

Für den Bruchteil eines Augenblickes spielte er sogar mit dem Gedanken, an seinem Verdacht zu zweifeln. Doch im selben Moment wurde er sich der Situation wieder im Klaren. Er durfte keinen Fehler machen. Es lastete eine große Verantwortung auf seine Schultern. Eine Verantwortung, welche unter Umständen sogar über Leben und Tod entscheiden könnte.  

Aber diese Begegnung hatte auch ihre gute Seite. Es war jener leichtsinnige Gedanke, der ihn eigentlich auf eine perfekte Idee brachte. Es war zwar ein Spiel mit dem Feuer, aber was blieb ihm anderes übrig, er hatte keine bessere Wahl.

Umso mehr er darüber nachdachte, umso mehr war er von der Genialität seines Planes überzeugt.

Was wäre, wenn er sich jenem Samuel anvertrauen würde? Hatte Samuel nicht selbst zu ihm gesagt, dass er, wenn er Hilfe brauche, sich jederzeit an ihn wenden könne? Warum sollte man seinen möglichen Feind nicht zu einem Freund machen? Er würde sich so in Sicherheit wiegen und mit angrenzender Sicherheit schon bald einen Fehler machen.

So wollte er, Nikolas, die Sache angehen.

Die Mittagszeit verlief ohne weitere Zwischenfälle. Gegen etwa 14:00 Uhr hatten so gut wie alle Gäste die Gaststube des Hofes verlassen. Draußen jedoch ging das geschäftige Treiben ohne Unterbrechung weiter. Busse sowie deren Fahrgäste kamen und gingen. Es war ein stetiges hin und her.

Nur Samuel war noch in dem Speisezimmer bzw. der Gaststube anwesend. Es machte den Anschein, als würde er seine Zeitung vertieft weiterlesen. Wer ihn aber etwas besser kannte und genau beobachtete erkannte, dass er in Wirklichkeit sein Umfeld ganz genau beobachtete. Man hatte das Gefühl, als würde ihm nichts entgehen.

Jetzt sah Nikolas seine Gelegenheit gekommen. So nahm er all seine Kraft zusammen und begab sich an den Tisch des mysteriösen Herrn Diestel.

„Sie werden entschuldigen“, begann er mit seiner Rede. „Darf ich Sie zu einem Verdauungskaffee oder einen guten Brandwein einladen? Ich will ganz ehrlich sein. Diese Einladung hat einen Hintergrund, der mir nicht leicht zu erklären fällt.

Sie habe einmal gesagt, dass wenn ich ihre Hilfe gebrauchen könnte, diese jederzeit in Anspruch nehmen kann. Es ist im Grunde vielleicht nichts besonderes, dennoch würde ich gern Ihre Meinung dazu hören. Wenn es Ihnen jedoch nicht recht ist, so wäre das auch in Ordnung“.

„Aber nein mein Lieber, ganz im Gegenteil, Ihr Vertrauen ehrt mich zutiefst“, bemerkte Samuel und machte dabei einen sehr interessierten Eindruck.

Während Nikolas für jeden der beiden einen Kaffee und einen Brandwein holten, faltete Samuel seine Zeitung sorgsam zusammen und wartete geduldig, bis sich Nikolas zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.

„Was kann ich für Sie tun, oder besser gesagt, wie kann ich Ihnen helfen“? fragte Samuel und wollte damit dem Wirt etwas Mut machen.

Nikolas erhob sein Glas mit dem Brandwein du lehrte dieses darauf mit einem Zug. Darauf seufzte er tief und begann etwas zögerlich jene merkwürdige Geschichte zu erzählen. Es versteht sich von selbst, dass er hierbei nicht im Geringsten erwähnte, dass er jenen Samuel, der ihm gerade zuhörte, damit in Verbindung brachte. So berichtete er die gesamte Angelegenheit, beginnend mit dem Huhn und dessen Kopf, bis hin zu den Federn. Auch ließ er die eine Feder nicht aus, die er in seinen privaten Räumen, welche verschlossen waren und zu denen nur er und seine Frau Zutritt hatten, aufgefunden hatte. Diese Sache machte ihm schließlich die größten Sorgen. Wenn ein Fremder, ohne sein Wissen oder seine Zustimmung, sich Zutritt zu seinen verschlossenen Räumen verschaffen konnte, sogar in einer Weise, die keine Spuren hinterlassen hatte.

 Samuel hörte genau zu. Er unterbrach Nikolas nicht ein einziges Mal. Nur an seinem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, dass er an bestimmten Stellen sehr ernst und überrascht wirkte.

Entweder war er ein außergewöhnlich guter Schauspieler, oder er hatte wirklich nicht das Geringste mit dieser ganzen Geschichte zu tun, dachte Nikolas so bei sich. Langsam kamen ihm selbst Zweifel, ob er diesem Samuel nicht Unrecht getan hatte, als er ihn verdächtigte.

 „Nun Herr Brauner, oder darf ich Nikolas sagen? Ich kann Ihre Sorge durchaus verstehen und Sie haben sicherlich Recht mit Ihren Befürchtungen. Ich selbst würde diese Angelegenheit auch nicht auf die leichte Schulter nehmen“, sagte Samuel sehr verständnisvoll.

„Worauf es jetzt in erster Linie ankommt, ist herauszufinden was der Unbekannte damit bezweckt und welche Absichten er im Gesamten hat. Wir müssen einfach versuchen seinen nächsten Schritt zu erahnen um im ein kleines Stück voraus zu sein“, schlug er weiter vor.

„Ich betrachte es als selbstverständlich, Ihnen nicht nur zu helfen, sondern in jeder möglichen Richtung zu unterstützen wo immer ich kann“.

 So langsam stieg in Nikolas ein sehr schlechtes Gewissen auf, was den Verdacht, betreff Samuels, anbelangte. Er war restlos davon überzeugt, dass er sich in diesem Mann geirrt hatte, warum auch immer.

Sie saßen zusammen und während sie ihren Kaffee tranken, diskutierten die beiden darüber, wie man nun weiter vorgehen sollte.

 „Es wäre uns eine große Hilfe, wenn Sie eine Gästeliste der letzten drei Wochen erstellen könnten. Ferner sollten Sie, unvoreingenommen aber doch sehr realistisch genau, überlegen, ob es in der letzten Zeit irgendwelche Merkwürdigkeiten hier auf dem Hof gegeben hat. Sie sollten dies mit Ihrer Frau zusammen tun, zwei Menschen ergänzen sich in der Erinnerung. Wir können uns auch am Abend gemeinsam zusammensetzen und die letzten drei Wochen in Gedanken durchgehen. Schließlich gibt es für alles was der Mensch macht einen Grund oder Anlass. Dabei ist es vollkommen gleich, ob wir diesen verstehen oder nicht. Wenn er für den ausführenden Menschen einen Sinn ergibt ist die Tat für diesen legitim und nur darauf kommt es an. Diese Tatsache macht jene Angelegenheiten ja so kompliziert. Aber nun reden Sie erst einmal mit Ihrer Frau darüber und machen Sie sich nicht allzu große Sorgen, wir werden schon Licht in das Dunkel bringen, dass verspreche ich Ihnen“.

 Für einen Moment glaubte Nikolas, er hätte sich mit einem Polizisten der gehobenen Klasse unterhalten. Wer mag dieser Samuel wohl sein, und was macht er ausgerechnet hier auf dem Hof? Es mag viele Orte geben, welche sich weitaus besser für einen Kurzurlaub eignen. Dieser Mann gab viele Rätsel auf, aber Nikolas war nun doch froh, dass er mit ihm gesprochen hatte. Was hätte er wohl allein anfangen sollen?

 Nach einer Weile erhob sich jener Samuel und bemerkte: „Ich habe da eine Idee. Ich werde mich einmal ein wenig in der Umgebung sowie auf dem Hof umsehen. Sie könnten ja, wenn Sie die Zeit dazu finden, einmal über die letzen drei Wochen nachdenken und vielleicht ein paar Notizen hierzu machen“. Er lächelte Nikolas an und sagte noch beim Verlassen des Raumes: „Keine Angst, es wird sich schon alles klären. Im Übrigen, ich würde mich über ein „Du und Samuel“ als Anrede genauso freuen wie über einen guten alten Brandwein“. Dann zwinkerte er noch mit dem einen Auge und verließ die Gaststube.

 Nikolas dachte noch einen Augenblick darüber nach, wie schnell man sich doch in einem Menschen irren konnte. Er konnte nicht erklären warum, aber er fühlte sich jetzt nicht nur wohler sondern auch zuversichtlicher und sicherer. Er war fest davon überzeugt, dass sich alles zum Guten wenden würde. Dann ging auch er aus der Gaststube um seine Frau von dem Gespräch und den Abmachungen mit Samuel zu unterrichten.

Als er mit seiner Frau, welche sich gerade in der Küche befand, darüber redete, machte auch sie einen erleichterten Eindruck. Es hatte den Anschein, als könne man erkennen, wie eine sehr große Lasst von ihr abfiel. Auch sie war sich sicher, dass ihr Mann das Richtige getan hatte.

 

22. Kapitel

 

 

Täuschung oder berechtigte Vermutung

 

           Der Nachmittag verlief sehr hektisch. Es war nicht wirklich ein Tag wie man sich einen solchen wünscht. Nikolas der Gastwirt verrichtete seine Arbeit, konnte sich aber nur schwer auf diese konzentrieren, was auch nicht weiter verwunderlich war. Immer wieder Beobachtete er die Gäste und wusste dabei nicht einmal selbst nach was er Ausschau hielt oder was er suchte. Dann versuchte er des Weiteren jene letzten drei Wochen im Geist zu rekonstruieren, was auch keine leichte Aufgabe war. Zwischendurch hatte er immer wieder Augenblicke, wo er dachte, wozu er dies hier alles machte. Am liebsten wäre er in diesen Momenten davongelaufen, aber wohin.

Eines war jedoch wie immer. Es war die Zeit. Für sie gab es keine Unterschiede oder Gefühlsebenen, sie verlief immer im gleichen Rhythmus. So rückte auch an diesem Tag der Abend immer näher und Nikolas musste zusehen, dass er seine Arbeit schaffte. So war er zunehmend immer mehr mit seiner Arbeit beschäftigt und kam nur noch selten zum Nachdenken.

Irgendwann war es dann soweit und die Zeit zum Abendessen war gekommen. Nikolas wusste nicht wie er und seine Frau es geschafft hatten, aber es war alles zum richtigen Zeitpunkt fertig, und dass in einer wunderbaren Vollkommenheit die man nur bewundern konnte.

Ohne dass man sich darüber überhaupt bewusst geworden wurde, war es bereits 18:30 Uhr und die ersten Gäste betraten, so wie immer, mit viel und lautem Gerede, die Gaststube.

Der Wirt begann das Abendessen zu servieren und kümmerte sich dabei noch um die Getränke. Er hatte seine Sorgen vollkommen verdrängt, da er in jeder Hinsicht keine Zeit dafür gehabt hatte.

Es viel ihm am heutigen Tag ohnehin schwer sich auf etwas zu konzentrieren. Er war nicht fähig auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen.

Was ihm allerdings doch noch auffiel, war die Tatsache, dass, obwohl es bereits die 19:00 Uhr schon weit überschritten hatte, Samuel noch immer nicht erschienen war. Er war sonst immer einer der Ersten. Nikolas machte sich ernsthafte Sorgen, dass Samuel etwas zugestoßen sein könnte. Wollte er sich nicht umschauen? Letztlich wusste der Wirt nicht das Geringste über Samuel, weder wer er war noch was er hier wollte. Sollte sich es hierbei wirklich um einen Zufall handeln oder steckte mehr hinter der ganzen Angelegenheit als er annahm.

Es war kurz vor 20:00 Uhr und die meisten Gäste waren bereits gegangen. Nur noch einige hielten sich bei einem Getränk in der Gaststube auf. Als die Tür zu jenem Raum sich öffnete und Samuel heil und gesund hineinkam, fiel Nikolas im wahrsten Sinne des Wortes ein Stein vom Herzen. Am liebsten hätte er vor Freude einen Luftsprung gemacht, konnte aber seine Gefühle unterdrücken. So merkte man dem Wirt nichts an. Dieser konnte sich wiederum nicht erklären warum er für diesen fremden Menschen so viel empfand, wo er ihn doch zuvor noch sonst etwas hätte wünschen können. Soweit er sich auch zurückerinnerte, es gab zuvor keinen Menschen (seine Frau und auch seine Eltern usw.) in seinem Leben, dem er derartige Gefühle entgegengebracht hatte. Aber jetzt hatte er ohnehin keine Lust darüber nachzudenken. Er war erleichtert und genoss ganz einfach seine Freude.

Schon vom Weiten winkte er Samuel zu und dieser begab sich auch auf direktem Wege und ohne Umschweife zu seinem angestammten Tischplatz wo Nikolas bereits wartete.

Fast könnte man die darauffolgende Begrüßung als herzlich bezeichnen, wenn es sich hier nicht um erwachsene Männer gehandelt hätte.

„Ich hatte mir bereits Sorgen um Dich gemacht, was war geschehen, dass Du erst jetzt aufgetaucht bist“, fragte der Wirt jenen fremden Gast von dem er eigentlich gar nichts wusste.

„Da fühle ich mich aber wirklich gerührt“, antwortete Samuel. Er setze sich an den Tisch und bat den Wirt erst einmal um ein großes Bier.

Ohne weiter nachzufragen eilte Nikolas los und holte Samuel sein Bier. Mit einem großen Schluck löschte dieser erst einmal seinen Durst um dann seinen Bericht vorzutragen.

„Du glaubst gar nicht was mir alles wiederfahren ist. Ich sagte doch am Mittag noch, ich werde mich ein wenig umschauen. Nun, aus dem wenig ist dann aber, bedingt durch viele Zusammenhänge aber sehr viel mehr geworden. Also, zuerst habe ich mir einmal Deinen Hof betrachtet. Im Übrigen ist dies wirklich ein sehr schönes und ich glaube auch sehr wertvolles Anwesen. Dann habe ich mit den einen und anderen der Bedienstete sowie der Gäste, die bereits mehrmals hier gewesen sind, unterhalten. Keine Angst, es war eine eher lockere Plauderei, bei der ich jedoch einiges in Erfahrung bringen konnte. Darauf entschloss ich mich direkt in die Ortschaft zu gehen. Dort suchte ich die drei Gasthöfe auf, welche sich dort befinden. In dem einen hatte ich Glück. Es war jener Gasthof, indem sich noch der sogenannte alte, harte Kern dieser Gegend befindet. Menschen die, auf Grund ihres Alters, von der guten alten Zeit leben. Das bedeutet, sie kennen sich mit der Geschichte des Ortes recht gut aus. Denen schloss ich mich an, und nach der dritten Einstiegsrunde wurde ich anerkannt und die Leute begannen so einiges zu berichten. Natürlich kann man nicht alles für bare Münze nehmen, da jeder die beste Geschichte kennen möchte, aber es war eine wahre Fundgrube. Wenn auch nur in Form von Bruchstücken, so kann ich doch behaupten, dass ich gut und gern die letzten sechshundert Jahre des Ortes kennengelernt habe. Ich wollte zuerst überhaupt nicht glauben, dass Dein Hof eine solch spannende Geschichte aufzuweisen hat. Scheinbar hat es hier schon immer eine gewisse Art von Ärger gegeben. Wusstest Du eigentlich, dass dieser Hof verflucht ist? Ja, ehrlich, und damit hat sogar alles angefangen. Dieser Hof hat sogar im Laufe der Zeit einigen Menschen ihr Leben gekostet, und dass waren nicht gerade wenige. Selbst bis tief hinein in die Nachbarortschaften hatte dieses Anwesen seine Auswirkungen getragen. Ich kann nur sagen, im Augenblick wundert mich überhaupt nichts mehr“.

Nun machte Samuel erst einmal eine Redepause, lächelte Nikolas stolz an und trank noch einen großen Schluck aus seinem Glas.

„Nun, es gab immer viel Gerede um diesen Hof, nur habe ich mich nie wirklich darum gekümmert. Schließlich weiß man doch wie die Leute auf dem Land reden. So kann ich also mit Recht behaupten, so gut wie nichts über diesen Hof zu wissen, zumindest keine Geschichte vor meiner Zeit. Wenn ich ehrlich bin, so hat mich dies auch nie interessiert“, erwiderte der Wirt. „Aber ich bin mir schon sicher, dass sich so manche Spukgeschichte um dieses Anwesen rangt“.

Samuel berichte von dem Fluch und wie dieser zustande gekommen ist, sowie auch von den Morden und der umstrittenen Aufklärung.

Leider haben all diese vielen Geschichten, im Laufe der Zeit, einen ganz anderen Charakter bekommen. Ein genauer Verlauf jener Geschichten war also nicht mehr möglich, dafür hatten die Zeit, sowie die Phantasie der Leute gesorgt.

„Wir befinden uns so gesehen so gut wie am Anfang“, betonte Samuel. „Wir müssen nach einem anderen Weg suchen. Alles noch einmal von vorn aufrollen und dabei jeden unter Verdacht nehmen, der sich in der letzten Zeit hier aufgehalten hat oder noch aufhält. Das Motiv ist das wichtigste Detail für einen Anfang unserer Ermittlungen“.

In diesem Punkt waren sich Nikolas wie auch Samuel einig. Nikolas wollte noch einmal die Gästeliste der letzten drei Monate auf eventuelle Auffälligkeiten durchgehen und Samuel beschränkte sich intensiv auf jene Leute, die sich zur Zeit hier aufhielten. Samuel war sich sicher, dass nichts ohne einen Grund geschah. Es musste einen Zusammenhang zwischen jetzt und der alten Geschichte bestehen, doch welcher?

An diesem Abend gab es zwischen den beiden nur das eine Thema. Erst gegen 23:00 Uhr trennten sich die zwei Männer und begaben sich zu Bett.

Es war nicht nur für die beiden sondern auch für die Frau von Nikolas eine recht unruhige Nacht, bis endlich für das Gastwirtehepaar gegen 05:00 Uhr der Morgen und damit ein neuer Tag anbrach.

Der Tag verlief wie jeder andere zuvor. Auch fand Nikolas, bei seinen Vorbereitungen zum Frühstück, keine Zeit zum Nachdenken. Er hatte sich jedoch vorgenommen, gleich nach dieser Arbeit, jene Gästelisten durchzugehen.

Das Frühstück selbst verging wie im Flug. Keiner der beiden Männer konnte sagen, ob es nun wirklich so kurz war, oder ihnen die Zeit nur so schnell vergänglich erschien.

Als, so etwa gegen 11:00 Uhr das Frühstück beendet war und alle Gäste die Gaststube verlassen hatten, setzten sich Nikolas und Samuel zusammen.

Diesmal war auch die Frau von Nikolas, deren Name „Erika Brauner“ war, mit dabei. Sie hatte ihrem Mann gesagt, dass es für sie unerträglich wäre, von all den Geschehnissen nichts zu wissen. Auch sie hätte schließlich das Recht zu erfahren, worum es hier eigentlich ging. Ein Argument, dem Nikolas, ihr Gatte, nichts entgegenzusetzen hatte. Samuel begrüßte diese Entscheidung mit den Worten: „Drei Gehirne und sechs Augen sowie Ohren erbringen mehr als nur die, der zwei Männer. Zudem glaubte er daran, dass Frauen sowieso eine weit bessere Intuition hatten als Männer.

Nikolas begann mit seinem Bericht als erster. Die Personen, welche diesen Busbahnhof passierten, kamen aus aller Herren Länder. Zudem war man sosehr mit seiner eigenen Arbeit involviert, dass einem etwaige Besonderheiten der Reisenden, gleich ob diese einige Tage blieben oder noch am selben Tag weiterfuhren, nicht auffallen würden.

Dennoch, Nikolas konnte sich wage an einen Gast erinnern, der vor ca. zwei Wochen ankam und etwa zehn Tage blieb. Dann fuhr er weiter. Es wurde aber berichtet, dass man ihn auch weiterhin in der Gegend gesehen hat, bis zum heutigen Tag.

Es gab nicht außergewöhnliches an ihm zu beanstanden. Er hatte eine etwas dunkle Hautfarbe und sprach einen merkwürdigen Akzent. Woher er aber kam wusste keiner. Über die Art wie er sich aufführte kann auch keiner etwas sagen. Nur so viel, dass er sich so gut wie für alles hier interessierte. Über sich selbst hat er nicht geredet, aber er gefragt hat er viel.

Ansonsten konnte ich nichts finden. Ich glaube jedoch, dass es noch mehr derartige Menschen gibt, sie fallen einfach nicht auf.

Erika war überhaupt nicht aufgefallen. Dies war auch kein Wunder, war sie doch mehr in der Küche und den Gästezimmern, als unter den Menschen direkt.

„Nun gut“, entgegnete Samuel, „dann müssen wir jetzt eben dreimal so wachsam sein. Wir sollten uns die Arbeit aufteilen. Jeder von uns übernimmt eine bestimmte Aufgabe, um die er sich ausschließlich ganz allein kümmert. Am Abend werden wir dann immer gemeinsam Bericht erstatten“.

Samuel wollte damit verhindern, dass das Durcheinander noch größer wird und man jeglichen Überblick verliert. So wurde es dann auch beschlossen.

Samuel sollte sich in der Presse orientieren und die nahe Umgebung beobachten und nach Auffälligkeiten befragen.

Erika sollte das Gasthaus genau im Auge behalten. Das wichtigste hierbei waren die Zimmer, deren Reinigung auch zu ihren Arbeiten gehörte. Letztlich hatte sie eine Generalschlüssen für all diese Zimmer und konnte so unbemerkt während ihrer Arbeit, sich etwas genaue umsehen.

Nikolas war für alles was auf den gesamten Hof geschah verantwortlich. Für jede Person, gleich ob diese blieb oder nur umstieg. Selbst wenn sie nur ein paar Minuten oder wenige Stunden hier verweilen würde, nichts sollte ihm entgehen. Eine bestimmt nicht beneidenswerte Aufgabe.

Es war Zeit sich um das Mittagsmahl zu kümmern. Gegen Abend wollte man sich noch einmal zusammensetzen um die genauen Details zu besprechen.

Noch als man sich vom Tisch erhob, fragte Nikolas so ganz nebenbei und ohne sich dabei etwas zu denken: „Samuel, ich weiß noch immer nicht was Du für einen Beruf hast. Da ist man so vertraut miteinander und kennt den anderen so gut wie gar nicht“.

Samuel schmunzelte und antwortete Nikolas auf seine Frage: „Ich reise zwar als Journalist, bin aber in Wirklichkeit bei der Kriminalpolizei, bei einer Sonderkommission. Aber sage dies bitte nicht weiter. Ich dachte, Du hättest es bemerkt“.

Er ließ Nikolas, so verdutzt wie er dreinschaute einfach stehen und ging laut lachend davon.

Nikolas hingegen war wie versteinert. War dies nun ein Scherz oder entsprach es der Wahrheit? Erst nach einer kurzen Weile des Verarbeitens ging er hinaus auf den Hof um nach dem Rechten zu sehen. Noch immer wusste er jedoch nicht ob er dieser Antwort von Samuel Glauben schenken sollte oder nicht. Aber immerhin könnte es den Tatsachen entsprechen, wenn man bedenkt wie dieser Samuel vorging.

Dann jedoch gab es wichtigeres auf dem Hof zu tun und von den Überlegungen blieb nichts mehr übrig. Hier bei der Arbeit gab es genug an Problemen und Schwierigkeiten, die seine gesamte Aufmerksamkeit erforderten.

So dauerte es auch nicht lange und es war bereits Zeit um den Gästen das Mittagsmahl zu servieren. Alles lief wie immer. Es gab nichts, was sich von einem anderen Tag unterschieden hätte. Bis zu dem Zeitpunkt, als ein gewisser Samuel die Gaststube betrat.

Nikolas sah Samuel und ging zu seinem Tisch, an dem er platzgenommen hatte hinüber. Es fiel ihm sofort auf, dass Samuel etwas auf dem Herzen hatte, er musste etwas herausgefunden haben.

Als der Wirt an den Tisch trat um die Bestellung aufzunehmen, sah Samuel ihn sehr ernst an und bemerkte: „ Eigentlich ist mir der Appetit vergangen, dennoch werde ich etwas kleines nehmen. Wusstet Ihr eigentlich, dass Ihr auf einem unglücklichen Pulverfass Eure Zukunft aufgebaut habt“?

Nikolas der Wirt schluckte schwer. Noch bevor er jedoch weiterfragen konnte, sagte Samuel zu ihm:

„Wir werden heute Abend, wie ausgemacht darüber reden, es ist jetzt nicht die Zeit dafür“. Samuel gab seine Bestellung auf. Er war nicht jener Samuel wie Nikolas ihn zu kennen glaubte, doch was war geschehen? Es gab im Augenblick keine andere Möglichkeit, als bis zum Abend abzuwarten.

Weder Nikolas noch seine Frau Erika bemerkten wie schnell die Mittagszeit vorüberging. Gegen 15:00 Uhr lehrte sich die Gaststube wieder. Für die zwei gab es nun genug zu tun.

Samuel wandte sich an Nikolas um ihm mitzuteilen, dass er sich noch einmal in der Umgebung umsehen wolle, da ihm dort etwas aufgefallen war, was er doch noch einmal etwas genauer auf den Grund gehen wollte. Er wisse noch nicht genau wann er wieder zurück sein würde, aber bis 19:00 Uhr dürfte er es geschafft haben. Samuel verhielt sich sehr merkwürdig und geheimnisvoll. Er gab jedoch keine Auskunft darüber, welchem Geheimnis er auf der Spur war.

So verabschiedete sich Samuel und verließ auch die Gaststube. Nun war nur noch das Wirtshausehepaar anwesend. In gewisser Weise wirkten sie einsam und alleingelassen. Wenn sie doch nur wüssten, worum es bei all den Vorkommnissen ging, aber die beiden hatten nicht die geringste Ahnung, was die ganze Angelegenheit nicht gerade einfacher machte.

Während Erika, die Frau des Gastwirtes, den Nachmittag wie stets mit den Säuberungsaktionen sowie den Vorbereitungen des Abendessens verbrachte, dachte sie immer wieder an jene merkwürdigen Ereignisse. Was sollte es damit auf sich haben? Was wurde damit bezweckt? Wer hätte etwas davon und vor allem was hätte derjenige von diesen Aktionen?

Sie waren einfache und fleißige Menschen. Solange sie hier auf dem Hof lebten, hatten sie schwer gearbeitet, niemals einen Urlaub machen können und Vermögen war ihnen nicht vergönnt. Es reichte gerade so zum Leben. Ein sehr einfaches Leben, indem sie niemals einem anderen Menschen ein Leid zugefügt haben. Warum also musste ihnen so etwas zustoßen, womit hatten sie dies verdient? Das Leben war eben nicht gerecht.

Nikolas war mit der Arbeit auf dem Hof sowie der Organisation mit dem Busbahnhof beschäftigt. Es erging ihm aber nicht viel anders als seiner Frau Erika. Auch ihn quälten Gedanken gleicher Art. Der Unterschied hierbei lag eigentlich nur in der Auffassung. Er war entgegen seiner Frau sehr erbost. Hatte er sich zwar sein Leben nicht unbedingt rosig vorgestellt, so aber nicht.

Er glaubte noch an jenes Muster, dass man mit guter und ehrlicher Arbeit auch im Leben etwas Gutes erreichen kann. Es muss ja nicht unbedingt der Himmel auf Erden sein, aber etwas Gerechtigkeit sollte man doch erwarten können. Und nun so etwas, nein, dass hatten sie wirklich nicht verdient. Nach all der Arbeit und jener Bereitschaft zum Risiko, nach der ganzen Zeit der Hoffnung und des Durchhaltens, und dann sollte es so enden? Dazu war er nicht bereit. Er würde um jeden Zentimeter, um jede Lebenssekunde kämpfen. So einfach sollte es keiner mit ihm haben, gleich was da auch noch alles kommen mag.

Das Schlimmste für ihn war die Tatsache, dass er nicht wusste worum es eigentlich ging. Nichts von dem was geschehen war, konnte er sich auch nur annähernd erklären. Dieses Unwissenheit war nicht tragbar für ihn.

Obwohl ihm all diese Gedanken durch den Kopf gingen, war er augenblicklich nicht in der Lage, sich wirklich denen zu widmen. Man konnte es drehen wie man wollte, aber es gab momentan nur eine Möglichkeit mit jenen Problemen fertig zu werden, abwarten.

Samuel hingegen sah die gesamte Angelegenheit aus einer ganz anderen Perspektive. Mag es daran liegen, dass eine solche Arbeit für ihn selbstverständlich und reine Routine war, jedenfalls war er mit seinen Ermittlungen ganz und gar in seinem Element.

Keine Aufgabe, kein Weg erschien ihm zu schwer, um sein Ziel zu erreichen. So mag es letztlich vielleicht an seiner Verbissenheit liegen, dass er eine sehr wichtige Entdeckung machte.

Nicht allzu weit von dem Gasthof entfernt, in einem kleinen, verträumten Dorf, erfuhr er, dass sich hier ein Mann aufhielt, welcher genau auf die Beschreibung jenes dunkelhäutigen Mannes passte, der angeblich von dem Busbahnhof hierher weitergefahren ist.

Nun, es lagen zwischen Abfahrtsort und derzeitigem Aufenthaltsort nur knappe sieben Kilometer. Zu Fuß hätte man diese Strecken ohne besondere Anstrengung in ungefähr einer Stunde geschafft.

Wenn das kein Zufall war? Auf jeden Fall gab es genug Auffälligkeiten, welche zum Nachdenken anregten. Dies war jedoch nicht alles. Bei weiteren Erkundungen stellte sich heraus, dass dieser Mann sogar in einer verwandtschaftlichen Blutslinie mit den früheren Besitzern der ehemaligen Poststation stand. Zu der Zeit, als hier noch Pferde gewechselt wurden und an Busse noch lange nicht zu denken war.

Dieser Mann war nicht nur irgendein Tourist, er war ein direkter Nachfahre der damaligen Familie, die all das Leid ertragen musste, welches ihr wiederfahren war.

Sein Name war „Dominic Rasin“ und er wurde auf ca. dreißig Jahre vom Alter her geschätzt. Seine ursprüngliche Heimat war Süditalien, um genau zu sein, er kam aus Sizilien. Wie die genaue familiäre Verbindung war, lies sich leider nicht feststellen. Eines jedoch schien gewiss, er war ein direkter Nachfahre der damaligen „Desiree“. Es war seine Ur, Ur, Urgroßmutter.

Was jener Dominic Rasim jedoch mit dem Partner von Desiree, jenem „Christopher“ zu tun hatte blieb im Dunkel der Geschichte.

Mystiker könnten vermuten, dass es sich bei Dominic um eine Art Reinkarnation von Christopher handelte, was allerdings niemals bewiesen werden kann und somit stets als Vermutung offen bleiben wird, ganz gleich, was auch immer noch geschehen mag.

Fakt jedoch war, dass dieser Dominic etwas im Schilde führte. Was, dass musste jeder mit seiner Phantasie selbst ausmachen. Für Samuel jedoch war es so gut wie eindeutig. Es ging diesem Dominic um eine besondere Art von Rache. Es muss zu jener damaligen Zeit mehr geschehen sein, als man in Erfahrung brachte. Das Leid, worauf es hier ankam, nahm Desiree damals mit ins Grab. Samuel vermutete, dass Dominic dem wirklichen Geheimnis und damit der Wahrheit auf die Spur gekommen war. Nun brauchte er nur noch Gewissheit, dann würde er das tun, was sein Codex von ihm verlangte. Die Zeitgeschichte, welche sich dazwischen befand, spielte für Dominic in diesem Fall keine Rolle. Es ging hier einzig um Ehre und Gerechtigkeit.

Wenn dem wirklich so war, dann waren die Gastwirtsleute sowie alle anderen hier am Hof in sehr großer Gefahr. Dann saßen alle wirklich auf einem Pulverfass und die Lunte brannte bereits. Es war also nur noch eine Frage der Zeit.

Unternehmen konnte man nichts. Es gab keinerlei Beweise. Was wollte man auch beweisen solange noch nichts geschehen war und selbst dann dürfte es noch sehr schwer sein. Letztlich sprechen wir hier von einer Geschichte, die sich über mehrere hunderte von Jahre erstreckt.

Es gab, so betrachtet, nur eine Art von Schutz. Vorsicht, Beobachtung und ein rationelles, klares Denken. Eher die Dinge Überschätzen als Unterschätzen. Kurz, der einzige Schutz war die Vorsicht.

Somit hatten also alle Beteiligten an diesem Nachmittag, neben ihren Tätigkeiten, genug zu überdenken.

Eines erschien jedoch mehr als merkwürdig, auch wenn wir es bisher noch nicht einmal bemerkt haben. Es war die Frage, was für eine Rolle spielt überhaupt jener Samuel in dieser Geschichte? Ein Polizist eines Sonderkommandos, von dem man so gut wie nichts wusste, der aber genau im richtigen Augenblick vor Ort auftaucht und so mir nichts, dir nichts, ohne jede Gegenleistung einfach hilft. Wer war im Grunde dieser Mann und was beabsichtigte er?

Nur weil Samuel angeblich bei der Polizei beschäftigt war, bedeutete dies noch lange keine Garantie, dass er es gut meinte und nicht etwa selbst etwas Böses beabsichtigte.

Jeder dachte an diesem Nachmittag in seinem ganz speziellen Muster nach. Keiner fand auch nur annähernd eine Lösung. Keiner konnte, realistisch betrachtet, dem anderen vertrauen.

Es war, so betrachtet, ein unzumutbarer Zustand. Eine Situation welche selbst die stärksten Nerven blanklegte.

So zog sich die Zeit sehr zähflüssig bis zum Abend hin. Der Nachmittag und seine Stunden wollten einfach nicht vergehen.

Doch wie es im Leben so ist, hat irgendwann alle Warterei ein Ende. In diesem Fall war es auch nicht anders.

Der Abend war gekommen. In der Gaststube war alles zum Abendmahl vorbereitet und so langsam, es war gegen 19:00 Uhr, kamen die ersten Gäste und nahmen an ihren Tischen Platz. Keiner dieser Menschen ahnte etwas von den Sorgen und Belastungen, welche sich hier im engsten Kreis abspielten. Wirklich keiner?

Langsam wurde es immer lauter in dem Raum. Das Abendessen verlief wie immer ohne Zwischenfälle. Die ersten Gäste gingen bereits schon wieder, als Samuel so gegen 21:00 Uhr den Gastraum betrat. Er machte einen müden und etwas erschöpften Eindruck, wofür es allerdings auch gute Gründe hatte.

Samuel war viele Kilometer in der Gegend herumgelaufen. So gut wie fast alle naheliegenden Ortschaften hatte er aufgesucht und unermüdlich seine Ermittlungen durchgeführt. Aber es gab letztlich dafür auch eine Belohnung.

Er ging geradewegs auf den Tisch zu, an dem das Wirtsehepaar bereits wartete. Samuel setzte sich dazu und schaute in die erwartungsvollen Augen von Erika und Nikolas.

 „Es gibt eine Menge zu berichten“, begann Samuel. „Doch bevor ich mit alldem, was ich in Erfahrung bringen konnte beginne, würde ich gern zuerst etwas trinken und vielleicht noch eine Kleinigkeit essen, insofern noch etwas Essbares vorhanden ist“.

 Wie auf ein Stichwort prangen die Wirtsleute auf. Erika kümmerte sich darum, dass Samuel etwas Vernünftiges zu Essen bekam und Nikolas füllte ein großes Glas mit einem sehr vorzüglich gezapften Bier. Fast zur gleichen Zeit erschienen beide wieder am Tisch.

Samuel bedankte sich herzlich und begann erst einmal mit dem Essen. Man konnte ihm förmlich ansehen, dass er einen gesunden Appetit hatte, wofür er sich auch entschuldigte. Als er sein Abendessen beendet hatte und den Rest noch mit einem Schluck des Bieres herunter gespült hatte, begann er seine Erlebnisse zu berichten. Eine Überraschung folgte der anderen. Es wollte nicht aufhören. Immer wenn man glaubte, den Höhepunkt der Spannung erreicht zu haben, kam es noch spannender.

Samuel berichtete über wirklich alles. Ganz gleich ob es sich um die Familienangelegenheiten, um Desiree oder Christopher handelte, ob es um den mysteriösen Mann ging, von dem angeblich keiner etwas wusste bis hin zu den verrücktesten Spekulationen sowie möglichen Tatmotiven. Samuel ließ nicht eine Kleinigkeit aus. Auch die Tatsache, dass sich das Ehepaar womöglich in großer Gefahr befinden könnte, brachte er zur Sprache. Die beiden waren zwar nicht gerade erbaut über diese Nachricht, aber sie wollten auch die Sache zu Ende bringen, schließlich hatten sie nicht ihr ganzes Leben dafür geschafft um jetzt aufzugeben.

Auch erfuhren sie, dass der junge Mann aus Sizilien stammte und es sich möglicher Weise um eine Art von Ehrencodex handelte. Was dies zu bedeuten hatte, wusste jedoch keiner.

Nachdem Samuel seinen Ausfertigungen beendet hatte, herrschte erst einmal für eine kurze Weile Stillschweigen an dem Tisch.

 Nikolas war der erste, welcher seine Worte wiederfand und auch dementsprechend etwas sagte. Es war allerdings mehr eine Frage, eine Frage die sich an Samuel als Kommissar wandte.

 „Wenn ich Dir einmal eine Frage stellen dürfte, dann versteh dies bitte nicht verkehrt. Ich habe mich seit gestern gefragt, was Dich hierher verschlagen hat. Ich glaube weder, dass es sich hierbei um einen Zufall handelt, noch dürfte es ein Gefüge des Schicksals sein. Ich glaube vielmehr, dass Dein Erscheinen etwas mit dieser ganzen Angelegenheit etwas zu tun hat. Daher bitte ich Dich, mir meine Frage wirklich ganz ehrlich zu beantworten. Warum also bist Du hier? Hat dies etwas mit unserer ganzen Angelegenheit zu tun oder ist es etwas Anderes? Wenn es nichts mit unserem Problem in Zusammenhang steht, so will ich auch nicht den Grund wissen. Wenn es sich aber um uns handelt, so glaube ich das Recht zu haben, etwas darüber zu erfahren. Ich könnte verstehen, wenn Du darüber nicht reden kannst oder vielleicht noch nicht willst, aber sage mit nur ob es unseretwegen ist oder nicht, bitte“.

 Samuel sah Nikolas lange schweigend direkt in die Augen. Man konnte erkennen wie er überlegte. Dann aber atmete er einmal tief durch und erklärte Nikolas die Situation soweit er dies für verträglich hielt.

 „Es ist so“, begann er, „ich bin genau wegen dieser Angelegenheit hier. Vor langer Zeit sind schon einmal einige Morde geschehen, deren Spur allesamt hierherführte. Jene Frau namens Desiree und ihr Begleiter Christopher übernahmen damals die Verantwortung für all das Geschehen und begangen noch bei dem Geständnis, hier im damaligen Gästeheus Selbstmord. Damit schien der Fall geschlossen zu sein, zudem seither nichts mehr geschah.

Alles basierte auf furchtbare Taten die sehr, sehr lange Zeit zurücklagen. Es hieß, dass ein Fluch aus jener Zeit auf diesem Hof liegt und die gesamten Geschehnisse verursacht hatte. Viele der alten Bewohner, welche in den naheliegenden Ortschaften leben, glauben im Fall noch immer an diesen Fluch und seine Wirkung. Nun, dass muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich zählen allerdings nur Fakten, nachweisliche Geschehnisse und ihre Auswirkungen, welche völlig real sind.

Es begann vor etwa zwei Jahren, als sich recht merkwürdige Dinge ereigneten, welche ausnahmslos hier ihren Ursprung zu haben schienen. Du wirst verstehen, dass ich zur Zeit nicht darüber reden will noch kann. Fast zwei Jahre lang beobachteten wir die Ereignisse in der Hoffnung auf eine brauchbare Spur zu stoßen, aber alle Wege führten stets an diesen Ort. So entschloss ich mich kürzlich, selbst hierher zukommen um nach dem Rechten zu sehen und ich bin jetzt fast davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war.

Mehr kann ich Dir im Augenblick leider nicht sagen. Ich kann Dich und Deine Frau nur bitten, mir zu vertrauen. Wenn sich alles geklärt hat oder ich mehr darüber berichten kann, so werdet Ihr die ersten sein, die davon erfahren, dass verspreche ich Euch“.

 Damit beendete Samuel seine Antwort gegenüber dem Ehepaar Brauner. Nikolas bedankte sich bei dem Kommissar für seine Aufrichtigkeit und betonte extra, dass er Samuel in jeder Hinsicht, wo er nur kann, unterstützen werde.

„Was hast Du aber nun als nächstes vor“, fragte Nikolas den Kommissar.

 „Ich habe in gewisser Weise schon daran gedacht, direkt zu jenem „Dominic Rasin“ zu gehen und diesen Menschen auf den Kopf zu fragen, was seine Anwesenheit hier in dieser Gegend zu bedeuten hat. Zudem werde ich eine Ermittlung einleiten, um herauszufinden um wen es sich in Wirklichkeit bei diesem Mann handelt und womit er eigentlich seinen Lebensunterhalt bestreitet. Letztlich hat jeder Mensch eine Vergangenheit und seine würde mich brennend interessieren“.

 Es war bereits nach 23:00 Uhr, als dieses Trio mit der gemeinsamen Aussprache an diesem Punkt angelangt war. Diese Tatsache führte doch zu einem kleinen Schreck, wie schnell die Zeit doch vergehen konnte. Keiner jener drei Gesprächspartner hätte es im Augenblick für möglich gehalten, dass der Tag bereits so gut wie zu Ende war.

Im Angesicht dieser Erkenntnis entschloss man sich doch das Gespräch an dieser Stelle abzubrechen und es am morgigen Tag weiterzuführen. Vielleicht gab es bis dahin auch noch weitere neue Erkenntnisse. So hoffte man der Wahrheit, Stück für Stück entgegenzukommen.

 Während sich Samuel auf sein Zimmer begab um ins Bett zu gehen, hatte das Wirtsehepaar noch die Räumlichkeiten aufzuräumen und für das morgendliche Frühstück vorzubereiten. Diese Arbeit hörte sich zwar nach viel Aufwand an, war aber im Grunde keine große Angelegenheit. Wenn es lange dauern würde, so könnte es etwa eine Stunde in Anspruch nehmen. Dann würden auch Erika und Nikolas im Bett liegen und für einen kurzen Augenblick in Reich der Träume entfliehen können.

 Der kurze aber intensive Aufschrei, der im nächsten Moment die Luft in der Gaststube zerriss, kam von Erika. Nikolas, der sofort alles fallen ließ und sich nach ihr umsah, entdeckte eine Frau die vor Schreck mit weit aufgerissenen Augen und völlig erblasst dastand. Man hätte glauben können, sie habe dem Tod persönlich gegenübergestanden. Ihr gesamter Körper zitterte und, obwohl sie etwas zu sagen versuchte bekam sie kein Wort heraus. Es schien, als hätte sie vor Schreck ihre Stimme verloren. Ihre zitternde Hand zeigte zum dem einen Fenster hin, an dem jener Tisch stand, woran Samuel und die zwei Wirtsleute stets saßen. Als wolle Erika ihrem Mann etwas zeigen, nur leider konnte sie kein Wort der Erklärung dazu herausbringen. Als Nikolas zu jenen Fenster hinübersah, hatte er das Gefühl noch eine Bewegung wahrzunehmen, erkennen konnte er aber nichts.

Ohne auch nur im Geringsten darüber nachzudenken, ließ er alles, was er gerade in den Händen hatte fallen, ergriff das erstbeste Messer welches noch an den Tischen lag und eilte zur Tür hinaus ins Freie.

Zwischen den, sich etwas entfernt befindlichen Büschen und Bäumen, konnte man noch eine schattenhafte Bewegung erkennen, welche sich jedoch entfernte. Diesem unbekannten Etwas in der Dunkelheit der Nacht nachzustellen wäre mehr als nur unklug gewesen. Zudem wollte Nikolas seine Frau nicht allein zurücklassen, was auch der Vernunft entsprach.

So kehrte er zurück in die Gaststube und setzte sich mit seiner Frau erst einmal an einen Tisch, der sich ausnahmsweise nicht in der Nähe eines Fensters befand.

 „Komm erst einmal wieder auf den Boden“, sagte er leise und zärtlich zu seiner Frau. Dabei nahm er sie vorsichtig in den Arm. Sie zitterte noch am ganzen Körper, hatte sich aber schon wieder etwas gefangen und auch ihre Stimme hatte den Weg zu ihr zurückgefunden.

Für einige Minuten herrschte noch ein beruhigendes Schweigen. Dann aber wendeten sich Nikolas an seine Frau.

 „Was hat Dich so sehr erschreckt? Was hast Du hinter diesem Fenster gesehen? Bitte werde erst einmal ruhiger und versuche mir dann zu erklären was gerade geschehen ist. Ich selbst habe auch etwas davon wahrnehmen können. Konnte aber leider nicht ausmachen, um was es sich dabei handelte. Ich glaube, dass gerade dies sehr wichtig ist. Es wäre also gut, wenn Du Dich daran erinnern könntest. Bitte lass Dir Zeit und denke in Ruhe darüber nach. Die kleinste Information könnte von großer Wichtigkeit sein“.

 So sehr die Frau auch über das Geschehende nachdachte, sie konnte im Augenblick nur bestätigen, etwas oder jemanden am Fenster gesehen zu haben. Mehr war ihr momentan nicht möglich.

Dabei verlief die Zeit gnadenlos. Nikolas schickte seine Frau ins Bett und meinte, den Rest hier noch schnell selbst zu machen. Es sei ohnehin nichtmehr viel und der Morgen war bereits sehr nahe, so dass an ein Ausschlafen sowieso nicht zu denken war.

Erika nahm das Angebot von Nikolas gern an. Sie war müde und wollte nach all den Schrecken nur noch schlafen, schlafen und Ruhe finden.

Damit endete der Tag und man konnte nur hoffen, morgen mehr in Erfahrung zu bringen. In jedem Fall war sich Nikolas darüber im Klaren, sofort morgen beim Frühstück, Samuel von jenen Ereignissen in Kenntnis zu setzen.

 

 

23. Kapitel

 

Ein Licht am Horizont

 

           Es war nicht nur eine unruhige, sondern unmögliche Nacht. Wie sehr man sich auch bemühte, es war so gut wie unmöglich Schlaf zu finden.

Aus diesem Grund stand man auch schon sehr früh auf. Wenn man schon nicht schlafen konnte, so könnte man auch mit der ohnehin notwendigen Arbeit beginnen. Zudem fieberte man dem Augenblick nach, an dem es zu einer Aussprache mit Samuel kam.

Aber wie es nun einmal im Leben so ist, jetzt wollte die Zeit nicht vergehen. Obwohl man sich mit der Arbeit abzulenken versuchte, die Stunden schlichen dahin. Jede Minute wurde zur Qual. Es hatte den Anschein, als wäre die Uhr stehen geblieben.

Nikolas war zuerst in der Gaststube um alles vorzubereiten und fertigzustellen. Er wollte seine Frau, nach dem gestrigen Vorfällen, noch ein wenig ausschlafen lassen. Doch es sollte nicht lang dauern und auch Erika erschien. Ihr ging es nicht anders als ihrem Mann.

Man sprach extra noch nicht über jene Erlebnisse. Erst wollte man den Tag, wie jeden anderen beginnen lassen. Zudem war Samuel auch noch nicht aufgetaucht.

Dann war es endlich soweit. Auch das längste Warten hat einmal sein Ende.

Die Zeit zum Frühstück war gekommen und die ersten Gäste betraten die Gaststube. Eigenartiger Weise war auch Samuel bereits auf den Beinen und mit bei den ersten, welche die Gaststube betraten. Der Kommissar nahm an seinem Tisch Platz, und Nikolas eilte als erstes zu ihm. Er nahm die Bestellung von Samuel auf und ließ gleichzeitig durchblicken, dass sich diese Nacht etwas ereignet hatte, wovon er glaubte es könne sehr wichtig sein. Daher würde er sich sehr freuen, wenn er nach dem Frühstück, ihm dem Kommissar, jene Geschichte erzählen könnte.

„Selbstverständlich“, antwortete Samuel und beeilte sich daraufhin ein wenig mit seinem Frühstück. Schließlich hatte er sich selbst für heute noch einiges vorgenommen.

Es war so gegen 11:00 Uhr, als sich die Frühstücksgesellschaft so langsam aufzulösen begann. Als die Gaststube so gut wie gelehrt war, trat Nikolas an den Tisch von Samuel und Fragte diesen, ob es ihm jetzt vielleicht passen würde.

Nachdem Samuel diese Frage wie selbstverständlich bejahte, holte der Gastwirt noch schnell seine Frau mit zu dieser Runde. Schließlich hatte sie ja das wirkliche Erlebnis gehabt.

So kam Erika hinzu und gemeinsam nahm man an dem Tisch Platz. Wieder saß unser Trio an seinem angestammten Tisch beisammen und Nikolas sowie auch Erika berichteten beide, jeder aus seiner Sicht, was sich in dieser Nacht ereignet hatte.

Samuel hörte sich die gesamte Geschichte in Ruhe an und machte danach ein sehr ernstes Gesicht. Er erkundigte sich über jede Einzelheit. „Konnten Sie eigentlich jene Person oder was immer es auch gewesen war erkennen“?

„Nein, zum Ersten ging alles so schnell und kam so unerwartet, und des Weiteren war nichts wirklich erkennbar. Die Scheiben des Fensters spiegelten sich durch das Licht in der Gaststube und draußen war es sehr dunkel. Man mag mich für verrückt halten, aber was ich da gesehen habe, war kaum mit etwas menschlichem zu Vergleichen. Ich konnte ein menschliches Gesicht erkennen, was jedoch von sehr dunkler Hautfarbe war. Zudem war es mit Federn bedeckt. Die Augen erschienen rötlich und die Federn waren einfach überall. Es waren obendrein noch schwarze Federn, gegen die ich nach unserem letzten Fund ohnehin allergisch reagiere. Ich weiß nicht was der oder das von mir bzw. uns wollte, aber wenn es uns in Angst und Schrecken versetzen wollte, so ist es diesem Etwas gelungen, zumindest was mich betrifft“. Damit schloss Erika ihren Bericht. Man konnte ihr ansehen, dass sie ihre Not damit hatte, die Tränen zurückzuhalten. Die ganze Angelegenheit schien ihr sehr nahe gegangen zu sein.

Nikolas sein Bericht viel wesentlich kürzer aus. Er hatte ja auch nicht viel von all dem mitbekommen. So gab es folglich auch nicht viel zu berichten. In gewisser Weise machte er sich einige Vorwürfe, dass er diesem Etwas nicht hinterhergelaufen ist um es möglicherweise zu stellen. Als aber selbst Samuel sein Verhalten als vernünftig und richtig bezeichnete, konnte auch er sich ein wenig beruhigen.

„Eine wahrlich außergewöhnliche Geschichte“, bemerkte Samuel. „Aber sie scheint in jenes Muster zu passen, welches ich mir zurechtgelegt habe. Ich kann mir nur noch nicht das „Warum“ erklären. Nein, ich komme nicht darum herum diesen mysteriösen Dominic zu suchen um ihn persönlich zu befragen“.

Bei dieser Feststellung machte er nicht nur ein bedenkliches sondern auch sorgenvolles Gesicht. Er hatte keine wirkliche Angst, schon gar nicht vor diesem Dominic, aber vor der Erklärung der gesamten Angelegenheit die an den Tag kommen konnte, vor dieser Erklärung hatte er Bedenken.

Nachdem die drei noch einen Augenblick zusammengesessen hatten, was überwiegend aus Schweigen bestand, erhob sich Samuel von seinem Stuhl und berichtete den anderen zweien, dass er sich jetzt auf den Weg machen würde um jene Dinge zu erledigen, welche er sich vorgenommen hatte.

Nikolas fragte den Kommissar ob er ihn nicht begleiten könne, aber der winkte ab und gab ihm zu verstehen, dass er hier bei seiner Frau besser aufgehoben wäre. Zum ersten könne sie nicht die ganze Arbeit allein erledigen und zum zweiten solle er gut auf sie aufpassen, damit nicht wieder so etwas Schreckhaftes geschieht. Dann drehte er sich um und verließ die Gaststube. Es war halt nicht seine Art, sich mit vielen Worten zu verabschieden.

Erika und Nikolas taten das was sie immer taten. Sie räumten die Gaststube auf und bereiteten alles für das, als nächstes anstehendes Mittagsmahl vor. Während Erika sich um die Gaststube kümmerte und sich noch obendrein in der Küche zu schaffen machte, besorgte Nikolas den Rest der Geschäfte. Hierbei ging es um die Logistik der Busse sowie der Einteilung der Gäste. Es gab sehr viel dabei zu berücksichtigen. Nur der kleinste Fehler und alles würde drunter und drüber gehen. Ein heilloses Durcheinander würde auf dem Busbahnhof herrschen und es dürfte nur mit sehr viel Mühe möglich sein, dieses Durcheinander wieder zu entwirren.

So befand sich Nikolas den gesamten Vormittag auf dem Hof. Es blieb nicht aus, dass er so gut wie überall auf dem Hof herumkam. Die meiste Zeit hiervon verbrachte er jedoch mit Gesprächen von ankommenden Gästen und Busfahrern. Es ging darum die bleibenden Gäste von den nur umsteigenden Fahrgästen zu trennen und einzuweisen. Die Fahrer der Busse nach ihren weiteren Zielen und Fahrzeiten zu befragen und noch vieles mehr.

Samuel befand sich hingegen im Umland, um genau zu sein, er ging die Landstraße entlang. Der Tag erschien dafür wie geeignet. So war er in seinen Gedanken versunken, bemüht eine Ortschaft zu finden, in der man mehr über den vermeintlichen „Dominic Rasim“ in Erfahrung bringen konnte.

Zwei Ortschaften hatte er bereits aufgesucht, aber leider ohne jedes Ergebnis. Nun befand er sich auf den Weg zum dritten Ort. Er hatte sich seine Route so eingeteilt, dass er mit jener, am weitesten entfernten Ortschaft beginnt und sich dann zurückarbeiten würde. Diese Methode ersparte ihm einen langen Rückweg nach getaner Arbeit. Während er Landschaft und Wetter genoss und die ganze Angelegenheit, trotz ihres Ernstes, als ein willkommenden Ausflug sah, konnte er nicht ahnen, dass genau in diesem Zeitraum ein lauter Schreckensschrei die Ruhe auf dem Busbahnhof zerriss.

Erika, die Frau von Nikolas, dem Wirt und Betreiber des Busbahnhofes war gerade damit beschäftigt die Zimmer im Gästehaus zu säubern und herzurichten. In der Regel waren die Zimmer von den Gästen verschlossen, aber für ihre Arbeit hatte sie einen zweiten Schlüssel, den sie gut verwahrte.

Als sie nun eine der Türen zu dem Zimmer, welches sie nun aufbereiten wollte und den Schlüssel im Schloss herumdrehte um diese aufzuschließen, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen.

Erika wollte gerade das Zimmer betreten, als sie eine sehr seltsame Gestalt erblickte. Im Nachhinein würde sie sagen, es war weder ein Mensch noch ein Tier bzw. ein Vogel.

Was sie zu sehen bekam ließ ihr das Blut in ihren Adern gerinnen. Vor ihr stand, sich gerade auf der Flucht befindend, eine Gestalt von der Größe und dem Aussehen eines Menschen. Nur war dieser angebliche Mensch über und über mit Federn bedeckt, schwarze Federn. Man konnte nicht erkennen ob er ansonsten nackt war oder nur leicht bekleidet. Dort wo seine Haut durch das Federnkleid sichtbar war, war diese eher von einer dunklen Farbe.

Nun konnte man nicht verlangen, dass ein Mensch, der auf nichts gefasst war um dann einen solchen Anblick wahrzunehmen, alle Einzelheiten genau beschreiben kann. Es erscheint schon mehr als erstaunlich, dass Erika, trotz der Überraschung und dem Schreck, soviel registrieren konnte.

Sie reagierte wie es zu erwarten war, sie stieß einen lauten Schrei des Schreckens aus und lies gleichzeitig alles fallen, was sie gerade in den Händen hielt. Im ersten Augenblick glaubte sie sogar ohnmächtig zu werden, aber fang sich dann doch wieder recht schnell.

Dieses Menschliche Etwas entfloh durch das Fenster, was sich allerdings im zweiten Stockwerk befand. Erika war nicht in der Lage dem Eindringling nachzusetzen, sie sank auf einen Stuhl zusammen und rang zuerst einmal nach Luft.

Der Schrei, welcher den gesamten Hof erzittern ließ, veranlasste Nikolas sofort zu seiner Frau zu eilen um nach dem Rechten zu sehen.

Als er die Treppe hinauf und in das besagte Zimmer kam sah er seine Frau, völlig verstört, am ganzen Körper zitternd und leichenblass auf einem Stuhl sitzend. Sie war den Tränen nah und zeigte nur verwirrt auf das Fenster.

„Dort ist er oder es hinaus“, berichtete sie ihrem Mann. Dann, in kurzen Worten welche ein wenig durcheinander gestammelt wirkten, berichtete sie von dem Vorfall.

Ihr Mann hörte ihr zu und sah seine Frau aber sehr misstrauisch an.

„Kann es sein, dass Du mit Deinen Nerven einfach durchgegangen bist, es wäre kein Wunder, nachdem was hier in der letzten Zeit alles geschehen ist. Da spielen einem die Wahrnehmungen schon einmal einen Streich“, versuchte er sie zu überzeugen.

Seine Frau schwor aber, dass sich alles wirklich so zugetragen hatte, sie schwor es bei ihrer Seele.

Nikolas schaute seine Frau Erika nachdenklich an. Dann deutete er auf das Fenster.

„Und wie erklärst Du Dir das“? Er zeigte zum Fenster hinüber. Seine Frau folgte seiner angezeigten Richtung und musste eine unerklärliche Entdeckung machen. Das Fenster war geschlossen und die, nur leicht zugezogenen Vorhänge waren auch unberührt.

„Aber ich schwöre, es ist so wie ich es berichtet habe“. Ihre Stimme klang verzweifelt. So langsam glaubte sie selbst nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein. Doch dann veränderte sie noch einmal ihre Gesichtsfarbe, aber diesmal war es sehr zum Positiven.

„Gut, Du magst vielleicht recht haben, aber wenn dem so ist, dann bitte erkläre mir das was ich dort sehe“. Dabei zeigte sie auf etwas Schwarzes, was am Boden direkt vor dem Fenster lag.

Nikolas glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Langsam ging er auf das Objekt zu. Dann bückte er sich und hob es vorsichtig auf.

Eine Feder, um genau zu sein, eine große Flugfeder und zwei kleinere, welche aus dem Federkleid eines Vogels am Körper stammen würden.

Zuerst hatte Nikolas eine einleuchtende Erklärung für diesen Umstand, seine Frau sah zuerst die Federn am Boden und erst darauf spielten ihr ihre Nerven jenen bösen Streich, doch was er gleich darauf erblickte. Lies ihn seine Theorie erst gar nicht aussprechen.

Sein Blick fiel zufällig auf den Fußboden, wo er jene nicht nur ungewöhnliche sondern auch unerklärliche Entdeckung machte. Was er dort erblickte waren Fußabdrücke welche durch die Feuchtigkeit und den Schmutz der Füße zurückgeblieben waren und genau zu geschlossenen Fenster führte. Es sollte aber noch unheimlicher und verworrener kommen. Es handelte sich hierbei nicht um normale Füße. Diese waren zum Ersten barfüßig und weiterhin eine seltsame Mischung von menschlichem Fuß und eine Art von Vogelkralle, jedoch von der Größe eines normalen Fußes.

Zwar waren diese Abdrücke nur schwach zu erkennen, aber genug um über jeden Zweifel erhaben zu sein.

Nikolas nahm seine Frau in den Arm um diese erst einmal zu beruhigen.

„Wir werden schon eine Erklärung sowie eine Lösung für all das finden. Warten wir erst einmal ab, was der Kommissar in Erfahrung gebracht hat. Zusammen können wir dann unsere Erkenntnisse auswerten. Jeder Umstand muss schließlich eine Ursache haben. Zudem leben wir nicht mehr im Mittelalter. Es muss sich also eine Erklärung für all jene Vorgänge finden lassen und dann wird auch Schluss mit dem ganzen Spuk sein“.

Dann drückte er seine Frau ganz inniglich, worauf sich diese auch wieder beruhigte. Im Grunde kam ihr jetzt bereits alles schon wieder wie ein unwirklicher Albtraum vor, doch Erika begann an sich und ihren Verstand ernsthaft zu zweifeln.

Indes hatte Samuel der Kommissar jene Ortschaft erreicht, welche er aufsuchen wollte. Es war ein kleiner aber unglaublich schöner Ort, so wie ein solcher in einem Märchen vorkommen würde. Er lag auch am nächsten des Busbahnhofes.

Samuel überlegte wo er wohl am ehesten Auskünfte bekommen könnte. Während er noch nachdachte, hatte sich die Frage von allein beantwortet. Erstand geradewegs vor einem kleinen Gasthaus mit einer einladenden Gaststube. Wenn sich etwas herumspricht, dann hier, dachte er und da es ohnehin Zeit zum Essen war trat er ein.

Die Gaststube machte einen sehr sauberen und gemütlichen Eindruck. Er nahm an einem kleinen Tisch in einer Ecke, nicht weit vom Eingang entfernt Platz.

Der Wirt, ein sehr beleibter und kräftiger Mann, eilte etwas atemlos an seinen Tisch um Samuel nach dessen Bedürfnissen zu Fragen.

Dieser bestellte sich etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zum Essen, da er sich denken konnte, dass er zurück in seinem Gasthaus, noch mit reichhaltigen Speisen und Getränken versorgt werden würde.

Als der Wirt ihm seine Bestellug brachte, erkundigte sich Samuel ob er dem Wirt einige Fragen stellen dürfte. Zuvor aber stellte er sich vor.

Der Wirt hatte keine Einwände und Samuel begann mit seinen Fragen bezüglich seiner Ermittlungen betreff jenen besagten „Dominic Rasin“.

Der Wirt hörte sich die ganzen Fragen von Samuel an, überlegte einen Augenblick und sagte dann zu dem Kommissar: „Ich kenne einen Mann, der auf ihre Beschreibung genau passen würde, aber sind Sie sich bei seinem Namen wirklich sicher? Den Mann den ich meine hat einen ganz anderen Namen, zwar auch so einen unaussprechlichen ausländischen Namen, aber eben einen anderen. Er kommt so ein bis zweimal im Jahr hierher in mein Gasthaus um sich hier für ca. 2 bis 3 Wochen einzuquartieren. Man bekommt ihn aber kaum zu Gesicht. Er isst nicht mit uns, und auch sonst ist er meist abwesend. Ich kann Ihnen nicht sagen was er macht. Im Augenbick ist er gerade heute früh wieder davon. Er hatte hier zwei Wochen verbracht. Mehr kann ich Ihnen leider nicht über diesen Menschen sagen. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen aber gern seinen Namen geben, zumindest jenen Namen unter dem ich ihn kenne“.

Einen kurzen Augenblick später kehrte er an den Tisch von Samuel zurück. In der Hand hielt er einen Zettel auf dem der Name jenes Mannes stand, den der Kommissar unter dem Namen Dominic kannte.

Auf dem Zettel stand der Name: „Alram Ayold“.

„Schade, da bin ich wohl zu spät gekommen, dennoch haben Sie mi sehr geholfen und dafür danke ich Ihnen sehr“, erwiderte Samuel.

Nachdem er gespeist und getrunken hatte, bezahlte er bei dem Wirt seine Rechnung, bedankte sich noch einmal und trat dann den Rückweg zum Busbahnhof an.

Es machte für Samuel, unter diesen Voraussetzungen, keinen Sinn weiter zu forschen. Das was möglich war ist heute getan worden. Wenn es allerdings weitere Hinweise geben würde, so wäre es selbstverständlich diesen erneut nachzugehen.

Dennoch wollte er überprüfen, was es mit dem neuen Namen „Alram Ayold“ auf sich hatte. Könnte es wirklich sein, dass es sich hierbei um ein und dieselbe Person handelt und wenn ja, was führte diese Person im Schilde? Oder sollte es sich um einen, wenn auch sehr merkwürdigen Zufall handeln?

Er legte in seinem Tempo auf den Heimweg ein klein wenig zu und so erreichte er nach relativ kurzer Zeit Den Busbahnhof und dessen Gasthaus.

Es war so gegen 19:00 Uhr als Samuel den Gasthof erreichte. In gewisser Weise erleichtert nachdem was er in Erfahrung gebracht hatte, auch wenn diese Erfahrung viele neue Fragen aufwerfen würde, betrat der Kommissar die Gaststube. Er glaubte er könne den Wirtsleuten ein wenig Erleichterung verschaffen, aber weit gefehlt.

Samuel hatte kaum die Gaststube betreten, als Nikolas auf ihn zukam und ihn um eine, mit seiner Frau Erika, gemeinsame Unterredung bat. Samuel ahnte nichts Gutes.

„Wollen wir gleich reden oder nach dem Essen? Ich kann mir gut vorstellen, dass wir dann etwas mehr Ruhe haben. So wie es scheint, liegt Euch beiden ein mächtiger Stein auf dem Herzen“.

Nikolas nickte nur zustimmend. Er brachte als erstes dem Kommissar sein Essen und ein großes Bier, was er sich wohl auch verdient hatte. Dann wandte er sich wieder seiner Arbeit und somit den anderen Gästen zu.

An diesem Abend wollte die Zeit einfach nicht vergehen. Minuten wurden zu Stunden, aber irgendwann war es dann doch soweit.

Die Gaststube war so gut wie leer. Es gab nichts mehr zu tun. Nun war der Zeitpunkt gekommen, um die Erlebnisse gegenseitig auszutauschen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Samuel jedoch noch nichts von den Geschehnissen auf dem Hof.

Es war 20:30 Uhr als die drei am Tisch saßen und sich erwartungsvoll ansahen. Man spürte förmlich wie die Spannung in der Luft knisterte.

„Wer möchte mit seinem Bericht den Anfang machen“? fragte Samuel.

„Ich“ rief Erika in die Runde. Sie konnte nicht länger warten. Ihre Nerven lagen blank und das Bedürfnis endlich ausgiebig zu reden war ihr ein mehr als dringendes Bedürfnis.

Die beiden Männer nickten und so begann Erik noch einmal die gesamte Geschichte zu erzählen. Es war ihr dabei, als wenn sie alles noch einmal erleben würde. Immer wieder musste sie innehalten, da ihr unkontrolliert die Tränen über das Gesicht liefen. Als sie ihre Ausführung beendet hatte, fragte sie mit besorgter Miene: „Ich bin doch nicht verrückt oder auf den Weg es zu werden“.

„Nein, ganz gewiss nicht. Was Du erlebt hast ist schlimm genug, da ist es eine ganz normale Reaktion sich so zu verhalte“, beruhigte sie der Kommissar.

 

24. Kapitel

 

 

Wer kennt die Wahrheit

 

            Nach all den mysteriösen Geschehnissen war es durchaus nicht verwunderlich, dass die Wirtin „Erika“ sowie auch ihr Mann „Nikolas“ ihre Nerven verloren. Es war keiner der Anwesenden verrückt geworden, es waren die ungewöhnlichen Umstände, welche die Nerven blank liegen ließen, was nachvollziehbar war. Letztlich war es jenem Unbekannten Menschen oder Wesen möglich, selbst in die privatesten Bereiche des Ehepaares mühelos einzudringen.

Als das Ehepaar des Wirtshauses ihre Ausführungen und Berichten beendet hatte, war der Kommissar „Samuel“ an der Reihe. Auch er hatte sehr viel Interessantes und Merkwürdiges zu berichten.

Als erstes berichtete er die seltsamen Zusammenhänge zwischen Dominic Rasim sowie Alram Ayold und die Frage, ob es sich bei den beiden Namen um ein und die gleiche Person handelte.

Auch die möglichen Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Blutlinie der Vorgänger bzw. Ahnen, wurden in Erwähnung gezogen und besprochen.

Wie man die ganze Sache auch betrachtete, jener „Dominic“ war und blieb ein Mysterium. Was aber noch um ein Vieles wichtiger war, war die Antwort auf die Frage nach dem Motiv. Was motivierte diesen Menschen zu solch einem Aufwand an Forschung und Zeit? Nach was suchte er?

Die Vermutung lag sehr nahe, dass es sich hierbei um etwas handelte, was bereits Jahrhunderte von Jahren alt und so wertvoll war, dass es sogar den Preis von unschuldigen Menschenleben rechtfertigte. Es konnte auch noch nicht gefunden worden sein, da in diesem Fall all die Geschehnisse nicht vorgekommen wären. Aber um was könnte es sich handeln? Was hat einen solchen Wert, dass es über Jahrhunderte einen solchen Preis rechtfertigte?

Handelte es sich hierbei um etwas von großem materiellem Wert, oder um ein bestimmtes Wissen oder Beweise in einer unbekannten Sache?

Wenn über einen solch langen Zeitraum verteilt, sogar etliche Menschenleben nicht von Bedeutung waren, wie groß musste dann erst der Wert von dem vermuteten Etwas sein?

Doch ganz gleich in welche Richtung man auch spekulierte, augenblicklich schien jede Spur zu jenem mysteriösen „Dominic“ zu führen. Es war unter den gegebenen Umständen berechtigt anzunehmen, dass dieser „Dominic“ zumindest einen Teil der gestellten Fragen beantworten konnte. Wer oder was also war jener Dominic oder Alram?

Man diskutierte noch den gesamten Rest des Tages über dieses Thema, aber zu einem Ergebnis kam keiner der Betroffenen. Sogar das Übernatürliche erwähnte man und zog diese Möglichkeit sogar in Betracht, aber weiter brachte es die Betroffenen auch nicht.

Das Problem, welchem man sich zu stellen hatte war ganz einfach, es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, den man zur Orientierung hätte nutzen können. So gab es vieles und doch wieder nichts.

Noch einmal begannen die Drei am Tisch von vorn alles an Geschichte aufzurollen was sie wussten. Aus der Vergangenheit wusste man nicht viel, aber dennoch gab es bekannte und nicht gerade unwichtige Hinweise. Aus der Gegenwart gab es zwar auch nicht mehr Wissendwertes, nur war es wesentlich einfacher an gewisse Informationen zu kommen, wenn sich Samuel darum kümmern würde, was er auch in Angriff nehmen wollte. So hatte er es versprochen und es gab keinen Grund oder Anlass an sein Versprechen zu zweifeln.

Nur eines wollte, bei allem was sie auch besprachen, nicht aus dem Kopf gehen. Handelte es sich um eine menschliche Person, welche sich aus einem unersichtlichen Grund verkleidet hatte oder war es wirklich etwas Paranormales?

Aber gab es überhaupt so etwas wie Übersinnliches oder Paranormales? Natürlich hatte jeder schon einmal davon gehört, aber glauben wollte es dann doch keiner. Es schien so weit hergeholt, so unwirklich. Doch auf der anderen Seite, was wussten wir schon wirklich von den Geheimnissen des Lebens?

So wurde alles mit in Betracht gezogen, aber ohne Motiv, ohne Anlass war nicht greifbar, gab es keinen Anhaltspunkt.

Im Grund standen sie mit leeren Händen dar. So traurig wie jene Ohnmacht auch war, sie war ein Teil der momentanen Realität. Ob es angenehm oder unangenehm war, man musste es in dieser Form akzeptieren.

Ganz langsam begann sich eine Situation zu entwickeln, die zwar keiner beabsichtigte und die mehr als unbemerkt auftrat, wo es begann, dass keiner mehr dem anderen so richtig traute. Zwischen jenen Menschen welche einander zu brauchen glaubten, schob sich vollkommen unbemerkt ein Keil des Misstrauens. Warum hätte keiner erklären können, aber diese Ohnmacht, welcher man sich ausgeliefert fühlte, bewirkte jenen unangenehmen Zwiespalt.

Die unglaublichsten Gedanken gingen jeden einzelnen des Ehepaares durch den Kopf, aber keiner redete mit dem anderen darüber, was die ganze Angelegenheit nur noch verschlimmerte.

Betrug und Verschwörungen bis hin zu noch schlimmeren Vermutungen und Theorien bauten sich untereinander auf.

In einer Situation in der nichts mehr greifbar ist, erscheint ein solches Verhalten völlig normal. Am Ende steht jeder nur noch allein und für sich selbst. So ist nun einmal das Leben. Mit Dingen, welche wir nicht begreifen, können wir auch nicht umgehe, hier endet jede Vernunft.

Plötzlich konnte Erika nicht mehr verstehen, warum ihr Mann diesem Samuel so blind vertraute. Nur weil er so freundlich war und sich so hilfsbereit zeigte? Was wussten sie schon wirklich von ihm? Gab es überhaupt eine weitere Person? Wenn ja, wer sagte überhaupt, dass diese nicht gemeinsame Sache mit dem sogenannten Kommissar Samuel machte? Von wo kam überhaupt dieser Samuel und wo befand sich seine Sonderkommission?

Gedanken über Gedanken, aber was war die Wahrheit?

Erika redete jedoch zumindest im Augenblick nicht mit ihrem Mann darüber. Dabei konnte sie nicht wissen, dass auch ihn ähnliche Gedanken bereits seit ein bis zwei Tagen quälten. Aber auch er schwieg. Was wäre, wenn sie mit ihren Vermutungen falsch lagen? Dann waren sie ganz allein und ohne jede Hilfe. Aber waren sie nicht ihr ganzes Leben stets auf sich selbst gestellt? Bisher hatte sie immer alles gemeinsam gemeistert, also warum auf einmal diese Verschwiegenheit? Beide vertrauten einander ganz und gar, daran bestand kein Zweifel. Aber dennoch konnten sie in dieser Lebenssituation nicht miteinander reden. Warum eigentlich?

 

 

          Es war inzwischen Abend geworden. Der Tag selbst, abgesehen von der Geschichte und den damit verbundenen Gedanken, verlief wie jeder andere. Gegen 22:00 Uhr war alle anfallende Arbeit getan und man setzte sich in Ruhe an den Tisch umso, bei einem Glas Wein oder Bier den Tag zu beschließen.

Plötzlich öffnete sich die Tür zur Gaststube und herein trat Samuel. Er war zuvor für zwei oder drei Stunden fortgegangen um, so sagte er, noch etwas zu erledigen.

Als er eintrat, machte er einen sehr ernsten Eindruck.

„Am Ende des Hofes befindet sich ein kleines Acker“, begann er seine Rede ohne jede weitere Vorankündigung, „auf diesem habe ich eine merkwürdige Entdeckung gemacht. Dort befindet sich eine Reihe von Pflanzen, welche man im Volksmund < Stechapfel > nennt. So wie es aussieht ist diese Pflanze nicht wild gewachsen sonder kultiviert angebaut worden. Angebaut in einer Weise, dass sie keinem so ohne weiteres auffällt. Es sei denn, er stolpert so wie ich zufällig darüber. Die Fläche ist nicht groß, eher unscheinbar, aber wer sich damit auskennt, könnte ungeahntes Unheil damit ausrichten“.

Darauf machte Samuel erst einmal eine Pause und betrachtete das Ehepaar des Hofes ganz genau.

„Ganz ehrlich, habt Ihr die Pflanze angepflanzt oder wisst Ihr sonst etwas darüber, vielleicht wie lange jenes Gewächs schon dort gedeiht“?

„Diesen Acker kennen wir“, antwortete das Ehepaar, „es war schon vorhanden, als wir hierhergezogen sind. Allerdings haben wir die Pflanzen immer für eine Art von Unkraut gehalten, da es sich wie wild vermehrt hat, nur hatten wir bei diesem Betrieb hier nie die Zeit und auch noch um jenen Acker zu kümmern. So beließen wir ihn so wie er war und ist. Uns hat er niemals gestört. Was es allerdings mit dieser Pflanze auf sich hat und wo hier der Zusammenhang zu unserem Problem besteht können wir jetzt nun wirklich nicht nachvollziehen“.

Samuel belehrte das Ehepaar indem er sie über die Bedeutung der Pflanze aufklärte.

„Bei dem Stechapfel handelt es sich um eine Pflanze, welche nicht nur hochgradig giftig ist, sondern bei der richtigen Dosierung Halluzinationen hervorrufen kann. Jedoch muss sich der Anwender sehr gut auf diesem Gebiet auskennen. Ist dies der Fall, so kann der erfahrende Anwender sogar Zustände hervorrufen, welche einem sogenannten <Wachtraum> ähneln. Der Betroffene kann also nicht mehr zwischen der Wirklichkeit und Einbildung unterscheiden“.

„Und was hat das alles mit uns oder der gesamten Situation zutun“? fragte Nikolas der Wirt den Kommissar Samuel. „Ich kann Dir, offen gestanden, nicht ganz folgen“.

 „Nun“ bemerkte Samuel, „die Umstände geben verschiedene Denkmuster zu berücksichtigen“. Samuel machte bei dieser Bemerkung ein sehr bedenkliches Gesicht. Sehr genau betrachtete er unser Wirtsehepaar bei dieser Unterhaltung.

Diese zeigten jedoch keinerlei Reaktion auf die deutlichen Anspielungen von Samuel. Man konnte förmlich die Funken in der Luft jener gespannten Stimmung sehen.

„Wenn man uns jetzt den schwarzen Peter zuspielen will, nur weil es keinen anderen gibt, wird man mich von einer ganz anderen Seite kennenlernen“, meinte Nikolas zu den Anwesenden.

 „Keiner sucht hier einen Sündenbock“, erwiderte Samuel. „Jeder von uns ist doch nur bemüht die Wahrheit und den Grund für all das Geschehende herauszufinden. Das sehr merkwürdige an dieser gesamten Geschichte ist doch die Tatsache, dass sich jene Ereignisse bereits mehrere hundert Jahre durch die Geschichte um dieses Haus ziehen. Wenn man bedenkt, was seit diesen Jahren alles geschehen ist, vom Spuk bis hin zum Massenmord, möchte ich wissen, was sich hier großes verbirgt. Gehen wir in dieser Geschichte noch einmal in der Zeit soweit wie uns bekannt ist zurück. Es muss etwas geben, was diesen ganzen Werdegang rechtfertigt. Dabei muss es sich, in Anbetracht an die Ereignisse gemessen, um etwas sehr großes oder Wertvolles handeln. Wenn wir diese Frage klären könnten hätten wir das Motiv und somit vielleicht auch den oder die Täter“.

Samuel schloss mit diesen Worten seine Ansprache.

Die Gemüter der Anwesenden hatten sich auch wieder beruhigt. Wahrscheinlich hatte sich bei allen, bedingt durch jene ständig neuen Ereignisse, ein gewisser Druck aufgebaut, welcher nun einmal heraus musste.

Das es zu einer solchen Aussprache gekommen war, hatte seine notwendigen und guten Seiten. Danach waren sich die Betroffenen wieder einig und vertrauten sich gegenseitig, so wie es einst zuvor gewesen war.

 Nur weitergekommen war man nicht wirklich. Um die Situation ehrlich, genau beim Namen zu nennen, keiner war auch nur ein Deut schlauer als ganz am Anfang.

Wie sollte diese Geschichte nur weitergehen? Das Wirtsehepaar hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, den Hof sowie die Busstation zu verkaufen und fortzugehen. Fort an einen Ort, wo man noch einmal von vorn anfangen würde. Es gab letztlich Orte, an denen man glücklich und ohne Fluch oder Vorgeschichte leben konnte. Aber dann stand wieder jene Frage im Raum, wie man dieses Vorhaben realisieren wollte. Im Grunde wusste man, dass es keinen Ausweg gab. Das große Geheimnis verlangte nach einer Erklärung.

 

25. Kapitel

 

 

Die Wahrheit lässt ihre Schleier fallen

 

 

 

          Es war spät geworden und man ging zeitig ins Bett. Nach einer Nacht wilder Träume und einem sonnigen Morgen, sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Die dunklen Schatten des Misstrauens sowie die gegenseitigen Verdächtigungen hatten sich aufgelöst.

Es war ein wunderbarer Morgen und so betrat man voller neuer Kraft und Zuversicht den Frühstücksraum.

Schnell hatte sich auch unsere kleine Gruppe am Tisch zusammengefunden. Die Laune war gut und die Stimmung sprühte förmlich vor Abenteuerlust.

Geredet wurde aber nur das Gewöhnliche über alles und jeden.

Nachdem die kleine Gesellschaft am Tisch ihr Frühstück beendet hatte, ergriff Samuel der Kommissar das Wort als erster.

„Wie wir gestern festgestellt haben, sind wir keinen wirklichen Schritt weiter gekommen. Daher meine Frage, die ich hiermit an alle an diesem Tisch richte: Wie wollen wir weitermachen? Wollen wir überhaupt weitermachen? Wenn ja, dann bitte ich um Vorschläge“.

Alle Anwesenden schauten sich gegenseitig an. An Ihrem Blick und ihren Augen konnte man erkennen, dass sie sich zumindest in einer Sache einig waren. Jeder Einzelne, ohne Ausnahme wollte weitermachen. Es war eine Selbstverständlichkeit für jeden, jenes Geheimnis zu lösen und damit der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Einen Vorschlag für einen nächten Schritt hatte jedoch keiner.

„Vielleicht sollten wir uns zusammensetzen und die gesamte Zeit mit all den Geschehnissen von denen ein jeder von uns weiß aufarbeiten, einen chronologischen Zusammenhang geben und in dieser, dann entstandene Geschichte nach Merkwürdigkeiten suchen, welche wir vielleicht übersehen oder erst gar nicht wahrgenommen haben. Sollten solche Vorkommnisse existieren, dann wissen wir, dass wir auf der richtigen Spur sind, der Rest wird sich dann schon zeigen“, ergriff als erste die Wirtsfrau Erika das Wort.

Für einen kurzen Augenblick herrschte absolute Ruhe am Tisch. Da aber keiner einen besseren Vorschlag hatte und dieser durchaus einleuchtete, wurde er auch ohne jeden Einspruch angenommen.

Da der Tag bzw. das Wetter plötzlich umgeschlagen hatte und es ohnehin verregnet und kühl wurde, entschloss man sich, das Unternehmen gleich am heutigen Tag in die Tat umzusetzen.

Jeder wollte sich zunächst noch einmal auf sein Zimmer begeben um sich es etwas gemütlicher zu machen. Darauf hatten die Betroffenen vor, sich in etwa 45 Minuten wieder hier am Tisch zu treffen. Alles was man an Notizen, Aufzeichnungen oder geschichtliche Dokumentationen hatte sollte mitgebracht werden.

Gesagt, getan. Jeder versuchte so viel Material zusammenzutragen wie es ihm in dieser, doch recht kurzen Zeit möglich war.

Die Zeit dabei verging ungewöhnlich schnell.

Nachdem die kleine Gesellschaft alles erledigt hatte, begaben sie sich zurück in den Gastraum, bzw. der Gaststube.

Der erste den sie am Tisch vorfanden war Samuel. Die Merkwürdigkeit jedoch bestand darin, dass der Kommissar nicht am Tisch saß, wie man es erwartet hätte, nein er stand davor. Er stand wie versteinert. Noch konnte das Ehepaar nicht erkennen wodurch diese Situation hervorgerufen wurde, aber als sie sich ihm näherten wurde auch ihnen bewusst was hier geschehen war.

Jetzt war es zumindest eindeutig. Sie waren nicht allein. Jemand oder etwas war hier in der Nähe. So nah, dass er oder dieses Etwas über jeden Schritt, jeden Gedanken und jedes Vorhaben ständig unterrichtet war.

Als sich Erika und Nikolas dem Tisch näherten erkannten sie was in der Mitte des Tisches lag.

Es war eine schwarze Feder. Eine Feder von einer überdurchschnittlichen Größe.

Nun war es auch nicht verwunderlich, dass der Kommissar stand und nicht saß. Er musste einen solchen Schreck bekommen haben, als er jene Feder sah, dass er förmlich erstarrt war.

Als Erika und Nikolas den Tisch und somit auch Samuel erreicht hatten, legte Erika ganz vorsichtig ihre Hand auf seine Schulter, da sie das Gefühl hatte, er nimmt seine Umwelt überhaupt nicht mehr war.

Samuel zuckte zusammen, so wie es zu erwarten war. Als wäre er aus einem bösen Traum erwacht. Er schaute zu den Zwei hinüber und bemerkte nur: „Jetzt haben wir wirklich ein ernsthaftes Problem“.

Voller Wut nahm Samuel die Feder und legte diese zu den anderen Utensilien welche er mitgebracht hatte.

„Hast Du keine Angst wichtige Indizien zu verwischen“ fragte Nikolas?

„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sich hierauf noch irgendwelche Spuren befinden“ erwiderte Samuel. „Nein, dazu ist dieser Jemand, wer immer es auch sein mag zu gerissen. Schließlich kennt er all unsere Vorhaben, ist uns stets einen Schritt voraus und ich bin mir sicher, dass er auch gerade jetzt hier ist und sich über unser Verhalten amüsiert. Nein, ich sage, er ist mitten unter uns, jetzt und hier“.

Samuel konnte nicht wissen, dass er mit dieser Aussage mehr als richtig lag. Was er gerade eben noch aus der Wut heraus gesagt hatte sollte sich schon bald als wahr bestätigen. Bestätigen in einer Art und Weise die keiner, selbst in seinen kühnsten Phantasien vermutet hätte.

Es sollte jedoch nicht bei der einen Überraschung bleiben, welche man gerade erfahren musste, nein es kam noch viel besser.

Wie sagt doch schon ein altes Sprichwort? „Unverhofft kommt oft oder unerwartet“. So sollte es auch an diesem Tag sein.

Als sich unsere kleine Gruppe der Betroffenen nach der Überwindung des ersten Schrecks an den Tisch gesetzt hatten ging plötzlich die Tür zur Gaststube auf und ein recht jung aussehender Mann, der jedoch älter zu sein schien als es den Anschein machte trat ein.

Obwohl in dieser Situation keiner der Anwesenden etwas gutes vermutete strahlte dieser Mann doch etwas aus, was wir als Hoffnung bezeichnen würden. Keiner konnte sagen warum, aber alle waren sich mehr oder weniger einig, dass dieser Mensch die Antwort auf alle Fragen brachte.

Dieser besagte Mann trat ein und ging zielstrebig ohne auch nur einen Zweifel zu hegen, direkt auf den Tisch von Samuel und Co zu. Es war als würde die Zeit stillstehen. Zu dieser Zeit hätte man eine Stecknadel zu Boden fallen hören können.

Der Mann stellte sich vor den Kommissar Samuel hin und stellte sich mit folgenden Worten vor:

„Ich nehme an, Sie sind der Inspektor welcher hier um jeden Preis die Wahrheit herausfinden will und dabei bereit ist, auch die Ereignisse und Schmerzen vergangener Zeiten wieder ins Leben zurückzurufen. Nun mein Name ist < Sigfried Gramsberg, ehemaliger von Gramsberg >.Ich bin der Urenkel von Karl, dem Enkel von Georg, Sohn des Gerold welcher wiederum der Sohn des Georg, dem damaligen Besitzer jener hier betriebenen Poststation war. Dieser kurze Umriss meiner Herkunft mag im Augenblick sehr schwer zu verstehen sein, Was aber auch nicht weiter notwendig ist. Um was es hier eigentlich geht ist die Wahrheit. Diese ist einfach wichtig, damit die Gerechtigkeit ihre Befriedigung bekommt und nach so langer Zeit Ruhe einkehren kann“.

Die sich am Tisch befindlichen sahen jenen Sigfried Gramsberg an, als käme er von einem anderen Stern. Samuel war der erste, der seine Sprache wiederfand. Er bat den Fremden doch bei ihnen in der Runde Platz zu nehmen. Dann bestellte er ihm etwas zu trinken und bat ihn seine Geschichte der Wahrheit, so wie sie jener Siegfried nannte, zu erzählen.

„Nun es wird von einem Fluch berichtet, der auf diesen Hof lasten soll. Das mag schon sein, aber nicht im mystischen Sinne. Wenn man davon ausgeht, dass bisher keiner hier wirklich glücklich geworden ist, so könnte man jene Tatsache im weitesten Sinne so bezeichnen. Die Wahrheit ist aber eine ganz andere. Es begann vor sehr langer Zeit. Es gab noch keine Autos, Eisenbahnen oder Flugzeuge. Die Menschen hatten zwar kein leichtes leben, was die Arbeit anbelangt, aber man lebte in Ruhe und einer gewissen Zufriedenheit. Pferde und Postkutschen übernahmen den Transport von Menschen und Güter. So war dieser Hof ein wichtiger Knotenpunkt der Handelsstraßen.

Eines Tages tauchten merkwürdige Männer hier auf und verrichteten zwar unscheinbare aber sehr wichtige Arbeiten von denen keiner etwas wusste. Diese Männer blieben ca. zwei Wochen lang, dann reisten sie wieder ab. Sie tauchten auch niemals wieder auf.

Kurz darauf bekam mein Urahn ein Kaufangebot für diesen Hof. Es war für damalige Zeiten ein unglaublich gutes Angebot, jedoch bei weitem nicht so viel wie es in Wirklichkeit wert war.

Mein Urahn weigerte sich dieses Angebot anzunehmen. Er hatte überhaupt nicht vor den Hof zu verkaufen. Schließlich lebte seine ganze Familie, solange er denken konnte bereits hier.

Ab diesem Zeitpunkt begannen jene mysteriösen Ereignisse. Sie wissen wie die Leute früher waren und selbst heute teilweise noch sind. Schnell war der Mythos von einem Fluch und Monster, welche ihr Unwesen trieben, in die Welt gesetzt.

Wie es nun einmal unter den Menschen so ist, gab jeder noch seinen Teil zu der Geschichte dazu. Keiner ahnte auch nur im Geringsten, dass man den Hof nur seinen Eigentümern abspenstig machen wollte.

In Wirklichkeit hatten die Männer, welche hier vor geraumer Zeit solch merkwürdige Arbeiten verrichtet hatten einen wertvollen Fund gemacht. Kupfer und Silber. Direkt unter dem Hof, auf einem unglaublich großen Gebiet befand sich eine Kupfer- und Silbermiene.

So wollte man das Land für wenig Geld erwerben. Zudem sollte der Postverkehr eingestellt und abgeschafft werden, da er die neuen großen Anforderungen eines Mienenabbaus nicht gewachsen war.

Eine Eisenbahnlinie sollte hierher verlegt werden. Nur die konnte den Ansprüchen eines lukrativen Geschäftes gerecht werden. Aber weder aus dem Abbau der Mienen noch aus der Eisenbahnlinie wurde etwas. Um keinen noch so hohen Preis wäre mein Urahne bereit gewesen diesen Hof sowie das Land zu verkaufen.

Damit begann eigentlich diese Geschichte. Es wurden Mörder angeworben, teuflisches Treiben inszeniert und noch so vieles unvorstellbare mehr. Nichts wurde ausgelassen. Aberglaube, Todschlag, Entführung und sogar Gifte und Drogen kamen zum Einsatz.

Noch heute wissen verschiedene Leute um diesen Schatz auf dem wir uns hier gerade befinden und noch immer versuchen diese Menschen alles Mögliche um dessen habhaft zu werden, wobei sie vor nichts zurückschrecken würden. Die letzten Ereignisse kennen Sie ja selbst. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sehr der Mensch mit den Wurzeln seines Glaubens verwachsen ist. Noch immer treibt der Aberglaube seine Früchte, und sei es nur um Furcht zu erschaffen“.

Sigfried Gramsberg machte eine Pause. Die anderen am Tisch schwiegen ebenfalls.

Es war unfassbar, so lange Zeit, so viel Leid und all die ungerechten Taten. Die wirklich Betroffenen haben nicht einmal davon gewusst. Dies ist wirklich eine Welt in der Geld und Macht alles rechtfertigt. Wo bleibt hier die Gerechtigkeit? Man darf gar nicht daran denken was alles geschehen ist und vielleicht noch geschehen wird, und alles nur wegen diesem Fund einer Silber- bzw. Kupfermine. Dabei weiß noch keiner genau oder auch nur annähernd wer noch alles den Intrigen zum Opfer gefallen ist. Keiner der Anwesenden wollte dies wirklich wissen. Es war an der Zeit dem allen ein Ende zu bereiten, gleich um welchen Preis.

Die nächste Zeit verbrachte unsere kleine Gesellschaft damit, dass Siegfried Gramsberg ausgiebig über sein Verwandtschaftsgrad zu den damaligen Besitzer erklärte, wie er nach vielen Recherchen auf das angebliche Geheimnis des Fluches gestoßen ist, wie er letztlich hierher gelangte und was er gedenkt zu tun um all die Ungerechtigkeiten zu sühnen.

Am Ende seiner durchaus langen aber aufschlussreichen Rede wendete er sich noch an das jetzige Wirtshausehepaar und sagte leise aber durchaus glaubhaft:

„Keine Angst, wenn Sie jetzt glauben sollten, dass ich das Erbe antreten will und Ihnen den Hof sowie das Land welches Sie erworben haben, streitig zu machen, dann sind Sie im Irrtum. Für Sie soll sich nichts ändern, Sie werden alles behalten und wenn ich kann und Sie in Nöten sind, so werde ich Ihnen gern helfen. Sie können ganz auf mich zählen.

Ich möchte nur diesen Menschen und ihren Machenschaften ein Ende bereiten. Schließlich sind diese auch an viel Leid und so manchen Tod in meiner Familie verantwortlich“.

Erika erfasste die Hand ihres Mannes und drückte diese ganz fest. Eine innere Stimme sagte ihr, dass nun alles gut werden wird. Sie wusste aber auch, dass bis dahin noch ein weiter Weg mit so einigen Schwierigkeiten vor ihnen lag.

„Wenn Sie erlauben, würde ich mich gern Ihnen anschließen“, ließ in diesem Augenblick jener Herr Sigfried Gramsberg verlauten.

Im Grunde hatten die anderen auf einen solchen Vorschlag gehofft. „Selbstverständlich“ sagte Samuel und sprach damit aus, was auch der Rest der Gesellschaft dachte.

„Sie mit Ihrem Wissen und der Entschlossenheit welche Sie an den Tag legen, sind uns immer willkommen“.

„Dann sollte ein Jeder von uns nun all das erklären, was er über die gesamte Angelegenheit zu wissen glaubt. Gleichzeitig sollte er dazu auch ein oder mehrere Vorschläge machen, wie wir weiter vorgehen wollen. Dabei sollten wir eines um keinen Preis vergessen, dass es sich hierbei um Leute handelt, welche keinen Spaß verstehen und ohne nachzudenken alles tun was ihnen notwendig erscheint. Keiner von denen schreckt vor etwas zurück, gleich was immer auch verlangt wird“, ermahnte Sigfried noch einmal gründlich.

 

 

          Die Mittagszeit war bereits angebrochen, aber keiner hatte dies in der Hektik des Gesprächs bemerkt. Schnell wurde also alles Notwendige getan, damit die Gäste sowie die Durchreisenden zu ihrem Recht kamen. Noch nie zuvor hatte man die Wirtsleute in einem solchen Tempo arbeiten sehen. Sogar der Kommissar und auch Sigfried halfen wo sie nur konnten.

So dauerte es auch nicht lange und die Mittagszeit war geschafft. Es war schon erstaunlich wie jeder der Betroffenen diesem doch recht gefährlichen Abenteuer entgegenfieberten.

Als ca. 2 Stunden später die Ordnung wieder eingekehrt war und man sich bis zum Abend Zeit nehmen konnte, versammelten sich unsere Abenteurer wieder am Tisch. Einem Jeden stand buchstäblich noch der Schweiß auf der Stirn.

Nikolas brachte jedem erst einmal ein großes Bier zur Erfrischung und auch um sich auf seine Weise zu bedanken. Dieses wurde gern und dankend angenommen.

Dann begann eine geheime Beratung. Zuerst machte man darauf aufmerksam, dass ein Jeder von ihnen wahrscheinlich beobachtet sowie auch belauscht wird, da der augenblickliche Täter ihnen immer einen Schritt voraus war und bereits ihren nächsten Schachzug kannte.

„Vielleicht sollten wir zur Abwechslung einmal den Tisch und somit unseren Standort wechseln“, schlug Sigfried vor“.

Der Vorschlag war kaum ausgesprochen worden, als er auch schon vollzogen war. Ganz in der äußersten Ecke, direkt am Ofen, befand sich ein kleiner Tisch mit fünf Stühlen, der unserem Quartett vollkommen ausreichte. Er war nahezu perfekt für das Unternehmen. Von dieser Ecke aus konnte man den gesamten Gastraum überblicken. Selbst der toteste Winkel blieb an dieser Stelle keinen am Tisch verborgen.

Es war so zwischen 14:00 und 15:00 Uhr als sich unsere kleine Gruppe daran machte einen Plan zu entwerfen. Da keiner genau wissen konnte, was, nennen wir es einmal die andere Seite, bereits alles wusste, begann man noch einmal ganz von vorn. Diese Maßnahme erschien allen notwendig um der Sicherheit wegen.

Jeder an diesem Tisch begann also noch einmal seine Geschichte mit all dem was er wusste und erlebt hatte zu erzählen. Dies mag im ersten Augenblick mühselig und gelangweilt erscheinen, entpuppte sich jedoch Verlauf des Gespräches als interessant und zunehmend spannend.

Zuerst begannen die Wirtsleute zu erzählen. Sie berichteten, wie sie an diesen Hof gekommen waren und auch von dem was die Dorfbevölkerung an Geschichten über dieses Gehöft zu erzählen hatte. Es waren teilweise die unterschiedlichsten Geschichten, so wie man es von einer solchen Bevölkerung gewohnt ist. Alles in allem aber glichen sich die Geschichten, selbst über die Jahrhunderte hinweg und wirkten teilweise sehr realistisch.

Am deutlichsten kam die jüngste Geschichte zur Sprache. Jene mit Tobias dem Kutscher und Doran den Kommissar.

Es war die Frau des Wirtes, jene Erika, die sehr lebendig und spannend berichten konnte ohne dabei den Pfad der Wahrheit zu verlassen. So fesselte Erika alle welche sich am Tisch befanden. Nur hin und wieder ergänzte Nikolas, ihr Mann, einige Passagen der Geschichte.

Ihr Bericht war so realistisch und lebensnah, dass man hätte glauben können, die damaligen betroffenen Personen sitzen mit am Tisch und hören dem Gespräch zufrieden zu. Es war wie eine Gesellschaft, welche weder Raum noch Zeit kennt und sich hier alle versammelt hat.

Dementsprechend war auch die Atmosphäre welche in der Luft lag. Magie und Mystik sowie Mythos und auch realistischen Tatsachen, bestimmten das hiesige Umfeld in diesem Moment. Dabei war dieses Gefühl für jeden in dieser Runde vollkommen normal.

Es herrschte eine Harmonie wo eigentlich gar keine vorhanden sein dürfte.

Samuel, der Kommissar hatte hingegen wenig zu berichten, wenn man an die Geschichten der Wirtsleute denkt. Es gab zwar einige wichtige, realistische Gegebenheiten, welche durchaus von großer Bedeutung waren, aber viel weiter haben diese auch nicht geführt. 

Dann war zum Schluss Sigfried Gramsberg an der Reihe. Er war eigentlich derjenige, der erstmalig Licht in den gesamten Hintergrund brachte und somit auch einen Teil eines Motives lieferte. Es fehlten jedoch noch immer die Verbindungsstücke.

Es verging bei dem gemeinsamen Gespräch viel Zeit, vielmehr als man eigentlich gedacht hatte. Ein zufriedenstellendes Ergebnis jedoch gab es nicht. Viele ungeklärte Fragen standen noch unbeantwortet im Raum. Gab es wirklich nur diese eine Ursache oder war es möglich, dass es sich hierbei um eine Verknüpfung mehrerer Umstände handelte, welche verschiedenen Ursprungs waren und nur rein zufällig zusammenpassten? Es war einfach schwer zu glauben, dass Etwas so wertvoll sein könnte, um einen solch langen Zeitraum eine derartige Vorgehensweise zu rechtfertigen. Auch kam noch die Tatsache hinzu, dass es so gut wie unmöglich war, etwas Derartiges über einen solchen Zeitraum hinweg geheim zu halten.

Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, alle standen noch immer ganz am Anfang. Wie immer man diese Angelegenheit auch anging, es wurden nur immer weitere Fragen aufgeworfen, welche die Unsicherheit nur vergrößerte. Es schien keine Antwort zu geben.

Vielleicht sollte man doch akzeptieren, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt als wir annehmen. Vielleicht handelte es sich wirklich um Magie und Mystik. Wer könnte schon mit Sicherheit bestätigen, dass es nicht so etwas wie einen Fluch gab. Nur weil wir etwas nicht verstehen braucht es sich schließlich noch lange nicht um einen Aberglauben handeln. Noch vor zweihundert Jahren wäre die Antwort eindeutig gewesen. Was haben wir in dieser Zeit auf diesem eigentlich wirklich dazugelernt? Wir glauben noch immer an einen Gott, fürchten noch immer den Teufel oder das personifizierte Böse und versuchen unsere Probleme mit Gebeten zu lösen, obwohl wir noch immer nicht den kleinsten Beweis für eine solche Existenz haben.

Sicher, keiner will es zugeben, aber im Grunde leben wir noch nach dem Muster einer grauen Vorzeit. Zwar haben wir auf den wissenschaftlichen Gebieten der Medizin, der Astronomie, der Physik und noch vieles mehr durchbrechende Erfahrungen gemacht, welche unser Weltbild stark verändert haben, aber eben nur unser Weltbild und nicht unsere Glaubensansicht.

In unserem Glaubensmuster sind wir noch mit den Ursprüngen unserer Kulturen verbunden. Auch wen es keiner von uns zugeben möchte, wir tragen noch immer jene Urängste in und, für die es keinerlei Beweise gibt.

Einen Zeitraum über mehrere Generationen hinweg, eine Geschichte die während dieses Zeitraumen beginnt, sich aber im Laufe dieses Zeitraumes in eine Vielzahl von Geschichten aufgliedert, welche jedoch einen Zusammenhang haben sollten. Doch wie verhält es sich mit diesem Zusammenhang wirklich?

Die einzigen Auffälligkeiten hierbei sind jene, dass es sich um die gleiche Gegend und dasselbe Anwesen handelt.

Ist es nicht klar, dass während eines solch langen Zeitraumes die unterschiedlichsten Ereignisse an ein und dem gleichen Ort geschehen? Deshalb müssen noch lange keine mystischen Zusammenhänge dahinterstehen.

Dies wäre in etwa so, als würde ein und das gleiche Haus während der zwei Weltkriege ausgebombt und wieder aufgebaut werden und man würde behaupten, dass ein Fluch der Grund dafür sein könnte. Dies würden wir schlechthin als absurd betrachten. Es gäbe noch unzählige Beispiele für solche Vor- oder Werdegänge. Die Geschichte macht eben vor der Zeit nicht halt und so verändert sich alles ständig, ohne dabei irgendwelche Zusammenhänge aufweisen zu müssen.

Erinnern wir uns noch einmal an die Anfänge unserer Geschichte.

Alles begann mit der Kutschfahrt vor langer Zeit. Als die Kutsche auf ihrer Fahrt einen Unfall erlitt, machten die Insassen sowie auch der Kutscher selbst, in dieser Nacht die seltsamsten Erfahrungen welche sich mit dem damaligen weit verbreiteten Aberglauben noch hochschaukelten. Dies führte soweit, dass man behauptete den Leibhaftigen samt seiner Dämonen gesehen zu haben. Zur gleichen Zeit verloren auch Menschen Ihr Leben wobei sich sogar noch ein kleines Mädchen darunter befand.

Unter den heutigen Voraussetzungen des allgemeinen Denkens würde man jenes Ereignis zwar traurig oder dramatisch finden, aber es auch dabei belassen und keinen Kult daraus gestalten.

Im Laufe der Zeit kamen auch noch Dinge hinzu, die wohl mehr in den Bereich der Kriminalität gehörten und in Wirklichkeit nie so recht und eindeutig aufgeklärt wurden.

All diese Tatsachen reichten aber zu jener Zeit aus um daraus eine Geschichte voller Mysterien zu machen.

Im weiteren Verlauf der Zeit mögen mit angrenzender Sicherheit noch viele unaufgeklärte Geschichten geschehen sein, welche durchaus absolut unabhängig voneinander sind. Aber auf Grund der alten Überlieferungen und Geschichten hatte das besagte Anwesen bereits den Ruf, dass auf ihm ein Fluch lag. Wer auch immer dieses Gerücht einst in die Welt gesetzt hatte und aus welchem Grund dies geschah sei dahingestellt, wir werden es wohl nie erfahren.

Allein die Tatsache der nie wirklich nachgewiesenen Geschehnisse hatte das Schicksal jenes Hofes auf immer besiegelt und so manch ein Mensch der hier seine Chance für einen Neuanfang sah, wurde zum Opfer von diesem Gerede und hat dadurch nicht selten sein gesamtes Hab und Gut verloren. Wenn man es so betrachten möchte, kann ein derartiger Werdegang auch einem Fluch gleich kommen, nur das er rein menschlicher Natur ist.

Doch kommen wir auf unseren Fall zurück. Man drehte sich mit all seinen Erkenntnissen im Kreise.

Nur eine Sache gab es, welche die jetzigen Geschehnisse miteinander verband. Es waren die schwarzen Vogelfedern und die Spuren, welche nun einmal Realität waren.

Abgesehen von dem Abendessen, welches noch einmal eine Unterbrechung darstellte, verlief das Gespräch bist tief in die Nacht. Es wurden wieder und wieder die einzelnen Ereignisse und Ergebnisse deren Untersuchungen durchgegangen, aber zu einem Schluss gelangte keiner der Anwesenden.

Das einzige was man hätte bestätigen können war jene Tatsache, dass ein offensichtlicher Geistesgestörter hier sein Unwesen trieb. Welchen Grund er auch immer verfolgte oder welchen Anlass er dazu hatte blieb jedoch unbeantwortet.

Es war Erika, die den Vorschlag unterbreitete, diese Unterredung auf den nächsten Tag zu verlegen da es schon spät war und man bestimmt am heutigen Abend keine Antwort mehr finden würde.

Die anderen nahmen diesen Vorschlag gern an, da alle bereits recht müde waren und auch in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit verfallen waren.

So begab sich jeder eher endtäuscht und schweigend auf sein Zimmer um den folgenden Tag abzuwarten.

 

          Es war ein schöner Morgen und alle wurden durch die Sonnenstrahlen, welche durch die Fenster fielen, geweckt. So begrüßte ein jeder den schönen Morgen und dachte in diesem Augenblick nicht an die Gespräche der letzen Nacht. Erst später, so nach und nach kamen die Erinnerungen wieder und in die Köpfe eines Jeden und begannen aufs Neue ihre Gedankengänge zusammenzufügen.

Jeder unserer Beteiligten wusste im Grunde, dass es nichts gab was wirklich zusammenhängend zu einer Geschichte, einer Herkunft seit all den vielen Jahren wirklich gab. Über einen solch langen Zeitraum können die unterschiedlichsten Geschehnisse auftreten, welche vielleicht die Dinge in einem zusammenhängenden Licht erscheinen, aber in Wirklichkeit verschiedener Ursachen sind. Es geschehen eben die merkwürdigsten Dinge auf dieser Welt und wir werden niemals den Ursprung oder etwaige Gemeinsamkeiten nachweisen können, selbst wenn solche bestehen würden.

Somit betrachtet waren im Grunde alle Bemühungen umsonst und man konnte tun was immer man wollte, es hätte schon mit sehr viel großem Glück einhergehen müssen, wenn durch die Nachforschungen ein Ergebnis herausgekommen wäre. So etwas mag es zwar hier und da geben, aber in diesem Fall schien es nicht so zu sein.

Als nach dem gewohnten Frühstück sich unsere kleine Gruppe zusammensetzte, wusste im Grunde genommen jeder der Beteiligten, dass dieses Unternehmen, selbst bei aller Mühe, ein sinnloses Unterfangen war. Es gab einfach keine Möglichkeit oder keinen Anlass, die geschehenen Tatsachen unter einem Hut zu bekommen. Jede nur erdenkliche Spur verlief stets am Ende im Nirgendwo.

Als sich die kleine Gesellschaft an den Tisch setzte war diese Tatsache auch einem Jeden klar. Jedoch keiner wollte den Anfang machen und diese Wahrheit zuerst ansprechen, doch in allen Augenpaaren am Tisch gab es das Gleiche zu lesen.

Bei der gemeinsamen Unterredung wurden noch einmal alle Fakten zusammengenommen und besprochen. Das Gespräch dauerte etwa zweieinhalb Stunden und das Ergebnis war wahr als nur enttäuschend.

Am Ende kam zu dem Schluss, dass es keinen Sinn machen würde noch weitere Zeit zu investieren. Zwar hatte ein Jeder einige Fakten, welche aber weder zu beweisen waren noch für eine Auslegung eines Tatbestandes ausreichen würden. Was den mystischen Teil der gesamten Angelegenheit betraf, wusste jeder, dass dieser ohnehin niemals zu beweisen war. So km es zu einem Entschluss, der alle ein wenig in Trauer versetzte.

Das Einzige was man behaupten konnte und was ein wenig über die Trauer des Misserfolges ihrer Operation hinweghalf war die Tatsache, dass man sich kennengelernt und eine nicht gerade langweilige Zeit miteinander verlebt hatte. Dies war aber auch der einzige Trost.

Nach dem Gespräch bekundete ein Jeder, was er in Zukunft für sich umsetzen wollte.

Jener Herr Sigfried Gramsberg wollte weiter nach Zusammenhänge suchen, ohne dabei die Existenz der Wirtsleute zu gefährden.

Nikolas und Erika Brauner waren sich einig, dass sie so viel bisher in diesen Hof investiert hatten, was einen Neuanfang unmöglich machen würde. Sie entschlossen sich daher zu bleiben und mit den ungeklärten Mysterien zu leben. Schließlich gab es überall im Leben Gefahren denen man nicht ausweichen konnte, warum sollte man hier also davonlaufen. Die Zukunft würde mit der Zeit bestimmt noch so manche offene Frage klären. Vielleicht würde dabei auch eines Tages herauskommen, was es mit jenem ominösen Dominik Rasim bzw. Alram Ayold auf sich hat oder hatte. In jedem Fall wollte und konnte man nicht aufgeben, sondern sich den Herausforderungen stellen sowie zu lernen damit zu leben.

Was unseren Kommissar Samuel betrifft, so ist dieser auch zu der Einsicht gekommen, dass eine weiterführende Ermittlung keinen Erfolg versprechen würde.

So wusste jeder, dass er an seine Grenzen gestoßen war und es Zeit wurde, die gesamte Angelegenheit niederzulegen.

In diesem Sinne wurde am Ende des Gespräches von allen Anwesenden festgelegt, die gesamte Angelegenheit zu den Akten zu legen, in der Hoffnung, die Zeit würde schon das Notwendige vollbringen. Er, so war zumindest seine Meinung, konnte ohnehin nicht mehr viel ausrichten, wobei sich das Viel auf so gut wie nichts bezog. Er beschloss noch ein paar Tage zu bleiben und die Gegend zu genießen und dann wieder abzureisen.

Damit war in dieser Angelegenheit alles gesagt und beschlossen.

 

26. Kapitel

 

 

Schlusswort

   

           Wie ich bereits am Anfang betont hatte, bin ich kein Romanschreiber, was man auch an dieser Geschichte deutlich feststellen kann.

Es sollte im Grunde auch kein Roman werden. Die Geschichte sollte dazu dienen, die Zusammenhänge von Geschichte, Mythos und Aberglaube einmal klar darzustellen. Es ist doch erstaunlich wie eng diese Einzelheiten miteinander verknüpft sind.

In einer modernen Welt wie die unsere beherrschen, auch wenn wir dazu neigen die zu leugnen, Mythos und Aberglaube noch immer die Realität.

Kommen wir noch einmal ganz kurz auf unsere kleine Geschichte des Hofes mit der einstigen Poststation zurück. Ich würde sehr stark zu der Vermutung neigen, dass sich heute noch immer die dortigen Bewohner jene Geschichten in den dunkelsten Vorstellungen erzählen. Wahrscheinlich ist heute sogar noch alles viel schlimmer als es wirklich jemals war.

Was allerdings aus unseren Beteiligten geworden ist weiß keiner mehr so genau. Heute steht der Hof verlassen und baufällig auf dem Land und keiner will ihn haben, vielleicht weil es dort spuken könnte.

Wenn Sie es nicht glauben, dann begeben Sie sich doch einfach einmal dort hin und schauen sich so richtig um. Sie können auch die Leute des Ortes befragen, der Eine oder Andere wird sich bestimmt noch erinnern und viel zu berichten wissen.

Wo dieser Ort ist wollen Sie wissen? Wenn wir einmal genau und weit genug zurückdenken, werden wir feststellen, dass jeder von uns einen solchen Ort in seinem Leben hat, auch die Geschichten ähneln sich bei genauer Betrachtung fast immer.

Eines sollten wir aber nicht vergessen, an jedem Mythos, jeder Geschichte ist auch immer ein Funken Wahrheit beteiligt.

Es liegt somit an jedem Einzelnen selbst, was er aus seiner Geschichte macht. Eines sollte er jedoch nicht vergessen, obwohl man es nicht für möglich halten mag, seine Geschichte und seine Einstellung dazu bestimmen auch sein Leben, selbst wenn er es nicht merkt.

So sollten wir doch eines aus dieser kleinen Episode gelernt haben, ein Jeder von uns bestimmt den Weg seines Lebens zum größten Teil selbst, auch wenn er sich dessen oftmals nicht einmal bewusst ist.

Die Sache mit dem Schicksal ist nur in den seltensten Fällen von Bedeutung, aber eine gute Ausrede oder ein perfekter Selbstbetrug für und an uns selbst.

Damit ist auch diese kurze Geschichte nur ein Wegweiser und Gedankenanstoß für den Leser. Es war und ist nicht meine Absicht diesen von irgendetwas überzeugen zu wollen, da jeder an das glauben soll, was er für richtig erachtet.

 

 

Georg Goetiaris